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Marcus Tullius Cicero: Vom Staat - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Cicero's Werke, Dritte Abtheilung
authorMarcus Tullius Cicero
editorG. L. F. Tafel, C. N. Osiander, G. Schwab
translatorDr. Georg Heinrich Moser
firstpub1828
year1828
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Staat
pages1019
created20070921
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Buch

Uebersicht des sechsten Buches.

Vom sechsten Buche bietet die Vaticanische Handschrift gar Nichts: aber gerade aus diesem Buche besitzen wir längst das vortreffliche Schlußstück, den Traum des Scipio, dessen Aechtheit, um die Zeit der Entdeckung der Vaticanischen Handschrift, von einem deutschen Gelehrten, H. Kuhnhardt in Seebode's krit. Biblioth. 1820. mit sehr schwachen Gründen angefochten worden ist, während die größten Gelehrten seit Wiederherstellung der Wissenschaften sich seiner als einer herrlichen Reliquie eines schönen und edeln Geistes erfreut haben. Auch über dieses Buch und dessen muthmaßlichen Inhalt hat Hr. Villemain eine schöne Abhandlung geschrieben, die am angeführten Orte übersetzt ist. Das sechste Buch mag die Unterhaltung über das Ideal eines großen Staatsmannes fortgesetzt und vollendet haben, auch scheint darin von seinem Benehmen bei Bürgerzwist und innern Unruhen die Rede gewesen zu seyn. Folgendes ist die Uebersicht des Inhalts der noch übrigen Bruchstücke.

Der Staatsmann. Volksunruhen (C. 1. 2.). Der Traum des Scipio ist eine Nachbildung des Schlusses der Platonischen Republik, wo ein Pamphylier, Namens Er, über das Leben nach dem Tode berichtet (C. 3.). Plato's Erzählung nennt Cicero ein Phantasiespiel (C. 4. 5.): setzt aber durch eine ähnliche Dichtung nach gelungener Vertheidigung der Gerechtigkeit durch einen religiösen Blick nach jenseits in dem Traume des Scipio seinem Werke die Krone auf (C. 6.). Einwendungen der Epikureer gegen Plato's Fiction, die mittelbar auch die des Cicero trifft. (C. 7.). Die Tugend findet ihren Lohn theils in sich, theils jenseits. Uebergang auf den Traum (C. 8.). Scipio's Besuch bei Masinissa in Afrika (C. 9.). Dort erscheint ihm des Nachts im Traume der ältere Scipio Africanus (C. 10.); zeigt ihm Karthago, verkündet ihm seine künftigen Thaten, und die Gracchischen Unruhen (C. 11.); zuletzt den ihm von den Händen seiner Verwandten drohenden Tod (C. 12.); deutet ihm aber zur Ermuthigung höhern Lohn an (C. 13.); belehrt ihn, was wahrhaft Leben sey, und wo (C. 14.), ermahnt ihn aber, nicht über der Sehnsucht nach jenseits das Erdenleben wegzuwerfen, oder darin seine Pflicht zu vernachlässigen (C. 15.); zeigt ihm den Sitz der Seligen (C. 16.); belehrt ihn über die Einrichtung des Weltgebäudes und des Planetensystems (C. 17.); über die Harmonie der Sphären (C. 18.); läßt ihn die Kleinheit der Erde und die Beschränktheit des Erdenruhms betrachten (C. 19.); zeigt ihm den kleinen Erdstreif, auf dem die Menschen sich breit machen (C. 20.); deutet auf die Kürze des Erdenruhms wegen öfterer Erdrevolutionen (C. 21.); und daß sich der Ruhm auf keinen Fall rückwärts, und auch vorwärts nicht einmal auf ein (Welt-) Jahr erstrecke (C. 22.); heißt ihn über den Erdenruhm hinaus auf den wahren Ruhm blicken (C. 23.); belehrt ihn von der Unsterblichkeit der Seele (C. 24.), die er aus der Natur derselben darthut (C. 25.); und endlich, wie er hier leben müsse, um dort eine erwünschte Stelle zu gewinnen (C. 26.).

Sechstes Buch.

1. Vorsicht [ prudentia] also, verlangst du, soll eine Haupttugend dieses Staatslenkers seyn, die eben diesen Namen vom Vorsehen [ex providendo] erhalten hat. Nonius.]

[– darum rüste sich ein solcher Bürger so, daß er stets gegen Dasjenige, was das Bestehen des Staates erschüttern will, gewaffnet sey. Nonius.] Die nächste Stelle enthält eine unübersetzliche Etymologie und bleibt darum weg.

[Bei einem Bürgerzwiste, wann die Tüchtigen mehr vermögen, als die Masse, muß man meines Erachtens die Bürger nach ihrem innern Gehalte beurtheilen, nicht zählen. Ebd.]

[– denn die Lüste, diese lästigen Beherrscherinnen der Gedanken, überschreiten in ihrer Gewaltthätigkeit und Herrschsucht alle Schranken; und weil sie nie genug bekommen, und sich auf keine Weise sättigen lassen, so treiben sie Diejenigen, die sie mit ihren Lockungen entflammt haben, zu jeder frechen That. Ebd.]

2. [– und Dieß war um so auffallender, weil, da beide Collegen einerlei Sache hatten, sie doch nicht gleich verhaßt waren, sondern sogar die Gunst, in der Gracchus stand, den Haß [der Bürger] von seinem Collegen Claudius abwendete. Ebd. Die Rede ist von den beiden strengen Censoren, Claudius und Gracchus (dem Vater der beiden Unruhstifter), von denen der Erste (Claudius) nach Niederlegung seines Censoramtes von den Centurien zur Verbannung verurtheilt wurde, worauf der Andere (Gracchus) erklärte, dann werde er die Verbannung mit seinem Collegen theilen. Diese treue Anhänglichkeit an Jenen bewirkte, daß das Volk sein Verdammungsurtheil zurücknahm. A. M. – Die drei nächsten Bruchstücke geben keinen vollständigen Gedanken, und bleiben also weg.]

[– denn unsere Vorfahren hielten sehr darauf, daß die Ehen recht fest und dauernd geknüpft seyen. Nonius.]

[– es gibt eine Rede des Lälius, die wir Alle in den Händen haben, [worin er sagt,] wie wohlgefällig den unsterblichen Göttern die [einfachen] Opfergeschirre der Hauptpriester, und, wie er dort schreibt, die Samischen Henkelbecherchen seyen. Ebd.]

3. [Indem Cicero, den Plato zum Muster nehmend, sein Werk vom Staate schrieb, hat er auch die Erzählung nachgebildet, die Plato von einem Pamphylier, Namens Er, macht, Die Stelle ist in Plato's Rep. X, S. 614. ff. der, nachdem er schon gestorben und auf dem Scheiterhaufen gelegen war, wieder auflebte, und viele bisher ganz unbekannte Dinge aus der Unterwelt erzählte; er hat aber nicht, wie Plato, eine mährchenhafte Erdichtung angewendet, sondern einen geistreich ausgedachten und vernünftiger Weise wohl denkbaren Traum ersonnen, und damit auf eine feine Art angedeutet, daß, was von der Unsterblichkeit der Seele und vom Himmel gesagt werde, nicht bloß Einfälle träumender Philosophen seyen, noch Mährchen, die keinen Glauben verdienen, und worüber sich die Epicureer lustig machen, sondern Vermuthungsschlüsse einsichtsvoller Männer. Er nimmt an, daß (der ältere) Scipio, der durch Ueberwindung der Karthager den Beinamen Africanus auf seine Familie gebracht, diesem (dem jüngern) Scipio dem Sohne des Paullus, die ihm von seinen Verwandten drohenden Nachstellungen und das vom Schicksal über ihn verhängte Lebensziel prophezeie, das nach einer untrüglichen und nothwendigen Berechnung in einen Zeitraum falle, wo er noch kein hohes Alter erreicht habe: und stellt den Satz auf, er werde in seinem sechs und fünfzigsten Lebensjahre, wo zwei [verhängnißvolle] Zahlen zusammentreffen, seine Seele, die dann ihre Bahn durchlaufen habe, dem Himmel zurückgeben, von dem er sie empfangen habe. – Favonius Eulogius Comm. ad Somn. Scip. p. 438. Graev..]

4. [Einige von uns [Christen], die wegen der trefflichen Sprache, und wegen mancher wahren Gedanken den Plato lieben, behaupten, er habe eine der unsrigen ähnliche Ansicht von der Auferstehung der Todten gehabt. Diesen Punkt berührt Tullius in seinem Werke vom Staate, so, daß er erklärt, er habe nicht sowohl etwas Wahres aufstellen, als ein Gedankenspiel geben wollen. Denn er nimmt an, es sey ein Verstorbener wieder zum Leben gekommen, und habe gewisse Dinge erzählt, wie sie eben mit Plato's Ansichten übereinstimmten. Augustin. de Civ. Dei XXII, 28.]

5. [In diesem Punkte hat besonders die Nachahmung [des Cicero] die Aehnlichkeit mit ihrem Original beobachtet, daß, da Plato am Schlusse seines Werkes einen Menschen, der schon gestorben schien, und wieder aufgelebt war, von dem Zustande der Seelen nach ihrer Trennung vom Leibe erzählen läßt, mit Beifügung einer nicht müßigen Beschreibung der Sphären oder Gestirne, von dem Scipio, den Tullius auftreten läßt, etwas ganz Aehnliches, was ihm als Traumgesicht vorgekommen sey, erzählt wird. – Macrobius in Somn. Scip.. I, 1]

6. [Es findet sich, daß Tullius diese Ordnung mit eben so viel Feinheit des Urtheils, als Geist beibehalten hat. Nachdem er in seinem Werke vom Staate für Friedens- und für Kriegszeiten [oder: für Privatleben und öffentliches Leben] den Beweis geführt hat, daß Gerechtigkeit im Staate obenan stehen müsse; hat er die heiligen Wohnsitze der unsterblichen Geister, und die Geheimnisse der überirdischen Räume an den Endpunkt und Gipfel des vollendeten Werkes gesetzt, So wie Plato's Erzählung von dem wieder aufgelebten Er gleichsam den Inbegriff seiner Ansichten vom Staate enthält, so der Traum des Scipio die des Cicero. und damit angedeutet, wohin Diejenigen gelangen oder vielmehr zurückkehren müssen, welche den Staat mit Besonnenheit, Gerechtigkeit, Muth und Mäßigung geleitet haben. Aber jener Erzähler der Geheimnisse war bei Plato ein gewisser Er aus Pamphylien, ein Soldat, der an den in einer Schlacht erhaltenen Wunden gestorben zu seyn schien, und erst am zwölften Tage nachher, als nebst den andern Gefallenen ihm die letzte Ehre durch Verbrennung auf dem Scheiterhaufen angethan werden sollte, auf einmal sein Leben wieder bekam, oder wieder zu sich selbst kam, und, was er in den zwischen seinem ersten und zweiten Leben verflossenen Tagen gethan oder gesehen hatte, gleichsam ein öffentliches Zeugniß ablegend, den Menschen bekannt machte. Ob nun gleich Cicero bedauert, daß diese Dichtung von Unkundigen (als ob er wüßte, wie sich die Sache wirklich verhalte) verspottet worden sey, wich er dennoch dem abgeschmackten Tadel, der nun eben einmal wirklich vorgekommen war, dadurch aus, daß er Den, der [jene Geheimnisse] erzählen sollte,. anstatt vom Tode, nur vom Schlafe, aufwachen ließ Ueber die Ansichten der Alten von dem Zustande der Seele nach dem Tode, von Thales bis auf Seneca, hat man eine treffliche gekrönte Preisschrift von Wyttenbach, die im Jahr 1784 nebst noch zweien in holländischer Sprache in Harlem erschienen ist, und auch im zweiten Bande der Ausgabe seiner kleinern Werke steht. Macrob.]

7. [Bevor wir nun die Worte des Traumes selbst vernehmen, müssen wir erst auseinander setzen, von welcher Art von Menschen Tullius angibt, daß Plato's Dichtung verspottet worden sey, oder er nicht fürchte, es möchte ihm Dasselbe widerfahren. Denn er will damit nicht auf den unwissenden Pöbel deuten, sondern auf eine Menschengattung, die die Wahrheit nicht erkenne, während sie sich mit Einsicht brüste, von denen bekannt sey, daß sie dergleichen gelesen, aber eine besondere Neigung zum Tadeln an sich haben. Wir wollen also angeben, Wer, nach ihm, einen so leichtsinnigen Tadel gegen einen so großen Philosophen ausgesprochen, und Wer von Jenen seine Beschuldigung sogar schriftlich hinterlassen hat u. s. w. Die ganze Partei des Epicurus, die sich immer auf gleichem Abwege irrend von der Wahrheit entfernt hält, und sich über Das mit Spott auslassen zu müssen glaubt, was sie nicht versteht, hat die heilige Schrift und die erhabensten und ernstesten [Geheimnisse oder Aussprüche] der Natur verspottet. Kolotes aber, der unter den Schülern des Epikurus besonders berüchtigt, und durch Geschwätzigkeit ausgezeichnet war, hat Das, was Jener hierüber mit ziemlicher Bitterkeit tadelnd ausgesprochen, sogar in einem Buche niedergelegt. Das Uebrige jedoch, was er mit Unrecht getadelt hat, da es auf den Traum, von dem unsere Betrachtung ausgeht, keinen Bezug hat, müssen wir hier übergehen: aber jener Wahrheitsverdrehung wollen wir zu Leibe gehen, die in ihrer Nichtigkeit dargestellt werden muß, weil sie sonst den Cicero wie den Plato trifft. Er sagt, ein Philosoph hätte keine Dichtung aus seinem Kopfe herausspinnen sollen, weil keine Art von Hirngespinst Denen gezieme, die sich für Wahrheitsforscher ausgeben. Denn warum, sagt er, wenn du uns belehren wolltest, wie die überirdischen Dinge beschaffen seyen, und was es mit den Seelen für eine Bewandtniß habe, ist Dieß nicht durch einen einfachen und unumwundenen, unser Gemüth ansprechenden Vortrag geschehen; warum hat im Gegentheil eine künstlich ersonnene Person [gleichsam Maske] und ein wunderlich ausgedachter, unerhörter Zufall, und ein aus der Luft gegriffener Schauplatz für die zu Hülfe genommene Erdichtung, selbst die Pforte zur Möglichkeit der Auffindung der Wahrheit, durch eine Lüge verunreinigt? Weil nun diese Vorwürfe, die eigentlich auf den Platonischen Er abgeschleudert werden, auch die Ruhe unseres träumenden Africanus in den Kreis ihrer Anschuldigung ziehen, so wollen wir seinem Andringen uns entgegenstellen, und seine nichtigen Gegenreden aus dem Felde schlagen. Macrobius a. a. O. I, 2.]

8. [Diese Veranlassung gab gerade dem Scipio die Aufforderung, seinen Traum zu erzählen, den er nach seiner eigenen Ansage lange Zeit verschwieg. Denn da sich Lälius darüber beschwerend herausließ, daß man dem Nasika zur Belohnung für die Ermordung des Tyrannen keine Ehrenbildsäulen im Namen des Staates errichtet habe, Cicero an den Atticus (VI, 1.) tadelt den Irrthum des Metellus, der die Statue des Africanus für die des Nasica gehalten hatte, weil Beide Scipio heißen. Vom Nasica mag aber in diesem Buche die Rede seyn, weil er den Tiberius Gracchus getadelt hat, von dem nach dem Augustinus ( de Civ. Dei II, 21.) eben in dieser Gegend unseres Werkes gesprochen wurde. erwiederte nach einigen andern Aeußerungen Scipio darauf Folgendes. »Indessen, wiewohl der Weise in dem Bewußtseyn edler Thaten selbst schon seinen herrlichsten Lohn findet, Platonische Aeußerung: Rep. X, S. 608. so verlangt doch jene erhabenere Tugend nicht Bildsäulen, die mit eingegossenem Blei auf ihren Gestellen befestigt sind, Das hat Cato gesagt. noch Triumphe, deren Lorbeerkränze verwelken, sondern dauerndere und frischer bleibende Belohnungen. Und welches sind denn diese? fiel Lälius ein. So laßt mich denn, erwiederte Scipio, weil wir bereits am dritten Tage unserer Ferien sind,« – u.  s. w.: worauf er dann zur Erzählung des Traumes übergeht, und zeigt, daß jene Arten von Belohnungen dauernder und frischer bleibend seyen, die er im Himmel den guten Lenkern der Staaten vorbehalten gesehen habe. Macrobius a. a. O. I, 4.]

Scipio's Traum.

9. Als ich mit dem Consul Manius Manilius als dessen Kriegstribun bei der vierten Legion, wie ihr wißt, nach Afrika gekommen war, lag mir nichts dringender am Herzen, als den König Masinissa zu sprechen, der aus sehr begründeten Ursachen ein sehr warmer Freund unserer Familie war. Masinissa war nämlich von dem ältern Scipio wieder in sein Reich eingesetzt worden, und hatte noch einen Theil von dem Reiche des Syphax dazu erhalten. S. Appian. Pun. 32. Valer. Max. V. 2. ext. 4. Als ich zu ihm kam, umarmte mich der Greis unter Freudenthränen, blickte dann zum Himmel auf und sagte: Nehmt meinen Dank, du über Alles erhabene Sonne, und ihr übrigen Himmelsmächte, daß ich, ehe ich aus diesem Leben scheide, hier in meinem Königreiche und unter diesem meinem Dache den P. Cornelius Scipio sehe, dessen Name sogar mich wieder neu belebt; so unauslöschlich ist in meinem Gemüthe das Andenken an jenen trefflichen Mann und unbesiegbaren Helden eingegraben. Darauf fragte ich ihn nach dem Zustande seines Königreiches, er mich nach dem unseres Staates: und im gegenseitigen ausführlichen Austausche unserer Gedanken und Empfindungen verfloß uns jener Tag.

10. Darauf folgte ein mit königlicher Pracht zubereitetes Gastmahl, wobei wir unser Gespräch bis in die tiefe Nacht fortsetzten, und der königliche Greis von Nichts als dem Africanus sprach, und sich nicht nur aller Thaten, sondern auch aller Worte desselben erinnerte. Als wir uns getrennt hatten, um schlafen zu gehen, fühlte ich mich theils von der Reise, theils von dem langen Aufbleiben erschöpft, und fiel in einen ungewöhnlich tiefen Schlaf. Da erschien mir (ich glaube, es war eine Folge unserer Unterhaltung; denn gewöhnlich verursachen unsere Gedanken und Gespräche im Schlafe dann die Wirkung, die Ennius an sich erfuhr, indem ihm Homer vorkam, S. die Annalen des Ennius I, 5. über den er nämlich häufig im Wachen nachdachte und redete) [es kam mir, sage ich,] Africanus [vor], und zwar in der Gestalt, die mir mehr aus seinem Bilde, als aus meiner Erinnerung an seine Person, bekannt war. Einigen Nachrichten zu Folge wurde der jüngere Africanus in demselben Jahre geboren (im J.  R. 569.), in welchem der ältere starb. Als ich ihn erkannte, schauerte ich zusammen. Da sagte er: Nur Muth gefaßt, mein Scipio, laß alle Furcht fahren, und behalte fest im Gedächtniß, was ich dir sagen werde.

11. Siehst du da drunten jene Stadt, die ich gezwungen habe, dem Römischen Volke zu gehorchen, und die jetzt die frühern Kämpfe erneut, und nicht ruhig bleiben kann? (bei diesen Worten zeigte er mir Karthago von einem erhabenen, sternenvollen, glanzbestrahlten und hellen Standpunkte aus:) die zu bekämpfen du jetzt kommst, da du eben den ersten Grad der Befehlshaberstellen bekleidest. Nämlich als Kriegstribun. Diese Stadt wirst du nach zwei Jahren als Consul zerstören, und du wirst den Beinamen, den du jetzt noch blos erblich von mir hast, dir durch eigene Verdienste erworben haben. Wenn du dann aber Karthago zerstört, einen Triumph gehalten, und das Censoramt verwaltet hast, sodann als Legat nach Aegypten, Syrien, Asien, Griechenland wirst gekommen seyn, dann wirst du abwesend zum zweitenmale zum Consul erwählt werden, einen höchst wichtigen Krieg beendigen und Numantia zerstören. Dann aber, wenn du in dem [Triumph-] Wagen auf das Capitolium gefahren bist, wirst du den Staat durch die Umtriebe meines Enkels in Verwirrung antreffen. Dieser Enkel ist Tiberius Gracchus, der Sohn der Cornelia (Tochter des Scipio Africanus maj.), der durch das Ackergesetz große Unruhen veranlaßte.

12. Da wird es Noth thun, Africanus, daß du dem Vaterlande das Leuchten deines Gemüthes, deines Geistes und deiner Einsicht zeigest. Aber gerade für jene Zeit sehe ich gleichsam einen gedoppelten Weg des Schicksalsganges. Denn wenn dein Lebensalter achtmal sieben wiederkehrende Sonnenumläufe wird vollendet, und diese zwei Zahlen, Eigentlich diese beiden mit einander multiplicirten Zahlen. – Die Siebenzahl nennt er (nach Plato im Timäus S. 39.) voll, weil viermal sieben Tage die volle Umlaufszeit des Mondes machen; die Zahl acht, weil die acht Himmelskreise, wenn nach langem Umlauf alle Sterne wieder an derselben Stelle stehen, ein volles Weltjahr vollendet haben. deren jede, aber aus verschiedenen Gründen, für voll gilt, dem natürlichen Umlaufe gemäß die dir verhängte Summe [von Lebensjahren] werden vollzählig gemacht haben; dann wird auf dich und deinen Namen der Blick des gesammten Vaterlandes gerichtet seyn; auf dich wird der Senat, auf dich alle Vaterlandsfreunde, auf dich die Bundesgenossen, auf dich die Latiner schauen; du wirst der Einzige seyn, auf dem des Staates Rettung beruht: kurz: du wirst als Dictator das Vaterland [und seine Verfassung] wieder herstellen müssen, wenn du den frevelhaften Händen deiner Verwandten entrinnst. Man schreibt den zur Vollziehung des Ackergesetzes aufgestellten Triumvirn C. Gracchus, Papirius Carbo und Fulvius Flaccus die Schuld an Scipio's Ermordung zu. Da that Lälius einen lauten Schreckensruf, alle Uebrigen seufzten tief auf; aber Scipio lächelte sanft und sagte. Ich bitte euch, weckt mich nicht aus meinem Schlafe: merkt auf, und vernehmet das Uebrige.

13. Aber damit du, Africanus, desto zuversichtlicher das Vaterland zu schützen unternehmest, so wisse: Alle, die das Vaterland erhalten, geschützt, vergrößert haben, finden im Himmel einen bestimmten ihnen angewiesenen Platz, wo sie in Seligkeit ein endloses Leben genießen sollen. Denn Nichts ist jenem höchsten Gott, der diese ganze Welt regiert, unter Allem, was auf Erden geschieht, wohlgefälliger, als Vereine und Verbindungen von Menschen, die Gleichheit der Rechte gesellt hat, und welche Staaten genannt werden; dieser Vereine Lenker und Erhalter kehren, nach ihrem Scheiden von dort, hierher zurück.

14. Da fragte ich, wiewohl ich, zwar nicht aus Furcht vor dem Tode, aber doch vor den Nachstellungen der Meinigen, einen Schauder gefühlt hatte, [ihn] dennoch, ob denn er und mein Vater Paullus, und Andere, die wir für gestorben annehmen, noch leben. Allerdings, erwiederte er, leben Diejenigen, die den Banden des Körpers, gleichsam wie einem Gefängnisse, entronnen sind: Aehnliche Aeußerungen s. bei Cicero vom Alter 21. ff. was aber bei euch Leben heißt, das ist [eigentlich] der Tod. Ganz derselbe Gedanke steht Tusc. I, 31. Blicke nur auf, und sieh, wie dein Vater Paullus eben gegen dir herkommt. Als ich ihn erblickte, vergoß ich einen Strom von Thränen. Jener aber hemmte meinen Thränenerguß durch Kuß und Umarmung.

15. Sobald ich mein Weinen unterdrückt hatte, und wieder reden konnte, sprach ich: Verehrtester und bester Vater: weil denn Dieß hier das Leben ist, wie ich eben den Africanus sagen höre, was soll ich denn auf Erden weilen, warum nicht eilen, hierher zu euch zu kommen? Nicht so, erwiederte Jener. Denn wenn dich nicht der Gott, dessen Tempel dieses All ist, das du vor dir siehst, aus jener Gefangenschaft im Körper erst befreit hat, so kann dir der Zugang hierher nicht offen stehen. Denn Das ist die Bestimmung, mit der die Menschen zur Welt geboren sind, daß sie auf jener Kugel wirken und walten sollen, die du hier mitten in diesem Gesichtskreise erblickst, und welche Erde genannt wird: und es ist ihnen ein Lebenshauch mitgegeben worden aus jenen ewig flammenden Lichtern, die ihr Gestirne und Sterne nennt; welche rund und kugelgestaltig, von göttlichen Seelen belebt, ihre Bahnen und Kreisläufe mit wunderbarer Geschwindigkeit vollenden. Darum mußt du, mein Publius, und jeder Fromme, den Geist in der Umschränkung des Körpers lassen, und nicht ohne Geheiß Desjenigen, von welchem jener euch gegeben ist, aus dem Leben unter den Menschen scheiden, damit euch nicht der Vorwurf treffe, ihr seyet eurer Pflicht als Menschen, die euch von Gott angewiesen ist, entlaufen. Aber so, mein Scipio, wie dein Großvater hier, und wie ich, dein Vater, mußt du Gerechtigkeit üben und fromme Liebe: Tugenden, zu denen wir zwar gegen Eltern und Verwandte in hohem Grade verpflichtet sind, im höchsten Grade aber gegen das Vaterland. Das ist der Weg zum Himmel und zu dieser Versammlung Derjenigen, die ihr [Erden-]Leben bereits vollendet haben, und vom Körper entfesselt jenen Raum bewohnen, den du vor dir siehst.

16. (Es war Dieß ein Kreis, der in ganz hellweißem Glanze zwischen den [Sternen] Lichtern hervorschimmerte; den ihr mit einem den Griechen nachgebildeten Namen Milchstraße nennt: ein Raum, von dem aus betrachtet mir alles Uebrige herrlich und wunderbar erschien. Oder: »von dem aus ich das ganze übrige herrliche und bewundernswürdige Weltgebäude überschauen konnte. Es waren aber solche Sterne, die wir niemals von hier aus erblickten, und alle von einer Größe, die wir nie ahneten: und von diesen war der kleinste der, welcher, der äußerste im Himmelsraume, und der nächste an der Erde, von fremdem Lichte leuchtete. Die Kugelmassen der Sterne aber waren von einem Umfange, welcher den der Erde bei weitem übertraf. Die Erde selbst dagegen schien mir so klein, daß mir unser Reich, das gleichsam nur einen Punkt auf ihr einnimmt, nicht mehr der Rede werth schien.

17. Als ich nach dieser noch genauer hinsah, sagte Africanus zu mir: wie lange wird doch deine Seele an diesen Erdenklos gefesselt bleiben? Siehst du noch nicht, in welche heilige Räume du gekommen bist? Da hast du vor dir neun Kreise oder vielmehr [einander umschließende] Kugeln, in denen das ganze Weltall zusammen verknüpft ist. Der erste von diesen ist der Himmelskreis [das Firmament], der äußerste, der die übrigen alle umfängt, Zu vergleichen ist mit dieser Auseinandersetzung Cicero von der Weissagung II, 43. Die hier stehende Zeichnung versinnlicht Cicero's Ansicht von dem Weltgebäude. er selbst der höchste Gott, der alle andern umschließt und zusammenhält [umfaßt, in sich faßt]; an ihm sind jene sich wälzenden ewigen Umläufe der Sterne befestigt. Tiefer als er stehen die sieben Kreise, welche sich rückwärts in einer dem Umschwunge des Himmels entgegengesetzten Richtung bewegen. Einen dieser Kugelkreise nimmt der Stern ein, den Die auf der Erde Saturnus nennen; auf ihn folgt der dem Menschengeschlechte Glück und Heil bringende leuchtende Ball, welcher Juppiters Stern heißt; dann der glutrothe und der Erde furchtbare, den ihr den Marsstern nennet. Unmittelbar unter ihm ungefähr den mittelsten Kreis nimmt der Sonnenball ein, das Oberhaupt, der Vorsteher und Ordner der übrigen Lichter, die Seele der Welt und ihr Maßgeber, eine Masse von solcher Größe, daß sie Alles mit ihrem Lichte beleuchtet und erfüllt. An sie schließen sich, wie ihr Gefolge, zwei Kreise an, die Bahn der Venus, und die des Merkurius; und im untersten Kreise dreht sich der von den Strahlen der Sonne beleuchtete Mond. Was aber unter diesem ist, ist Alles sterblich und vergänglich, außer den Seelen, die dem Menschengeschlechte durch der Götter Gabe verliehen sind; über dem Monde ist Alles ewig; denn der [Ball], welcher der mittelste ist und der neunte, der Erdball, ist unbeweglich und der unterste, Vergl. damit Cicero von der Natur der Götter II, 33 u. 45, und eine merkwürdige Stelle Acad. II, 39. wo nach einem Griechischen Astronomen (Nicetas von Syrakus) eine dem Kopernikanischen System sich nähernde Hypothese ausgesprochen wird. und ihm zu streben alle Massen mit ihrer Schwerkraft.

18. Als ich Dieß staunend anschaute, und mich endlich wieder gesammelt hatte, sprach ich: was ist das für ein gewaltiger und zugleich so entzückender Ton, der mein Ohr erfüllt? Das ist [der Ton], erwiederte Jener, der in ungleichen Zwischenräumen, die jedoch in regelmäßigen Verhältnissen genau berechnet von einander abstehen, zusammenhängend, durch den Schwung und die Bewegung der Kreise selbst bewirkt wird, und, das Hohe mit dem Tiefen ausgleichend, in gleichförmigem Gange abwechselnde Harmonieen hervorbringt. Dieß ist die vielbesprochene sogenannte Harmonie der Sphären. Denn nicht tonlos kann der Schwung so gewaltiger Bewegungen seyn, und es liegt in dem Gesetze der Natur, daß der äußerste Kreis auf der einen Seite tief, auf der andern aber hoch tönt. Aus diesem Grunde schwingt sich jener oberste die Sterne tragende Himmelskreis, dessen Umdrehung rascher ist, mit hochtönendem durchdringend scharfem Klange; mit dem tiefsten aber, dieser Mondkreis, der unterste [von allen]. Denn die Erde, der neunte [Ball], rührt sich nicht, bleibt immer am äußersten [untersten] Ruhepunkte, und nimmt die Mitte der Welt ein. Jene acht Bahnen aber, von denen zwei, die des Mercurius und der Venus, gleichen Ton haben, bilden sieben nach Zwischenräumen sich unterscheidende Töne: Die Stelle ist kritisch streitig, Wir halten uns an die wahrscheinlichste Lesart. und diese Zahl ist fast der Knoten aller Dinge. Dieß haben denn kenntnißreiche Männer auf Saiten und im Gesange nachgebildet, und sich dadurch die Rückkehr an diesen Ort gebahnt, so wie Andere, welche mit ausgezeichneten Talenten während ihres Lebens als Menschen sich göttlichen Studien gewidmet haben. Von diesem Tone sind die Ohren der Menschen [immer] angefüllt und [darum für ihn] taub geworden: überhaupt ist kein Sinn stumpfer an euch, als dieser: so wie da, wo der Nil in der Gegend, die Katadupa heißt, von himmelhohen Gebirgen sich herabstürzt, das Volk, das in der Nähe [dieses Sturzes] wohnt, wegen des ungeheuren Getöses, des Gehörsinnes beraubt ist. Vgl. Seneca Nat. Quaest. IV, 2. Ammian. Marcell. XXII, 34. 36. Plin. N. G. V, 9. Aber dieser durch die gewaltigste Schwungbewegung der ganzen Welt erregte Ton ist so stark, daß ihn die Ohren der Menschen gar nicht fassen können, so wie ihr der Sonnenscheibe nicht gerade entgegensehen könnt, und euer Blick und eure Sehkraft durch ihre Strahlen überwältigt wird. Während ich Dieß mit Verwunderung vernahm, wendete ich doch meine Blicke von Zeit zu Zeit wieder auf die Erde.

19. Da sagte Africanus: ich merke wohl, daß du immer noch den Wohnsitz und die Heimath der Menschen betrachtest. Erscheint dir diese so klein, wie sie wirklich ist, so halte deinen Blick nur immer hierher, auf das Himmlische, gerichtet; und verachte jenes Menschliche [Irdische]. Denn welche Verherrlichung deines Namens kann dir das Gerede der Menschen, oder welchen wünschenswerthen Ruhm kann es dir verschaffen? Du siehst, wie wenig zahlreich und wie schmal die bewohnten Räume auf der Erde sind, Man hielt nämlich die heiße und die kalten Zonen für unbewohnbar, und nur die beiden gemäßigten für wirklich bewohnt. Vgl. auch die Vorrede zu Seneca's Nat. Qu. und wie selbst zwischen den bewohnten Erdflecken große öde Strecken liegen, und daß die Bewohner der Erde selbst nicht nur so von einander getrennt sind, daß die Einen von den Andern gar keine Nachricht bekommen können, sondern daß sie im Verhältniß zu euch theils schräg, theils queer, theils mit den Füßen euch entgegengekehrt auf ihrem Boden stehen, bei Denen berühmt zu werden ihr doch wahrhaftig nicht erwarten könnt. Man glaubte nämlich, es könne zwischen der nördlich gemässigten und der südlich gemässigten Zone keine Verbindung und Mittheilung statt finden.

20. Du siehst aber, wie die Erde zugleich auch mit gewissen Gürteln umwunden und umgeben ist, und bemerkst, daß die beiden am weitesten von einander getrennten, die von beiden Seiten an die Scheitelpunkte des Himmels sich anstemmen, von Frost erstarrt sind, Hierüber sprechen die Erklärer zu Horat. Od. I, 22. 17–24. und zu Virgils Landbau I, 233. ff. und hier besonders J. H. Voß. Man hielt die Erde nur in einer Breite von 30 Graden, nämlich vom 24 bis 54 Grade, für bewohnbar. daß aber der mittelste und größte Erdgürtel von der Sonnenglut ausgedörrt wird; und daß nur zwei bewohnbar sind; von denen jener südliche, dessen Bewohner ihre Fußsohlen den eurigen entgegenkehren, mit eurem Menschenstamme in gar keiner Berührung steht; die andere jener entgegengesetzten Zone aber, auf der nördlichen Erdhälfte, die ihr bewohnt, – da sieh nur, welch ein schmaler Theil mit euch in Verbindung steht. Denn der ganze Erdstreif, der von euch bewohnt ist, der an den Scheitelpunkten Nach Norden und Süden zu. schmal, an den Seiten hinaus Nach Osten und Westen. ausgedehnter erscheint, ist im Grunde ein kleines Eiland, von dem Meere umflossen, das ihr auf der Erde das Atlantische, das große Weltmeer, den Ocean nennt, das aber, wie du siehst, für seinen so hochtönenden Namen klein genug ist. Und hat selbst von diesen angebauten und bekannten Ländern dein Name oder der Name irgend Eines der Unsrigen auch nur über den Caucasus, den du da liegen siehst, hinübersteigen, oder über den Ganges dort schwimmen können? Und Wer wird gar vollends in den übrigen Theilen der äußersten Ostwelt und Westwelt, oder im entferntesten Norden oder Süden deinen Namen vernehmen? Und ist das Alles [für euch] weggeschnitten, dann begreifst du doch wahrlich, in welch engem Raume euer Ruhm sich breit machen will. Aber selbst Die, die von euch sprechen, wie lange werden sie wohl von euch sprechen?

21. Ja sogar, wenn jener Nachwuchs künftiger Geschlechter wirklich in aufeinander folgender Reihe den Preis eines Jeden von uns mit der von den Vätern ererbten Kunde auf die Nachwelt fortpflanzen wollte; so könnten wir doch wegen der Ueberschwemmungen und Verheerungen der Erde durch Feuer, Andeutungen hierüber s. bei Cic. von der Natur der Götter II, 46. Seneca in der Trostschrift an Marcia 26. Ovid. Metam. I, 256. ff, besonders auch Polybius VI, 5. 5. Abgehandelt ist der Gegenstand in einer eigenen Exercitat. de Stoica mundi exustione von Jac. Thomasius (Lps. 1682. 4.), von J. Lipsius in seiner Physiol. Stoic. II. Genügen kann, was Tiedemann im System der stoischen Philosophie sagt (II. S. 102–108.). die immer nach bestimmten Zeitumläufen wiederkehren müssen, nicht nur keinen ewigen, sondern nicht einmal einen lange dauernden Ruhm gewinnen. Was gewinnst du aber damit, daß bei Denen, die später werden geboren werden, die Rede von dir seyn wird, da alle Diejenigen Nichts von dir sprachen, die vor dir gelebt haben? (Und das waren wahrlich nicht wenigere, und auf jeden Fall tüchtigere Leute:) besonders da selbst bei Denen, von welchen unser Name gehört werden kann, Keiner es dahin bringen kann, daß auch nur ein Jahr lang sein Andenken sich erhält.

22. Freilich rechnen die Menschen im gewöhnlichen Leben schon den Umlauf der Sonne, das heißt, eines einzigen Gestirnes, bis zu ihrem Wiedereintreffen an derselben Stelle, für ein Jahr; allein erst, wenn alle Sterne wieder an demselben Punkte stehen, an dem sie [zu einer gewissen Zeit] gestanden sind, und nach Verlauf einer langen Zeitfrist am ganzen Himmel dieselbe Stellung der Gestirne gegen einander wieder statt findet, dann kann man dieß erst mit Wahrheit einen Jahresumlauf nennen, der aber so viele Jahrhunderte der Menschen umfaßt, daß ich es kaum auszusprechen wage. Nach Macrobius ( in Somn. Scip. II, 11.) hat ein solches großes Weltjahr 15000 unserer Jahre. Vgl. Cic. von der Natur der Götter II, 20. 51. Denn wie z. B. in der Vorzeit einmal die Sonne ganz zu erbleichen und zu erlöschen schien, um die Zeit, als gerade des Romulus Seele zu diesen Räumen hier sich aufschwang; so wird dann, wenn einmal auf derselben Stelle und um dieselbe [Jahres- und Tages-] Zeit die Sonne wieder verfinstert wird, und zugleich alle himmlischen Zeichen und alle Sterne wieder an demselben Punkte wie damals stehen, [von welchem aus sie sich dann weiter in Bewegung setzten und umschwangen,] ein [eigentliches] volles Jahr zu rechnen seyn: aber wisse, daß von diesem Jahre [seit des Romulus Tode] noch nicht der zwanzigste Theil verlaufen ist.

23. Darum, gesetzt du gäbest die Hoffnung auf, hierher einmal zurückzukehren, wohin alles Streben großer und ausgezeichneter Männer gerichtet ist; wie hoch ist denn der Ruhm bei den Menschen anzuschlagen, der sich kaum über einen ganz unbedeutenden Theil eines Jahres erstrecken kann? Willst du also deinen Blick nach oben erheben, und diese Wohnungen und diese ewige Heimath vor Augen behalten; so laß dir nicht an dem Gerede des Volkes Alles gelegen seyn, setze nicht alle deine Hoffnung auf den Lohn, den dir Menschen gewähren können: laß dich die Tugend durch ihren eigenthümlichen Reiz zu Dem hinan heben, was wahrhaft Ehre bringt: was Andere von dir reden mögen, das laß du dahin gestellt seyn. Reden werden sie freilich. Aber all jenes Gerede beschränkt sich auf den engen Raum der Gegenden, den du hier siehst, und es ist noch überdieß nie über irgend Einen dauernd gewesen; vielmehr wird es mit dem Absterben der Menschen unmerklicher, und erstirbt endlich ganz in der Vergessenheit der Nachwelt.

24. Als er Dieses ausgesprochen hatte, erwiederte ich: Ja, mein Africanus, weil also den um das Vaterland wohl Verdienten gleichsam schon die vorgezeichnete Bahn zum Zugange in den Himmel geöffnet ist, so will ich denn, wiewohl ich von Jugend auf in meines Vaters und deine Fußstapfen getreten bin, und stets gesucht habe, euch Ehre zu machen, jetzt, da ich einen so hohen Lohn vor mir sehe, mit noch größerer Wachsamkeit [auf mich selbst] zu ihm emporstreben. Nun so strebe denn weiter, sagte er, und wisse, daß nicht du sterblich bist, sondern nur dieser Leib; denn nicht bist du es, den diese Leibesgestalt vor die Sinne stellt, sondern eines Jeden Seele ist sein Ich, und nicht die Figur, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Dieß sind Sätze aus dem Platonischen Dialogen Alcibiades I. und Ariochus. So wisse denn, daß du ein Gott bist, wenn nämlich ein Wesen Gott ist, das lebt, empfindet, zurückdenkt, vorwärts in die Zukunft sieht, und eben so den Körper, über den es gesetzt ist, regiert, und lenkt und bewegt, wie jener höchste Gott diese Welt: so nämlich, wie die in gewisser Hinsicht sterbliche Welt der ewige Gott in Bewegung erhält, so die ewige Seele den zerstörbaren Körper.

25. Denn was immer sich bewegt, ist ewig, Dieses ganze Capitel und das erste Drittel des folgenden sind eine Uebersetzung aus dem Phädrus des Plato (S. 245.), welche Stelle Cicero auch in den Tusculanen I, 23. mit einiger Veränderung übersetzt hat. Wir haben Cicero's Uebersetzung, nicht Plato's Text, übersetzt; diesen findet man im ersten Bande von Schleiermachers Uebersetzung des Plato S. 113. f. was aber ein Anderes in Bewegung setzt, und selbst wieder von anderswoher in Bewegung gesetzt wird, das muß, sobald seine Bewegung aufhört, auch zu leben aufhören. Nur also Das, was sich selbst bewegt, weil es nie von sich verlassen wird, hört auch nie auf, bewegt zu werden. Ja es ist sogar für andere Dinge, die bewegt werden, Quelle und Anfang [Ursache] der Bewegung. Der Anfangspunkt aber [die Urursache] hat keinen Ursprung; denn aus ihm entspringt ja Alles, er selbst aber kann seine Entstehung aus keinem andern Dinge haben; denn das wäre ja nicht der Anfangspunkt, was anderswoher entspränge; und entsteht er nie, so geht er auch nie unter. Denn ein untergegangener Anfangspunkt kann [könnte] weder selbst aus einem andern wiedergeboren werden, noch etwas Anderes aus sich hervorbringen: denn vom Anfangspunkte muß ja nothwendig Alles ausgehen. Es muß also der Anfangspunkt der Bewegung von Dem ausgehen, was in sich selbst die Ursache seiner Bewegung hat: das aber kann weder geboren werden noch sterben; sonst müßte nothwendig der ganze Himmel zusammenstürzen, und die ganze Natur stille stehen, und könnte gar keine Kraft bekommen, durch deren ersten Anstoß sie in Bewegung geriethe.

26. Da nun also klar ist, daß Das ewig ist, was durch sich selbst bewegt wird, Wer möchte läugnen, daß die Seelen ihrer Natur nach Wesen dieser Art seyen? Denn unbeseelt ist Alles, was durch einen Stoß von aussen in Bewegung gesetzt wird; Was aber lebend ist, das wird durch innere und eigene Bewegung angeregt: denn das ist die eigenthümliche Natur und Kraft der Seele. Ist sie aber unter Allem [was da ist] es allein, die sich selbst bewegt, so ist sie natürlich nicht entstanden, und ewig. Diese übe du denn in den edelsten Bestrebungen; die edelsten aber sind die Bemühungen um das Wohl des Vaterlandes. Mit diesen beschäftigt, und diese zum Ziele seiner Anstrengungen machend, wird die Seele schneller in diesen ihren Wohnsitz und ihre Heimath sich aufschwingen können. Und um so rascher wird sie Dieß thun, wenn sie schon, so lange sie im Körper eingeschlossen ist, hinausstrebt, und, was ausser ihr ist, betrachtend, so sehr als möglich vom Körper losreißt. Denn die Seelen Derjenigen, die sich den Lüsten des Körpers ergeben, und sich gleichsam zu dessen Diener hergegeben haben, und Die, wenn die Begierden sie stachelten, der Sinnenlust fröhnten, göttliche und menschliche Rechte verletzt haben, die schweben, wenn sie aus den Körpern heraus sind, immer noch um die Erde, Platonische Idee im Phädon S. 81. Vgl. Tusc, I, 30. und kommen erst, nachdem sie viele Jahrhunderte umhergetrieben worden sind, hierher zurück. Ueber diese Wanderung s. Creuzers Symb. und Myth. III, S. 424. ff., im Auszug dieses Werkes vom Uebersetzer S. 670. ff. – Er schied, und ich erwachte.

Bruchstücke, deren Platz sich nicht bestimmen läßt. Wir lassen abermals diejenigen weg, die für sich keinen Inhalt haben, und keinen Gedanken geben.

[– in den Büchern vom Staate wird die Klugheit von Cicero Tugend genannt Victorinus prooem. ad 1. Rhet. Cic. p. 102. ed. Capperonnier.]

[– und wiewohl es höchst wünschenswerth ist, daß das Glück beständig in der höchsten Blüthe bleibe, so gewährt doch ein gleichförmig so fortlaufendes Leben nicht das starke [Wohl-] Gefühl, wie wenn sich das Glück aus hartem und verzweifeltem Zustande wieder zum Bessern umschwingt. – Ammian. Marcellin. XV. 5.]

[– ein Staat ist nichts Anderes, als eine einträchtige Menge von Menschen. Augustin. de Civ. Dei I. 15.]

[– Cicero nennt in seinen Gesprächen [vom Staate] die Afrer [d. i. Karthager] bundbrüchig. – Scholiast des Crucquius zu Horat. Od. IV, 8. 17.]

[– Fannius, es ist eine bedenkliche Sache, einen Knaben zu loben: denn nicht das Gewordene kann man an ihm loben, sondern nur das [gehoffte] Werdende. Servius zu Virg. Aen. VI, 877.]

[– dann faßt er die Verse des Ennius zusammen, besonders die, welche sich auf den Africanus beziehen:

—   —   —   dem weder Bürger noch Feinde
Was er im Leben gethan, würdig zu lohnen vermocht.

Seneca Epist. 108.]

[– Es steht nämlich bei Cicero in demselben Werke vom Staate folgendes Epigramm:

»Ist je Einem vergönnt zu erklimmen der Himmlischen Räume
»Steht mir des Himmels Thor offen, und mir nur allein. Oder: »Weit geöffnet nur mir stehet das Thor des Olymps.

Ebd.]

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