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Vom Schicksal

Marcus Tullius Cicero: Vom Schicksal - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Schicksal
pages980-1016
created20080519
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5. Während er so spricht, bemerkt er gar nicht, wovon die Rede ist, und um was sich (denn eigentlich) der Streit dreht. Denn wenn die Einen zu Dem, die Andern zu Jenem geneigter sind, und zwar aus natürlichen und vorangegangenen Ursachen, so sind deswegen noch nicht gleich auch von unsern Willensbestimmungen und Neigungen natürliche und vorangegangene Ursachen (anzunehmen). Denn verhielte sich die Sache so, so wäre unsere Willensfreiheit ein Nichts. Nun aber gestehen wir zu, ob wir scharfsinnig oder stumpfsinnig, ob wir stark oder schwach seyen, hänge nicht von uns ab. Wer aber glaubt, daraus folge nothwendig, daß es nicht einmal von unserem Willen abhänge, zu sitzen oder herum zu wandeln, der sieht nicht, wie Ursachen und Folgen der Dinge mit einander zusammenhängen.Oder: was denn jeder bestimmten Folge für eine bestimmte Ursache zum Grunde liege. Denn mögen Talentvolle und Hartköpfige in Folge vorausgehender Ursachen so geboren werden, desgleichen Starke und Schwache; daraus folgt doch 990 noch nicht, daß ihr Sitzen und Wandeln und all' ihr Handeln durch uranfängliche Ursachen bestimmt und festgesetzt ist. Der Philosoph aus der Megarischen Schule, Stilpo, soll ein scharfsinniger und zu seiner Zeit geachteter Mann gewesen seyn.Er lebte zur Zeit des ersten Ptolemäus, Königs von Aegypten. Und doch schreiben von ihm seine eigenen vertrauten Freunde, er sey zum Trunke und zu Ausschweifungen mit Weibern geneigt gewesen, und Dieß schreiben sie nicht um ihn zu tadeln, sondern vielmehr zu seinem Lobe. Er habe nämlich [sagen sie] seine zur Unsittlichkeit geneigte Natur durch geistige Ausbildung so gezähmt und gebändigt, daß nie ein Mensch ihn betrunken oder eine Spur von Wollüstigkeit an ihm bemerkt habe. Und lesen wir nicht von Socrates, wie ihn der Physiognomiker ZopyrusVon ihm spricht Cicero auch in den Tusculanischen Unterhaltungen IV, 37. wo wir auch finden, daß Socrates dem Zopyrus gegen Alcibiades Recht gegeben und gesagt habe: »Allerdings habe er jenen Hang zur Ausschweifung; aber er habe ihn durch Festigkeit des Willens gebändigt. characterisirt hat, der, seiner Versicherung zu Folge, die Geschicklichkeit besaß, den Character und die Naturanlage der Menschen aus ihrem Körper, dem Blicke, der Gesichtsbildung und der Stirne zu entziffern? Für einen harten und schwerbegreifenden Kopf erklärte dieser Mann den Socrates, weil er keine gebogenen Schlüsselbeine habe; diese Theile seyen bey ihm verstopft und verschlossen; auch sey er, fügte er hinzu, zur Ausschweifung mit Weibern geneigt, worüber denn Alcibiades ein Gelächter aufgeschlagen haben soll. Doch dergleichen Fehler können aus natürlichen Ursachen entspringen; daß sie aber mit der 991 Wurzel und von Grund aus vertilgt werden, so daß Der, welcher den Hang dazu gehabt, von solchen großen Fehlern abgebracht wird, Das beruht nicht auf natürlichen Ursachen, sondern auf dem Willen, dem Bestreben und der Zucht. Dieß Alles verliert seine Wirksamkeit, wenn aus der Ansicht von der Weissagung der Einfluß und das Wesen des Schicksals Bestätigung gewinnt.

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