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Vom Schicksal

Marcus Tullius Cicero: Vom Schicksal - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleMarcus Tullius Ciceros Werke, Siebentes Bändchen
authorMarcus Tullius Cicero
year1828
translatorDr. Georg Heinrich Moser
publisherVerlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Schicksal
pages980-1016
created20080519
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10. Doch genug hievon. Wenden wir uns zu Anderem. Es schließt nämlich Chrysippus auf folgende Weise: »Gibt es eine Bewegung ohne Ursache, so wird nicht jeder ausgesprochene Satz, was die Dialektiker Axiom [αξιώμα] nennen, entweder wahr oder falsch seyn. Denn was keine bewirkenden 998 Ursachen haben wird, das wird weder wahr noch falsch seyn. Jeder ausgesprochene Satz ist aber entweder wahr oder falsch. Also gibt es keine Bewegung ohne Ursache. Ist dem so, so geschieht Alles, was geschieht, zu Folge vorangegangener Ursachen. Ist Dieß wahr, so geschieht Alles dem Schicksal zu Folge. Es ergibt sich also, daß Alles, was geschieht, dem Schicksal gemäß geschieht. Hier möchte ich zuerst dem Epicurus Recht geben, und behaupten, es sey nicht wahr, daß jeder ausgesprochene Satz entweder wahr oder falsch sey; lieber will ich diese Blöße geben, als der Behauptung beipflichten, daß Alles dem Schicksal zu Folge geschehe. Denn jene Ansicht hat doch noch Etwas für sich, die letztere aber ist geradezu unerträglich. Darum strengt auch Chrysippus alle Sehnen an, um seinem Satze Beifall zu verschaffen, daß jedes Axiom entweder wahr oder falsch sey. Denn wie Epicurus fürchtet, er möchte, wenn er Dieses einmal zugegeben habe, auch zugeben müssen, daß Alles, was nur immer geschieht, durch das Schicksal geschehe [denn wenn Eines oder das Andere von Ewigkeit her wahr sey, so sey es auch gewiß, und wenn gewiß, auch nothwendig; und so glaubt er, wäre dann die Nothwendigkeit und das Schicksal bestätigt], so fürchtet Chrysippus, er möchte, wenn er die Behauptung nicht festhalte, daß jeder ausgesprochene Satz entweder wahr oder falsch sey, auch den Satz nicht halten können, daß Alles dem Schicksal und den ewigen Ursachen aller kommen sollenden Dinge zu Folge geschehe. Epicurus aber glaubt der Nothwendigkeit des Schicksals ausweichen zu können, indem er Atome eine Abweichung (von der geraden, senkrechten Linie) annehmen läßt. Und so entsteht denn eine dritte 999 Bewegung, außer der durch die Schwerkraft und den Stoß, wenn ein Axiom um den kleinsten Theil des Raumes abweicht. Das nennt er das Elachiston [Kleinste]. Daß diese Abweichung ohne Ursache geschehe, das ist er genöthigt, wo nicht ausdrücklich, doch thatsächlich [factisch] einzugestehen. Denn ein Atom weicht nicht durch den Stoß eines andern Atoms ab. Wie kann denn wohl eins vom andern einen Stoß bekommen; wenn die untheilbaren Körper durch ihre Schwerkraft senkrecht fallen, in geraden Linien, wie Epicurus behauptet? Denn, wenn nie das eine vom andern gestoßen wird, so folgt, daß sie auch einander nicht einmal berühren. Daraus ergibt sich denn, daß wenn ein Atom wirklich abweicht, es ohne Ursache abweicht. Diese Auskunft hat Epicurus aus dem Grunde ausgesonnen, weil er fürchtete, es möchte uns, wenn jedes Atom immer sich seiner natürlichen und nothwendigen Schwerkraft gemäß bewegte, kein Spielraum für freie Selbstthätigkeit bleiben, da die Seele eben sich so bewegen würde, wie sie durch die Bewegung der Atome genöthigt wäre. Darum wollte Democritus,Aus Abdera; nach Andern aus Miletus, um's Jahr 490, (nach Andern 470. oder 460.) v. Chr. Geb. geboren. Ihm folgte Epicurus in der Physik. der die Lehre von den Atomen aufgebracht, lieber annehmen, es geschehe Alles zu Folge der Nothwendigkeit, als den untheilbaren Körpern nicht ihre natürliche Bewegung lassen.

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