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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 92
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XX. 84. Aber wenn auch gelehrte Männer dieses im bürgerlichen Rechte oder auch bei anderen unbedeutenden oder nicht umfangreichen Wissenschaften erreichen können, so halte ich es doch in der Beredsamkeit wegen ihrer großen Wichtigkeit und ihres unermeßlichen Umfanges nicht für möglich. Wer es dafür hält, den muß man an die Lehrmeister dieser Gegenstände verweisen; bei ihnen wird er Alles schon entwickelt und auf das feinste ausgebildet finden; denn es gibt über diese Gegenstände unzählige Schriften, deren Anhalt nicht tief verborgen und deren Verständnis nicht dunkel ist. Aber man bedenke, was man für einen Zweck verfolge, ob man zu einem Spielgefechte oder zu einem wirklichen Kampfe die Waffen ergreifen will. Etwas Anderes verlangt Kampf und Schlacht, etwas Anderes Waffenspiel und unser Marsfeld. Gleichwol gewährt selbst die Kunst des Waffenspieles dem Fechter und dem Krieger einigen Nutzen; aber feuriger Muth und Geistesgegenwart und Scharfblick und Gewandtheit des Geistes bilden unüberwindliche Männer, und zwar ebenso leicht für sich allein, als wenn Kunst damit verbunden istanimus acer . . . invictos viros non difficilius arte conjuncta. Wenn die Lesart richtig ist, so liegt eine große Härte in dieser Verbindung; denn man erwartet: non difficilius quam arte conjuncta.. 85. Daher will ich dir jetzt den Redner aufstellen, wie ich es vermag, und zwar so, daß ich zuvor genau zusehe, was er leisten könne. Er soll mir einen Anstrich von wissenschaftlicher Bildung besitzen, Einiges gehört und gelesen und selbst diese Regeln der Kunst in sich aufgenommen haben; ich will prüfen, was er für einen Anstand hat, was er hinsichtlich der Stimme, der Körperkraft, des Athems, der Zunge zu leisten vermag. Sehe ich ein, daß er die ausgezeichnetsten Redner erreichen kann; so werde ich ihn nicht bloß aufmuntern sich eifrig zu bemühen, ja, wenn er mir zugleich ein guter Mann zu sein scheint, ihn inständigst bitten. Eine so große Zierde für den Staat beruht meines Erachtens auf einem ausgezeichneten Redner, der zugleich ein guter Mann ist. Hat es aber den Anschein, als werde er es bei aller Anstrengung doch nur mittelmäßigen Rednern gleich thun können; so werde ich ihm selbst überlassen zu thun, was er will, und ihm nicht eben sehr beschwerlich fallen. Sollte er aber gar keine Neigung dazu haben und ohne alles Geschick sein, so werde ich ihn ermahnen sich dieses Faches zu enthalten und sich einem anderen zuzuwenden. 86. Denn wir dürfen ebenso wenig denjenigen, der Vorzügliches leisten kann, auf jede Weise zu ermuntern unterlassen, als denjenigen, der Etwas zu leisten vermag, abschrecken. Denn das Eine scheint mir etwas Göttliches zu sein; das Andere, Etwas zu unterlassen, worin man nicht Vorzügliches leisten kann, oder das zu thun, was man nicht ganz schlecht thun mag, halte ich für menschlich. Das Dritte aber, wie ein Marktschreier aufzutreten und wider Anstand und Befähigung zu reden, kann nur ein Mensch thun, der, wie du, Catulus, von einem solchen Schreier sagtest, durch sein eigenes Ausrufergeschrei möglichst viele Zeugen seiner Thorheit um sich versammelt. 87. Von dem nun, der der Ermunterung und Unterstützung würdig ist, wollen wir reden; doch werden wir ihm nur das vortragen, was uns die Erfahrung gelehrt hat, damit er unter unserer Anleitung dahin gelange, wohin wir selbst ohne Anleitung gelangt sind; denn Besseres zu lehren sind wir nicht fähig.

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