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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XVIII. 74. Hierauf sagte Catulus: Je wichtiger und bewundernswürdiger du diese Dinge geschildert hast, um so begieriger erwarte ich von dir die Mittel und Vorschriften zu vernehmen, durch die man sich eine so große Geschicklichkeit aneignen kann. Um meines Vortheiles willen bin ich jetzt freilich dabei wenig betheiligt; denn einerseits vermisse ich in meinem Alter dieß nicht, andererseits habe ich mich einer anderen Art der Beredsamkeit befleißigt, da ich nie Urtheilssprüche den Händen der Richter durch die Gewalt der Rede entwunden, sondern vielmehr durch Besänftigung ihrer Gemüther nur so viel, als sie selbst willig zugaben, erhalten habe; aber dennoch wünsche ich ohne alle Rücksicht auf meinen eigenen Nutzen aus bloßer Wißbegierde deine Ansichten kennen zu lernen. 75. Auch brauche ich keinen Griechischen Lehrmeister, der mir allbekannte Regeln ableiert, ohne selbst je das Forum, ohne je einen Gerichtshof gesehen zu haben, wie man von dem Peripatetiker Phormio erzählt. Als nämlich Hannibal, aus Karthago vertrieben, nach Ephesus zum Antiochus als Verbannter kam, so wurde er seiner allverbreiteten Berühmtheit wegen von seinen Gastfreunden eingeladen, wenn es ihm Vergnügen mache, einem Vortrage des eben genannten Philosophen beizuwohnen. Als er seine Geneigtheit dazu erklärt hatte, sprach der redselige Mann einige Stunden über die Pflicht eines Feldherrn und über das gesammte Kriegswesen. Hierauf, da alle Uebrigen, die ihn gehört hatten, von dem Vortrage ganz entzückt waren, fragte man den Hannibal um sein Urtheil über diesen Philosophen. Da erwiderte der Punier, zwar nicht im besten Griechisch, aber doch mit Freimütigkeit, er habe schon oft viele aberwitzige Alte gesehen, aber so aberwitzig, wie den Phormio, habe er noch keinen gesehen. Und wahrlich nicht mit Unrecht. 76. Denn kann man sich wol eine größere Anmaßung und Geschwätzigkeit denken, als wenn einem Hannibal, der so viele Jahre um die Weltherrschaft mit dem Römischen Volke, dem Sieger über alle Volksstämme, gekämpft hatte, ein Grieche, der nie einen Feind, nie ein Lager gesehen, nie endlich sich bei der Verwaltung eines öffentlichen Amtes irgend wie betheiligt hatte, Vorschriften über das Kriegswesen ertheilen will? Ein Gleiches scheinen mir alle diejenigen zu thun, welche über die Redekunst Unterricht geben; denn was sie selbst nicht aus Erfahrung kennen, das wollen sie Anderen lehren. Doch irren sie vielleicht hierin weniger, weil sie nicht dich, wie einen Hannibal, sondern nur Knaben oder Jünglinge zu belehren suchen.

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