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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 89
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XVII. 71. Hierauf sagte Catulus: Vortrefflich scheinst du mir, lieber Antonius, vor die Augen geführt zu haben, was der, welcher sich zum Redner ausbilden will, lernen muß und was er, ohne es erlernt zu haben, aus dem Erlernten zu Hülfe nehmen könne. Du hast nämlich die ganze Aufgabe des Redners lediglich auf zwei Gattungen der Verhandlungen beschränkt, die übrigen unzähligen der Uebung und der Anwendung auf ähnliche Fälle überlassen. Doch siehe zu, ob sich nicht in diesen beiden Gattungen die Hydra und die LöwenhautHydra und Löwenhaut, d. h. das geringere, minder schwierige Werk. befinden, Herkules hingegen und andere wichtige Werke in den Dingen, die du übergehst, zurückbleiben. Denn mir scheint es keine geringere Arbeit zu sein über allgemeine Gegenstände, als über die Angelegenheiten Einzelner, und ungleich schwieriger über die Natur der Götter, als über Streitigkeiten der Menschen zu reden. 72. Das ist nicht der Fall, erwiderte Antonius. Dieß werde ich dir, lieber Crassus, zeigen nicht sowol als Gelehrter, als – und das ist wichtiger – aus eigener Erfahrung. Ueber alle anderen Gegenstände ist der Vortrag, glaube es mir, ein Spiel für einen Mann, der nicht stumpfsinnig und nicht ungeübt ist und der gewöhnlichen wissenschaftlichen Kenntnisse und feineren Bildung nicht entbehrt; in den Streitigkeiten über Rechtssachen aber liegt eine schwierige Arbeit und vielleicht unter allen menschlichen Arbeiten die schwierigste und in denselben wird die Geschicklichkeit des Redners gemeiniglich von den Unverständigen nach dem Ausgange und Siege beurtheilt. Wenn ein gerüsteter Gegner da ist, der geschlagen und zurückgetrieben werden muß; wenn oft der, in dessen Hand die Entscheidung der Sache liegt, abgeneigt und erzürnt oder auch ein Freund des Gegners und dein Feind ist; wenn man diesen unterweisen oder eines Besseren belehren oder in Schranken weisen oder anfeuern, wenn man auf jede Weise nach Zeit und Umständen durch den Vortrag auf seine Stimmung einwirken muß, indem oft sein Wohlwollen in Haß, sein Haß in Wohlwollen verwandelt und sein Gemüth wie durch ein Triebwerk bald zur Strenge bald zur Nachsicht, bald zur Trauer bald zur Freude umgelenkt werden muß: da ist der ganze Nachdruck der Gedanken, das ganze Gewicht der Worte erforderlich. 73. Auch muß hinzutreten ein äußerer Vortrag, der sich durch Mannigfaltigkeit und Lebhaftigkeit auszeichnet, der voll Seele, voll Geist, voll tiefer Empfindung, voll Wahrheit ist. Wer in diesen Werken eine solche Meisterschaft errungen hat, daß er wie ein PhidiasPhidias aus Athen, der berühmteste Bildhauer des Alterthums, lebte zur Zeit des Perikles (um 430 v. Chr.). Für sein Meisterwerk wurde die hier erwähnte Bildsäule der Minerva gehalten; sie war aus Elfenbein; auf dem Schilde der Göttin war die Amazonenschlacht und der Kampf der Götter mit den Titanen dargestellt, jene auf dem Rande, dieser auf der Höhlung des Schildes. die Bildsäule der Minerva schaffen kann; der wird wahrlich wegen der Ausführung jener kleineren Werke ebenso wenig besorgt sein, wie dieser Künstler wegen der Ausschmückung des Schildes.

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