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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 88
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XVI. 67. Aber wenn wir auch noch jenen ganz unbestimmten, willkürlichen und vielumfassenden Theil der allgemeinen Fragen über das Gute und Böse, über das Wünschenswerthe und Verabscheuungswürdige, über das Anständige und Schimpfliche, über das Nützliche und Schädliche, über Tugend, Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit, Klugheit, Seelengröße, Edelmuth, Pflichtgefühl, Freundschaft, Treue, Pflicht und die übrigen Tugenden und die ihnen entgegenstehenden Laster, desgleichen über Staat, Herrschaft, Kriegswesen, Staatsverfassung und über die Sitten der Menschen dem Redner zuweisen wollen und meinen, er müsse über alle diese Gegenstände reden: so mögen wir immerhin auch diesen Theil hinzunehmen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er auf mäßige Gränzen eingeschränkt werde. 68. Allerdings muß nach meiner Ansicht der Redner Alles, was sich auf den Nutzen der Bürger und auf die Sitten der Menschen bezieht, was die Gewohnheit des Lebens, die Verfassung des Staates, unsere bürgerliche Gesellschaft, das allgemeine Menschengefühl, das Wesen und den Charakter der Menschen betrifft, in seinem Geiste umfassen, wenn auch nicht auf die Weise, daß er über diese Gegenstände im Einzelnen und Besonderen Rechenschaft abzulegen im Stande sei, aber doch wenigstens so, daß er sie den Verhandlungen auf verständige Weise einflechten könne. Ueber diese Gegenstände selbst rede er so, wie diejenigen es thaten, welche Rechte, Gesetze, Staaten gegründet haben, einfach und deutlich, ohne zusammenhängende Reihenfolge wissenschaftlicher Erörterungen und ohne nüchternes Wortgezänk. 69. Damit ihr euch aber nicht verwundert, wenn über so viele und wichtige Gegenstände keine Vorschriften von mir ertheilt werden, so will ich mich jetzt hierüber aussprechen. Ich urtheile nämlich so: Sowie man es in anderen Wissenschaften nicht für nöthig hält, wenn das Schwierigste gelehrt ist, auch das Uebrige zu lehren, weil es entweder leichter oder dem Anderen ähnlich ist, wie z. B. in der Malerei der, welcher die menschliche Gestalt zu malen gründlich erlernt hat, auch Menschen von jeder Gestalt und von jedem Alter, ohne dieß besonders gelernt zu haben, malen kann, und wer einen Löwen oder Stier vortrefflich zu malen versteht, von dem nicht zu besorgen ist, er werde bei vielen anderen Vierfüßlern nicht ein Gleiches leisten; – es gibt ja überhaupt keine Kunst, in der Alles, was durch sie in's Werk gesetzt werden kann, von dem Lehrer vorgetragen wird, sondern wer von gewissen vorzüglichen Dingen das Allgemeine gelernt hat, der weiß auch das Uebrige ohne Schwierigkeit auszuführen –: 70. ebenso wird nach meiner Ansicht auch in unserer Redekunst oder soll ich richtiger sagen? Redeübung derjenige, welcher in seinem Vortrage eine solche Gewalt besitzt, daß er auf die Gemüther derer, die ihn über den Staat oder über seine eigenen Angelegenheiten oder über diejenigen, für oder gegen welche er auftritt, reden hören und zugleich die Macht der Entscheidung haben, nach seinem Ermessen einwirken kann, in Betreff aller übrigen Vorträge über das, was er zu sagen habe, ebenso wenig in Verlegenheit sein, als es jener PolykletusPolykletus aus Sicyon im Peloponnesischen war ein berühmter Bildhauer, ein Schüler des Argivers Ageladas, auch im Zeichnen und Malen nicht unerfahren (um 430 v. Chr.). Unter seinen Bildhauerwerken wurden besonders gerühmt eine Juno aus Elfenbein und Gold und ein Doryphorus. Die Bildsäule des Herkules wird sonst nirgends erwähnt. Die hier erwähnte Löwenhaut ist die des Nemeäischen Löwen und die Hydra (Schlange) die Lernäische. An seinen Statuen wird besonders die schöne Bildung der Brust gerühmt. bei der Verfertigung der Bildsäule des Herkules war, wie er die Löwenhaut oder die Hydra bilden sollte, wiewol er diese Dinge nie besonders zu verfertigen gelernt hatte.

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