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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 85
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XIII. Es ist so, wie du sagst, versetzte Catulus. Aber selbst dieser Cälius verstand es nicht in die Geschichte durch Mannigfaltigkeit hervorstechender Punktevarietate locorum; der Ausdruck ist etwas dunkel. Matthiä in Seebode's Misc. crit. I. p. 680. versteht es von den Gegenständen, Vorwürfen der Rede; Ellendt von locis communibus oder rerum illustrium disputationibus, wie sich Cicero im Brutus c. 12, 46. ausdrückt. Die Konjektur von Jacobs colorum ist unpassend, weil von der Art des Vortrages erst in den folgenden Worten die Rede ist. Abwechslung zu bringen, noch durch Stellung der Worte und durch sanften und gleichmäßigen Fluß der Rede seinem Werke Feinheit und Glätte zu verleihen, sondern, da er weder ein Gelehrter war noch für die Rede sehr befähigt, so hat er die Geschichte, so gut er konnte, aus dem Groben herausgearbeitet; doch hat er, wie du bemerkst, seine Vorgänger übertroffen. 55. Man darf sich gar nicht verwundern, sagte Antonius, wenn die Geschichte in unserer Sprache noch nicht erhellt ist. Denn keiner von unseren Landsleuten liegt der Beredsamkeit in anderer Absicht ob, als um in den gerichtlichen Verhandlungen und auf dem Forum zu glänzen; bei den Griechen hingegen waren es die beredtesten Männer, welche, entfernt von Rechtshändeln, sich sowol anderen erhabenen Beschäftigungen, als auch ganz besonders der Geschichtschreibung zuwandten. So wissen wir von dem berühmten HerodotusHerodotus aus Halikarnassus in Karien, 484 v. Chr. geboren, wird mit Recht der Vater der Griechischen Geschichte genannt. Der Hauptinhalt seines, in Ionischer Mundart geschriebenen, Werkes besteht in der Beschreibung der Kriege der Griechen mit den Persiern und in der Verherrlichung des Sieges der Griechen über die Persier., der zuerst die Geschichte mit Geschmack behandelt hat, daß er sich mit gerichtlichen Verhandlungen gar nicht befaßt hat; und doch besitzt er eine so außerordentlich große Beredsamkeit, daß er mich wenigstens, soweit ich Griechische Schriften zu verstehen vermag, ungemein anzieht. 56. Und nach ihm hat ThukydidesThukydides aus Athen, geb. 472 vor Chr., gest. 391, beschrieb in acht Büchern den Peloponnesischen Krieg bis zum Anfange des einundzwanzigsten Jahres. Im Jahre 424 v. Chr. befehligte er das Athenische Heer in Thracien und sollte der Stadt Amphipolis Hilfe leisten; da er aber zu spät kam, mußte sich die Stadt an den Lakedämonischen Heerführer, Brasidas, ergeben. Er wurde deßhalb verbannt. nach meinem Urtheile Alle an Kunst des Vortrages unbedenklich übertroffen; denn er ist so reich an einer Fülle von Sachen und Gedanken, daß der Zahl seiner Worte beinahe die Zahl seiner Gedanken gleichkommt; so treffend ferner im Ausdrucke und genau, daß man nicht weiß, ob die Sache mehr durch den Vortrag, oder die Worte mehr durch die Gedanken erhellt werden. Aber auch dieser, obwol er an der Staatsverwaltung Theil nahm, gehörte, wie uns überliefert ist, nicht zu denjenigen, welche Rechtshändel führten, und seine Geschichtsbücher soll er damals geschrieben haben, als er von Staatsgeschäften entfernt und – ein Schicksal, das den Edelsten zu Athen zu widerfahren pflegte – aus seinem Vaterlande verwiesen war. 57. Auf ihn folgte der Syrakusier PhilistusPhilistus aus Syrakus, um 400 v. Chr., schrieb eine Sikelische Geschichte, deren erster Theil bis zur Einnahme Agrigents ging, der zweite aber die Geschichte des älteren Dionysius (der auch hier gemeint ist) umfaßte, ferner eine Geschichte des jüngeren Dionysius., der dem Herrscher Dionysius sehr befreundet war. Er widmete seine Muße der Geschichtschreibung und nahm sich in derselben, wie es mir scheint, den Thukydides zum Muster. Später aber gingen aus eines Redekünstlers berühmten Werkstättequasi ex clarissima rhetoris officina. Wohl mit Recht hält Ruhnken (Hist. crit. orat. Graec. p. 87.) diese Worte für einen späteren Zusatz, entlehnt aus Ciceron. Brut. c. 8. und Orat. c. 13. Derselben Ansicht sind Schütz und Ellendt., wenn ich mich so ausdrücken darf, zwei hochbegabte Männer hervor, Theopompus und EphorusTheopompus, aus Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb eine Griechische Geschichte in zwölf Büchern, von der Zeit an, wo des Thukydides Werk aufhört, bis zur Seeschlacht bei Knidus (394 v. Chr.), eine Geschichte des Philippus in 58 Büchern. – Ephorus aus Kumä in Aeolis schrieb eine allgemeine Geschichte in 30 Büchern von der Rückkehr der Herakliden bis zur Belagerung von Perinthus (341 v. Chr.), die sich auf Antrieb ihres Lehrers Isokrates der Geschichtschreibung zuwandten, mit Rechtshändeln sich aber niemals auch nur im Entferntesten befaßten.

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