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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 83
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XI. 44. So ist es, sagte Antonius, und was diese Gattung betrifft, so weiß ich, daß ich und alle Anwesenden ein ungemein großes Wohlgefallen an der Lobrede fanden, die du zu Ehren euerer Mutter Popilia hieltest, welche, glaub' ich, die erste Frau in unserem Staate gewesen ist, der diese Ehre erwiesen wurde. Aber nicht Alles, was wir reden, darf man nach meiner Meinung auf Kunstregeln zurückführen. 45. Denn aus den Quellen, aus denen man allen Schmuck der Redeornamenta dicendi nach der Verbesserung von O. M. Müller statt ornate dicendi praecepta. entlehnt, wird man auch für eine Lobrede den geeigneten Schmuck entnehmen können und nicht jene Regeln der Schule vermissen; denn wer sollte, auch wenn dieselben Niemand lehrt, nicht wissen, was an einem Menschen zu loben sei. Nimmt man nämlich das als richtig an, was Crassus im Anfange jener Rede, die er als CensorCrassus war Censor mit Gnäjus Domitius Ahenobarbus im Jahre 95 v. Chr. Vgl. II. 56, 227 und 230. gegen seine Amtsgenossen hielt, äußerte: »In den Dingen, welche den Menschen Natur oder Glück verliehen, könne er es mit Gleichmuth ertragen sich übertroffen zu sehen; in denjenigen aber, welche der Mensch sich selbst zu erwerben im Stande sei, könne er es nicht ertragen sich übertroffen zu sehen;« so wird man einsehen, daß, wenn man jemanden loben will, es nöthig ist, dessen Glücksgüter auseinanderzusetzen. 46. Dergleichen sind Abkunft, Geld, Verwandte, Freunde, Einfluß, Gesundheit, Schönheit, Körperstärke, geistige Anlagen und die übrigen Vorzüge, die entweder mit dem Körper verbunden sind oder von Außen hinzutreten. Besaß Jemand dieselben, so zeige man, daß er einen guten Gebrauch von ihnen machte; besaß er sie nicht, daß er sie mit Weisheit entbehrte; verlor er sie, daß er ihren Verlust mit Mäßigung ertrug; ferner, worin der, den er lobt, Weisheit, Edelsinn, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Hochherzigkeit, Pflichttreue, Dankbarkeit, Menschenfreundlichkeit, kurz worin er irgend eine Tugend bewiesen habe, sei es im Handeln, sei es im Dulden. Dieses und was dahin gehört wird man leicht einsehen, wenn man Jemanden loben, sowie das Gegentheil davon, wenn man Jemanden tadeln will. – 47. Warum trägst du also Bedenken, fragte Catulus, hieraus eine dritte Klasse zu bilden, da sie doch in dem Verhältnisse der Dinge begründet ist? Denn wenn sie auch leichter ist, so darf man sie darum nicht aus der Reihe herausnehmen. – Weil ich, erwiderte er, keine Lust habe Alles, was einmal dem Redner vorkommen kann, mag es auch noch so geringfügig sein, so zu behandeln, als ob man über keinen Gegenstand ohne besondere Vorschriften darüber reden könne. 48. So muß man ja oft auch ein Zeugniß ablegen und zuweilen mit großer Sorgfalt, wie ich es gegen Sextus TitiusSex. Titius war im Jahre 99 vor Chr. Volkstribun; Antonius, der in demselben Jahre Consul war, klagte ihn nach seinem Consulate wegen aufrührerischer Gesetzvorschläge an., einen aufrührischen und unruhigen Bürger, thun mußte; ich entwickelte nämlich, als ich ein Zeugniß gegen ihn ablegte, alle Maßregeln, die ich in meinem Consulate genommen hatte, um diesem Volkstribun zum Besten des Staates Widerstand zu leisten, und erörterte, was er nach meiner Meinung gegen den Staat unternommen hatte. Lange wurde ich hierbei aufgehalten, Vieles mußte ich hören, Vieles antworten. Meinst du nun, man müsse, wenn man Vorschriften über die Beredsamkeit gibt, auch über die Ablegung von Zeugnissen Unterricht in schulgerechter Weise ertheilen? O nein, antwortete Catulus, das dürfte nicht eben nöthig sein.

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