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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 77
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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V. 19. Hierauf sagte Catulus: Auch die Griechen, mein Crassus, die in ihren Staaten berühmt und groß waren, sowie du es bist, und wir alle es in unserem Staate zu sein wünschen, waren den jetzigen Griechen, die sich unseren Ohren aufdringen, nicht ähnlich, und doch verschmähten sie in Mußestunden solche Gespräche und gelehrte Vorträge nicht. 20. Und wenn dir diejenigen, welche auf Zeit, auf Ort und Personen keine Rücksicht nehmen, unschicklich zu handeln scheinen, wie sie es auch müssen: meinst du denn, dieser Ort sei nicht passend, wo schon diese Säulenhalle, in der wir umherwandeln, und die Ringschule und die Sitzplätze an so vielen Orten gewissermaßen die Erinnerung an die Gymnasien und die gelehrten Vorträge der Griechen hervorrufen? oder die Zeit sei nicht gelegen bei so viel Muße, die sich uns selten darbietet und jetzt sich so ganz nach Wunsche dargeboten hat? oder die Menschen seien einem derartigen Vortrage abhold, da wir doch alle die Überzeugung hegen, daß ein Leben ohne die wissenschaftlichen Beschäftigungen gar keinen Werth habe? Dieses Alles, erwiderte Crassus, deute ich auf eine andere Weise. Zuerst nämlich, glaube ich, die Ringschule und die Sitze und die Säulenhalle haben auch die Griechen selbst, mein Catulus, zur Uebung und ErgötzlichkeitDie Stelle wird gewöhnlich so gelesen: Graecos exercitationis et delectationis causa, non disputationis invenisse arbitror. Ellendt hat die Worte et delectationis als verdächtig in Klammern eingeschossen, da sie in mehreren Handschriften fehlen. Er meint, sie seien aus Rücksicht auf die folgenden Worte discum audire u. s. w. eingeschoben worden. Ich halte sie für ächt, da in den Leibesübungen zugleich auch eine delectatio lag. Aber die Worte non disputationis, welche in allen Lagomarsinianischen Handschriften fehlen, sind offenbar unächt und auch von Ellendt in Klammern eingeschlossen. erfunden. Denn viele Jahrhunderte früher wurden die Gymnasien gegründet, ehe die Philosophen in ihnen zu schwatzen anfingen, und selbst in der Gegenwart, wo die Philosophen alle Gymnasien besetzt halten, wollen doch ihre Zuhörer lieber die Wurfscheibe hören als den Philosophen; denn sobald diese sich hören läßt, verlassen sie alle, um sich zu salben, den Philosophen, wenn er mitten in seinem Vortrage über die erhabensten und wichtigsten Gegenstände begriffen ist. So ziehen sie das geringfügigste Vergnügen einer Unterhaltung vor, deren hohen Nutzen sie selbst rühmen. Wenn du aber sagst, wir hätten Muße; so stimme ich dir bei; aber der Genuß der Muße besteht nicht in einer Anstrengung der Seele, sondern in ihrer Abspannung.

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