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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 76
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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IV. 15. Hierauf erwiderte Crassus: Was nun auch für ein Grund euch hierher geführt haben mag, ich würde mich in der That freuen so theuere und befreundete Männer bei mir zu sehen; aber doch – ich will die Wahrheit gestehen – hätte ich jede andere Veranlassung lieber gewünscht, als die von dir angeführte. Denn, um zu reden, wie ich denke, nie habe ich mir weniger gefallen, als am gestrigen Tage; weit mehr aber habe ich dieß durch Nachgiebigkeit, als durch irgend etwas Anderes verschuldet; denn während ich mich den jungen Männern willfährig zeigte, vergaß ich mein Alter und that Etwas, was ich nicht einmal in meiner Jugend gethan hatte, indem ich über Gegenstände einen Vortrag hielt, die auf einer gewissen Gelehrsamkeit beruhen. Aber das trifft sich doch sehr günstig für mich, daß ihr, nachdem ich meine Rolle schon ausgespielt habe, gekommen seid, um den Antonius zu hören. 16. Hierauf entgegnete Cäsar: So sehr ich auch wünschte dich, lieber Crassus, in einem längeren und zusammenhängenden Vortrage zu hören; so will ich mich doch, wenn mir dieses Glück nicht zu Theil werden soll, auch mit deiner gewöhnlichen Unterhaltung begnügen. Und so will ich wenigstens mein Glück versuchen, ob ich es nicht bei dir erreichen kann, daß mein Freund Sulpicius oder Cotta nicht mehr, als ich, bei dir zu gelten scheinen, und dich in der That dringend bitten auch mir und dem Catulus einigen Antheil an deiner Anmuth zu gönnen. Sollte dir aber dieß nicht genehm sein, so will ich nicht in dich dringen und nicht verschulden, daß du, während du befürchtest, du möchtest etwas Unschickliches thunLat. ne sis ineptus. Die Deutsche Sprache hat kein Wort, das dem lateinischen ineptus vollkommen entspräche. Denn unser unschicklich wird nicht von Personen gebraucht, sondern nur von Sachen und Handlungen. Wird daher ineptus von Personen gebraucht, so muß man sich im Deutschen einer Umschreibung, wie; unschicklich handeln, eine Unschicklichkeit begehen, bedienen., von mir solches denken müßtest. 17. Hierauf erwiderte jener: Ich bin fürwahr immer der Ansicht gewesen, daß unter allen lateinischen Worten dieses die umfassendste Bedeutung hat. Denn wenn wir von Einem sagen, er handele unschicklich, so scheint dieser Ausdruck seinen Ursprung daher zu leiten, daß er sich nicht zu schicken wisseLat.: Quem enim nos ineptum vocamus, is mihi videtur ab hoc nomen habere ductum, quod non sit aptus., und dieß hat in unserem Sprachgebrauche einen weiten Umfang. Denn wer, was die Zeit fordert, nicht sieht, oder wer zu Viel redet oder von sich viel Aufhebens macht oder auf die Würde und den Vortheil derer, mit denen er verkehrt, keine Rücksicht nimmt oder endlich in irgend einer Beziehung den Anstand verletztinconcinnus. oder aufdringlichmultus, das Ellendt so erklärt: qui sese invitis aliis importunius ingerit aut curat, quae sui officii non sunt, cum inani quadam jactatione, ο πολλὰ πράττων, ο πολυπραγμονω̃ν. Plaut. Menaechm. II. 2, 41: heu hercle hominem multum et odiosum mihi. ist, von dem sagt man, er handele unschicklich. 18. Das ist ein Fehler, mit dem die sonst so gebildete Nation der Griechen in vollem Maße behaftet ist. Daher haben die Griechen, weil sie das Wesen dieses Uebels nicht kennen, auch diesem Fehler keinen Namen gegeben. Denn mag man auch Alles durchsuchen, so wird man kein Wort finden, mit dem die Griechen den unschicklich Handelnden bezeichnetenDie Griechen haben allerdings mehrere Ausdrücke, die dem Lateinischen ineptus nahe kommen, z. B. ανάρμοστος und besonders ατοπος; aber kein Wort erschöpft gänzlich den umfassenden Begriff von ineptus.. Unter allen Unschicklichkeiten aber, deren es unzählige gibt, dürfte vielleicht keine größer sein, als wenn man, wie jene zu thun pflegen, an jedem Orte und unter allen Menschen, wo es auch immerhin belieben mag, über Gegenstände, die entweder sehr schwierig oder nicht nöthig sind, einen spitzfindigen Vortrag hält. Und dieß zu thun, so wenig es auch meiner Neigung zusagt, und so sehr ich mich auch weigerte, haben mich gestern diese jungen Männer genöthigt.

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