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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXI. 258. Ich komme nun aber auf eine ForderungS. Kap. 28, §. 130. von dir, die entsetzlich ist und die, wie ich fürchte, wahrlich geeigneter sein dürfte abzuschrecken, als zu ermuntern. Du verlangtest nämlich, daß ein jeder von uns in seiner Art gleichsam ein Roscius sei, und sagtest, das Richtige finde weniger Beifall, als sich an das Fehlerhafte die mäkelnde Tadelsucht anhänge. Aber ich glaube, daß wir der mäkelnden Beurtheilung weniger ausgesetzt sind, als die Schauspieler. 259. So sehe ich, daß man uns oft, wenn wir an Heiserkeit leiden, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhört; denn die Sache selbst und der Gegenstand fesselt schon; aber AesopusAesopus war ein berühmter Schauspieler damaliger Zeit, besonders groß in der Tragödie, sowie Roscius besonders in der Komödie. wird, wenn er ein wenig heiser wird, ausgepocht. Denn wo man nichts Anderes sucht als Ergötzung der Ohren, da nimmt man Anstoß, sobald diese Ergötzung nur etwas geschmälert wird. Bei einem Redner aber ist Vieles, was fesselt, und wenn auch nicht Alles in ihm höchst vollkommen, aber doch recht Vieles vorzüglich ist, so kann es nicht fehlen, daß auch schon dieses bewunderungswürdig erscheint. 260. Um also auf den Anfang unserer Unterredung zurückzukommen, so gelte mir derjenige für einen Redner, welcher, wie Crassus sich ausdrückte, auf eine überzeugende Weise zu reden fähig ist. Dieser beschränke sich aber auf die Kenntnisse, welche in den gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich sind, und mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften, so herrlich und vorzüglich sie auch sein mögen, liege er dieser einen Arbeit, so zu sagen, Tag und Nacht mit allem Eifer ob und ahme jenem Manne nach, dem ohne Zweifel die höchste Vollkommenheit der Beredsamkeit zugestanden wird, dem Athener Demosthenes. Dieser bewies, wie man erzählt, einen so großen Eifer und so große Anstrengung, daß er die HindernisseIm Texte steht ut primum impedimenta naturae. Dieses primum steht, wie Wolff richtig bemerkt, nicht an der rechten Stelle; Cicero hätte es nach quomque setzen müssen. Denn es ist ja hier nur von den Hindernissen der Natur die Rede, die Demosthenes überwand. der Natur durch Fleiß und beharrliche Thätigkeit überwand. Da er nämlich erstens so stammelte, daß er selbst von der Kunst, der er sich widmete, den ersten Buchstaben nicht aussprechen konnte, so brachte er es durch sorgsame Uebung dahin, daß Niemand eine deutlichere Aussprache gehabt haben soll. 261. Da er ferner an Engbrüstigkeit litt, so wußte er sich durch Anhalten des Athems beim Reden eine solche Ausdauer anzueignen, daß er, wie seine Schriften zeigen, Perioden, in denen zwei Hebungen und Senkungen der Stimme vorkommen, in Einem Athem zusammenfassen konnte. Ja er gewöhnte sich, wie berichtet wird, kleine Steine in den Mund zu nehmen und so mit der lautesten Stimme viele Verse in Einem Athem herzusagen, und zwar nicht an einem Orte stehend, sondern einhergehend und eine steile Anhöhe ersteigend. 262. Daß man durch solche Ermahnungen, wie Crassus, die jungen Männer zum Fleiße und zur Anstrengung anfeuern müsse, darin stimmeDie Gründe, nach denen Bake und Ellendt das Wort assentior für verderbt halten, sind ungenügend. ich dir von ganzem Herzen bei; die übrigen Kenntnisse aber, die du aus mannigfaltigen und verschiedenen Wissenschaften und Künsten gesammelt hast, müssen meines Erachtens, wenn du sie auch alle dir für deine Person angeeignet hast, doch von der eigentlichen Verpflichtung und dem Amte des Redners geschieden werden.

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