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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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V. Von den Personen, die in diesen Büchern redend eingeführt werden.

1. Die beiden Hauptrollen sind den beiden größten Rednern des vorciceronianischen Zeitalters, Antonius und Crassus, übertragen. Durch sie und ganz besonders durch Crassus spricht Cicero seine Ansichten und Erfahrungen über die Beredsamkeit aus. In der Person des Crassus schildert er sich gewissermaßen selbst, und die erhabenen Ansichten, die er selbst von dem Wesen der Beredsamkeit hatte, legt er dem Crassus in den Mund. Aber nicht bloß was Crassus im ersten Buche über die Beredsamkeit im Allgemeinen und im dritten Buche über die Darstellung und den äußeren Vortrag lehrt, sondern auch was im zweiten Buche Antonius über die Erfindung, die Anordnung und das Gedächtniß, und Cäsar über den Witz vortragen, müssen wir als Cicero's Ansichten betrachten. Er hat sie aber verschiedenen Personen in den Mund gelegt, und läßt außerdem auch noch andere Personen an den Unterredungen Theil nehmen und ihre Ansichten aussprechen, um der Rede und Handlung mehr Abwechslung, Reiz, Anmuth und dramatisches Leben zu geben.

2. Marcus AntoniusVgl. Ellendt. Proleg, ad Brut. §. 36–38., Sohn des Gajus Antonius, war unter dem Consulate des Appius Claudius Pulcher und Quintus Metellus Macedonicus (J. R. 611; 143 v. Chr.) geboren. Cicero pflegt ihn zum Unterschiede von Anderen desselben Namens Antonius den Redner zu nennen. Söhne von ihm waren der Antonius, der mit Cicero Consul war, und der Antonius, der der Vater des nachmaligen Triumvir war, durch den Cicero getödtet wurde. Von seinen früheren Jahren ist nur wenig bekannt. Quästor war er in Asien 641 J. R. = 113 v. Chr. Als Prätor wurde er (651 J. R. = 104 v. Chr.) mit proconsularischer Macht nach Cilicien gegen die Seeräuber geschicktCicer. de orat. I, 18, 82. II, 1, 2.. Nach Besiegung derselben triumphirte er in dem darauf folgenden Jahre. In dem Consulate, das er mit Aulus Postumius führte (655 = 99), hatte er den aufrührerischen und unruhigen Volkstribun Sextus Titius zum Gegner, den er wegen mehrerer gefährlicher Gesetzvorschläge, besonders wegen eines Ackergesetzes, anklagteCicer. de orat. II. 11, 48 führt ihn selbst darüber redend ein.. In der Censur, die er (657 = 97) mit Lucius Valerius Flaccus verwaltete, stieß er den Marcus Duronius, der ein Aufwandsgesetz aufheben wollte, aus dem Senate, wurde aber noch während seiner Censur von dem Duronius angeklagt, er habe sein Amt durch Bestechung erlangt. In dem zwischen Sulla und Marius ausgebrochenen Bürgerkriege wurde er auf Befehl des Cinna getödtet (667 = 87), und sein Haupt auf der Rednerbühne, auf der er so häufig für die Wohlfahrt des Staates und seiner Mitbürger geredet hatte, aufgestecktCicer. de orat. III. 3, 10..

3. Von den vielen Reden, die er hielt, werden mehrere von Cicero und anderen Schriftstellern namentlich angeführtS. Ellendt. Proleg. ad Brut. §. 86 u. 37. Die berühmtesten sind die beiden öffentlichen Rechtssachen, die eine für den Consularen Manius Aquilius (Cicer. de orat. II. 28, 124. 47, 195.), die andere für den Volkstribunen Gajus Norbanus (de orat. II. 47, 197. 48, 198.).. Schriftlich hat er weiter Nichts hinterlassen, als ein kleines Büchlein über die Redekunst, das, wie er selbst erklärtCicer. de orat I. 21, 94. 47, 206., ihm in seiner Jugend wider Willen entschlüpft und in's Publikum gekommen war. Daß dasselbe noch zu seiner Zeit vorhanden gewesen sei, erzählt QuintilianusQuintil. Inst, or. III. 1, 19.. Die Redeweise des Antonius war kräftig, feurig, leidenschaftlich im Vortrage, sich nach allen Seiten hin verwahrend, den Kern der Sache erfassend, bei jedem Gegenstande verweilend, mit Anstand sich zurückziehend, hitzig verfolgend, in Schrecken setzend, flehend, ausgezeichnet durch die größte Mannigfaltigkeit der Rede, nie langweilend. Besonders that er sich hervor durch leichte Auffassung, Scharfsinn, durchdringenden Verstand und Klarheit des Denkens, so daß er sofort die nöthigen Sachen, Gedanken und Beweisgründe auffand und Alles auf das Zweckmäßigste und Wirksamste zu ordnen verstand. Dabei besaß er ein vortreffliches Gedächtniß; wenn er redete, hatte man nie den Gedanken, er habe seine Rede auswendig gelernt, sondern er schien immer unvorbereitet aufzutreten. Daher ertheilt ihm Cicero in dem zweiten Buche den Vortrag über die Erfindung, Anordnung und das Gedächtniß. Auf seinen Ausdruck legte er wenig Sorgfalt; aber in der Auswahl, Stellung und Verbindung der Worte und noch mehr in der Ausschmückung der Gedanken und der dahin gehörigen Redefiguren zeigte er sich als wahrer Künstler. Ganz vorzüglich wird auch sein äußerer Vortrag gerühmt. Seine Gebärden drückten nicht die einzelnen Worte aus, aber sie entsprachen den Gedanken; Hände, Schultern, Brust, das Aufstampfen mit dem Fuße, die Stellung, der Gang und jede Bewegung stand mit den Sachen und Gedanken in Einklang. Seine Stimme hatte Ausdauer, war aber von Natur etwas heiser; doch kam ihm diesem Fehler bei traurigen Stellen gut zu Statten, indem der klagende Ton seiner Stimme geeignet war theils Vertrauen einzuflößen theils Mitleid zu erregenCicer. Brut. cap. 37, §. 139–142. u. de orat, III. 9, 32..

4. Die Größe seiner Beredsamkeit verdankte er vorzüglich seiner hohen geistigen Begabung, weit weniger seinen gelehrten Studien. Erst spät und nur oberflächlich befaßte er sich mit der Griechischen Litteratur. Doch da er sich als Proconsul mehrere Tage in Athen aufhielt, hatte er täglich die gelehrtesten Griechen um sich, die ihm ihre Ansichten über die Pflicht und die Wissenschaft des Redners vortrugenCicer. de orat. I. 18, 80.. Aber auf eine gelehrte Bildung legte er wenig Werth, und er stellt daher in dem ersten Buche die Behauptung auf, daß die natürlichen Anlagen und die Erfahrung den Redner bilden. Selbst die Rechtswissenschaft, die doch in so enger Beziehung zu dem Berufe des Redners steht, hatte er nicht erlernt, und er erklärte, die Kenntniß derselben sei für den Redner nicht unumgänglich nothwendigCicer. de orat. I. 38, 172. 45–60..

5. Lucius Licinius CrassusVgl. Ellendt. Proleg. ad Brut. §. 39–42., Sohn des Publius Licinius Crassus, war unter dem Consulate des Gajus Lälius und Quintus Servilius Cäpio (614 n. R. Erb., 140 v. Chr.) geboren. Seine Gemahlin, die Tochter des Augurs Quintus Mucius Scävola, der der Unterredung des ersten Tages beiwohnte, und die Enkelin des weisen Lälius, gebar ihm zwei TöchterCicer. Brut. 58, 211., von denen die ältere an Publius Scipio Nasica verheiratet war. Im J. R. 646 = 108 v. Chr. war er Quästor in Asien, wo er unter der Leitung des Metrodorus aus Skepsis, eines Rhetors von der Schule der neueren Akademie, die Griechischen Wissenschaften kennen lernteCicer. de orat, III. 20, 75.. Auf seiner Rückreise verweilte er längere Zeit in Athen, wo er die ausgezeichnetsten Philosophen der neuen Akademie hörteCicer. de orat. I. 11, 45 u. 46.. Drei Jahre darauf wurde er Volkstribun. Als curulischer Aedil (651 = 103) scheute er keine Kosten, um die öffentlichen Spiele recht prachtvoll zu gebenCicer. de offic. II. 16, 57.. Die Prätur erlangte er 654 = 106 und das Consulat 659 = 95. Da damals viele Italer sich für Römische Bürger ausgaben, die das Bürgerrecht nicht hatten; so erließ er in Gemeinschaft mit seinem Amtsgenossen Quintus Mucius Scävola (der zur Unterscheidung von dem Augur Scävola der Oberpriester genannt zu werden pflegt) das Licinische und Mucianische Gesetz, wodurch bestimmt wurde, daß Niemand für einen Römischen Bürger gelten sollte, der es nicht wäre. Unmittelbar darauf erhielt er als Proconsul die Provinz Gallien. Als Censor (661 = 93) erließ er mit seinem Amtsgenossen Gnäus Domitius Ahenobarbus, wie wir oben (II, 6.) gesehen haben, eine Verordnung, durch welche die Schulen der Lateinischen Rhetoren geschlossen wurden. Die Verschiedenheit des Charakters beider Censoren war die Ursache vieler Streitigkeiten unter ihnenPlin. H. N. 17, 1. Cicer. Brut. 44, 164.. Auch war er AugurCicer. de orat. I. 10, 39.. Er starb im J. R. 663 (= 91 v. Chr.) in seinem fünfzigsten Lebensjahre unter dem Consulate des Lucius Marcius Philippus und Sextus Julius Cäsar, zehn Tage nach diesen von Cicero aufgezeichneten Unterredungen, in Folge der zu großen Anstrengung, mit der er im Senate gegen den leidenschaftlichen Consul Philippus gesprochen hatteCicer. de orat. III. 1, 1 sqq.. Sein Tod wird von Cicero zu Anfang des dritten Buches vom Redner auf wahrhaft ergreifende Weise und in unvergleichlich schöner Sprache erzählt.

6. Schon in früher Jugend trat er als Redner aufCicer. de orat. I. 17, 78. III. 20, 74.. In seinem zweiundzwanzigsten Jahre klagte er den Gajus Carbo, einen sehr angesehenen und beredten Mann, wegen seines aufrührerischen Tribunats an, erregte durch die gewaltige Beredsamkeit, mit der er den Carbo niedergedonnert hatte, allgemeine Bewunderung und erntete das größte Lob einCicer. de orat. I. 10, 40. III. 20, 74. Brut. 43, 159., und in kurzer Zeit wurde er zu den ersten Rednern gezählt. Von seinen vielen Reden führt CiceroCicer. Brut. cap. 43 u. 44. Vgl. Ellendt. Proleg. ad Brut. §. 40. mehrere namentlich an; die berühmtesten derselben sind die eben genannte, die für die Jungfrau Licinia, die für Gnäus Plancus gegen Marcus Brutus, die für den Manius Curius gegen Scävola, den Oberpriester, und seine letzte Rede (cygnea vox), die er im Senate gegen den Consul Philippus hielt, von der, wie CiceroCicer. de orat III. 1, 3. berichtet, alle Einsichtsvollen einstimmig geurtheilt hatten, Crassus habe zu jeder Zeit alle anderen Redner, an jenem Tage aber sich selbst übertroffen. Von einigen seiner Reden sind auch einzelne Bruchstücke aufbewahrtS. Ellen dt. Proleg ad Brut, §. 41., die, so spärlich sie auch sind, uns doch die Vortrefflichkeit seiner Beredsamkeit erkennen lassen. Von der wahrhaft erschütternden Gewalt seiner Rede gibt uns das aus seiner letzten Rede von CiceroCicer. de orat. III. 1, 4. aufbewahrte herrliche Bruchstück einen glänzenden Beweis.

7. Was seinen Bildungsgang betrifft, so wird uns berichtet, daß Lucius Cälius Antipater, der eine Geschichte des zweiten Punischen Krieges schrieb und auch der Rechtswissenschaft kundig war, sein Lehrer warS. Ellendt. ad Cicer. de orat. II. 13. 54., und daß er mit dem Dichter Archias in freundschaftlichem Verkehre lebteCicer. pro Arch. poeta 3, 6.. Daß er bei seinem Aufenthalte in Asien und Athen die Vorträge Griechischer Philosophen und Rhetoren hörte, haben wir kurz zuvor (Nr. 5.) gesehen. Das Griechische sprach er mit derselben Geläufigkeit wie seine MutterspracheCicer. de orat. II. 1, 2.. Wie er sich in seiner Jugend durch Wiedererzeugung gelesener Stellen aus Dichtern und Rednern und durch Uebersetzen Griechischer Redner in's Lateinische in der Ausbildung seiner Rede geübt habe, erzählt er uns selbstCicer. de orat. I. 34, 154 u. 155.. Obwol schon seit seiner frühen Jugend von vielen Berufsgeschäften in Anspruch genommen, hatte er sich doch umfassende gelehrte Kenntnisse angeeignet, obwol er den Schein eines Gelehrten auf jede Weise zu vermeiden suchte. Die Griechischen Gelehrten schätzte er wegen ihrer Gelehrsamkeit, ihres Geschmackes und ihrer Gewandtheit im Reden; aber ihre spitzfindigen und kleinlichen Streitigkeiten verwarf er. In der Rechtswissenschaft war er ganz besonders erfahren, und da dieselbe zu seiner Zeit noch wenig angeordnet war, so gedachte er von ihr ein wissenschaftliches Lehrgebäude auszuarbeiten und herauszugebenCicer. de orat. I. 42, 190. II. 33, 142. Brut. 38, 145..

8. Mit seinen ausgezeichneten Geistesgaben und seiner umfassenden Gelehrsamkeit verband er einen edelen und liebenswürdigen Charakter. Würde, Ernst und Strenge waren mit Freundlichkeit, Milde und Leutseligkeit gepaart. Auch besaß er feinen Scherz und Witz. Auf die Ausarbeitung seiner Reden verwandte er große Sorgfalt; in der Erörterung der Sachen zeigte er dialektischen Scharfsinn. So oft es sich um die Rechtswissenschaft, um Recht und Billigkeit handelte, entwickelte er einen großen Reichtum an Beweisgründen und Beispielen. Seine Darstellung zeichnete sich durch Genauigkeit, Geschmack und Schönheit aus, ohne jedoch eine peinliche Ängstlichkeit zu verraten, und was schwierig ist, er verstand den größten Schmuck und die größte Kürze der Rede zu verbinden. Sein äußerer Vortrag war ruhig, gemessen und würdig; nicht warf er den Körper viel hin und her, nicht wandte er in der Stimme eine künstliche Tonleitung an, nicht lief er auf der Rednerbühne auf und ab, nicht stampfte er häufig mit dem Fuße; aber, wo es Noth that, wurde sein Vortrag feurig und zuweilen zornig und voll des gerechten SchmerzesUeber die Eigenschaften, die Crassus als Redner besaß, s. Cicer. Brut. c. 38, 143–148. c. 43 sqq. de orat. II. 45, 188. III. 9, 33.. Wegen seiner großen Geschicklichkeit in der Darstellung und in dem äußeren Vortrage läßt Cicero den Crassus in dem dritten Buche diese beiden Gegenstände abhandeln. Zu Antonius bildet Crassus einen Gegensatz, indem jener den praktischen Redner darstellt und die Beredsamkeit als eine durch natürliche Anlagen und Erfahrung gewonnene Redegewandtheit betrachtet, dieser dagegen den gelehrten und wissenschaftlich gebildeten Redner vertritt und die Beredsamkeit als eine hohe und schwierige Wissenschaft und Kunst ansieht.

9. Quintus Mucius Scävola mit dem Beinamen Augur, Schwiegersohn des weisen Lälius und Schwiegervater des genannten Crassus, war zur Zeit der in unseren Büchern mitgeteilten Unterredungen ein Greis von achtzig Jahren. Im Jahre Roms 633 (= 121 v. Chr.) war er Prätor in Asien und 637 (= 117 v. Chr.) Consul mit Lucius Cäcilius Metellus. Er zeichnete sich durch gründliche Kenntniß der Rechtswissenschaft aus, die gleichsam ein Erbgut der Mucischen FamilieCicer. Brut. 26, 102. war. Daher läßt ihn Cicero in dem ersten Buche Einiges für die Rechtswissenschaft sagen. Auch hatte er sich unter dem berühmten Stoischen Philosophen Panätius mit der Philosophie beschäftigtCicer. de orat. I. 17, 75.. Bis in sein spätestes Alter, selbst bei schon geschwächter Gesundheit, bewies er als Senator und Rechtsgelehrter eine unermüdliche Tätigkeit, und sobald der Tag anbrach, gab er Allen, die sich bei ihm wegen des Rechtes Raths erholen wollten, ZutrittCicer. Philipp. VIII. 10, 31. de orat. I. 46, 200.. Dabei besaß er in seinem Benehmen eine ausnehmende LiebenswürdigkeitCicer. de orat. I. 55, 234.. Zu ihm wurde Cicero nach Annahme der männlichen Toga von seinem Vater geführt, um von ihm die Rechtswissenschaft zu erlernenCicer. de amicit. I. 1.. Cicero läßt ihn nur an der ersten Unterredung im ersten Buche Theil nehmen und noch an demselben Tage Abends die Gesellschaft verlassen.

10. Gajus Aurelius Cotta und Publius Sulpicius Rufus, zwei junge hoffnungsvolle Männer, waren beide in demselben Jahre (J. R. 630 = 124 v. Chr.) zu Rom geboren, also zur Zeit dieser Gespräche dreiunddreißig Jahre alt. Diese beiden jungen Männer, die den Crassus auf seinem Landgute besuchten, wohin auch Antonius und Scävola kamen, sind die Veranlassung zu diesen Gesprächen, indem sie, nachdem Crassus die Rede auf die Beredsamkeit gebracht hatte, die beiden großen Redner ersuchten ihre Ansicht über diese Kunst ausführlich darzulegen. Cotta bewarb sich gerade damals um das Volkstribunat. Da er aber nach dem Varischen Gesetze, nach welchem diejenigen, welche die Bundesgenossen zum Kriege gegen Rom gereizt hatten, zur Untersuchung gezogen werden sollten, angeklagt wurde; so begab er sich in eine freiwillige VerbannungCicer. de orat. III. 3, 11. Ueber Cotta vgl. Ellendt. Proleg, ad Brut. §. 52 u. 53., aus der er im J. R. 672 (= 82 v. Chr.) zurückkehrte. Im Jahre R. 679 (= 75 v. Chr.) erhielt er mit Livius Octavius die Consulwürde. Nach dem Consulate wurde ihm die Provinz Gallien zu Theil, wo er starbCicer. in Pis. 26..

11. Er war ein Freund des Cicero und hatte diesem die in diesen Büchern enthaltenen Unterredungen mitgetheiltCicer. de orat. I, cap. 7.. Mit der Philosophie der neuen Akademiker hatte er sich sorgfältig beschäftigt, weßhalb ihn auch Cicero in dem dritten Buche von dem Wesen der Götter als Akademiker gegen die Ansichten des Epikurus und des Zeno auftreten läßt. Auch ein tüchtiger RednerCicer. Brut. c. 55 u. 56. de orat. I. 29, 31. III. 8, 81. war er, besonders stark im Erfinden. Seine Rede war rein und fließend, gefeilt und fein, ihren Gegenstand mit den geeignetsten Worten entwickelnd, immer bei der Sache bleibend und sich auf die wichtigsten Beweise mit aller Kraft legend. Da er eine schwache Brust hatte, so wußte er auf sehr geschickte Weise alle Anstrengung zu mäßigen und seine Reden so nach der Schwäche seiner Kräfte einzurichten. Alles war in seiner Rede natürlich, schlicht und gesund, und obwol er durch die Heftigkeit der Rede die Gemüther der Richter nicht bewegen konnte und überhaupt diese Redegattung nicht gebrauchte, so wußte er doch durch seine Behandlungsweise so auf sie einzuwirken, daß sie dasselbe thaten von ihm dazu bewogen, wie wenn sie von Sulpicius leidenschaftlich aufgeregt waren. Er ahmte dem Antonius nach; aber es fehlte ihm dessen Kraft und Nachdruck.

12. Sein Altersgenosse, Publius Sulpicius RufusVgl. Ellendt. Prolog, ad Brut. §. 44., war in dem J. R. 661 (= 93 v. Chr.) Quästor und 664 und 665 (= 90 und 89) Legat im Bundesgenossenkriege unter Gnäus Pompejus Strabo. Bis zu dem Volkstribunate, das er 666 (= 88) unter dem Consulate des Lucius Sulla und Quintus Pompejus erlangte, war sein Benehmen ohne allen Tadel. Als Volkstribun stand er anfänglich auf Seiten der Patrioten, bald aber, durch Ehrgeiz verleitet, ging er zu der Volkspartei über und zeigte sich durch aufrührerische Gesetzvorschläge dem Staate verderblich. So that er, von Marius gewonnen, den Vorschlag, daß der Oberbefehl im Mithridatischen Kriege, den Sulla von dem Staate erhalten hatte, dem Marius übertragen werden sollte. Dieser Vorschlag wurde auch bestätigt und entzündete den furchtbaren Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla. Der Letztere zog jetzt mit seinem nach Asien bestimmten Heere vor Rom, rückte in die Stadt ein und besiegte den Marius. Marius und Sulpicius ergriffen die Flucht, wurden aber in die Acht erklärt. Sulpicius hielt sich auf einem Landgute verborgen, wurde aber, auf die Anzeige eines seiner Sklaven entdeckt, getödtet, und sein Haupt auf der Rednerbühne aufgesteckt.

13. Des Sulpicius Beredsamkeit hatte einen großartigen, fast tragischen CharakterCicer. Brut. cap. 55 u. 56.. Seine Rede war feurig und rasch, ohne jedoch das rechte Maß zu überschreiten. Seine Kraft im Reden, seine Lieblichkeit, seine Kürze war so groß, daß er theils Einsichtsvolle zum Irrtume, theils Gutgesinnte zu weniger guten Gesinnungen verleiten konnteCicer. harusp. respons. 19, 41. Vgl. de orat. II. 47, 197.. Sein äußerer Vortrag wird von CiceroCicer. de orat. I. 29, 131 u. 132. III. 8, 31. Brut. 55, 203. als ganz unvergleichlich geschildert. Hinsichtlich der Bewegung und der ganzen Haltung und Bildung des Körpers war er auf das Vortrefflichste ausgestattet; seine Stimme war voll, lieblich, hellklingend; in allen seinen Bewegungen zeigte er den würdevollsten Anstand. Als junger Mann von dreißig Jahren erregte er durch die Rede, in der er den Norbanus anklagte, durch das Feuer und die Gewalt seiner Rede allgemeine Bewunderung. Aber es fehlte ihm die wissenschaftliche Bildung, und das Studium der Philosophie verschmähte er gänzlich; die Kenntniß der gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen genügte ihm für die Beredsamkeit, und selbst hiervon war ihm Vieles unbekannt, was er dann erst aufsuchte, wenn es die Sache, die er verhandeln sollte, verlangteCicer. de orat. III. 36, 146. – Ueber des Sulpicius Rede gegen den Norbanus s. Cicer. de orat. II. 21, 89. 47, 197.. Dem Crassus, zu dessen großartiger und herrlicher Redeweise ihn seine eigene Naturanlage leitete, suchte er nachzuahmen und schaute ihn stäts mit ganzem Geiste und Gemüthe als sein Vorbild an; aber erreichen konnte er ihn nicht; dazu fehlte ihm die wissenschaftliche Bildung und der feine Witz des CrassusCicer. de orat. II. 21, 89. Vgl. III. 12, 47..

14. Am zweiten Tage unserer Gespräche kommen noch zwei Männer zum Crassus und nehmen an den Unterredungen Theil, nämlich die beiden Brüder Quintus Lutatius Catulus und Gajus Julius Cäsar Strabo. Beide hatten die Popilia zur Mutter; ihre Väter aber waren verschieden, da Popilia sich zum zweiten Male mit Lucius Cäsar verheiratet hatteUeber Catulus s. Ellendt. Proleg, ad Brut. §. 32.. Catulus, im J. R. 652 (= 102 v. Chr.) mit Gajus Marius Consul, ist eine aus der Geschichte, namentlich durch den Sieg, den er in Gemeinschaft mit Marius über die Cimbern erkämpfte, hinlänglich bekannte Persönlichkeit. Später wurde Marius sein ärgster Feind und ertheilte den Befehl zu seiner Ermordung; doch kam dieser demselben zuvor, indem er sich selbst das Leben nahm.

15. Aber nicht bloß ein großer Feldherr war Catulus, sondern auch ein sehr gelehrter MannCicer. Brut. cap. 35.. In der Litteratur war er sehr bewandert. Von der Griechischen Sprache hatte er wie von seiner Muttersprache die feinste Kenntniß. Ueber sein Consulat und seine Thaten schrieb er ein Buch in der sanften Xenophonteischen Schreibart. Der Ton seiner Stimme war angenehm, namentlich wurde die sanfte Art die Laute der Worte auszusprechen gelobt. Wegen seiner Bekanntschaft mit der Griechischen Litteratur läßt ihn Cicero im dritten Buche vom Redner (Kap. 32.) reden. Seine Rede zeichnete sich durch die größte Reinheit aus; sie war ferner gewichtvoll, doch so, daß sie mit der größten Würde alle Leutseligkeit und heitere Laune verband, kurz so ausgearbeitet, daß durch jeden Zusatz oder Veränderung oder Weglassung sein Vortrag verschlechtert worden wäreCicer. de orat. III. 8, 29. II. 63, 255. 69, 278. Brut. c. 35.. Aber bei allen diesen Vorzügen gelang es ihm nicht das Lob eines großen Sachwalters zu erreichenCicer. Brut. 35, 134..

16. Gajus Julius Cäsar StraboVgl. Ellendt. Prolegom. ad Cic. Brut. §. 45. Ueber den Cäsar als Redner s. Cicer. Brut. cap. 48, 177., der jüngere Bruder des Catulus, wie wir eben gesehen haben, war im J. R. 659 (= 95 v. Chr.) Quästor und 664 (= 90) curulischer Aedil. Im Jahre 667 (= 87) wurde er von Marius ermordet. Als Redner übertraf er alle früheren und alle gleichzeitigen Redner an seinem Witze und Scherze und heiterer Laune. Daher läßt ihn Cicero in dem zweiten Buche vom Redner einen ausführlichen Vortrag über den Witz halten. Eine ganz besondere Art der Beredsamkeit führte er ein, indem er tragische Gegenstände fast komisch, traurige scherzhaft, ernste heiter, gerichtliche mit einer beinahe schauspielmäßigen Anmuth behandelte, und zwar so geschickt, daß weder der Scherz durch die Größe der Gegenstände aufgehoben, noch der Ernst durch den Witz vermindert wurdeCicer. de orat. III. 8, 31.. Aber das Feuer, die Kraft und der Nachdruck der Rede fehlte ihm. Auch hat er Trauerspiele geschrieben, die, wie seine Reden, sanft und ruhig waren, aber des Nachdruckes entbehrtenCicer. Brut. c. 48, 177..

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