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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 69
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LIX. Nützt also die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes dem Redner nichts? Ich kann nicht sagen, daß irgend eine Wissenschaft ohne Nutzen sei, zumal für den, dessen Beredsamkeit mit reichhaltiger Sachkenntnis ausgerüstet sein muß; aber die Kenntnisse, die sich ein Redner aneignen muß, sind so vielfach, wichtig und schwierig, daß ich seine Thätigkeit nicht in noch mehr Beschäftigungen zersplittern möchte. 251. Wer kann leugnen, daß der Redner zu seiner rednerischen Bewegung und Stellung das Gebärdenspiel und den feinen Anstand eines RosciusS. zu Kap. 28. nöthig hat? Und doch dürfte Niemand jungen Männern, die der Beredsamkeit obliegen, den Rath geben auf die Erlernung des Gebärdenspieles, wie Schauspieler, Fleiß und Mühe zu verwenden. Was ist dem Redner so nothwendig, als die Stimme? Und doch wird Niemand, der sich der Beredsamkeit befleißigt, wenn er meinen Rath hören will, der Ausbildung seiner Stimme sich so ergeben, wie es die Griechen und die tragischen Schauspieler thun, welche mehrere Jahre hindurch im Sitzen die Kunst des Vortrages üben und täglich, bevor sie ihre Vorträge beginnen, im Liegen ihre Stimme allmählich erhöhen und sie, sobald sie in Bewegung gebracht ist, im Sitzen von dem höchsten Tone bis zum tiefsten sinken lassen und dann gleichsam wieder sammeln. Wollten wir dieß thun, so möchten die, deren Vertheidigung wir übernommen haben, eher verurtheilt werden, als wir so oft, als vorgeschrieben wird, einen PäanUnter Päan ist hier nicht der Versfuß Päan (˘ ˘ ˘ oder ˘˘ ˘ oder ˘ ˘˘ oder ˘ ˘ ˘ –) zu verstehen, sondern die Melodie eines Siegesgesanges. oder Munionumionem. Die Lesart ist verderbt; sehr viele, zum Theil sehr scharfsinnige Muthmaßungen sind von den Herausgebern aufgestellt worden. S. Ellendt. abgesungen hätten. 252. Wenn wir nun auf das Gebärdenspiel, das doch dem Redner von großem Nutzen ist, und auf die Stimme, die vor Allem die Beredsamkeit empfiehlt und unterstützt, nicht besonders großen Fleiß verwenden dürfen und in Beidem nur so viel erreichen können, als uns in dem Schlachtgetümmel unserer täglichen Geschäfte Zeit dazu verstattet wird: um wie viel weniger dürfen wir uns auf die Erlernung und Beschäftigung mit dem bürgerlichen Rechte einlassen? In der Hauptsache läßt sich dasselbe auch ohne Unterweisung fassen und unterscheidet sich darin von jenen Gegenständen, daß die Stimme und das Gebärdenspiel nicht plötzlich angenommen und anderswoher aufgerafft werden kann, was hingegen aus der Rechtswissenschaft für jede einzelne Streitsache nützlich ist, selbst bei der größten Eile entweder von Rechtskundigen oder aus Büchern entlehnt werden kann. 253. So haben bei den Griechen die beredtesten Männer bei ihren Verhandlungen Rechtskundige in ihren Diensten, ich meine die, welche, wie von dir kurz zuvorKap. 45, §. 198. bemerkt wurde, Pragmatiker heißen, da sie selbst in der Rechtswissenschaft sehr unerfahren sindDen Zusatz quom ipsi imperitissimi oder, wie die Handschriften haben, peritissimi halten Henrichsen und Ellendt für unächt.. Hierin verfuhren freilich die Unsrigen weit besser, indem sie die Gesetze und Rechte durch das Ansehen der berühmtesten Männer geschützt wissen wollten. Aber doch würde dieses den Griechen nicht entgangen sein, wenn sie es für so nothwendig erachtet hätten den Redner selbst im bürgerlichen Rechte zu unterrichten und ihm nicht einen Pragmatiker als Gehülfen zur Seite zu setzen.

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