Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

LIV. 231. Der Römer und Consular ahmte jenem alten Sokrates nach, der, da er der weiseste unter Allen war und den unsträflichsten Lebenswandel geführt hatte, in dem peinlichen Gerichte für sich so redete, daß er nicht ein flehender oder Beklagter, sondern ein Lehrmeister und Gebieter der Richter zu sein schien. Ja als ihm der berühmte Redner LysiasLysias, Sohn des Kephalos aus Syrakus, geb. 458 v. Chr., gest. 379, einer der berühmtesten Redner Athens, von dem wir noch 44 Reden übrig haben. eine geschriebene Rede brachte, die er, wenn es ihm gefiele, auswendig lernen möchte, um von ihr im Gerichte für sich Gebrauch zu machen; so las er sie nicht ungern und erklärte, sie sei recht schön abgefaßt. Aber, fuhr er fort, wie ich, wenn du mir SicyonischeDie Bewohner von Sikyon, einer Stadt in der Nähe von Korinth, trugen weiche und sehr bequeme Schuhe. Schuhe brächtest, sie nicht gebrauchen würde, so bequem sie auch sitzen und für den Fuß passen möchten, weil sie für Männer nicht anständig sind; ebenso scheint mir jene Rede beredt und rednerisch, aber nicht in gleichem Grade kräftig und männlich. So geschah es denn, daß auch jener verurtheilt wurde, und nicht allein bei der ersten Abstimmung, bei welcher die Richter nur entschieden, ob sie ihn verurtheilten oder freisprächen, sondern auch bei der zweiten, die sie nach den Gesetzen vornehmen mußten. Es bestand nämlich zu Athen für den Beklagten nach seiner Verurtheilung, wenn auf seinem Verbrechen nicht die Todesstrafe stand, gleichsam eine Abschätzung der StrafeWenn für ein Verbrechen in den Gesetzen keine bestimmte Strafe festgesetzt war, so schlug zuerst der Ankläger eine Strafe vor, darauf wurde der Beklagte von den Richtern gefragt, welcher Strafe er selbst sich würdig schätze. Nachdem der Beklagte sich selbst eine Strafe bestimmt hatte, so entschieden die Richter bei der zweiten Abstimmung, welche von beiden Strafen gültig sein solle, oder setzten zuweilen auch eine Vermittelung zwischen beiden Strafen fest., 232. und der Beklagte wurde, wenn die Dichter zur Abstimmung aufgefordert wurden, zuvor gefragt, was denn das für eine Strafe sei, die er nach seiner Abschätzung verdient zu haben bekenne. Als man dem Sokrates diese Frage vorgelegt hatte, erwiderte er, er habe verdient, daß man ihn durch die höchsten Ehren und Belohnungen auszeichne und ihm den täglichen Lebensunterhalt in dem PrytaneumDas Prytaneum auf der Burg zu Athen war das Stadthaus, wo 50 Prytanen, d. h. obrigkeitliche Personen (Senatoren), die in jedem Monate der Staatsverwaltung vorstanden, auf öffentliche Kosten speisten; eben daselbst wurden auch um den Staat wohlverdiente Männer gespeist. Diese Einrichtung war von Solon gestiftet worden. auf Staatskosten reiche: eine Ehre, die bei den Griechen für die größte gehalten wird. 233. Ueber diese Antwort entbrannten die Richter so von Zorn, daß sie den unschuldigsten Mann zum Tode verurtheilten. Gesetzt, er wäre freigesprochen worden (was ich in der That, wenn uns die Sache auch weiter nichts angeht, doch wegen seiner Geistesgröße wünschte): wie konnten wir jene Philosophen ertragen, die auch jetzt, nachdem jener wegen keiner anderen Schuld, als wegen seiner Unkunde im Reden verurtheilt worden ist, gleichwol behaupten, man müsse von ihnen die Regeln der Beredsamkeit entlehnen? Ich will mit ihnen nicht streiten. welche von beiden Wissenschaften die bessere oder ächtere sei; aber so viel behaupte ich, daß die Philosophie etwas Anderes sei, als die Beredsamkeit, und daß diese auch ohne jene höchst vortrefflich sein könne.

 << Kapitel 63  Kapitel 65 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.