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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 62
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LII. 223. Einen mit eindringendem Verstande ausgerüsteten und von Natur und durch Uebung gewandten Mann haben wir nöthig, der mit Scharfsinn erforschen kann, was seine Mitbürger und die Menschen, denen er durch seinen Vortrag eine Ueberzeugung einflößen will, denken, empfinden, meinen, erwarten; er muß gleichsam die Adern jedes Geschlechtes, Alters und Standes kennen und die Gedanken und Empfindungen derer, vor denen er jetzt oder später als Redner auftreten will, prüfen. 224. Die Schriften der Philosophen aber spare er sich für eine solche Tusculanische Erholung und Muße, wie wir sie jetzt genießen, auf, damit er, wenn er einmal über Gerechtigkeit und Treue reden muß, seine Gedanken nicht von Plato zu entlehnen braucht, der, als er seine Lehren hierüber niederzuschreiben gedachte, einen neuen Staat in seinen SchriftenIn den zehn Büchern über den Staat. erdichtete. Bis zu dem Grade entfernten sich die Ansichten, die er über die Gerechtigkeit vortragen zu müssen glaubte, von dem gewöhnlichen Leben und den Sitten der Staaten. 225. Würden solche Grundsätze unter den Völkern und in den Staaten gutgeheißen, wie hätte man dir, Crassus, dem berühmtesten, angesehensten und ersten Mann im Staate gestatten können vor der zahlreichsten Versammlung deiner Mitbürger solche Aeußerungen zu thunDie folgende Stelle ist aus einer Rede entlehnt, die Crassus i. J. 106 v. Chr. hielt, um die Bill des Consuls Quintus Servilius Cäpio zu unterstützen, in welcher der Vorschlag gemacht war, daß die Gerichtspflege, die seit dem J. 122 v. Chr. in den Händen der Ritter war, gemeinschaftlich von den Rittern und dem Senate verwaltet werden sollte. Die Römischen Ritter hatten sich nämlich der größten Ungerechtigkeit und Grausamkeit gegen den Senat schuldig gemacht. Doch ging der Vorschlag wahrscheinlich nicht durch.: »Entreißt uns dem Elende, entreißt uns dem Rachen derer, deren Grausamkeit durch unser Blut nicht gesättigt werden kann; laßt nicht zu, daß wir irgend Einem dienen, außer euch allen insgesamt, denen wir dienen können und müssen.« Ich übergehe das Elend, in dem sich nach den Lehrsätzen der Philosophen ein tapferer Mann nicht befinden kann; ich übergehe den Rachen, dem du entrissen sein willst, damit dein Blut nicht durch unbillige Gerichte ausgesogen werde: was doch nach der Meinung jener einem weisen Manne nicht begegnen kann: wie aber konntest du dich unterfangen zu sagen, nicht nur du, sondern der gesammte Senat, dessen Sache du damals führtest, diene? 226. Kann die Tugend, Crassus, dienen, wenn du die Ansicht dererEr meint die Stoiker. billigst, deren Lehrsätze du in des Redners Wissenschaft aufnimmst? sie, die immer und allein frei ist und die, mag auch der Körper durch Waffengewalt gefangen oder durch Fesseln gebunden sein, dennoch ihr Recht und ihre Freiheit in allen Dingen ungeschmälert behaupten muß. Nun vollends der Zusatz: der Senat könne nicht nur dem Volke dienen, sondern müsse es auch! Welcher Philosoph ist so weichlich, so schlaff, so entnervt, bezieht so Alles auf den sinnlichen Genuß und auf den Schmerz, daß er die Aeußerung billigen könnte, der Senat diene dem Volke, der Senat, dem das Volk die Gewalt seiner Leitung und Lenkung wie Zügel in die Hände gegeben hat?

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