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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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Drittes Buch

I. 1. Indem ich es unternehme, mein lieber Bruder Quintus, das Gespräch, das Crassus nach des Antonius Vortrage gehalten hatte, mitzutheilen und in diesem dritten Buche aufzuzeichnen, erneuert eine recht herbe Erinnerung in meinem Innern eine alte Trauer und schmerzliche Verstimmung. Denn jener der Unsterblichkeit würdige Geist, jene ächt menschliche Bildung, jene Tugend des Lucius Crassus erlosch durch einen plötzlichen Tod, kaum zehn Tage nach dem Tage, den dieses und das vorige Buch umfaßt. 2.Als er nämlich am letzten Tage der Theaterspiele Die Theaterspiele (Trauerspiele und Lustspiele) bildeten einen Theil der Römischen Spiele: wegen dieser s. zu BuchI. Kap.7. Anm.88. nach Rom zurückgekehrt war, hatte er eine heftige Gemüthserschütterung über die Rede, die, wie er hörte, Philippus Ueber den Consul Philippus und den Volkstribun Drusus S. zu BuchI. Kap.7. Anm.86. in einer Vollversammlung gehalten hatte, in der er bekanntlich die Aeußerung that, nach einer anderen Rathsversammlung müsse er sich umsehen, mit dem jetzigen Senate könne er für die Wohlfahrt des Staates Nichts ausrichten. Am dreizehnten September des Morgens begab er sich auf Ladung des Drusus in die Curie, wo sich der Senat zahlreich einfand. Hier trug Drusus viele Beschwerden gegen Philippus vor, und insonderheit stattete er dem Senate Bericht über die harten Schmähungen ab, mit denen der Consul diesen Stand in der Volksversammlung angegriffen hatte. 3.Bei Diese Periode habe ich etwas frei übersetzen müssen, da die anakoluthische Konstruktion, deren sich Cicero bedient hat, eine durchaus treue Uebertragung unmöglich zuläßt. dieser Gelegenheit redete Crassus, wie ich oft die einsichtsvollsten Männer einmüthig habe behaupten hören, unvergleichlich schön. Denn obwol ihm, so oft er einige Sorgfalt auf seine Reden verwendete, fast immer das Glück zu Theil wurde, daß man von ihm rühmte, er habe nie besser geredet, so urtheilten doch damals Alle einhellig so, Crassus habe zu jeder Zeit alle anderen Redner, an diesem Tage aber sich selbst übertroffen. Er beklagte nämlich das Mißgeschick und die verwaiste Lage des Senates, da diesem Stande von dem Consul, der demselben gleichsam ein guter Vater oder treuer Vormund sein sollte, wie von einem verruchten Räuber die angeerbte Würde Die Gerichtsbarkeit. S. zu Buch I. Kap. 7. Anm. 86. entrissen werde; und wahrlich man dürfe sich nicht wundern, wenn er, der durch seine Rathschläge den Staat zu Grunde gerichtet habe, nun auch die Rathschläge des Senates dem Staate entziehen wolle. 4.Als er durch diese Worte den Philippus, einen leidenschaftlichen, beredten und besonders zum Widerstande entschlossenen Mann, gleichsam in Flammen gesetzt hatte, so konnte dieser sich nicht länger halten sondern entbrannte von heftigem Zorne und gedachte durch Auspfändung Die Consuln hatten das Recht Senatoren auspfänden zu lassen und eine Geldstrafe über sie zu verhängen, wenn sie ohne triftigen Grund im Senate nicht erschienen, oder wenn sie die Würde des Consuls verletzten. Zuerst wurden ihnen Pfänder weggenommen, dann aber wurde nach Untersuchung der Sache eine Geldstrafe bestimmt. Nach Bezahlung des Geldes wurden die Pfänder zurückgegeben; wurde aber das Geld nicht bezahlt. so werden die Pfänder vernichtet oder verkauft. S. Henrichsen zu dieser Stelle. den Crassus zur Ordnung zu verweisen. Aber gerade bei dieser Veranlassung sagte Crassus Vieles in begeisterter Rede, wie man rühmend erzählt, indem er erklärte, den könne er nicht als einen Consul anerkennen, der ihn nicht als Senator anerkenne. »Du, der du das ganze Ansehen des gesammten Standes einem Pfande gleich geachtet und vor den Augen des Römischen Volkes vernichtet hast Durch die oben erwähnte Aeußerung: »nach einer anderen Rathsversammlung müsse er sich umsehen« u.s.w., du meinst, ich könne durch diese Pfänder eingeschüchtert werden? Nicht sie mußt du vernichten, wenn du den Lucius Crassus zur Ordnung verweisen willst; nein, diese Zunge mußt du mir aufschneiden; ja wenn du diese herausgerissen hast, so wird mein Freiheitsgefühl auch noch mit dem bloßen Athem deiner Willkür widerstreben.«

II. 5. Es ist bekannt, daß er damals sehr Vieles mit der äußersten Anstrengung seines Gemüthes, seines Geistes und seiner Körperkräfte redete und in den schönsten und nachdrücklichsten Worten auf den Beschluß antrug, den auch der zahlreich versammelte Senat genehmigte, um dem Römischen Volke Genüge zu leisten, habe es der Senat dem Gemeinwesen weder an seinem Rathe noch an redlichem Willen fehlen lassen, und daß er gleichfalls, wie aus den zur Beglaubigung vorgesetzten Namen Einem Senatsbeschlusse setzten zur Beglaubigung diejenigen, welche demselben beistimmten, ihre Namen vor ( praescribebant). zu ersehen ist, bei der Aufzeichnung des Beschlusses gegenwärtig war. 6. Das war der Schwanengesang des unvergleichlichen Mannes, und gleichsam hoffend ihn noch zu vernehmen gingen wir Cicero, damals etwa 16 Jahre alt, besuchte kurz nach dem Tode des Crassus zum ersten Male die Curie. nach seinem Tode in die Curie, um die Stätte selbst zu betrachten, wo er zuletzt gestanden hatte. Denn schon während der Rede so hörten wir empfand er Seitenstechen, das von einem starken Schweiße begleitet wurde; hierauf trat Frostschauer ein. So kehrte er mit Fieber nach Hause zurück, und sieben Tage darauf starb er am Seitenstechen. 7.Owie trügerisch ist der Menschen Hoffnung, wie hinfällig ihr Glück, wie eitel unsere Bestrebungen, die oft mitten aus der Bahn zerschellen und zusammenstürzen oder während des Laufes selbst von den Fluten verschlungen werden, ehe sie den Hafen erblicken können. Denn so lange des Crassus Leben von den Mühen der Amtsbewerbung in Anspruch genommen war, stand er zwar durch seine außerordentlichen Dienstleistungen und durch die Vorzüge seines Geistes in großem Ansehen; aber weniger erfreute er sich des Genusses seiner hohen Stellung im Staate und der Würde, die er sich durch Verdienste um das Gemeinwesen erworben hatte. Das erste Jahr aber, das ihm nach Verwaltung der Ehrenämter unter allgemeiner Billigung den Zugang zu dem höchsten Ansehen eröffnete Crassus, damals 50 Jahre alt, hätte sich nun nach Verwaltung der höheren Ehrenämter (im Jahre 95 v.Chr. war er Consul und im Jahre 93 Censor gewesen) von den Staatsgeschäften zurückziehen und im Genusse der höchsten Ehre und des höchsten Ansehens bei seinen Mitbürgern seine Zeit glücklich verleben können, wenn ihn nicht der Tod plötzlich dahingerafft hätte., vereitelte durch den Tod alle seine Hoffnungen und alle seine Lebenspläne. 8.Jammervoll war dieß für die Seinigen, herb für das Vaterland, schmerzlich für alle Gutgesinnten; aber gleichwol sind nachher solche Mißgeschicke über den Staat gekommen, daß ich glauben muß, die unsterblichen Götter haben dem Lucius Crassus das Leben nicht entrissen, sondern den Tod geschenkt. Nicht sah er Italien vom Kriege Er meint den Marsischen oder Italischen Krieg, den Bundesgenossenkrieg (9180 v.Chr.), in Folge dessen allen Römischen Bundesgenossen das Bürgerrecht ertheilt wurde. entbrannt, nicht den Senat von glühendem Hasse verfolgt Der Senat hatte sich so großen Haß zugezogen, weil man glaubte, daß der Bundesgenossenkrieg durch die Hartnäckigkeit, mit der er den Bundesgenossen das Bürgerrecht verweigerte, hervorgerufen worden sei. Der Volkstribun Varius Hybrida hatte den Gesetzesvorschlag gemacht, daß eine gerichtliche Untersuchung über diejenigen gehalten werden sollte, die den Bundesgenossenkrieg veranlaßt hätten. Dieser Vorschlag wurde mit gewaffneter Hand durchgesetzt., nicht die Häupter des Staates eines verruchten Frevels angeschuldigt, nicht die Trauer der Tochter Die ältere Tochter des Crassus war die Gattin des Publius Scipio Nasica, der in dem Bürgerkriege auf Seiten des Gajus Marius stand und von seinen Truppen im Stich gelassen in die Hände des Sulla gerieth und von diesem verbannt wurde., nicht die Verbannung des Eidams, nicht die schmähliche Flucht des Gajus Marius Gajus Marius hatte es im Jahre 88 v.Chr. mit Hülfe des Volkstribunen Sulpicius durchgesetzt, daß ihm von dem Volke der Oberbefehl im Mithridatischen Kriege übertragen wurde, obwol derselbe schon dem Sulla vom Senate zuerkannt worden war. Der Consul Sulla flüchtete aus Rom zu seinem bei Nola stehenden Heere und rückte dann mit demselben vor Rom gegen Marius. Dieser wurde besiegt, entkam aber durch die Flucht, auf welcher der siebzigjährige Greis die schrecklichsten Drangsale erleiden mußte. Sulla zog darauf gegen Mithridates; Marius aber, die Abwesenheit des Sulla benutzend, rückte mit Cinna vor Rom, eroberte es und nahm blutige Rache., nicht jene allergrausamsten Mordgräuel nach dessen Rückkehr, nicht endlich den Staat in jeder Hinsicht entehrt Diese Worte beziehen sich auf die Schreckensherrschaft des Sulla, die im J.82 v.Chr. nach seiner Rückkehr begann., in dessen höchster Blüte er selbst Alle an Ruhm weit überragt hatte.

III. 9. Und da ich einmal in meiner Betrachtung die Gewalt und den Wechsel des Schicksals berührt habe, so soll mein Vortrag nicht zu weit abschweifen, sondern sich etwa gerade auf die Männer beschränken, die an der Unterredung, die ich mitzutheilen unternommen habe, Theil genommen haben. Denn wer möchte nicht mit Recht jenen Tod des Lucius Crassus, der von so Vielen und so oft beweint worden ist, glücklich preisen, wenn er sich das Lebensende gerade derer, die sich damals mit jenem zum letzten Male unterredet haben, vergegenwärtigt? Wir wissen ja, wie Quintus Catulus, ein in jeder Beziehung ausgezeichneter Mann, obwol er nicht um Erhaltung seiner glücklichen Verhältnisse, sondern nur um Anwendung der Verbannung und Flucht bat, gezwungen wurde sich das Leben zu nehmen S. die Anm. 285 zu B. II. Kap. 3... 10.Des Marcus Antonius Marcus Antonius wurde im J. 86 v.Chr. von dem Volkstribunen Publius Annius auf dem Lande, wohin er sich geflüchtet hatte, auf Befehl des Marius getödtet. Haupt ferner, durch das so vieler Bürger Häupter erhalten worden waren, wurde gerade auf der Rednerbühne, wo er als Consul den Staat so standhaft verfochten, und die er als Censor von seiner Feldherrnbeute geschmückt hatte, öffentlich aufgesteckt. Nicht weit von diesem lag des Gajus Julius Gajus Julius Strabo (s. z.B. b.II. Kap.3. Anm.285.) war in das Taraquiniensische Gebiet in Etrurien geflüchtet, wurde aber daselbst von seinem Gastfreunde Sextilius, den er einst als Redner vertheidigt hatte, verrathen. Haupt, der durch den Frevel eines Etrurischen Gastfreundes verraten worden war, zugleich mit dem Haupte seines Bruders Lucius Julius Lucius Julius Cäsar war im J.89 v.Chr. Consul und im J.88 mit Publius Crassus Censor.. So kann man sagen, daß Crassus mit dem Staate zugleich gelebt hat und mit ihm zugleich verschieden ist. Denn nicht sah er seinen Verwandten, den hochherzigen Publius Crassus Publius Crassus war der Vater des Triumvirs Crassus Dives, im J.97 v.Chr. Consul mit Gnejus Lentulus und im Jahr89 Censor mit Lucius Julius., durch eigene Hand getödtet, auch nicht die Bildsäule der Vesta mit dem Blute seines Amtsgenossen Des Quintus Mucius Scävola, im J.97 v.Chr. Amtsgenosse des Lucius Crassus im Consulate, wurde damals (82) am Altare der Vesta getödtet., des Oberpriesters, bespritzt. Ja bei seiner vaterlandsliebenden Gesinnung würde ihn selbst der abscheuliche Tod seines ärgsten Feindes, des Gajus Carbo Gajus Papirius Carbo Arvina, ein guter Redner, wurde von dem Prätor Damasippus getödtet (82). Seine Feindschaft gegen Crassus rührte vielleicht daher, weil Crassus seinen Vater angeklagt hatte., an ebendemselben Tage mit tiefer Betrübniß erfüllt haben. 11.Nicht sah er die entsetzlichen und kläglichen Mißgeschicke der beiden jungen Männer, die sich einst seiner Leitung gewidmet hatten. Gajus Cotta nämlich, den er in der Blüte der Jahre zurückgelassen hatte, wurde wenige Tage nach dem Tode des Crassus durch den Haß des Volkes von dem Tribunate, um das er sich bewarb S. I. 7, 25., verdrängt und nicht viele Monate nach jener Zeit aus dem Staate verstoßen. Sulpicius aber, der in dieselbe Flamme des Hasses gerathen wäre, ließ in seinem Tribunale die Männer, mit denen er als Privatmann in der vertrautesten Verbindung gelebt hatte, aller ihrer Würden berauben Dieß bezieht sich besonders aus die feindseligen Gesinnungen, die Sulpicius als Tribun gegen seinen früheren vertrautesten Freund Quintus Pompejus Rufus, der im J.88 v.Chr. mit Sulla Consul war, äußerte, auch gegen die Consuln Pompejus und Sulla suchte er gewaltthätig zu verfahren, und den Sohn des Pompejus, der Sulla's Schwiegersohn war, ließ er tödten.; aber er, der dem höchsten Ruhme der Beredsamkeit entgegenblühte, verlor durch das Schwert sein Leben und büßte seine Verwegenheit nicht ohne großen Nachtheil für den Staat Von dem Senate wurde er auf Anstiften Sulla's für einen öffentlichen Feind erklärt und getödtet, und sein Haupt auf der Rednerbühne öffentlich aufgesteckt.. 12.Du aber, Crassus, so urtheile ich, wenn ich die Blüte deines Lebens und die gelegene Zeit deines Todes betrachte du bist nach göttlichem Rathschlusse in die Welt eingetreten und aus ihr geschieden. Denn bei deiner Tugend und Standhaftigkeit wärest du gewiß durch das grausame Schwert des Bürgerkrieges gefallen, oder wenn dich das Geschick vor einem so greulichen Tode bewahrt hätte, so würde es dich doch gezwungen haben Zuschauer bei den Leichenbegängnissen des Vaterlandes zu sein, und nicht allein die Gewaltherrschaft der Schlechtgesinnten, sondern wegen des dabei vergossenen Bürgerblutes selbst der Sieg der Gutgesinnten Unter den Schlechtgesinnten sind die Marianer zu verstehen, weil durch sie die alten Verhältnisse und Gesetze des Staates vernichtet wurden, unter den Gutgesinnten die Sullaner, weil durch sie der Senat in seine alten Gerechtsame wieder eingesetzt wurde und der Senat wenigstens äußerlich seine früheren Einrichtungen erhielt, obwol an und für sich die Sullaner wegen ihrer abscheulichen Grausamkeiten keineswegs dieses Ehrennamens würdig sind. würde dich mit tiefer Trauer erfüllt haben.

IV. 13. Was mich betrifft, mein Bruder Quintus, so pflege ich oft, wenn ich die Unfälle der zuvor genannten Männer und die Leiden, die ich selbst aus unaussprechlich großer Liebe zum Staate erduldet und empfunden habe, überdenke, den Rath als gegründet und weise anzusehen, durch den du mich mit Hinweisung auf so viele, so große und so jähe Unfälle der berühmtesten und vortrefflichsten Männer immer von aller Teilnahme an Kämpfen und Streitigkeiten des Staates abzuziehen suchtest. 14.Doch da dieß nicht mehr in meiner Gewalt steht, und meine sehr großen Mühen durch den großen Ruhm, mit dem sie vergolten sind, gemildert werden; so will ich mich den Trostmitteln, die nicht nur nach Stillung der Widerwärtigkeiten angenehm, sondern auch während ihrer Dauer heilsam für uns sein können, zuwenden und die noch rückständige und beinahe letzte Rede des Lucius Crassus der Nachwelt überliefern und ihm den, wenn auch keineswegs der Größe seines Geistes entsprechenden, doch wegen meiner Liebe zu ihm verdienten und schuldigen Dank erstatten. 15.Ein jeder von uns macht sich ja, wenn er die wunderbar schönen Schriften Plato's liest, die fast alle den Sokrates darstellen, so meisterhaft sie auch abgefaßt sind, doch eine höhere Vorstellung von dem Manne, mit dem sie sich beschäftigen. So fordere ich gleichfalls, zwar nicht von dir, der du meine Schriften immer auf das Vorteilhafteste beurtheilst, wohl aber von den anderen Lesern, die diese Bücher in die Hand nehmen werden, daß sie sich von Lucius Crassus eine höhere Vorstellung machen, als ich ihn darzustellen vermag. 16.Denn da ich der Unterredung selbst nicht beiwohnte, und Gajus Cotta mir nur die Hauptsätze und Grundgedanken ihrer Vorträge mittheilte; so habe ich versucht die Ausdruckweise, wie ich sie bei beiden Rednern keinen gelernt hatte, in ihren Gesprächen in den Hauptzügen nachzubilden. Sollte indeß Einer nach einem herrschenden Vorurtheile der Ansicht sein, Antonius sei magerer oder Crassus voller gewesen, als ich beide eingeführt habe; so muß er zu denen gehören, die jene entweder nicht gehört haben oder nicht beurtheilen können. Denn nicht nur zeichneten sich beide, wie ich vorher dargelegt habe, an Fleiß, Geist und Gelehrsamkeit vor Allen aus, sondern jeder war auch in seiner Art vollkommen, dergestalt, daß der Schmuck der Rede weder bei Antonius fehlte noch bei Crassus in zu vollem Maße da war.

V. 17. Als sie nun vor Mittag auseinander gegangen waren und ein Wenig ausruhten, machte Cotta, wie er mir erzählte, unter Anderem besonders die Bemerkung, daß Crassus die ganze Mittagszeit in dem schärfsten und tiefsten Nachdenken zugebracht habe. Da er seine Miene, wenn er reden sollte, und den Blick seiner Augen beim Nachdenken genau kannte und oft bei den wichtigsten Verhandlungen gesehen hatte; so ging er, während die Anderen ruheten, absichtlich in das Zimmer, wo Crassus sich auf einem Ruhebette niedergelassen hatte, und da er ihn in tiefes Nachdenken versunken bemerkte, zog er sich sogleich zurück, und in dieser Stille gingen etwa zwei Stunden hin. Darauf, als sich der Tag schon zum Nachmittage neigte, kamen Alle zum Crassus, und Julius nahm das Wort: Wie steht's, lieber Crassus? Beginnen wir unsere Sitzung? Doch wir kommen nur, um dich daran zu erinnern, nicht um es von dir zudringlich zu verlangen. 18.Hierauf erwiderte Crassus: Haltet ihr mich für so rücksichtslos, daß ich euch einen Liebesdienst, zumal einen solchen, länger schuldig bleiben könnte? Was wählen wir nun für einen Platz? sagte jener; beliebt es etwa in der Mitte des Lustgehölzes? Denn da ist es am Schattigsten und Kühlsten. Ganz recht, erwiderte Crassus; denn daselbst befindet sich ein Sitz, der sich ganz für unsere Unterredung eignet. Da auch die Anderen damit zufrieden waren, so begab man sich in das Lustgehölz und ließ sich hier nieder in gespannter Erwartung dessen, was man hören werde. 19.Jetzt begann Crassus also: Meine Hochachtung gegen euch und euere Freundschaft, sowie die Gefälligkeit des Antonius benehmen mir, so sehr ich auch dazu berechtigt wäre, alle Freiheit der Weigerung. Doch hat dieser bei der Vertheilung unserer Vorträge, indem er für sich den Stoff auswählte, den der Redner behandeln muß, mir aber die Entwickelung der Art und Weise übrig ließ, wie der Stoff geschmückt werden müsse, Dinge von einander geschieden, die sich nicht trennen lassen. Denn da jede Rede aus Sachen und Worten besteht, so können weder die Worte eine Grundlage haben, wenn man die Sachen entzieht, noch die Sachen Licht, wenn man die Worte davon absondert. 20.Und nach meiner Ansicht wenigstens haben die Alten eine weit erhabenere Vorstellung von der Sache gehabt und darum auch viel weiter gesehen, als was die Schärfe unseres Geistes erschauen kann, wenn sie behaupteten, Alles, was über und unter uns ist, bilde Ein Ganzes und werde durch Eine Kraft und Ein Zusammenwirkung der Natur zusammengehalten. Denn es gibt keine Gattung der Dinge, die losgerissen von den übrigen für sich bestehen, oder deren die übrigen entbehren könnten, wenn sie in ihrer Kraft und ewigen Dauer verbleiben sollen.

VI. 21. Doch sollte diese Ansicht zu erhaben erscheinen, als daß sie der gewöhnliche Mensch mit seinen Sinnen und Gedanken erfassen könnte; so ist doch auch jener Ausspruch Plato's In Epinom. S. 292, A: . wahr und dir, Catulus, gewiß nicht unbekannt, daß das ganze Gebiet aller Wissenschaften der höheren und edlen Menschenbildung durch Ein gemeinsames Band zusammengehalten werde. Denn hat man das Wesen der Vernunftbetrachtung durchschaut, durch die man die Ursachen und Zwecke der Dinge erkennt; so findet man unter allen Wissenschaften eine wunderbare Uebereinstimmung und gleichsam einen Einklang. 22.Doch erscheint auch dieses noch zu hoch, als daß wir niedrigen Erdenkinder unseren Blick dazu emporheben könnten; so müssen wir doch wenigstens den Beruf, den wir gewählt haben, und die Kunst, zu der wir uns bekennen und die wir üben, kennen und verstehen. Es gibt nämlich, wie ich am gestrigen Tage bemerkte und Antonius heute Vormittags an verschiedenen Stellen andeutete, nur Eine Beredsamkeit, auf welche Gebiete und Bereiche des Vortrages sie auch immerhin angewendet werden mag. 23.Denn mag sie nun von der Natur des Himmels oder der Erde, von dem göttlichen oder menschlichen Wesen, mag sie vor Gericht oder im Senate oder vor dem Volke reden, mag sie die Menschen antreiben oder belehren oder abschrecken oder aufregen oder umlenken oder anfeuern oder besänftigen, mag sie zu Wenigen oder zu Vielen, unter Fremden oder mit Angehörigen oder mit sich selbst reden: so zertheilt sie sich zwar in verschiedene einzelne Bäche, entspringt aber nicht aus verschiedenen Quellen, und wohin sie auch schreiten mag, immer erscheint sie in Begleitung des nämlichen Rüstzeuges und Schmuckes. 24.Weil wir nun von Vorurtheilen nicht nur der großen Menge eingenommen sind, sondern auch der Halbgebildeten, die, was sie als ein Ganzes nicht umfassen können, in kleine Theile auseinandergerissen und zerstückelt leichter behandeln, und die von den Gedanken die Worte, gleichsam wie von der Seele den Leib, trennen, obwol ohne den Untergang von Beidem weder das Eine noch das Andere geschehen kann: so will ich in meinem Vortrage nicht mehr auf mich nehmen, als mir auferlegt wird. Nur will ich das kürzlich andeuten, daß weder der Schmuck der Worte sich finden lasse ohne gehörig geordnete Ich habe die Lesart der Handschriften partitis beibehalten. Ellendt liest partis . und deutlich ausgedrückte Gedanken, noch irgend ein Gedanke lichtvoll sein könne ohne das Licht der Worte. 25.Doch bevor ich die Mittel zu berühren versuche, durch die nach meiner Meinung der Rede Schmuck und Glanz verliehen werden kann, will ich in der Kürze meine Ansicht über die Beredsamkeit im Allgemeinen darlegen.

VII. Es gibt Nichts in der Natur, wie es mir scheint, das nicht in seiner Gattung mehrere unter einander verschiedene Dinge umfaßte, die jedoch eines gleichen Lobes werth geachtet werden. So zum Beispiel vernehmen wir Vieles mit den Ohren, was uns zwar nur durch die Töne ergötzt, aber doch oft so mannigfaltig ist, daß uns das, was wir zuletzt hören, immer als das Angenehmste erscheint. Auch durch die Augen genießen wir fast zahllose Vergnügungen, die uns alle fesseln, obwol sie nur auf Einen Sinn, aber auf verschiedene Weise, einen angenehmen Eindruck machen. Und ebenso werden die übrigen Sinne durch verschiedene angenehme Empfindungen ergötzt, so daß es schwer fallen sollte zu entscheiden, welche die angenehmste sei. 26.Aber was von den Dingen in der Natur gilt, das läßt sich auch auf die Künste übertragen. Es gibt nur Eine Bildhauerkunst, in der Myro, Polykletus und Lysippus Myron aus Eleuthera, einer Stadt Böotiens, ein Schüler des Argivers Ageladas, blühte um 430 v.Chr. Sein berühmtestes Werk war eine Kuh aus Erz. An seinen Bildsäulen wird besonders die schöne Bildung des Kopfes gerühmt. Ueber Polykletus s. zu BuchII. Kap.16. Anm.327. Lysippus aus Sicyon war ein Zeitgenosse Alexander's des Großen. Seine Werke zeichneten sich besonders durch die schönste Proportion und Symmetrie in allen Theilen und durch große Zierlichkeit aus. ausgezeichnet waren; alle diese waren einander unähnlich, aber gleichwol möchte man keinen anders wünschen, als er war. Es gibt nur Eine Kunst der Malerei und nur Ein geregeltes Verfahren in derselben, und doch sind Zeuxis, Aglaophon und Apelles Zeuxis aus Heraklea in Großgriechenland blühte um 400 v.Chr., er wird als Erfinder der richtigen Mischung des Lichtes und des Schattens in der Malerei genannt. Sein vorzüglichstes Gemälde war die Helena. Aglaophon, der ältere, von Thasos, einer Insel des Aegeischen Meeres, blühte um 500 v.Chr.; hier ist ohne Zweifel der jüngere zu verstehen, der Enkel des älteren, der um 420 v.Chr. blühte. Apelles, ein Zeitgenosse Alexander's des Großen, war der größte Maler des Altertums. Sein berühmtestes Werk war die Aphrodite Anadyomene, d.h. die aus dem Meere hervorsteigende Aphrodite. Auch hat er über seine Kunst Bücher geschrieben, die aber nicht auf uns gekommen sind. einander sehr unähnlich, aber von keinem derselben dürfte man sagen, daß ihm irgend Etwas in seiner Kunst fehle. Und wenn wir uns über diese Erscheinung in diesen gleichsam stummen Künsten wundern müssen und doch verhält es sich in Wirklichkeit so ; um wie viel bewunderungswürdiger ist sie in der Rede und Sprache? Denn obwol sich diese mit den nämlichen Gedanken und Worten beschäftigt, so gestattet sie doch die größten Verschiedenheiten. Aber deßhalb verdienen einige Redner nicht Tadel, sondern diejenigen, welche man einstimmig für lobenswerth erklärt, werden auch bei der Verschiedenheit ihrer Schreibart gelobt. 27.Und dieß kann man zuerst bei den Dichtern sehen, welche mit den Rednern die nächste Verwandtschaft haben. Denn wie unähnlich sind einander Ennius, Pacuvius und Accius Ueber Ennius s. zu BuchI. Kap.45. Anm.203; über Pacuvius zu BuchI. Kap.58. Anm.255. Accius, Sohn eines Freigelassenen, ein Römischer Tragödiendichter, geb. 172 v.Chr. und bei den Griechen Aeschylus, Sophokles und Euripides? wiewol allen ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Schreibart beinahe ein gleiches Lob ertheilt wird. 28.Jetzt richtet eueren Blick auf die Männer, deren Geschicklichkeit der Gegenstand unserer Untersuchung ist, und betrachtet, was für ein Unterschied zwischen den Neigungen und Naturanlagen der Redner stattfindet. Lieblichkeit hatte Isokrates, Feinheit Lysias, Scharfsinn Hyperides, Wohllaut Aeschines, Kraft Demosthenes Isokrates aus Athen, geb. 436 v.Chr., gest. 338, ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit, der aber nicht öffentlich als Redner auftrat. Wir haben noch 21Reden von ihm übrig. Ueber Lysias s. zu BuchI. Kap.54. Anm.233; über Hyperides und Demosthenes zu BuchI. Kap.13. Anm.126, über Aeschines zu BuchII. Kap.23. Anm.345.. Wer von ihnen ist nicht vortrefflich? Und doch wer von ihnen ist einem Anderen als sich selbst ähnlich? Würde hatte Africanus, Sanftheit Lälius, Heftigkeit Galba, etwas Fließendes und Wohltönendes Carbo Ueber den jüngeren Scipio Africanus und Gajus Lälius s. zu BuchII. Kap.37; über Servius Galba und Gajus Carbo zu BuchI. Kap.10. Anm.9 und 101.. Wer von diesen war nicht der erste seiner Zeit? Und doch war jeder nur in seiner Art der erste.

VIII. 29. Doch wozu soll ich Beispiele aus alten Zeiten zusammensuchen, da es mir gestattet ist sie in der Gegenwart und unter den Lebenden zu finden? Was hat je unsere Ohren angenehmer berühren können als die Rede unseres Catulus? Sie ist so rein, daß er beinahe allein ächt Lateinisch zu reden scheint; sie ist gewichtvoll, doch so, daß sie mit der ausgezeichnetsten Würde alle Leutseligkeit und heitere Laune verbindet. Kurz, wenn ich ihn höre, so pflege ich zu urtheilen, daß durch jeden Zusatz oder Veränderung oder Weglassung sein Vortrag nur verschlechtert und verdorben werden könnte. 30.Wie? Unser Cäsar, hat er nicht eine neue Behandlung der Rede angewandt und eine, ich möchte sagen, ganz absonderliche Art der Beredsamkeit eingeführt? Wer hat je außer ihm tragische Gegenstände fast komisch, traurige scherzhaft, ernste heiter, gerichtliche mit einer beinahe schauspielmäßigen Anmuth behandelt, und zwar so geschickt, daß weder der Scherz durch die Größe der Gegenstände aufgehoben, noch der Ernst durch den Witz vermindert wurde? 31.Siehe, hier sind ja zwei junge Männer gegenwärtig, die fast von gleichem Alter sind, Sulpicius und Cotta. Wie unähnlich sind sie einander, und doch wie vortrefflich ist jeder in seiner Art! Der Eine ist gefeilt und fein, seinen Gegenstand mit den eigentümlichen und geeigneten Worten entwickelnd. Er bleibt immer bei der Sache, und sobald er durch seinen ausgezeichneten Scharfsinn erkannt hat, was er dem Richter beweisen muß, richtet er mit Uebergehung der anderen Beweisgründe hierauf allein seine Gedanken und Worte. Sulpicius aber redet mit dem stärksten Feuer, mit der volltönendsten und lautesten Stimme, mit der größten Anstrengung des Körpers und dem würdevollsten Anstande in seinen Bewegungen, zugleich auch mit einem solchen Nachdrucke und Reichtume der Worte, daß er ganz vorzüglich zur Beredsamkeit von der Natur ausgerüstet zu sein scheint.

IX. 32. Ich kehre jetzt zu uns selbst zurück; denn wir haben uns immer in der Lage befunden, daß die Menschen uns in ihren Gesprächen mit einander verglichen und wie in einem Wettstreite über uns zu Gerichte saßen, und doch kann es wol zwischen Rednern eine größere Unähnlichkeit geben als zwischen mir und Antonius? Er ist ein so vortrefflicher Redner, daß sich keiner mit ihm messen kann; ich aber, obwol ich mir selbst nicht genüge, werde doch gerade mit ihm in der Vergleichung zusammengestellt. Ihr kennt ja die dem Antonius eigentümliche Redeweise. Sie ist kräftig, feurig, leidenschaftlich im Vortrage, sich verwahrend, sich nach allen Seiten der Sache hin verschanzend, durchdringend, scharfsinnig, den Kern der Sache erfassend, bei einem jeden Gegenstande verweilend, mit Anstand sich zurückziehend, hitzig verfolgend, in Schrecken setzend, flehend, ausgezeichnet durch die größte Mannigfaltigkeit der Rede, nie unsere Ohren langweilend. 33.Ich hingegen, wenn ich wirklich in der Beredsamkeit Etwas leiste ihr meint ja, ich hätte einige Geltung als Redner , weiche doch gewiß von seiner Redeweise sehr ab. Worin der Unterschied bestehe, kommt mir nicht zu zu sagen, deßhalb weil Jeder sich am Wenigsten kennt und am Schwierigsten über sich selbst urtheilt; aber gleichwol läßt sich der Unterschied erkennen theils aus meinen mäßigen Bewegungen, theils daraus, daß ich auf der Stelle, die ich beim Beginne der Rede betrete, gewöhnlich bis zum Schlusse derselben stehen zu bleiben pflege, theils endlich daraus, daß mir die Wahl der Worte weit mehr Mühe und Sorge macht, weil ich besorge, mein Vortrag möchte, wenn er sich in zu abgenutzten Ausdrücken bewegte, der Erwartung und Stille der Versammlung nicht würdig erscheinen. 34.Wenn nun bei uns, die wir hier gegenwärtig sind, so große Verschiedenheiten, so bestimmte Eigenschaften eines jeden hervortreten, und wenn bei dieser Mannigfaltigkeit der Unterschied zwischen dem Besseren und Schlechteren gemeiniglich mehr auf der Fähigkeit des Redners als auf der Redegattung beruht, und Alles Beifall findet, das in seiner Art vollkommen ist: was meint ihr, wenn wir sämmtliche Redner aller Orte und Zeiten umfassen wollten? Würden sich nicht beinahe ebenso viele Arten der Beredsamkeit finden als Redner? Diese meine Erörterung könnte vielleicht den Einwurf hervorrufen: wenn es, um mich so auszudrücken, fast unzählige Gebilde und Gestalten der Rede gibt, die der äußeren Erscheinung nach verschieden, dem inneren Wesen nach aber lobenswürdig sind; so kann man unmöglich diese so von einander abweichenden Dinge durch die nämlichen Regeln und durch eine und dieselbe Unterweisung lehren. 35.Doch dieß verhält sich nicht so; nur müssen diejenigen, welche Andere bilden und unterrichten, auf das Sorgfältigste beachten, wohin einen Jeden seine natürliche Anlage vorzugsweise zu führen scheint. Denn wir sehen, daß aus der nämlichen Schule der größten Künstler und Lehrmeister, eines jeden in seiner Art, Schüler hervorgegangen sind, die einander unähnlich und doch lobenswürdig waren, da sich der Unterricht des Lehrers den natürlichen Anlagen eines Jeden anbequemte. 36.Ein recht auffallendes Beispiel hiervon gibt, um die anderen Wissenschaften zu übergehen, Isokrates, ein ausgezeichneter Lehrer, welcher sagte, bei Ephorus wende er Sporen an, bei Theopompus Ueber Ephorus und Theopompus siehe zu BuchII. Kap.13. Anm.319. hingegen Zügel. Den letzteren nämlich, der sich gern in kühnen Ausdrücken erging, hielt er zurück; den ersteren, der unschlüssig und zurückhaltend war, feuerte er an. Doch machte er sie nicht einander ähnlich, sondern dem Einen bildete er nur Etwas an, dem Anderen feilte er etwas ab, und so bildete er bei beiden das aus, was die Natur eines Jeden zuließ.

X. 37. Diese Bemerkungen mußte ich vorausschicken, damit, wenn nicht Alles, was ich vortrage, euerer Neigung zusagt und der Art der Beredsamkeit, der ein jeder von euch seinen Beifall schenkt, angemessen ist, ihr wißt, daß ich nur die Art der Beredsamkeit darlege, die ich selbst für die beste befunden habe. Zu dem also, was Antonius entwickelt hat Antonius hat über die Erfindung und die Anordnung gesprochen., muß ein gewisser äußerer Vortrag und eine gewisse Darstellung in Worten hinzutreten. Welche Darstellungsweise ist nun wol besser, über den Vortrag werde ich später reden als wenn wir ächt Lateinisch, deutlich, geschmückt und dem Gegenstande der Verhandlung angemessen und entsprechend reden? 38.Ueber die beiden zuerst genannten Punkte, die Reinheit und Deutlichkeit der Rede, werden, glaub' ich, keine Regeln von mir erwartet. Wir versuchen ja nicht den reden zu lehren, der noch nicht zu sprechen versteht, noch dürfen wir hoffen, daß der, welcher nicht richtig Lateinisch sprechen kann, geschmückt reden werde, oder gar, daß der, welcher nicht verständlich redet, im Stande sei durch seine Rede Bewunderung zu erregen. Lassen wir also dieses unberührt; es kann ja leicht erlernt werden und ist für den Gebrauch unentbehrlich. Denn das Eine wird den Knaben in dem ersten Sprachunterrichte gelehrt; das Andere wird zu dem Zwecke angewendet, damit man verstehe, was Einer sagt; dieses ist nun zwar, wie wir wissen, nothwendig, aber es ist das Allergeringste. Die Sprachrichtigkeit wird zwar in ihrem ganzen Umfange durch die Sprachkunde ausgebildet, aber gefördert wird sie durch das Lesen der Redner und Dichter. 39.Denn jene Alten, die ihre Rede noch nicht auszuschmücken verstanden, haben sich fast alle sehr sprachrichtig ausgedrückt, und wer sich an ihre Rede gewöhnt hat, der muß unwillkürlich rein Lateinisch reden. Jedoch darf man sich der Worte, die unser jetziger Sprachgebrauch nicht mehr anwendet, nur zuweilen zum Schmucke bedienen, und zwar sparsam, wie ich zeigen werde; von den gebräuchlichen kann der, welcher sich fleißig und viel mit den alten Schriften beschäftigt hat, die auserlesensten anwenden.

XI. 40. Und um sprachrein zu reden, müssen wir nicht allein darauf sehen, daß wir nur solche Worte vorbringen, welche Niemand mit Recht tadeln kann, und an ihnen hinsichtlich der Kasusendungen, der Zeitformen und der Geschlechts- und Zahlform den richtigen Gebrauch beobachten, um nicht etwas Verwirrtes und Widersinniges oder Verkehrtes zu sagen, sondern wir müssen auch selbst die Zunge, den Athem und den Ton der Stimme regeln. 41.Ich mag nicht, daß man die Laute gar zu geziert ausdrücke; ich mag nicht, daß man sie zu nachlässig verschlucke; ich mag nicht, daß man die Worte mit einem zu seinen Hauche, aber auch nicht, daß man sie mit vollen Backen ausspreche und gleichsam aus tiefer Brust auskeuche. Denn von der Stimme erwähne ich noch nicht das, was zum äußeren Vortrage gehört, sondern nur das, was mit der Sprache in Verbindung steht. Es gibt nämlich gewisse Fehler, die Jeder gern vermeiden mag: eine weiche oder weibische oder allen Wohlklang verletzende und mißtönende Stimme. 42.Es gibt aber auch einen Fehler, den Manche absichtlich sich anzueignen suchen. Eine bäurische und grobe Aussprache gefällt Einigen, damit ihre Sprache, wenn sie so klingt, um so mehr das Altertümliche festzuhalten scheine. So scheint mir dein Freund, lieber Catulus, Lucius Cotta Lucius Cotta war im Jahre 96 v.Chr. mit Gajus Norbanus Volkstribun. Ueber seine Aussprache vergl. Cicer. Brut. 36, 137. und 74, 259. an Schwerfälligkeit der Zunge und an einem groben Tone der Stimme Gefallen zu finden, und er meint, seine Worte würden altertümlicher erscheinen, wenn sie recht bäurisch klängen. Mir hingegen gefällt dein Ton und jene Lieblichkeit, ich meine nicht die der Worte, wiewol sie die Hauptsache ist; doch diese eignen wir uns an durch die Kunst, erlernen wir durch die Sprachwissenschaft, befestigen wir durch die Uebung im Lesen und Schreiben; sondern ich meine die Lieblichkeit, die aus dem Munde hervorgeht, welche, wie bei den Griechen den Attikern, so in der Lateinischen Sprache unserer Stadt vorzugsweise eigen ist. 43.Zu Athen ist die gelehrte Bildung schon lange für die Athener selbst untergegangen; nur der Wohnsitz ist in dieser Stadt für die Wissenschaft geblieben, deren die Bürger entbehren, die Fremden hingegen, eingenommen durch den Namen und das Ansehen der Stadt, genießen; gleichwol wird die gelehrtesten Asiaten jeder beliebige ungelehrte Athener nicht in den Worten, wohl aber in dem Tone der Stimme und nicht sowol an Güte als an Lieblichkeit der Sprache leicht übertreffen. Die Unsrigen beschäftigen sich weniger mit den Wissenschaften als die Latiner, und doch findet sich unter unseren Stadtbürgern, welche du kennst sie ja nur eine sehr geringe wissenschaftliche Bildung besitzen, Niemand, der es nicht dem gelehrtesten aller Togaten Togaten heißen Römische Bürger sowol in der Stadt selbst als auch außerhalb derselben, wie es hier von den Latinern gebraucht ist., dem Quintus Valerius Soranus Die Gelehrsamkeit des Q. Valerius Soranus, eines Latiners, wird von Cicero auch im Brut. 46, 169. gerühmt., an Sanftheit der Stimme und au Abrundung und Wohllaut der Aussprache selbst leicht zuvorthäte.

XII. 44. Da es nun eine bestimmte, den geborenen Römern und der Stadt Rom eigentümliche Aussprache gibt, in der sich nichts Anstößiges, nichts Mißfälliges, nichts Tadelnswerthes findet, Nichts, was einen fremdartigen Klang oder Anstrich hätte: so wollen wir uns diese aneignen und nicht bloß die bäurische Rauheit, sondern auch das Auffallende einer ausländischen Aussprache zu vermeiden lernen. 45.Wenn ich meine Schwiegermutter Lälia Lälia, die Tochter des Gajus Lälius Sapiens, die mit dem Augur Quintus Mucius Scävola verheirathet war Vgl. Cicer. Brut. 58, 211. höre die Frauen bewahren ja die altertümliche Aussprache leichter in ihrer unverfälschten Reinheit, weil sie nicht Viele sprechen hören und daher immer das festhalten, was sie zuerst gelernt haben wenn ich also die Lälia höre, so ist es mir nicht anders, als wenn ich den Plautus oder Nävius Marcus Accius Plautus, geboren zu Sarsina, einer Stadt Umbriens, im Jahre 227 v.Chr., gestorben 184, ist der berühmteste Lustspieldichter der Römer. Nävius aus Kampanien (gest. 105 v.Chr.) war ein berühmter Römischer Tragiker, Komiker und Epiker. Auch verfaßte er ein historisches Gedicht, den ersten Punischen Krieg. hörte. Schon der Ton ihrer Stimme ist so richtig und einfach, daß man sieht, sie ist von aller Prunksucht und Nachahmung frei: woraus ich schließe, daß so ihr Vater, so ihre Vorfahren gesprochen haben: nicht rauh, wie der oben genannte, nicht plump, nicht bäurisch, nicht klaffend, sondern mit wohlgerundetem Munde, ebenmäßig und sanft. 46.Unser Cotta Lucius Cotta, der Kap. 11, §. 42, erwähnt worden ist. also, dessen breite Aussprache du, mein Sulpicius, bisweilen nachahmst, indem du den LautI aufhebst und dafür ein sehr vollesE aussprichst Wahrscheinlich so, daß der Laut I in Ei gedehnt wird, also omneis statt omnis., scheint mir nicht die alten Redner, sondern die Schnitter nachzuahmen. Als Sulpicius selbst hierbei lächelte, sagte Crassus: Ja, so will ich mit euch verfahren: ihr habt mich zum Reden genöthigt; nun gut, so sollt ihr auch Etwas von eueren Fehlern hören. Ei, möchtest du doch das thun! erwiderte jener. Das wünschen wir ja gerade, und wenn du dieses thust, so werden wir, wie ich glaube, gleich hier noch an heutigem Tage viele Fehler ablegen. 47.Aber freilich kann ich dich, Sulpicius, fuhr Crassus fort, nicht ohne meine eigene Gefahr tadeln, weil ja Antonius erklärt hat S. Buch II. Kap. 21, §. 89., er finde dich mir sehr ähnlich. Ja, tadle mich nur, erwiderte dieser; denn jener hat zugleich auch die Lehre gegeben, wir möchten nur das Vorzüglichste an Anderen nachahmen. Daher befürchte ich, daß ich von dir Nichts nachgeahmt habe als das Stampfen mit dem Fuße und einige wenige Ausdrücke und im glücklichsten Falle die eine oder andere Bewegung. Also, sagte Crassus, was du von mir hast, will ich nicht tadeln; sonst möchte ich mich selbst lächerlich machen; doch was du von mir hast, ist weit mehr und viel Wichtigeres, als was du anführst. Was aber entweder ganz dein Eigentum ist, oder was du Anderen nachgebildet hast, darüber will ich dir, wenn vielleicht eine Gelegenheit dazu Veranlassung geben sollte, meine Bemerkungen mittheilen.

XIII. 48. Wir wollen nun die Regeln über die Sprachrichtigkeit übergehen, welche in dem Knabenunterrichte gelehrt, durch die gründliche Kenntniß der wissenschaftlichen Sprachlehre oder durch die häusliche Unterhaltung und die tägliche Uebung im Reden ausgebildet und durch die Lesung der alten Redner und Dichter befestigt werden. Auch bei dem zweiten Punkte wollen wir uns nicht lange aufhalten und nicht weitläufig erörtern, durch welche Mittel man verständlich reden könne. 49.Offenbar dadurch, daß wir sprachrichtig reden, Worte anwenden, die gebräuchlich sind und das genau bezeichnen, was wir andeuten und erklären wollen, zweideutige Ausdrücke oder Reden vermeiden, nicht zu lange Perioden bilden, sinnbildliche Darstellungen nicht sehr ausdehnen, die Gedanken nicht zerreißen, die Zeiten nicht umkehren, die Personen nicht verwechseln, die Ordnung nicht verwirren. Kurz, die ganze Sache ist so leicht, daß es mir oft sehr wunderbar dünkt, wenn man schwerer versteht, was der Anwalt sagen will, als wenn der selbst, der den Anwalt anwendet, über seine Angelegenheit redete. 50.Denn diejenigen, welche uns ihre Streitsachen übertragen, belehren uns gemeiniglich über dieselben so deutlich, daß man es nicht besser wünschen kann. Sobald aber Fufius oder euer Altersgenosse Pomponius Ueber Fufius s. zu I. 39, 179, Anm. 184. Gnäus Pomponius, ein Altersgenosse von Cotta und Sulpicius, im Jahre 90 v.Chr. Volkstribun, kam im Sullanischen Kriege um. Ueber ihn als Redner vergl. Cicer. Brut. 62, 221. Vgl. 57, 207. dieselben Gegenstände zu verhandeln anfängt, so verstehe ich weit weniger, was sie sagen, wenn ich nicht sehr aufmerke; so ungeordnet, so verworren ist ihr Vortrag, daß man nicht weiß, was das Erste, was das Zweite ist, und so groß die Ungewöhnlichkeit und das Gewirre ihrer Worte, daß die Rede, welche Licht über die Sachen verbreiten soll, sie in Dunkelheit und Finsterniß einhüllt, und zwar dergestalt, daß sie in ihrem Vortrage mit ihrem Wortschwalle gewissermaßen gegen sich selbst zu streiten scheinen. 51.Doch ich hoffe, daß euch Aelteren wenigstens diese Dinge zur Genüge lästig und abgeschmackt erscheinen; ich will daher, wenn es beliebt, zu den übrigen Gegenständen fortgehen, die noch um ein Bedeutendes widriger sind.

XIV. Ei freilich, sagte Antonius, du siehst ja, wie wir ganz andere Dinge treiben, wie ungern wir dir zuhören, wir, die wir ich schließe von mir auf Andere uns bewegen lassen alles Andere bei Seite zu setzen, um dir nachzugehen, um dir zuzuhören; so zierlich verstehst du dich über Rauhes, so reichhaltig über Mageres, so neu über Allbekanntes auszudrücken. 52.Kein Wunder, Antonius, erwiderte er; denn die beiden Abschnitte über die Richtigkeit der Sprache und die Deutlichkeit des Vortrages, die ich eben durchlief oder vielmehr beinahe überging, waren leicht; die übrigen hingegen sind umfassend, verwickelt, mannigfaltig, gewichtig; auf ihnen beruht die ganze Bewunderung des Geistes, der ganze Ruhm der Beredsamkeit. Nie hat Jemand einen Redner bewundert, weil er sprachrichtig redete; ist dieß nicht der Fall, so verlacht man ihn und hält ihn gar nicht für einen Redner, ja kaum für einen Menschen. Niemand hat den gepriesen, der so deutlich redete, daß die Anwesenden seinen Vortrag verstehen konnten; wohl aber verachtete man den, der dieß nicht leisten konnte. 53.Vor wem also werden die Menschen mit einem ehrfurchtsvollen Schauer erfüllt? wen schauen sie während seines Vortrages mit Staunen an? wem rufen sie lauten Beifall zu? wer erscheint ihnen, um mich so auszudrücken, wie ein Gott unter den Menschen? Wer deutlich, wer klar, wer mit Fülle, wer lichtvoll hinsichtlich der Sachen sowol als der Gedanken redet und in der Rede selbst ein gewisses Ebenmaß und versartiges Silbenmaß beobachtet, und das ist das, was ich unter einem schönen Vortrage verstehe. Wer aber zugleich den Ton der Rede so zu stimmen weiß, wie es die Würde der Sachen und der Personen erheischt, der besitzt die lobenswerthe Eigenschaft eines angemessenen und passenden Vortrages. 54.Einen solchen Redner, erklärte Antonius S. Buch I. Kap. 21, §. 95., habe er bis jetzt noch nicht gesehen, und nur einem solchen, behauptete er, dürfe man den Namen eines Redners beilegen. Verlacht und verachtet also auf meine Verantwortung alle die, welche durch die Regeln der heutigen sogenannten Redekünstler die ganze Bedeutung des Redners umfaßt zu haben meinen und doch nicht begreifen konnten, welche Person sie vorstellen oder welchen Beruf sie haben. Denn in der That der Redner muß alle Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens, weil dieses das Gebiet seiner Thätigkeit ist und als der Stoff seiner Reden vorliegt, untersucht, gehört, gelesen, besprochen, behandelt und bearbeitet haben. Denn die Beredsamkeit ist eine von den höchsten Tugenden S. Buch I. Kap. 18, §. 83.. 55.Obwol alle Tugenden unter sich gleich und ähnlich sind, so ist doch nach der äußeren Erscheinung die eine schöner und mehr in die Augen fallend als die andere. Von solcher Art ist die Geschicklichkeit des Redners, welche im Besitze gründlicher Sachkenntnis die Gedanken und Ratschläge des Geistes so in Worten darzulegen weiß, daß sie die Zuschauer nach jeder Seite, wohin sie sich neigen mag, hintreiben kann. Je größer aber diese Geschicklichkeit ist, um so mehr muß sie mit Rechtschaffenheit und der höchsten Klugheit verbunden werden. Denn wollten wir denen, die dieser Tugenden entbehren, die Beredsamkeit lehren; so würden wir sie nicht zu Rednern bilden, sondern Rasenden Waffen in die Hand geben.

XV. 56. Diese Kunst des Denkens und Vortragens und diese Geschicklichkeit der Rede, sage ich, nannten die alten Griechen Weisheit. Aus ihr gingen Männer hervor, wie Lykurgus, Pittakus, Solon Lykurgus und Solon sind hinlänglich bekannt. Pittakus, Beherrscher von Mitylene auf der Insel Lesbos, einer der sieben Weisen., und in ähnlicher Weise bei uns ein Coruncanius, ein Fabricius, ein Cato, ein Scipio Tiberius Coruncanius, in dem Kriege gegen die Etrusker im Jahre 282 v.Chr. als Feldherr ausgezeichnet, 280 Consul, der erste Plebejer, der Pontifex Maximus (hoher Priester) war (252), ein großer Rechtsgelehrter. Ueber Gajus Fabricius Luscinus s. zu BuchII. Kap.66. Anm.529. Marcus Porcius Cato, der Aeltere, mit dem Beinamen der Weise und Censorius, 196 v.Chr. Consul, 186 Censor, war ein ausgezeichneter Redner, Feldherr und Senator. Auch schrieb er außer Anderem die Origines, d.h. eine Urgeschichte Italiens. Scipio der Aeltere, Besieger des Hannibal bei Zama 201 v.Chr.; Scipio der Jüngere, Zerstörer Karthagos 146 v.Chr. und Numantias 143., die vielleicht nicht so gelehrt waren, aber von gleichem Seelendrange und gleicher Gesinnung belebt. Andere aber, wie Pythagoras, Demokritus, Anaxagoras Ueber Pythagoras und Demokritus s. zu I, 10, 42. Anaxagoras aus Klazomenä, einer Stadt Ioniens, geb. 496 v.Chr., ein Philosoph der Ionischen Schule, Lehrer des Perikles. Verbannt starb er zu Lampsakus, einer Stadt Mysiens, im Jahre 428., besaßen zwar dieselbe Klugheit, aber, nach einem verschiedenen Lebensplane Ruhe und Muße suchend, entsagten sie der Staatsverwaltung und widmeten sich mit ganzer Seele der Erforschung der Wahrheit. Diese Lebensweise zog aber wegen der Gemüthsruhe, die sie gewährt, und wegen der Süßigkeit der Wissenschaft selbst, welche alle anderen Annehmlichkeiten der Menschen übertrifft, mehr Männer an, als den Staaten zuträglich war. 57.Als nun die hervorragendsten Köpfe sich dieser Neigung hingaben und über ihre Zeit frei und unbehindert verfügen konnten, so veranlaßte der Ueberfluß an Muße und die Fruchtbarkeit ihres Geistes diese gelehrten Männer weit Mehr, als nöthig war, zu betreiben, zu untersuchen und zu erforschen. Denn die alte Gelehrsamkeit wenigstens erscheint zugleich als Lehrerin der sittlichen Handlung und der Wohlredenheit, und für die Kunst des Lebens und des Redens gab es nicht besondere Lehrer, sondern es waren die nämlichen, wie jener Phönix bei Homer, welcher sagt, er sei vom Vater Peleus dem jungen Achilleus für den Krieg zum Begleiter gegeben, um ihn tüchtig zu bilden im Reden und Handeln Iliad. IX, 443:

μύθων τε ρητη̃ρ' έμεναι πρηκτη̃ρα τε έργων,
Beides, beredt in Worten zu sein und rüstig in Thaten.
Voß.

58.Aber sowie Menschen, welche an anhaltende und tägliche Arbeit gewöhnt sind, wenn sie durch das Wetter von ihrem Tagewerke abgehalten werden, zum Ball- oder Knöchel- oder Würfelspiele greifen oder sich selbst auch in der Muße einen neuen Zeitvertreib aussinnen: so machten es auf ähnliche Weise auch jene Männer, wenn sie sich von der Beschäftigung mit den Staatsgeschäften durch die Zeitverhältnisse ausgeschlossen sahen oder sich aus freier Wahl der Muße ergaben. Einige von ihnen wandten sich ganz der Dichtkunst zu, Andere der Geometrie, Andere der Musik, Andere schufen sich auch, wie die Dialektiker, eine neue Beschäftigung und Unterhaltung Die Dialektik, welche Zeno (um 460 v. Chr.) aus Elea, einer Stadt Großgriechenlands, ein Schüler des Parmenides, Gründer der Eleatischen Schule, erfunden haben soll., und so brachten sie ihre ganze Lebenszeit in den Künsten zu, die zu dem Zwecke erfunden sind den Geist der Jugend zu der höheren Menschenbildung und zu einem tugendhaften Leben anzuleiten.

XVI. 59. Aber sowie es Manche gab, und zwar nicht Wenige, die im Staate durch die zwiefache Weisheit des Handelns und Redens, die sich nicht von einander trennen läßt, hervorglänzten, wie Themistokles, Perikles, Theramenes Themistokles wird auch im Brutus c. 7 §.26. als ein durch Einsicht und Beredsamkeit ausgezeichneter Mann gerühmt. Ueber Perikles s. Cicer. de Orat. III, 34, 138. Ueber Theramenes s. zu BuchII. Kap.22. Anm.340., oder die zwar selbst nicht an Staatsgeschäften Theil nahmen, aber doch Lehrer der Staatsweisheit waren, wie Gorgias, Thrasymachus, Isokrates Ueber Gorgias s. zu I, 22, 103; Thrasymachus aus Chalcedon in Bithynien, ein Sophist, ein Zeitgenosse des Sokrates, soll der erste gewesen sein, der über die künstliche Anordnung der Worte und über die rhythmische Bewegung der Perioden Regeln ertheilte. Ueber Isokrates s. oben II.3,10.: so fanden sich dagegen auch Männer, die, obwol mit Gelehrsamkeit und Geistesgaben reichlich ausgestattet, doch aus Grundsatz sich des Staatswesens und der öffentlichen Geschäfte enthielten und diese Redeübungen verspotteten und verachteten. Unter diesen war Sokrates die Hauptperson, er, der nach dem Zeugnisse aller Gelehrten und dem Urtheile von ganz Griechenland an Einsicht, Scharfsinn, Geschmack und Feinheit, sowie auch an Beredsamkeit, Vielseitigkeit und Fülle, er mochte nun bei einer Untersuchung eine Seite vertheidigen, welche er wollte, leicht Alle übertraf. 60.Dieser hat denen, die die Gegenstände, über die wir jetzt reden, bearbeiteten, behandelten und lehrten, und die, weil die gesammte Kenntniß der edelsten Wissenschaften und die Beschäftigung mit denselben Philosophie genannt wurde, nur den Einen Namen Philosophen Er meint die Sophisten, die zugleich Lehrer der Beredsamkeit und der Philosophie waren. führten, diesen gemeinsamen Namen entrissen und die in der Wirklichkeit zusammenhängenden Wissenschaften weise zu denken und schön zu reden in seinen Untersuchungen getrennt: der Mann, dessen Geist und mannigfaltige Gespräche Plato in seinen Schriften verewigt hat, da Sokrates selbst nichts Schriftliches hinterlassen hatte. 61.Hieraus entsprang, um mich so auszudrücken, die Trennung der Zunge und des Herzens, die wahrlich ungereimt, schädlich und tadelnswerth ist und bewirkt hat, daß Andere uns die Weisheit, Andere das Reden lehren. Da nämlich sehr viele Philosophen gerade von Sokrates ausgegangen waren, indem aus seinen mannigfaltigen, verschiedenen und nach allen Seiten hin sich verbreitenden Gesprächen der Eine dieses, der Andere jenes aufgegriffen hatte; so wurden unter einander abweichende, verschiedene und unähnliche Schulen erzeugt, obwol sie alle sich Sokratiker genannt wissen wollten und es zu sein glaubten.

XVII. 62. Zuerst gingen von Plato selbst Aristoteles Ueber Aristoteles s. zu BuchI. Kap.11. Anm.122. und Xenokrates Xenokrates aus Chalcedon in Bithynien, Schüler Platon's, stand nach Speusippus' Tode fünfundzwanzig Jahre (v. Jahre 339 v.Chr.) der Akademie vor. aus, von denen der erstere den Namen der Peripatetiker, der letztere den der Akademie begründete; alsdann von Antisthenes Antisthenes, erst des Gorgias, nachher des Sokrates Schüler, Gründer der Cynischen Schule. Die Stoiker stammen insofern auch von Antisthenes ab, als Zeno, der Gründer der Stoischen Schule, ein Schüler des Cynikers Krates war., der die Ausdauer und Abhärtung in den Gesprächen des Sokrates vorzüglich liebgewonnen hatte, zuerst die Cyniker, dann die Stoiker; hierauf entsprang von Aristippus Aristippus, ein Schüler des Sokrates, gebürtig aus Kyrene, einer Stadt Afrika's, war Gründer der Cyrenäischen Schule, die die Sinnenlust für das höchste Gut, den Schmerz für das höchste Uebel hält., den mehr die Vorträge über die Sinnenlust angezogen hatten, die Cyrenäische Philosophie. Dieser und seine Schüler vertheidigten die Sinnenlust unumwunden, während diejenigen, welche jetzt Alles nach dem sinnlichen Vergnügen bestimmen Er meint die Epikureer., zwar mit mehr Zurückhaltung verfahren, aber einerseits der sittlichen Würde, die sie nicht verschmähen, kein Genüge leisten, andererseits die Sinnenlust, die sie hochschätzen wollen, nicht zu rechtfertigen wissen. Auch gab es noch andere Schulen der Philosophen, die sich fast alle für Sokratiker erklärten, Eretriker Die Eretrischen Philosophen sind aus der Schule des Menedemus, der zu Eretria auf der Insel Euböa geboren war, hervorgegangen., Herillier Die Herillier, Anhänger des Herillus aus Karthago, eines Stoikers, Schülers des Zeno, setzten das höchste Gut in die Erkenntniß der Wahrheit und in die Wissenschaft., Megariker Der Gründer der Megarischen Schule war Euklides aus Megara, ein Schüler des Sokrates. Die Megariker erklärten nur das für ein Gut, was immer eines, sich ähnlich und eben dasselbe sei. S. Cicer. Acad. II,42., Pyrrhoneer Pyrrho aus Elis (um 340 v.Chr.), ein Maler, ein Begleiter Alexander's des Großen auf seinen Feldzügen, nachher Priester zu Elis, erklärte, die Tugend allein sei ein Gut, alles Uebrige, selbst das Wissen, habe keinen Werth.; aber sie sind schon längst durch die nachdrücklichen Angriffe der zuvor genannten Der Akademiker und Stoiker. bekämpft und erloschen. 63.Von den Schulen aber, die noch fortbestehen, eignet sich die Philosophie, die die Sinnenlust in Schutz nimmt Er meint die Epikureische Philosophie, der viele Römer zugethan waren., wenn sie auch Manchem wahr erscheinen mag, doch durchaus nicht für den Mann, den wir suchen, der Leiter des öffentlichen Rathes, Führer in der Verwaltung des Staates, Stimmführer und erster Redner im Senate, vor dem Volke und bei öffentlichen Verhandlungen sein soll. Doch soll dieser Philosophie durchaus keine Kränkung von uns zugefügt werden; sie soll ja nicht von dem Orte Die Erklärung dieser Worte liegt in dem Folgenden: von ihren Lustgärten und ihrem müssigen Leben. verdrängt werden, den sie zu betreten wünscht; nein, sie mag in ihren Lustgärten Epikurus, geboren zu Gargettus, einem Demos von Attika, (im Jahre 337 v.Chr., gest. 270) hatte in Athen einen Lustgarten, wo er seine Schule anlegte. ruhen, wo sie will, wo sie auch, weich und üppig gelagert, uns von der Rednerbühne, von den Gerichten, von der Curie zu sich einladet, vielleicht aus weisen Gründen, zumal bei der gegenwärtigen Lage des Staates. 64.Jedoch untersuche ich jetzt nicht, welche Philosophie die wahrste sei, sondern welche sich am Meisten für den Redner eignet. Darum wollen wir die Anhänger dieser Schule ohne Kränkung gehen lassen; es sind ja gute, ehrliche Leute und, weil sie sich's einbilden, auch glückselig und ihnen nur die Vermahnung geben ihre Behauptung, wenn sie auch vollkommen wahr ist, der Weise dürfe an der Staatsverwaltung keinen Theil nehmen, doch als ein tiefes Geheimniß für sich zu behalten. Denn sollten sie uns und alle Gutgesinnten davon überzeugen, so dürften sie selbst nicht länger der Ruhe Das Wort Ruhe ist hier in einem doppelten Sinne genommen. Nach dem Sinne der Epikureer ist unter Ruhe ( otium) das von öffentlichen Geschäften entfernte Leben und die ungestörte Seelenruhe zu verstehen, dann wird aber das Wort von dem ruhigen und gesetzlichen Zustande des Staates gebraucht, der durch die Bemühungen und Anstrengungen der Staatsmänner erhalten wird. Sollten also Alle sich der Staatsgeschäfte enthalten, so würde in Kurzem der Staat alle Sicherheit und somit auch die Epikureer ihre Ruhe verlieren. genießen können, auf die ihr höchstes Verlangen gerichtet ist.

XVIII. 65. Die Stoiker aber mißbillige ich keineswegs, aber doch lasse ich auch sie gehen und fürchte ihren Zorn nicht, weil sie gar nicht zürnen können Weil der Weise nach der Lehre der Stoiker frei von allen Leidenschaften ist., indeß weiß ich es ihnen Dank, daß sie allein unter Allen die Beredsamkeit für eine Tugend und Weisheit erklärt haben. Aber Zweierlei Ellendt will die Stelle so lesen: sed utcunque est, est in his, quod u.s.w. für: Sed utrumque est in his, quod u.s.w. Allerdings bietet die Lesart der Handschriften eine große Schwierigkeit in dem folgenden vel ; aber dennoch habe ich mich noch nicht von der Richtigkeit der Ellendt'schen Muthmaßung überzeugen können. haben sie, was sich mit dem Redner, den wir bilden wollen, durchaus nicht verträgt: erstens, daß sie Alle, die nicht weise sind, für Sklaven, Räuber, Feinde, Unsinnige erklären und gleichwol Niemanden als weise anerkennen wollen Insofern der Weise nach der Ansicht der Stoiker ein in jeder Einsicht vollkommener Mensch ist, und ein solcher in der Wirklichkeit nicht gefunden wird.. Es wäre aber sehr ungereimt, wenn man eine Volksversammlung oder den Senat oder irgend einen Verein von Menschen dem anvertrauen wollte, nach dessen Ansicht keiner der Anwesenden vernünftig, keiner ein Bürger, keiner frei sein kann. 66.Hierzu kommt zweitens, daß sie sich einer Ausdrucksweise bedienen, die vielleicht fein und gewiß scharfsinnig ist, aber für einen Redner zu mager, ungewöhnlich, den Ohren der großen Menge nicht zusagend, dunkel, kraftlos, nüchtern und überhaupt Die Lesart der Handschriften ac tamen offenbar verdorben. Auch Ellendt hat die Worte ac tamen . . . possit als unächt in Klammern eingeschlossen. von der Art, daß sie bei dem Volke ganz unbrauchbar sein würde. Denn über die Güter und Uebel haben die Stoiker eine andere Ansicht als die übrigen Bürger oder vielmehr Völker; in einer anderen Bedeutung nehmen sie die Begriffe von Ehre und Schande, Belohnung und Strafe. Ob mit Recht oder Unrecht, gehört nicht zu unserer jetzigen Untersuchung; aber wollten wir ihre Lehren annehmen, so würden wir nie Etwas mit unserer Rede ausrichten können. 67.Uebrig sind noch die Peripatetiker und Akademiker; der Name der Akademiker jedoch gehört zwei Lehrgebäuden an. Denn Speusippus Speusippus, Plato's Nachfolger in der Akademie, stand derselben acht Jahre vor., Plato's Schwestersohn, und Xenokrates Ueber Xenokrates s. zu Kap.17. Anm.654., Plato's Schüler, sowie Polemo Polemo aus Athen, Nachfolger des Xenokrates in der Akademie. und Krantor Krantor aus Soli, einer Stadt Ciliciens., Schüler des Xenokrates, weichen in ihren Lehrsätzen durchaus nicht sehr von Aristoteles ab, der zu gleicher Zeit Plato' Schüler gewesen war; an der Fülle und Mannigfaltigkeit ihres Vortrages waren sie vielleicht einander ungleich. Arcesilas Arcesilas aus Pitane, einer Aeolischen Stadt, Gründer der neueren Akademie (um 300 v.Chr.), ein Schüler des Polemo, ergriff zuerst aus Plato's mannigfaltigen Schriften und Sokratischen Gesprächen vorzüglich den Gedanken auf, daß sowol die sinnlichen als die geistigen Wahrnehmungen aller Gewißheit entbehrten, und in einem höchst anmuthigen Vortrage soll er alle Urtheile des Geistes und der Sinne verworfen und zuerst die Lehrart eingeführt haben, die jedoch ächt Sokratisch war, nicht seine eigene Ansicht darzulegen, sondern wider die Ansicht, die ein Anderer aufgestellt hatte, zu streiten. 68.Von hier ging die neuere Akademie hervor, in der ein Mann von unvergleichlicher Raschheit des Geistes und Fülle der Beredsamkeit auftrat, Karneades Ueber Karneades s. zu I. [11.] Anm.117.. Viele seiner Zuhörer habe ich zu Athen kennen gelernt; als die sichersten Gewährsmänner aber für mein Urtheil über ihn kann ich meinen Schwiegervater Scävola anführen, der als Jüngling ihn zu Rom hörte, und meinen berühmten Freund, Quintus Metellus Quintus Cäcilius Metellus, der wegen seiner ausgezeichneten Thaten in dem Kriege gegen Jugurtha den Beinamen Numidicus erhielt. S. zu II. Kap.40. Anm.390., des Lucius Sohn, der mir erzählte, er habe als Jüngling jenen als schon hochbejahrten Greis viele Tage lang zu Athen gehört.

XIX. 69. Sowie nun von dem Apenninischen Gebirge die Flüsse, so haben sich von diesem gemeinsamen Berggipfel D. i. Sokrates. der Weisheit die Wissenschaften in verschiedene Arme getheilt, indem die Philosophen gleichsam in das obere Ionische, Griechische und hafenreiche Meer hinabfloßen, die Redner hingegen in unser unteres Tuskisches, barbarisches, klippenvolles und unwirtbares Meer hinabstürzten, in dem auch Ulixes selbst umhergeirrt war. 70.Wollt ihr also mit einer solchen Beredsamkeit und einem solchen Redner zufrieden sein, welcher weiß, daß man eine gemachte Beschuldigung ableugne oder, ist dieß nicht möglich, zeigen müsse, daß die Handlung des Angeschuldigten entweder mit Recht oder durch eines Anderen Schuld oder Unrecht oder dem Gesetze gemäß oder nicht gegen das Gesetz oder aus Unwissenheit oder nothgedrungen geschehen sei, oder daß sie nicht mit dem Namen belegt werden dürfe, den man ihr beilege, oder daß die Klage nicht nach Pflicht und Befugniß angestellt werde; und haltet ihr es für hinlänglich das zu erlernen, was jene Schriftsteller der Kunst lehren, was jedoch Antonius weit geschmackvoller und reichhaltiger entwickelt hat, als es von jenen vorgetragen wird: wollt ihr, sage ich, hiermit zufrieden sein, sowie auch mit dem, was ich euch auf euer Verlangen vortragen soll, so treibt ihr den Redner aus einem unermeßlich großen Felde in eine wahrlich recht enge Laufbahn. 71.Wollt ihr aber dem Perikles oder dem Demosthenes, der uns wegen seiner vielen Schriften vertrauter ist, folgen, und habt ihr jenes Musterbild des vollkommenen Redners in seinem herrlichen Glanze und seiner vorzüglichen Schönheit liebgewonnen: so müßt ihr euch des Karneades oder des Aristoteles dialektische Gewandtheit anzueignen suchen. 72.Denn, wie ich zuvor bemerkte, jene Alten bis auf Sokrates verbanden die gesammte Kenntniß und Wissenschaft aller Dinge, welche sich auf die Sitten der Menschen, auf das Leben, auf die Tugend, auf den Staat beziehen, mit der Redekunst. Später aber, nachdem, wie ich auseinandergesetzt habe, von Sokrates, sowie auch von allen Sokratikern der Reihe nach die Redner von den Philosophen gesondert waren, verachteten die Philosophen die Beredsamkeit, sowie die Redner die Philosophie, und beide berührten durchaus nicht des Anderen Gebiet außer in dem, was sie wechselseitig von einander entlehnten, während sie aus einer gemeinsamen Quelle schöpfen könnten, wenn sie in ihrer früheren Gemeinschaft hätten verbleiben wollen. 73.Aber sowie die alten Oberpriester wegen der Menge der Opfer für die Besorgung der Opfermahle drei Opferpriester triumviri epulones. gewählt haben, obwol sie selbst von Numa zu dem Zwecke eingesetzt waren das Opfermahl bei den Spielen zu besorgen; so haben auch die Sokratiker von sich und dem gemeinsamen Namen der Philosophie die Sachwalter geschieden, während die Alten die Kunst der Rede und die des Denkens in eine wunderbare Gemeinschaft mit einander gesetzt hatten.

XX. 74. Da sich die Sache so verhält, so muß ich eine kleine Bitte für mich an euch richten und euch ersuchen das, was ich sagen werde, nicht auf mich selbst zu beziehen, sondern auf den Redner. Denn wiewol mein Vater mich in meiner Jugend mit der größten Sorgfalt hat erziehen lassen, und ich auch einige Naturanlage, wie ich mir bewußt bin, die aber von euch wol zu hoch angeschlagen werden mag, auf den Markt mitbrachte; so kann ich doch nicht behaupten das, was ich jetzt umfasse, in dem Umfange erlernt zu haben, wie ich es in meinem Vortrage verlangen werde. Denn ungemein früh übernahm ich die Führung öffentlicher Verhandlungen, und einundzwanzig Jahre alt klagte ich einen höchst angesehenen und beredten Mann Den Gajus Carbo. S. über ihn zu I. Kap.10. Anm.101. gerichtlich an. Meine Schule war das Forum, meine Lehrmeister die Erfahrung, die Gesetze und Einrichtungen des Römischen Volkes und die Sitte der Vorfahren. 75.So sehr mich auch nach den Wissenschaften, von denen ich rede, dürstete; so habe ich doch nur wenig davon gekostet, als ich Quästor in Asien war, wo ich in einem Manne etwa von meinen Jahren, einem Akademiker, einen Lehrer der Beredsamkeit fand, jenem Metrodorus, dessen Gedächtniß Antonius erwähnte S. II, 88, §. 360., und dann auf meiner Rückreise von Asien in Athen, wo ich mich länger aufgehalten haben würde, wenn ich nicht den Athenern gezürnt hätte, daß sie die Mysterien Den Geheimdienst der Eleusinischen Ceres. nicht wiederholen wollten, zu denen ich um zwei Tage zu spät gekommen war. Wenn ich also so viel Kenntnisse und einen solchen Reichtum der Gelehrsamkeit in meinem Vortrage verlange, so spricht das nicht für mich, sondern vielmehr gegen mich nicht von meinen Leistungen rede ich hier, sondern von denen des Redners und gegen alle diejenigen, welche Regeln der Redekunst ertheilen: recht lächerliche Menschen; denn sie wissen nur von den Arten der Streitsachen, von den Eingängen und Erzählungen zu schreiben. 76.Das Gebiet der Beredsamkeit aber hat einen so großen Umfang, daß sie den Ursprung, das Wesen und die Veränderungen aller Dinge, der Tugenden, der Pflichten und der ganzen Natur, soweit dieselbe die Sitten, die Gemüthsarten und das Leben der Menschen angeht, umfaßt, sowie auch die Sitten, Gesetze und Rechte anordnet, den Staat lenkt, und Alles, worauf es sich auch beziehen mag, mit Geschmack und Fülle vorträgt. 77.In dieser Rücksicht leiste ich, so viel ich kann, so viel ich nach meinen Gaben, nach meiner mäßigen Gelehrsamkeit und meiner Erfahrung vermag; und doch glaube ich den Männern, die in der Philosophie ausschließlich den Wohnsitz ihres Lebens aufgeschlagen haben, wenn es auf einen gelehrten Streit ankäme, nicht eben sehr nachzustehen.

XXI. 78. Denn was könnte mein Freund Gajus Vellejus Vellejus wird von Cicero in dem ersten Buche von dem Wesen der Götter die Ansicht der Epikureer vertheidigend eingeführt. Im Jahre 90 v.Chr. war er Volkstribun. für die Behauptung anführen, daß die sinnliche Lust das höchste Gut sei, was ich nicht nach Belieben entweder vertheidigen oder widerlegen könnte aus den Fundgruben, die Antonius angezeigt hat, mittelst der Redefertigkeit, in der Vellejus unerfahren, ein jeder von uns dagegen wohl geübt ist? Was könnten Sextus Pompejus S. zu Buch I. Kap. 15. §67, Anm.135. oder die beiden Balbus Lucius Lucilius Balbus und Quintus Lucilius Balbus; der letztere wird von Cicero in dem zweiten Buche von dem Wesen der Götter als Vertheidiger der Stoischen Ansicht eingeführt. oder mein Freund, der mit Panätius Umgang gehabt hat, Marcus Vigellius Ist sonst nicht weiter bekannt., lauter Stoiker, über die Tugend vortragen, so daß ich oder irgend einer von euch in einer solchen Erörterung ihnen nachstehen müßte? 79.Mit der Philosophie nämlich verhält es sich anders als mit den übrigen Wissenschaften. Was würde zum Beispiel Einer in der Geometrie anfangen, der sie nicht erlernt hätte? was in der Musik? Entweder muß er schweigen, oder man wird ihn für einen unklugen Menschen halten. Der Stoff der Philosophie hingegen wird durch einen scharfsinnigen und durchdringenden Verstand, der überall das Wahrscheinliche hervorzusuchen versteht, ausfindig gemacht, und der geübte Vortrag ist es, der ihn in einer geschmackvollen Form darstellt. Unser gewöhnlicher Redner wird, wenn er auch nicht sehr gelehrt, aber im Reden wohl geübt ist, schon mit dieser gewöhnlichen Uebung die Philosophen zu geißeln wissen und sich von ihnen nicht verachten und geringschätzen lassen. 80.Sollte aber dereinst Einer auftreten, der nach des Aristoteles Weise über alle Gegenstände für und wider seine Ansicht vortragen und nach dessen Regeln bei jeder Sache zwei entgegengesetzte Vorträge halten oder nach des Arcesilas und Karneades Ueber Arcesilas und Karneades siehe zum Kap.18, Anmerkung675 und 676. Weise gegen jeden vorgelegten Satz gründlich reden und mit dieser Einsicht auch die Uebung der Rednerschule und die Fertigkeit im Reden Nach der von Ellendt gegebenen Lesart: hunc rhetoricum usum exercitationemque dicendi. vereinigen könnte: so würde ich sagen, der ist der wahre, der vollkommene, der einzige Redner. Denn sowie der Redner ohne die kernige Kraft der gerichtlichen Beredsamkeit nicht genug Feuer und Gewicht haben kann, so muß es ihm ohne vielseitige Gelehrsamkeit an seiner Bildung und Weisheit gebrechen. 81.Demnach wollen wir gern zulassen, daß euer Korax Ueber Korax s. zu I. Kap.20. Anm.146. Cicero spielt hier auf den Namen , Rabe, an. seine Jungen im Neste ausbrüte, auf daß sie als widrige und lästige Schreier ausfliegen, und daß jener vortreffliche Pamphilus einen so wichtigen Gegenstand wie ein Kinderspiel auf Bändern bildlich darstelle Die Stelle ist dunkel. Ob der hier erwähnte Pamphilus der Maler, der Lehrer des Apelles, der auch eine Rhetorik geschrieben haben soll, oder ein anderer Lehrer der Beredsamkeit sei, läßt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden. Aus Cicero's Worten scheint hervorzugehen, daß dieser Korax die Regeln der Redekunst bildlich dargestellt habe.; und nehmen wir auch an, wir selbst könnten in dieser kurzen Erörterung am gestrigen und heutigen Tage den ganzen Beruf des Redners darlegen: so bleibt doch die Beredsamkeit eine Wissenschaft von so großem Umfange, daß sie in allen Schriften der Philosophen, die nie einer der gewöhnlichen Redner berührt hat, enthalten zu sein scheint Der Sinn der Worte scheint zu sein: ein ausgezeichneter Redner muß alle Bücher der Philosophen lesen, da aus allen Nützliches für die Beredsamkeit gelernt werden kann..

XXII. 82. Hierauf sagte Catulus: Wahrlich man darf sich gar nicht wundern, Crassus, daß du eine so große Kraft, Anmuth und Fülle der Beredsamkeit besitzest. Denn während ich vormals der Ansicht war, du habest es bloß deinen Naturgaben zu verdanken, daß du mir in deinen Reden nicht allein als der ausgezeichnetste Redner, sondern auch als der weiseste Mann erschienst: so sehe ich jetzt, daß du zu jeder Zeit die Beschäftigung mit der Philosophie als Hauptsache betrachtet hast, und daß dieser Quelle die Fülle deiner Beredsamkeit entströmt ist. Aber gleichwol wenn ich mir alle Stufen deines Alters vergegenwärtige, und wenn ich dein Leben und deine Beschäftigungen betrachte; so begreife ich nicht, zu welcher Zeit du diese Kenntnisse gesammelt hast, und sehe auch nicht, daß du mit diesen Wissenschaften, Gelehrten und Büchern sehr eifrig verkehrst. Nicht jedoch kann ich entscheiden, ob ich mich mehr darüber wundern kann, daß du jene Kenntnisse, die ich, von dir überzeugt, für sehr wichtige Hülfsmittel halte, bei deinen so vielen Geschäften hast erlernen können, oder darüber, daß, wenn dir dieß nicht möglich war, du dennoch so vortrefflich reden kannst. 83.Da erwiderte Crassus: Vor Allem wünschte ich dich davon zu überzeugen, mein Catulus, daß ich es nicht viel anders mache, wenn ich von dem Redner handle, als ich es machen würde, wenn ich von dem Schauspieler reden sollte. Ich würde behaupten, er könne im Gebärdenspiele nicht befriedigen, wenn er nicht die Ringschule durchgemacht und das Tanzen erlernt hätte. Wenn ich nun diese Behauptung aufstellte, so brauchte ich deßhalb nicht selbst ein Schauspieler zu sein, sondern vielleicht nur ein nicht ungeschickter Beurtheiler einer fremden Kunst. 84.Auf gleiche Weise rede ich jetzt auf euer Verlangen von dem Redner, versteht sich von dem vollkommensten. Denn so oft über eine Kunst oder Fertigkeit die Frage entsteht, bezieht sie sich immer auf die vollkommenste und in sich abgeschlossene. Soll ich also nach euerem Urtheile ein Redner sein, auch ein ziemlich guter, ja wol gar ein guter Redner; so will ich mich nicht dagegen auflehnen; wozu soll ich mich jetzt zieren? ich weiß ja, daß ihr mich dafür haltet. Ist dieß nun auch so, so bin ich doch gewiß nicht der vollkommenste; denn es gibt auf der Welt keine Sache von größerer Schwierigkeit und Wichtigkeit, keine, die mehr Hülfsmittel der Gelehrsamkeit erforderte. 85.Aber gleichwol muß ich, weil ich vom Redner handeln soll, nothwendiger Weise von dem vollkommensten reden. Denn das eigentliche Wesen einer Sache läßt sich dann erst recht begreifen, wenn sie in ihrer Vollkommenheit uns vor die Augen gestellt wird. Was mich aber anlangt, so muß ich, Catulus, gestehen, daß ich weder gegenwärtig mit philosophischen Büchern und mit Philosophen Umgang pflege, noch auch, wie du recht wohl weißt, je irgend eine Zeit zu wissenschaftlichen Beschäftigungen ausgesetzt, sondern nur so viel Zeit der gelehrten Bildung gewidmet habe, als das Knabenalter und die gerichtlichen Feiertage mir gestatteten.

XXIII. 86. Aber, lieber Catulus, willst du meine Ansicht über diese gelehrten Beschäftigungen wissen, so glaube ich, daß ein fähiger Kopf, der das Forum, die Curie, die öffentlichen Verhandlungen, das Staatswesen zu seinem Berufe macht, nicht so viel Zeit dazu nöthig hat, als sich die nehmen, deren ganzes Leben in den wissenschaftlichen Bestrebungen aufgeht. Denn alle Künste werden anders von denen getrieben, die sie zur Ausübung im Leben anwenden; anders von denen, die sich von der Beschäftigung mit den Künsten selbst so angezogen fühlen, daß sie im Leben nichts Anderes treiben wollen. Ein hiesiger Lehrmeister der Samniten D. i. Gladiatoren. gibt, obgleich schon hoch bejahrt, doch täglich Unterricht; denn er hat keine andere Beschäftigung. Hingegen Quintus Velocius Ist nicht weiter bekannt. hatte in seiner Jugend neben seinem anderen Unterrichte auch das Fechten gelernt, und weil er dazu Geschick besaß und es gründlich erlernt hatte, war er, wie es bei Lucilius Ueber Lucilius s. zu I. Kap.16. Anm.138. heißt,

                                                            ein tüchtiger Kämpfer
Wohl in der Schule geübt, mit dem Fechtstab gleichend dem Besten;

aber weit mehr Thätigkeit verwandte er auf das Forum, die Freunde und das Hauswesen. 87.Valerius sang täglich; denn er war vom Theater; hingegen unser Freund Numerius Furius Valerius und Furius sind nicht weiter bekannt. singt, wenn es ihm bequem ist; denn er ist Familienvater, ist Römischer Ritter; in seiner Jugend hat er gelernt, was zu lernen war. Ein gleiches Verhältniß findet bei den höheren Wissenschaften statt. Tag und Nacht sahen wir den hochverdienten und einsichtsvollen Quintus Tubero Quintus Aelius Tubero, ein Stoiker. S. Cicer. Brut. 31,117. unter Leitung eines Philosophen dieser Wissenschaft obliegen; hingegen an seinem Oheim Africanus S. zu II, 37, 154, Anm. 380. konnte man kaum merken, daß er sich damit beschäftigte, und doch that er es. Solche Wissenschaften lassen sich leicht lernen, wenn man nur so viel davon nimmt, als man braucht, wenn man einen treuen Lehrer hat, und wenn man selbst zu lernen versteht. 88.Will man aber im ganzen Leben nichts Anderes treiben, so erzeugt die Behandlung und Untersuchung der Dinge aus sich selbst täglich Fragen, deren Lösung man in müssiger Behaglichkeit ergründen möchte. Hieraus folgt, daß die Erforschung Nach der Muthmaßung Müller's, die auch von Ellendt aufgenommen ist. der Dinge unendlich. die Erlernung hingegen leicht ist, wenn die Anwendung das Gelernte befestigt, mäßiger Fleiß darauf verwendet wird, und Gedächtniß und Eifer ausdauern. Es macht aber Vergnügen immer zu lernen, so daß Ich habe nach der Muthmaßung: ut velim ego statt ut si velim ego übersetzt. Die Lesart ist jedenfalls verdorben. ich gern recht gut Würfel spielen oder mit besonderer Neigung das Ballspiel treiben möchte, vielleicht auch, wenn ich darin Nichts leisten könnte. 89.Aber Andere, weil sie dieß vortrefflich verstehen, finden ein größeres Vergnügen daran, als gut ist, wie Titius am Ballspiele, Brulla Ueber den Titius vgl. II, 11, 48. Brulla ist unbekannt. am Knöcheln. Daher braucht Niemand den großen Umfang der Wissenschaften aus dem Grunde zu fürchten, weil Greise noch daran lernen; denn entweder haben sie sich erst im Alter damit befaßt oder lassen sich bis zum Alter in ihren Forschungen festhalten oder sind sehr langsame Köpfe. Nach meiner Meinung verhält sich die Sache so: was Einer nicht schnell lernt, das wird er überhaupt nie gründlich erlernen können.

XXIV. 90. Ja, ja, sagte Catulus, ich verstehe schon, mein Crassus, was du meinst, und wahrlich ich stimme dir bei; ich sehe, daß du, ein Mann von so großem Lerneifer, Zeit genug gehabt hast, um das zu erlernen, was du in deinem Vortrag erwähnt hast. Fährst du denn noch immer fort, erwiderte Crassus, meinen Vortrag auf meine Person und nicht auf die Sache selbst zu beziehen? Doch, wenn es beliebt, laßt mich jetzt zu dem Vorhaben zurückkehren. Sehr gern, sagte Catulus. 91.Hierauf fuhr Crassus fort: Was ist nun der Zweck dieser so langen und so weit ausgeholten Rede? Die beiden Theile, die mir noch übrig sind, durch die der Rede Glanz verliehen und die ganze Beredsamkeit zur höchsten Vollendung erhoben wird, von denen der eine einen geschmückten, der andere einen angemessenen Vortrag verlangt, haben die Bedeutung, daß die Rede möglichst anziehend sei, daß sie sich so viel als möglich in die Empfindungen der Zuhörer ergieße, und daß sie mit möglichst reicher Sachkenntniß ausgerüstet sei. 92.Der Stoff unserer gerichtlichen Beredsamkeit aber, der in Zänkereien und Leidenschaften besteht und in den Vorurtheilen der großen Menge seine Quelle hat, ist wahrlich dürftig und bettelhaft. Andererseits ist aber auch der Stoff, den diejenigen lehren, die sich für Lehrer der Beredsamkeit ausgeben, nicht viel bedeutender als jener gewöhnliche vor den Gerichten. Einen Vorrath von Sachen haben wir nöthig, den wir überall aufgesucht und von allen Seiten gesammelt, herbeigeholt und zusammengetragen haben, wie du, Cäsar, für das nächste Jahr thun mußt Cäsar gedachte im nächsten Jahre Aedil zu werden. Mit der Aedilität war die Besorgung der öffentlichen Schauspiele verbunden, die große Vorbereitungen erforderte., und wie ich mich in meiner Aedilität angestrengt habe, weil ich durch alltägliche und gewöhnliche Sachen unser so verwöhntes Volk nicht befriedigen zu können glaubte. 93.Die Wahl und die Stellung der Worte, sowie den Schlußfall der Rede lernt man leicht durch Regeln oder auch ohne Regeln durch die bloße Uebung. Der Stoff der Sachen aber ist groß, und da diesen die Griechen nicht mehr besitzen, und aus diesem Grunde unsere Jugend durch das Lernen beinahe verlernte, so sind, so Gott will, sogar auch Lateiner als Lehrmeister der Beredsamkeit in den beiden letzten Jahren aufgetreten, obwol ich ihnen als Censor das Handwerk gelegt hatte, nicht, wie gewisse Leute mir Schuld gegeben haben sollen, als sähe ich es nicht gern, daß der Verstand der jungen Männer geschärft werde. sondern vielmehr, weil ich nicht wollte, daß ihr Verstand abgestumpft, ihre Unverschämtheit hingegen gestärkt werde. 94.Denn bei den Griechen, wie sie auch beschaffen sein mochten, sah ich doch außer der Zungenfertigkeit einige Gelehrsamkeit und eine der Wissenschaft entsprechende feine Bildung; von diesen neuen Lehrmeistern hingegen überzeugte ich mich, daß sie nichts Anderes lehren konnten als dreist sein, was selbst mit guten Kenntnissen verbunden an und für sich sorgfältig vermieden werden muß. Da sie nun dieses Eine nur lehrten, und ihre Schule eine Schule der Unverschämtheit war; so hielt ich es als Censor für meine Pflicht dafür Sorge zu tragen, daß das Uebel nicht weiter um sich griffe. 95.Doch will ich hiermit meine Ansicht nicht so entschieden aussprechen, als ob ich alle Hoffnung aufgäbe, daß die Gegenstände, von denen wir gesprochen haben, in der Lateinischen Sprache auf eine geschmackvolle Weise gelehrt werden könnten; denn sowol unsere Sprache als auch die Beschaffenheit der Sachen gestatten es jene alte herrliche Weisheit der Griechen für uns zu benutzen und unserer Weise anzupassen; aber dazu bedarf es kenntnißreicher Männer, wie sie sich bis jetzt, wenigstens in diesem Fache, noch nicht unter den Unsrigen gefunden haben; sollten aber dereinst solche aufstehen, so werden sie sogar vor den Griechen den Vorzug verdienen.

XXV. 96. Was nun den Schmuck der Rede betrifft, so ist er zuerst ein auf das Ganze bezüglicher, der gleichsam auf der ihr eigenen Farbe und dem ihr eigenen Safte beruht. Denn soll sie gewichtvoll, lieblich, fein gebildet, edel, bewunderungswürdig, geglättet sein, soll sie Empfindungen und Rührungen ausdrücken, soweit es nöthig ist: so liegt das nicht in den einzelnen Gliedern; in dem ganzen Körper tritt dieß hervor. Soll sie hingegen, so zu sagen, mit den Blüten der Worte und Gedanken bestreut sein, so dürfen diese nicht gleichmäßig über die ganze Rede ausgeschüttet, sondern so verteilt sein, wie die bei einem Festprunke hier und da aufgestellten Prachtstücke und leuchtende Zierate. 97.Man muß also eine Redeweise wählen, die die Zuhörer sehr fesselt, und die nicht allein ergötzt, sondern auch ohne Ueberdruß ergötzt; das werdet ihr ja, glaub' ich, nicht von mir erwarten, daß ich euch vor einem dürftigen, ungebildeten, gemeinen, veralteten Vortrage warne; an etwas Höheres mahnt mich euer Geist und euer Alter. 98.Denn es ist schwer den Grund abzugeben, warum wir gerade gegen diejenigen Dinge, die unsere Sinne am Meisten entzücken und bei ihrer ersten Erscheinung am Lebhaftesten in Bewegung setzen, durch Ekel und Ueberdruß am Schnellsten eine Abneigung empfinden. Um wie viel hervorstechender durch die Schönheit und Mannigfaltigkeit der Farben ist das Meiste auf den neuen Gemälden als auf den alten? Gleichwol ergötzen uns jene, wenn sie uns auch beim ersten Anblicke einnehmen, nicht auf die Länge, während wir uns bei den alten Gemälden selbst durch ihren rauhen und unserem Geschmacke fremd gewordenen Charakter angezogen fühlen. Um wie viel weicher und zarter sind im Gesange die Schleifer und Falsette als die bestimmten und ernsten Töne? Und dennoch äußern nicht nur Männer von finsterem Ernste, sondern, wenn sie öfter wiederkehren, selbst die große Menge laut ihr Mißfallen. 99.Man kann dieß auch bei den übrigen Sinnen sehen. Salben, die mit sehr starken und durchdringenden Wohlgerüchen durchwürzt sind, ergötzen uns nicht so lange als die mäßig duftenden, und mehr wird das gelobt, was nach Wachs, als was nach Safran zu riechen scheint. Selbst für den Sinn des Gefühls gibt es ein gewisses Maß von Weichheit und Glätte. Ja sogar der Geschmack, der unter allen Sinnen der genußsüchtigste ist und der durch die Süßigkeit mehr als die übrigen Sinne gereizt wird, wie schnell verabscheut und verschmäht er das sehr Süße? Wer kann sehr lange süße Getränke oder Speisen genießen? während wir derjenigen, welche nur in schwachem Grade den Sinn angenehm berühren, am Wenigsten leicht überdrüssig werden. 100.So grenzt in allen Dingen an die größten Sinnengenüsse Ueberdruß. Um so weniger kann uns dieß bei der Rede befremden, bei der wir sowol aus Dichtern als aus Reden beurtheilen können, daß ein Vortrag in gebundener oder ungebundener Rede, der zwar wohl abgerundet, zierlich, geschmückt, schön aufgeputzt ist, aber der Ruhepunkte, der Abwechslung und Mannigfaltigkeit entbehrt, mag er auch in den hellsten Farben prangen, doch auf die Länge uns nicht ergötzen kann. Und um so schneller findet man an den Schnörkeleien und der Schminke eines Redners oder Dichters Anstoß, weil, während die Sinne bei einem Uebermaße der Lust von Natur und nicht nach dem Urtheile des Verstandet übersättigt werden, in Schriften und Reden nicht bloß nach dem Urtheile der Ohren, sondern nach dem des Verstandes die aufgetragene Schminke um so leichter erkannt wird.

XXVI. 101. Darum mag man uns, so oft man will, zurufen: Wie schön! und wie herrlich! Aber: Wie niedlich! und wie nett! mag ich nicht gar zu oft hören. Wiewol ich wünschte, jener Ausruf: Unvergleichlich! möchte mir recht häufig zu Theil werden; so muß doch auch das höchste und bewunderungswürdigste Lob der Rede einen Schatten und eine Vertiefung haben, damit die Lichtseiten um so mehr abstechen und hervortreten. Niemals trägt Roscius folgenden Vers so nachdrücklich vor, wie er könnte:

Denn der Weise sucht für Tugend Ruhm zum Lohne, nicht Gewinn,

sondern er wirft ihn nur so hin, um sich auf die nächstfolgenden:

Ach, was seh' ich? schwertumgürtet hält er der Götter Haus besetzt u.s.w.

mit um so größerer Wucht zu werfen, indem er seine Blicke spielen läßt, und Verwunderung und Staunen ausdrückt. 102.Ferner der andere Schauspieler Wahrscheinlich Aesopus. Einige verstehen die Worte: ille alter von einem Verse.:

Welchen Schutz such' ich jetzt Vollständig steht der Vers III. 47, 183.?

Wie sanft, wie gelassen, wie wenig leidenschaftlich trägt er diese Worte vor; denn es folgt gleich darauf:

O Vater und o Vaterland, o Priamus' Palast!

wobei der Vortrag nicht so erschütternd sein könnte, wenn er schon durch die frühere Bewegung verbraucht und erschöpft wäre. Dieß haben jedoch die Schauspieler nicht eher eingesehen als die Dichter selbst und überhaupt die Tonsetzer, welche beide den Ton erst sinken lassen, dann wieder heben, dann schwächen und wieder anschwellen, dann wechseln und gegen einander abstechen lassen. 103.So möge sich nun auch der Schmuck und die Lieblichkeit unseres Redners verhalten, wie es auch nicht anders bei ihm sein kann. Er soll eine herbe und kernhafte Lieblichkeit haben, nicht eine süßliche und kraftlose. Uebrigens sind die Regeln selbst, die man über den Schmuck der Rede gibt, von der Art, daß sie selbst der schlechteste Redner beobachten kann. Darum muß man sich, wie ich zuvor bemerkte, vor Allem einen Vorrath von Sachkenntnissen aneignen, worüber Antonius geredet hat; diesen muß man durch die Behandlung und Darstellungsweise künstlich ausbilden, durch Worte in das gehörige Licht stellen und durch Gedanken in mannigfaltiger Abwechslung hervortreten lassen. 104.Das höchste Lob der Beredsamkeit besteht aber darin, daß man einen Gegenstand durch die Ausschmückung vergrößert, was nicht bloß stattfindet, wenn man Etwas verschönert und erhöht, sondern auch, wenn man Etwas schmälert und herabdrückt.

XXVII. Dieses Mittel ist an allen solchen Stellen erforderlich, welche man, wie Antonius sagte, anwendet, um die Glaubwürdigkeit seiner Behauptungen zu erwirken, entweder wenn wir Etwas erörtern oder die Gemüther gewinnen oder aufregen wollen. 105.Aber in dem zuletzt erwähnten Falle hat die Vergrößerung die höchste Bedeutung und ist der höchste Ruhm des Redners und der ihm ganz besonders eigentümliche Vorzug. Recht förderlich für die Vergrößerung ist auch die Uebung im Loben und Tadeln, für die Antonius am Ende seines Vortrages (anfänglich wollte er sie ganz von sich weisen II. 10, 42.) die nöthigen Vorschriften ertheilt hat II. Kap. 84.. Denn Nichts ist für die Vergrößerung und Erhöhung des Vortrages geeigneter als beides vollkommen gut zu verstehen. 106.Hieran schließen sich auch jene Beweisquellen, die zwar den Rechtssachen angehören und dem innersten Wesen derselben inwohnen müssen, aber, weil sie, wenn von einer Sache im Allgemeinen geredet wird, angewendet zu werden pflegen, Gemeinplätze von den Alten genannt worden sind. Sie bestehen theils in scharfen, mit Vergrößerung gemachten Anschuldigungen von Lastern und Vergehungen oder in Beschwerden, gegen die man Nichts zu sagen pflegt noch zu sagen vermag, wie über Unterschleif, Verrat, Mord; von diesen darf man jedoch nur Gebrauch machen, wenn die Verbrechen schon erwiesen sind; denn sonst sind sie nüchtern und kraftlos. 107.Andere hingegen bestehen in Fürbitten und bezwecken die Erregung des Mitleids; andere aber enthalten doppelseitige Erörterungen, nach denen man über einen allgemeinen Satz für und wider mit Fülle reden kann. Diese Uebung wird jetzt als eine Eigentümlichkeit der beiden philosophischen Schulen Der Peripatetiker und Akademiker. S. I. 62, 263. III. 18, 67., von denen ich vorher sprach, angesehen; bei den Alten hingegen gehörte sie denen an, von welchen man alle Kunst und Fülle der Beredsamkeit für die gerichtlichen Verhandlungen entlehnte Vor Sokrates waren Philosophie und Beredsamkeit noch nicht geschieden. S. Kap. 15 und 16.. Denn über Tugend, über Pflicht, über Recht und Billigkeit, über Würde, Nutzen, Ehre, Schande, Belohnung, Strafe und Aehnliches entgegengesetzte Ansichten zu vertheidigen darf es uns an Muth, Kraft und Kunst nicht gebrechen. 108.Aber nachdem wir nun aus unserem Besitztume vertrieben und auf einem gar kleinen Gebiete, das auch noch mit Streit und Gezänk angefüllt ist, belassen sind und, Vertheidiger Anderer, unser Eigentum nicht haben behaupten und beschützen können: so laßt uns freilich zu unserer großen Schmach von denen, die in unser Erbgut eingebrochen sind, das, was wir nöthig haben, entlehnen.

XXVIII. 109. Jene Philosophen nun, die jetzt nach einem kleinen Theile und Raume Er meint die Akademie, in der Plato lehrte, und das Lyceum, wo Aristoteles lehrte. Beide Orte lagen vor der Stadt. der Stadt Athen den Namen führen und Peripatetiker oder Akademiker heißen, vormals aber wegen ihrer vorzüglichen Kenntnisse in den wichtigsten Angelegenheiten mit dem Namen Politiker benannt wurden, der sich auf das gesammte Staatswesen bezieht, behaupten, die bürgerliche Rede zerfalle im Allgemeinen in zwei Arten, von denen die eine sich mit Streitfragen beschäftigt, die nach Zeit und Personen bestimmt sind, zum Beispiel auf die Weise: »Sollen wir von den Karthagern unsere Gefangene gegen Rückgabe der ihrigen annehmen?« die andere hingegen mit einer unbestimmten Frage über Etwas Allgemeines, wie: »Was soll man überhaupt über einen Gefangenen beschließen und urtheilen?« Die erstere Art nennen sie Rechtssache oder Streitsache und theilen sie in drei Theile: Rechtsklage, Berathschlagung und Belobung; die letztere, die unbestimmte und gleichsam nur aufgeworfene Frage, wird Untersuchungsfrage genannt. So lehren sie. 110.Dieser Eintheilung bedienen sich auch die Lehrer der Beredsamkeit bei ihrem Unterrichte, doch so, daß sie nicht nach Recht oder gerichtlichem Urtheile oder sogar mit Gewalt den verlorenen Besitz wieder zu gewinnen, sondern nach Vorschrift des bürgerlichen Rechtes durch einen abgebrochenen Zweig Die, welche über das Eigentumsrecht eines Grundstückes oder Waldes stritten, pflegten eine Erdscholle von dem streitigen Grundstücke oder einen von einem Baume des streitigen Waldes abgebrochenen Zweig vor das Gericht mitzubringen, um dadurch ihre Ansprüche auf den streitigen Gegenstand geltend zu machen. ihre Ansprüche darauf geltend zu machen scheinen. Denn nur die eine Art, die nach Zeiten, Orten und Personen bestimmt ist, halten sie fest, und selbst diese nur beim Zipfel. In der Schule des Philo Philo aus Larissa in Thessalien, ein Schüler des Akademikers Klitomachus, suchte die Akademie der Stoischen Philosophie nahe zu bringen. Während des Mithridatischen Krieges kam er nach Rom (88 v.Chr.), wo Cicero sein Zuhörer wurde. Er war, wie aus dieser Stelle und aus den Tuscul. II. 3, 9. hervorgeht, zugleich auch Lehrer der Beredsamkeit. nämlich, der, wie ich höre, in der Akademie in dem höchsten Ansehen steht, wird jetzt auch über solche Verhandlungen fleißig Unterricht gegeben und häufige Uebungen angestellt. Die andere Art aber nennen sie nur zu Anfang ihres Unterrichtes in der Redekunst und behaupten, sie sei ein Eigentum des Redners, aber sie geben weder ihre Bedeutung noch ihr Wesen noch ihre Arten und Gattungen an, so daß es besser wäre, sie übergingen dieselbe ganz, als daß sie sie nur eben berühren und dann gleich wieder aufgeben. Denn jetzt schweigen sie aus Unwissenheit, im anderen Falle würden sie es mit Ueberlegung zu thun scheinen.

XXIX. 111. Bei jedem Gegenstande nun, über den eine Untersuchung und Erörterung stattfinden kann, mag diese nun allgemeine Untersuchungsfragen oder solche Sachen betreffen, welche den Staat und gerichtliche Verhandlungen angehen, ist das Wesen des Streites das nämliche, und es gibt keinen, der sich nicht entweder auf das Erkennen oder auf das Handeln bezöge. 112.Denn entweder wird die Erkenntniß und Wissenschaft einer Sache selbst erforscht, wie zum Beispiel: »Soll man nach der Tugend wegen ihres inneren Werthes oder wegen äußerer Vortheile streben?« oder das Handeln wird zum Gegenstande der Berathung gemacht, zum Beispiel: »Soll der Weise sich dem Staatsdienste widmen?« 113.Von der Erkenntniß aber gibt es drei Arten: die Muthmaßung, die Erklärung und die Folgerung Im Lateinischen: et, ut ita dicam, consecutio. Der Zusatz ut ita dicam ist von Cicero zu dem Worte consecutio gemacht, weil es in dieser Bedeutung noch nicht allgemein gebräuchlich war. Im Deutschen muß also dieser Zusatz weggelassen werden.. Durch Muthmaßung nämlich wird erforscht, was in einer Sache liege, zum Beispiel: »Findet sich Weisheit im Menschengeschlechte?« Welche Bedeutung eine Sache habe, entwickelt die Erklärung, wie zum Beispiel, wenn gefragt wird: »Was ist Weisheit?« Die Folgerung aber wird angewendet, wenn man untersucht, was für Folgen aus einer Sache hervorgehen, wie zum Beispiel: »Darf ein rechtschaffener Mann zuweilen eine Lüge sagen?« 114.Sie kehren nun wieder zur Muthmaßung zurück und theilen sie in vier Arten. Entweder nämlich fragt man, was eine Sache sei, zum Beispiel auf die Weise: »Ist das Recht unter den Menschen auf die Natur oder auf Meinungen gegründet?« oder was für einen Ursprung eine Sache habe, zum Beispiel: »Woraus sind Gesetze oder Staaten hervorgegangen?« oder man fragt nach Grund und Ursache, wie zum Beispiel: »Warum sind die gelehrtesten Männer über die wichtigsten Angelegenheiten verschiedener Meinung?« oder nach einer Veränderung, wie wenn man untersucht, ob die Tugend in dem Menschen untergehen, oder ob sie sich in das Laster umwandeln könne. 115. Zu der Erklärung gehören Erörterungen, entweder wenn man fragt, was für ein Begriff von einer Sache dem natürlichen Menschenverstande gleichsam eingeprägt sei, wie zum Beispiel wenn erörtert würde. ob das Recht sei, was der Mehrzahl nützlich ist; oder wenn untersucht wird, was einem Dinge eigentümlich sei, zum Beispiel: »Ist ein schöner Vortrag dem Redner eigentümlich, oder kann ihn auch ein Anderer haben?« oder wenn ein Gegenstand in seine Theile zerlegt wird, wie wenn man früge: »Wie viel Arten wünschenswerter Dinge gibt es?« und: »Gibt es deren drei, Güter des Körpers, der Seele und der Außenwelt?« oder wenn man das Gepräge einer Sache und gleichsam ihre natürlichen Merkmale beschreibt, wie zum Beispiel wenn nach dem Charakter eines Habsüchtigen, eines Aufrührers, eines Prahlers gefragt würde. 116.Von der Folgerung aber stellt man erstlich zwei Hauptarten der Fragen auf. Denn die Streitfrage ist entweder einfach, wie wenn erörtert würde, ob man nach Ruhm streben solle, oder sie beruht auf einer Vergleichung, zum Beispiel: »Verdient der Ruhm oder der Reichtum mehr erstrebt zu werden?« Die einfachen aber sind dreierlei: sie beziehen sich nämlich entweder auf Dinge, die begehrt oder vermieden werden müssen, zum Beispiel: »Sind die Ehrenstellen begehrungswerth?« »Soll man wol die Armut fliehen?« oder auf Billigkeit oder Unbilligkeit, zum Beispiel: »Ist es billig wegen Kränkungen selbst an Verwandten Rache zu nehmen?« oder auf Ehre oder Schande, zum Beispiel: »Ist es ehrenvoll des Ruhmes wegen zu sterben?« 117.Von der Vergleichung aber gibt es zwei Arten: erstens wenn man fragt, ob Wörter dasselbe oder verschiedenes bedeuten, wie: fürchten und scheuen, König und Herrscher, Schmeichler und Freund; zweitens wenn man fragt, worin eine Sache besser sei als eine andere, wie: »Lassen sich die Weisen durch das Lob der Besten oder durch das der großen Menge leiten?« So etwa werden die Streitfragen, die sich auf die Erkenntniß beziehen, von den Gelehrten eingeteilt.

XXX. 118. Die Streitfragen aber, die sich auf das Handeln beziehen, beschäftigen sich entweder mit der Erörterung einer Pflicht, wobei gefragt wird, was recht ist und geschehen soll, und dieser Abtheilung ist der ganze Stoff der Tugenden und Laster untergeordnet; oder mit Erzeugung oder Dämpfung und Aufhebung einer Leidenschaft; dieser Abtheilung sind die Ermahnungen, Verweise, Tröstungen, das Bemitleiden und überhaupt Alles, was zur Aufregung und nach Umständen zur Besänftigung der Leidenschaften dient. Bei dieser Entwickelung der Gattungen und Arten sämmtlicher Streitfragen ist es für die Sache nicht eben von Belang, wenn meine Eintheilung von der des Antonius in irgend einem Punkte abweicht. 119.Denn in beiden Auseinandersetzungen finden sich die nämlichen Glieder; nur habe ich sie etwas anders eingetheilt und angeordnet als er. Jetzt will ich zu dem Uebrigen fortgehen und mich auf die mir zugetheilte Aufgabe beschränken. Denn aus den Fundgruben, die Antonius nachgewiesen hat S. Buch II, Kap. 27., müssen alle Beweisgründe für jegliche Arten von Streitfragen entlehnt werden; doch sind für die einen Arten diese, für die anderen jene Fundgruben geeigneter. Hierüber zu reden ist unnöthig, nicht sowol weil es zu weitläufig, als weil es einleuchtend ist. 120. Diejenigen Reden sind nun die schönsten, welche sich am Weitesten ausbreiten und sich von der besonderen und einzelnen Streitfrage zu der Entwickelung des Wesens der ganzen Gattung wenden, damit die Zuhörer die Sache nach ihrer natürlichen Beschaffenheit, nach ihrer Gattung und ihrem ganzen Umfange erkennen und dadurch befähigt werden über die einzelnen Beklagten, Verbrechen und Streitigkeiten zu entscheiden. 121.Zu dieser Uebung hat euch, junge Männer, Antonius ermahnt, indem er euch von kleinlichen und engherzigen Zänkereien in das ganze so reiche und mannigfaltige Gebiet der wissenschaftlichen Streitlehre hinüberführen zu müssen glaubte. Eine solche Aufgabe kann also nicht durch einige kleine Lehrbücher gelöst werden, wie die meinen, die über die Redekunst geschrieben haben, sowie auch nicht durch ein Tusculanisches Gespräch und unseren vormittägigen Lustgang oder unsere nachmittägige Sitzung. Denn nicht blos die Zunge müssen wir schärfen und zuspitzen; nein, die Brust muß mit der Anmuth, der Fülle und Mannigfaltigkeit ungemein vieler und höchst wichtiger Sachkenntnisse versehen und angefüllt werden.

XXXI. 122. Unser Besitztum ist ja, wenn anders wir Redner sein wollen, wenn man uns in den Streitigkeiten der Bürger, in ihren Gefahren, in den öffentlichen Beratungen als Rathgeber und Stimmführer anwenden soll unser Besitztum, sage ich, ist diese ganze Staatswissenschaft und Gelehrsamkeit. In dasselbe sind aber, als ob es verfallen und herrenlos wäre, während wir mit Geschäften überhäuft waren, Menschen, die an Muße Ueberfluß hatten, eingefallen und treiben sogar, wie Sokrates im Gorgias S. zu Buch I. Kap. 11. Anm. 120., mit dem Redner ihren Spott und Hohn oder geben einige Regeln über die Kunst des Redners in wenigen dürftigen Büchern, die sie Lehrbücher der Redekunst benennen, als ob nicht das ein Eigentum der Redekünstler wäre, was von ihnen über die Gerechtigkeit, über die Pflicht, über die Einrichtung und Verwaltung der Staaten, über die rechte Lebensweise, endlich über die Beschaffenheit der Natur vorgetragen wird. 123.Da wir diese Lehren jetzt anderswoher nicht mehr entlehnen können, so müssen wir sie gerade von denen entlehnen, die uns ausgeplündert haben, nur daß wir sie auf die Staatswissenschaft, worauf auch eigentlich ihr Zweck gerichtet ist, anwenden und nicht, wie ich zuvor bemerkte, unsere ganze Lebenszeit auf die Erlernung dieser Dinge verwenden, sondern uns nur mit den Quellen bekannt machen, die man entweder schnell oder überhaupt nicht kennen lernt; und dann, so oft es nöthig ist, aus ihnen so viel schöpft, als die Sache verlangt. 124.Denn sowie einerseits der Mensch nach seinen natürlichen Anlagen nicht einen so durchdringenden Scharfsinn besitzt, daß er so schwierige Gegenstände ohne alle Anweisung erkennen kann, so ist andererseits die Dunkelheit derselben nicht so groß, daß sie nicht ein Mann von durchdringendem Verstande gründlich durchschauen sollte, sobald er nur auf sie seinen Blick richtet. Da also der Redner in diesem so großen und unermeßlichen Felde frei umherschweifen und, wohin er tritt, auf seinen Grund und Boden treten kann; so bietet sich ihm leicht der ganze Vorrath und Schmuck der Rede dar. 125.Denn Reichtum an Sachen erzeugt Reichtum an Worten, und wenn in den Sachen selbst, von denen man redet, Würde liegt, so entspringt aus der Natur der Sache selbst Glanz in den Worten. Wer reden oder schreiben will, der habe nur in seiner Jugend eine edele Erziehung und Bildung genossen, besitze brennenden Eifer, werde von der Natur unterstützt, habe sich in den allgemeinen und unbestimmten Streitfragen wohl geübt und sich die geschmackvollsten Schriftsteller und Redner zum Lesen und Nachahmen gewählt; und wahrlich er wird nicht eben nöthig haben von jenen Lehrmeistern zu erlernen, wie er seine Worte setzen und in das gehörige Licht setzen soll: so leicht wird er bei dem Reichtume an Sachen zu den Mitteln zur Ausschmückung der Rede ohne Führer durch die Natur selbst, wenn sie nur geweckt worden ist, gelangen.

XXXII. 126. Da rief Catulus aus: Unsterbliche Götter, welche Mannigfaltigkeit, welche Menge, welche Fülle von Sachen hast du, mein Crassus, in deinem Vortrage zusammengefaßt, und aus welch engem Gebiete hast du den Redner herauszuführen und in das Reich seiner Vorfahren wiedereinzusetzen gewagt! Denn jene alten Lehrer und Erfinder der Beredsamkeit haben, wie wir vernehmen, keine Art wissenschaftlicher Erörterungen als ihnen fremd angesehen und sich in jeder Redeweise geübt. 127.So kam einer von ihnen, Hippias Hippias aus Elis und die darauf erwähnten Männer, Prodikus aus Ceos, Thrasymachus aus Chalcedon, einer Stadt Bithyniens, Protagoras aus Abdera, einer Stadt Thraciens, und Gorgias aus Leontini, einer Stadt Siciliens, waren berühmte Sophisten, welche Philosophen, Redner und Lehrer der Beredsamkeit zugleich sein wollten. Sie lebten alle zur Zeit des Sokrates. aus Elis, nach Olympia zu der berühmten Festlichkeit der fünfjährlichen Spiele und rühmte sich in Gegenwart von fast ganz Griechenland, es gebe in dem ganzen Bereiche aller Künste und Wissenschaften Nichts, was er nicht verstände, und zwar nicht bloß die, welche man unter den Namen der freien und edelen Wissenschaften begreift, Geometrie, Tonkunst, die Kenntniß der Literatur und der Dichter und was von der Natur, von den Sitten der Menschen, von dem Staatswesen gelehrt werde, sondern auch den Ring, den er habe, den Mantel, mit dem er bekleidet sei, die Schuhe, die er trage, habe er mit eigener Hand verfertigt. 128.Offenbar ging er zu weit, aber gerade hieraus läßt sich leicht abnehmen, wie viel jene Redner aus den edelsten Wissenschaften sich anzueignen strebten, da sie nicht einmal die niedrigen Künste verschmähten. Was soll ich von Prodikus aus Ceos sagen? was von Thrasymachus aus Chalcedon, von Protagoras aus Abdera? Von diesen hat jeder in jenen Zeiten sehr Viel auch über die Natur geredet und geschrieben. 129.  Selbst der Leontiner Gorgias, der von Plato In dem Gespräche, das Gorgias benannt ist. als Vertheidiger des Redners eingeführt wird, doch so, daß der Redner dem Philosophen unterliegt; aber entweder ist er niemals von Sokrates besiegt worden, indem jenes Gespräch des Plato nicht wirklich gehalten wurde, oder wenn er besiegt wurde, so war Sokrates natürlich beredter und im Vortrage geübter und, wie du sagst, ein reichhaltigerer und besserer Redner; dieser Gorgias nun, wollte ich sagen, macht sich gerade in jener Platonischen Schrift anheischig über Alles, was Gegenstand eines Streites oder einer Untersuchung werde, auf das Ausführlichste zu reden, wie er denn auch der erste war, der in einer Versammlung die Anwesenden zur Bestimmung eines beliebigen Gegenstandes aufzufordern wagte, worüber sie einen Vortrag von ihm hören wollten, und diesem Manne erwies Griechenland eine solche Ehre, daß man ihm unter allen allein zu Delphi nicht eine vergoldete, sondern eine goldene Bildsäule setzte. 130.Die genannten Männer, sowie auch außerdem noch viele andere ausgezeichnete Lehrer der Beredsamkeit lebten alle zu Einer Zeit: woraus man ersehen kann, daß sich die Sache so verhält, wie du sagst, Crassus, und daß des Redners Name bei den Alten in Griechenland sowol durch eine umfassendere Fülle der Gelehrsamkeit als auch durch größeren Ruhm ausgezeichnet gewesen ist. 131.Um so zweifelhafter ist mir daher die Entscheidung, ob ich dich mehr loben oder die Griechen mehr tadeln soll, da du, in einer anderen Sprache und in anderen Sitten geboren, in einer höchst unruhigen Stadt theils durch fast unzählige Geschäfte für einzelne Bürger, theils durch die Verwaltung und Leitung der Weltherrschaft unseres Staates in Anspruch genommen, eine so große Menge von Sachkenntnissen umfaßt und diese in ihrem ganzen Umfange mit der Wissenschaft und Geschäftsthätigkeit eines Staatsmannes und Staatsredners vereinigt hast, während jene, in den Wissenschaften geboren und ihnen mit Begeisterung ergeben, durch die gemächliche Muße aber ganz erschlafft, nicht nur Nichts dazu erworben, ja nicht einmal das hinterlassene, ererbte Eigentum erhalten haben.

XXXIII. 132. Hierauf sagte Crassus: Nicht allein in dieser Wissenschaft, mein Catulus, sondern auch in mehreren anderen Zweigen ist durch die Zerstückelung und Sonderung der Theile der Umfang der Wissenschaften verringert worden. Meinst du etwa, daß es zur Zeit des Hippokrates Hippokrates von der Insel Kos, geb. 460 v.Chr., gest. 357, war der Gründer der Arzeneiwissenschaft und hatte zu Kos eine Schule der Arzeneikunde errichtet. Zur Zeit des Peloponnesischen Krieges leistete er den Athenern bei dem Ausbruche der Pest wichtige Dienste. aus Kos für die innerlichen Krankheiten, für die Wunden, für die Augenübel besondere Aerzte gegeben habe? Daß die Geometrie, als Euklides Euklides lehrte unter der Herrschaft des Ptolemäus Lagi (um 300 v.Chr.) in Alexandrien die Geometrie. Er war der erste, der die Mathematik in ein System brachte. oder Archimedes Archimedes aus Syrakus, der Sohn des Samiers Konon, ein berühmter Mathematiker und Maschinist, wurde bei der Einnahme von Syrakus durch Marcellus von einem Römischen Soldaten getödtet (212 v.Chr.)., die Musik, als Damon Damon, ein berühmter Musiker und Sophist, ein Schüler des Agathokles, Lehrer des Perikles. oder Aristoxenus Aristoxenus aus Byzantium, ein Schüler des Kallimachus, Vorgesetzter der Bibliothek in Alexandrien unter der Regierung des Ptolemäus Euergetes und Philopator (um 220 v.Chr.). Er ist besonders als kritischer Herausgeber der Homerischen Gedichte bekannt., die Sprachwissenschaft selbst, als Aristophanes [ Aristophanes aus Athen, geb. 445 v. Chr., gest. 386, Lustspieldichter, der bedeutendste Vertreter der Alten Komödie.] oder Kallimachus Kallimachus aus Kyrene in Afrika (um 280 v. Chr.), ein Dichter und Grammatiker, der unter der Regierung des Ptolemäus Philadelphus und Euergetes in Alexandrien lebte. sich mit ihnen beschäftigten, so zerstückelt gewesen sind, daß keiner seine Wissenschaft in ihrem ganzen Umfange umfaßt, sondern der eine diesen, der andere einen anderen Theil zur Bearbeitung für sich abgesondert hätte? 133.Ich habe oft von meinem Vater und Schwiegervater gehört, daß auch bei uns die Männer, die sich durch den Ruhm der Weisheit auszeichnen wollten, alle Kenntnisse, in deren Besitz unser Staat damals war, in sich zu vereinigen pflegten. Es gedachten jene des Sextus Aelius S. zu I. 45, §.198, Anm.201.; den Manius Manlius S. zu I. 48, §.212, Anm.214. aber habe ich selbst noch quer über den Markt wandeln sehen: was für ein Zeichen galt, daß der, der dieß that, allen Bürgern, die ihn um Rath fragen wollten, zugänglich sei. An diese Männer wandte man sich einst, sowol wenn sie umherwandelten, als wenn sie zu Hause auf ihrem Sessel saßen, um sich bei ihnen nicht allein über bürgerliche Rechtsfälle, sondern auch über die Verheirathung einer Tochter, über den Ankauf eines Grundstückes, über die Bebauung von Feldland, kurz über alle Verrichtungen und Geschäfte Raths zu erhole 134.So war die Weisheit jenes alten Crassus Publius Licinius Crassus Dives, im Jahre 204 v.Chr. Consul mit Scipio Africanus Major. Livius 30,I. lobt ihn als einen durch Reichtum, Schönheit, körperliche Kraft, Beredsamkeit und Kenntniß des Rechtes ausgezeichneten Mann. beschaffen, so die des Titius Coruncanius S. zu III. 15, §.56, Anm.646., so die des einsichtsvollen Scipio Publius Cornelius Scipio Nasica Corculum, 161 und 154 v.Chr. Consul, 158 Censor, ein Redner und berühmter Rechtsgelehrter, der Aeltervater des Scipio, der Schwiegersohn des Crassus war (s. zu III. 2, §.8, Anm.611)., des Aeltervaters meines Schwiegersohnes, die alle Oberpriester waren, daß man sich bei ihnen über alle göttliche und menschliche Dinge Raths erholte. Und dieselben Männer bewährten sich auch im Senate, in den Volksversammlungen, in den Rechtshändeln ihrer Freunde, im Kriege wie im Frieden als einsichtsvolle und treue Rathgeber. 135.Und was fehlte dem Marcus Cato S. zu I. 37, §.171, Anm.174. außer der über das Meer zu uns gelangten feingeglätteten Gelehrsamkeit? Führte er etwa, weil er das bürgerliche Recht erlernt hatte, keine Rechtshändel? oder versäumte er, weil er sie führen konnte, die Rechtswissenschaft? Nein, sondern in beiden Fächern arbeitete er und zeichnete sich aus. Wurde er etwa wegen der durch Privatdienste gewonnenen Gunst zu der Verwaltung der Staatsgeschäfte verdrossener? Niemand war in den Vollversammlungen thatkräftiger, Niemand ein besserer Senator. Und derselbe Mann war zugleich auch unstreitig ein vortrefflicher Feldherr; kurz man konnte zu jener Zeit in unserem Staate Nichts wissen oder lernen, was er nicht erforscht, gewußt und schriftlich behandelt hätte. 136.Jetzt hingegen treten sehr Viele zu den Ehrenämtern und zur Staatsverwaltung entblößt und wehrlos heran, mit keiner Sachkenntnis mit keiner Wissenschaft ausgerüstet. Zeichnet sich aber einmal Einer unter Vielen aus, so brüstet er sich, wenn er einen einigen Vorzug aufzuweisen hat, wie kriegerische Tapferkeit oder einige Kriegserfahrung, die freilich jetzt aus der Mode gekommen sind, oder Rechtswissenschaft, und diese nicht einmal in ihrem ganzen Umfange, (denn das damit verbundene priesterliche Recht lernt Niemand,) oder Beredsamkeit, die nach ihrer Ansicht in Geschrei und Wortläufigkeit besteht; die Gemeinschaft aber und die Verwandtschaft, in der alle edelen Wissenschaften, ja selbst die Tugenden untereinander stehen, ist ihnen unbekannt.

XXXIV. 137. Doch um meine Rede auf die Griechen zurückzuführen, deren Unterredungen dieser Art wir nicht entrathen können; denn sowie wir die Beispiele der Tugend von den Unsrigen, so müssen wir die der Gelehrsamkeit von jenen entlehnen: so sollen zu einer und derselben Zeit sieben Männer Thales aus Milet, Stifter der Ionischen Schule, Bias, der seine Vaterstadt Priene gegen den Lydischen König Alyattus tapfer vertheidigte, Pittakus, Beherrscher von Mytilene, Kleobulus, Staatsmann in Knidus, Solon, Archon und Gesetzgeber der Athener, Chilon, Ephorus in Sparta, Periander, Herrscher von Korinth. gelebt haben, die für Weise gehalten und so genannt wurden. Diese standen sämmtlich mit Ausnahme des Milesiers Thales ihren Staaten vor. Wer war, wie uns berichtet wird, zu denselben Zeiten gelehrter, oder wessen Beredsamkeit wissenschaftlicher durchgebildet als die des Pisistratus? der zuerst die Homerischen Gesänge, die bis dahin noch nicht angeordnet waren, in die Ordnung gebracht haben soll, in der wir sie jetzt noch haben. Gegen seine Mitbürger zeigte er freilich keine gute Gesinnung Insofern sich Pisistratus zum Alleinherrscher Athens aufwarf.; aber sowie er sich durch Beredsamkeit auszeichnete, so ragte er noch mehr durch seine wissenschaftliche und gelehrte Bildung hervor. 138.Ferner Perikles, von dessen reichhaltiger Beredsamkeit wir hören, daß, wenn er auch gegen die Ansichten der Athener für die Wohlfahrt des Vaterlandes mit großer Strenge sprach, dennoch gerade seine Aeußerungen gegen die volkstümlich Gesinnten Allen volkstümlich und angenehm erschienen; von dem die alten Komödiendichter, auch wenn sie ihn schmähten, was damals zu Athen geschehen durfte, sagten, die Anmuth wohne auf seinen Lippen, und die Gewalt seiner Rede sei so mächtig gewesen, daß sie in den Gemüthern der Zuhörer gleichsam Stacheln zurückgelassen habe. Aber diesen Man hatte nicht ein Kunstredner nach der Wasseruhr Wonach die Zeit bestimmt wurde, die ein Redner vor Gericht auf seine Reden verwendete. belfern gelehrt, sondern, wie uns berichtet wird, jener Anaxagoras aus Klazomenä S. zu III. 15, 56, Anm. 647., ein in den erhabensten Wissenschaften so großer Mann. Und so wußte er, durch Gelehrsamkeit, Klugheit und Beredsamkeit ausgezeichnet, vierzig Jahre hindurch in Athen die oberste Leitung der städtischen und kriegerischen Angelegenheiten zu einer und derselben Zeit zu führen. 139.Ferner Kritias und Alcibiades S. zu II. 22, 93, Anm. 340 und 338., gegen ihre Staaten freilich nicht gut gesinnte, aber ohne Zweifel gelehrte und beredte Männer, verdankten sie nicht ihre gelehrte Bildung den Unterredungen mit Sokrates? Wer hat den Syrakusier Dion Dion, Sohn des Hipparinus, aus Syrakus, Feldherr der Syrakusaner unter Dionysius dem Ersten und nach dessen Tode Vormund Dionysius des Zweiten, Schüler des Platon, befreite sein Vaterland von der Gewaltherrschaft Dionysius des Zweiten, wurde aber im Jahre 354 v.Chr. von dem Athener Kalippus hinterlistiger Weise ermordet. in allen Zweigen der Gelehrsamkeit ausgebildet? War es nicht Platon? Und dieser war es gleichfalls, der, ein Lehrmeister nicht allein der Zunge, sondern auch des Geistes und der Tugend, ihn zur Befreiung des Vaterlandes antrieb, rüstete, waffnete. Waren es nun andere Wissenschaften, in denen Platon diesen Dion, andere, in denen Isokrates den berühmten Timotheus Timotheus, Sohn des Atheners Konon, ein großer Feldherr und Redner (um 360)., des hochverdienten Feldherrn Konon Sohn, der gleichfalls ein großer Feldherr und Gelehrter war, unterrichtete? oder andere, die der Pythagoreer Lysis dem Thebaner Epaminondas, vielleicht dem größten Manne in ganz Griechenland, oder Xenophon S. zu II. 14, 58, Anm. 320. dem Agesilaus, oder der Tarentiner Archytas Archytas aus Tarent, ein Pythagoreer, um 410 v.Chr. dem Philolaus Philolaus aus Kroton, ein Pythagoreer., oder Pythagoras S. zu II. 37, 154, Anm. 379. selbst jenem ganzen alten Griechenland in Italien, das einst Großgriechenland genannt wurde, lehrte?

XXXV. 140. Ich bin nicht der Ansicht. Denn ich sehe, daß es für alle Wissenschaften, die eines Gelehrten und eines Mannes würdig waren, der sich im Staatsdienste auszeichnen wollte, nur Eine Unterweisung gab, und daß diejenigen, welche diese empfingen, wenn sie zugleich gute Fähigkeiten zum Vortrage besaßen und sich der Redekunst auch nicht mit Widerstreben der natürlichen Anlagen gewidmet hatten, sich durch Beredsamkeit auszeichneten. 141.So geschah es, daß Aristoteles selbst, welcher in seinen Vorträgen die gerichtlichen und bürgerlichen Verhandlungen unberücksichtigt gelassen und nur die gehaltlose Zierlichkeit des Ausdrucks behandelt hatte Ellendt hält die Worte: quod ipse suas disputationes a causis forensibus et civilibus ad inanem sermonis elegantiam transtulisset für unächt., da er den Isokrates wegen seiner berühmten Schüler das höchste Ansehen genießen sah, plötzlich fast seine ganze Lehrweise änderte, indem er einen Vers des Philoktetes Euripides in dem verlorenen Trauerspiele »Philoktetes«: , ' . mit einer kleinen Veränderung anführte. Dieser sagt nämlich, »es sei schimpflich für ihn zu schweigen, wenn er Barbaren,« er aber: »wenn er den Isokrates reden lasse.« Er schmückte und stattete daher seinen ganzen Unterricht dadurch herrlich aus, daß er Sachkenntniß mit Redeübung verband. Dieß entging dem weisen Könige Philippus nicht, der ihn zum Lehrer für seinen Sohn Alexander berief, damit dieser von ihm Regeln für das Leben sowol als für die Rede lernen möchte. 142.Mag man nun, wenn man will, den Philosophen, der uns den Reichtum der Sachen und der Rede lehrt, meinetwegen einen Redner oder, zieht man es vor, den Redner, der, wie ich sage, Weisheit und Beredsamkeit verbindet, einen Philosophen nennen: so habe ich Nichts dagegen; nur muß das feststehen, daß weder die Unmündigkeit dessen, der zwar Sachkenntnisse besitzt, die Sachen aber durch die Rede nicht zu entwickeln vermag, noch die Unwissenheit dessen, dem zwar die Worte nicht fehlen, die Sachkenntniß aber nicht zu Gebote steht, Lob verdiene. Darf man aber nur Eines von Beiden wählen, so möchte ich wenigstens die unberedte Klugheit der geschwätzigen Thorheit vorziehen; fragen wir aber, was den Vorrang vor Allem verdiene so müssen wir dem kenntnißreichen Redner den Siegespreis reichen. 143.Läßt man diesen nun zugleich Philosoph sein, so ist der Streit aufgehoben; trennt man sie aber von einander, so werden die Philosophen nachstehen, weil der vollkommene Redner auch die ganze Wissenschaft dieser besitzt, in der Kenntniß der Philosophen hingegen nicht nothwendig auch die Beredsamkeit mitbegriffen ist, und wie sehr auch diese von den Philosophen verachtet werden mag, so muß man doch nothwendig einsehen, daß sie den Wissenschaften dieser gleichsam die Krone aufsetzt.

Nachdem Crassus dieses gesagt hatte, so schwieg er eine Weile, sowie auch die Anderen still schwiegen.

XXXVI. 144. Hierauf sagte Cotta: Ich meinerseits kann mich nicht beklagen, Crassus, daß du mir etwas Anderes und nicht das, was du übernommen hast, abgehandelt zu haben scheinst; denn du hast ungleich Mehr gegeben, als dir von uns zuertheilt und übertragen war; indeß war es doch deine Rolle von der Ausschmückung der Rede zu sprechen, und du hattest ja auch schon den Weg dahin eingeschlagen, indem du das ganze Lob der Rede in vier Klassen brachtest S. oben Buch III. Kap. 10., und nachdem du von den beiden ersten für uns zwar zur Genüge, wie du aber selbst sagtest, nur flüchtig und spärlich geredet hattest, noch die beiden letzten dir übrig ließest, nämlich erstens wie man schön, und zweitens, wie man angemessen reden müsse. 145.Als du nun schon den Weg dahin eingeschlagen hattest, führte dich plötzlich der Drang deines Geistes gleichsam fern vom Lande weg auf das hohe Meer und entrückte dich den Augen fast Aller. Denn die Gesammtheit alles Wissens umfassend, hast du uns zwar dieses nicht gelehrt, und es war ja auch in so kurzer Zeit nicht möglich; aber wenn ich auch nicht weiß, was du bei unseren anwesenden Freunden ausgerichtet hast, so muß ich doch von mir bekennen, daß du mich ganz und gar der Akademie zugewendet hast. Ich wünschte zwar, daß, wie du oft geäußert hast, es nicht nöthig wäre derselben seine Lebenszeit zu widmen, und daß man schon Alles begriffe, wenn man nur seinen Blick darauf gerichtet hätte; aber wenn auch die Sache recht viel Arbeit erfordert, oder wenn ich einen etwas langsamen Kopf habe, so will ich doch fürwahr nicht ruhen noch müde werden, bis ich ihnen ihre Mittel und Wege abgelernt habe auf zwiefache Weise sowol für Alles als gegen Alles zu reden. 146.Hierauf sagte Cäsar: Eines hat auf mich in deinem Vortrage, Crassus, besonders Eindruck gemacht, ich meine die Behauptung, daß wer nicht schnell Etwas lerne, der könne es überhaupt nicht gründlich erlernen. Daher dürfte es mir nicht schwer fallen einen Versuch zu machen, und entweder werde ich jene von dir bis in den Himmel erhobene Wissenschaft sogleich begreifen oder, vermag ich das nicht, die Zeit nicht damit verderben, da ich mich doch mit dem begnügen kann, was mir die Unsrigen bieten. 147.Da sagte Sulpicius: Wahrlich, Crassus, ich vermisse weder deinen Aristoteles noch den Karneades noch sonst einen Philosophen, magst du auch von mir denken, daß ich mir nicht getraue diese Wissenschaften gründlich erlernen zu können, oder daß ich sie verachte, wie ich auch wirklich thue. Mir ist unsere gewöhnliche Kenntniß der gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen groß genug für die Beredsamkeit, die ich im Auge habe, und selbst hiervon ist mir sehr Vieles unbekannt, was ich dann erst aufsuche, wenn es eine Sache, die ich verhandeln soll, verlangt. Darum wenn du nicht etwa schon ermüdet bist, und wir dir nicht lästig fallen; so kehre zur Erörterung dessen zurück, was zu einem schönen und geschmückten Vortrage gehört. Dieses wünschte ich von dir zu hören, nicht um die Hoffnung aufzugeben mir Beredsamkeit aneignen zu können, sondern um noch Etwas zu erlernen.

XXXVII. 148. Hierauf sagte Crassus: Nach sehr gewöhnlichen und auch dir nicht unbekannten Dingen, Sulpicius, fragst du. Denn wer hat hierüber nicht Belehrungen und Anweisungen gegeben oder auch in Schriften niedergelegt? Aber ich will dir willfahren und das wenigstens, was mir bekannt ist, kurz auseinandersetzen; jedoch dir den Rath geben dich lieber an die Urheber und Erfinder dieser Kleinigkeiten zu wenden. 149.Jede Rede also besteht aus Worten, die wir zuerst einzeln für sich, dann in ihrer Verbindung betrachten müssen. Denn es gibt einen Schmuck der Rede, der aus einzelnen Worten entspringt, und einen anderen, der in der Aneinanderfügung und Verbindung der Worte besteht. Wir müssen also entweder solche Worte gebrauchen, welche eigentliche und bestimmte Bezeichnungen der Dinge sind, beinahe mit den Dingen selbst entstanden; oder solche, welche übertragen und gleichsam an eine fremde Stelle gesetzt sind; oder solche, welche wir selbst erfinden und neu bilden. 150.Bei den eigentlichen Worten nun besteht das Lob des Redners darin, daß er niedrige und verschollene meidet, auserlesene dagegen und lichtvolle anwendet, die etwas Volles und Tonreiches zu haben scheinen. Aber bei dieser Art der eigentlichen Worte muß man eine Auswahl vornehmen und diese nach dem Urtheile der Ohren bestimmen, wobei auch die Gewohnheit gut zu sprechen eine sehr große Geltung hat. 151.Auch das Urtheil, das man so oft von Laien über Redner aussprechen hört: »Dieser gebraucht schöne Worte« oder »der gebraucht nicht schöne Worte« gründet sich nicht auf eine Kunstregel, sondern auf ein natürliches Gefühl; hierbei ist es kein großes Lob das Fehlerhafte zu vermeiden, wiewol dieses von Wichtigkeit ist; gleichwol bildet der Gebrauch und Vorrath guter Worte gleichsam den Grund und Boden des Redners. 152.Doch was der Redner selbst darauf bauen und an welcher Stelle er Kunst anwenden soll, das, glaub' ich, müssen wir untersuchen und entwickeln.

XXXVIII. Drei Arten des einfachen Wortes also gibt es, die der Redner anwendet, um seiner Rede Glanz und Schmuck zu verleihen: das ungewöhnliche, das neugebildete und das übertragene Wort. 153. Ungewöhnlich sind meist altertümliche und durch das Alter aus der alltäglichen Sprache schon längst verschwundene Worte. Von diesen steht den Dichtern ein freierer Gebrauch zu als uns; aber zuweilen jedoch verleiht auch der Rede ein von einem alten Dichter entlehntes Wort ein würdevolles Ansehen. So würde ich mich zum Beispiel nicht scheuen mit Cölius Ueber Cölius Antipater s. zu II. 12, 54, Anm.313. zu sagen: »In dem Zeitabschnitte, als der Punier nach Italien kam Qua tempestate Poenus in Italiam venit; qua tempestate statt des gewöhnlichen quo tempore.;« oder Worte, wie Sproß prolem , ein dichterischer Ausdruck. oder Nachwuchs subolem , ein dichterischer Ausdruck. oder kunden fari für das gewöhnliche dicere. oder benamsen nuncupare für das gewöhnliche appellare. oder die von dir, Catulus, oft gebrauchten: ich vermeinte nicht non rebar für das gewöhnliche non putabam. oder ich war mich vermuthen opinabar . Die erste Person des Imperfekts dieses Wortes scheint damals nicht mehr im Gebrauche gewesen zu sein. und vieles Andere. was, an schicklicher Stelle gebraucht, der Rede einen großartigeren und altertümlichen Anstrich verleiht. 154. Neugebildete Worte aber sind solche, welche von dem, der sie gebraucht, selbst erzeugt und gebildet werden entweder durch Zusammensetzung von Wörtern, wie zum Beispiel:

Traun, Bestürzung entherzt expectorat . Der Vers ist aus Ennius' Alkmäon entlehnt. mir entmuthigtem alle Weisheit jetzt.
Willst du, daß nicht seine Bosheit trugredend versutiloquus . Aus welchem Dichter dieser Vers entlehnt ist und was er für einen Sinn haben soll, läßt sich nicht angeben. mich .

Ihr seht, daß » trugredend« und » entherzt« durch Zusammensetzung gebildete und nicht natürliche Worte sind; oder sie werden oft ohne Zusammensetzung neugebildet, wie: »jener Greisige ille senius statt ille senex. Wahrscheinlich ist aber die Lesart verdorben, höchst scharfsinnig ist Orelli's Muthmaßung: ut illud Ennii: Di genitales.,« » zeugende Götter Di genitales statt gignentes, von Ennius gebildet.,« »durch der Früchte Reichtum sich krümmen incurviscere , auch von Ennius gebildet. Siehe Cicer. Tusc. I. 28, 69.155.Die dritte Art, die Uebertragung des Wortes, hat einen weiten Umfang. Die Noth erzeugte sie aus Mangel und Verlegenheit; später aber gebrauchte man sie häufig um der Ergötzlichkeit und Annehmlichkeit willen. Denn sowie die Kleidung, anfänglich zur Abkehr der Kälte erfunden, nachher angewendet wurde, um den Körper zu schmücken und ihm ein stattliches Ansehen zu geben; so wurde die Uebertragung durch den Mangel hervorgerufen, aber um der Ergötzlichkeit willen häufig angewendet. So gebrauchen sogar die Landleute Ausdrücke, wie: »die Weinstöcke treiben Augen gemmare. ,« »die Saat steht in Ueppigkeit luxuries. ,« » fröhliche Saatfelder laetae segetes. .« Wenn nämlich Etwas, das man durch ein eigentliches Wort schwerlich bezeichnen kann, durch ein übertragenes ausdrückt; so erläutert die Aehnlichkeit der Sache, die wir durch ein entlehntes Wort ausdrücken, den Begriff, den wir bezeichnen wollen. 156.Diese Uebertragungen sind also gleichsam Entlehnungen, da man anderswoher nimmt, was man nicht hat. Jene sind aber etwas kühner, welche keinen Mangel andeuten, sondern der Rede einigen Glanz verleihen. Soll ich euch nun den Weg angeben, wie man diese findet, und ihre Arten aufzählen?

XXXIX. 157. Die Uebertragung beruht auf einer Aehnlichkeit, die in einem einzigen Worte kurz zusammengefaßt wird. Wird ein solches Wort an der fremden Stelle wie an seiner eigenen stehend anerkannt, so gefällt es; hat es aber keine Aehnlichkeit, so erweckt es Mißfallen. Man muß aber solche Uebertragungen gebrauchen, welche entweder die Sache mehr veranschaulichen, wie in folgender Stelle Aus Pacuvius' Duloreste. Beschreibung eines Sturmes, der sich bei der Rückkehr der Griechen von Troja erhob.:

                                                                    Emportost das Meer,
Finsterniß verdoppelt sich, und schrecklich starrt die schwarze Nacht,
Flammen zucken zwischen Wolken, und von Donner bebt die Luft,
Hagel, gemischt mit Regengüssen, stürzt mit Heftigkeit herab,
Alle Winde brausen hervor und erzeugen Sturmeswuth,
Und des Meeres Brandung siedet.

Hier ist fast Alles, um es mehr zu veranschaulichen, durch übertragene Worte nach der Aehnlichkeit ausgedrückt. 158.Oder man bedient sich der Uebertragungen, um eine ganze Sache, mag sie nun in einer That oder in einem Plane bestehen, deutlicher zu bezeichnen, wie dieß zum Beispiel bei jenem der Fall ist, der Einen, der seine Absicht sorgfältig verbirgt, damit sie von Niemandem durchschaut werde, in zwei übertragenen Worten durch die bloße Aehnlichkeit bezeichnet:

Weil er sich mit Worten sorgfältig bemäntelt und umzäunt.

Zuweilen wird auch Kürze durch die Uebertragung bewirkt, wie in den Worten: »Wenn das Geschoß der Hand entflieht.« Die Unvorsichtigkeit bei der Entsendung des Geschoßes konnte durch eigentliche Worte nicht kürzer ausgedrückt werden, als sie durch ein einziges übertragenes angedeutet wurde. 159.Und hierin erscheint es mir sehr oft auffallend, daß Alle an übertragenen und uneigentlichen Ausdrücken größeres Wohlgefallen finden als an den eigentlichen und natürlichen.

XL. Denn wenn ein Ding keinen eigenen Namen, kein eigentliches Wort hat, wie der Fuß Pes , (Fuß), Segeltau, durch das die Segel gespannt wurden (bei uns Schoten). auf dem Schiffe, das Nexum Nexum ( Band), ist eine rechtliche Verbindlichkeit, die per aes et libram, d.h. durch Anschlagung eines as an eine Wage, geschah, durch welche eine Sache so übergeben wird, daß der Empfänger auf die Sache ein gewisses Recht erhält, aber nicht Besitzer derselben wird., das mit der Waage geschieht, die Scheidung Divortium , das eigentlich von der Trennung eines Flusses in mehrere Arme gebraucht wird. bei einer Frau; so zwingt die Noth anderswoher zu nehmen, was man nicht hat. Aber auch bei dem größten Reichtume an eigentlichen Ausdrücken finden doch die Menschen an den uneigentlichen, wenn sie mit Verstand gewählt sind, ungleich größeren Gefallen. 160.Dieß kommt, glaub' ich, daher, theils weil es von Scharfsinn zeugt, wenn man das vor den Füßen Liegende überspringt und Anderes aus der Ferne herbeiholt, theils weil der Zuhörer dadurch mit seinen Gedanken zu anderen Vorstellungen geführt wird, ohne jedoch vom Ziele abzuirren, und darin liegt eine große Ergötzlichkeit, theils weil durch ein einzelnes Wort ein Gedanke, ein vollständiges Gleichniß ausgedrückt wird, theils weil jede mit Verstand gemachte Uebertragung den Sinnen selbst nahetritt, vorzüglich dem Gesichte, das der schärfste Sinn ist. 161.Ausdrücke, wie: der Geruch Odor humanitatis; odor, Geruch, Witterung, Empfindung. seiner Bildung, die Weichheit der Menschenfreundlichkeit, das Gemurmel des Meeres, die Süßigkeit der Rede, sind von den anderen Sinnen hergenommen; aber die von dem Gesichte entlehnten sind ungleich lebhafter, indem sie Gegenstände, die wir nicht wahrnehmen und sehen können, vor die Anschauung des Geistes hinstellen. Es gibt nämlich keinen Gegenstand in der Natur, dessen Wort und Benennung wir nicht bei anderen Gegenständen anwenden könnten. Denn woher man ein Gleichniß ableiten kann und das kann man von allen Dingen , ebendaher läßt sich auch ein Gleichniß mit übertragener Bedeutung ableiten, das die Rede versinnlicht. 162.Hierbei müssen wir aber vor Allem Unähnlichkeiten vermeiden, wie in dem Ausdrucke: »Des Himmels gewaltige Schwibbogen.« Wenn auch Ennius, wie man erzählt, eine Himmelskugel auf die Bühne hatte bringen lassen, so kann doch eine Kugel keine Aehnlichkeit mit einem Schwibbogen haben.

                        Leb' Ulixes, noch ist dir's vergönnt!
Mit dem Aug' erhasche noch das letzte Strahlenlicht. Die Stelle ist aus des Pacuvius' Niptren nach der Muthmaßung Bothe's ( Trag. Latinor. Fragmm. p. 278). Uebrigens führt Cicero dieses Beispiel nicht als eine unpassende, sondern als eine passende Uebertragung an, im Gegensatze zu dem vorhergehenden.

Er sagte nicht genieße, nicht suche; denn diese Ausdrücke würden eine Zeitdauer bezeichnen, wie von Einem, von dem man hofft, er werde noch länger leben; sondern erhasche. Dieses Wort ist dem vorhergehenden Ausdrucke: noch ist dir's vergönnt angepaßt.

XLI. 163. Zweitens muß man darauf sehen, daß die Aehnlichkeit nicht zu weit hergeholt sei. Statt Syrte des väterlichen Vermögens möchte ich lieber sagen Klippe desselben, statt Charybdis der Güter lieber Schlund derselben; denn das Auge des Geistes richtet sich leichter auf Gesehenes als auf Gehörtes. Und weil bei der Uebertragung der Worte vielleicht der größte Vorzug darin besteht, daß das übertragene Wort auf die Sinne einwirkt; so muß man alles Unanständige in den Dingen vermeiden, wohin die Aehnlichkeit die Gemüther der Zuhörer hinziehen kann. 164.So will ich nicht, daß man sage, der Staat sei durch des Africanus Tod entmannt worden, nicht, daß Glaucia S. zu II. 61, 249, Anm. 464. der Auswurf der Kurie genannt werde; so groß auch die Aehnlichkeit sein mag, so erregt sie doch in beiden Fällen eine widrige Vorstellung. Ich will nicht, daß der übertragene Ausdruck entweder stärker sei, als es die Sache verlangt, wie: Der Sturm des Krawalles, oder schwächer, wie: Der Krawall des Sturmes Das Erstere: Tempestas comissationis, das Ungewitter eines nächtlichen Schmauses; das Letztere: comissatio tempestatis, der nächtliche, wilde Schmaus des Ungewitters.. Ich will nicht, daß das übertragene Wort einen engeren Begriff habe, als das eigentliche und natürliche gehabt haben würde:

Was gibt's? sag' an, mein Freund, was winkst du ab mein Nah'n? Diese und die folgenden Verse sind aus Ennius' Thyestes entlehnt. Cicero tadelt den Ausdruck abnutas als zu schwach im Verhältniß zu den Worten des Anderen.

Besser wäre: verbietest du, wehrst du ab, schreckst du zurück, weil der Andere gesagt hatte:

                                  Schnell fort von mir weg!
Daß nicht meine Näh', nicht mein Schatten schade.

165. Auch muß man, wenn man befürchtet, die Uebertragung möchte zu hart erscheinen, sie oft durch ein vorgesetztes Wort mildern. Zum Beispiel, wenn einst bei dem Tode des Marcus Cato Einer gesagt hätte: der Senat sei als eine Waise hinterlassen worden; so würde dies etwas hart sein; aber ungleich milder: so zu sagen, eine Waise. Denn die Uebertragung muß mit Bescheidenheit auftreten, so daß sie an den fremden Ort eingeführt, nicht eingedrungen, bittweise, nicht gewaltsam gekommen zu sein scheint. 166.Uebrigens gibt es. was die einzelnen Worte anlangt, keine Ausdrucksweise, welche der Rede ein frischeres Ansehen und mehr Lichtglanz verleihen könnte. Denn die andere Art Die Allegorie oder sinnbildliche Darstellung in Worten., die aus dieser Uebertragung (Metapher) hervorgeht, beruht nicht auf einem übertragenen Worte, sondern auf der Verknüpfung mehrerer aneinander gereihter Worte, indem etwas Anderes gesagt wird, als man verstanden wissen will, zum Beispiel:

              Nicht duld' ich's, daß zum zweiten Mal
An Einen Fels und Speer anlaufe der Achaier Flott' Der Sinn dieser Allegorie: Nicht will ich mich zweimal derselben Gefahr aussetzen..

Und Folgendes:

Traun du irrst – dein Selbstvertrauen wird der Gesetze starker Zaun
Zügeln, und den stolzen Nacken beugen strenger Herrschaft Joch Die Allegorie ist entlehnt von einem erst unbändigen, dann aber gebändigten Rosse..

167.Man nimmt hierbei eine ähnliche Sache, und die dieser Sache eigentümlichen Worte überträgt man dann, wie ich bemerkte, auf eine andere Sache.

XLII. Es ist dieß ein wichtiges Verschönerungsmittel der Rede, wobei man jedoch Dunkelheit vermeiden muß; denn sonst entstehen hieraus die sogenannten Räthsel. Es liegt aber diese Redeweise nicht in einem Worte, sondern in der Rede, das heißt in der Verbindung von Worten. Auch bei der Verwechslung und Vertauschung eines Wortes Er meint die Metonymie (Wortverwechslung). findet nicht in dem Worte, sondern in dem Zusammenhange der Rede eine künstliche Veränderung statt Im Lateinischen steht: ne illa quidem traductio – in verbo quandam fabricationem habet, sed in oratione. Schütz hält die Worte: sed in oratione für unächt, da die Metonymie nur in einzelnen Worten bestehe, z.B. Africa für Afri[caner]. Ihm stimmt Ellendt bei. Ich halte die Worte für ächt; denn nur aus dem Zusammenhange der Rede kann man ersehen, ob ein Wort metonymisch gebraucht sei., zum Beispiel:

Afrika zittert und bebt vor den Greueln des schrecklichen Aufruhrs Aus Ennius' Annalen..

Statt Afrikaner ist Afrika gewählt; aber nicht ist hier ein Wort neugebildet, wie: »Das Meer mit seinen felsbrechenden Wogen«, noch übertragen, wie: Das Meer besänftigt sich, sondern um des Schmuckes willen ist ein eigentliches Wort mit einem eigentlichen vertauscht. Ferner:

Hör' auf, Roma, deine Feinde u. s. w. Wahrscheinlich auch aus Ennius' Annalen, Roma steht für Römer.

und

Zeugniß geben die weiten Gefilde u. s. w. Auch aus Ennius' Annalen. Die weiten Gefilde stehen für die Bewohner der weiten Gefilde. Uebrigens schreibt Ellendt mit Recht nach dem Vorgange Columna's und P. Victorius campi Magni; so werden die Gefilde genannt, auf denen Syphax und die Karthager von Scipio besiegt wurden nach Polyb. XIV.8,2. und Livius XXX,8.

Von kräftiger Wirkung für den Schmuck der Rede ist diese Ausdrucksweise und muß oft gewählt werden. Hierher gehört auch Folgendes: Mars ist im Kriege gemeinsam Der Sinn ist. Das Kriegsglück wechselt., und wenn man Ceres für Feldfrüchte sagt, Liber für Wein, Neptunus für das Meer, Curie für den Senat, Marsfeld für Wahlversammlungen, Toga für Frieden, Schwert und Speer für Krieg; 168.desgleichen wenn man die Tugenden und Laster für diejenigen, welche sie haben, nennt, wie: »In welches Haus die Schwelgerei einbrach,« und: »Wohin die Habsucht drang,« oder: »Die Treue siegte ob, die Gerechtigkeit vollendete es.« Ihr seht offenbar, daß das ganze Wesen dieser Redeform darauf beruht, daß man durch Umänderung oder Vertauschung eines Wortes die nämliche Sache mit größerem Schmucke bezeichnet. Hiermit verwandt ist eine andere Redeweise Er meint die Synekdoche., die zwar weniger zum Schmucke beiträgt, aber doch nicht unbekannt bleiben darf, nach welcher wir entweder unter einem Theile das Ganze verstanden wissen wollen, wie wenn wir für Gebäude Wände oder Dächer sagen, oder unter dem Ganzen einen Theil, wie wenn wir Ein Geschwader die Reiterei des Römischen Volkes nennen, oder unter Einem Mehrere, wie:

Aber der Römische Krieger, obschon er sehr muthig gekämpfet,
Zittert im Herzen jedoch Aus Ennius' Annalen..

oder wenn man unter Mehreren nur Einen versteht, wie:

Römer genannt sind wir, die wir vormals waren Rudiner Gleichfalls aus Ennius' Annalen; Ennius redet hier von sich, denn er war ein Rudiner (aus Rudiä in Kalabrien)..

oder auf welche Weise man auch sonst in dieser Redeform Etwas nicht nach dem Worte, sondern nach dem Sinne verstehen mag.

XLIII. 169. Oft bedient man sich auch des Wortmißbrauches Im Lateinischen heißt diese Redefigur abusio, im Griechischen ., zwar nicht mit gleicher Feinheit, wie der Uebertragung, aber, wenn auch mit einer gewissen Kühnheit, doch zuweilen nicht ungeziemend, wie wenn wir eine reichliche grandem orationem pro magna; man übersetzt: »eine tragische Rede statt einer erhabenen«; aber weder grandis hat an sich die Bedeutung tragisch, noch magna die Bedeutung erhaben. Rede statt einer großen, einen ärmlichen minutum animum pro parvo. Muth für Kleinmuth sagen. Aber in Betreff jener Redeweise Der Allegorie. seht ihr wol, daß sie nicht in einem Worte. sondern in der Rede liegt; denn sie besteht, wie ich gezeigt habe, aus einer Zusammensetzung mehrerer Übertragungen. Die Redeweisen aber, die, wie ich bemerkte, entweder auf der Verwechslung eines Wortes beruhen oder darauf, daß man ein Wort anders verstanden wissen will, als seine eigentliche Bedeutung ist, sind gleichsam Arten der Uebertragung. 170.Auf diese Weise also geht der ganze Vorzug und das ganze Lob der einzelnen Worte aus drei Dingen hervor, indem das Wort entweder ein altes ist, das jedoch der Sprachgebrauch noch dulden kann, oder ein gemachtes, theils neuzusammengesetztes theils neugebildetes, wobei man gleichfalls Wohlklang und Sprachgebrauch berücksichtigen muß, oder ein übertragenes, wodurch die Rede am Meisten gleichsam mit Sternen geschmückt und beleuchtet wird. 171.Es folgt nun die Wortverbindung, wobei es besonders auf Zweierlei ankommt, erstens auf die Stellung der Worte und zweitens auf eine nach gewissen Tonverhältnissen abgemessene Bewegung der Worte. Die Stellung verlangt, daß man die Worte so verbindet und ordnet, daß sie weder rauh noch klaffend zusammenstoßen, sondern sich bequem und glatt zusammenfügen. Hierüber macht unter der Person meines Schwiegervaters der so geschmackvolle Spötter Lucilius S. zu I. 16, 72, Anm. 138. ein niedliches Wortspiel:

O wie wonnig die Worte Quam lepide λέξεις compostae gefügt sind, gleichend den Steinchen
Im musischen Estrich und künstlich gewürfelten Bildwerk!

Mit diesen Worten verspottet er den Albucius Derselbe, der II. 70, 281. erwähnt ist., aber auch mich verschonte er nicht:

Crassus hab' ich zum Eidam, drum denk' nicht, du seiest beredter.

Wie nun? Was thut denn dieser Crassus, mit dessen Namen du Scherz treibst? Offenbar das Nämliche, das Albucius will; nur um Etwas besser, wünschte ich, als Albucius; doch er scherzte über mich, wie er zu thun pflegt. 172.Aber man muß gleichwol die Wortstellung, von der ich rede, beobachten; denn sie bewirkt, daß die Rede wohl verbunden und zusammenhängend ist und sanft und gleichmäßig dahinfließt. Dieß werdet ihr erreichen, wenn ihr die Schlußsilben der vorhergehenden Worte mit den Anfangssilben der folgenden so verbindet, daß sie nicht rauh zusammenstoßen und nicht zu sehr auseinanderklaffen.

XLIV. 173. An die sorgfältige Beobachtung der Wortstellung schließt sich zweitens die nach gewissen Tonverhältnissen abgemessene Bewegung der Rede. Doch dieß, fürchte ich. dürfte unserem Catulus knabenhaft erscheinen. Die Alten nämlich waren der Ansicht, wir müßten auch in unserer ungebundenen Rede beinahe Verse anwenden, d.h. gewisse Zeitmaße. Denn sie verlangten, daß die Schlußpunkte einer Periode in den Reden nach Absätzen unseres Atemholens bestimmt, nicht aber durch unsere Ermüdung bewirkt, auch nicht nach den Unterscheidungszeichen der Abschreiber, sondern nach dem Maße der Worte und Gedanken abgetheilt würden. Isokrates soll, wie sein Schüler Naukrates Ueber Naukrates s. zu II. 23, 94, Anm.344. schreibt, der erste gewesen sein, der es unternahm die ungeregelte Redeweise der Alten zur Ergötzung der Ohren in gewisse Zeitmaße zu binden. 174.Denn Beides, Vers und Gesang, haben die Tonkünstler, die einst zugleich Dichter waren, zum Vergnügen erdacht, um durch das Ebenmaß der Worte und die Folge der Töne auf anmuthige Weise dem Ueberdrusse der Ohren vorzubeugen. Beides nun, die regelmäßige Abmessung der Stimme und die ebenmäßige Abrundung der Worte, hat man, so weit es der Ernst der Reden zulassen kann, aus der Dichtkunst in die Beredsamkeit übertragen. 175.Hierbei ist es aber ein Hauptfehler, wenn in der Prosa durch die Verbindung der Worte ein Vers entsteht; und gleichwol verlangen wir eine solche Verbindung, welche nach Art eines Verses eine wohlklingende Senkung hat und in abgerundeter und vollendeter Form hervortritt. Unter vielen Eigenschaften gibt es keine einzige, die den Redner mehr von dem unwissenden und unerfahrenen Schwätzer unterscheide, als daß dieser roh und ungeregelt heraussprudelt, so viel er vermag, und das, was er sagt, nach der Ausdauer seines Athems und nicht nach den Regeln der Kunst bestimmt, der Redner hingegen den Gedanken so an die Worte bindet, daß er ihn in ein gewisses Zeitmaß einschließt, das zugleich gebunden und frei ist. 176.Denn wenn er ihn einerseits an gewisse Maße und eine bestimmte Form fesselt, so nimmt er ihm andererseits durch die Veränderung der Reihenfolge den Zwang und macht ihn freier, so daß die Worte zwar nicht wie durch ein bestimmtes Gesetz des Verses gebunden sind, aber auch nicht ungefesselt umherschweifen dürfen.

XLV. Wie werden wir nun ein so wichtiges Geschäft angreifen müssen, daß wir glauben dürfen uns die Geschicklichkeit anzueignen in unserer Rede bestimmte Tonverhältnisse zu beobachten? Die Sache ist weniger schwierig als nothwendig; denn Nichts ist so zart, so biegsam und jeder Leitung folgsam als die Sprache. 177.Aus ihr lassen sich Verse bilden, aus ihr die ungleichen Zeitmaße Wie dieß der Fall in den Reden ist., aus ihr auch unsere jetzige Redeweise, die sich frei in mannigfaltigen Weisen bewegt und aus vielen Arten besteht. Denn nicht gibt es andere Worte für die Sprache des Umganges, andere für die Sprache der Leidenschaft, und nicht aus einer anderen Quelle schöpf man die Worte für den täglichen Gebrauch, aus einer anderen für die Bühne und das Gepränge; sondern wie ein Gemeingut liegen sie vor uns ausgebreitet, und hieraus nehmen wir sie und bilden und gestalten sie wie das weichste Wachs nach unserem Belieben. Sowie wir nun bald einen erhabenen bald einen niedrigen bald einen mittleren Gegenstand behandeln, so richtet sich die Redeweise nach dem Gedanken, den wir gefaßt haben, und verändert und verwandelt sich auf jede Weise, wie es das Vergnügen der Ohren und die Stimmung der Gemüter erheischt. 178.Aber sowie in den meisten Dingen, so hat auch in der Rede die Natur selbst die bewunderungswürdige Einrichtung getroffen, daß die Dinge, die den größten Nutzen in sich schließen, zugleich auch die meiste Würde, ja oft auch die meiste Anmuth haben. Zur allgemeinen Erhaltung und Wohlfahrt, sehen wir, ist das Weltall und die Natur so eingerichtet, daß der Himmel rund ist, daß die Erde in der Mitte schwebt und durch ihre eigene Schwerkraft gehalten wird, daß die Sonne sich herumschwingt, in das Sternbild des Steinbockes tritt und von da wieder allmählich nach der entgegengesetzten Seite aufsteigt, daß der Mond durch seine Annäherung und Entfernung das Licht der Sonne empfängt, daß die fünf Planeten Mars, Venus, Mercurius, Jupiter und Saturnus. Mehr Planeten waren damals noch nicht entdeckt, die Erde galt nicht für einen Planeten. in ungleicher Bewegung und ungleichem Umlaufe dieselben Bahnen vollenden. 179.Diese Anordnung ist von solcher Wichtigkeit, daß das Ganze bei der kleinsten Veränderung nicht mehr zusammenhängen könnte, und von solcher Schönheit, daß sich ein schönerer Anblick nicht einmal denken läßt. Richtet jetzt euere Gedanken auf die Gestalt und Bildung der Menschen oder auch der übrigen Geschöpfe, und ihr werdet finden, daß kein Theil des Körpers ihnen ohne Noth gegeben, und daß die ganze Gestalt auf künstliche Weise und nicht durch Zufall vollendet ist.

XLVI. Wie? An den Bäumen, an denen der Stamm, die Aeste, die Blätter endlich nur die Bestimmung haben ihren natürlichen Zustand zu erhalten und zu bewahren, ist doch nirgends ein Theil, der nicht schön wäre. Verlassen wir die Natur und betrachten wir die Künste! 180.Was ist an einem Schiffe so nothwendig als der Bord, der hohle Schiffsraum, das Vordertheil, das Hintertheil, die Segelstangen, die Segel, die Mastbäume? Und doch haben diese Dinge auch für das äußere Ansehen eine solche Schönheit, daß sie nicht bloß zur Sicherheit, sondern auch zum Vergnügen erfunden zu sein scheinen. Säulen tragen Tempel und Hallen; und doch ist ihr Nutzen nicht größer als ihr erhabener Anblick. Jenen herrlichen Giebel des Capitols und der anderen Tempel hat nicht Schönheit, sondern die Noth selbst gebaut. Denn man war nur darauf bedacht gewesen, wie das Wasser von beiden Seiten des Daches abfließen könnte; aber von der für den Tempel nützlichen Einrichtung war die Schönheit des Giebels die Folge, ohne den, wie es scheint, das Capitolium, auch wenn es im Himmel ausgestellt würde, wo kein Regen fällt, kein würdiges Ansehen haben würde. 181.Auf gleiche Weise ist es bei allen Theilen der Rede der Fall, daß mit dem Nutzen und ich möchte beinahe sagen mit der Nothwendigkeit die Lieblichkeit und Anmuth in unmittelbarer Verbindung steht. Denn die Schlußpunkte und Satztheilzeichen sind durch die Beschränkung des Athems und durch die Beengung des Atemholens veranlaßt worden; aber diese Erfindung ist so angenehm, daß, wenn auch Einem ein unendlich langer Athem gegeben wäre, wir dennoch nicht wünschen würden, daß er die Worte in ununterbrochener Folge fortlaufen ließe. Denn auch unseren Ohren gefällt, was zu dem Zwecke erfanden ist, daß das Reden der Lunge des Menschen nicht allein erträglich, sondern auch leicht sein könnte.

XLVII. 182. Der längste Redesatz ist nun der, welcher sich in Einem Athemzuge abrollen läßt; aber dieß ist das Maß der Natur, ein anderes setzt die Kunst. Was nun die Versfüße in der Rede betrifft, deren es mehrere gibt, so verbietet euer Aristoteles, mein Catulus, den zu häufigen Gebrauch des Iambus und Trochäus, die sich doch natürlicher Weise ganz von selbst in unseren Reden und Gesprächen einmischen; aber die Taktschläge dieser Verbüße sind zu auffallend und die Füße zu klein. Darum empfiehlt er uns vor Allem den heroischen Versfuß Im Texte steht: Quare primum ad heroum nos dactyli et anapaesti et spondei pedem invitat. Die Worte dactyli et anap. et sp. sind höchst wahrscheinlich unächt, da Aristoteles ( Rhet. III. 8. vgl. Cicer. Or. 57.) nur den Iambus, den Trochäus, Herous (d.h. Daktylus, –́ ˘ ˘, statt dessen auch der Spondeus –́ – stehen kann) und den Päon erwähnt. S. Ellendt zu dieser Stelle., den man jedoch ohne Tadel nur zweimal oder etwas mehr auf einander folgen lassen darf; sonst würde man ganz in einen Vers oder etwas Versähnliches hineingerathen, zum Beispiel: »Zwei Altäre erhoben sich Im Texte stehen die Worte: Altae sunt geminae quibus hi tres heroi pedes u.s.w. Diese Worte geben keinen Sinn. Ich halte mit Madvig die Worte: altae (wofür ich nach Ellendt's Muthmaßung arae lese) sunt geminae quibus für eine aus einem Redner oder Geschichtschreiber entlehnte Stelle..« Solche drei heroische Füße bilden im Anfange eines Redesatzes einen recht schönen Tonfall. 183.Am Meisten aber billigt derselbe Aristoteles Aristoteles Rhetor. III. 8, 5. den Päon, der doppelt ist; denn entweder hebt er mit einer langen Silbe an, auf welche drei kurze folgen, als: herrlichere, artigere, stärkendere, oder mit drei kurzen, auf welche eine gedehnte oder lange folgt, als: Gĕŏmĕtrīe, Phĭlŏsŏphīe Statt der lateinischen Beispiele: desinite, incipite, comprimite ( ˘ ˘ ˘) und dann: domuerant, sonipedes ( ˘ ˘ ˘ ) habe ich in der Uebersetzung andere nehmen müssen.. Und nach der Ansicht dieses Philosophen soll man mit dem ersten Päon anfangen, mit dem letzteren schließen. Es ist aber dieser letztere Päon zwar nicht an Zahl der Silben, aber nach dem Maße des Gehöres, dessen Urtheil schärfer und sicherer ist, dem Kretikus fast gleich, der aus einer langen, kurzen und langen Silbe besteht, als:

Welchen Schutz such' ich jetzt – Was zu thun? Jetzt wohin? Aus des Ennius' Andromache.

Mit diesem Versfuße begann Fannius Gajus Fannius Strabo, der als Consul im Jahre 121 v.Chr. gegen Gajus Gracchus, der ein Gesetz wegen Ertheilung des Bürgerrechtes an die Bewohner Italiens vorgeschlagen hatte. auftrat.: »Bürger Roms, uns bedrohn.« Diesen Fuß hält Aristoteles geeigneter für den Schluß des Redesatzes, der nach seiner Meinung gemeiniglich auf eine lange Silbe ausgehen soll.

XLVIII. 184. Die Sprache der Redner erfordert aber nicht eine so scharfe Sorgfalt und Genauigkeit wie die der Dichter, welche der Zwang des Versmaßes und der Tonverhältnisse die Worte so in den Vers einzuschließen nöthigt, daß Nichts auch nicht um den geringsten Hauch kürzer oder länger ist, als die Nothwendigkeit verlangt. Freier ist die Rede, und wie sie ungebunden heißt, so ist sie es auch in Wirklichkeit, jedoch nicht dergestalt, daß sie flüchtig umherirrt, sondern ohne Fesseln sich selbst in Schranken zu halten weiß. Denn ich stimme der Ansicht des Theophrastus bei, daß die Rede, wenn sie anders geglättet und einigermaßen kunstgerecht sein soll, sich zwar nicht auf gezwungene, wohl aber freiere Weise rhythmisch bewegen müsse. 185.Und ferner ist nach seiner Vermuthung aus den Rhythmen, aus denen unser gewöhnlicher Vers Der iambische Trimeter ( senarius), bestehend aus sechs Iamben. besteht, in der Folge der Anapästus, ein schlankerer Rhythmus, hervorgegangen, und aus diesem ist jener freiere und reichere Dithyrambus Die freien Rhythmen des Dithyrambus, d. h. eines begeisterungsvollen Lobliedes zu Ehren des Bacchus (Dionysos). geflossen, dessen Glieder und Füße, wie derselbe sagt, in jeder reichhaltigen Rede zerstreut sind. Und wenn bei allen Tönen und Lauten das rhythmisch ist, was gewisse Taktschläge hat, und was wir nach gleichen Zwischenzeiten messen können; so wird man mit Recht diese Art der Rhythmen, wenn sie nur nicht ununterbrochen fortgeht, als einen Vorzug der Rede ansehe. Denn wenn man die ohne Tonverhältnisse unaufhörlich fortströmende Geschwätzigkeit für roh und ungeschliffen halten muß, was Anderes ist der Grund des Mißfallens, als weil die Natur selbst für das Gehör der Menschen die Tonleitung bestimmt? Dieß ist jedoch unmöglich, wenn nicht in den Tönen ein Rhythmus enthalten ist. 186.Der Rhythmus aber findet in einer ununterbrochenen Verbindung nicht statt; die Unterscheidung und der Taktschlag nach gleichen und oft auch nach wechselnden Zwischenzeiten bewirkt den Rhythmus, den wir bei fallenden Wassertropfen, weil sie sich nach Zwischenzeiten unterscheiden lassen, bemerken können, nicht aber bei einem herabstürzenden Strome. Ist nun eine Wortverbindung der ungebundenen Rede weit angemessener und wohlgefälliger, wenn sie sich in Gelenke und Glieder abtheilt, als wenn sie in ununterbrochener Folge fortläuft: so müssen diese Glieder gegen einander richtig abgemessen sein; denn wenn sie am Ende zu kurz sind, so wird die Kraft des Rundsatzes quasi verborum ambitus () oder auch circuitus, circuitus et quasi orbis verborum, comprehensio, continuatio, circumscriptio. geschwächt, wie die Griechen einen Gliedersatz nennen. Daher müssen die folgenden Glieder den vorhergehenden, die letzten dem ersten entweder gleich oder, was noch besser und angenehmer ist, länger sein.

XLIX. 187. Das sind nun die Lehren der Philosophen, die du, mein Catulus, so hoch schätzest; was ich um so öfter bezeuge, um durch Anführung meiner Gewährsmänner den Vorwurf abzulehnen, den man mir wegen dieser kleinlichen Schulweisheit machen könnte. Was willst du damit sagen? entgegnete Catulus. Kann wol etwas Geschmackvolleres vorgetragen oder überhaupt Scharfsinnigeres gesagt werden, als was du uns erörtert hast? 188.Freilich muß ich befürchten, erwiderte Crassus, daß entweder diese Dinge unseren jungen Zuhörern zu schwierig in der Ausübung erscheinen, oder weil sie in den gewöhnlichen Anweisungen nicht gelehrt werden, sie glauben möchten, ich stelle sie absichtlich zu wichtig und schwierig vor. Hierauf sagte Catulus: Du irrst dich, mein Crassus, wenn du meinst, ich oder einer der Anwesenden erwarte von dir diese alltäglichen und ganz gewöhnlichen Leistungen. Das, was du vorträgst, wünschen wir von dir zu hören, und zwar gerade auf diese Weise vorgetragen; dieß kann ich dir nicht für mich allein, sondern für alle Anwesenden unbedenklich versichern. 189.Ja wahrlich, sagte Antonius, endlich habe ich den Redner gefunden, den ich in meiner kleinen Schrift S. Buch I, Kap. 21 zu Anfang. noch nicht gefunden zu haben behauptet hatte; aber absichtlich wollte ich dich mit meinem Lobe nicht unterbrechen, um die so kurze Zeit deines Vortrages auch nicht durch ein einziges Wort zu verkürzen. 190.Nach diesen Regeln also, fuhr Crassus fort, müßt ihr durch Uebung theils im Reden theils im Schreiben, welches letztere eueren Vortrag sowol in anderen Beziehungen als ganz vorzüglich in dieser zu schmücken und zu feilen geeignet ist, eure Rede bilden. Nicht jedoch erfordert dieß so viel Arbeit, als es den Schein hat; auch ist es nicht nöthig hierbei die scharfe Richtschnur der Rhythmiker und Musiker anzulegen, sondern ihr müßt nur darnach streben, daß die Rede nicht auseinander fließe, nicht unstät umherschweife, nicht in zu kleinen Absätzen inne halte und nicht zu weit ausschreite, daß sie wohlgegliedert sei und in sich vollendete schön abgerundete Perioden habe. Aber nicht immer darf sich die Rede in einem ununterbrochenen Kreislaufe von Perioden bewegen, sondern oft muß sie mit kurzen Sätzen abwechseln, die jedoch gleichfalls an Rhythmen gebunden sein müssen. 191.Auch braucht ihr nicht wegen des Päon oder des heroischen Rhythmus, von denen ich sprach, besorgt zu sein. Von selbst finden sie sich in der Rede ein, von selbst, sage ich, bieten sie sich dar und stellen sich ungerufen ein, nur mag man sich so zu schreiben und zu reden gewöhnen, daß die Gedanken mit den Worten geschlossen werden, und daß die Periode mit langen und freien Rhythmen, vorzüglich dem heroischen oder dem ersten Päon oder dem Creticus, anhebe, aber am Schlusse sich mit mannigfaltiger Abwechslung senke; denn am Meisten wird die Aehnlichkeit am Schlusse bemerkt, wo die Stimme einen Ruhepunkt macht. Und wenn die ersten und letzten Füße auf diese Weise beobachtet sind, so können die mittleren sich verborgen halten, nur mag der Rundsatz selbst weder kürzer sein, als das Ohr erwartet, noch länger, als die Länge und der Athem es zuläßt.

L. 192. Auf den Schluß eines Gliedersatzes muß nach meinem Dafürhalten noch größere Sorgfalt verwendet werden als auf die vorhergehenden Theile, weil nach ihm vorzüglich die Vollkommenheit und Vollendung des Gliedersatzes beurtheilt wird. Denn bei einem Verse werden auf gleiche Weise Anfang, Mitte und Ende beachtet, und er ist lahm, an welchem Theile auch ein Fehler gemacht sein mag; bei dem Redesatze hingegen sehen nur Wenige auf den Anfang, die Meisten aber auf den Schluß. Weil nun dieser stark hervortritt und bemerkt wird, so muß man bei ihm Abwechslung anwenden, damit er weder nach dem Urtheile des Verstandes noch, weil er dem Ohre Ueberdruß erregt, verworfen werde. 193.Auf die zwei oder drei letzte Wortfüße nämlich muß man gemeiniglich sehen und achten, wenn anders das Vorhergehende nicht zu kurz und zu gebrochen ist, und diese müssen entweder choreisch oder heroisch sein, oder beide müssen mit einander oder mit dem letzten Päon, den Aristoteles empfiehlt, oder mit dem ihm gleichen Creticus abwechseln Der Schluß der Periode besteht also: 1)aus Choreen, d.i. Trochaen, ; 2)aus heroischen Versfüßen, ; 3)aus einem Trochäus und dem heroischen Versfuße, ; 4)einem Trochäus und dem letzteren Päon, ; 5)aus dem heroischen Versfuße und dem letzteren Päon, ; 6)aus einem Trochäus und dem Creticus, ; 7)aus dem heroischen Fuße und dem Creticus, .. Die Abwechslung dieser Füße wird zur Folge haben, daß weder die Zuhörer wegen der Einförmigkeit Ueberdruß empfinden, noch unserer Rede die darauf verwendete Mühe angesehen wird. 194.Wenn nun jener Antipater Antipater aus Sidon, ein Stoischer Philosoph und Dichter, lebte etwa 100 v.Chr. Einige Epigramme von ihm befinden sich in der Griechischen Anthologie. aus Sidon, dessen du dich, mein Catulus, wohl erinnerst, Hexameter und andere Verse in mannigfaltigen Tonweisen und Rhythmen aus dem Stegreife zu dichten pflegte, und die Uebung dieses geistreichen und mit einem glücklichen Gedächtnisse begabten Mannes so viel vermochte, daß, sobald er seinen Sinn und seine Gedanken auf eine Versart richtete, die Worte von selbst folgten: um wie viel leichter werden wir dieß in der Rede durch Uebung und Gewohnheit erreichen? 195.Uebrigens wundere sich Niemand, wie der große Haufe unwissender Zuhörer solche Dinge bemerkt; denn überall, aber ganz besonders gerade hierin zeigt sich die Kraft der Natur unglaublich stark. Alle beurtheilen ja nach einem innerlichen Gefühle ohne alle Kunst oder Kunstregeln, was in den Künsten und nach den Kunstregeln richtig und verkehrt ist. Und dieß thun sie bei Gemälden, bei Bildsäulen und anderen Kunstwerken, zu deren einsichtsvoller Beurtheilung sie von Natur mit weniger Mitteln ausgerüstet sind; aber ungleich mehr zeigen sie es bei der Beurtheilung der Worte, Rhythmen und Töne, weil diese Dinge tief in den allgemeinen Empfindungen gegründet liegen, und Niemand derselben nach der Bestimmung der Natur gänzlich untheilhaftig ist. 196.Daher kommt es, daß nicht bloß die künstliche Wortstellung, sondern auch die Rhythmen und Töne auf alle Menschen einen Eindruck machen. Denn wie Wenige verstehen die Kunst der Rhythmen und Tonweisen? und doch, wird auch nur der geringste Verstoß dagegen gemacht, indem Etwas entweder durch Zusammenziehung zu kurz oder durch Dehnung zu lang ausgesprochen wird, geben ganze Theater ihr Mißfallen laut zu erkennen. Wie? Geschieht es nicht gleichfalls bei den Stimmen, daß von der Volksmenge nicht bloß ganze Sängerchöre, sondern auch einzelne Sänger, wenn sie gegen die Gesangweise verstoßen, ausgezischt werden?

LI. 197. Es ist wunderbar, wie gering zwischen dem Gebildeten und dem Unwissenden der Unterschied im Urtheilen ist, da er doch im Schaffen so sehr groß ist. Aber wahrlich die Kunst würde, da sie von der Natur ausgegangen ist, wol schwerlich irgend Etwas ausgerichtet haben, wenn sie nicht wieder auf die Natur einwirkte und sie ergötzte. Nichts aber ist unserem Geiste so nah verwandt als die Rhythmen und die Töne, durch die wir bald erregt bald angefeuert bald besänftigt bald entkräftet bald zur Heiterkeit bald zur Trauer oft gestimmt werden. Aber ihre höchste Kraft zeigt sich noch wirksamer in der Dichtung und im Gesange: was, wie es mir scheint, dem hochgebildeten Könige Numa und unseren Altvorderen nicht entging, wie das Saiten- und Flötenspiel bei den feierlichen Gastmählern und die Verse der Salier Die Salier waren Priester des Mars, ursprünglich zwölf, von Numa eingesetzt, denen noch zwölf von Tullius Hostilius hinzugefügt wurden. Am 1.März holten sie die zwölf heiligen Schilde ( ancilia) aus dem Tempel und hielten unter Absingung von Liedern und unter Waffentänzen einen feierlichen Umzug zu Ehren des Mars. Die Sprache ihrer Gesänge wurde schon zu Cicero's Zeit nicht mehr genau verstanden. beweisen; am Meisten aber wurde diese Kunst von dem alten Griechenland gepflegt. 198.Ach, hättet ihr doch lieber über diese und ähnliche Gegenstände einen Vortrag von mir gewünscht als über diese schülerhaften Wortübertragungen. Die Worte: Quibus utinam similibusque de rebus disputari quam de puerilibus his verborum translat, maluissetis! halten Schütz, Müller und Ellendt für unächt. Doch sowie beim Verse die große Menge es einsieht, wenn ein Versehen gemacht wird; ebenso bemerkt sie es, wenn in unserer Rede etwas hinkt; aber dem Dichter verzeiht sie nicht, gegen uns ist sie nachsichtiger; im Stillen jedoch erkennen Alle, daß das, was wir gesagt haben, nicht passend und vollkommen ist. Daher pflegten jene Alten, wie wir noch heutzutage Manche thun sehen, da sie einen Rundsatz, gleichsam einen Wortkreis, noch nicht bilden konnten, dazu haben wir ja erst neuerdings das Geschick oder den Muth erlangt drei oder zwei, zuweilen auch nur Ein Satzglied zu setzen; aber ungeachtet ihrer natürlichen Unmündigkeit wußten sie doch das, was das Ohr der Menschen verlangt, nämlich daß die Satzglieder gleich abgemessen und durch gleich lange Ruhepunkte unterschieden wären.

LII. 199. So habe ich denn auch nach Kräften das etwa auseinandergesetzt, was nach meiner Ansicht am Meisten zum Schmucke der Rede beiträgt; denn ich habe von den lobenswerthen Eigenschaften der einzelnen Worte, von ihrer Verbindung, von ihren Rhythmen und Tonverhältnissen gesprochen. Fragt ihr aber auch nach der äußeren Gestalt und der Farbe der Rede, so ist sie theils voll, aber doch schlank, theils schmächtig, aber nicht ohne Nerven und Kräfte, theils eine solche, deren Vorzug darin besteht, daß sie aus beiden gemischt zwischen beiden die Mitte hält. Auf diesen drei Redeformen muß eine nicht wie Schminke aufgetragene, sondern durch das Blut verbreitete Farbe anmuthiger Schönheit ruhen. 200.Kurz In den Handschriften steht: Tum denique; aber dieß gibt keinen Sinn; ich lese daher Denique ohne tum; auch Ellendt hält tum für unächt., wir müssen unseren Redner hinsichtlich der Worte sowol als der Gedanken so bilden, daß sowie die Fechter oder Ringer nicht bloß Streiche zu meiden oder zu versetzen bedacht sind, sondern auch darauf, daß sie Wohlanständigkeit in ihren Bewegungen zeigen, so auch er die Worte zu einem wohl gegliederten und schönen Redebau, die Gedanken aber zu erhabener Würde der Rede gebrauche. 201.Die Worte und die Gedanken lassen sich aber auf fast unzählige Weise bearbeiten; aber zwischen der Form der Worte und Gedanken findet der Unterschied statt, daß die der Worte verloren geht, wenn man die Worte verändert, die der Gedanken hingegen bleibt, welcher Worte man sich auch bedienen mag. Und obwol ihr es schon ohnehin thut, so glaube ich doch euch auch noch daran erinnern zu müssen, daß ihr in Betreff der einzelnen Worte den Vorzug und die Bewunderung des Redners lediglich in der Kenntniß der oben erwähnten drei Dinge finden möget, nämlich daß wir häufig übertragene, zuweilen auch neugebildete. selben aber sehr alte Ausdrücke gebrauchen; was aber die zusammenhängende Rede betrifft, so müssen wir zuerst auf eine sanfte Verbindung und auf das von mir erwähnte rhythmische Verhältniß achten, alsdann aber durch den häufigen Gebrauch der Redefiguren den ganzen Vortrag gleichsam mit Lichtpunkten der Gedanken und Worte ausschmücken und beleben.

LIII. 202. So zum Beispiel sind folgende Figuren von sehr großer Wirkung: das Verweilen bei Einem Gegenstande commoratio una in re, . Sie besteht darin, daß man an der Stelle, worauf die ganze Sache beruht, länger verweilt und öfter ebendahin zurückkehrt. S. Cornificius Rhetoric. ad Herenn. IV.44,58., die lichtvolle Erläuterung illustris explanatio, oder . S. Ernesti Lexic. technol. Latin. Rhetor. p.155sq. und Veranschaulichung rerumque quasi gerantur sub aspectum paene subjectio, , , . Cornificius IV,55,68. nennt sie demonstratio., durch welche die Dinge gleichsam vor das Auge gestellt werden, als ob sie vor uns geschähen. Diese Figuren haben ein sehr großes Gewicht theils in der Entwickelung einer Sache, theils um das, was auseinandergesetzt wird, zu beleuchten und zu erhöhen, so daß den Zuhörern das, was wir heben wollen, so groß erscheint, als es die Rede darzustellen vermag. Das Gegentheil davon sind oft das flüchtige Hinwegeilen percursio, . S. Ernesti am angeführten Orte S.280. über einen Gegenstand, die Andeutung significatio, . Vgl. Cornificius IV.53,67. Quintilian. VIII.3,83., die mehr erraten läßt, als man sagt, die gedrängte, aber doch deutliche Kürze distincte concisa brevitas, . Siehe Ernesti a. a. O. S.40., die Verkleinerung extenuatio, bei Cornificius IV. 38, 50. deminutio; , , . und die sich daranschließende Verspottung illusio, irrisio, , ., die zu den Vorschriften Cäsar's S. oben II. 65, 261. 67, 269. paßt. 203.Ferner sind zu erwähnen die Abschweifung digressio ab re, , , . S. Ernesti a.a.O. S.106. von der Sache, von der man, wenn sie uns Unterhaltung gewährt hat, mit einer geschickten und angemessenen Wendung zum Hauptsatze zurückkehren muß, die Angabe propositio, quid sis dicturus; bei Quintil. IV, c. 2. brevis rei controversae expotisio; , , , . S. Ernesti a.a.O. S.310. des zu behandelnden Gegenstandes und der Uebergang adjunctio, bei Cornificius IV. 26, 35. transitio; als Beispiel führt er an: wie er sich gegen seinen Vater benommen hat, wißt ihr; jetzt betrachtet, wie der Vater sich benommen hat; Griech. . vom Gesagten zu einem neuen Gegenstande, die Rückkehr reditus ad propositum, , z. B. zu Viel habe ich von diesem Gegenstande gesprochen; laßt uns zu dem Uebrigen übergehen. S. Ernesti a.a.O. S.327. zum Hauptsatze, die Wiederholung iteratio, , , . S. Ernesti a.a.O. S.230., der passende Schluß rationis apta conclusio. Diese Figur besteht darin, daß man aus dem Gesagten eine kurze Folgerung zieht. S. Ernesti a.a.O. S.79. einer Beweisführung; ferner die Uebertreibung und Ueberschreitung veritatis superlatio atque trajectio, bei Cornificius auch exsuperatio genannt, Griech. . der Wahrheit zur Vergrößerung oder Verkleinerung, die Frage rogatio, interrogatio, durch die wir den Gegner in die Enge treiben, Griech. . S. Ernesti a.a.O. S.223. und die damit verwandte Ausforschung percontatio, . und die Beantwortung derselben nach eigener Ansicht expositio sententiae suae. Cornificius IV, 23. nennt diese Figur subjectio. Sie besteht darin, daß man eine Frage, die man an den Gegner richtet, selbst beantwortet. S. Ernesti a.a.O. S.377f.; ferner die Verstellung dissimulatio, ironia, . S. Ernesti a.a.O. S.129f., wenn man Etwas anders sagt, als meint, die sich besonders in die Gemüther der Menschen einzuschleichen versteht, und die sehr angenehm ist, wenn sie in der Rede nicht mit Heftigkeit, sondern in gelassener Sprache angebracht wird; dann der Zweifel dubitatio, , . S. Ernesti a.a.O. S.136., die Zergliederung distributio, . S. Ernesti a.a.O. S.133f., die Verbesserung entweder ehe correctio, antequam dixeris, . oder nachdem man Etwas gesagt hat correctio, postquam dixeris, . Ueber beide Figuren s. Ernesti a.a.O. S.98f., oder wenn man Etwas von sich ablehnt correctio, quom aliquid a te ipso reicias, . S. Ernesti a.a.O. S.329.; 204.alsdann die Verwahrung praemunitio, , . S. Ernesti Seite297. in Beziehung auf das, was man angreifen will, die Zurückschiebung recjetio in alium. S. Ernesti S. 329. einer Sache auf einen Anderen, die Mittheilung communicatio, . S. Ernesti S.69., die gleichsam in einer Berathung mit denen, vor denen man redet, besteht, die Nachahmung der Sitten Anderer und ihrer Lebensart imitatio morum ac vitae, notatio, , , . S. Ernesti S.203. entweder mit Angabe der Personen oder ohne dieselbe, die ein wichtiges Verschönerungsmittel der Rede ist und ganz besonders geeignet die Gemüther zu gewinnen, oft auch sie zu rühren; 205.die erdichtete Einführung von Personen personarum ficta inductio, conformatio, . S. Ernesti p.82., die ein sehr wirksames Mittel zur Hebung einer Sache ist; die Beschreibung descriptio, , , . S. Ernesti S.112., die Verleitung zum Irrtume erroris inductio, . S. Ernesti S.213. die Erregung der Heiterkeit ad hilaritatem impulsio, . S. Ernesti S.209., die Vorwegnehmung des Einwurfs anteoccupatio, . S. Ernesti S.22.; ferner zwei Figuren, die besonders zur Rührung dienen, das Gleichniß similitudo, . S. Ernesti S. 360. und das Beispiel exemplum, . S. Ernesti S. 153.; dann die Anordnung digestio, . S. Ernesti S. 124., die Unterbrechung interpellatio, ., die Zusammenstellung der Gegensätze contentio, , . S. Ernesti S.90., die Verschweigung reticentia, occultatio, ., die Empfehlung commendatio., die freimüthige, ja wol auch zügellose Aeußerung vox quaedam libera atque etiam effrenatior, licentia; , . S. Ernesti S.242 und243. zur Hebung der Sache, das Zürnen iracundia, ., der Verweis objurgatio, ., das Versprechen promissio, ., die Fürbitte deprecatio, , . S. Ernesti S.110., die Betheuerung obsecratio, ., die kurze Abweichung von der Hauptsache declinatio brevis a proposito, ., die von der oben erwähnten Abschweifung verschieden ist, die Entschuldigung purgatio, ., die Bitte um geneigtes Wohlwollen conciliatio, ., die Verletzung laesio, . S. Ernesti S. 235. des Gegners, der Wunsch optatio, . und die Verwünschung exsecratio, .. Das etwa sind die Gedankenfiguren, die der Rede Lichtglanz verleihen.

LIV. 206. Was nun aber die Worte selbst betrifft, so bedient man sich derselben, wie der Waffen, entweder zum Nutzen, indem man mit ihnen droht und angreift, oder man wendet sie lediglich zur Zierde an. Zum Beispiel die Verdoppelung geminatio verborum, bei Cornificius IV, 28. conduplicatio, Griech. . der Wörter gibt der Rede bald Nachdruck bald Anmuth; ebenso auch eine kleine Abänderung und Umbeugung verbum paulum immutatum atque deflexum; bei Cornificius IV. 21, 29. annominatio, . S. Ernesti a.a.O. S.21 sq. eines Wortes, dann die häufige Wiederholung desselben Wortes zu Anfang des Satzes ejusdem verbi crebra a primo repetitio, , , , wie Cicer. Catil. I,1: Nihil te nocturnum praesidium, nihil urbis vigiliae, nihil consensus bonorum omnium cett. Siehe Ernesti S.330. und die Wiederkehr desselben am Ende des Satzes ejusdem verbi in extremum conversio, , , z.B. Poenos populus R. justitia vicit, armis vicit, liberalitate vicit. S. Ernesti S.97., das heftige Zusammenstoßen derselben Worte auf einander in eadem verba impetus et concursio, , , complexio, wenn ein Wort mehrere Sätze anfängt, und ein anderes Wort dieselben schließt. S. Ernesti S.70., die Hinzufügung adjunctio erklärt Strebäus als die Figur, nach der das zu Anfang des Satzes stehende Wort am Ende des Satzes wiederholt wird, und führt als Beispiel an: multa super Priamo rogitans, super Hectore multa. S. Ernesti S.127., der Fortschritt progressio stellen Einige mit dem Griech. zusammen, Andere mit dem incrementum, quo crescit oratio et veluti progreditur bei Quintilian. 8, 4., die Wiederholung desselben Wortes in verschiedener Bedeutung ejusdem verbi crebrius positi distinctio, . Andere erklären es anders. S. Ernesti a.a.O. S.132., die Widerrufung revocatio verbi läßt sich nicht genau bestimmen. Einige halten diese Figur gleichbedeutend mit der conduplicatio, Andere mit . eines Wortes, der Schluß der Sätze mit Wörtern von ähnlicher Endung quae similiter desinunt, . oder ähnlicher Beugung quae similiter cadunt, ., die Gegenüberstellung gleicher quae paribus paria referuntur, . oder ähnlicher Glieder quae similibus similia referuntur, . gegen einander. 207.Auch gehören hierher die Steigerung gradatio, ., die Umkehrung conversio, commutatio, , z.B. non sese Gallis, sed Gallos sibi bellum intulisse, oder ire se ad exercitum sine duce et inde reversurum ad ducem sine exercitu. S. Ernesti a.a.O. S.70. der Worte, die geschickte Versetzung verborum concinna transgressio, , künstliche Wortstellung aus rhetorischen Gründen. der Worte, die Entgegenstellung contrarium, , , , Kontrast, z.B. quem in amicitia perfidiosum cognoveris, eum qua re putes inimicitias cum fide retinere posse? Mehr Beispiele s. b. Cornificius IV,18., die Weglassung der Bindewörter dissolutum, , , . Cornificius IV,30,40: Dissolutum est, quod coniuntionibus verborum e medio sublatis separatis partibus ecfertur, hoc modo: gere morem parenti, pare cognatis, obsequere amicis, obtempera legibus., die Beugung declinatio, conjugatum, derivatio, , wenn dasselbe Wort in verschiedenen Flexionsformen kurz nach einander wiederholt wird., der Tadel reprehensio, . S. Ernesti S. 332. des gebrauchten Ausdruckes, der Ausruf exclamatio, . S. Ernesti S. 152., die Verkleinerung imminutio, , z.B. non minime für maxime., der Wechsel der Kasus quod in multis casibus ponitur, . S. Ernesti S.41., die wechselseitige Beziehung einzelner Worte auf einander quod de singulis rebus propositis ductum refertur ad singula. Strebäus führt als Beispiel an Cicer. Milon. 4, 10: lex non scripta, sed nata, quam non didicimus, accepimus, legimus, verum ex natura ipsa arripuimus, hausimus, expressimus., die Hinzufügung des Grundes zu einer aufgestellten Behauptung ad propositum subjecta ratio, . Diese Figur hätte unter den Gedankenfiguren erwähnt werden sollen; diesen Fehler hat Cicero bei mehreren der genannten Figuren begangen. und ebenso die Hinzufügung des Grundes zu den getheilten Gliedern in distributis supposita ratio, . S. Ernesti S.322., die Ueberlassung permissio, , wenn der Redner die Entscheidung der Sache den Zuhörern oder Richtern überläßt. der Sache, eine andere Art des Zweifels dubitatio hier in Beziehung auf ein einzelnes Wort, oben §.203 in Beziehung auf einen ganzen Gedanken.; ferner das Unerwartete improvisum, inopinatum, ., die Aufzählung dinumeratio, , die durch primum, deinde, tum, postremo, denique geschieht., eine andere Art der Verbesserung correctio verbi, oben §.203 sententiae., die Vertheilung dissipatio, Vertheilung durch Lokaladverbien, wie hic – illic., die ununterbrochene Folge continuatum, bei Cornificius IV. 19, 27: Continuatio est densa frequentatio verborum cum absolutione sententiarum; ea utemur commodissime tripertito: in sententia, in contrario, in conclusione. Die drei Fälle erläutert er durch Beispiele. Vgl. Ernesti S.92., das Unterbrochene interruptum, das Gegentheil der vorhergehenden Figur, der kommatische Vortrag., das Bild imago, . Cornificius iV. 49, 62: Imago est formae cum forma, cum quadam similitudine conlatio; er erläutert sie durch Beispiele. Cicer. Invent. I,49: oratio demonstrans corporum aut naturarum similitudinem., die Selbstbeantwortung sibi ipsi responsio, . Cicer. Orat. c.39: quasi ad interrogata sibi ipse [quis] respondeat. Die Figur scheint mit der oben angeführten subjectio ziemlich zusammenzufallen. einer Frage, die Vertauschung immutatio, , scheint mit Metonymie gleichbedeutend zu sein. der Worte, die Absonderung disjunctio, . Cornificius IV. 27, 37: Disjunctio est, quom eorum, de quibus dicimus, aut utrumque aut unumquidemque certe concluditur verbo, sic: populus R. Numantiam delevit, Karthaginem sustulit, Corinthum disjecit, Fregellas evertit u.s.w., die Ordnung ordo, , läßt sich als Wortfigur schwer bestimmen. S. Ernesti S.276., die Wiederholung relatio läßt sich gleichfalls schwer bestimmen; ja selbst Quintilianus IX.3,97. weiß nicht, was Cicero darunter verstanden hat., die Abschweifung digressio, die schon als Gedankenfigur genannt ist; ob Cicero unter ihr als Wortfigur etwas Anderes verstanden hat, läßt sich nicht sagen. Ellendt hat die Worte et digressio als eingeschoben in Kammern eingeschlossen, obwol sie in allen Handschriften gelesen werden., die Begriffsbestimmung circumscriptio, .. Das etwa sind die Figuren, und ähnliche lassen sich noch mehr denken, welche der Rede hinsichtlich der Gedanken und der Wortformen Lichtglanz verleihen.

LV. 208. So hast du nun, lieber Crassus, versetzte Cotta, diese Dinge ohne Erklärungen und Beispiele vor uns ausgeschüttet, ohne Zweifel, weil du voraussetzest, sie seien uns bekannt. Auch von dem, was ich zuvor vorgetragen habe, erwiderte Crassus, glaubte ich keineswegs, daß es euch neu sei; nur euer aller Wünschen habe ich nachgegeben. 209.Ueber die letzten Gegenstände aber mich kurz zu fassen mahnte mich die Sonne, die, schon dem Untergange zueilend, auch mich dieses in aller Eile zu entwickeln nöthigte. Uebrigens ist ja die Lehre und der Unterricht in diesen Dingen etwas Gewöhnliches; aber die Anwendung davon ist höchst wichtig und in der ganzen Beredsamkeit sehr schwierig. 210.Nachdem ich nun über den gesammten Schmuck der Rede alle Quellen, wenn auch nicht eröffnet, doch wenigstens angezeigt habe; so laßt uns jetzt sehen, was in der Rede passend, d.h. das Schicklichste ist, wiewol es einleuchtend ist, daß sich nicht für jede Sache, für jeden Zuhörer, für jede Person und Zeit ein und dieselbe Art des Vortrages eignet. 211.Denn einen anderen Ton der Worte verlangen die peinlichen Fälle, einen anderen die Verhandlungen über Privat- und unbedeutende Angelegenheiten; eine andere Art des Vortrages erfordern die Beratschlagungen, eine andere die Lobreden, eine andere die Gerichte, eine andere die Gespräche, eine andere die Tröstung, eine andere der Verweis, eine andere die wissenschaftliche Erörterung, eine andere die Geschichtschreibung. Auch kommt es darauf an, wer die Zuhörer sind, ob der Senat oder das Volk oder die Richter, ob viele oder wenige oder Einer, und was für Leute; und in Betreff der Redner selbst muß auf ihr Alter, ihre Ehrenstelle und ihr Ansehen Rücksicht genommen werden, hinsichtlich der Zeit aber, ob Friede oder Krieg ist, ob Eile oder Muße stattfindet. 212.Auf diese Weise scheint man hier nicht leicht eine andere Vorschrift ertheilen zu können, als daß wir die höhere, die niedrigere und die mittlere Redeweise auf eine dem Wesen des zu behandelnden Gegenstandes angemessene Weise auswählen. Die Verschönerungsmittel der Rede, deren man sich bei diesen drei Ausdrucksweisen bedienen kann, bleiben sich bei allen so ziemlich gleich, nur daß man sie bald stärker bald schwächer anwendet. Ueberhaupt verdanken wir in jeder Sache die Fähigkeit das Geziemende zu thun der Kunst und Natur, die Einsicht aber davon, was und wann Etwas sich gezieme, der Klugheit.

LVI. 213. Doch dieß Alles thut seine Wirkung in der Weise, wie der äußere Vortrag beschaffen ist. Der äußere Vortrag, sage ich, hat in der Beredsamkeit die größte Macht. Ohne ihn kann der größte Redner in keinen Betracht kommen; mit ihm ausgerüstet der mittelmäßige oft über die größten siegen. Ihm soll Demosthenes, als er gefragt wurde, was das erste in der Beredsamkeit sei, die erste Rolle zuerkannt haben, ihm die zweite, ihm die dritte. Um so vortrefflicher pflegt mir auch jene Aeußerung des Aeschines zu erscheinen. Als sich dieser nämlich wegen eines ihn beschimpfenden Richterspruchs aus Athen entfernt und nach Rhodus begeben hatte, las er, wie man erzählt, den Rhodiern auf ihre Bitten jene herrliche Rede vor, die er gegen Ktesiphon Ktesiphon, ein Bürger von Athen, hatte seinen Mitbürgern den Vorschlag gemacht den Demosthenes wegen seiner großen Verdienste um den Staat mit einem goldenen Kranze zu beschenken. Aeschines verklagte den Ktesiphon wegen dieses Vorschlages als einen aufrührischen Bürger. Demosthenes vertheidigte den Ktesiphon in der berühmten Rede »für den Kranz«. Ktesiphon wurde freigesprochen, und Aeschines begab sich aus Verdruß über diese Entscheidung nach Rhodus. als Widersacher des Demosthenes gehalten hatte. Nach beendigter Vorlesung baten sie ihn am folgenden Tage, er möchte ihnen auch die dagegen von Demosthenes für den Ktesiphon herausgegebene Rede vorlesen. Als er diese mit der lieblichsten und lautesten Stimme vorgelesen hatte, und Alle sie bewunderten, rief er aus: »Um wie viel mehr würdet ihr ihn bewundert haben, wenn ihr ihn selbst gehört hättet!« Hierdurch hat er hinlänglich zu verstehen gegeben, was für einen großen Werth der äußere Vortrag habe, da er meinte, dieselbe Rede würde eine andere sein, wenn sie von einem Anderen vorgetragen würde. 214.Was war es an Gracchus Gajus Gracchus. Die Worte sind wahrscheinlich aus der Rede genommen, die Gajus Gracchus gehalten hat, als der Consul Lucius Opimius die Partei der Senatoren zu den Waffen gerufen hatte., dessen du dich, Catulus, besser erinnerst, was in meinem Knabenalter so außerordentlich gepriesen wurde? »Wohin soll ich Unglücklicher mich begeben? wohin soll ich mich wenden? auf das Capitolium? Aber ach! da fließt noch das Blut des Bruders Tiberius Gracchus war zwölf Jahre vorher auf dem Kapitole ermordet worden.. Oder nach Hause? Etwa um die unglückliche Mutter wehklagend und trostlos zu sehen?« Diese Worte trug er bekanntlich mit solchen Blicken, mit solcher Stimme und solchen Gebärden vor, daß seine Feinde sich der Thränen nicht erwehren konnten. Ich rede hierüber deshalb ausführlicher, weil diese ganze Kunst von den Rednern, die doch Darsteller des wirklichen Lebens sind, aufgegeben und von den Nachahmern des wirklichen Lebens, den Schauspielern, in Besitz genommen ist.

LVII. 215. Allerdings ist in jeder Sache ohne Zweifel die Wirklichkeit mächtiger als die Nachahmung; aber wenn sie allein für sich bei dem Vortrage hinlänglich wirksam wäre, so könnten wir in der That der Kunstregeln entbehren. Doch weil die Gemüthsbewegung, die besonders durch den Vortrag dargestellt oder nachgeahmt werden soll, oft etwas so Verworrenes hat, daß sie verdunkelt und, ich möchte sagen, verschüttet wird: so muß man bei der Darstellung derselben das sie Verdunkelnde entfernen und nur das Hervorstechende und in die Augen Fallende annehmen. 216.Denn jede Gemüthsbewegung hat von Natur ihre eigentümlichen Mienen, Töne und Gebärden, und der ganze Körper des Menschen und alle seine Mienen und Stimmen ertönen, gleich den Saiten der Lyra, so, wie sie jedesmal von der Gemüthsstimmung berührt werden. Denn die Töne sind, wie die Saiten, gespannt, so daß sie jeder Berührung entsprechen: hohe und tiefe, schnelle und langsame, starke und schwache; zwischen allen diesen liegt in jeder Art noch ein Mittelton. Und noch mehrere Unterarten sind aus diesen entstanden: der sanfte und der rauhe Ton, der gepreßte und der gedehnte contractum, diffusum ( pizzicato und ligato )., der mit gehaltenem und der mit abgestoßenem Athem continenti spiritu, intermisso ( tenuto und staccato ). hervorgestoßene, der dumpfe und der kreischende, der durch Beugung der Stimme entweder verdünnte oder angeschwellte flexo sono extenuatum, inflatum. . Denn unter diesen und ähnlichen Ich lese mit Pearcius horum et similium generum; die Handschriften haben et nicht; Ellendt hat die Worte et similium als unächt in Klammern eingeschlossen. Tonarten gibt es keine, die sich nicht durch künstliche Behandlung bearbeiten ließe, und sie stehen dem Redner, wie die Farben dem Maler, zu Gebote, um abwechselnde Mannigfaltigkeit hervorzubringen.

LVIII. 217. Denn einen eigenen Ton muß der Zorn annehmen, einen hohen, beschleunigten, häufig abgebrochenen, wie in der Stelle Aus Accius' Atreus.:

Mein verruchter Bruder fordert mich auf zu verzehren – ach
Welches Elend! meine Kinder mit meinen Zähnen

Und in den eben von dir, Antonius, angeführten Worten S. oben II. 46, 193.:

Ihn verlassend, wagst du u. s. w.

Und in der Stelle Gleichfalls aus Accius' Atreus.:

Straft nicht Einer dieß Vergehen? Bindet ihn!

und fast in dem ganzen Atreus. Einen anderen das Wehklagen und die Trauer, einen geschleiften, vollen, unterbrochenen mit weinerlicher Stimme, wie in der Stelle Aus Ennius' Medea.:

Wohin mich wenden? welchen Weg betret' ich jetzt?
In's Vaterhaus? zu Pelias' Töchtern soll ich gehn?

und in dieser Aus Ennius' Andromache. S. oben III. 26, 102.:

O Vater und o Vaterland, o Priamus' Palast!

und in der darauf folgenden Stelle:

Dieß sah ich Alles durch Flammen verzehrt,
Mit gewaltiger Hand Priamus' Leben zerstört.

218. Einen anderen die Furcht, einen schwachen, stotternden, gedrückten, wie in der Stelle Aus Ennius' Alkmäon. S. oben III. 38, 154.:

Vielfach Leid umfängt mich, Krankheit, Mangel und der Verbannung Loos,
Und Bestürzung entherzt mir Entmuthigtem alle Weisheit jetzt;
Schreckliche Qualen droht er meinem Leben und gewaltsamen Tod.
Niemand ist so festen Sinnes, so voll Zuversicht, daß nicht
Darob ihm das Blut erstarre und das Antlitz werde blaß.

Einen anderen die Gewalt, einen angestrengten, heftigen, mit hastigem Nachdrucke drohenden, wie in der Stelle Aus Accius' Atreus.:

Schon wieder kommt Thyest mir nachzustellen jetzt,
Schon wieder naht er sich und störet meinen Schlaf.
Erregen muß ich größ're Last des Ungemachs,
Daß ich sein bittres Herz zerstoße und zermalm'.

219. Einen anderen die Lust, einen sich frei ergießenden, sanften, zärtlichen, freudigen und lustigen, wie in der Stelle Aus einem Komiker.:

Als sie mir den Ehrenkranz zur Hochzeitsfeier reichte dar,
Reichte sie ihn dir; ihn mir zu reichen gab sie listig vor;
Denn gar fein und zierlich scherzend überreichte sie ihn dir.

Einen anderen der Verdruß, einen tiefen, einförmigen und dumpfen, wie in der Stelle Man weiß nicht, woher diese Stelle entlehnt ist.:

Zu jener Zeit, als Paris knüpft' unsel'gen Bund mit Helena,
Da war ich schwanger, und zu Ende ging schon meiner Monde Lauf,
Und Hekuba gebar zu gleicher Zeit zuletzt den Polydor.

LIX. 220. Alle diese Gemüthsbewegungen muß aber das Gebärdenspiel begleiten, nicht ein bühnenmäßiges, das die einzelnen Worte ausdrückt, sondern ein solches, welches die Sache und den Gedanken nur im Allgemeinen nicht durch Veranschaulichung, sondern durch bloße Andeutung zu erkennen gibt, durch eine kräftige und männliche Körperbewegung, die nicht von der Bühne und den Schauspielern, sondern von den Waffen oder auch von der Ringschule entlehnt ist. Die Hand aber soll kein künstliches Fingerspiel treiben, sondern mit den Fingern die Worte nur begleiten, aber nicht ausdrücken; der Arm werde frei vorgestreckt, gleichsam als Trutzwaffe des Redners; das Stampfen mit dem Fuße finde beim Beginne oder am Schlusse leidenschaftlicher Stellen statt. 221.Aber auf dem Gesichte beruht Alles, und in dem Gesichte besitzen die ganze Herrschaft die Augen. Um so richtiger urtheilten daher unsere Alten, wenn sie selbst einen Roscius unter der Larve nicht sehr loben wollten. Denn der ganze äußere Vortrag soll die Seele ausdrücken, und das Abbild der Seele ist das Gesicht und ihre Verräther die Augen. Denn dieß ist der einzige Theil des Körpers, der alle Gemüthsbewegungen durch ebenso viele Andeutungen und Veränderungen Die Worte et commutationes, welche in mehreren der besten Handschriften fehlen, halt Ellendt wol mit Recht für eingeschoben, da ja gerade in der Veränderung des Gesichts die Andeutung der Gemüthsbewegung liegt. ausdrücken kann, und Niemand vermag dieß zu thun, wenn er die Augen schließt connivens. Diese vortreffliche Muthmaßung des Gulielmus wird durch mehrere Handschriften bestätigt.. So berichtet Theophrastus S. zu I. Kap. 10, Anm. 111. Tauriskus ist nicht weiter bekannt. von einem gewissen Tauriskus, er habe zu sagen gepflegt, ein Redner, der bei seinem Vortrage immer auf Einen Punkt hinsähe, gleiche einem Redner, der seinen Zuhörern den Rücken zuwendete. 222.Man muß daher seine Augen wohl zu leiten wissen. Denn die Züge des Gesichtes dürfen nicht zu sehr verändert werden, damit wir nicht in Geschmacklosigkeiten oder Verzerrungen verfallen; die Augen sind es, durch deren Gespanntheit, Nachlassung, treffenden Blick und Heiterkeit wir die Gemüthsbewegungen auf eine der Art unseres Vortrages entsprechende Weise andeuten müssen. Denn der äußere Vortrag ist gleichsam die Sprache des Körpers, und um so mehr muß er mit dem Geiste im Einklang stehen. Die Augen hat uns aber die Natur, wie dem Rosse und dem Löwen die Mähne, den Schweif, die Ohren, gegeben, um die Regungen der Seele auszudrücken. 223.Nächst der Stimme hat daher bei unserem Vortrage das Gesicht die größte Bedeutung; dieses wird aber durch die Augen geleitet. Und in Allem, was zum äußeren Vortrage gehört, liegt eine gewisse natürliche Kraft. Durch ihn werden daher auch Unwissende, durch ihn der große Haufe, durch ihn endlich die unserer Sprache Unkundigen ergriffen. Worte wirken nur auf den ein, der mit uns durch die Gemeinschaft derselben Sprache verbunden ist, und scharfsinnige Gedanken fliegen oft an dem Verstande der nicht scharfsinnigen Menschen vorüber; der äußere Vortrag aber, der die Stimmung der Seele deutlich an den Tag legt, macht auf Alle Eindruck; denn die Gemüther Aller werden von denselben Empfindungen erregt, und es sind dieselben Merkmale, durch welche sie die Empfindungen Anderer erkennen und ihre eigenen Anderen zu erkennen geben.

LX. 224. Für den Gebrauch und das Lob des äußeren Vortrages aber ist ohne Zweifel die Stimme von der größten Wichtigkeit. Daß uns eine gute Stimme zu Theil werde, muß zuerst unser Wunsch sein; dann aber müssen wir für sie, wie sie auch beschaffen sein mag, Sorge tragen. Die Mittel anzugeben, wodurch man für die Bildung der Stimme sorgen könne, ist hier nicht der Ort, obwol nach meiner Ansicht dieß durchaus geschehen muß; aber die Bemerkung, die ich kurz zuvor S. Kap. 45 und 52. äußerte, scheint mir der Bestimmung unseres Gespräches nicht zuwiderlaufen, daß nämlich in den meisten Fällen das Nützlichste (ich kann nicht sagen, wie das zugeht) auch das Geziemendste ist. Denn für Erhaltung der Stimme ist Nichts nützlicher als häufige Veränderung, Nichts verderblicher als eine unmäßige ununterbrochene Anstrengung. 225.Wie? Was ist für unsere Ohren und für die Anmuth des Vortrages passender als Anmuth, Mannigfaltigkeit und Veränderung? Aus diesem Grunde hatte der oben S. Kap. 56. erwähnte Gracchus, wie du, Catulus, von deinem Schutzbefohlenen Licinius, einem wissenschaftlich gebildeten Manne, der damals als Sklave sein Schreiber war, hören kannst, gewöhnlich, so oft er eine Rede vor dem Volke hielt, einen kunstverständigen Mann mit einer elfenbeinernen Flöte im Verborgenen hinter sich stehen, der ihm schnell den Ton anblasen mußte, durch welchen er ihn, wenn er zu schlaff redete, anregte oder, wenn er in zu große Heftigkeit gerieth, zurückrief. Ja wahrlich, ich habe davon gehört, erwiderte Catulus, und oft des Mannes Sorgsamkeit sowol als Gelehrsamkeit und Wissenschaft bewundert. 226.Auch ich, fuhr Crassus fort, und ich bedauere nur, daß solche Männer sich in solche Vergehen gegen den Staat verirren konnten. Freilich wird jetzt in unserem Staate ein solches Gewebe angezettelt und eine solche Lebensweise rasch in Bewegung gesetzt und der Nachwelt vorgehalten Cicero deutet auf die Volksunruhen des Drusus hin. S. I, 7. und III. 1., daß wir schon solche Bürger zu haben wünschen, wie sie unsere Väter nicht geduldet haben. Laß dieß Gespräch ruhen, ich bitte dich, Crassus, erwiderte Julius, und kehre zu des Gracchus' Pfeife zurück, deren Beschaffenheit ich noch nicht recht begreifen kann.

LXI. 227. Bei allen Stimmen, antwortete Crassus, findet ein Mittelton statt; aber jede Stimme hat ihren eigentümlichen. Daß von hier aus die Stimme stufenweise aufsteige, ist nützlich und angenehm, (denn gleich zu Anfang zu schreien verräth Mangel an Bildung;) und zugleich ist es auch zur Kräftigung der Stimme heilsam. Dann gibt es auch in der Hebung der Stimme ein Aeußerstes, das sich jedoch unter dem höchsten Schreitone hält. Bis zu diesem läßt dich die Pfeife nicht aufsteigen, sondern ruft dich sofort Nach der, auch von Ellendt aufgenommenen Muthmaßung von Henr. et jam für et tamen. von der zu großen Anstrengung zurück. Desgleichen gibt es auch im Gegentheile in der Senkung der Stimme einen tiefsten Ton, zu dem man auf der Tonleiter hinabsteigt. Dieser Wechsel und dieser Lauf der Stimme durch alle Töne wird einerseits zu ihrer eigenen Erhaltung beitragen, andererseits dem äußeren Vortrage Lieblichkeit verleihen. Doch den Pfeifer laßt zu Hause; nur das durch diese Uebung gewonnene Gefühl bringt mit euch auf das Forum. 228.So habe ich euch nun, so viel in meinen Kräften lag, mitgetheilt, nicht wie ich es wollte, sondern wie ich wegen Beschränkung der Zeit mußte. Es ist ja klug sich in die Zeit zu schicken, wenn es beim besten Willen nicht möglich ist Mehr zu sagen. Ei, du hast ja wahrlich, entgegnete Catulus, so weit ich, darüber urtheilen kann, Alles so unvergleichlich zusammengefaßt, daß es scheint, als ob du dieses nicht von den Griechen entlehnt hättest, sondern es diesen selbst lehren könntest. Es freut mich an dieser Unterredung Theil genommen zu haben, und ich wünschte, daß mein Schwiegersohn Hortensius Hortensius war 114 v.Chr. geboren, zur Zeit des Gespräches 23Jahre alt, also 10Jahre jünger als Cotta und Sulpicius, 8Jahre älter als Cicero; im neunzehnten Lebensjahre unter dem Consulate des Crassus und Scävola trat er zum ersten Male als Redner auf und vertheidigte die Sache der Afrikanischen Bundesgenossen, deren Inhalt jedoch uns unbekannt ist., dein Freund, zugegen gewesen wäre, von dem ich zuversichtlich hoffe, daß er sich durch alle Vorzüge, die du in deinem Vortrage umfaßt hast, auszeichnen werde. 229.Sich auszeichnen werde? fiel ihm Crassus ein; ich aber urtheile, daß er es schon jetzt thut, und so urtheilte ich auch damals, als er unter meinem Consulate im Senate die Sache Afrikas vertheidigte, und jüngst noch mehr, als er für den König von Bithynien Nikomedes. redete. Du hast also ganz recht, Catulus; denn ich weiß, diesem jungen Mann gebricht es weder an Naturgaben noch an gelehrter Bildung. 230.Um so mehr müßt ihr, du, Cotta, und du, Sulpicius, wachen und arbeiten. Denn in ihm wächst kein mittelmäßiger Redner euerem Alter nach, sondern ein Redner von durchdringendem Geiste, brennendem Eifer, ausgezeichneter Gelehrsamkeit und seltenem Gedächtnisse. Wiewol ich diesem gewogen bin, so wünsche ich doch, daß er nur die Redner seines Alters übertreffe; für euch aber würde es nicht eben ehrenvoll sein, wenn der so viel jüngere euch überflügelte. Doch laßt uns jetzt aufstehen, setzte er hinzu, wir wollen der Gesundheit pflegen und endlich einmal nach der Anstrengung und Bemühung, die mit dieser Unterredung verbunden war, unseren Gemüthern Erholung gönnen.

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