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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXXIV. 154. Bei den täglichen Vorübungen pflegte ich in meiner frühen Jugend besonders das Verfahren zu wählen, das, wie ich wußte, mein bekannter Widersacher Gajus CarboS. zu Kap. 10. Note 101. zu beobachten pflegte. Ich legte mir nämlich recht inhaltschwere Dichterstellen vor oder las eine Rede, bis ich sie im Gedächtnisse behalten konnte, und trug dann denselben Gegenstand, den ich gelesen hatte, mit anderen möglichst gewählten Worten wieder vor. Doch später bemerkte ich, dieses Verfahren sei mit dem Uebelstande verbunden, daß die für den jedesmaligen Gegenstand geeignetsten, schönsten und besten Ausdrücke entweder Ennius, wenn ich mich nach dessen Versen übte, oder GracchusGajus Gracchus. S. Kap. 9., wenn ich mir etwa eine Rede von diesem zum Vorbilde gewählt hatte, vorweggenommen hatten; auf solche Weise nütze mir eine solche Uebung nichts, wenn ich mich derselben Worte bediene, ja schade mir sogar, wenn anderer, da ich mich gewöhnte minder geeignete zu gebrauchen. 155. Hierauf hielt ich es für zweckmäßig, – und dieses Verfahren wandte ich in der reiferen Jugend an – Griechische Reden der größten Redner in freier Uebersetzung wiederzugeben. Bei der Lesung derselben hatte ich den Gewinn, daß, wenn ich das im Griechischen Gelesene lateinisch wiedergab, ich mich nicht allein der besten und doch gebräuchlichen Worte bedienen, sondern auch gewisse Worte durch Nachbildung ausdrücken konnte, die den Unsrigen neu erscheinen mochten, wenn sie nur passend waren. 156. Ferner die Bewegungen und Uebungen der Stimme, des Athems und des ganzen Körpers und der Zunge selbst bedürfen nicht sowol der Kunstregeln, als der Anstrengung. Hierbei muß man sorgfältig darauf achten, wem wir nachahmen, wem wir ähnlich sein wollen. Nicht allein auf die Redner müssen wir unsern Blick richten, sondern auch auf die Schauspieler, damit wir nicht durch eine schlechte Angewöhnung häßliche und verunstaltende Gebärden annehmen. 157. Auch muß man das Gedächtniß üben durch wörtliches Auswendiglernen von möglichst vielen sowol eigenen als fremden Schriftstellen. Und bei dieser Uebung mißfällt es mir eben nicht, wenn man sich daran gewöhnt hat, auch das in der Gedächtnißkunst gelehrte Verfahren anzuwenden, seine Gedanken an gewisse Orte und Bilder zu knüpfen. Hierauf muß die Rede aus diesen häuslichen und in der Schule vorgenommenen Uebungen hinausgeführt werden mitten in den Heereszug, in den Staub, in das Kriegsgeschrei, in das Feldlager und in die Schlachtreihen des Forums; von allen Dingen muß man sich Erfahrung einsammeln und seine Geisteskräfte versuchen und die eingeschlossenen Vorübungen an das helle Licht der Wirklichkeit hervorziehen. 158. Man muß auch Dichter lesen, sich mit der Geschichte bekannt machen und Lehrer und Schriftsteller in allen edlen Wissenschaften lesen und durcharbeiten und zur Uebung loben, erklären, verbessern, tadeln, widerlegen, ferner über jeden Gegenstand für und wider streiten und was sich uns als billigungswerth kund thut auswählenDie gewöhnliche Lesart ist: eligendum atque dicendum. Die Worte atque dicendum fehlen in mehreren Handschriften; andere Handschriften haben eligendum atque ohne dicendum. Daher hat schon Lambin und nach ihm Andere, auch Ellendt, die Worte atque dicendum für unächt erklärt. Da in ziemlich vielen Handschriften nur dicendum, nicht aber atque fehlt, so muß man wahrscheinlich lesen: eligendum atque perdiscendum ius civile u. s. w.. 159. Gründlich muß man das bürgerliche Recht erlernen, sich mit den Gesetzen bekannt machen, das ganze Alterthum erforschen, von dem Gewohnheitsrechte des Senates, von der Verfassung des Staates, von den Rechten der Bundesgenossen, von den Bündnissen und Verträgen und von Allem, worauf die Wohlfahrt des Staates beruht, sich Kunde verschaffen und aus dem ganzen Umfange der feinen Bildung gefällige, anmuthige und sinnreiche Witzworte sammeln, mit denen, wie mit Salz, der ganze Vortrag durchwürzt werde. So habe ich denn nun alle meine Ansichten vor euch ausgeschüttet: Ansichten, die euch vielleicht jeder schlichte Hausvater, den ihr in irgend einer Gesellschaft aufgreifen mochtet, auf euere Fragen in gleicher Weise mitgetheilt haben würde.

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