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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 43
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXXIII. 149. Fürwahr ich billige das, sagte Crassus, was ihr zu thun pflegt, daß ihr über irgend einen angenommenen Fall, der den Verhandlungen ganz ähnlich ist, die in den Gerichten vorkommen, so viel als möglich in derselben Weise, als wenn ein wirklicher Fall verhandelt würde, redet; aber gar Viele üben hierbei nur ihre Stimme, und auch diese nicht verständig, und ihre Zunge und regen die Schnelligkeit der Zunge an und freuen sich an einer großen Menge von Worten. Sie lassen sich hierin durch die oft gehörte Aeußerung täuschen, durch Reden lerne man reden. 150. Denn ebenso richtig verhält sich auch die Behauptung, verkehrt reden lerne man am Leichtesten durch verkehrt Reden. Obschon es also bei eben diesen Uebungen nützlich ist auch aus dem Stegreife oft Vorträge zu halten, so ist es doch nützlicher sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen und mit gehöriger Vorbereitung und Sorgfalt zu reden. Die Hauptsache aber ist, was – ich will die Wahrheit sagen – wir am Wenigsten thun (denn es erfordert große Anstrengung, die wir gemeiniglich scheuen): so viel als möglich zu schreiben. Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Bildner und Lehrmeister der Rede; und nicht mit Unrecht. Denn wenn vor einer aus dem Stegreife gehaltenen und durch Zufall veranlaßten Rede eine mit Ueberlegung und Nachdenken ausgearbeitete Rede leicht den Vorzug hat, so wird in der That selbst vor dieser eine mit Sorgfalt schriftlich abgefaßte Rede den Vorrang haben. 151. Denn alle Beweisgründe, die nur irgend in dem von uns behandelten Gegenstande liegen, mögen sie durch Anleitung der Kunst oder durch die Geisteskraft und Einsicht des Redners gefunden werden, stellen sich uns beim Schreiben dar und fallen uns ein, wenn wir darüber nachforschen und mit aller Schärfe des Geistes nachdenken, und alle Gedanken und Worte, die den jedesmaligen Stoff am Besten beleuchten, müssen nothwendig in gehöriger Ordnung unter die Spitze des Griffels treten, und selbst die Stellung und Fügung der Worte vollendet sich beim Schreiben durch einen ebenmäßigen Wohllaut der Rede, nicht wie bei den Dichtern, sondern wie er sich für den Redner eignet. 152. Das ist das, was lauten Beifall und Bewunderung der Redner hervorruft, und Niemand wird dieß erregen, wenn er nicht lange und viel geschrieben hat, mag er sich auch noch so eifrig in diesen Reden aus dem Stegreife geübt haben. Wer hingegen von der Uebung im Schreiben zum Reden kommt, bringt die Fertigkeit mit, daß, wenn er auch aus dem Stegreife redet, doch das Gesagte dem Geschriebenen ähnlich zu sein scheint, und sollte er selbst einmal bei einem Vortrage eine schriftliche Ausarbeitung mitgebracht haben, so wird doch, wenn er diese verläßt, die folgende Rede sich in ähnlicher Form anschließen. 153. Sowie ein in rasche Bewegung gesetztes Schiff auch dann noch, wenn die Ruderer es anhaltenquom remiges inhibuerunt. Inhibere heißt eigentlich in der Schiffersprache nach der entgegengesetzten Seite rudern. Diese Bedeutung lernte Cicero erst später kennen, wie wir in d. ep. ad Attic. XIII. 21, 4. lesen. Dieser Brief ist nämlich etwa zehen Jahre nach der Herausgabe der Bücher vom Redner geschrieben., seine Bewegung und seinen Lauf behält, obwol die Gewalt und der Schlag der Ruder aufgehört hat; ebenso behauptet die Rede bei einem zusammenhängenden Vortrage auch dann noch, wenn die schriftliche Ausarbeitung fehlt, einen gleichen Lauf, indem sie unter dem Einflusse des Geschriebenen in einer diesem ähnlichen Redeweise fortströmt.

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