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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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Zweites Buch

I. 1. Zur Zeit unseres Knabenalters, mein Bruder Quintus, herrschte, wenn du dich erinnerst, die Ansicht, Gajus Crassus habe sich nicht mehr gelehrte Bildung angeeignet, als er in jenem ersten Jugendunterrichte erlernen konnte, Marcus Antonius aber sei überhaupt in aller Gelehrsamkeit unerfahren und unkundig gewesen; und Viele, obwol sie diese Ansicht nicht theilten, waren doch geneigt das Erwähnte an jenen Rednern zu rühmen, um uns, die wir von Liebe zur Beredsamkeit brannten, desto leichter von der Gelehrsamkeit abzuschrecken. Denn wenn Männer auch ohne gelehrte Bildung die höchste Staatsklugheit und eine außerordentlich große Beredsamkeit erreicht hätten, so folge daraus, daß unsere ganze Anstrengung eitel und die Bemühung unseres braven und einsichtsvollen Vaters Marcus Tullius Cicero, ein gebildeter Mann, lebte auf seinem Arpinatischen Landgute, eifrig beschäftigt mit der Erziehung und wissenschaftlichen Bildung seiner Kinder. für unsere gelehrte Bildung thöricht erscheinen müsse. 2.Diese Ansichten pflegten wir damals als Knaben durch Zeugnisse aus unserer eigenen Familie zu widerlegen, indem wir uns auf unseren Vater, auf Gajus Aculeo Gajus Aculeo, ein Römischer Ritter, hatte Helvia, die Schwester der Mutter Cicero's zur Frau. Er war ein guter Jurist und Freund des Crassus., unseren Verwandten, und auf Lucius Cicero Lucius Cicero, Bruder des unter 1. erwähnten Marcus Tullius Cicero, war 103 v.Chr. als Legat mit dem Proconsul Antonius nach Cilicien gegangen. S. I.18,82., unseren Oheim, beriefen. Denn von Crassus hatten uns oft unser Vater und Aculeo, mit welchem unsere Base verheiratet war, und welchen Crassus unter Allen am Meisten achtete, Vieles erzählt, sowie unser Oheim, der mit Antonius nach Cilicien gegangen und zugleich mit ihm wieder zurückgekehrt war, von dessen wissenschaftlichem Eifer und Gelehrsamkeit. Und da wir mit unseren Vettern, den Söhnen des Aculeo, die von Crassus vorgeschlagenen Lehrgegenstände lernten und von den Lehren, die dieser selbst benutzte, unterrichtet wurden; so konnten wir auch oft, wenn wir in seinem Hause Nach der scharfsinnigen Muthmaßung von Guilielmus: quom essemus domi statt quom essemus ejus modi. Aculeo wohnte in dem Hause des Crassus (s. I.43, 191), und daselbst erhielten also Cicero und sein Bruder mit den Söhnen des Aculeo ihren Unterricht, den Crassus leitete und dem er ohne Zweifel oft beiwohnte. waren, einsehen, was wir selbst als Knaben beurtheilen konnten, daß er Griechisch mit solcher Gewandtheit sprach, als ob er keine andere Sprache kenne, und daß er unseren Lehrern solche Fragen vorlegte und solche Gegenstände selbst in seiner ganzen Unterredung behandelte, daß ihm Nichts neu, Nichts unbekannt zu sein schien. 3.Von Antonius aber hatte uns zwar oft unser so liebevoller Oheim erzählt, wie eifrig er sich zu Athen und Rhodus den Unterredungen der gelehrtesten Männer gewidmet habe; gleichwol richtete auch ich, als junger Mensch, so weit es die Blödigkeit meines jugendlichen Alters zuließ, oft manche Fragen an ihn. Es wird dir in der That das, was ich schreibe, nicht neu sein; denn schon damals sagte ich dir, daß mir dieser Mann nach den vielen und mannigfaltigen Unterhaltungen mit ihm in keiner Sache, die wenigstens in dem Bereiche der Wissenschaften, über welche mir ein Urtheil zustehe, liege, unerfahren und unwissend erschienen sei. 4.Aber es lag in dem Wesen beider Männer etwas Eigentümliches: Crassus wollte sich das Ansehen geben, nicht als habe er keine gelehrte Studien gemacht, sondern daß er sie verachte und die Einsicht unserer Landsleute in jeder Beziehung der der Griechen vorziehe; Antonius aber meinte, seine Rede würde sich bei einem Volke, wie das unsrige ist, eines größeren Beifalles zu erfreuen haben, wenn man von ihm die Ansicht habe, daß er überhaupt nie gelehrte Studien gemacht habe. Und so meinten Beide, sie würden mehr Gewicht haben, der Eine, wenn er die Griechen zu verachten, der Andere, wenn er sie nicht einmal zu kennen schiene. 5.Doch was sie für eine Absicht hierbei gehabt haben mögen, das zu beurtheilen eignet sich nicht eben für diese Zeit; wohl aber ist es der Aufgabe dieser unternommenen Schrift und dieser Zeit angemessen darzulegen, daß nie jemand ohne die wissenschaftliche Erlernung der Redekunst, ja sogar ohne die Kenntniß der gesammten Philosophie in der Beredsamkeit habe glänzen und hervorragen können.

II. Was die anderen Wissenschaften betrifft, so besteht fast jede für sich; die Wohlredenheit aber, d.h. die Kunst mit Sachkenntnis, Geschicklichkeit und Schmuck zu reden, hat nicht ein abgeschlossenes Gebiet, durch dessen Gränzen sie umschlossen gehalten wird. Ueber Alles, was auch immer bei den Menschen Gegenstand der Erörterung werden kann, muß derjenige gut reden, welcher sich für einen geschickten Redner ausgibt, oder er muß auf den Namen eines Redners verzichten. 6.Daher will ich freilich nicht in Abrede stellen, daß es sowol in unserem Staate, als auch in Griechenland selbst, das diese Wissenschaften von jeher vorzüglich in Ehren gehalten hat, viele geistreiche In den Handschriften steht multos et ingeniis et magna laude dicendi gegen die Latinität. Wahrscheinlich ist magnis ausgefallen, also: multos et magnis ingeniis et m.l.d. und im Reden ausgezeichnete Männer auch ohne die höchste Bildung in allen Zweigen der Wissenschaft gegeben hat; das aber muß ich behaupten: eine solche Beredsamkeit, wie sie Crassus und Antonius besaßen, konnte sich ohne die Kenntniß aller der Dinge, welche zu einer so tiefen Einsicht und einer so großen Redefülle, wie sie jene Männer besaßen, erfordert sind, nicht entwickeln. 7.Um so geneigter fühle ich mich daher die Unterredung, die sie einst unter sich über diese Gegenstände geführt haben, schriftlich aufzuzeichnen, theils um jenes Vorurtheil zu entfernen, das von jeher geherrscht hat, als wäre der Eine nicht sehr gelehrt, der Andere ganz ungelehrt gewesen, theils um die nach meiner Ansicht höchst ausgezeichneten Vorträge der größten Redner über die Beredsamkeit durch die Schrift aufzubewahren, wenn ich sie irgend wie zu begreifen und zusammenzufassen im Stande wäre, theils fürwahr auch um den schon fast alternden Ruf dieser Männer, so viel in meinen Kräften steht, der Vergessenheit der Menschen und dem Stillschweigen zu entreißen. 8.Denn könnte man sie aus ihren eigenen Schriften kennen lernen, so würde ich vielleicht meine Bemühung für minder nöthig erachtet haben; aber da der Eine Ueber die Schriften des Crassus s. Cicer. Brut. c. 43. 44. Antonius hatte in seiner Jugend eine kleine Schrift über die Redekunst geschrieben. nicht Viel, was wenigstens noch vorhanden ist, und auch dieß aus seinem Jünglingsalter, der Andere fast nichts Schriftliches hinterlassen hat; so glaubte ich es dem großen Geiste dieser Männer schuldig zu sein, das Andenken an sie, das wir jetzt noch lebendig in uns tragen, unsterblich zu machen, wenn ich es vermöchte. 9.Und mit um so größerer Hoffnung meine Behauptungen zu beweisen schreite ich an das unternommene Werk, weil ich nicht von der Beredsamkeit eines Servius Galba oder eines Gajus Carbo Ueber den Servius Galba s. zu I.53,227. und über Gajus Papirius Carbo zu I.10,40. Etwas niederschreibe, wobei es mir gestattet wäre nach Belieben Erdichtetes vorzutragen, da mich nicht mehr die Erinnerung eines Menschen widerlegen könnte; sondern ich veröffentliche diese Schrift, damit sie von denen geprüft werde, welche die Männer selbst, von denen ich rede, oft gehört haben. Und so empfehle ich die beiden großen Männer denen, welche keinen von beiden gesehen haben, indem ich mich auf das Gedächtniß der noch lebenden und gegenwärtigen Männer, die jene beiden Redner persönlich kannten, wie auf ein bestätigendes Zeugniß, berufe.

III. 10. Doch will ich dich jetzt nicht, teuerster und bester Bruder, zu deiner Belehrung mit gewissen rhetorischen Schriften, die du für abgeschmackt hältst, belästigen; denn wie kann ein rednerischer Vortrag an Reinheit oder Schmuck den deinigen übertreffen; aber entweder aus Grundsatz, wie du zu sagen pflegst Ohne Grund haben mehrere Herausgeber die Muthmaßung von Pearce aufgenommen: ut soleo statt ut soles, oder, wie jener Vater der Beredsamkeit, Isokrates, von sich selbst geschrieben hat Isocrat. Panathen. p. 261, 10. , aus einer gewissen edelen Schüchternheit und Ängstlichkeit hast du dich gescheut öffentlich als Redner aufzutreten, oder auch, wie du selbst im Scherz zu sagen pflegst, weil du meintest, Ein Redekünstler sei genug nicht nur in Einer Familie, sondern fast in einem ganzen Staate. Nicht jedoch, glaube ich, wirst du diese Bücher zu denjenigen Schriften über die Redekunst zählen, welche man wegen der Dürftigkeit ihrer Verfasser in den edelen Wissenschaften mit Recht verspotten darf. 11.Denn in der Unterredung des Crassus und Antonius ist nach meiner Ansicht wenigstens Nichts übergangen, wovon man annehmen könnte, daß es bei den vortrefflichsten Geisteskräften, bei feueriger Lernbegierde, bei dem besten Unterrichte und der größten Uebung habe erkannt und erlernt werden können, und dieß wirst du am Leichtesten beurtheilen können, der du die wissenschaftliche Kenntniß der Beredsamkeit durch dich selbst, ihre Anwendung aber durch mich erlernen wolltest. Doch damit ich die nicht unwichtige Aufgabe, die ich mir gestellt habe, um so schneller zu Stande bringe, laß mich mit Uebergehung meiner Aufmunterung zu der Unterredung und Untersuchung der beiden Redner, die ich aufgestellt habe, kommen. 12.Am folgenden Tage also nach der ersten Unterredung etwa um sieben Uhr Morgens, als Crassus noch im Bette lag und Sulpicius bei ihm saß, Antonius aber mit Cotta in der Säulenhalle auf- und abging, kam plötzlich der alte Quintus Catulus mit seinem Bruder Gajus Julius Q. Catulus war 100 v.Chr. mit Marius Consul, mit dem er die Cimbern und Teutonen besiegte. Auch war er ein fein gebildeter und beredter Mann. Von Marius geächtet nahm er sich das Leben (vgl. III.3,9.), indem er durch Kohlendämpfe erstickte. Gajus Jul. Cäsar Strabo war der etwa zwanzig Jahre ältere Bruder des Catulus. Im Jahre 90 v.Chr. war er Aedil. Er zeichnete sich durch feinen Witz aus. Im Jahre 85 v.Chr. wurde er von Marius getödtet. Vgl. III.3,10.. Sobald Crassus dieß hörte, stand er bewegt auf, und Alle verwunderten sich und vermuteten, irgend ein wichtiger Grund habe ihre Ankunft veranlaßt. 13.Als sie sich einander, wie es ihre Bekanntschaft mit sich brachte, auf das Freundschaftlichste begrüßt hatten, so sagte Crassus: Wie in aller Welt kommt ihr hierher? Bringt ihr etwas Neues? Nichts eben, erwiderte Catulus; du weißt ja, es ist die Zeit der Spiele Die Römischen Spiele, die vom vierten bis zum zwölften September zu Ehren des Jupiter, der Juno und Minerva gefeiert wurden. Während derselben fand Stillstand der Gerichte statt. Vgl. I.7,24.; aber magst du es nun für eine Unschicklichkeit unsererseits oder für Zudringlichkeit halten als gestern Abend Cäsar von seinem Tusculanum zu mir auf mein Tusculanum kam, sagte er mir, er habe auf dem Wege von hier den Scävola getroffen und von ihm wunderbare Dinge gehört: du nämlich, den ich trotz aller möglichen Versuche nie zu einem wissenschaftlichen Gespräche hätte bringen können, habest dich mit Antonius in eine ausführliche Erörterung über die Beredsamkeit eingelassen und wie in einer Schule beinahe nach Art der Griechen einen gelehrten Vortrag gehalten. 14.So ließ ich mich von meinem Bruder erbitten mit ihm hierher zu kommen; denn ich selbst empfand eine nicht geringe Lust euch zu hören und war in der That nur besorgt, wir möchten euch durch unsere Dazwischenkunft lästig fallen. Scävola nämlich, versicherte er, habe gesagt, ein guter Theil des Gespräches sei auf den heutigen Tag verschoben. Glaubst du nun, wir hätten hierin zu leidenschaftlich gehandelt, so miß dem Cäsar die Schuld bei; findest du aber darin eine zu große Vertraulichkeit, so halte uns beide für schuldig. Uns wenigstens, wenn wir nicht etwa euch durch unsere Dazwischenkunft lästig fallen, macht es Freude gekommen zu sein.

IV. 15. Hierauf erwiderte Crassus: Was nun auch für ein Grund euch hierher geführt haben mag, ich würde mich in der That freuen so theuere und befreundete Männer bei mir zu sehen; aber doch ich will die Wahrheit gestehen hätte ich jede andere Veranlassung lieber gewünscht, als die von dir angeführte. Denn, um zu reden, wie ich denke, nie habe ich mir weniger gefallen, als am gestrigen Tage; weit mehr aber habe ich dieß durch Nachgiebigkeit, als durch irgend etwas Anderes verschuldet; denn während ich mich den jungen Männern willfährig zeigte, vergaß ich mein Alter und that Etwas, was ich nicht einmal in meiner Jugend gethan hatte, indem ich über Gegenstände einen Vortrag hielt, die auf einer gewissen Gelehrsamkeit beruhen. Aber das trifft sich doch sehr günstig für mich, daß ihr, nachdem ich meine Rolle schon ausgespielt habe, gekommen seid, um den Antonius zu hören. 16.Hierauf entgegnete Cäsar: So sehr ich auch wünschte dich, lieber Crassus, in einem längeren und zusammenhängenden Vortrage zu hören; so will ich mich doch, wenn mir dieses Glück nicht zu Theil werden soll, auch mit deiner gewöhnlichen Unterhaltung begnügen. Und so will ich wenigstens mein Glück versuchen, ob ich es nicht bei dir erreichen kann, daß mein Freund Sulpicius oder Cotta nicht mehr, als ich, bei dir zu gelten scheinen, und dich in der That dringend bitten auch mir und dem Catulus einigen Antheil an deiner Anmuth zu gönnen. Sollte dir aber dieß nicht genehm sein, so will ich nicht in dich dringen und nicht verschulden, daß du, während du befürchtest, du möchtest etwas Unschickliches thun Lat. ne sis ineptus. Die Deutsche Sprache hat kein Wort, das dem lateinischen ineptus vollkommen entspräche. Denn unser unschicklich wird nicht von Personen gebraucht, sondern nur von Sachen und Handlungen. Wird daher ineptus von Personen gebraucht, so muß man sich im Deutschen einer Umschreibung, wie; unschicklich handeln, eine Unschicklichkeit begehen, bedienen., von mir solches denken müßtest. 17.Hierauf erwiderte jener: Ich bin fürwahr immer der Ansicht gewesen, daß unter allen lateinischen Worten dieses die umfassendste Bedeutung hat. Denn wenn wir von Einem sagen, er handele unschicklich, so scheint dieser Ausdruck seinen Ursprung daher zu leiten, daß er sich nicht zu schicken wisse Lat.: Quem enim nos ineptum vocamus, is mihi videtur ab hoc nomen habere ductum, quod non sit aptus. , und dieß hat in unserem Sprachgebrauche einen weiten Umfang. Denn wer, was die Zeit fordert, nicht sieht, oder wer zu Viel redet oder von sich viel Aufhebens macht oder auf die Würde und den Vortheil derer, mit denen er verkehrt, keine Rücksicht nimmt oder endlich in irgend einer Beziehung den Anstand verletzt inconcinnus. oder aufdringlich multus, das Ellendt so erklärt: qui sese invitis aliis importunius ingerit aut curat, quae sui officii non sunt, cum inani quadam jactatione, , . Plaut. Menaechm. II. 2, 41: heu hercle hominem multum et odiosum mihi. ist, von dem sagt man, er handele unschicklich. 18.Das ist ein Fehler, mit dem die sonst so gebildete Nation der Griechen in vollem Maße behaftet ist. Daher haben die Griechen, weil sie das Wesen dieses Uebels nicht kennen, auch diesem Fehler keinen Namen gegeben. Denn mag man auch Alles durchsuchen, so wird man kein Wort finden, mit dem die Griechen den unschicklich Handelnden bezeichneten Die Griechen haben allerdings mehrere Ausdrücke, die dem Lateinischen ineptus nahe kommen, z.B. und besonders ; aber kein Wort erschöpft gänzlich den umfassenden Begriff von ineptus.. Unter allen Unschicklichkeiten aber, deren es unzählige gibt, dürfte vielleicht keine größer sein, als wenn man, wie jene zu thun pflegen, an jedem Orte und unter allen Menschen, wo es auch immerhin belieben mag, über Gegenstände, die entweder sehr schwierig oder nicht nöthig sind, einen spitzfindigen Vortrag hält. Und dieß zu thun, so wenig es auch meiner Neigung zusagt, und so sehr ich mich auch weigerte, haben mich gestern diese jungen Männer genöthigt.

V. 19. Hierauf sagte Catulus: Auch die Griechen, mein Crassus, die in ihren Staaten berühmt und groß waren, sowie du es bist, und wir alle es in unserem Staate zu sein wünschen, waren den jetzigen Griechen, die sich unseren Ohren aufdringen, nicht ähnlich, und doch verschmähten sie in Mußestunden solche Gespräche und gelehrte Vorträge nicht. 20.Und wenn dir diejenigen, welche auf Zeit, auf Ort und Personen keine Rücksicht nehmen, unschicklich zu handeln scheinen, wie sie es auch müssen: meinst du denn, dieser Ort sei nicht passend, wo schon diese Säulenhalle, in der wir umherwandeln, und die Ringschule und die Sitzplätze an so vielen Orten gewissermaßen die Erinnerung an die Gymnasien und die gelehrten Vorträge der Griechen hervorrufen? oder die Zeit sei nicht gelegen bei so viel Muße, die sich uns selten darbietet und jetzt sich so ganz nach Wunsche dargeboten hat? oder die Menschen seien einem derartigen Vortrage abhold, da wir doch alle die Überzeugung hegen, daß ein Leben ohne die wissenschaftlichen Beschäftigungen gar keinen Werth habe? Dieses Alles, erwiderte Crassus, deute ich auf eine andere Weise. Zuerst nämlich, glaube ich, die Ringschule und die Sitze und die Säulenhalle haben auch die Griechen selbst, mein Catulus, zur Uebung und Ergötzlichkeit Die Stelle wird gewöhnlich so gelesen: Graecos exercitationis et delectationis causa, non disputationis invenisse arbitror. Ellendt hat die Worte et delectationis als verdächtig in Klammern eingeschossen, da sie in mehreren Handschriften fehlen. Er meint, sie seien aus Rücksicht auf die folgenden Worte discum audire u.s.w. eingeschoben worden. Ich halte sie für ächt, da in den Leibesübungen zugleich auch eine delectatio lag. Aber die Worte non disputationis, welche in allen Lagomarsinianischen Handschriften fehlen, sind offenbar unächt und auch von Ellendt in Klammern eingeschlossen. erfunden. Denn viele Jahrhunderte früher wurden die Gymnasien gegründet, ehe die Philosophen in ihnen zu schwatzen anfingen, und selbst in der Gegenwart, wo die Philosophen alle Gymnasien besetzt halten, wollen doch ihre Zuhörer lieber die Wurfscheibe hören als den Philosophen; denn sobald diese sich hören läßt, verlassen sie alle, um sich zu salben, den Philosophen, wenn er mitten in seinem Vortrage über die erhabensten und wichtigsten Gegenstände begriffen ist. So ziehen sie das geringfügigste Vergnügen einer Unterhaltung vor, deren hohen Nutzen sie selbst rühmen. Wenn du aber sagst, wir hätten Muße; so stimme ich dir bei; aber der Genuß der Muße besteht nicht in einer Anstrengung der Seele, sondern in ihrer Abspannung.

VI. 22. Oft habe ich meinen Schwäher Quintus Scävola, dessen Schwäher Lälius der Weise war. erzählen hören, sein Schwäher Lälius habe sich fast immer in Gesellschaft des Scipio Des jüngeren Scipio. auf dem Lande aufgehalten, und sie seien dann ganz und gar wieder Kinder geworden, wenn sie der Stadt, wie einem Kerker, entflogen seien. Kaum wage ich es von solchen Männern zu behaupten, aber doch pflegte es Scävola zu erzählen, Muscheln und Meerschnecken hätten sie bei Cajeta Cajēta (jetzt Gaeta) an der Gränze von Latium und Campanien und Laurentium in Latium lagen beide am Meere, in deren Nähe Scipio und Lälius Landgüter gehabt zu haben scheinen. und bei Laurentum aufgelesen und sich auf allerlei Gemüthserholungen und Spielen eingelassen. 23.Es geht uns ja, wie den Vögeln: sowie wir diese für ihre Brut und für ihr eigenes Bedürfniß Nester bauen und einrichten, sobald sie aber Etwas zu Stande gebracht haben, zur Erleichterung ihrer Arbeit, ihrer Beschäftigung entbunden, nach allen Seiten hin frei umherfliegen sehen; so frohlocken auch unsere Gemüther, wenn sie sich von den gerichtlichen Geschäften und städtischen Arbeiten ermüdet fühlen und wünschen, frei von Sorge und Mühe, umherzufliegen. 24.Und so habe ich das, was ich bei dem Rechtsstreite des Curius S. I. 39, 180. dem Scävola sagte, nicht anders gesagt, als ich dachte. »Denn, sagte ich, Scävola, wenn kein Testament richtig gemacht ist, als das du abgefaßt hast, so werden wir Bürger alle zu dir mit unseren Tafeln kommen, und Aller Testamente wirst du allein abfassen. Wie nun? fuhr ich fort. Wann willst du ein Geschäft für den Staat, wann für deine Freunde, wann für dich besorgen? Wann endlich willst du Nichts thun? Denn, fügte ich hinzu, mir scheint der nicht frei zu sein, der nicht zuweilen Nichts thut.« Und bei dieser Ansicht, mein Catulus, verbleibe ich, und nachdem ich hierher gekommen bin, erfreut mich gerade dieses Nichtsthun und das völlige Müssigsein. 25.Was du aber drittens hinzugefügt hast, ihr hättet die Ueberzeugung, ein Leben ohne diese gelehrten Beschäftigungen sei unerquicklich, das muntert mich zu einem Vortrage nicht auf, nein, es schreckt mich davon ab. Denn sowie Gajus Lucilius S. zu I. Kap. 16., ein gelehrter und sehr fein gebildeter Mann, zu sagen pflegte, er wünsche sich für seine Schriften weder ganz ungelehrte noch sehr gelehrte Leser, weil die ersteren Nichts verständen, die letzteren vielleicht mehr, als er selbst und in diesem Sinne sagte er: »Daß mich Persius lese, daran liegt mir nichts,« dieser war nämlich, wie wir ihn kannten, fast unter allen unsren Landsleuten der gelehrteste; »daß aber Lälius Decimus Gajus Persius war Quästor im Jahre 146 v. Chr. Decimus Lälius ist uns nur aus dieser Stelle bekannt., das wünsche ich;« ihn kennen wir als einen braven und wissenschaftlich nicht ungebildeten Mann, der aber mit dem Persius nicht zu vergleichen war: ebenso wünschte auch ich, wenn ich nun einen Vortrag über unsere Studien halten sollte, allerdings nicht vor Ungebildeten, aber noch weit weniger vor euch zu reden. Denn es ist mir lieber, wenn meine Rede nicht verstanden, als wenn sie getadelt wird.

VII. 26. Hierauf sagte Cäsar: Ich meinerseits, Catulus, glaube schon meine Mühe gut angewandt zu haben, daß ich hierher gekommen bin; denn selbst diese Ablehnung des Vortragt war mir wenigstens ein sehr angenehmer Vortrag. Aber warum halten wir den Antonius ab, welchem, wie ich höre, es obliegt sich über die ganze Beredsamkeit auszusprechen, und auf welchen Cotta und Sulpicius schon lange warten? 27.Onein, sagte Crassus, ich werde den Antonius kein Wort reden lassen und werde selbst verstummen, wofern ihr mir nicht zuvor eine Bitte gewährt. Und die wäre? fragte Catulus. Daß ihr heute hier bleibt. Hierauf, als er noch unschlüssig war, weil er sich schon bei seinem Bruder versagt hatte, sagte Julius: Ich antworte für uns beide: Das wollen wir thun, und zwar unter dieser Bedingung würdest du mich halten, gesetzt auch, du wolltest kein Wort mehr reden. 28.Da lächelte Catulus und sagte zugleich: Die Bedenklichkeit ist mir wenigstens abgeschnitten; denn einerseits habe ich zu Hause keine Befehle ertheilt, andererseits hat der, bei dem ich bleiben wollte, ohne meine Ansicht anzuhören, so leicht zugesagt. Da waren Aller Augen auf Antonius gerichtet, und er ließ sich also vernehmen: Hört denn, hört! Einen Mann sollt ihr hören aus der Schule, der von einem Lehrmeister gebildet und in der Griechischen Literatur unterrichtet ist. Und zwar werde ich mit um so größerem Selbstvertrauen reden, weil Catulus als Zuhörer hinzugekommen ist, dem nicht allein wir in der Lateinischen Sprache, sondern auch die Griechen selbst in der ihrigen Feinheit und Zierlichkeit des Ausdrucks zuzugestehen pflegen. 29.Aber dennoch, weil nun einmal diese ganze Sache, was sie auch sein mag, gleichviel, ob eine Wissenschaft oder kunstmäßige Fertigkeit der Rede, gar nicht bestehen kann, wenn nicht eine dreiste Stirn hinzutritt, will ich euch, meine Schüler, lehren, was ich selbst nicht gelernt habe, und euch meine Ansicht über die Beredsamkeit im Allgemeinen vorlegen. 30.Man lächelte bei diesen Worten, er aber fuhr also fort: Ich sehe sie als eine Sache an, die, als Geschicklichkeit betrachtet, ausgezeichnet, als Kunst, unbedeutend ist. Denn die Wissenschaft gehört nur den Dingen an, welche gewußt werden; des Redners ganze Thätigkeit aber beruht auf Meinungen und nicht auf Wissen. Denn wir reden vor Leuten, die unwissend sind, und reden über Gegenstände, von denen wir selbst Nichts wissen. Sowie nun jene über dieselben Gegenstände bald so bald anders denken und urtheilen, so vertheidigen wir oft entgegengesetzte Rechtshändel. So kommt es, daß nicht nur Crassus zuweilen gegen mich redet oder ich gegen Crassus, obwol einer von beiden nothwendig die Unwahrheit sagen muß, sondern auch wir beiden über denselben Gegenstand zu verschiedenen Zeiten verschiedene Ansichten verfechten, obwol es nur Eine Wahrheit geben kann. Wie von einem Gegenstande also, der sich auf Unwahrheit gründet, der sich nicht oft bis zum Wissen erhebt, der nach den Meinungen der Menschen und oft nach ihren Irrthümern hascht, so werde ich von der Beredsamkeit reden, wenn ihr Grund zu haben glaubt mich anzuhören.

VIII. 31. Ei freilich, sagte Catulus, und zwar recht sehr glauben wir Grund zu haben, und um so mehr, weil du, wie ich glaube, alle Prahlsucht vermeiden wirst. Denn du hast ohne Ruhmredigkeit mehr mit dem begonnen, was nach deiner Ansicht der eigentliche Sachbestand ist, als mit einer Gott weiß wie erhabnen Würde. 32.Sowie ich nun von der Beredsamkeit im Allgemeinen zugestanden habe, fuhr Antonius fort, daß sie keine sehr bedeutende Wissenschaft sei; so behaupte ich, daß sich sehr scharfsinnige Vorschriften darüber geben lassen, wie man die Gemüther der Menschen behandeln und ihre Zuneigungen erhaschen müsse. Will man die Kenntniß hiervon für eine große Wissenschaft erklären, so habe ich Nichts dagegen. Denn da gar Viele ohne Plan und Ueberlegung in Rechtsklagen auf dem Forum als Redner auftreten, Einige dagegen wegen der Uebung oder einer gewissen Gewohnheit dieß mit größerer Geschicklichkeit thun: so unterliegt es keinem Zweifel, daß, wenn man auf die Ursachen achtet, warum die Einen besser, als die Anderen reden, man sich dieß aufzeichnen könne. Wer nun dieses in allen Theilen der Rede thut, der wird, wenn auch nicht eine vollständige Wissenschaft, doch etwas der Wissenschaft Aehnliches erfinden. 33.Und möchte ich doch, sowie ich auf dem Forum und in den Rechtssachen solche Beobachtungen zu machen glaube, so auch jetzt im Stande sein euch auseinanderzusetzen, wie sie gefunden werden! Doch ich will versuchen, was ich vermag; jetzt trage ich euch vor, was meine Ueberzeugung ist: mag auch immerhin die Beredsamkeit keine Wissenschaft sein, so gibt es doch nichts Herrlicheres, als einen vollkommenen Redner. Denn um von dem Nutzen der Rede zu schweigen, der sich in jedem friedlichen und freien Staate so mächtig zeigt, so liegt in der Redefertigkeit selbst ein so großes Vergnügen, daß die Mengen weder für das Gehör noch für den Geist etwas Angenehmeres empfinden können. 34.Denn welchen Gesang kann man lieblicher finden, als den Vortrag einer wohlgemessenen Rede? welches Gedicht schöner gefügt, als einen kunstreich gegliederten Satzbau? welcher Schauspieler kann uns durch die Nachahmung der Wahrheit mehr anziehen, als der Redner durch die Vertheidigung derselben? Was erregt mehr unsere Bewunderung, als wenn ein Gegenstand durch den Glanz der Worte beleuchtet wird? Was ist reichhaltiger als eine mit jeder Art von Sachen reichlich ausgestattete Rede? Denn es gibt keinen Gegenstand, der nicht dem Redner angehörte, wenn er mit Schmuck und Nachdruck vorgetragen werden soll.

IX. 35. Dem Redner kommt es zu, wenn Rath ertheilt werden soll, über die wichtigsten Angelegenheiten seine Ansicht mit Würde zu entwickeln; ihm gleichfalls ein Volk, wenn es sich schlaff zeigt, anzufeuern, wenn es zügellos ist, in Schranken zu halten; durch dieselbe Geschicklichkeit wird dem Verbrechen der Menschen Verderben und der Unschuld Sicherheit bereitet. Wer kann feuriger zur Tugend auffordern, wer von den Lastern nachdrücklicher zurückrufen? wer die Schlechten strenger tadeln? wer die Guten schöner loben? wer die Leidenschaft gewaltiger durch Anklage bändigen? wer die Trauer sanfter durch Trost mindern? 36.Die Geschichte aber, die Zeugin der Zeiten, das Licht der Wahrheit, das Leben der Erinnerung Cicero nennt die Geschichte das Leben der Erinnerung ( vita memoriae), insofern durch die Geschichte das Andenken an das, was in den vergangenen Zeiten geschehen ist, lebendig erhalten wird., die Lehrmeisterin des Lebens, die Verkünderin alter Zeiten, durch welche andere Stimme, als durch die des Redners wird sie der Unsterblichkeit geweiht? Denn gäbe es noch irgend eine andere Wissenschaft, welche die Kenntniß Worte zu schaffen oder auszuwählen in Anspruch nähme, oder könnte man von irgend einem Anderen außer dem Redner behaupten, er verstehe die Rede zu bilden, ihr eine abwechselnde Färbung des Ausdruckes zu verleihen und sie auszuschmücken mit hervorstechenden Worten und Gedanken; oder würde irgend wo anders, als in dieser einzigen Wissenschaft das Verfahren gelehrt Beweise oder Gedanken zu finden oder überhaupt Einteilung und Anordnung zu gewinnen: so müßten wir bekennen, daß entweder das, was unsere Wissenschaft lehrt, ihr nicht angehöre, oder daß sie es mit irgend einer anderen Wissenschaft gemein habe. 37.Und wenn unsere Wissenschaft allein im Besitze dieser kunstmäßigen Lehrart ist, so bleibt, wenn sich auch Manche in anderen Wissenschaften gut auszudrücken verstehen, dieser Vorzug darum nicht weniger unserer Wissenschaft allein als Eigenthum, und sowie der Redner über Gegenstände, welche anderen Wissenschaften angehören, sobald er sich nur mit ihnen bekannt gemacht hat, wie gestern Crassus S. I. 15, 65 ff. sagte, am Besten reden kann, so tragen auch Gelehrte anderer Wissenschaften ihre Kenntnisse geschmackvoller vor, wenn sie Etwas von unserer Wissenschaft gelernt haben. 38.Denn wenn sich über landwirtschaftliche Gegenstände ein Landmann oder auch, was vielfach geschehen ist, ein Arzt über Krankheiten oder ein Maler über Malerei mündlich oder schriftlich gut ausdrückt; so darf man deßhalb die Beredsamkeit noch nicht als ein Eigentum dieser Wissenschaften ansehen; denn in derselben bringen es Viele in allen Fächern und Wissenschaften auch ohne gelehrte Bildung zu einer gewissen Fertigkeit, weil die natürlichen Anlagen der Menschen eine große Kraft besitzen. Aber obwol sich das Eigentümliche jeder Wissenschaft dadurch beurtheilen läßt, daß man untersucht, was jede lehrt, so kann doch Nichts ausgemalter sein, als daß, weil alle anderen Wirtschaften auch ohne Beredsamkeit ihre Aufgabe lösen können, der Redner aber ohne dieselbe seinen Namen nicht behaupten kann, die Anderen, wenn sie beredt sind, Etwas von diesem besitzen, er aber, wenn er sich nicht mit eigenen Mitteln gerüstet hat, anderswoher Fülle der Rede nicht entlehnen kann.

X. 39. Hierauf sagte Catulus: Obwol es sich keineswegs geziemt den Lauf deiner Rede, mein Antonius, durch eine Unterbrechung zu hemmen; so wirst du es doch geschehen lassen und mir verzeihen. Denn ich kann nicht umhin mich laut auszusprechen, wie jener im Trinummus Plaut. Trinumm. III. 2, 79. sagt; so scharfsinnig schienst du mir die Bedeutung des Redners darzulegen, mit solcher Fülle zu loben. Freilich einem großen Redner muß es am Besten gelingen die Beredsamkeit zu loben; denn um sie zu loben, muß er gerade die Kunst anwenden, die er lobt. Doch fahre nur weiter fort; denn ich stimme dir darin bei, daß diese ganze Kunst beredt zu reden euer Eigenthum ist, und daß, wenn jemand in einer anderen Wissenschaft dieses leistet, er sich eines anderswoher geborgten Gutes, nicht aber seines eigenen bedient. 40.Und Crassus fügte hinzu: Die Nacht hat dich uns, mein Antonius, abgeschliffen und dich wieder als Menschen zurückgegeben. Denn in deiner gestrigen Unterredung hattest du uns den Redner als einen Ruderknecht oder Reffträger, der immer dieselbe Taglöhnerarbeit S. I. 62, 263. treibt, wie Cäcilius Cäcilius Statius aus Gallia Cisalpina, ein Römischer Komödiendichter, der besonders Stücke des Menander in die lateinische Sprache übertrug. Er soll ein Jahr nach Ennius (168 v.Chr.) gestorben sein. Wir haben von seinen Komödien nur noch Bruchstücke übrig, die von L. Spengel ( Monach. 1829) gesammelt sind. sagt, beschrieben, als einen Menschen, der aller höheren und feineren Menschenbildung entbehrt. Hierauf erwiderte Antonius: Ja, gestern hatte ich mir vorgenommen dich zu widerlegen und dadurch dir diese Schüler abwendig zu machen; jetzt aber, da Catulus und Cäsar Zuhörer sind, glaube ich nicht sowol mit dir streiten, als meine eigene Ansicht darlegen zu müssen. 41.Zunächst also, weil wir den, von dem wir reden, auf das Forum und vor die Augen der Bürger hinstellen sollen, müssen wir untersuchen, welches Geschäft wir ihm übertragen und welchem Amte wir ihn vorgesetzt sehen wollen. Denn Crassus hat gestern S. I. 31., als ihr, Catulus und Cäsar, noch nicht zugegen wart, in Betreff der Einteilung der Wissenschaft einen kurzen Abriß gegeben, in derselben Weise, wie es die meisten Griechen gethan haben, und ich möchte wol sagen, nicht seine eigene Ansicht ausgesprochen, sondern die Lehrsätze jener vorgelegt: es gebe nämlich zwei Hauptmassen von Streitfragen, mit denen sich die Beredsamkeit beschäftige, die eine der unbestimmten, die andere der bestimmten. 42.Unbestimmte schien er mir diejenigen zu nennen, bei welchen man im Allgemeinen fragt, z.B. auf die Weise: Ist die Beredsamkeit wünschenswerth? sind Ehrenämter wünschenswerth? Bestimmte aber diejenigen, bei welchen sich die Frage auf Personen und auf einen festgesetzten und bestimmten Gegenstand bezieht, von welcher Art die Fragen sind, welche auf dem Forum und in den Rechtshändeln und Streitigkeiten der Bürger vorkommen. 43.Dieselben finden nach meiner Meinung statt, entweder wenn man einen Vortrag über eine Streitsache hält in lite oranda nach der scharfsinnigen Muthmaßung von Guilielmus statt in lite ordinanda., oder wenn man Rath ertheilt. Denn jene dritte Klasse, die von Crassus berührt worden ist, und die, wie ich höre, selbst Aristoteles, von dem diese Gegenstände am Meisten aufgestellt worden sind, hinzugefügt hat, ist, wenn auch ganz nützlich, doch minder nothwendig. Welche denn? fragte Catulus, etwa die der Lobreden? denn diese, weiß ich, nimmt man als die dritte Klasse an.

XI. 44. So ist es, sagte Antonius, und was diese Gattung betrifft, so weiß ich, daß ich und alle Anwesenden ein ungemein großes Wohlgefallen an der Lobrede fanden, die du zu Ehren euerer Mutter Popilia hieltest, welche, glaub' ich, die erste Frau in unserem Staate gewesen ist, der diese Ehre erwiesen wurde. Aber nicht Alles, was wir reden, darf man nach meiner Meinung auf Kunstregeln zurückführen. 45.Denn aus den Quellen, aus denen man allen Schmuck der Rede ornamenta dicendi nach der Verbesserung von O. M. Müller statt ornate dicendi praecepta. entlehnt, wird man auch für eine Lobrede den geeigneten Schmuck entnehmen können und nicht jene Regeln der Schule vermissen; denn wer sollte, auch wenn dieselben Niemand lehrt, nicht wissen, was an einem Menschen zu loben sei. Nimmt man nämlich das als richtig an, was Crassus im Anfange jener Rede, die er als Censor Crassus war Censor mit Gnäjus Domitius Ahenobarbus im Jahre 95 v.Chr. Vgl. II.56,227 und 230. gegen seine Amtsgenossen hielt, äußerte: »In den Dingen, welche den Menschen Natur oder Glück verliehen, könne er es mit Gleichmuth ertragen sich übertroffen zu sehen; in denjenigen aber, welche der Mensch sich selbst zu erwerben im Stande sei, könne er es nicht ertragen sich übertroffen zu sehen;« so wird man einsehen, daß, wenn man jemanden loben will, es nöthig ist, dessen Glücksgüter auseinanderzusetzen. 46.Dergleichen sind Abkunft, Geld, Verwandte, Freunde, Einfluß, Gesundheit, Schönheit, Körperstärke, geistige Anlagen und die übrigen Vorzüge, die entweder mit dem Körper verbunden sind oder von Außen hinzutreten. Besaß Jemand dieselben, so zeige man, daß er einen guten Gebrauch von ihnen machte; besaß er sie nicht, daß er sie mit Weisheit entbehrte; verlor er sie, daß er ihren Verlust mit Mäßigung ertrug; ferner, worin der, den er lobt, Weisheit, Edelsinn, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Hochherzigkeit, Pflichttreue, Dankbarkeit, Menschenfreundlichkeit, kurz worin er irgend eine Tugend bewiesen habe, sei es im Handeln, sei es im Dulden. Dieses und was dahin gehört wird man leicht einsehen, wenn man Jemanden loben, sowie das Gegentheil davon, wenn man Jemanden tadeln will. 47.Warum trägst du also Bedenken, fragte Catulus, hieraus eine dritte Klasse zu bilden, da sie doch in dem Verhältnisse der Dinge begründet ist? Denn wenn sie auch leichter ist, so darf man sie darum nicht aus der Reihe herausnehmen. Weil ich, erwiderte er, keine Lust habe Alles, was einmal dem Redner vorkommen kann, mag es auch noch so geringfügig sein, so zu behandeln, als ob man über keinen Gegenstand ohne besondere Vorschriften darüber reden könne. 48.So muß man ja oft auch ein Zeugniß ablegen und zuweilen mit großer Sorgfalt, wie ich es gegen Sextus Titius Sex. Titius war im Jahre 99 vor Chr. Volkstribun; Antonius, der in demselben Jahre Consul war, klagte ihn nach seinem Consulate wegen aufrührerischer Gesetzvorschläge an., einen aufrührischen und unruhigen Bürger, thun mußte; ich entwickelte nämlich, als ich ein Zeugniß gegen ihn ablegte, alle Maßregeln, die ich in meinem Consulate genommen hatte, um diesem Volkstribun zum Besten des Staates Widerstand zu leisten, und erörterte, was er nach meiner Meinung gegen den Staat unternommen hatte. Lange wurde ich hierbei aufgehalten, Vieles mußte ich hören, Vieles antworten. Meinst du nun, man müsse, wenn man Vorschriften über die Beredsamkeit gibt, auch über die Ablegung von Zeugnissen Unterricht in schulgerechter Weise ertheilen? Onein, antwortete Catulus, das dürfte nicht eben nöthig sein.

XII. 49. Wie? fuhr Antonius fort, wenn, wie es oft bei hochgestellten Männern der Fall ist, Aufträge ausgerichtet werden sollen entweder in dem Senate von einem Feldherrn oder von dem Senate an einen Feldherrn oder an einen König oder an ein Volk, glaubst du, weil in solchen Fällen eine große Sorgfalt im Ausdrucke nöthig ist, man müsse deßhalb dieses als eine besondere Abtheilung von Verhandlungen aufzählen und mit besonderen Vorschriften versehen? Keineswegs, sagte Catulus; denn einen beredten Mann wird bei solchen Gelegenheiten die Fertigkeit nicht im Stiche lassen, die er durch andere Fälle und Verhandlungen gewonnen hat. 50. Aus demselben Grunde, fuhr er fort, finden auch andere Gegenstände, die oft einen beredten Vortrag erfordern, und die ich kurz zuvor, als ich die Beredsamkeit lobte, dem Bereiche des Redners zugewiesen habe, keine eigene Stelle bei der Zerlegung der Theile und keine besondere Gattung von Vorschriften, obwol sie nicht minder beredt vorgetragen werden müssen, als die Gegenstände, welche bei einer Rechtssache abgehandelt werden, ich meine Verweise, Aufmunterungen, Tröstungen. lauter Gegenstände, welche den ausgezeichnetesten Schmuck der Rede verlangen; aber Regeln der Kunst bedürfen sie nicht. Ich stimme dir vollkommen bei, sagte Catulus. 51. Wohlan denn, fuhr Antonius fort, welche Beredsamkeit und welche Gewandtheit in der Darstellung, meinst du, muß der Mann besitzen, der eine Geschichte schreiben will? Wenn er sie, wie die Griechen, schreiben will, sagte Catulus, eine ausnehmend große; wenn, wie die Unsrigen, so bedarf es nicht des Redners; es genügt nicht unwahr zu sein. Doch, damit du nicht die Unsrigen verachtest, sagte Antonius; so wisse, auch die Griechen selbst haben anfänglich so geschrieben, wie unser Cato, Pictor, Piso Marcus Porcius Cato, der Aeltere, mit dem Beinamen der Weise und Censorius, 196 vor Chr. Consul, 186 Censor, schrieb eine Urgeschichte ( Origines) der Italischen Völker in sieben Büchern. S. Cornel. Nep. Cat. c. 3. Fabius Pictor lebte zur Zeit des zweiten Punischen Krieges. Er schrieb Jahrbücher von der Gründung Roms bis zum Ende des zweiten Punischen Krieges. Lucius Calpurnius Piso Frugi, 133 v.Chr. Consul, 120 Censor. Er war der erste, der ein Gesetz über Erpressungen ( de repetundis) gab, im J.149 v.Chr., als er Volkstribun war. Er hat Reden und Annalen (von der Gründung Roms bis auf seine Zeit) geschrieben.. 52.Die Geschichte war nämlich nichts Anderes, als eine Abfassung von Jahrbüchern. Zu diesem Zwecke und um das Andenken an die öffentlichen Begebenheiten zu erhalten, war es vom Beginne des Römischen Staates bis auf den Oberpriester Publius Scävola Publius Mucius Scävola 134 v.Chr. Consul. gebräuchlich, daß der Oberpriester alle Begebenheiten jedes Jahres schriftlich verzeichnete und auf eine Tafel eintrug Nach Lambin's vortrefflicher Muthmaßung referebat statt efferebat., die er alsdann in seiner Wohnung aufstellte, damit jeder Bürger Gelegenheit habe sie einzusehen. Das sind die Jahrbücher, die noch heute die großen Jahrbücher heißen. 53.Eine dieser ähnliche Schreibart befolgen viele Andere, welche ohne allen Schmuck der Darstellung nur Urkunden von Jahreszahlen, Namen, Gegenden und Begebenheiten hinterließen. Wie also bei den Griechen Pherekydes, Hellanikus, Akusilas Diese drei Geschichtschreiber waren Logographen, Vorgänger Herodots, und behandelten die Sagengeschichte. Pherekydes lebte zu Athen; Hellanikus war aus Mitylene auf der Insel Lesbos; Akusilas aus Argos war der älteste Geschichtschreiber; er arbeitete des Hesiodus Theogonie in Prosa um. und sehr viele Andere waren, so sind bei uns Cato, Pictor und Piso. Unkundig alles Redeschmuckes (denn erst kürzlich hat dieser bei uns Eingang gefunden;) und zufrieden, wenn nur das, was sie sagen, verstanden wird, halten sie die Kürze für den einzigen Vorzug der Rede. 54.Ein wenig mehr erhob sich und verlieh der Geschichte einen höheren Ton der vortreffliche Antipater Lucius Cälius Antipater, der zur Zeit der Gracchen lebte, schrieb eine Geschichte des zweiten Punischen Krieges., des Crassus vertrauter Freund. Die übrigen trugen die Geschichte ohne Schmuck der Darstellung vor und waren nichts Anderes, als einfache Erzähler.

XIII. Es ist so, wie du sagst, versetzte Catulus. Aber selbst dieser Cälius verstand es nicht in die Geschichte durch Mannigfaltigkeit hervorstechender Punkte varietate locorum; der Ausdruck ist etwas dunkel. Matthiä in Seebode's Misc. crit. I. p. 680. versteht es von den Gegenständen, Vorwürfen der Rede; Ellendt von locis communibus oder rerum illustrium disputationibus, wie sich Cicero im Brutus c. 12, 46. ausdrückt. Die Konjektur von Jacobs colorum ist unpassend, weil von der Art des Vortrages erst in den folgenden Worten die Rede ist. Abwechslung zu bringen, noch durch Stellung der Worte und durch sanften und gleichmäßigen Fluß der Rede seinem Werke Feinheit und Glätte zu verleihen, sondern, da er weder ein Gelehrter war noch für die Rede sehr befähigt, so hat er die Geschichte, so gut er konnte, aus dem Groben herausgearbeitet; doch hat er, wie du bemerkst, seine Vorgänger übertroffen. 55.Man darf sich gar nicht verwundern, sagte Antonius, wenn die Geschichte in unserer Sprache noch nicht erhellt ist. Denn keiner von unseren Landsleuten liegt der Beredsamkeit in anderer Absicht ob, als um in den gerichtlichen Verhandlungen und auf dem Forum zu glänzen; bei den Griechen hingegen waren es die beredtesten Männer, welche, entfernt von Rechtshändeln, sich sowol anderen erhabenen Beschäftigungen, als auch ganz besonders der Geschichtschreibung zuwandten. So wissen wir von dem berühmten Herodotus Herodotus aus Halikarnassus in Karien, 484 v.Chr. geboren, wird mit Recht der Vater der Griechischen Geschichte genannt. Der Hauptinhalt seines, in Ionischer Mundart geschriebenen, Werkes besteht in der Beschreibung der Kriege der Griechen mit den Persiern und in der Verherrlichung des Sieges der Griechen über die Persier., der zuerst die Geschichte mit Geschmack behandelt hat, daß er sich mit gerichtlichen Verhandlungen gar nicht befaßt hat; und doch besitzt er eine so außerordentlich große Beredsamkeit, daß er mich wenigstens, soweit ich Griechische Schriften zu verstehen vermag, ungemein anzieht. 56.Und nach ihm hat Thukydides Thukydides aus Athen, geb. 472 vor Chr., gest. 391, beschrieb in acht Büchern den Peloponnesischen Krieg bis zum Anfange des einundzwanzigsten Jahres. Im Jahre 424 v.Chr. befehligte er das Athenische Heer in Thracien und sollte der Stadt Amphipolis Hilfe leisten; da er aber zu spät kam, mußte sich die Stadt an den Lakedämonischen Heerführer, Brasidas, ergeben. Er wurde deßhalb verbannt. nach meinem Urtheile Alle an Kunst des Vortrages unbedenklich übertroffen; denn er ist so reich an einer Fülle von Sachen und Gedanken, daß der Zahl seiner Worte beinahe die Zahl seiner Gedanken gleichkommt; so treffend ferner im Ausdrucke und genau, daß man nicht weiß, ob die Sache mehr durch den Vortrag, oder die Worte mehr durch die Gedanken erhellt werden. Aber auch dieser, obwol er an der Staatsverwaltung Theil nahm, gehörte, wie uns überliefert ist, nicht zu denjenigen, welche Rechtshändel führten, und seine Geschichtsbücher soll er damals geschrieben haben, als er von Staatsgeschäften entfernt und ein Schicksal, das den Edelsten zu Athen zu widerfahren pflegte aus seinem Vaterlande verwiesen war. 57.Auf ihn folgte der Syrakusier Philistus Philistus aus Syrakus, um 400 v.Chr., schrieb eine Sikelische Geschichte, deren erster Theil bis zur Einnahme Agrigents ging, der zweite aber die Geschichte des älteren Dionysius (der auch hier gemeint ist) umfaßte, ferner eine Geschichte des jüngeren Dionysius., der dem Herrscher Dionysius sehr befreundet war. Er widmete seine Muße der Geschichtschreibung und nahm sich in derselben, wie es mir scheint, den Thukydides zum Muster. Später aber gingen aus eines Redekünstlers berühmten Werkstätte quasi ex clarissima rhetoris officina. Wohl mit Recht hält Ruhnken ( Hist. crit. orat. Graec. p. 87.) diese Worte für einen späteren Zusatz, entlehnt aus Ciceron. Brut. c. 8. und Orat. c. 13. Derselben Ansicht sind Schütz und Ellendt., wenn ich mich so ausdrücken darf, zwei hochbegabte Männer hervor, Theopompus und Ephorus Theopompus, aus Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb eine Griechische Geschichte in zwölf Büchern, von der Zeit an, wo des Thukydides Werk aufhört, bis zur Seeschlacht bei Knidus (394 v.Chr.), eine Geschichte des Philippus in 58Büchern. Ephorus aus Kumä in Aeolis schrieb eine allgemeine Geschichte in 30Büchern von der Rückkehr der Herakliden bis zur Belagerung von Perinthus (341 v.Chr.), die sich auf Antrieb ihres Lehrers Isokrates der Geschichtschreibung zuwandten, mit Rechtshändeln sich aber niemals auch nur im Entferntesten befaßten.

XIV. 58. Endlich sind auch aus der Schule der Philosophen Geschichtschreiber hervorgegangen, zuerst Xenophon Xenophon, ein Schüler des Sokrates, geb. 447 v.Chr., gest. nicht vor 355. Seine historischen Schriften sind: a)die Anabasis, d.h. der Feldzug des jüngeren Kyrus gegen Artaxerxes Mnemon und der Rückzug der 10000 Griechen; b)die Hellenika., der berühmte Sokratier, später der Schüler des Aristoteles, Kallisthenes Kallisthenes aus Olynth, Begleiter Alexander's des Großen auf seinen Feldzügen, wurde von diesem 325 v.Chr. getödtet. Er schrieb eine Geschichte der Feldzüge Alexander's, dann eine Griechische Geschichte von dem Antalkidischen Frieden bis zur Einnahme des Delphischen Tempels (387355), ferner eine kleine Schrift über den Troischen Krieg., ein Begleiter Alexander's. Der letztere bedient sich einer fast rednerischen Darstellungsweise, der erstere aber eines sanfteren Tones, der nicht den Aufschwung des Redners besitzt; vielleicht ist er minder feurig, aber doch, wie es mir wenigstens scheint, ungleich löblicher. Der jüngste unter allen diesen, Timäus Timäus aus Tauromenium in Sicilien, geb. um 356 v.Chr. Er schrieb eine Geschichte Siciliens, Italiens, Griechenlands, sowie auch den Krieg des Pyrrhus gegen die Römer., aber, soweit mir darüber ein Urtheil zusteht, der bei Weitem gelehrteste und an Fülle der Sachen und an Mannigfaltigkeit der Gedanken der reichhaltigste, der selbst in der Fügung und Anordnung der Worte einer gewissen Glätte nicht entbehrt, brachte große Beredsamkeit zur Geschichtschreibung mit, aber keine Erfahrung in gerichtlichen Verhandlungen. 59.Als Antonius sich so ausgesprochen hatte, sagte Cäsar. Wie steht es, mein Catulus? wo sind die, welche behaupten, Antonius verstehe kein Griechisch? Wie viele Geschichtschreiber hat er genannt? wie einsichtsvoll hat er über sie gesprochen und wie treffend eines jeden Eigentümlichkeit auseinandergesetzt? Ja wahrlich, erwiderte Catulus, indem ich dieses bewundere, höre ich jetzt auf mich über das zu verwundern, was zuvor meine Verwunderung in noch weit höherem Grade erregte, daß er nämlich auch ohne diese Kenntnisse ein so ausgezeichneter Redner sei. Ja, lieber Catulus, sagte Antonius, allerdings pflege ich die Werke dieser Schriftsteller und einige andere zu lesen, wenn ich Muße habe; aber ich richte hierbei mein Augenmerk nicht auf einen Vortheil für die Beredsamkeit, sondern ich thue es zu meiner Unterhaltung. 60.Was gewinne ich also hieraus? Jedenfalls, ich will es nur bekennen, ist es Etwas. Sowie, wenn ich in der Sonne mich ergehe, wiewol ich es in einer anderen Absicht thue, ich doch natürlich braun gefärbt werde; so merke ich auch, daß, wenn ich diese Schriften bei Misenum Misenum, ein Vorgebirge und eine Stadt an der Küste Campaniens, wo Antonius ein Landgut hatte. (denn zu Rom ist es mir kaum vergönnt) recht eifrig lese, meine Rede durch ihre Berührung tactu nach einer Lesart einer Erlanger Handschrift, die Ernesti und andere Herausgeber aufgenommen haben, statt der vulgata cantu, die jedoch Ellendt zu vertheidigen sucht. eine gewisse Färbung annimmt. Doch damit ihr euch von dem Umfange meiner Griechischen Gelehrsamkeit nicht eine zu hohe Vorstellung macht, so wißt: nur das verstehe ich in den Schriften der Grieben, was ihre Verfasser auch von den Ungelehrten verstanden wissen wollten. 61.Verirre ich mich aber einmal zu eueren Philosophen, getäuscht durch die Aufschriften ihrer Werke, die sich gemeiniglich auf bekannte und ausgezeichnete Gegenstände beziehen, auf Tugend, Gerechtigkeit, Ehrbarkeit, Vergnügen; so verstehe ich durchaus kein Wort; in so gedrängte und kurzgefaßte Untersuchungen haben sie sich verstrickt. Die Dichter vollends, die gleichsam eine andere Sprache reden, wage ich gar nicht anzurühren. Mit denen also verkehre ich, wie gesagt, zu meiner Unterhaltung, welche Geschichte oder ihre eigenen Reden geschrieben haben, oder so reden, daß man sieht, sie wollten auch Lesern meiner Art befreundet sein, die keine großen Gelehrten sind.

XV. 62. Doch ich kehre zur Sache zurück. Seht ihr nicht, wie schwierig die Aufgabe für den Redner ist Geschichte zu schreiben? Vielleicht in Betreff des Flusses der Rede und der Mannigfaltigkeit des Vortrages die schwierigste. Und dennoch finde ich nirgends die Geschichtsschreibung mit besonderen Vorschriften von den Lehrern der Beredsamkeit versehen; sie liegen ja vor Augen. Denn wer weiß nicht, daß es das erste Gesetz der Geschichte ist, sich zu scheuen etwas Unwahres zu sagen; das zweite, sich nicht zu scheuen etwas Wahres zu sagen, damit jeder Verdacht der Gunst oder Feindschaft vermieden werde? 63.Diese Grundlagen sind natürlich Allen bekannt. Die Aufführung des Gebäudes selbst aber beruht auf Sachen und Worten. Das Verhältnis der Sachen verlangt Anordnung der Zeiten und Beschreibung der Gegenden, und weil bei wichtigen und denkwürdigen Ereignissen die Erwartung zuerst auf die Absichten, dann auf die Thaten, endlich auf die Folgen gerichtet ist, so ist es auch erforderlich, daß einerseits in Betreff der Absichten angedeutet werde, was der Schriftsteller billige, andererseits in Betreff der Handlungen nicht bloß erklärt werde, was geschehen oder gesagt sei, sondern auch wie; endlich, wenn von den Folgen die Rede ist, müssen alle Ursachen entwickelt werden, mögen sie nun in Zufälligkeiten oder in Klugheit oder in Unbesonnenheit bestehen, und in Beziehung auf die Menschen genügt es nicht ihre Thaten zu erzählen, sondern wenn sie hervorragende Persönlichkeiten sind, so muß man auch ihr Leben und ihren Charakter schildern. 64.Was aber den Ausdruck und die Art des Vortrages betrifft, so muß man sich eine Schreibart anzueignen suchen, welche in ungezwungener Haltung und gemächlicher Breite sich bewegt genus orationis fusum atque tractum. und in einem sanften und gleichmäßigen Flusse dahingleitet, ohne die Rauheit gerichtlicher Verhandlungen und ohne die Stacheln richterlicher Urtheile. Für diese so vielen und wichtigen Gegenstände, seht ihr, lassen sich in den Lehrbüchern der Redekünstler keine Vorschriften finden. Ein gleiches Stillschweigen herrscht über viele andere Obliegenheiten der Redner, die Ermahnungen, Tröstungen. Belehrungen, Warnungen: lauter Gegenstände, welche sehr beredt vorgetragen sein wollen, aber in unseren Lehrbüchern keine besondere Stelle finden. 65.Und zu dieser Gattung gehört auch der unendlich reiche Stoff der unbestimmten Fragen. Denn die Meisten haben dem Redner, wie auch Crassus gezeigt hat I, Kap. 31. II. Kap. 10., zwei Gattungen für den rednerischen Vortrag angewiesen, die eine über gewisse unbestimmte Sachen, wie diejenigen sind, welche bei Rechtshändeln und bei Beratungen vorkommen; wozu man auch, wenn man will, die Lobreden hinzufügen mag; die andere, welche fast alle Lehrer der Beredsamkeit anführen, aber keiner erklärt, nämlich die über die allgemeinen und unbestimmten Fragen ohne Beziehung auf gewisse Zeiten und Personen. Was das Wesen und der Umfang dieser Gattung sei, scheinen sie mir, wenn sie davon reden, nicht einzusehen. 66.Denn soll es zur Pflicht des Redners gehören über jede ihm vorgelegte unbestimmte Frage reden zu können, so wird er auch über die Größe der Sonne, über die Gestalt der Erde reden müssen; über Gegenstände der Mathematik und Musik zu reden wird er sich nicht weigern können, sobald er diese Bürde auf sich genommen hat. Kurz, wer es für seine Aufgabe erklärt nicht allein über solche streitige Gegenstände, die nach Zeiten und Personen bezeichnet sind, d.h. über alle gerichtlichen Verhandlungen, sondern auch über die allgemeinen und unbestimmten Fragen zu reden, für den kann keine Art des Vortragt eine Ausnahme machen.

XVI. 67. Aber wenn wir auch noch jenen ganz unbestimmten, willkürlichen und vielumfassenden Theil der allgemeinen Fragen über das Gute und Böse, über das Wünschenswerthe und Verabscheuungswürdige, über das Anständige und Schimpfliche, über das Nützliche und Schädliche, über Tugend, Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit, Klugheit, Seelengröße, Edelmuth, Pflichtgefühl, Freundschaft, Treue, Pflicht und die übrigen Tugenden und die ihnen entgegenstehenden Laster, desgleichen über Staat, Herrschaft, Kriegswesen, Staatsverfassung und über die Sitten der Menschen dem Redner zuweisen wollen und meinen, er müsse über alle diese Gegenstände reden: so mögen wir immerhin auch diesen Theil hinzunehmen, jedoch nur unter der Bedingung, daß er auf mäßige Gränzen eingeschränkt werde. 68.Allerdings muß nach meiner Ansicht der Redner Alles, was sich auf den Nutzen der Bürger und auf die Sitten der Menschen bezieht, was die Gewohnheit des Lebens, die Verfassung des Staates, unsere bürgerliche Gesellschaft, das allgemeine Menschengefühl, das Wesen und den Charakter der Menschen betrifft, in seinem Geiste umfassen, wenn auch nicht auf die Weise, daß er über diese Gegenstände im Einzelnen und Besonderen Rechenschaft abzulegen im Stande sei, aber doch wenigstens so, daß er sie den Verhandlungen auf verständige Weise einflechten könne. Ueber diese Gegenstände selbst rede er so, wie diejenigen es thaten, welche Rechte, Gesetze, Staaten gegründet haben, einfach und deutlich, ohne zusammenhängende Reihenfolge wissenschaftlicher Erörterungen und ohne nüchternes Wortgezänk. 69.Damit ihr euch aber nicht verwundert, wenn über so viele und wichtige Gegenstände keine Vorschriften von mir ertheilt werden, so will ich mich jetzt hierüber aussprechen. Ich urtheile nämlich so: Sowie man es in anderen Wissenschaften nicht für nöthig hält, wenn das Schwierigste gelehrt ist, auch das Uebrige zu lehren, weil es entweder leichter oder dem Anderen ähnlich ist, wie z.B. in der Malerei der, welcher die menschliche Gestalt zu malen gründlich erlernt hat, auch Menschen von jeder Gestalt und von jedem Alter, ohne dieß besonders gelernt zu haben, malen kann, und wer einen Löwen oder Stier vortrefflich zu malen versteht, von dem nicht zu besorgen ist, er werde bei vielen anderen Vierfüßlern nicht ein Gleiches leisten; es gibt ja überhaupt keine Kunst, in der Alles, was durch sie in's Werk gesetzt werden kann, von dem Lehrer vorgetragen wird, sondern wer von gewissen vorzüglichen Dingen das Allgemeine gelernt hat, der weiß auch das Uebrige ohne Schwierigkeit auszuführen : 70.ebenso wird nach meiner Ansicht auch in unserer Redekunst oder soll ich richtiger sagen? Redeübung derjenige, welcher in seinem Vortrage eine solche Gewalt besitzt, daß er auf die Gemüther derer, die ihn über den Staat oder über seine eigenen Angelegenheiten oder über diejenigen, für oder gegen welche er auftritt, reden hören und zugleich die Macht der Entscheidung haben, nach seinem Ermessen einwirken kann, in Betreff aller übrigen Vorträge über das, was er zu sagen habe, ebenso wenig in Verlegenheit sein, als es jener Polykletus Polykletus aus Sicyon im Peloponnesischen war ein berühmter Bildhauer, ein Schüler des Argivers Ageladas, auch im Zeichnen und Malen nicht unerfahren (um 430 v.Chr.). Unter seinen Bildhauerwerken wurden besonders gerühmt eine Juno aus Elfenbein und Gold und ein Doryphorus. Die Bildsäule des Herkules wird sonst nirgends erwähnt. Die hier erwähnte Löwenhaut ist die des Nemeäischen Löwen und die Hydra (Schlange) die Lernäische. An seinen Statuen wird besonders die schöne Bildung der Brust gerühmt. bei der Verfertigung der Bildsäule des Herkules war, wie er die Löwenhaut oder die Hydra bilden sollte, wiewol er diese Dinge nie besonders zu verfertigen gelernt hatte.

XVII. 71. Hierauf sagte Catulus: Vortrefflich scheinst du mir, lieber Antonius, vor die Augen geführt zu haben, was der, welcher sich zum Redner ausbilden will, lernen muß und was er, ohne es erlernt zu haben, aus dem Erlernten zu Hülfe nehmen könne. Du hast nämlich die ganze Aufgabe des Redners lediglich auf zwei Gattungen der Verhandlungen beschränkt, die übrigen unzähligen der Uebung und der Anwendung auf ähnliche Fälle überlassen. Doch siehe zu, ob sich nicht in diesen beiden Gattungen die Hydra und die Löwenhaut Hydra und Löwenhaut, d.h. das geringere, minder schwierige Werk. befinden, Herkules hingegen und andere wichtige Werke in den Dingen, die du übergehst, zurückbleiben. Denn mir scheint es keine geringere Arbeit zu sein über allgemeine Gegenstände, als über die Angelegenheiten Einzelner, und ungleich schwieriger über die Natur der Götter, als über Streitigkeiten der Menschen zu reden. 72.Das ist nicht der Fall, erwiderte Antonius. Dieß werde ich dir, lieber Crassus, zeigen nicht sowol als Gelehrter, als und das ist wichtiger aus eigener Erfahrung. Ueber alle anderen Gegenstände ist der Vortrag, glaube es mir, ein Spiel für einen Mann, der nicht stumpfsinnig und nicht ungeübt ist und der gewöhnlichen wissenschaftlichen Kenntnisse und feineren Bildung nicht entbehrt; in den Streitigkeiten über Rechtssachen aber liegt eine schwierige Arbeit und vielleicht unter allen menschlichen Arbeiten die schwierigste und in denselben wird die Geschicklichkeit des Redners gemeiniglich von den Unverständigen nach dem Ausgange und Siege beurtheilt. Wenn ein gerüsteter Gegner da ist, der geschlagen und zurückgetrieben werden muß; wenn oft der, in dessen Hand die Entscheidung der Sache liegt, abgeneigt und erzürnt oder auch ein Freund des Gegners und dein Feind ist; wenn man diesen unterweisen oder eines Besseren belehren oder in Schranken weisen oder anfeuern, wenn man auf jede Weise nach Zeit und Umständen durch den Vortrag auf seine Stimmung einwirken muß, indem oft sein Wohlwollen in Haß, sein Haß in Wohlwollen verwandelt und sein Gemüth wie durch ein Triebwerk bald zur Strenge bald zur Nachsicht, bald zur Trauer bald zur Freude umgelenkt werden muß: da ist der ganze Nachdruck der Gedanken, das ganze Gewicht der Worte erforderlich. 73.Auch muß hinzutreten ein äußerer Vortrag, der sich durch Mannigfaltigkeit und Lebhaftigkeit auszeichnet, der voll Seele, voll Geist, voll tiefer Empfindung, voll Wahrheit ist. Wer in diesen Werken eine solche Meisterschaft errungen hat, daß er wie ein Phidias Phidias aus Athen, der berühmteste Bildhauer des Alterthums, lebte zur Zeit des Perikles (um 430 v.Chr.). Für sein Meisterwerk wurde die hier erwähnte Bildsäule der Minerva gehalten; sie war aus Elfenbein; auf dem Schilde der Göttin war die Amazonenschlacht und der Kampf der Götter mit den Titanen dargestellt, jene auf dem Rande, dieser auf der Höhlung des Schildes. die Bildsäule der Minerva schaffen kann; der wird wahrlich wegen der Ausführung jener kleineren Werke ebenso wenig besorgt sein, wie dieser Künstler wegen der Ausschmückung des Schildes.

XVIII. 74. Hierauf sagte Catulus: Je wichtiger und bewundernswürdiger du diese Dinge geschildert hast, um so begieriger erwarte ich von dir die Mittel und Vorschriften zu vernehmen, durch die man sich eine so große Geschicklichkeit aneignen kann. Um meines Vortheiles willen bin ich jetzt freilich dabei wenig betheiligt; denn einerseits vermisse ich in meinem Alter dieß nicht, andererseits habe ich mich einer anderen Art der Beredsamkeit befleißigt, da ich nie Urtheilssprüche den Händen der Richter durch die Gewalt der Rede entwunden, sondern vielmehr durch Besänftigung ihrer Gemüther nur so viel, als sie selbst willig zugaben, erhalten habe; aber dennoch wünsche ich ohne alle Rücksicht auf meinen eigenen Nutzen aus bloßer Wißbegierde deine Ansichten kennen zu lernen. 75. Auch brauche ich keinen Griechischen Lehrmeister, der mir allbekannte Regeln ableiert, ohne selbst je das Forum, ohne je einen Gerichtshof gesehen zu haben, wie man von dem Peripatetiker Phormio erzählt. Als nämlich Hannibal, aus Karthago vertrieben, nach Ephesus zum Antiochus als Verbannter kam, so wurde er seiner allverbreiteten Berühmtheit wegen von seinen Gastfreunden eingeladen, wenn es ihm Vergnügen mache, einem Vortrage des eben genannten Philosophen beizuwohnen. Als er seine Geneigtheit dazu erklärt hatte, sprach der redselige Mann einige Stunden über die Pflicht eines Feldherrn und über das gesammte Kriegswesen. Hierauf, da alle Uebrigen, die ihn gehört hatten, von dem Vortrage ganz entzückt waren, fragte man den Hannibal um sein Urtheil über diesen Philosophen. Da erwiderte der Punier, zwar nicht im besten Griechisch, aber doch mit Freimütigkeit, er habe schon oft viele aberwitzige Alte gesehen, aber so aberwitzig, wie den Phormio, habe er noch keinen gesehen. Und wahrlich nicht mit Unrecht. 76.Denn kann man sich wol eine größere Anmaßung und Geschwätzigkeit denken, als wenn einem Hannibal, der so viele Jahre um die Weltherrschaft mit dem Römischen Volke, dem Sieger über alle Volksstämme, gekämpft hatte, ein Grieche, der nie einen Feind, nie ein Lager gesehen, nie endlich sich bei der Verwaltung eines öffentlichen Amtes irgend wie betheiligt hatte, Vorschriften über das Kriegswesen ertheilen will? Ein Gleiches scheinen mir alle diejenigen zu thun, welche über die Redekunst Unterricht geben; denn was sie selbst nicht aus Erfahrung kennen, das wollen sie Anderen lehren. Doch irren sie vielleicht hierin weniger, weil sie nicht dich, wie einen Hannibal, sondern nur Knaben oder Jünglinge zu belehren suchen.

XIX. 77. Du irrst, Catulus, sagte Antonius; ich wenigstens bin schon auf viele Phormione gestoßen. Denn wer von diesen Griechen dürfte wol irgend Einem der Unsrigen irgend eine Einsicht zutrauen? Und was mich betrifft, so sind sie mir eben nicht lästig; ich dulde und ertrage sie ganz gern; denn entweder bringen sie Etwas vor, was mir nicht mißfällt, oder sie bewirken, daß ich es mir weniger leid sein lasse keine gelehrten Studien gemacht zu haben; auch fertige ich sie nicht so schmachvoll ab, wie Hannibal jenen Philosophen, habe aber auch dafür vielleicht um so mehr mit ihnen zu schaffen. Aber gleichwol ist ihre Gelehrsamkeit, so weit mir ein Urtheil darüber zusteht, sehr lächerlich. 78.Sie theilen nämlich das Ganze in zwei Theile, in Streitigkeiten in causae controversiam et in quaestionis , d.i. in causae controversiam et in quaestionis vontroversiam. Das Wort controversia hat hier die allgemeinere Bedeutung. Streitigkeitomnis status ambigendi« Ellendt) und findet daher sowol in der causa, d.i. bei bestimmten Rechtsfällen, als auch in der quaestio, d.i. bei unbestimmten Fragen statt. Bald darauf aber in den Worten: in disceptatione reorum et controversia hat das Wort die bestimmte Bedeutung: Streit vor Gericht. von Rechtsfällen und in Streitigkeiten allgemeiner Fragen. Rechtsfall nennen sie einen Gegenstand, der auf den Verhandlungen und dem Streite der rechtenden Parteien vor Gerichte beruht; allgemeine Frage aber einen Gegenstand, der auf der Ueberlegung über einen unbestimmten Gegenstand. Ueber den Rechtsfall erteilen sie Vorschriften; über den anderen Theil der Beredsamkeit herrscht ein seltsames Schweigen. Zweitens nehmen sie gleichfalls fünf Glieder der Beredsamkeit an, nämlich die Erfindung des Stoffes, die Anordnung des Gefundenen, die Ausschmückung durch den Ausdruck, das Auswendiglernen der Rede, zuletzt den Vortrag und die mündliche Darstellung: eine Vorschrift von einer nicht eben tiefen Weisheit. Denn wer dürfte nicht von selbst einsehen, daß Niemand reden könne, ohne zu wissen, was er sagen, und mit welchen Worten und in welcher Ordnung er es sagen soll, und ohne es auswendig gelernt zu haben? Nun will ich dieses nicht tadeln, aber ich sage, es liegt vor Augen, sowie dieß auch der Fall ist bei den vier, fünf, sechs oder auch sieben Theilen S. I. 31, 143. Daselbst werden sechs Theile erwähnt. Als siebenter Theil kann die Abschweifung angesehen werden. (die Einen nehmen nämlich diese, Andere eine andere Einteilung an), in welche sie die ganze Rede zerfallen lassen. 80.Sie geben nämlich folgende Vorschriften: Zuerst soll man den Eingang der Rede so einrichten, daß man das Wohlwollen der Zuhörer gewinnt, sie unserer Belehrung zugänglich macht und ihre Aufmerksamkeit fesselt; zweitens die Sache in einer Weise erzählen, daß die Erzählung wahrscheinlich, deutlich und kurz sei; drittens den Gegenstand der Verhandlung einteilen und vorlegen, die eigenen Behauptungen durch Beweise und Gründe bekräftigen, und dann die des Gegners widerlegen. Hierauf aber setzen Einige die Schlußrede und gleichsam das Nachwort; Andere schreiben vor, man solle vor dem Schlusse zur Ausschmückung und Hebung des Gegenstandes eine Abschweifung einschalten und dann erst die Schlußrede und das Nachwort hinzufügen. 81.Auch dieses will ich nicht tadeln. Die Eintheilung ist ja kunstgerecht, aber doch, wie es bei Menschen, die es nicht mit der Wirklichkeit zu thun haben, ganz natürlich ist, nicht der Erfahrung gemäß. Denn die Vorschriften, die sie für den Eingang und die Erzählung ertheilt haben, muß man in allen Theilen der Rede beobachten. Ich kann nämlich das Wohlwollen des Richters leichter im Laufe der Rede gewinnen, als da, wo er noch Nichts vernommen hat; für meine Belehrung ferner werde ich ihn nicht da zugänglich machen, wo ich die Beweisführung verheiße, sondern da, wo ich sie darlege und entwickele; die Aufmerksamkeit der Richter aber können wir dadurch wecken, daß wir während des ganzen Vortrages immer auf's Neue ihre Gemüther aufregen, nicht aber durch eine vorläufige Ankündigung. 83.Ferner wenn sie lehren, die Erzählung müsse wahrscheinlich, deutlich und kurz sein; so ist dieß eine richtige Bemerkung. Wenn sie aber meinen, diese Eigenschaften gehörten mehr der Erzählung, als der ganzen Rede; so scheinen sie mir sehr zu irren. Und überhaupt liegt der ganze Irrthum darin, daß sie der Ansicht sind, die Beredsamkeit beruhe, wie andere Wissenschaften, auf einem kunstmäßigen Lehrgebäude, wie Crassus am gestrigen Tage S. I. 42, 190. behauptete, daß von dem bürgerlichen Rechte selbst ein solches aufgestellt werden könne, indem man nämlich zuerst die Gattungen der Dinge aufstelle, wobei es ein Fehler ist, wenn man irgend eine Gattung übergeht, dann die Arten der einzelnen Gattungen, wobei es fehlerhaft ist, wenn sich eine Art zu wenig oder zu viel findet, endlich die Begriffsbestimmungen aller Kunstausdrücke, wobei weder Etwas mangeln noch überflüssig sein darf.

XX. 84. Aber wenn auch gelehrte Männer dieses im bürgerlichen Rechte oder auch bei anderen unbedeutenden oder nicht umfangreichen Wissenschaften erreichen können, so halte ich es doch in der Beredsamkeit wegen ihrer großen Wichtigkeit und ihres unermeßlichen Umfanges nicht für möglich. Wer es dafür hält, den muß man an die Lehrmeister dieser Gegenstände verweisen; bei ihnen wird er Alles schon entwickelt und auf das feinste ausgebildet finden; denn es gibt über diese Gegenstände unzählige Schriften, deren Anhalt nicht tief verborgen und deren Verständnis nicht dunkel ist. Aber man bedenke, was man für einen Zweck verfolge, ob man zu einem Spielgefechte oder zu einem wirklichen Kampfe die Waffen ergreifen will. Etwas Anderes verlangt Kampf und Schlacht, etwas Anderes Waffenspiel und unser Marsfeld. Gleichwol gewährt selbst die Kunst des Waffenspieles dem Fechter und dem Krieger einigen Nutzen; aber feuriger Muth und Geistesgegenwart und Scharfblick und Gewandtheit des Geistes bilden unüberwindliche Männer, und zwar ebenso leicht für sich allein, als wenn Kunst damit verbunden ist animus acer . . . invictos viros non difficilius arte conjuncta. Wenn die Lesart richtig ist, so liegt eine große Härte in dieser Verbindung; denn man erwartet: non difficilius quam arte conjuncta.. 85.Daher will ich dir jetzt den Redner aufstellen, wie ich es vermag, und zwar so, daß ich zuvor genau zusehe, was er leisten könne. Er soll mir einen Anstrich von wissenschaftlicher Bildung besitzen, Einiges gehört und gelesen und selbst diese Regeln der Kunst in sich aufgenommen haben; ich will prüfen, was er für einen Anstand hat, was er hinsichtlich der Stimme, der Körperkraft, des Athems, der Zunge zu leisten vermag. Sehe ich ein, daß er die ausgezeichnetsten Redner erreichen kann; so werde ich ihn nicht bloß aufmuntern sich eifrig zu bemühen, ja, wenn er mir zugleich ein guter Mann zu sein scheint, ihn inständigst bitten. Eine so große Zierde für den Staat beruht meines Erachtens auf einem ausgezeichneten Redner, der zugleich ein guter Mann ist. Hat es aber den Anschein, als werde er es bei aller Anstrengung doch nur mittelmäßigen Rednern gleich thun können; so werde ich ihm selbst überlassen zu thun, was er will, und ihm nicht eben sehr beschwerlich fallen. Sollte er aber gar keine Neigung dazu haben und ohne alles Geschick sein, so werde ich ihn ermahnen sich dieses Faches zu enthalten und sich einem anderen zuzuwenden. 86.Denn wir dürfen ebenso wenig denjenigen, der Vorzügliches leisten kann, auf jede Weise zu ermuntern unterlassen, als denjenigen, der Etwas zu leisten vermag, abschrecken. Denn das Eine scheint mir etwas Göttliches zu sein; das Andere, Etwas zu unterlassen, worin man nicht Vorzügliches leisten kann, oder das zu thun, was man nicht ganz schlecht thun mag, halte ich für menschlich. Das Dritte aber, wie ein Marktschreier aufzutreten und wider Anstand und Befähigung zu reden, kann nur ein Mensch thun, der, wie du, Catulus, von einem solchen Schreier sagtest, durch sein eigenes Ausrufergeschrei möglichst viele Zeugen seiner Thorheit um sich versammelt. 87.Von dem nun, der der Ermunterung und Unterstützung würdig ist, wollen wir reden; doch werden wir ihm nur das vortragen, was uns die Erfahrung gelehrt hat, damit er unter unserer Anleitung dahin gelange, wohin wir selbst ohne Anleitung gelangt sind; denn Besseres zu lehren sind wir nicht fähig.

XXI. 88. Und um nun mit unserem Freunde den Anfang zu machen, so wisse, Catulus, unseren Sulpicius hier hörte ich zuerst in einer unbedeutenden Sache als noch sehr jungen Mann reden. Stimme, Gestalt, Bewegung des Körpers und die übrigen Eigenschaften waren für den Beruf, von dem wir reden, geeignet; seine Rede ferner war schnell und feurig, eine Folge seiner Gemüthsart; der Ausdruck aufbrausend und etwas zu überschwänglich, eine Folge seiner Jugend. Ich konnte ihn nicht mißbilligen; denn ich wünsche, daß sich bei einem jungen Manne eine üppige Fruchtbarkeit zeige. Sowie es nämlich an den Weinstöcken leichter ist die zu üppig wuchernden Ranken zu beschneiden, als, wenn das Holz nichts taugt, neue Reiser durch Pflege hervorzutreiben; so sehe ich es gern, wenn der junge Mann eine Fülle besitzt, von der ich Etwas abschneiden kann. Denn von nicht langer Ausdauer kann der Saft in einer Frucht sein, die gar zu schnell zur Reife gediehen ist. 89. Ich erkannte sofort seine geistige Begabung, und ohne Zeit zu verlieren, forderte ich ihn auf das Forum als die Schule zu betrachten, wo er lernen müsse, zum Lehrer aber sich Einen nach Belieben auszuwählen, wenn er auf mich hören wolle, den Lucius Crassus. Begierig erfaßte er diesen Rath und versprach dieß zu thun und fügte auch noch hinzu, natürlich bloß um sich dankbar zu beweisen, auch ich sollte ihm Lehrer sein. Kaum war ein Jahr seit dieser Unterredung mit ihm und meiner Aufforderung verlaufen, als er den Gajus Norbanus anklagte, den ich vertheidigte. Quintus Servilius Cäpio, Consul im J.104 v.Chr., hatte bei der Eroberung der Stadt Tolosa (jetzt Toulouse) im Narbonensischen Gallien einen großen Theil des erbeuteten Goldes unterschlagen. Im folgenden Jahre wurde ihm, als Proconsul, und dem Consul Cn. Gallius die Führung des Krieges gegen die Cimbern anvertraut; die Römer aber erlitten durch die Uneinigkeit der beiden Feldherren und besonders durch die Schuld des Cäpio eine ungeheure Niederlage, worauf Cäpio abgesetzt und seine Güter eingezogen wurden. Aber erst unter dem Consulate des Crassus und Scävola (93 v.Chr.) wurde er von dem Volkstribun Norbanus wegen des unterschlagenen Goldes und wegen Hochverrates angeklagt. Da aber der Senat, dem er während seines Consulates (104) die Gerichte wieder zu verschaffen gesucht hatte, sich auf das Eifrigste seiner annahm und auch zwei Volkstribunen für ihn auftraten; so kam es zu einem heftigen Aufstande. Cäpio wurde verurtheilt, Norbanus aber im folgenden Jahre wegen dieses Aufstandes, den er erregt zu haben beschuldigt wurde, von P. Sulpicius Rufus angeklagt. Antonius vertheidigte den Norbanus, und dieser wurde freigesprochen. Vgl. II.47,197. Es ist unglaublich, welchen Unterschied ich zwischen ihm, wie er damals war, und wie er ein Jahr zuvor gewesen war, bemerkte. Allerdings leitete ihn zu jener großartigen und herrlichen Redeweise des Crassus seine eigene Naturanlage; aber mit dieser allein hätte er nicht genug ausrichten können, wenn er nicht zugleich Fleiß und Nachahmung auf dasselbe Ziel hin gerichtet und sich so zu reden gewöhnt hätte, daß er stäts mit ganzem Geiste und ganzem Gemüthe den Crassus als sein Vorbild anschaute.

XXII. 90. Die erste Stelle in meinen Vorschriften möge also die einnehmen, daß wir zeigen, wem man nachahmen soll, und zugleich die Bemerkung hinzufügen, daß man die vorzüglichsten Eigenschaften des Vorbildes auf das Sorgfältigste in's Auge zu fassen suchen müsse. Hierauf mag die Uebung hinzutreten, durch die man das gewählte Vorbild nachahmend abbilde und ausdrücke, aber nicht in der Weise vieler mir bekannten Nachahmer, die sich nur das Leichte oder auch gewisse hervorstechende und fast fehlerhafte Eigenheiten durch Nachahmung anzueignen eifrig bemüht sind. 91. Nichts ist leichter als Jemandes Tracht oder Stellung oder Bewegung nachzuahmen. Findet sich aber etwas Fehlerhaftes, so ist es kein großes Verdienst dieses aufzunehmen und dadurch selbst wieder in einen Fehler zu verfallen Nach der Muthmaßung Ellendt's: et in eo ipsum vitiosum esse. Die Handschriften bieten et in eo vitiosum esse. Ueber die Konjekturen anderer Herausgeber s. Ellendt's Ausgabe., wie es jener Fusius macht, der selbst jetzt nach dem Verluste seiner Stimme wie ein Rasender im Staate wüthet, den kraftvollen Vortrag des Gajus Fimbria Gajus Flavius Fimbria war mit Marius im Jahre 102 v.Chr. Consul. Seine Redeweise war finster, rauh und schmähsüchtig, sein Charakter aber und sein Lebenswandel untadelhaft. S. Ciceron. Brut. 84, 129. aber, den doch dieser jedenfalls besaß, nicht erreicht, wohl aber dessen Mundverzerrung und breite Aussprache nachmacht. Aber einerseits verstand er nicht die rechte Wahl eines Vorbildes, dem er vorzugsweise nachstrebe, zu treffen, andererseits suchte er an dem gewählten selbst sogar die Fehler nachzuahmen. 92.Wer aber verfährt, wie es sich gebührt, der muß vor Allem bei der Auswahl Vorsicht anwenden und dann die hervorragendsten Eigenschaften dessen, den er gebilligt hat, auf das Sorgfältigste in's Auge fassen. Denn wie, meint ihr, läßt es sich erklären, daß jedes Zeitalter beinahe eine besondere Art der Beredsamkeit hervorgebracht hat? Dieß können wir zwar nicht so leicht bei unseren Rednern beurtheilen, weil sie Schriften, aus denen sich das Urtheil bilden konnte, nicht eben in großer Anzahl hinterlassen haben, wohl aber bei den Griechischen, aus deren Schriften man sehen kann, welche Grundsätze und Bestrebungen in der Beredsamkeit einem jeden Zeitalter eigentümlich gewesen sind. 93.Die ältesten, von denen wenigstens Schriften vorhanden sind, sind wol Perikles Daß von Perikles Schriften vorhanden waren, erwähnt Ciceron. Brut. 7, 27. und Alkibiades Daß von Alkibiades Schriften vorhanden waren, wird sonst nirgends mit Bestimmtheit gesagt. und aus demselben Zeitalter Thukydides Thukydides wird hier als Redner aufgeführt wegen der in seinem historischen Werke eingeschalteten Reden. Siehe über ihn zu II, Kap.13, §.56., feine, scharfsinnige, kurze Redner, reicher an Gedanken, als an Worten. Es wäre nicht möglich gewesen, daß Alle Eine Art des Vortrages hätten, wenn sie nicht ein Vorbild zur Nachahmung genommen hätten. Auf diese folgte Kritias, Theramenes und Lysias Kritias, ein Schüler des Gorgias und Sokrates, einer der dreißig Tyrannen, der grausamste und habsüchtigste unter allen, hat Reden, Tragödien und andere Dichtwerke geschrieben. Theramenes war gleichfalls einer der dreißig Tyrannen; über seine Beredsamkeit s. unten III.16,59. Brut. 7, 29. Ueber Lysias s. zu I.54,231.. Von Lysias sind viele Schriften vorhanden, von Kritias einige; von des Theramenes Reden wird uns nur berichtet. Sie alle behaupteten noch immer die kraftvolle Sprache des Perikles, aber der Faden ihres Vortrages war etwas voller ausgesponnen. 94.Siehe, da trat Isokrates Isokrates aus Athen, geb. 436 v.Chr., gest. 338, Schüler des Prodikus und Gorgias, einer der berühmtesten Lehrer der Beredsamkeit. Als Redner trat er wegen großer Ängstlichkeit nie auf. Er schrieb nur für Andere Reden oder Musterreden für seine Schüler. auf, [der Lehrer aller Redner seines Zeitalters magister istorum omnium. Diese Worte werden fast von allen Herausgebern für unächt gehalten. Wenn sie den Sinn haben könnten, den wir in der Uebersetzung ausgedrückt haben; so würde ihre Aechtheit nicht angefochten worden sein.,] aus dessen Schule, wie aus dem trojanischen Pferde, lauter Helden hervorgingen; aber von diesen wollten einige in Prunkaufzügen, andere in der Schlachtordnung eorum partim in pompa partim in acie illustres esse voluerunt, d.h. Einige widmeten sich einer Prunkberedsamkeit, wie die Sophisten, Andere der gerichtlichen Beredsamkeit, die es mit der Wirklichkeit zu thun hat; die rechtenden Parteien werden mit zwei in Schlachtordnung aufgestellten Heeren verglichen. glänzen.

XXIII. Nun sind zwar Theopompus, Ephorus, Philiskus, Naukrates Ueber Theopompus und Ephorus s. oben zu Kap.13. Philiskus hat mit Recht Ellendt nach einer Verbesserung Göllert's ( de situ et orig. Sicil. p. 110) für die Lesart der Handschriften Philisti hergestellt; Philistus wird oben von Cicero Kap.13, §.57. nach Thukydides, aber vor Theopompus und Ephorus gesetzt. Philiskus aus Milet war ein Schüler des Isokrates und Lehrer des Historikers Timäus. Naukrates soll besonders Leichenreden, sowie auch ein Werk über Redekunst geschrieben haben. und viele Andere an Naturanlagen verschieden, aber in ihrer Absicht sowohl unter sich als ihrem Lehrer ähnlich. Ferner diejenigen, die sich den Rechtsverhandlungen zuwandten, wie Demosthenes, Hyperides, Lykurgus, Aeschines, Dinarchus Ueber den Demosthenes und Hyperides s. zu I.13,58. Lykurgus aus Athen, geb. 408 v.Chr., ein Schüler des Platon und Isokrates; von seinen Reden ist nur noch Eine übrig, die gegen Leokrates. Aeschines, ans Athen, gleichfalls ein Schüler des Isokrates, Gegner des Demosthenes. Von ihm haben wir noch drei Reden übrig. Dinarchus stammte aus Korinth, lebte aber von Jugend auf zu Athen; er war ein Schüler des Theophrastus, geb. 360 v.Chr., gest. 319. Von seinen Reden sind noch drei übrig. und mehrere Andere, stimmten, obwol sie einander nicht gleich waren, doch darin überein, daß sie alle auf gleiche Weise in ihren Reden die Wirklichkeit darzustellen suchten. Und so lange man sich diese zum Vorbilde bei der Nachahmung nahm, so lange lebte auch diese Art der Beredsamkeit und eine gleiche Bestrebung. 95.Als aber nach ihrem Tode das Andenken an sie allmählich ganz verdunkelt wurde und verschwand, blühen andere Arten der Beredsamkeit, die einen weichlicheren und minder kräftigen Charakter hatten. Hieraus gingen Demochares Demochares schrieb mehrere Reden und eine Athenische Geschichte seiner Zeit. S. Cicer. Brut. 83, 286., der ein Schwestersohn des Demosthenes gewesen sein soll, dann der berühmte Phalereer Demetrius Demetrius Phalereus lebte zur Zeit Alexanders des Großen und war ein Schüler des Theophrastus; unter Kassander war er Oberbefehlshaber von Athen, nachher aber wurde er von Antigonus und Demetrius Poliorcetes vertrieben; er starb zu Alexandria (284 v.Chr.). Er war ein sehr gelehrter Mann und hatte viele Schriften über Geschichte und Philosophie, sowie viele Reden und Gedichte hinterlassen, die aber sämmtlich verloren gegangen sind. Das rhetorische Werk über den Ausdruck ( ) wird ihm mit Unrecht beigelegt., der meines Erachtens unter allen diesen Rednern der Eingebildeteste ist, und andere diesen ähnliche hervor. Sollen wir diese Erscheinungen bis auf unsere Zeit verfolgen, so werden wir sehen, daß, sowie noch heut zu Tage jener Menekles aus Alabanda und sein Bruder Hierokles Menekles aus Alabanda in Karien und sein Bruder Hierokles waren berühmte Asiatische Redner. S. Cicer. Brut. 95, 322. Orat. 69, 230., die ich gehört habe, von ganz Asien zu Vorbildern gewählt werden, so immer ein Redner gelebt hat, dem die Meisten ähnlich zu werden wünschten. 96.Wer nun sein Vorbild durch Nachahmung erreichen will, der muß es sowol durch häufige und angestrengte Uebung, als auch ganz besonders durch Schreiben zu erfassen suchen. Thäte dieß unser Sulpicius hier, so würde sein Vortrag weit bestimmter sein, während sich jetzt bisweilen, wie die Landleute von der Saat zu sagen pflegen, in der größten Fruchtbarkeit eine wuchernde Ueppigkeit zeigt, die durch den Griffel beschnitten werden muß. 97.Da sagte Sulpicius: Du hast ganz Recht, daß du mir diesen Wink gibst, und ich nehme ihn dankbar an; aber auch du, lieber Antonius, glaub' ich, hast nicht viel geschrieben. Ei, entgegnete dieser, du sprichst ja gerade so, als ob ich Anderen nicht in dem Unterricht ertheilen sollte, was mir selbst abgeht; ja meint man doch, ich führe nicht einmal Rechnungsbücher. Doch wie ich in dieser Sache verfahre, läßt sich aus meinem Haushalte beurtheilen, wie aber in jener, aus meinen Reden, wie unbedeutend sie auch sein mögen. 98.Doch sehen wir auch Viele, die Niemandem nachahmen und durch eigene Naturanlage ohne irgend ein Vorbild ihr Ziel glücklich erreichen. Dieß läßt sich mit Recht an euch, Cäsar und Cotta, bemerken; denn du hast dir eine unseren Rednern ungewöhnliche Feinheit des Witzes, und du die scharfsinnigste und gründlichste Redeweise angeeignet. Auch euer Altersgenosse Curio Gajus Scribonius Curio, 88 v.Chr. Volkstribun, 74 Consul. Ueber ihn urtheilt Cicer. Brut. 58. Orat. 37, 129. minder günstig. Ueber seines Vaters Beredsamkeit s. Cicer. Brut. 32, 122. scheint mir, obwol sein Vater meines Erachtens vielleicht der größte Redner seiner Zeit war, Niemandem vorzugsweise nachzuahmen, und doch hat er durch Würde, Zierlichkeit und Fülle des Ausdruckes seiner Rede eine eigene Form und besonderes Gepräge aufzudrücken verstanden: was ich am Besten in der Rechtssache beurtheilen konnte, die er gegen mich vor den Centumvirn für die Brüder Cossus führte Die hier erwähnte Rechtssache ist unbekannt., in welcher ihm keine Eigenschaft fehlte, die nicht bloß ein beredter, sondern auch ein einsichtsvoller Redner besitzen soll.

XXIV. 99. Doch um nun unseren Lehrling endlich einmal in die Rechtsverhandlungen einzuführen, und zwar in die, bei denen es etwas mehr Arbeit gibt, in die gerichtlichen und rechtsstreitigen; so wollen wir ihm vielleicht dürfte Mancher über diese Lehre lächeln; denn sie ist weniger scharfsinnig, als nothwendig, und kommt mehr einem nicht einfältigen Rathgeber zu, als einem kenntnißreichen Lehrmeister; also wir wollen ihm zuerst die Vorsicht ertheilen, sich mit allen Verhandlungen, die er führen wird, sorgfältig und gründlich bekannt zu machen. 100. Dieß wird in der Schule nicht gelehrt; denn nur leichte Aufgaben werden den Knaben vorgelegt. »Das Gesetz verbietet dem Fremden die Mauer zu besteigen; er hat sie bestiegen, hat die Feinde zurückgetrieben; er wird angeklagt. Eine solche Aufgabe zu untersuchen hat gar keine Schwierigkeit. Mit Recht gibt man daher keine Vorschriften über die Untersuchung des Standes der Sache. Denn das ist so gemeiniglich der Zuschnitt der Aufgaben in den Schulen. Aber auf dem Forum muß man Urkunden, Zeugnisse, Vergleiche, Uebereinkünfte, Angelobungen, Blutsverwandtschaften, Verschwägerungen, Erkenntnisse, Rechtsgutachten, endlich alle Lebensverhältnisse derer, die einen Rechtsstreit haben, untersuchen; denn durch Vernachlässigung solcher Dinge sehen wir die meisten Rechtssachen, besonders in Privatangelegenheiten (diese sind ja oft weit dunkler) verloren gehen. 101.So führen gar Manche, welche, um von der Menge ihrer Geschäfte eine hohe Meinung zu erregen, sich auf dem ganzen Forum herumtummeln und von einem Gerichte zu einem andern eilen, ihre Rechtshändel, ohne sich zuvor mit dem Stande derselben vertraut gemacht zu haben. Hierbei gibt man ein großes Aergerniß entweder durch seine Sorglosigkeit, wenn man eine Sache übernahm, oder durch seine Treulosigkeit, wenn man sich für eine übertragene Sache verbürgte; ja größer, als man denkt, ist insofern dieses Aergerniß, als Niemand über einen Gegenstand, den er nicht kennt, anders, als höchst kläglich reden kann. So geschieht es, daß, während sie den Vorwurf der Ungeschicklichkeit, der doch schlimmer ist, gering achten, sich auch den der Trägheit, den sie selbst mehr scheuen, zuziehen D. h. für einen Sachwalter kann Nichts schimpflicher sein, als der Vorwurf der Ungeschicklichkeit. Die Sachwalter aber, von denen hier die Rede ist, übernehmen, um recht rührig und thätig zu erscheinen, also um den Vorwurf der Trägheit zu vermeiden, sehr viele Rechtssachen; aber da sie dieselben nur nachlässig führen, ziehen sie sich auch den Vorwurf der Trägheit zu, indem man die schlechte Führung ihrer Rechtssachen nicht bloß ihrer Ungeschicklichkeit, sondern auch ihrer Trägheit zuschreibt.. Ich meinerseits pflege dafür Sorge zu tragen, daß Jeder selbst mich über seine Angelegenheit belehre, und kein Fremder zugegen sei, damit er sich um so freimüthiger ausspreche, und die Sache des Gegners zu führen, damit er die seinige vertheidige und alle seine Gedanken über seine Angelegenheit mittheile. Hat er mich nun wieder verlassen, so übernehme ich allein mit der größten Unparteilichkeit drei Rollen, meine eigene, die des Gegners und die des Richters. Findet sich ein Umstand, der für die Sache mehr Vortheil als Nachtheil bietet, so bin ich der Ansicht denselben in der Rede geltend machen zu müssen; worin ich aber mehr ungünstige, als günstige Seiten finde, das gebe ich auf und verwerfe es ganz. 103.Auf diese Weise gewinne ich den Vortheil, daß ich zu einer anderen Zeit über das, was ich vortragen will, nachdenke und zu einer anderen das Ueberdachte vortrage: zwei Dinge, welche die Meisten im Vertrauen auf ihre Geisteskraft zu gleicher Zeit thun. Aber sicherlich würden eben diese Leute ungleich besser reden, wenn sie sich eine andere Zeit zum Nachdenken und eine andere zum Reden wählen zu müssen glaubten. 104.Sobald ich den Gegenstand der Rechtssache gründlich erforscht habe, so tritt mir sogleich der eigentliche Streitpunkt vor die Seele. Denn worüber nun auch entgegengesetzte Ansichten unter den Menschen obwalten mögen, sei es, daß die Sache auf einer Beschuldigung beruhe, wie bei einer Missethat, oder auf einem Rechtsstreite, wie bei einer Erbschaft, oder auf einer Berathschlagung, wie über Krieg, oder auf einer Person, wie bei einer Belobung, oder auf einer wissenschaftlichen Untersuchung, wie über die Einrichtung unseres Lebens: überall fragt es sich, was geschehen ist oder geschieht oder geschehen wird, oder von welcher Beschaffenheit es ist und wie es benannt wird.

XXV. 105. In den bei uns gewöhnlichen Fällen nun wendet man, insofern sie sich auf peinliche Rechtssachen beziehen, zur Vertheidigung gemeiniglich die Ableugnung des Verbrechens an. So zum Beispiel bei den Klagen wegen des Ersatzes für Erpressungen, welche zu den wichtigsten Verhandlungen gehören, muß man gemeiniglich Alles ableugnen; auch bei den Klagen wegen Amtserschleichung wird es uns nur selten gestattet Freigebigkeit und Mildthätigkeit von unrechtmäßiger Bewerbung und Bestechung zu unterscheiden; bei Meuchelmord, Giftmischerei, Veruntreuung öffentlicher Gelder ist Ableugnung unumgänglich nothwendig. Dieß ist also die erste Klasse der gerichtlichen Verhandlungen, die in einer streitigen Thatsache bestehen. Bei Beratschlagungen betrifft die Frage gemeiniglich etwas Zukünftiges, selten etwas Gegenwärtiges oder Geschehenes. 106.Oft fragt es sich nicht, ob eine Thatsache stattfinde oder nicht, sondern von welcher Beschaffenheit sie sei. So z.B., als der Consul Gajus Carbo Gajus Papirius Carbo war Consul im Jahre 119 v.Chr.; damals war Antonius 23Jahre alt. Carbo vertheidigte als Consul den Lucius Opimius. der als Consul des vorigen Jahres (120) dem Septumlejus für das Haupt des Gajus Gracchus Geld bezahlt hatte. S. II.67,269. Ueber den Carbo vgl. zu I.10, 40., dessen Rede ich mit anhörte, die Angelegenheit des Lucius Opimius vor dem Volke vertheidigte, leugnete er in Betreff der Ermordung des Gajus Gracchus Nichts, behauptete aber, die That sei rechtmäßig für das Wohl des Vaterlandes geschehen; ferner als derselbe Carbo Volkstribun Im Jahre 130 v. Chr. Damals wollte er den Tod des Tiberius Gracchus (132) gerächt wissen, später aber als Consul änderte er seine Gesinnung. Durch ihn wurde ein Aufstand der Patricier gegen Gajus Gracchus, in dem dieser mit einer großen Anzahl seiner Partei getödtet wurde, erregt. war und in der Staatsverwaltung noch anderen Grundsätzen huldigte, erhielt er von Publius Africanus Scipio Africanus, der Jüngere., den er über den Tod des Tiberius Gracchus Tiberius Sempronius Gracchus wurde mit dreihundert seiner Anhänger in einem Auflaufe erschlagen, bei dem besonders P.Scipio Nasica thätig gewesen war. befragt hatte, die Antwort, er scheine ihm rechtmäßig getödtet zu sein. Als rechtmäßig aber werden alle Handlungen vertheidigt, die pflichtmäßig oder erlaubt oder nothwendig waren oder aus Unvorsichtigkeit oder durch Zufall geschehen zu sein scheinen. 107.Ferner fragt es sich, wie Etwas benannt werde, wenn man streitet, mit welchem Ausdrucke Etwas benannt werden müsse. So hatte ich selbst mit unserem Sulpicius in der Angelegenheit des Norbanus einen sehr heftigen Streit. Denn während ich die meisten Vorwürfe, die jener diesem machte, eingestand, so leugnete ich doch, daß die Staatshoheit von ihm verletzt sei; von diesem Ausdrucke nämlich hing nach dem Appulejischen Lex de majestate, im J. 100 v.Chr. auf Vorschlag des L. Appulejus Saturninus gegeben, als die Ritter beim Anrücken der Cimbern ihre Posten verlassen hatten und nach Rom geflohen waren. Gesetze jene ganze Rechtssache ab. 108.Und für diese Klasse von Verhandlungen ertheilen Einige die Vorschrift, daß beide Parteien den Begriff des Wortes, das den Streitpunkt ausmacht, deutlich und kurz bestimmen sollen. Doch dieß scheint mir wenigstens in den meisten Fällen gar sehr knabenhaft. Denn anders verhält es sich mit der Begriffsbestimmung von Worten, wenn sich Gelehrte über wissenschaftliche Gegenstände unter einander besprechen, wie wenn gefragt wird: Was ist Gesetz? was ist Staat? Hier schreibt die wissenschaftliche Lehre vor, daß man die Bedeutung des Dinges, dessen Begriff man bestimmen will, so ausdrücke, daß kein Merkmal fehlt oder zu viel ist. 109.Doch dieß hat weder Sulpicius in jener Verhandlung gethan, noch hab' ich es zu thun versucht. So viel nämlich jeder von uns vermochte, entwickelten wir mit der ganzen Fülle der Beredsamkeit auf das Umständlichste, was es heiße die Volkshoheit verletzen. Denn die Begriffsbestimmung läßt sich erstlich oft durch Aufgreifung eines einzigen Wortes, das entweder zu viel oder zu wenig da ist, aus den Händen entwinden und dann schmeckt sie schon an und für sich nach Gelehrsamkeit und fast knabenhafter Schulübung; endlich vermag sie auch nicht in das Gefühl und Gemüth des Richters einzudringen; denn sie schlüpft vorbei, ehe sie aufgefaßt ist.

XXVI. 110. Aber in der Klasse von Rechtsstreitigkeiten, in welchen die Beschaffenheit einer Sache bestritten wird, entsteht auch oft ein Streit aus der Auslegung einer Schriftstelle, wobei der Streit sich nur auf eine Zweideutigkeit beziehen kann. Denn der Fall selbst, wo das Geschriebene mit der Absicht des Schreibenden in Widerspruch steht, enthält eine Art von Zweideutigkeit, welche sich dann aufklären läßt, wenn man die fehlenden Worte einschiebt und zeigt, daß nach Hinzufügung derselben der Sinn des Geschriebenen deutlich sei. Und wenn aus solchen widersprechenden Schriftstellen auf Seiten beider Parteien ein Zweifel hervorgeht, so entsteht keine neue Art, sondern der Fall der vorigen Art verdoppelt sich. Und eine solche Sache wird entweder nie entschieden werden können oder nur dadurch entschieden werden, daß man durch Hinzufügung der übergangenen Worte die von uns vertheidigte Schriftstelle ergänzt. So bleibt also nur Eine Gattung für die Fälle zurück, welche wegen einer Schriftstelle bestritten werden, wenn die Schriftstelle eine Zweideutigkeit enthält. 111.Es gibt aber mehrere Arten von Zweideutigkeiten, von welchen, wie ich glaube, die sogenannten Dialektiker eine bessere Kenntniß haben, unsere Redekünstler dagegen, die sie nicht weniger kennen sollten, Nichts wissen; die häufigste aber in dem ganzen Gebrauche der Rede oder Schrift ist die, wenn durch Weglassung eines oder mehrerer Worte eine Zweideutigkeit hervorgerufen wird. 112.Einen zweiten Fehler aber begehen sie, daß sie die Art von Rechtsfällen, die sich auf die Auslegung einer Schriftstelle bezieht, als verschieden von den Rechtsfällen, in denen über die Beschaffenheit einer Sache gestritten wird, betrachten. Denn nirgends wird die Frage über die Beschaffenheit einer Sache mehr erörtert als bei der Auslegung einer Schriftstelle, die gar Nichts gemein hat mit dem Streite über eine Thatsache. 113.So gibt es also überhaupt drei Arten von Fragen, welche Erörterung und Streit veranlassen können: Was geschieht, ist oder wird geschehen? oder: Wie ist die Sache beschaffen? oder: Wie ist sie zu benennen? Denn die Frage, welche einige Griechen hinzufügen, ob Etwas mit Recht geschehen sei, liegt schon in der Frage über die Beschaffenheit der Sache. Doch ich will jetzt zu meinem Vorhaben zurückkehren.

XXVII. 114. Wenn ich nun die Art des Rechtsfalles vernommen und erforscht habe und zur Behandlung der Sache selbst schreite, so setze ich vor Allem den Hauptgegenstand fest, auf den ich meine ganze Rede, die der gerichtlichen Untersuchung angemessen sein muß, zu richten habe. Dann ziehe ich Zweierlei auf das Sorgfältigste in Erwägung: erstens was mir und dem, den ich vertheidige, zur Empfehlung gereichen könne; zweitens was geeignet sei die Gemüther derer, vor denen ich rede, für meine Wünsche zu stimmen. 115.So stützt sich die ganze Kunst der Rede auf drei zur Ueberredung taugliche Mittel, indem wir zuerst die Wahrheit dessen, was wir vertheidigen, erweisen, dann die Zuneigung der Zuhörer gewinnen, endlich ihre Gemüther in die Stimmung, welche jedesmal der Gegenstand der Rede verlangt, versetzen sollen. 116.Zur Beweisführung aber steht dem Redner ein zwiefacher Stoff von Sachen zu Gebote, erstlich von solchen, welche nicht von dem Redner ausgedacht, sondern, auf Thatsachen beruhend, zweckmäßig behandelt werden, wie Urkunden, Zeugnisse, Verträge, Uebereinkünfte, peinliche Untersuchungen, Senatsbeschlüsse, richterliche Entscheidungen, obrigkeitliche Verordnungen, Rechtsgutachten und was sonst noch von dem Redner nicht erzeugt, sondern dem Redner durch die Sache selbst und von dem Betheiligten dargeboten wird. Die zweite Art des Stoffes ist die, welche ganz auf der Erörterung und Beweisführung des Redners beruht. 117.So muß man also in der ersteren Art über die Behandlung der Beweise, in der letzteren aber auch über die Erfindung derselben nachdenken. Und die eigentlichen Redekünstler bringen nach Scheidung der Rechtsstreitigkeiten in mehrere Klassen für jede derselben eine Menge von Beweisgründen bei. Mag dieses Verfahren zur Belehrung junger Leute ganz geeignet sein, damit sie, sobald ihnen eine Aufgabe vorgelegt ist, wissen, wohin sie sich zu wenden haben, um von da sofort fertige Beweise entlehnen zu können: so verräth es doch einerseits eine geistige Trägheit, wenn man abgeleiteten Bächen nachgeht, die Quellen der Sachen aber nicht sieht, andererseits verlangt es schon unser Alter und unsere Erfahrung aus der Urquelle das Nöthige zu schöpfen und zu sehen, woraus Alles fließe. 118.Und was die erste Klasse von Sachen betrifft, welche dem Redner dargeboten werden; so müssen diese von uns für alle Zeiten zum Gebrauche für alle ähnliche Fälle durchdacht sein. Denn für Urkunden oder gegen Urkunden, für Zeugen oder gegen Zeugen, für peinliche Untersuchungen oder gegen peinliche Untersuchungen und ebenso über andere Gegenstände derselben Art pflegten wir entweder ohne alle Beziehungen im Allgemeinen oder mit bestimmter Rücksicht auf gewisse Zeiten, Personen und Sachen zu reden. Diese Beweisquellen (zu euch, mein Cotta und Sulpicius, rede ich) müßt ihr durch anhaltendes Nachdenken und fortgesetzte Uebung bereit und fertig zur Hand haben. 119.Es würde für jetzt zu weitläufig sein, wenn ich entwickeln wollte, auf welche Weise man Zeugen, Urkunden, peinliche Untersuchungen entweder bestätigen oder entkräften müsse. Dieß sind lauter Dinge, wozu nur mäßige Geistesanlagen, aber eine sehr große Uebung erforderlich ist; Kunstregeln bedürfen sie nur insofern, als sie durch gewisse Lichtpunkte des Ausdruckes ausgeschmückt werden sollen. 120.Ebenso lassen sich die Beweisgründe der zweiten Art, welche der Redner aus sich erzeugt, ohne Schwierigkeit ausdenken, wohl aber verlangen sie in höherem Grade eine lichtvolle und sein ausgebildete Entwickelung. Da wir nun Zweierlei bei den Verhandlungen untersuchen müssen, einmal, was und dann, wie wir es sagen sollen; so scheint das Erstere allerdings einen Anstrich von Kunst zu haben und bedarf auch wirklich der Kunst; gleichwol gehört nur eine mäßige Klugheit dazu, um einzusehen, was zu sagen sei. Das Andere aber, worin sich jene göttliche Kraft und Tüchtigkeit des Redners zeigt, besteht darin, daß man das, was gesagt werden soll, mit Schmuck, Fülle und Mannigfaltigkeit vortrage.

XXVIII. 121. Demnach will ich mich, weil es euch nun einmal so beliebt hat, nicht weigern, jenen ersteren Theil sorgfältig zu bearbeiten und auszubilden (in wie weit mir dieß gelingen wird, möget ihr beurtheilen). Ich werde daher zu entwickeln suchen, aus welchen Quellen die Rede hergeleitet werden müsse, um die drei Eigenschaften zu gewinnen, welche allein ihr Glauben zu verschaffen fähig sind, nämlich daß die Gemüther gewonnen, daß sie belehrt, daß sie gerührt werden Nach diesen Worten stehen im Texte noch die Worte: haec sunt enim tria numero. Sie bilden einen müssigen Zusatz und sind wahrscheinlich unächt.. Wie aber dieses lichtvoll dargestellt werde, das uns allen zu lehren steht hier der Mann, der diese Kunst zuerst unter uns einheimisch gemacht, der sie am Meisten verherrlicht, der sie allein vollendet hat. 122.Denn, lieber Catulus (ich darf es ja sagen, ohne den Verdacht der Schmeichelei zu fürchten), ich glaube, es gibt keinen einigermaßen berühmten Redner, weder einen Griechischen noch einen Lateinischen, den unser Zeitalter hervorgebracht hat, den ich nicht oft und mit Aufmerksamkeit gehört hätte. Wenn ich nun einige Geschicklichkeit im Reden besitze und schon dürfte ich mir damit schmeicheln, da ihr ja, so geistvolle Männer, meinen Worten so eifrig Gehör schenkt so rührt es daher, daß nie ein Redner, den ich hörte, einen Vortrag gehalten hat, der sich nicht tief meinem Gedächtnisse eingeprägt hätte. 123.Sowie ich nun bin, und so wenig ich auch mein Urtheil für maßgebend halte; so trage ich doch kein Bedenken meine Ansicht und mein Urtheil dahin auszusprechen, daß unter allen Rednern die ich gehört habe, keiner so viele und so ausgezeichnete Vorzüge der Beredsamkeit besaß, wie Crassus. Seid auch ihr derselben Ansicht, so wird es, wie ich glaube, keine unbillige Theilung der Arbeit sein, wenn ich den Redner, den ich jetzt bilde, nach dem begonnenen Plane erschaffe, ernähre und kräftige und ihn alsdann dem Crassus übergebe, daß er ihn bekleide und ausschmücke. 124.Hierauf sagte Crassus: Fahre du nur fort, Antonius, wie du begonnen hast. Denn nicht ziemt es einem guten und edelen Vater das Kind, das er erzeugt und aufgezogen hat, nicht auch zu bekleiden und auszuschmücken, zumal da du nicht leugnen kannst, daß du dazu wohl bemittelt bist. Denn welcher Schmuck, welche Kraft, welche Würde fehlte jenem Redner, der am Schlusse seines Vortrages kein Bedenken trug den beklagten Consular Den Manius Aquilius, der als Consul mit dem Marius im J. 100 v.Chr. den Sklavenkrieg in Sizilien beendigte und den Anführer der Sklaven, Athenio, mit eigener Hand erschlug. Es wurde ihm deshalb eine Ovation zuerkannt. Drei Jahre darauf wurde er von Lucius Fusius wegen Gelderpressungen angeklagt, aber von Antonius glücklich vertheidigt, so daß er freigesprochen wurde. Auf den Schluß dieser Rede bezieht sich Crassus. Vgl. unten II.47,196. aufzurufen, ihm den Leibrock aufzureißen und den Richtern die vernarbten Brustwunden des greisen Feldherrn zu zeigen? der gleichfalls bei der Vertheidigung eines aufrührerischen und rasenden Menschen Norbanus. S. zu II. 21, 89. Vgl. II. 47, 197. gegen die Anklage unseres Sulpicius kein Bedenken trug die Empörungen selbst durch den Vortrag auszuschmücken und in den kräftigsten Ausdrücken zu zeigen, daß oftmals ungestüme Erhebungen des Volkes nicht ungerecht seien, für deren Folgen jedoch Niemand einstehen könne, daß viele Empörungen oft zum Wohle des Staates stattgefunden hätten, wie z.B. als man die Könige vertrieben, als man die tribunicische Gewalt eingesetzt Dieß geschah im Jahre 492 v.Chr. in Folge von Entweichung des Volkes auf den mons sacer. habe, daß jener Aufstand des Norbanus, hervorgerufen durch die Trauer der Bürger und durch den Haß gegen Cäpio Im Kriege gegen die Cimbern und Gallier., der sein Heer verloren hatte, sich nicht habe dämpfen lassen und mit Recht angestiftet worden sei? 125.Hätte wol ein so zweideutiger, so unerhörter, so schlüpfriger, so neuer Gegenstand ohne die vorzüglichste Kraft und Gewandtheit der Rede behandelt werden können? Was soll ich von der Mitleid erregenden Rede für den Gnäjus Mallius Gnäjus Mallius, 103 v.Chr. Consul, wurde, da er sich geweigert hatte sich mit dem Proconsul Quintus Cäpio zu verbinden, von den Cimbern besiegt. Wegen dieser Niederlage wurde Mallius angeklagt und von Antonius vertheidigt., für den Quintus Rex Diese Verhandlung ist unbekannt. Von Quintus Marcius Rex wissen wir nur, daß er mit Marcus Cato Nepos im J.117 v.Chr. Consul war. sagen? was von unzähligen anderen Reden, in denen nicht die Eigenschaft, die dir alle einräumen, dein ausgezeichneter Scharfsinn, am Meisten hervorglänzte, sondern gerade das, was du jetzt mir zuweisen willst, sich immer in hoher Vortrefflichkeit und Vollendung kund gab?

XXIX. 126. Hierauf sagte Catulus: Ja wahrlich, das pflege ich an euch beiden am Meisten zu bewundern, daß ihr trotz euerer so großen Verschiedenheit im Reden doch so redet, daß keinem irgend Etwas von der Natur versagt oder von der Wissenschaft nicht verliehen zu sein scheint. Darum wirst du einerseits, Crassus, uns nicht deiner Liebenswürdigkeit berauben, so daß du uns nicht, was etwa Antonius überging oder noch übrig ließ, entwickeln solltest; andererseits haben wir von dir, Antonius, die Ueberzeugung, daß, wenn du Etwas nicht gesagt hast, du dieß nicht aus Unkunde thatest, sondern vielmehr, weil du wünschtest, daß es von Crassus gesagt werde. 127.Da erwiderte Crassus: Ei, so übergehe das, Antonius, was du angekündigt hast, und was keiner der Anwesenden vermißt, aus welchen Quellen nämlich sich der Gedankenstoff in den gerichtlichen Reden auffinden lasse; denn obwol du die Vorschriften über diesen Gegenstand auf eine neue Weise und vortrefflich vorträgst, so sind sie doch theils an sich ziemlich leicht, theils durch die Lehrbücher allbekannt; jene Quellen eröffne uns vielmehr, aus denen du das schöpfest, was du so oft und immer so meisterhaft behandelst. 128.So will ich sie denn eröffnen, sagte Antonius, und damit ich desto leichter von dir erhalte, was ich begehre; so will ich dir Nichts verweigern, was du von mir verlangst. Meine ganze Redekunst und gerade die Fähigkeit im Reden, die Crassus eben bis in den Himmel erhob, beruhen, wie ich zuvor bemerkte, auf der dreifachen Rücksicht: erstens die Menschen zu gewinnen, zweitens sie zu belehren, drittens sie zu rühren. 129.Der erste dieser drei Theile erfordert einen sanften, der zweite einen scharfsinnigen, der dritte einen kräftigen Vortrag. Denn nothwendig muß der, welcher zu unseren Gunsten die Sache entscheiden soll, entweder durch die Neigung seines Willens uns gewogen sein oder durch die Beweisgründe unserer Vertheidigung überzeugt oder durch Bewegung des Gemüthes gezwungen werden. Aber weil jener Theil, der sich mit der Entwickelung und Vertheidigung der Sachen selbst beschäftigt, gewissermaßen die ganze Grundlehre für die Redekunst zu enthalten scheint; so will ich zuvörderst von diesem reden und Weniges sagen. Nur weniges ist ja das, was ich mir durch lange Erfahrung angeeignet und gleichsam im Geiste verzeichnet zu haben glaube.

XXX. 130. Und gern pflichte ich deiner verständigen Erinnerung, Crassus, bei die Vertheidigungen der einzelnen Rechtssachen, worüber die Lehrmeister den Knaben Unterricht zu ertheilen pflegen, zu übergehen, dagegen die Hauptquellen zu eröffnen, aus denen für jede Sache und Rede die ganze Erörterung abgeleitet wird. Denn so wenig wir, wenn wir ein Wort zu schreiben haben, immer erst die Buchstaben dieses Wortes in Gedanken zusammensuchen sollen; ebenso wenig geziemt es sich, so oft wir eine Rechtsstreitigkeit führen sollen, immer erst wieder zu den in den Lehrbüchern besonders angeführten Beweisgründen seine Zuflucht zu nehmen, sondern wir müssen gewisse Fundstätten in Bereitschaft haben, die sich uns, sowie die Buchstaben zum Schreiben eines Wortes, ebenso für die Entwickelung der Sache sogleich darbieten. 131.Aber diese Fundstätten können nur dem Redner von Nutzen sein, der in den Sachen bewandert ist, entweder durch eigene Erfahrung, die das Alter erst verschafft, oder durch Hören und Nachdenken, wodurch man bei Eifer und Fleiß dem Alter voraneilt. Denn magst du mir auch einen Mann vorführen, der noch so gelehrt ist, noch so viel Scharfsinn und durchdringenden Verstand im Denken zeigt, noch so viel Gewandtheit in der Kunst des Vortrages besitzt: es werden ihm, wenn er dabei in dem Herkommen des Staates, in den Beispielen, in den Einrichtungen, in den Sitten und Neigungen seiner Mitbürger ein Fremdling ist, jene Fundstätten, aus denen die Beweisgründe entnommen werden, nicht viel nützen. Eines gründlich durchgebildeten Geistes bedarf ich, wie der Acker nicht Einmal, sondern zwei- und dreimal In den Worten agro non semel arato, sed novato et iterato hat Ellendt die Worte novato et als unächt in Klammern eingeschlossen, indem er meint, Cicero hätte non semel arato, sed iterato et tertiato schreiben müssen. Ich glaube jedoch, daß die Lesart sich vertheidigen lasse, das Wort iterato nämlich steht nur mit Rücksicht auf novato und nicht zugleich auf semel arato, also s.v.a. agro non semel arato, sed novato iterumque novato. gepflügt werden muß, damit er desto bessere und größere Früchte hervorbringen könne. Eine gründliche Durchbildung des Geistes aber besteht in Uebung, in Hören, Lesen und Schreiben. 132.Zuvörderst nun muß man das Wesen der Sache, das niemals versteckt liegt, betrachten; man untersuche, ob es eine Thatsache sei, oder was sie für eine Beschaffenheit habe, oder welchen Namen sie führe. Sobald man dieß erkannt hat, so läßt uns sogleich der bloße gesunde Menschenverstand ohne die künstlichen Mittel, welche die Redekünstler lehren, deutlich vor die Seele treten, was den eigentlichen Hauptpunkt der Sache ausmache, d.h. der Umstand, nach dessen Wegnahme der streitige Fall als solcher sich nicht behaupten kann; sodann, was der Gegenstand der richterlichen Entscheidung sei. Hierbei schreiben die Redekünstler zum Beispiele folgende Fragen vor. Opimius S. II. 25, 106. hat den Gracchus getödtet. Was macht den Hauptpunkt der Sache aus? Daß er es zum Besten des Staates that, da er kraft eines Senatsbeschlusses zu den Waffen aufgefordert hatte. Nimm diesen Umstand weg, und die Sache wird nicht mehr dieselbe sein. Aber gerade dieses, behauptet Decius Publius Decius klagte als Volkstribun im Jahre 119 v.Chr. den Opimius, sobald dieser sein Consulat geendigt hatte, an, daß er viele Bürger ohne vorhergegangene gerichtliche Untersuchung habe hinrichten lassen. Der damalige Consul, Carbo, übernahm seine Vertheidigung und bewirkte, daß er freigesprochen wurde., sei den Gesetzen zuwider nicht erlaubt gewesen. Gegenstand der gerichtlichen Entscheidung wird also sein: »War die That kraft des Senatsbeschlusses zur Erhaltung des Staates erlaubt?« Solche Dinge sind freilich einleuchtend und lassen sich mit ganz gewöhnlichem Verstande begreifen; wohl aber muß man die Beweisgründe aufsuchen, welche in Beziehung auf den Gegenstand der ritterlichen Entscheidung von dem Ankläger und Vertheidiger vorgebracht werden müssen.

XXXI. 133. Hier müssen wir nun einen Punkt berücksichtigen, worin jene Lehrmeister, zu denen wir unsere Kinder schicken, einen sehr großen Irrtum begehen, nicht als ob dieß auf die Beredsamkeit einen großen Einfluß hätte, sondern nur, damit ihr sehet, wie stumpfsinnig und ungebildet die Klasse von Menschen ist, die sich für Gelehrte halten. Bei der Eintheilung der Reden nämlich setzen sie nach ihrer Beschaffenheit zwei Arten von Streitsachen fest. Unter der einen verstehen sie die, wobei ohne Beziehung auf Personen und Zeiten nach dem Allgemeinen gefragt wird; unter der anderen diejenige, welche nach gewissen Personen und Zeiten bestimmt wird. Sie sehen aber nicht ein, daß alle Streitsachen auf die Bedeutung und das Wesen des Allgemeinen zurückgeführt werden. 134.Denn z.B. in der Sache, die ich zuvor erwähnte, hat die Person des Opimius und Decius auf die Beweisgründe des Redners gar keinen Einfluß; es handelt sich ja nur um die allgemeine Frage, ob derjenige für straffällig gehalten werde, welcher einen Bürger kraft eines Senatsbeschlusses zur Erhaltung des Vaterlandes getödtet hat, da dieses nach den Gesetzen nicht erlaubt war. Ueberhaupt gibt es keine Sache, bei welcher die richterliche Entscheidung nach den Personen der Betheiligten und nicht vielmehr nach der gesammten Erwägung des Allgemeinen bestimmt würde. Ja sogar in den Fällen, wo über eine Thatsache gestritten wird, z.B. ob Publius Decius den Gesetzen zuwider Geld genommen habe, müssen die Beweisgründe sowol der Beschuldigung als der Vertheidigung auf den Gattungsbegriff und das allgemeine Wesen der Sache zurückgeführt werden. 135.Denn betrifft die Sache einen Verschwender, so muß man von der Schwelgerei reden; einen nach fremdem Gute Strebenden, von der Habsucht; einen Aufrührerischen, von unruhigen und schlechten Bürgern; einen von Vielen Beschuldigten, von der allgemeinen Beschaffenheit der Zeugen; und im entgegengesetzten Falle muß man Alles, was man für den Beklagten sagt, nothwendig von der Zeit und dem Menschen trennen und auf allgemeine Hauptpunkte und Grundsätze zurückführen. 136.Und vielleicht dürfte ein Mensch, der, was zum Wesen der Sachen gehört, nicht mit schnellem Blicke auffaßt, der Ansicht sein, die Anzahl der bei Untersuchung einer Thatsache vor Gericht vorkommenden Fragen sei sehr groß; aber nur die Menge der Beschuldigungen und Vertheidigungen ist unendlich, nicht die der Fundstätten Ich habe nach der Muthmaßung von Pearcius: sed tamen criminum multitudo est et defensionum, non locorum infinita übersetzt. Die Handschriften lesen: sed tamen criminum multitudo est, non defensionum aut locorum infinita. Auch Egger's Quaest. Tull. Alton. 1842. p.13. billigt die angeführte Muthmaßung. Sowie es so viele Beschuldigungen gibt, als Verbrechen Einem vorgeworfen werden, so muß es auch ebenso viele Vertheidigungen dieser Beschuldigungen geben, aber die Anzahl der Fundstätten, aus denen die Beschuldigungen und Vertheidigungen zu entnehmen sind, ist klein. S. §.135. Nach est oder st ( multitudost) konnte leicht et ausfallen, und dann war die übrige Abänderung der Worte fast nothwendig..

XXXII. 137. Was nun aber die Frage über die Beschaffenheit von Rechtsfällen anlangt, wobei über die Thatsache kein Zweifel obwaltet; so sind sie, wenn man sie nach der Zahl der Betheiligten berechnet, unzählig und nicht zu überblicken, wenn man aber auf den Inhalt sieht, von mäßiger Anzahl und in die Augen fallend. Wenn wir z.B. die Rechtssache des Mancinus S. I. 40, 181. auf den Mancinus allein beschränken, so wird, so oft ein vom Bundespriester Ausgelieferter von den Feinden nicht angenommen wird, sogleich eine neue Verhandlung entstehen. Wenn aber die Sache auf der Streitfrage beruht, ob derjenige, den der Bundespriester ausgeliefert hat, wenn er von den Feinden nicht angenommen worden ist, das Recht in seinen früheren Rechtszustand wieder einzutreten zu haben scheine: so hat der Name Mancinus auf die Kunst der Rede und auf die Beweise der Vertheidigung gar keinen Einfluß. 138.Und wenn auch außerdem die Würdigkeit oder Unwürdigkeit eines Menschen von einiger Bedeutung ist, so liegt dieß außerhalb der Frage, und die Rede selbst muß doch auf die Erörterung der allgemeinen Grundsätze zurückgeführt werden. Diese Bemerkungen mache ich jedoch nicht in der Absicht, um gelehrte Redekünstler zu widerlegen, obwol sie Tadel verdienen, wenn sie bei der Bestimmung der Gattung lehren, daß solche Verhandlungen mit Beziehung auf bestimmte Personen und Zeiten eine besondere Klasse bilden. 139.Denn wenn auch Zeiten und Personen vorkommen, so muß man doch einsehen, daß nicht von diesen, sondern von der allgemeinen Frage die Sachen abhängen. Doch dieß kümmert mich nicht; es soll ja kein Streit zwischen ihnen und uns stattfinden. Es genügt uns, wenn man nur die Einsicht gewinnt, daß sie nicht einmal das erreicht haben, was sie doch bei ihrer so reichlichen Muße auch ohne unsere gerichtliche Uebung hätten bewerkstelligen können, die Gattungen der Dinge zu unterscheiden und sie mit einiger Gründlichkeit zu erläutern. 140.Doch dieß, wie gesagt, kümmert mich nicht; wohl aber muß mir und ungleich mehr euch, mein Cotta und Sulpicius, Folgendes beachtungswerth sein. Wie sich jetzt die Lehrgebäude dieser Redekünstler verhalten, so muß man sich vor der Menge von Rechtssachen entsetzen; denn sie ist unermeßlich, wenn sie nach den Personen bestimmt wird; so viel Menschen, so viel Sachen. Wenn sie aber auf die allgemeinen Fragen zurückgeführt werden, so ist ihre Anzahl so mäßig und gering, daß achtsame, mit einem guten Gedächtnisse begabte und besonnene Redner sie sämmtlich durchdacht haben und, so zu sagen, an den Fingern herzählen können; es müßte denn sein, daß ihr glaubtet, Lucius Crassus sei erst von Manius Curius unterrichtet worden und habe deßhalb so viele Beweisgründe vorgebracht, warum Curius, wenn auch dem Coponius kein Sohn nachgeboren wäre, dennoch der Erbe desselben sein müsse S. über diesen Rechtsfall I. 39, 180.. 141.Hierbei hatte der Name des Coponius oder Curius auf die Menge der Beweisgründe ebenso wenig Einfluß als auf die Bedeutung und das Wesen der Sache. Aus der allgemeinen Untersuchung über die Sache und den Rechtsfall und nicht auf Zeit und Namen beruhte die ganze Streitfrage, ob nämlich, wenn es im letzten Willen so lautet: »Wenn mir ein Sohn geboren wird, und dieser früher stirbt u.s.w.; dann soll der oder jener mein Erbe sein,« in dem Falle, daß kein Sohn geboren ist, derjenige, welcher nach dem Tode des Sohnes zum Erben eingesetzt ist, als Erbe angesehen werde.

XXXIII. 142. Die Untersuchung über das unveränderliche Recht und das allgemein Gültige fragt nicht nach dem Namen der Menschen, sondern hat es nur mit der Lehrweise und den Beweisquellen zu thun. Hierbei legen uns auch die Rechtsgelehrten Schwierigkeiten in den Weg und schrecken uns vom Lernen ab. Denn ich sehe, daß in den Schriften des Cato und Brutus Cato Censorius hatte über das bürgerliche Recht geschrieben. Vergl. über ihn zu I.37,171. Marcus Brutus, ein berühmter Jurist, hatte drei Bücher über das bürgerliche Recht geschrieben. gemeiniglich bei den Rechtsbescheiden die Namen des Mannes oder Weibes, dem sie ertheilt sind, angeführt sind, vermutlich, um uns glauben zu machen, der Grund der Beratschlagung oder des Zweifels habe auf den Menschen und nicht auf der Sache beruht. So folgt denn, daß wir, weil es unzählig viel Menschen gibt, durch die große Menge des Stoffes entmuthigt, von der Erlernung des Rechtes abgeschreckt werden und den Wunsch es zu lernen zugleich mit der Hoffnung es gründlich zu erlernen aufgeben. Doch dieses wird uns Crassus einmal entwickeln und nach Klassen angeordnet auseinandersetzen. Er hat uns nämlich das mußt du wissen, Catulus, gestern versprochen, er wolle das bürgerliche Recht, das jetzt zerstreut und untergeordnet daliegt, nach gewissen Klassen vereinigen und in ein übersichtliches Lehrgebäude bringen. 143.Und dieses, erwiderte Catulus, ist für den Crassus durchaus keine schwierige Aufgabe; denn er hat nicht bloß Alles erlernt, was sich von dem Rechte erlernen ließ, sondern er wird auch, was seinen Lehrern fehlte, hinzufügen; so wird er Alles, was zum Rechte gehört, scharfsinnig ordnen und in einem geschmackvollen Vortrage aufklären können. Nun so werden wir denn, fuhr Antonius fort, hierüber von dem Crassus später belehrt werden, wenn er sich aus dem Gewühle der Gerichte in die Muße, wie er die Absicht hat, und auf seinen Sessel Es ist der Ruhesessel zu verstehen, auf dem die alten Rechtsgelehrten, die sich von dem Forum zurückgezogen hatten, sitzend ihren Schutzgenossen Rechtsgutachten ertheilten. wird zurückgezogen haben. 144.Ja oft schon, sagte Catulus, habe ich ihn dieß äußern hören, es sei sein fester Entschluß die Gerichte und Rechtshändel aufzugeben; doch, wie ich ihm zu bemerken pflege, es wird ihm nicht vergönnt sein. Denn theils wird er es selbst nicht geschehen lassen, daß wackere Männer seine Hülfe oft vergebens anflehen, theils wird es auch der Staat nicht mit Gleichmuth ertragen, der, wenn er der Stimme des Lucius Crassus entbehren sollte, sich einer seiner Zierden beraubt glauben wird. Ja wahrlich, sagte Antonius, wenn diese Aeußerung des Catulus richtig ist, so mußt du, Crassus, mit mir in derselben Stampfmühle fortleben Er vergleicht die vielen und lästigen Geschäfte des Redners auf dem Forum und in den Gerichten mit der mühsamen Arbeit der Sklaven in der Stampfmühle., und jene gähnende und schläfrige Weisheit müssen wir der Muße der Scävolas D. h. der Rechtsgelehrten. Die Familie der Scävolas war berühmt durch die vielen Rechtsgelehrten, die derselben angehörten. Vergl. oben I.10,39. und anderer glückseliger Leute überlassen. 145.Da lächelte Crassus sanft und sagte: Webe nur das einmal angezettelt Werk fertig, lieber Antonius; mir jedoch soll jene gähnende Weisheit, sobald ich meine Zuflucht zu ihr genommen habe, noch zur Freiheit verhelfen.

XXXIV. Das Ergebniß der von mir eben begonnenen Entwickelung ist nun folgendes: Weil es einleuchtet, daß das Zweifelhafte in den gerichtlichen Verhandlungen nicht auf der Persönlichkeit der Menschen, die sich nicht zählen lassen, noch auf der unermeßlichen Mannigfaltigkeit der Zeitverhältnisse, sondern auf den allgemeinem, nach den Gattungen bestimmten Rechtsfragen und auf ihren wesentlichen Beschaffenheiten beruht, die Gattungen aber auf eine gewisse und zwar kleine Anzahl beschränkt sind: so müssen die Redebeflissenen den zu jeder Gattung gehörigen Redestoff nach allen Beweisquellen ich meine Sachen und Gedanken geordnet, ausgerüstet und wohl versehen, mit ihrem Geiste auffassen. 146.Ein solcher Stoff wird von selbst die Worte erzeugen, die mir wenigstens immer schön genug zu dünken pflegen, wenn sie von der Art sind, daß sie die Sache selbst erzeugt zu haben scheint. Und, wollt ihr die Wahrheit wissen, wie sie mir wenigstens scheint, nichts Anderes kann ich freilich mit Bestimmtheit aussprechen, als meine Ueberzeugung und Ansicht dieses Rüstzeug von allgemeinen, nach den Gattungen bestimmten Rechtsfragen müssen wir auf das Forum mitbringen und nicht erst dann, wenn uns eine Sache übertragen wird, die Fundstätten durchstöbern, aus denen wir die Beweise heraussuchen. Denn wiewol diese von Allen, die nur einiges Nachdenken anwenden, bei Fleiß und Uebung gründlich erlernt werden können; so muß man doch auf jene Hauptquellen und schon so oft von mir genannten Fundstätten, aus denen für jede Rede alle Erfindungen abgeleitet werden, zurückgehen. 147.Ueberhaupt sind Kunst, Beobachtung und Erfahrung erforderlich, um die Gegenden zu kennen, in deren Bereiche man jagen und das, was man sucht, aufspüren will. Sobald du diesen ganzen Jagdbezirk mit deinen Gedanken eingezäunt hast, so wird dir, wenn dich nur Erfahrung in den Geschäften tüchtig gewitzigt hat, Nichts entfliehen, und Alles, was zur Sache gehört, wird dir aufstoßen und in deine Hände gerathen.

XXXV. 148. Und so, da zur Erfindung des Redestoffes drei Dinge erforderlich sind, Scharfsinn, zweitens wissenschaftliche Kenntniß, die wir, wenn wir wollen, auch Kunst nennen können, und drittens Fleiß, muß ich allerdings der natürlichen Anlage die erste Stelle einräumen; aber doch vermag der Fleiß die natürliche Anlage auch aus ihrer Schläfrigkeit aufzurütteln, der Fleiß, sage ich, der, sowie in allen Dingen, so ganz besonders in der Vertheidigung der Rechtsverhandlungen die größte Geltung hat. Für ihn müssen wir vorzüglich Sorge tragen, ihn stets anwenden, er ist es, der Alles zu erreichen vermag. Daß uns die Sache, wie ich anfänglich bemerkte, gründlich bekannt sei, bewirkt der Fleiß; daß wir den Gegner mit Aufmerksamkeit anhören und seine Gedanken nicht allein, sondern auch alle seine Worte auffassen, endlich alle seine Mienen durchschauen, welche gewöhnlich das Innere der Seele verrathen, bewirkt der Fleiß; 149.[dieß jedoch verstohlen zu thun, damit der Gegner sich nicht einbilde, er richte Etwas aus, das räth die Klugheit;] Die in Klammern eingeschlossenen Worte werden von den meisten neueren Herausgebern für unächt gehalten. ferner daß der Geist sich mit den Beweisquellen, die ich bald nachher Kap. 39–41. vorlegen werde, auf das Gründlichste beschäftige, daß er tief in die Sache eindringe, daß er gespannte Aufmerksamkeit und Nachdenken anwende, bewirkt der Fleiß; daß er, um den Stoff der Rede in das rechte Licht zu stellen, Gedächtniß, Stimme und Kräfte anstrenge, bewirkt der Fleiß ut vires, diligentia est. So verbesserte Ernesti die Lesart der Handschriften ut vires haec magna sunt.. 150.Zwischen der Naturanlage und dem Fleiße ist nur ein kleiner Spielraum für die Kunst übrig. Die Kunst zeigt nur, wo man suchen müsse, und wo anzutreffen sei, was man aufzufinden sucht; das Uebrige beruht auf Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Wachsamkeit, Beharrlichkeit, Arbeitsamkeit; ich will Alles in dem Einen Worte, das ich schon so oft gebraucht habe, zusammenfassen, auf Fleiß, und in dieser Einen Tugend sind alle übrigen Tugenden enthalten. 151.An Wortfülle freilich, sehen wir, haben die Philosophen einen Ueberfluß, welche, wie ich glaube, doch du, Catulus Catulus war ein gründlicher Kenner der Griechischen Sprache und Litteratur S. Kap.7, §.28., weißt dieß besser keine Vorschriften über die Beredsamkeit ertheilen, aber darum nicht weniger sich unterfangen über jeden ihnen vorgelegten Gegenstand mit dem größten Wortreichtum zu reden.

XXXVI. 152. Hierauf erwiderte Catulus: Es ist, wie du sagst, Antonius: die meisten Philosophen ertheilen keine Vorschriften über die Beredsamkeit, und doch haben sie in Bereitschaft, was sie über jeden Gegenstand sagen wollen. Aber Aristoteles In den Topicis. Vgl. Cicer. Topic. c. 1 er, den ich am Meisten bewundere hat gewisse Fundstätten aufgestellt, aus denen sich das Verfahren der ganzen Beweisführung nicht nur für philosophische Erörterungen, sondern auch für solche Vorträge, wie wir sie bei den Rechtsverhandlungen gebrauchen, herausfinden läßt. Von den Ansichten dieses Mannes weicht dein eben gehaltener Vortrag, Antonius, nicht ab, sei es nun, daß du durch die Aehnlichkeit mit diesem unvergleichlich großen Geiste in dieselben Spuren geleitet wirst, sei es, daß du diese Sachen in seinen Schriften gelesen und gelernt hast, und dieses Letztere dünkt mir wahrscheinlicher; denn ich sehe, du hast mehr Fleiß auf die Griechischen Schriften verwandt, als wir glaubten. 153.Hierauf entgegnete jener: Du sollst die Wahrheit von mir hören, mein Catulus. Ich bin immer der Ansicht gewesen, ein Redner würde unserem Volke angenehmer und beifallswerther sein, wenn er sich erstens von Kunst so wenig, als möglich, und dann von Griechischer Weisheit gar Nichts merken lasse. Zugleich aber war ich hinwiederum der Ansicht, da die Griechen so wichtige Dinge unternehmen, verheißen und ausführen, da sie versprechen die Kunst das Verborgenste zu durchschauen, das Leben wohl zu ordnen und sich beredt auszudrücken den Menschen mitzutheilen, so müsse man einem Thiere ähnlicher als einem Menschen sein, wenn man ihnen nicht das Ohr leihen und, wagte man es auch nicht sie öffentlich zu hören, um nicht bei seinen Mitbürgern sein Ansehen zu schmälern, doch wenigstens lauschend ihre Worte aufnehmen und aus der Ferne ihren Vorträgen Aufmerksamkeit schenken wollte. Und so habe ich es gemacht, Catulus, und die Untersuchungen aller ihrer Schriftsteller im Wesentlichen und Allgemeinen gekostet.

XXXVII. 154. Ja wahrlich gar zu furchtsam, entgegnete Catulus, hast du deinen Geist der Philosophie, wie einer Klippe verlockender Lust, zugewandt: einer Wissenschaft, die unser Staat nie verschmäht hat. Denn Italien war einst mit Pythagoreern angefüllt, zu jener Zeit, als es in unserem Lande noch ein Großgriechenland gab: weßhalb auch Einige unseren König Numa Pompilius für einen Pythagoreer ausgeben, obwol er sehr viele Jahre vor dem Pythagoras Pythagoras aus Samos, ein Schüler des Pherekydes, lebte zur Zeit des älteren Tarquinius, welcher von 534 bis 509 v.Chr. regierte. Vergl. Livius I, 18. und Ciceron. Tuscul. IV. 1, 3. und daselbst die Herausgeber. selbst gelebt hat. Um so höher aber muß der Mann geachtet werden, da er jene Weisheit der Staatskunst beinahe zwei Jahrhunderte früher gekannt hat, ehe die Griechen von dem Dasein derselben Etwas wußten. Und dann hat gewiß unser Staat keine Männer hervorgebracht, die einen glänzenderen Ruhm, ein gewichtigeres Ansehen und feinere Bildung besaßen als Publius Africanus, Gajus Lälius, Lucius Furius Publius Scipio Africanus, der Jüngere, der Sohn des Lucius Aemilius Paullus, zerstörte Karthago 146 v.Chr. und Numantia 143. Er war nicht bloß ein ausgezeichneter Feldherr, sondern auch ein großer Redner und in den Wissenschaften, selbst in der Philosophie sehr bewandert. Gajus Lälius, mit dem Beinamen der Weise, ein Freund des jüngeren Africanus, vgl. oben zu Kap.6. Er war ein Mann von dem edelsten Charakter und zugleich ein großer Staatsmann, Redner und Feldherr. Auch beschäftigte er sich mit Philosophie, die er von den Stoikern Diogenes und Panätius gelernt hatte. Lucius Furius Philus (135 v.Chr. Consul), ein Freund der Griechischen Litteratur, ein guter Redner und edler Mensch., und diese hatten immer die gelehrtesten Männer aus Griechenland vor Aller Augen um sich. 155.Und oft habe ich aus ihrem Munde die Aeußerung gehört, die Athener hätten ihnen und vielen angesehenen Männern des Staates einen großen Gefallen erwiesen, daß sie wegen wichtiger Angelegenheiten die drei berühmtesten Philosophen jener Zeit, den Karneades, Kritolaus und Diogenes, als Abgeordnete an den Senat abgeschickt hätten Im Jahre 154 v. Chr. Ueber Karneades s. zu I. Kap. 11; über Kritolaus s. zu I.Kap.11; Diogenes aus Seleucia, ein Schüler des Chrysippus, ein Stoiker.; denn während ihrer Anwesenheit in Rom hätten sie und Andere ihre Vorträge häufig gehört. Da du dich auf das Beispiel solcher Männer berufen konntest, so wundere ich mich, Antonius, warum du der Philosophie, wie jener Zethus Zethus und Amphion, zwei Brüder, werden in einem Trauerspiele des Pacuvius mit einander in Wortwechsel über die Musik streitend eingeführt. Zethus, seinem Bruder den Ruhm in der Tongunst mißgönnend, ruft ihm zu: Wirf die Leier weg, entsage der Weisheit, ergreife die Waffen. bei Pacuvius, beinahe den Krieg angekündigt hast. 156.Keineswegs, erwiderte Antonius, sondern vielmehr habe ich beschlossen so zu philosophiren, wie Neoptolemus bei Ennius, »ein Wenig; denn durchweg mag ich nicht S. Ciceron. Tuscul. II, 1. Neoptolemus oder Pyrrhus, der Sohn des Achilles..« Aber gleichwol das ist meine Ansicht, wie ich sie auseinandergesetzt zu haben glaube: Ich mißbillige diese gelehrten Beschäftigungen nicht, nur muß man das rechte Maß darin halten; die Meinung aber, man liege denselben ob, und die Vermuthung, man befleißige sich der Kunstregeln, ist, glaub' ich, dem Redner bei denen, die das richterliche Amt verwalten, nachtheilig; denn es verringert das Ansehen des Redners und die Glaubwürdigkeit der Rede.

XXXVIII. 157. Doch, um von dieser Abschweifung auf die Hauptsache wieder zurückzukommen, weißt du nicht, daß von jenen drei berühmten Philosophen, die, wie du sagtest, nach Rom kamen, Diogenes es war, der behauptete, er lehre die Kunst einen Gegenstand gründlich zu erörtern und das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, die er mit dem Griechischen Worte Dialektik benannte? In dieser Kunst, wenn sie anders diesen Namen verdient, findet sich keine Vorschrift, wie man die Wahrheit finden, sondern nur, wie man sie beurtheilen könne. 158.Denn über Alles Ueber die kritischen Schwierigkeiten dieser Stelle s. Ellendt in den kritischen Anmerkungen., wovon wir behaupten, es sei oder es sei nicht, unterfangen sich die Dialektiker, wenn die Behauptung unbedingt ausgesprochen ist, zu beurtheilen, ob es wahr oder falsch sei, und wenn sie bedingt aufgestellt ist und andere Bestimmungen hinzugefügt sind, urtheilen sie darüber, ob diese Bestimmungen mit Recht hinzugefügt seien, und ob die Folgerung jedes Schlußsatzes richtig sei; und zuletzt schneiden sie sich selbst mit ihren Spitzfindigkeiten in's Fleisch, und durch viele Untersuchungen machen sie Dinge ausfindig, die sie selbst nicht mehr zu lösen vermögen, und durch die sie sich sogar genöthigt sehen ihr vorher angezetteltes oder vielmehr fast zu Ende geführtes Gewebe wieder aufzutrennen. 159.Hier hilft uns also dieser Stoiker Nichts, weil er nicht lehrt, wie ich das, was ich sagen soll, ausfinden kann; ja er ist sogar hinderlich, weil er Vieles ausfindig macht, wovon er behauptet, es lasse sich auf keine Weise lösen, und dabei sich einer Sprache bedient, die nicht durchsichtig, nicht ungezwungen und fließend, sondern mager, trocken, abgebrochen und zerstückelt ist, einer Sprache, die man nur mit der Einschränkung billigen kann, daß man gesteht, sie eigne sich nicht für den Redner. Denn unser Vortrag muß sich den Ohren der großen Menge anbequemen, damit er die Gemüther ergötze, damit er sie antreibe Behauptungen zu billigen, welche nicht auf der Goldwage, sondern auf der gewöhnlichen Wage abgewogen werden. 160.Darum sollen wir auf diese ganze Kunst verzichten, die für die Erfindung der Beweisgründe allzu stumm, für ihre Beurtheilung allzu geschwätzig ist. Jener Kritolaus, der, wie du erwähnst, zugleich mit Diogenes kam, hätte nach meiner Ansicht unserem Berufe einen größeren Dienst leisten können. Denn er war aus der Schule des Aristoteles, von dessen Erfindungen ich, wie du meinst, nicht sehr abweiche. Zwischen diesem Aristoteles nun ich habe nicht nur sein Buch, in dem er die von allen seinen Vorgängern aufgestellten Lehrgebäude über die Redekunst auseinandergesetzt Τεχνω̃ν συναγωγή. Vgl. Cicer. Invent. II. 2, 6., sondern auch die, in denen er selbst einen Theil seiner eigenen Ansichten über dieselbe vorgetragen hat ‘Ρητορικά. und diesen eigentlichen Lehrmeistern unserer Kunst findet meines Erachtens folgender Unterschied statt. Jener hat mit demselben Scharfblicke des Geistes, mit dem er das Wesen und die natürliche Beschaffenheit aller Dinge durchschaut hatte, auch das in Augenschein genommen, was sich auf die Redekunst, die er selbst gering achtete, bezog; diese hingegen, welche dieses Feld ausschließlich anbauen zu müssen glaubten, haben in dieser einen Wissenschaft ihren Wohnsitz aufgeschlagen, aber in der Behandlung derselben zeigen sie nicht eine gleich tiefe Einsicht, wie jener, wenn sie ihn auch an Erfahrung und Fleiß in diesem einen Fache übertreffen. 161.Des Karneades unglaubliche Kraft und Mannigfaltigkeit der Rede aber dürfte uns sehr erwünscht sein; denn nie hat er in seinen Untersuchungen einen Gegenstand vertheidigt, ohne ihn zu erweisen, nie eine Ansicht bekämpft, ohne sie umzustoßen; doch dazu gehört etwas mehr, als man von unseren Redekünstlern fordern darf.

XXXIX. 162. Wenn ich einen völlig unwissenden Lehrling für die Beredsamkeit gebildet zu sehen wünschte, so würde ich ihn lieber den Lehrmeistern übergeben, die, unablässig mit derselben Mühe, auf denselben Ambos Tag und Nacht schlagen, die Alles in die feinsten Stückchen getheilt und möglichst klein gekaut, wie die Ammen kleinen Kindern, in den Mund stecken. Scheint er mir aber durch den Unterricht auf eine freisinnige Weise gebildet, durch einige Erfahrung schon geübt und mit ziemlich lebhaftem Geiste begabt zu sein, so werde ich ihn rasch dahin führen, wo nicht ein wenig Wasser in einem abgeschlossenen Raume aufbewahrt wird, sondern woher der ganze Strom hervorbricht, zu einem Manne, der ihm die Fundstätten und gleichsam die Wohnungen aller Beweise zu zeigen und diese kurz zu erläutern und mit Worten zu bestimmen vermag. 163.Denn wo könnte sich Jemand verlegen fühlen, wenn er erkannt hat, daß alle Gründe, die man in der Rede entweder zum Beweisen oder zum Widerlegen anwendet, entweder aus dem inneren Wesen und der natürlichen Beschaffenheit der Sache genommen oder von Außen her hinzugenommen werden? Aus dem inneren Wesen, wenn es sich fragt, was die ganze Sache oder ein Theil derselben sei, oder was für ein Name ihr zukomme, oder was in irgend einer Beziehung zu ihr stehe; von Außen her aber, wenn äußerliche Umstände, die dem Wesen der Sache nicht inwohnen, zusammengestellt werden. 164.Bezieht sich die Frage auf die ganze Sache, so muß man das ganze Wesen derselben durch eine Erklärung entwickeln, wie z.B.: »Wenn Hoheit des Staates so viel bedeutet als Erhabenheit und Würde des Staates, so verletzt sie derjenige, welcher ein Kriegsheer den Feinden des Römischen Volkes übergibt, nicht derjenige, welcher den, der solches that, der Gewalt des Römischen Volkes übergibt Diese Worte sind offenbar aus der Rede des Antonius entlehnt, die er für Gajus Norbanus hielt. Vgl. Kap.21, §.89. Kap.25, §.107. Kap.47, §.197.165.Bezieht sie sich auf einen Theil der Sache, durch Eintheilung, auf folgende Weise: »Entweder mußte er, da es die Wohlfahrt des Staates galt, dem Senate Folge leisten oder eine andere Rathsversammlung einsetzen oder nach eigener Willkür handeln. Eine andere Rathsversammlung einsetzen wäre gewaltthätig; nach eigener Willkür handeln anmaßend gewesen. Also mußte er sich der Rathsversammlung des Senates fügen Aus der Rede des Carbo für den Opimius. S. Kap.25, §.106. Kap.30, §.132..« Bezieht sie sich aber auf einen Ausdruck, so mache man es, wie Carbo Aus derselben Rede.: »Wenn Consul einen Mann bedeutet, der für das Vaterland sorgt; was Anderes hat Opimius gethan?« 166.Fragt es sich aber um Etwas, was in einer gewissen Beziehung zu der Sache selbst steht; so gibt es mehrere Fundstätten und Quellen der Beweisgründe. Denn wir werden das Verwandte aufsuchen und die Gattungen und die den Gattungen untergeordneten Arten, das Aehnliche und Unähnliche, das Entgegengesetzte, die Folgen, das Uebereinstimmende, das Vorangehende, das Widersprechende, die Ursachen der Dinge erforschen und die aus ihnen entstandenen Wirkungen und das Größere, Gleiche und Kleinere untersuchen.

XL. 167. Aus verwandten Begriffen werden Beweisgründe so abgeleitet: »Wenn kindlicher Liebe das höchste Lob ertheilt werden muß, so müßt ihr gerührt werden, da ihr den Quintus Metellus Quintus Cäcilius Metellus, ein Mann von edelem Charakter, berühmt durch die Besiegung des Jugurtha, wurde im J.100 v.Chr. durch die Ränke des Marius und des Volkstribunen Apulejus Saturninus aus Rom verwiesen, aber schon im folgenden Jahre nach der Ermordung des Saturninus besonders auf Bitten seines Sohnes, der davon den Beinamen Pius erhielt, auf Vorschlag des Volkstribunen Quintus Calidius auf ehrenvolle Weise wieder zurückgerufen. Es ist also wahrscheinlich, daß die hier angeführten Worte aus der Rede des Calidius entlehnt sind. mit so viel kindlicher Zärtlichkeit trauern seht.« Aus der Gattung: »Wenn die obrigkeitlichen Personen der Gewalt des Römischen Volkes unterwürfig sein müssen, warum klagst du den Norbanus an, der als Tribun dem Willen des Volkes gehorchte Aus der Rede des Antonius für den Norbanus gegen den Sulpicius. S. Kap.39, §.162.168.Aus der der Gattung untergeordneten Art: »Wenn Alle, welche für die Wohlfahrt des Staates sorgen, uns theuer sein müssen; so müssen es gewiß vorzüglich die Heerführer sein, durch deren Rathschläge, Tapferkeit und Gefahren wir sowol unsere eigene Wohlfahrt als des Reiches Würde behaupten.« Aus der Ähnlichkeit ferner: »Wenn wilde Thiere ihre Jungen lieben, welch zärtliche Liebe müssen wir gegen unsere Kinder hegen Wahrscheinlich aus der Rede des Antonius für den Aquilius. Siehe Kap.47.169.Dagegen aus der Unähnlichkeit: »Wenn es der Barbaren Sitte ist nur für den Tag zu leben, müssen nicht unsere Gedanken auf die Ewigkeit gerichtet sein?« Und zu beiden Arten der Beweisführung aus ähnlichen und unähnlichen Fällen müssen die Beispiele von den Thaten, Reden und Ereignissen Anderer, oft auch erdichtete Erzählungen gerechnet werden. 170.Ferner aus dem Gegentheile: »Wenn Gracchus frevelhaft handelte, so handelte Opimius edel Aus der Rede des Carbo für den Opimius. S. Kap.25, §.106. Kap.30, §.132. Kap.39, §.165..« Aus den Folgen: »Wenn jener mit dem Schwerte getödtet, und du, sein Feind, mit einem blutigen Schwerte gerade an dem Orte ergriffen, und Niemand außer dir daselbst gesehen wurde, wenn kein Anderer zu dieser That Veranlassung hatte, du aber immer verwegen warst: wie sollten wir wegen der Frevelthat in Zweifel sein können?« Aus übereinstimmenden, vorangehenden und widerstreitenden Umständen, wie einst unser Crassus Im Jahre 118 v. Chr. klagte der junge Crassus, damals 21 Jahre alt, den Gajus Papirius Carbo an, der im vorigen Jahre als Consul den Lucius Opimius, den Mörder des Gajus Gracchus, vertheidigt hatte. hier in seiner Jugend: »Wenn du den Opimius vertheidigt hast, Carbo, so werden diese dich darum noch nicht für einen patriotisch gesinnten Bürger halten. Daß du dich verstellt und etwas Anderes beabsichtigt hast, ist daraus ersichtlich, daß du des Tiberius Gracchus Tod oft in den Volksversammlungen beklagt, daß du an des Publius Africanus Ermordung Publius Africanus der Jüngere wurde, als er sich im Jahre 127 v.Chr. dem M.Fulvius, Gajus Gracchus und C.Carbo, den Triumvirn für die Vertheilung der Aecker nach dem Gesetze des Tiberius Gracchus, widersetzt hatte, am folgenden Morgen todt im Bette gefunden. Theil genommen, daß du in deinem Tribunate ein solches Gesetz Das verderbliche Gesetz über die Erneuerung der Tribunen (so daß derselbe Tribun, so oft er wollte, gewählt werden konnte) von Carbo im J.129 v.Chr. in Vorschlag gebracht. in Vorschlag gebracht, daß du immer mit den Freunden des Vaterlandes in Uneinigkeit gelebt hast.« 171.Aus den Ursachen der Dinge aber so: »Wollt ihr die Habsucht vertilgen, so müßt ihr die Mutter derselben, die Schwelgerei, vertilgen.« Aus den Wirkungen: »Wenn wir das Vermögen der Schatzkammer im Kriege zur Hülfe, im Frieden zum Glanze brauchen, so müssen wir uns der Staatseinkünfte annehmen.« 172.Größeres aber, Kleineres und Gleiches können wir so zusammenstellen: Nach dem Größeren: »Wenn der gute Ruf besser ist als der Reichtum, und doch das Geld so sehr erstrebt wird; um wie viel mehr muß der Ruhm erstrebt werden;« nach dem Kleineren so:

                          Nach kurzem Umgang nimmt er schon
An ihrem Tod gleich einem Freunde Theil. Wie, wenn
Er sie geliebt? Was wird er einst dem Vater thun? Diese Worte sagt bei Terent. Andr. I. 1, 83 ff. der Vater des Pamphilus.

Nach dem Gleichen so: »Wer sich nicht scheut öffentliche Gelder zu unterschlagen, der scheut sich auch nicht Gelder zu staatsverderblichen Bestechungen zu verwenden.« 173.Von außen her aber werden solche Beweisgründe zu Hülfe genommen, welche sich nicht auf ihre eigene Kraft, sondern auf äußere Verhältnisse stützen, wie z.B. folgende: »Das ist wahr; denn Quintus Lutatius Quintus Lutatius Catulus, im J. 100 v.Chr. Consul, ein Mann von ausgezeichneter Rechtschaffenheit. S. Orelli Onomasticon Tullianum Part.II. p.366ff. hat es gesagt.« »Das ist falsch; denn es ist ein peinliches Verhör angestellt.« »Das ist die nothwendige Folge; denn ich lese die Urkunde vor.« Doch über diese ganze Gattung von Beweisen habe ich kurz zuvor gesprochen.

XLI. 174. Ueber diese Gegenstände habe ich mich möglichst kurz ausgesprochen. Sowie es nämlich, wenn ich Jemandem Gold, das an verschiedenen Stellen vergraben ist, zeigen wollte, hinreichend sein müßte, wenn ich die Kennzeichen und Merkmale dieser Stellen angäbe, und er alsdann, sobald er sie kennen gelernt hat, selbst für sich graben und das, was er wünschte, mit geringer Mühe, ohne zu irren, finden würde: so habe auch ich nur die Merkmale der Beweisgründe aufgezeichnet Nach der Muthmaßung von Pearce notavi. Die Handschriften bieten novi . s. Ellendt in dem kritischen Kommentare., welche mir zeigen, wo ich dieselben zu suchen habe. Das Uebrige läßt sich durch Sorgfalt und Nachdenken ausfindig machen. 175.Welche Art von Beweisgründen aber sich für jede Art von Rechtssachen eigne, das vorzuschreiben vermag die vortrefflichste Kunst nicht; um es aber zu beurtheilen, dazu gehört nur eine mäßige Geisteskraft. Es ist ja auch jetzt nicht meine Absicht ein Lehrgebäude der Redekunst aufzustellen, sondern ich will nur gebildeten Männern aus meiner Erfahrung einige Winke mittheilen. Hat also der Redner diese Beweisquellen seinem Geiste und seiner Denkkraft tief eingeprägt und sich so angeeignet, daß er sich dieselben für jeden zum Reden vorgelegten Fall zu vergegenwärtigen vermag; so wird ihm Nichts entgehen können nicht nur bei gerichtlichen Verhandlungen, sondern überhaupt bei jeder Art des Vortrages. 176.Wenn er nun vollends das erreicht, daß er so erscheint, wie er es wünscht, und die Gemüther seiner Zuhörer in eine solche Stimmung versetzt, daß er sie, wohin er will, mit sich fortzieht und fortreißt: so wird er wahrlich weiter Nichts für die Rede vermissen. 177.Ferner sehen wir, daß es keineswegs hinreichend ist zu erfinden, was man sagen soll, wofern man nicht auch das Erfundene zu behandeln versteht. Die Behandlung muß aber mannigfaltig sein, damit der Zuhörer weder die Kunst bemerke noch durch die Einförmigkeit des Vortrages ermüdet und mit Ueberdruß erfüllt werde. Man muß angeben, was man sagen will, und zeigen, warum es sich so verhalte; man muß aus den oben angeführten Beweisquellen bisweilen Schlußfolgerungen bilden, bisweilen aber es unterlassen und auf etwas Anderes übergehen; oft muß man den Hauptsatz nicht hinstellen, sondern durch Anführung des Sachverhältnisses selbst deutlich machen, was als Hauptsatz hätte hingestellt werden müssen. Bezieht sich das, was man sagt, auf etwas Aehnliches; so muß man zuvor die Aehnlichkeit des Falles begründen und dann den Fall, auf den es ankommt, hinzufügen; die einzelnen Absätze der Beweise muß man gemeiniglich verbergen, damit sie Niemand nachzählen könne, so daß sie der Sache nach geschieden werden, den Worten nach in einander verschmolzen zu sein scheinen.

XLII. 178. Diese Gegenstände aber durchlaufe ich eilig, da ich, als Halbgelehrter, vor so gelehrten Männern rede, um endlich einmal auf Wichtigeres zu kommen. Nichts nämlich, mein Catulus, ist in der Beredsamkeit wichtiger, als daß der Zuhörer dem Redner geneigt sei und selbst so erschüttert werde, daß er sich mehr durch einen Drang des Gemüthes und durch Leidenschaft als durch Urtheil und Ueberlegung leiten lasse. Denn weit häufiger urtheilen die Menschen nach Haß oder Liebe, nach Begierde, nach Zorn, nach Schmerz oder Freude, nach Hoffnung oder Furcht, nach irrigen Ansichten aut errore, das ist die Lesart der meisten und besten Handschriften; einige wenige Handschriften bieten terrore; errore gibt aber einen richtigen Sinn und bildet einen Gegensatz zu dem folgenden veritate. oder nach einer Aufwallung des Gemüses als nach Wahrheit oder Vorschrift oder nach einer Regel des Rechtes oder nach einer gerichtlichen Formel oder nach Gesetzen. 179.Darum laßt uns, wenn euch nicht etwas Anderes beliebt, zu diesen Gegenständen fortgehen. Eine Kleinigkeit, entgegnete Catulus, scheint mir auch jetzt noch an deinem Vortrage, Antonius, zu fehlen; die mußt du zuvor entwickeln, ehe du dahin gehst, wohin du, wie du sagst, deinen Weg zu nehmen gedenkst. Und die wäre? fragte er. Welche Ordnung und Stellung der Beweise, sagte Catulus, nach deiner Ansicht anzuwenden sei; denn hierin pflegst du mir immer als der erste Meister zu erscheinen. 180.Ei sieh doch, Catulus, entgegnete er, was ich hierin für ein Meister bin. Wahrlich, hättest du mich nicht daran erinnert, es wäre mir nicht eingefallen. Hieraus kannst du beurtheilen, daß ich auf diese Dinge, in denen ich zuweilen Etwas zu leisten scheine, durch die Uebung im Reden oder vielmehr durch den Zufall geleitet zu werden pflege. Allerdings ist der Gegenstand, bei dem ich, weil ich ihn nicht kannte, wie bei einem unbekannten Menschen, vorüberging, von so großer Wichtigkeit in der Beredsamkeit, daß kein anderer dem Redner mehr zum Siege verhelfen kann; aber gleichwol hast du, wie ich glaube, vor der Zeit von mir die Lehre von der Anordnung und Stellung der Beweisgründe verlangt. 181.Hätte ich nämlich die ganze Bedeutung des Redners in die Beweisgründe und in die Bestätigung der Sache an und für sich gesetzt, so wäre es jetzt Zeit über die Anordnung und Stellung der Beweisgründe Etwas zu sagen; aber da ich drei Forderungen Kap. 29, §. 128. an den Redner gestellt und von diesen nur eine besprochen habe, so muß ich erst über die beiden anderen reden, und erst dann wird es zweckmäßig sein die Untersuchung über die Anordnung der ganzen Rede vorzunehmen.

XLIII. 182. Viel also trägt zur siegreichen Führung der Sache bei, daß der Charakter, die Grundsätze, die Handlungen und der Lebenswandel derer, welche als Sachführer auftreten, und derer, für die sie auftreten, Beifall, sowie dagegen dieselben Eigenschaften der Gegner Mißbilligung finden, und daß die Gemüther der Zuhörer so viel als möglich zum Wohlwollen für den Redner und für den, dessen Sache der Redner führt, gestimmt werden. Zum Wohlwollen aber werden die Gemüther gestimmt durch die Würde des Menschen, durch seine Thaten und durch den guten Ruf seines Lebenswandels: Eigenschaften, die sich leichter durch die Rede ausschmücken lassen, wenn sie nur vorhanden sind, als erdichten, wenn sie nicht vorhanden sind. Doch förderlich ist dem Redner auch eine sanfte Stimme, die Miene vultus steht für sich da und ist nicht, wie mehrere Herausgeber wollen, mit den folgenden Worten pudoris significatio zu verbinden., der Ausdruck der Bescheidenheit, freundliche Worte und, so oft er Etwas mit einiger Heftigkeit vorträgt, der Anschein, als thue er es ungern und gezwungen. Von Leutseligkeit, edeler Gesinnung, Sanftmuth, Pflichtgefühl, Dankbarkeit, einer von Habsucht und Geldgier freien Denkungsart Merkmale an den Tag legen ist sehr nützlich, und alle Eigenschaften eines rechtschaffenen, anspruchslosen, von Heftigkeit, Hartnäckigkeit, Streitsucht, Bitterkeit freien Charakters sind in hohem Grade dazu geeignet Wohlwollen zu gewinnen und es denen zu entziehen, die diese Eigenschaften nicht besitzen. Die entgegengesetzten Eigenschaften muß man daher den Gegnern zur Last legen. 183.Aber diese ganze Art der Rede wird sich in solchen Verhandlungen trefflich bewähren, in welchen das Gemüth des Redners weniger durch eine feurige und leidenschaftliche Aufregung entflammt werden kann. Denn nicht immer ist eine kraftvolle Rede erforderlich, sondern oft eine ruhige, sanfte und gelinde, die vorzüglich den Betheiligten Im Lateinischen rei, wie Cicero gleich darauf erklärend hinzufügt: Reos autem appello non eos modo, qui arguuntur, sed omnes, quorum de re disceptatur. zur Empfehlung dient. Betheiligte aber nenne ich nicht nur diejenigen, welche verklagt werden, sondern Alle, deren Streitsache verhandelt wird. Denn so drückte man sich ehemals aus. 184.Den Charakter dieser nun in der Rede zu schildern, indem man sie als gerechte. unbescholtene, gewissenhafte, schüchterne, bei Kränkungen duldsame Menschen beschreibt, thut eine wunderbare Wirkung, und dieses Verfahren, mag es im Anfange oder bei der Erzählung oder am Schlusse der Rede angewendet werden, hat, wenn es mit Anmuth und Gefühl ausgeführt wird, einen so großen Einfluß, daß es oft mehr wirkt als die Sache selbst. Ein gefühlvoller Vortrag hat die Wirkung, daß die Rede gleichsam als der Abdruck von dem Charakter des Redners angesehen wird. Denn durch eine gewisse Art von Gedanken und Worten in Verbindung mit einem sanften und Leutseligkeit verrathenden Vortrage verschaffen sich die Redner das Ansehen von rechtschaffenen, wohlgesitteten und tugendhaften Männern.

XLIV. 185. An diese Art der Rede aber schließt sich eine andere von ihr verschiedene, welche auf andere Weise die Gemüther der Richter bewegt und sie zu Haß, Liebe, Neid, Verlangen zu retten, Furcht, Hoffnung, Wohlwollen, Abscheu, Freude, Trauer, Mitleid, Rachsucht antreibt oder Empfindungen in ihnen hervorruft, welche diesen und solchen Gemüthsbewegungen ähnlich und verwandt sind. 186.Und der Redner muß wünschen, daß die Richter schon von selbst eine dem Vortheile des Redners günstige Gemüthsbewegung zu der Verhandlung mitbringen; denn es ist leichter, wie man sagt, den Laufenden anzufeuern als den Schläfrigen in Bewegung zu setzen. Ist dieß aber nicht der Fall oder tritt nicht deutlich hervor, so mache ich es, wie ein gewissenhafter Arzt. Sowie nämlich dieser, bevor er bei dem Kranken ein Heilmittel anzuwenden versucht, nicht allein die Krankheit dessen, den er heilen will, sondern auch seine gewohnte Lebensweise in gesundem Zustande und seine Körperbeschaffenheit erforschen muß; ebenso suche ich, wenn ich eine mißliche Sache übernehme, wobei es schwer hält die Gemüther der Richter zu bearbeiten, mit der ganzen Geisteskraft meine Gedanken und meine Sorge darauf zu richten, daß ich mit möglichst großer Scharfsichtigkeit aufspüre, was sie denken, urtheilen, erwarten und wünschen, und wohin sie wol durch meine Rede am Leichtesten gelenkt werden können. 187.Wenn sie sich mir hingeben und, wie ich zuvor sagte, von selbst sich dahin wenden und neigen, wohin ich sie bringen will; so benutze ich, was mir geboten wird, und richte meine Segel dahin, woher der Wind kommt. Ist aber der Richter unentschieden und in ruhiger Stimmung, so gibt es mehr Arbeit. Denn alsdann muß durch die Rede Alles in Bewegung gesetzt werden, da die Natur nicht zu Hülfe kommt. Aber die Rede, welche von einem guten Dichter Dem Pacuvius, der in der Hermione die Stelle des Euripides in der Hekuba 816: nachgebildet hat. die Lenkerin der Herzen und die Beherrscherin aller Dinge genannt wird, besitzt eine so gewaltige Kraft, daß sie nicht nur den Sinkenden auffangen und den Stehenden zum Sinken bringen, sondern auch den Widerstrebenden und Widerstand Leistenden, wie ein guter und tapferer Feldherr, gefangen nehmen kann.

XLV. 188. Das sind nun meine Ansichten über jene Dinge, deren Entwicklung Crassus so eben scherzend von mir verlangte, als er sagte Kap. 29, §. 127., sie pflegten von mir meisterhaft behandelt zu werden, und zugleich lobend erwähnte, ich hätte dieß in der vortrefflichen Führung der Sache des Manius Aquilius, des Gajus Norbanus Kap. 21, §. 89. Kap. 28, §. 124. und einiger anderen Rechtsklagen bewiesen. Aber wahrlich, wenn diese Gegenstände von dir, Crassus, in Rechtssachen behandelt werden, so pflegt mich ein Schauer zu befallen. Eine so gewaltige Kraft des Geistes, ein solches Feuer, ein so tiefes Gefühl pflegt aus deinen Augen, Mienen, Gebärden, ja sogar aus diesem deinem Finger Dem Zeigefinger, über dessen Anwendung beim Reden s. Quintilian XI. 3, 94. zu sprechen; so gewaltig ist der Strom der gewichtigsten und vortrefflichsten Worte, so gediegen; so wahr, so neu, so frei von kindischem Anstriche und Schmucke sind deine Gedanken, daß du mir nicht allein den Richter zu entflammen, sondern selbst Feuer und Flamme zu sein scheinst. 189.Auch ist es nicht möglich, daß der Zuhörer Schmerz, Haß, Unwillen und Furcht empfinde, daß er zu Thränen und Mitleid gerührt werde, wenn sich nicht von allen den Gemüthsbewegungen, die der Redner in dem Richter hervorrufen will, in dem Redner selbst die Merkmale eingedrückt und eingeprägt zeigen. Müßte man einen erheuchelten Schmerz annehmen, und wäre in einer solchen Rede Nichts als Erdichtetes und durch Nachahmung Erkünsteltes; so dürfte vielleicht eine größere Kunst erforderlich sein. Nun aber weiß ich freilich nicht, wie es dir, mein Crassus, und Anderen ergeht; was mich aber betrifft, so habe ich keinen Grund vor so einsichtsvollen und befreundeten Männern etwas Unwahres zu sagen: wahrlich ich habe nie bei den Richtern Schmerz oder Mitleid oder Unwillen oder Haß durch meinen Vortrag erregen wollen, ohne mich selbst, so oft ich die Richter zu rühren suchte, von denselben Empfindungen, in die ich sie versetzen wollte, ergriffen zu fühlen. 190.Denn es ist nicht leicht zu bewirken, daß der Richter dem zürne, gegen den du seinen Zorn lenken willst, wenn du selbst die Sache gleichgültig aufzunehmen scheinst, oder daß er den hasse, den du gehaßt sehen willst, wenn er dich selbst nicht zuvor von Haß entbrannt sieht; auch wird er sich nicht zum Mitleide stimmen lassen, wenn du ihm nicht Zeichen deines Schmerzes in Worten, Gedanken, Stimme, Mienen, ja in Thränen gegeben hast. Denn sowie es kein Holz gibt, das so leicht entzündbar ist, daß es ohne Heranbringung von Feuer Feuer fangen könnte; ebenso ist auch kein Gemüth so empfänglich die Gewalt der Rede aufzufassen, daß es entflammt werden könnte, wenn man sich nicht selbst feurig und glühend ihm naht.

XLVI. 191. Und um es nicht etwa schwierig und wunderbar zu finden, daß ein Mensch so oft zürne, so oft Schmerz empfinde, so oft von allen Arten der Gemüthsbewegungen ergriffen werde, zumal in fremden Angelegenheiten: so muß man wissen, groß ist die Gewalt der Gedanken und der Gegenstände, die man in der Rede vorträgt und behandelt, so daß es keiner Verstellung und keines Truges bedarf. Denn an sich schon setzt eine Rede, die man hält, um die Gemüther Anderer in Bewegung zu setzen, den Redner selbst mehr noch als irgend Einen der Zuhörer in Bewegung. 192.Und wir wollen uns nicht wundern, daß dieß bei Verhandlungen, vor Gericht, bei Gefahren von Freunden, bei einem Zusammenlaufe von Menschen, vor unseren Mitbürgern, auf dem Forum geschieht, wo nicht allein der Ruf unserer Redegabe auf dem Spiele steht doch das wäre noch das Geringste; wiewol, wenn man sich öffentlich das Ansehen gegeben hat Etwas leisten zu können, was nur Wenige vermögen, auch dieß nicht unbeachtet bleiben darf; nein auch andere ungleich wichtigere Dinge kommen in Betracht, die Ehrlichkeit, die Pflicht, die Gewissenhaftigkeit, die uns bestimmen, auch wenn wir ganz fremde Menschen vertheidigen, diese dennoch, falls wir selbst für redliche Männer gelten wollen, nicht als fremde anzusehen. 193.Doch, wie gesagt, um dieß an uns nicht wunderbar zu finden, so frage ich: wo kann mehr Erdichtung herrschen als in Versen, auf der Bühne, in den Schauspielen? Und doch habe ich hier oft gesehen, wie mir die Augen des Schauspielers aus seiner Maske hervorzugehen schienen, wenn er von seinem Lager herab Nach der scharfsinnigen Muthmaßung von G. Hermann: e sponda illa dicentis statt der Lesart der Handschriften spondalia illa dicentis. Die hier aus der Tragödie Teucer von Pacuvius angeführten Worte sagt Telamon, König der Insel Salamis bei Athen, zu seinem Sohne Teucer. Telamon hatte nämlich seinen beiden Söhnen, Teucer und Ajax, als Sie nach Troja zogen, anbefohlen, keiner solle ohne den anderen in die Heimat zurückkehren. Nachdem sich aber Ajax vor Troja entleibt hatte, mußte Teucer allein zurückkehren. Der von seinem Vater verbannte Teucer gründete auf der Insel Cypern Neu-Salamis. die Worte sagte:

Ihn verlassend wagst du nach Salamis zu kommen ohne ihn?
Scheust nicht des Vaters Anblick?

Niemals sagte er das Wort Anblick, ohne daß mir der erzürnte Telamon aus Trauer über den Tod des Sohnes zu rasen schien. Aber wenn derselbe in einer zum Klagetone umgewandelten Stimme die folgenden Worte sagte:

                                            Den hochbejahrten, kinderlosen Telamon nennt sich kinderlos, da er auch den Teucer, weil dieser ohne seinen Bruder zurückgekehrt war, verstieß. Greis
Hast du zerfleischt, beraubt, gemordet. Dich hat nicht des Bruders Tod,
Nicht der kleine Knabe Eurysakes, Sohn des Ajax und der Tekmessa., dir zur Obhut anvertraut, gerührt.

schien er sie weinend und in tiefer Trauer zu sagen. Wenn nun ein Schauspieler solche Stellen, obwol er sie täglich vortrug, doch nicht richtig ohne Rührung vortragen konnte; wie? meint ihr, Pacuvius habe sie in ruhiger und gelassener Stimmung niedergeschrieben? Das war unmöglich. 194.Denn oft habe ich gehört, und man sagt, es stehe auch in den Schriften des Demokritus und Platon, Niemand könne ohne innere Feuerglut und ohne den Anhauch der Begeisterung ein guter Dichter werden.

XLVII. Glaubt daher nicht, daß ich selbst, der ich nicht die alten Mißgeschicke und die erdichtete Trauer von Heroen durch die Rede nachahmen und darstellen will und nicht eine fremde, sondern meine eigene Rolle spielte, als ich den Manius Aquilius S. Kap. 28. für den Staat erhalten mußte, das, was ich am Schlusse der Verhandlung that, ohne inniges Mitgefühl gethan habe. 195.Denn da ich den Mann, von dem ich wußte, daß er Consul gewesen war, daß er als Heerführer von dem Senate ausgezeichnet worden war, daß er in feierlichem Siegeszuge das Kapitol bestiegen hatte, niedergeschlagen, gedemüthigt, von tiefer Trauer erfüllt, in der größten Gefahr schwebend sah: so versuchte ich nicht eher bei Anderen Mitleid zu erregen, als ich selbst von Mitleid ergriffen war. Wohl bemerkte ich, daß die Richter lebhaft erschüttert wurden, als ich den tiefbetrübten und in Trauerkleider gehüllten Greis sich erheben ließ und das that, was du, Crassus, lobst, nicht nach den Regeln der Kunst, über die ich zu reden nicht verstehe, sondern von heftiger Gemüthsbewegung und tiefer Rührung ergriffen, indem ich ihm den Leibrock aufriß und die vernarbten Wunden zeigte. 196.Als Gajus Marius Gajus Marius, der Sieger über die Cimbern und Teutonen, war im Jahre 100 v.Chr. mit Manius Aquilius Consul gewesen., der sich zu der Verhandlung eingestellt hatte und vor mir saß, meine Trauerrede durch seine Thränen sehr unterstützte, als ich ihn häufig anredete, ihm seinen Amtsgenossen empfahl und ihn selbst aufrief als Sachverständiger das gemeinsame Geschick der Heerführer zu vertheidigen: so konnte ich nicht, ohne selbst Thränen zu vergießen, ohne selbst inniges Mitgefühl zu empfinden, Mitleid erregen und den Schutz aller Götter und Menschen und Bürger und Bundesgenossen anflehen. Und hätte allen den Worten, die ich damals gebrauchte, das eigene Mitgefühl gefehlt; so würde mein Vortrag nicht Mitleiden, sondern vielmehr Gelächter erregt haben. Daher ertheile ich euch, Sulpicius, ich, der treffliche und hochweise Lehrmeister, die Lehre: ihr müßt beim Reden zürnen, Schmerz empfinden, Thränen vergießen können. 197.Doch wozu soll ich dir diese Lehre geben, der du bei der Anklage meines Freundes und Quästors Des Norbanus, der als Quästor mit Antonius in Cilicien gewesen war. Vgl. Kap.21 und 28. nicht allein durch deine Rede, sondern weit mehr noch durch die Gewalt der Empfindung, durch das lebhafte Mitgefühl und die Glut der Seele einen solchen Brand angefacht hattest, daß ich kaum wagte zu dessen Löschung heranzutreten? Alle Vortheile des Redners standen dir in der damaligen Verhandlung zu Gebote: die Gewaltthätigkeit, die Flucht, die Steinigung, die Grausamkeit des Tribunen bei dem harten und bedauernswürdigen Mißgeschicke des Cäpio riefst du vor das Gericht; dann war es bekannt, daß der erste Mann des Senates und Staates, Marcus Aemilius, von einem Steine getroffen war; daß aber Lucius Cotta und Titus Didius, als sie gegen den Antrag Einrede thun wollten, von der Rednerbühne vertrieben worden waren, konnte Niemand ableugnen.

XLVIII. 198. Hierzu kam noch, daß dir als einem jungen Mann diese Anklage, als zum Besten des Staates angestellt, zur höchsten Ehre angerechnet wurde, während für mich, einen gewesenen Censor Antonius war im Jahre 96 v. Chr. mit Flaccus Consul gewesen., die Vertheidigung eines aufrührerischen Bürgers, der sich bei dem Mißgeschicke eines Consulars so grausam bewiesen hatte, kaum recht ehrenhaft erscheinen konnte. Die wackersten Bürger waren Richter, das Forum war angefüllt mit gutgesinnten Bürgern, so daß mir kaum noch darin eine schwache Verzeihung und Entschuldigung blieb, daß ich doch einen Mann vertheidigte, der mein Quästor gewesen war. Was für eine Kunst, soll ich sagen, habe ich hierbei angewendet? Ich will erzählen, was ich gethan habe. Wenn es euch beliebt, so möget ihr meine Vertheidigung als ein Ergebniß der Kunst ansehen. 199.Von allen Aufständen stellte ich die Arten, Gebrechen und Gefahren zusammen und ging bei dieser Erörterung auf alle Wechsel der Zeitumstände in unserem Staate zurück und zog hieraus die Folgerung, daß, wenn auch alle Aufstände zu jeder Zeit peinlich, doch einige gerecht und beinahe nothwendig gewesen seien. Hierauf trug ich das vor, was Crassus eben Kap. 28, §. 124. erwähnte, daß weder die Könige aus unserem Staate hätten vertrieben, noch die Volkstribunen gewählt, noch durch Volksbeschlüsse so oft die konsularische Macht beschränkt, noch das Berufungsrecht zum Schutze des Bürgertums und zum Schirm der Freiheit dem Römischen Volke verliehen werden können, wenn nicht die Bürgerlichen mit den Adeligen in Zwietracht ausgebrochen wären. Wären aber jene Aufstände unserem Staate heilsam gewesen, so dürfe man nicht sofort, wenn eine Volksbewegung stattgefunden habe, dieses dem Gajus Norbanus als frevelhaftes Vergehen und der Todesstrafe würdiges Verbrechen anrechnen. Wenn nun jemals eine Aufregung des Volkes als rechtmäßig anerkannt worden wäre, so habe keine einen gerechteren Grund gehabt als jene. Alsdann leitete und wandte ich meine ganze Rede darauf hin, daß ich die Flucht des Cäpio heftig tadelte und den Untergang des Kriegsheeres bejammerte. Auf diese Weise gelang es mir durch meinen Vortrag den Schmerz derer, die die Ihrigen betrauerten, wieder aufzufrischen und die Gemüther der Römischen Ritter, vor denen, als den damaligen Richtern, die Sache verhandelt wurde, zum Hasse gegen Quintus Cäpio, dem sie ohnehin wegen der Gerichte Durch die Sempronische Bill (121 v. Chr.) hatte der Senat die richterliche Gewalt verloren und der Ritterstand sie erhalten, nach der Bill des Cäpio aber ( lex Servilia, 104 v.Chr.) sollten an der Gerichtsbarkeit Ritter und Senatoren gemeinschaftlich Theil haben. Obgleich zu der Zeit, als Sulpicius den Norbanus anklagte, die Ritter wieder im alleinigen Besitze der richterlichen Gewalt waren, so hegten sie doch noch immer einen Groll gegen den Cäpio. abgeneigt waren, auf's Neue zu entflammen.

XLIX. 200. Sobald ich nun merkte, daß ich mich zum Herrn des Gerichtes gemacht hatte, und daß meine Vertheidigung auf fester Grundlage ruhe, weil ich einerseits das Wohlwollen des Volkes gewonnen hatte, dessen Recht ich sogar in Verbindung mit Aufruhr vertheidigt hatte, andererseits die Gemüther der Richter theils durch die Erinnerung an das Mißgeschick des Staates und an die Trauer um die Verwandten und die Sehnsucht nach ihnen, theils durch den persönlichen Haß gegen Cäpio gänzlich meiner Sache zugewandt hatte: da fing ich an dieser leidenschaftlichen und aufgeregten Art des Vortrages jene andere, von der ich zuvor gesprochen habe, die der Milde und Freundlichkeit, beizumischen, indem ich erklärte, ich kämpfte für meinen Amtsgefährten, der mir nach Sitte der Altvordern einem Kinde gleich gelten müsse, und für meinen ganzen Ruf beinahe und meine Lebensverhältnisse; Nichts könne meiner Ehre schimpflicher sein, Nichts mich mit einem empfindlicheren Schmerze erfüllen, als wenn ich, der ich nach dem Urtheile der Leute oft ganz fremden Menschen, bloß weil sie meine Mitbürger waren, Rettung verschafft habe, nicht im Stande wäre meinem Amtsgefährten Hülfe zu leisten. 201.Ich bat die Richter, sie möchten in Rücksicht auf mein Alter, auf meine verwalteten Ehrenstellen, auf meine Thaten gegen mich Nachsicht üben, wenn sie mich von einem gerechten, von einem pflichtmäßigen Schmerze ergriffen sähen, zumal wenn sie bei anderen Verhandlungen die Einsicht gewonnen hätten, daß ich zu jeder Zeit nur für meine von Gefahren bedrohten Freunde, nie für mich selbst Fürbitten eingelegt hätte. So habe ich in jener ganzen Vertheidigung und Verhandlung das, was die Kunstregeln zu erheischen schienen, daß ich nämlich von dem Appulejischen Gesetze S. zu Kap. 25, §. 107. redete, daß ich den Begriff der Hoheitsverletzung entwickelte, nur sehr kurz und oberflächlich berührt. Aber die beiden Arten der Beredsamkeit, von denen die eine sich mit der Aufregung der Leidenschaft, die andere mit der Erwirkung der Zuneigung beschäftigt, die beide am Wenigsten durch Kunstregeln ausgebildet sind, wurden von mir in der Behandlung meiner ganzen Sache benutzt, so daß ich einerseits, als ich den Haß gegen Cäpio erneuerte, sehr heftig, andererseits, als ich meine Gesinnung gegen meine Schutzbefohlenen an den Tag legte, sehr sanftmütig erschien. So gelang es mir mehr durch Rührung der Gemüther als durch Belehrung der Richter über deine Anklage, Sulpicius, den Sieg zu erringen.

L. 202. Da erwiderte Sulpicius: Wahrlich du erwähnst dieß mit Recht, Antonius. Denn noch nie sah ich Etwas so aus den Händen entschlüpfen, wie mir damals jene Sache entschlüpfte. Denn als ich dir, wie du bemerktest Kap. 47, §. 197., nicht ein Gericht, sondern einen Feuerbrand übergeben hatte; wie, unsterbliche Götter, war da der Anfang deiner Rede! welche Besorgnis welche Bedenklichkeit! wie stotternd und lang gedehnt deine Worte! Aber kaum hattest du zu Anfang das, was dir allein die Nachsicht der Menschen gewann, erreicht, daß du nämlich für einen dir nahestehenden Mann, deinen Quästor, als Vertheidiger auftretest: wie wußtest du da vorerst dir die Bahn zu brechen, um dir Gehör zu verschaffen! 203.Aber siehe! Da ich meinte, du hättest Nichts weiter ausgerichtet, als daß die Menschen dir die Vertheidigung eines schlechten Bürgers wegen der Amtsgenossenschaft verleihen zu müssen meinten; begannst du unmerklich weiter um dich zu greifen, indeß die Anderen Nichts ahnten, ich aber äußerst besorgt wurde, du möchtest die Sache nicht als einen Aufruhr des Norbanus, sondern als die Wirkung von dem Zorne des Römischen Volkes, und zwar von einem nicht ungerechten, sondern verdienten und schuldigen, vertheidigen. Ferner welcher Umstand wurde von dir bei dem Angriffe auf Cäpio unbeachtet gelassen? Wie verstandst du in Allem Haß, Unwillen, Mitleid durcheinander zu mischen! Und das nicht allein bei der Vertheidigung, sondern auch gegen Scaurus und meine übrigen Zeugen, deren Zeugnisse du nicht durch Widerlegung, sondern dadurch, daß du deine Zuflucht zu demselben Ungestüme des Volkes nahmst, entkräftetest. 204.Als du dieses so eben erzähltest, vermißte ich darin keine Regeln der Kunst; doch glaube ich, daß es an sich schon eine nicht unerhebliche Unterweisung in sich schließt Ich lese ipsam tamen istam doctrinam esse non mediocrem puto statt ipsam tamen istam demonstrationem defensionum tuarum abs te ipso commemoratam doctrinam esse non mediocrem puto. Die von mir weggelassenen Worte fehlen in mehreren Handschriften und sind ein müssiger und lästiger Zusatz. Auch Ellendt hat sie als unächt in Klammern eingeschlossen.. Nun denn, wenn es euch so gefällt, sagte Antonius, so will ich euch vortragen, was ich in meinen Reden zu befolgen und worauf ich mein Augenmerk zu richten pflege; denn ein langes Leben und die Erfahrung in den wichtigsten Angelegenheiten hat mich die Mittel erlernen lassen, durch welche die Gemüther der Menschen in Bewegung gesetzt werden.

LI. 205. Ich pflege daher zuerst zu überlegen, ob die Sache so Etwas erfordere. Denn weder bei geringfügigen Gegenständen darf man diese Feuerbrände der Rede anwenden, noch auch bei einer solchen Stimmung der Menschen, bei welcher wir durch unseren Vortrag auf die Rührung der Gemüther durchaus nicht einwirken können, ja uns der Gefahr aussetzen verspottet zu werden und uns verhaßt zu machen, wenn wir bei Possen Trauerspiele aufführen wollen oder das Unbewegliche in Bewegung zu setzen versuchen. 206.Weil es nämlich in der Regel besonders folgende Empfindungen sind, welche in den Gemüthern der Richter oder sonstiger Zuhörer, vor denen wir reden, in Bewegung gesetzt werden müssen: Liebe, Haß, Zorn, Neid, Mitleiden, Hoffnung, Freude, Furcht, Verdruß: so sehen wir ein, daß wir Liebe gewinnen, wenn man das, was gerade denen nützlich ist, vor denen man redet, zu vertheidigen, oder wenn man sich für rechtschaffene Männer oder wenigstens für solche, welche in ihren Augen rechtschaffen und tüchtig sind, zu bemühen scheint. Denn das Letztere gewinnt mehr Liebe, das Erstere hingegen, die Vertheidigung der Tugend, mehr Hochachtung, und mehr richtet man aus, wenn man die Hoffnung auf künftigen Vortheil ankündigt, als wenn man eine vergangene Wohlthat erwähnt. 207.Man muß sich Mühe geben zu zeigen, daß die Sache, die man vertheidigt, entweder mit Ehre oder mit Nutzen verbunden ist, und anzudeuten, daß der, dem man diese Liebe gewinnen will, Nichts auf seinen Vorteil bezogen und überhaupt Nichts in eigennütziger Absicht gethan habe. Denn die Vortheile der Menschen selbst beneidet man; ihren Bemühungen aber Anderen Vorteile zu gewähren ist man günstig. 208.Auch muß man sich hierbei vorsehen, daß wir nicht von den Männern, die wir wegen ihrer guten Handlungen geachtet wissen wollen, Lob und Ruhm, die man am Meisten zu beneiden pflegt, allzu sehr zu erheben scheinen. Aus denselben Quellen schöpfen wir auch die Kunst Haß sowol gegen Andere aufzuregen als von uns und den Unsrigen zu entfernen. und ein gleiches Verfahren müssen wir bei Erregung und Besänftigung des Zornes anwenden. Denn wenn man das, was den Zuhörern selbst verderblich oder schädlich ist, mit erhöhter Farbe darstellt, so erzeugt man Haß; wenn man aber in gleicher Weise bei der Erwähnung schlechter Handlungen, die man gegen brave Männer oder gegen solche, die es am Wenigsten verdient hatten, oder gegen den Staat ausgeübt hat, verfährt, so erregt man, wenn auch nicht einen gleich bitteren Haß, doch eine dem Unwillen oder dem Hasse nicht unähnliche Abneigung. 209. Auf gleiche Weise jagt man Furcht durch die Beschreibung eigener oder gemeinsamer Gefahren ein. Tiefer in's Herz dringt die Furcht vor eigener Gefahr; aber auch die gemeinsamen müssen so geschildert werden, daß sie jener gleich zu kommen scheinen.

LII. Ein ganz gleiches Verhältniß findet bei der Hoffnung, der Freude und dem Verdrusse statt; doch unter allen Gemüthsbewegungen dürfte der Neid wol die heftigste sein, und es ist nicht weniger Anstrengung erforderlich, um ihn zu unterdrücken, als um ihn zu erregen. Es beneiden aber die Menschen vorzüglich die ihnen gleich Gestellten oder auch Niedrigere, wenn sie meinen, daß sie zurückgeblieben sind, und die schmerzliche Bemerkung machen, daß diese sie überflügelt haben. Aber auch gegen Höhere empfindet man oft heftigen Neid, und um so mehr, je unerträglicher sie sich brüsten und wegen ihres Vorranges an Würde und Glück die Gränze des Allen gleichmäßig zukommenden Rechtes überschreiten. Sollen diese Vorzüge zur Entflammung des Neides benutzt werden, so muß man vor Allem behaupten, daß sie nicht durch Tugend, und dann, daß sie sogar durch Laster und Vergehungen erworben seien; ferner wenn sie zu ehrenvoll und bedeutend sein sollten, so erkläre man, daß doch kein Verdienst einen so hohen Werth habe, daß es der Anmaßung und dem schnöden Stolze des Menschen gleich komme. 210.Zur Beschwichtigung des Neides hingegen muß man zeigen, daß jene Vorzüge durch große Anstrengung unter großen Gefahren erworben seien, daß ihr Besitzer dieselben nicht zu eigenem, sondern zu Anderer Nutzen verwendet habe, daß er an dem Ruhme, den er sich etwa erworben zu haben scheine, obwol er kein unbilliger Lohn der Gefahr sei, doch kein Vergnügen finde, ihn vielmehr ganz fallen lasse und aufgebe. Und weil die meisten Menschen neidisch sind, und dieses Laster so allgemein und überall verbreitet ist, ein hervorragendes und blühendes Glück aber der Gegenstand des Neides zu sein pflegt; so muß man überhaupt sich eifrig bemühen diese Meinung hiervon den Leuten auszureden und zu zeigen, daß jenes dem Scheine nach so glänzende Glück durch Mühseligkeiten und Kümmernisse verbittert werde. 211.Das Mitleid ferner wird erregt, wenn der Zuhörer in die Gemüthsstimmung versetzt werden kann, daß er das Traurige, was an einem Anderen beklagt wird, nach den eigenen bitteren Schicksalen, die er entweder erduldet hat oder befürchtet, bemißt oder bei der Betrachtung eines Anderen häufig auf sich selbst zurückblickt. Sowie nun alle Zufälle des menschlichen Elendes schmerzlich empfunden werden, wenn man sie mit teilnehmender Rührung schildert; so ist es besonders die gemißhandelte und mit Füßen getretene Tugend, welche tiefe Betrübniß hervorruft; und sowie die eine Art der Beredsamkeit, welche den Charakter eines Menschen durch die Empfehlung seiner Rechtschaffenheit in einem vorteilhaften Lichte zeigen soll, einen sanften und gelassenen Vortrag, wie ich schon oft bemerkte, erfordert, so muß die andere, deren sich der Redner bedient, um die Gemüther umzustimmen und auf jede Weise zu lenken, mit gespannter Kraft und Feuer vorgetragen werden.

LIII. 212. Aber zwischen diesen beiden Arten, von denen wir die eine sanft, die andere feurig wissen wollen, findet eine gewisse, schwer zu unterscheidende Aehnlichkeit statt. Denn sowie von jener Sanftheit, durch die wir uns bei den Zuhörern beliebt machen, Etwas in diesen leidenschaftlichen Nachdruck, durch den wir sie erregen, einfließen muß; so müssen wir hingegen von diesem Nachdrucke zuweilen etwas Belebendes in jene Sanftheit hineinbringen Nach der Muthmaßung von Eggers Quaest. Tull. Alton. 1842. p.24. inferendum, vgl. §.214. intuleris, §216 inferenda, Lambin muthmaßt inferendum; die Lesart der meisten Handschriften ist inflammandum; Ellendt billigt die Muthmaßung instillandum., und keine Rede hat eine bessere Mischung als die, in welcher die Rauheit des leidenschaftlichen Vortrages durch die Freundlichkeit des Redners selbst gemildert, und die Schlaffheit der Sanftmuth durch Ernst und Nachdruck gekräftigt wird. 213. Bei beiden Arten des Vortrages aber, sowol bei jener, in der Kraft und Nachdruck erforderlich ist, als bei dieser, deren man sich bei der Schilderung des Lebens und Charakters bedient S. Kap. 52, §. 211., müssen die Eingänge langsam sein, aber auch die Ausgänge sich Zeit nehmen spissi . Vgl. Cicer. ad Attic. X. 18, 2: Sed hoc quoque timide scribo; ita omnia tarda adhuc et spissa. Plaut. Poen. III. 1, 3: hos duco homines spissigradissimos, tardiores, quam corbitae sunt in tranquillo mari. und gedehnt sein. Man darf nämlich weder sogleich zu jener Art des Vortrages überspringen; denn sie geht ganz von dem Streitpunkte ab, und die Menschen wünschen zuerst den eigentlichen Gegenstand der gerichtlichen Untersuchung zu erfahren; noch auch, wenn man diesen Ton einmal angestimmt hat, ihn schnell verlassen. 214.Denn ein Beweisgrund wird allerdings, sobald er vorgelegt ist, gefaßt, und ein zweiter und dritter wird verlangt; aber nicht auf gleiche Weise kann man Mitleid oder Neid oder Zorn so schnell, als man davon zu reden begonnen hat, erregen. Der Beweisgrund erhält seine Kraft durch den vernünftigen Gedanken selbst, der, sobald er ausgesprochen ist, sofort im Geiste haftet; jene Art des Vortrages aber legt es nicht auf Belehrung des Richters an, sondern mehr auf seine Erschütterung, und diese kann Niemand auf eine andere Weise hervorbringen als durch einen umfangreichen, mannigfaltigen und reichhaltigen Vortrag, der von einer entsprechenden Lebhaftigkeit des Mienen- und Gebärdenspieles begleitet ist. 215.Wer daher kurz oder in sanftem Tone redet, der kann den Richter belehren, aber ihn zu erschüttern vermag er nicht: worauf doch Alles beruht. Ferner ist auch das einleuchtend, daß die Fähigkeit über alle Gegenstände dafür oder dagegen zu reden aus denselben Quellen geschöpft wird. Aber den Beweisgrund des Gegners muß man entkräften theils dadurch, daß man das verwirft, was zur Bestätigung desselben angeführt wird, theils dadurch, daß man zeigt, daß das, was die Gegner daraus schließen wollen, nicht aus ihren Vordersätzen erwiesen werde und nicht folgerichtig sei; oder wenn auf diese Weise die Widerlegung nicht möglich ist, so muß man für das Gegentheil Beweisgründe beibringen, die entweder stärker oder gleich stark sind. 216.Was aber der Gegner entweder, um die Gemüther zu gewinnen, sanft, oder, um sie zu erschüttern, leidenschaftlich vorträgt, das muß man durch Erregung entgegengesetzter Gemüthsbewegungen zu entkräften Nach Walker's Muthmaßung: infirmanda . Die meisten Handschriften bieten efferenda oder inferenda. suchen, indem man Haß durch Wohlwollen, Mitleid durch Neid aufhebt.

LIV. Angenehm aber und oft ausnehmend nützlich ist der Scherz und die witzigen Einfälle; aber wenn sich alles Andere durch Kunstregeln vortragen läßt, so sind diese doch Naturgaben und bedürfen keiner Kunst. Hierin zeichnest du dich, Cäsar, nach meinem Urtheile vor Anderen ganz besonders aus. Um so mehr kannst du mir auch bezeugen, daß es keine Kunstregeln über den Witz gibt, oder gibt es solche, so wirst du uns hierin den besten Unterricht geben. 217.Ja wahrlich, erwiderte er, über jeden Gegenstand, glaube ich, kann ein Mann von einiger Bildung leichter reden als über den Witz. Als ich nun einige Griechische Bücher sah, die die Aufschrift »Von dem Lächerlichen« führten; so machte ich mir einige Hoffnung hieraus etwas erlernen zu können. Ich fand allerdings viele lächerliche und witzige Aeußerungen der Griechen; denn die Sikuler, die Rhodier, die Byzantiner und vor Allen die Attiker zeichnen sich hierin aus; aber diejenigen, welche versucht haben Kunstregeln und ein Lehrgebäude hiervon aufzustellen, zeigen sich so alles Witzes bar, daß man über nichts Anderes bei ihnen lachen kann als eben über ihre Witzlosigkeit. 218.Daher läßt sich meines Erachtens ein kunstmäßiger Unterricht über diesen Gegenstand auf keine Weise ertheilen. Allerdings gibt es zwei Arten des Witzes, von denen die eine gleichmäßig über die ganze Rede verbreitet ist, die andere in kurzen, scharf treffenden Einfällen besteht; die erstere nennen die Alten Laune cavillatio, das man auch Humor übersetzen kann., die letztere Spottwitz dicacitas, der beißende Scherz, die Stachelrede.. Einen unbedeutenden Namen hat Beides; natürlich; unbedeutend ist ja die ganze Sache, die Erregung des Lachens. 219.Jedoch habe ich sehr oft die Erfahrung gemacht, daß man, wie du bemerkst, Antonius, in den Rechtsverhandlungen durch Laune und Witz viel ausrichtet. Aber da man für die erstere Art, für die gemütliche Laune, die sich durch den ganzen Vortrag hindurchzieht, keine Kunstregeln vermißt; denn die Natur bildet und schafft die witzigen Nachahmer und Erzähler, indem die Mienen, die Stimme und die ganze Ausdrucksweise das Ihrige dazu beitragen: wie könnte denn wol bei der letzteren Art, bei dem beißenden Witze, von Kunst die Rede sein, da das entsandte Witzwort eher haften muß, als man den Gedanken daran für möglich hielt? 220.Was konnte zum Beispiel meinem Bruder Dem anwesenden Quintus Catulus. die Kunst helfen, als er dem Philippus S. I. Kap. 7. II. Kap. 60. auf die Frage: »Warum billst du so?« zur Antwort gab: »Ich sehe einen Dieb?« Was dem Crassus in der ganzen Rede vor den Centumvirn gegen Scävola S. I. 39. 180. Ueber Brutus s. zu Kap.55 Note432. oder gegen den Ankläger Brutus in seiner Vertheidigung des Gnäus Plancus S. Brutus c. 34.? Denn das Lob, das du mir ertheilst, Antonius, muß man nach Aller Urtheil dem Crassus vielmehr zugestehen. Denn nicht leicht wird man außer ihm Jemanden finden, der in beiden Arten des Witzes abgezeichnet ist, sowol in der, welche sich durch die ganze Rede hindurchzieht, als auch in der, welche sich in schnellen scharf treffenden Einfällen äußert. 221.Denn diese ganze Vertheidigung des Curius Die Rede des Crassus zur Vertheidigung des Manius Curius gegen Scävola, der den Coponius vertheidigte. S. I.39,180. gegen den Scävola floß durchweg von Heiterkeit und Scherz über; aber jene kurzen Witzworte enthielt sie nicht. Denn er schonte die Würde des Gegners, und dadurch bewahrte er seine eigene; dieß ist aber für witzige und spottsüchtige Menschen höchst schwierig, auf Menschen und Zeiten Rücksicht zu nehmen und die guten Einfälle da zurückzuhalten, wo sie sich am Witzigsten anbringen lassen. 222.So wissen denn einige Witzlinge eben dieses auf eine nicht abgeschmackte Weise zu erklären, indem sie des Ennius Anspruch anführen: »Der Weise könne leichter eine Flamme im brennenden Munde erdrücken als gute Worte bona dicta , wie im Französischen bons mots. zurückhalten.« Gute Worte bedeuten nämlich witzige Worte. Denn mit dieser besonderen Benennung bezeichnet man jetzt Witzworte.

LV. Aber sowie sich Crassus gegen den Scävola dieser enthielt und sich jeder anderen Art, in welcher sich keine beschimpfenden Stachelreden befinden, bediente, indem er jene Verhandlung und Erörterung mit launigem Scherze führte; so kämpfte er gegen den Brutus Brutus war der Sohn des Marcus Brutus, eines berühmten Rechtsgelehrten. Cicero nennt ihn im Brut. 34, 130 einen Schandfleck der gens Junia., den er haßte und den er der Beschimpfung werth achtete, mit beiden Arten. 223.Wie Vieles sagte er von den Bädern, die dieser verkauft hatte, wie Vieles von dem durchgebrachten väterlichen Erbgute! Und ferner jene kurzen Stachelreden! Als jener sagte, er schwitze ohne Ursache, versetzte er: »Kein Wunder; du bist ja eben aus deinem Badehause herausgegangen Brutus sagt. Ich schwitze ohne Noth, d. h. ich habe nicht nöthig mich gegen dich, oPlancus, und deinen Vertheidiger Crassus so anzustrengen. Crassus, das Wort schwitzen erfassend, erwidert: »daß du schwitzest ist natürlich; du bist ja eben aus deinem Badehause herausgegangen.« Das Wort herausgegangen ist aber in uneigentlichem Sinne aufzufassen und bedeutet: wegen deines unordentlichen Lebenswandels hast du dein Badehaus verkaufen müssen..« Unzähliges der Art kam vor; aber nicht minder anziehend war die heitere Laune, die den ganzen Vortrag durchdrang. Als zum Beispiel Brutus zwei Vorleser auftreten ließ, von denen er dem einen die Rede des Crassus von der Niederlassung zu Narbo, dem anderen die über die Servilische Bill zum Vorlesen gab, und die in beiden Reden in Betreff der Staatsverwaltung sich widersprechenden Stellen In der ersteren Rede, welche die Anlegung einer Kolonie zu Narbo (in Gallia Narbonensis) zum Gegenstand hatte, sprach Crassus, der sie dahin zu führen wünschte, gegen den Senat, der der Anlegung der Kolonie entgegen gewesen zu sein scheint. Dieß geschah im Jahre 118 v.Chr., als Crassus im dreiundzwanzigsten Jahre stand. Die zweite Rede hielt Crassus 12Jahre später (106 v.Chr.), in derselben vertheidigte er das von Servilius Cäpio vorgeschlagene Gesetz ( lex judiciaria), nach welchem die Ritter die Gerichtsbarkeit mit dem Senate zu theilen hatten, und sprach daher für den Senat. Brutus wollte hierdurch die Unbeständigkeit des Crassus in seinen politischen Grundsätzen darthun; aber die erstere Rede hatte Crassus als Jüngling, die letztere als erfahrener Mann gehalten. gegen einander hielt; so hatte unser Freund den höchst witzigen Einfall drei anderen Vorlesern drei Schriften von dem Vater des Brutus über das bürgerliche Recht zum Vorlesen zu geben. 224.Aus der ersten Schrift ließ er folgende Stelle verlesen: Zufällig traf es sich, daß wir uns auf unserem Landgute bei Privernum In Latium. – Unter Alba ist Alba Longa zu verstehen, die älteste Stadt in Latium. Tibur, Stadt in Latium am Anio. befanden. »Brutus, dein Vater bezeugt, daß er dir ein Grundstück bei Privernum hinterlassen habe.« Hierauf aus der zweiten Schrift: Auf dem Landgute bei Alba befanden wir uns. ich und mein Sohn Marcus. »Er, einer der klügsten Männer unseres Staates, kannte nämlich diesen Schlemmer; er war besorgt, wenn dieser Nichts mehr habe, so möchte man glauben, es sei ihm Nichts hinterlassen worden.« Dann aus der dritten Schrift, mit der er seine Schriftstellerei beschloß (denn nur so viel Bücher des Brutus sind, wie ich aus des Scävola Munde weiß, ächt): Auf unserem Landgute bei Tibur saßen wir zufällig bei einander, ich und mein Sohn Marcus. »Wo sind diese Grundstücke, Brutus, die von deinem Vater in öffentlichen Denkschriften aufgezeichnet und dir hinterlassen sind? Wärest du nicht schon erwachsen gewesen Cicer. de Offic. I. 35, 129. sagt. Nach unseren Sitten wenigstens baden sich nicht erwachsene Sohne mit ihren Vätern, Schwiegersöhne mit ihren Schwiegervätern., fährt er fort, er würde eine vierte Schrift abgefaßt und schriftlich hinterlassen haben, er habe sich mit seinem Sohne auch in seinen Bädern unterhalten.« 225.Wer sollte also nicht gestehen, daß durch diese Laune und durch diese witzigen Einfälle Brutus nicht minder widerlegt wurde als durch die feierliche Sprache, die jener erhob, als zufällig während derselben Verhandlung die alte Junia Eine Verwandte des Brutus. Die Bruti gehören sämmtlich der gens Junia an. zu Grabe getragen wurde? Oihr unsterblichen Götter, welche, wie große, wie unerwartete, wie plötzliche Wirkung brachte es hervor, als er, die Blicke auf ihn heftend, mit allen drohenden Gebärden in dem ernstesten Tone und mit hinreißender Schnelligkeit der Worte ihn so anredete: Brutus, was sitzest du hier? Was soll diese alte Frau deinem Vater verkünden? was allen denen, deren Bildnisse Nach der Römischen Sitte, nach welcher den Leichen der Adeligen ihre Ahnenbilder vorangetragen wurden. du vorüberziehen siehst? was deinen Ahnen? was dem Lucius Brutus, der unser Volk von der Zwingherrschaft der Könige befreite? Soll sie ihm erzählen, was du thust, welches Geschäftes, welches Ruhmes, welcher Tugend du dich befleißigst? Etwa der Vermehrung des väterlichen Gutes? Doch das ziemt deinem Adel nicht. 226.Aber angenommen, es zieme sich; es ist ja Nichts mehr übrig; deine Lüste haben Alles vergeudet. Oder des bürgerlichen Rechtes? Das wäre deines Vaters Des Brutus Vater war ein berühmter Rechtsgelehrter. würdig. Aber sie wird ihm sagen, du habest bei dem Verkaufe deines Hauses unter den beweglichen Gütern nicht einmal den väterlichen Lehnsessel Die Rechtsgelehrten pflegten auf einem Lehnsessel sitzend den Klienten die Rechtsbescheide zu ertheilen. dir vorbehalten. Oder des Kriegswesens? Aber du hast nie ein Feldlager gesehen. Oder der Beredsamkeit? Aber von dieser weißt du gar Nichts, und was du noch durch Stimme und Zunge vermagst, hast du zu dem niederträchtigsten Gewerbe der Verleumdung verwendet. Und du wagst es noch das Tageslicht anzuschauen? Diese Männer anzublicken? auf dem Forum, in der Stadt, vor den Augen deiner Mitbürger zu verweilen? Du entsetzest dich nicht vor jener Leiche, nicht vor jenen Ahnenbildern selbst? für deren Aufstellung, um von ihrer Nachahmung ganz und gar zu schweigen, du dir kein Plätzchen übrig gelassen hast.

LVI. 227. Doch dieß ist die feierliche und erhabene Sprache des Trauerspieles; aber geistreiche und witzige Aeußerungen sind euch noch unzählige aus einer einzigen Rede erinnerlich. Denn nie fand ein größerer Wettstreit contentio nach einer, später durch Handschriften bestätigten Muthmaßung von Schütz statt concio. statt, nie wurde vor dem Volke eine eindringlichere Rede gehalten als die, welche unser Crassus neulich gegen seinen Amtsgenossen Cn. Domitius Ahenobarbus. S. zu Kap. 11. Anm. 307. in der Censur hielt, nie war eine Rede von Laune und heiterem Scherze gewürzter. Daher stimme ich dir, Antonius, in beiden Hinsichten bei, daß der Witz beim Reden oft von großer Wirkung sei, und daß er auf keine Weise kunstmäßig gelehrt werden könne; aber das befremdet mich, daß du mir in diesem Stücke einen so großen Vorzug beilegst und nicht vielmehr auch hierin, wie in allem Uebrigen, dem Crassus den Siegespreis zuerkennst. 228.Ja, erwiderte Antonius, das würde ich auch wirklich gethan haben, wenn ich nicht zuweilen den Crassus ein Wenig darum beneidete. Allerdings ist selbst die ausgezeichneteste Anlage zur Laune und zum Witze an und für sich nicht eben sehr beneidenswert; aber daß er Alle an Anmuth und Feinheit des Witzes übertrifft und zugleich ein Mann von der höchsten Würde und dem tiefsten Ernste ist und dafür gilt: ein Vorzug, der diesem allein zu Theil geworden ist, das schien mir kaum erträglich. 229.Bei diesen Worten konnte sich Crassus selbst des Lachens nicht enthalten, und Antonius fuhr fort: Du hast zwar behauptet, Julius, es gebe keine Kunst des Witzes; aber gleichwol hast du Etwas dargelegt, was man, wie es scheint, als eine Regel ansehen muß. Du bemerktest nämlich, man müsse Rücksicht nehmen auf Personen, Sachen und Zeiten, damit der Scherz der Würde keinen Abbruch thue: was ganz besonders Crassus zu beachten pflegt. Aber diese Vorschrift sagt nur, man solle den Witz nicht anwenden praetermittendarum, eine Muthmaßung von Heinz für praetermittendum., wo er durchaus nicht nöthig ist. Wir aber wollen wissen, wie wir ihn gebrauchen sollen, wo er nöthig ist, wie zum Beispiel wider einen Gegner, und zwar vorzüglich, wenn man seinen Unverstand verhöhnen kann, oder gegen einen thörichten, parteiischen und leichtsinnigen Zeugen, wenn man hoffen darf von den Menschen gern gehört zu werden. 230.Ueberhaupt werden witzige Einfälle beifälliger aufgenommen, wenn wir sie gereizt, als wenn wir sie ohne vorhergehende Veranlassung vorbringen. Denn einerseits ist die Raschheit des Geistes größer, welche sich im Antworten zeigt, andererseits entspricht die Antwort dem Wesen des menschlichen Gefühles. Denn es hat den Schein, als ob wir uns ruhig würden verhalten haben, wenn wir nicht gereizt worden wären, wie auch gerade in jener Rede fast keine Aeußerung, die nämlich für eine witzige gelten konnte, von Crassus vorgebracht wurde, die nicht eine Entgegnung auf eine Herausforderung gewesen wäre. Auch zeigte Domitius so viel Würde, so viel Ansehen, daß es zweckmäßiger schien seine Vorwürfe durch einen launigen Vortrag zu entkräften als durch heftigen Streit in ihrer Nichtigkeit darzustellen.

LVII. 231. Hierauf sagte Sulpicius: Wie nun? Sollen wir zulassen, daß Cäsar, der zwar dem Crassus die Gabe des Sitzes einräumt, aber sich mit demselben weit mehr wissenschaftlich beschäftigt, uns nicht das ganze Wesen des Scherzes entwickele und seine Beschaffenheit und seine Quellen darlege, zumal da er gesteht, der Witz und der feine Scherz sei von so großer Wirkung und so großem Nutzen? Wie? versetzte Julius, wenn ich der Behauptung des Antonius beistimme, daß es kein wissenschaftliches Lehrgebäude des Witzes gebe? 232.Hier schwieg Sulpicius, und Crassus nahm das Wort: Ei wie? als ob es gerade von den Dingen, über die Antonius schon lange spricht, irgend ein wissenschaftliches Lehrgebäude gäbe. Nach seinem eigenen Geständnisse S. II. 8, 32. ist es eine Beobachtung solcher Dinge, welche beim Reden eine Wirkung hervorbringen. Könnte aber dieß die Menschen zu Rednern bilden, wer würde da nicht ein Redner sein? Denn wer vermöchte nicht so Etwas leicht oder wenigstens einigermaßen zu erlernen? Aber die Bedeutung und der Nutzen solcher Vorschriften besteht meines Erachtens zwar nicht darin, daß wir durch sie zu der Erfindung dessen, was wir sagen sollen, kunstmäßig geleitet werden, wohl aber darin, daß wir zu einer festen Ueberzeugung und Einsicht gelangen, ob das, was wir durch Naturanlagen, durch Fleiß und Uebung erlangen, recht oder verkehrt ist, wenn wir gelernt haben, wo Jedes zweckmäßig zu gebrauchen sei. 233.Deßhalb ersuche auch ich dich, lieber Cäsar, uns, wenn es dir gefällig ist, über das ganze Wesen des Scherzes deine Ansichten zu eröffnen, damit nicht etwa irgend ein Theil der Beredsamkeit, weil ihr es nun einmal so gewünscht habt, in einer solchen Gesellschaft und in einer so gründlichen Unterredung übergangen zu sein scheine. Nun ja, erwiderte jener, weil du nun einmal, mein Crassus, von deinem Gaste eine Beisteuer verlangst, so will ich nicht die Schuld tragen, als gäbe ich durch meine Ablehnung auch dir einen Vorwand zur Weigerung, wiewol ich mich oft über die Unverschämtheit derer zu verwundern pflege, die vor den Augen des Roscius auf der Bühne als Schauspieler auftreten. Denn wer kann hier eine Bewegung machen, an der dieser nicht Fehler bemerkte? Ebenso werde ich jetzt vor Crassus zum ersten Male von dem Witze reden und, wie die Sau im Sprüchworte Das Sprüchwort heißt vollständig: Sus Minervam (sc. docet), die Sau belehrt die Minerva., den Redner belehren, von dem neulich Catulus, als er ihn reden gehört hatte, sagte, in Vergleich mit ihm müßten die Anderen Heu essen D. h. alle anderen Redner können ebenso wenig mit Crassus verglichen werden. wie das Heu fressende Thier, vorzugsweise das Rindvieh, mit dem Menschen.. 234.Catulus scherzte, erwiderte jener, zumal da er selbst so redet, daß er mit Ambrosia gespeist zu werden verdient. Doch, lieber Cäsar, laß uns dich hören, um auf das zurückkehren zu können, was Antonius noch übrig gelassen hat. Und Antonius sagte: Es ist zwar nur sehr wenig noch übrig; aber von dem mühsamen Wege meines Vortrages fühle ich mich jetzt ermüdet, und die Rede Cäsar's wird mir wie ein bequemes Gasthaus Gelegenheit zur Erholung geben.

LVIII. 235. Aber, entgegnete Julius, die Bewirtung, die du bei mir findest, wirst du eben nicht sehr freundlich nennen. Denn sobald du einige Bissen gekostet hast, werde ich dich wieder auf die Straße stoßen und hinauswerfen. Doch, um euch nicht länger aufzuhalten, will ich euch über diesen ganzen Gegenstand meine Ansicht ganz kurz darlegen. In Betreff des Lachens sind es fünf Punkte, die zur Untersuchung kommen: erstens, was es sei; zweitens, woher es entstehe; drittens, ob die Absicht Lachen zu erregen dem Redner gezieme; viertens, in wie weit; fünftens, was es für Arten des Lächerlichen gebe. Was nun den ersten Punkt anlangt, was das Lachen selbst sei, wie es erregt werde, wo es seinen Sitz habe, wie es entstehe und so plötzlich hervorbreche, daß wir es beim besten Willen nicht zurückhalten können, und wie es zugleich Brust, Mund, Adern, Augen, Mienen ergreife: das mag Demokritus Demokritus aus Abdera in Thracien, geb. 450 v. Chr., belachte, wie man erzählt, stäts die Thorheiten der Menschen. zum Gegenstande seiner Untersuchungen machen. Denn dieß steht in keiner näheren Beziehung zu unserem Gespräche, und wäre dieß auch der Fall, so würde ich mich meiner Unwissenheit in einer Sache nicht schämen, die nicht einmal denen bekannt ist, welche sich rühmen sie zu kennen. 236.Der Sitz und so zu sagen das Gebiet des Lächerlichen (denn dieß ist die nächste Frage) findet sich in dem Unschicklichen und Häßlichen; denn nur das oder doch vorzüglich das wird belacht, wodurch eine Unschicklichkeit auf nicht unschickliche Weise kenntlich gemacht und bezeichnet wird. Um aber auf den dritten Punkt zu kommen, so kommt es dem Redner zu Lachen zu erregen, theils, weil die Heiterkeit an sich dem Wohlwollen gewinnt, durch den sie erregt worden ist, theils, weil Alle den Scharfsinn bewundern, der oft in einem einzigen Worte liegt, vorzüglich in Antworten, zuweilen auch im Angriffe, theils, weil dadurch der Gegner entmutigt, verwirrt, geschwächt, abgeschreckt, zurückgeschlagen wird, theils, weil es den Redner selbst als einen fein gebildeten, aufgeklärten, geistreichen Mann ankündigt, und ganz besonders, weil es den finsteren Ernst mildert und mäßigt, und oft verdrießliche Angelegenheit, die sich durch Beweisgründe nicht leicht widerlegen lassen, durch Scherz und Lachen entschieden werden. 237.In wie weit aber der Redner das Lächerliche behandeln soll, was wir als die vierte Frage aufgestellt hatten, das verdient eine sehr sorgfältige Erwägung. Denn weder die Verspottung einer ausgezeichneten und mit Ruchlosigkeit verbundenen Schlechtigkeit, noch hinwiederum die eines ausgezeichneten Elendes erregt Lachen. Denn lasterhafte Menschen will man mit schärferen Waffen als mit denen des Lächerlichen verwundet sehen; unglückliche aber will man nicht verspottet sehen, es müßte denn sein, daß sie sich wichtig machten. Ganz besonders aber muß man die Hochachtung schonen, damit man nicht unbesonnen gegen die rede, welche in Achtung stehen.

LIX. 238. Diese Mäßigung muß man nun zuerst beim Scherzen anwenden. Darum kann man sich am leichtesten über solche Dinge zu scherzen erlauben, welche weder großen Haß noch sehr großes Mitleid verdienen. Aus diesem Grunde liegt der ganze Stoff des Lächerlichen in den Fehlern, welche sich im Leben von Menschen zeigen, die weder geachtet noch unglücklich sind noch auch wegen ihrer Handlungen die Todesstrafe zu verdienen scheinen, und eine feine Verspottung solcher Fehler ist geeignet Lachen zu erregen. 239. Einen recht hübschen Stoff zum Scherzen bieten auch Mißgestalt und körperliche Gebrechen; aber wir stellen hier dieselbe Frage auf, die man auch in allen anderen Dingen vorzüglich aufstellen muß: »In wie weit?« Hierbei wird nicht nur die Vorschrift gegeben, daß man nichts Abgeschmacktes sage, sondern der Redner muß auch, selbst wenn er etwas sehr Scherzhaftes vorbringen kann, Beides vermeiden, daß der Scherz nicht in Possenreißerei oder in das niedrig Komische ausarte. Wie dieß zu verstehen sei, werden wir bald leichter einsehen, wenn wir zu den Arten des Lächerlichen selbst kommen. 240.Es gibt zwei Arten des Witzigen, von denen die eine sich mit der Sache, die andere mit dem Worte beschäftigt. Mit der Sache, wenn man Etwas als eine Anekdote erzählt, wie du einst, Crassus, von dem Memmius Gajus Memmius, im Jahre 111 v. Chr. Volkstribun, war ein hämischer Ankläger, ein mittelmäßiger, aber beißender Redner, sowie auch ein beißender Liebhaber. S. Cicer. Brut. 36, 136. und de Orat. II. 70, 283. Günstiger urtheilt über ihn Sallustius Iug. 27 und 30. Er wurde vom Volkstribunen Saturninus ermordet. Der hier genannte Largius ist unbekannt. Tarracina war eine Stadt in Latium, früher Anxur genannt., er habe dem Largius ein Stück aus dem Arme gebissen, als er sich mit ihm zu Tarracina um ein Mädchen gezankt hatte. Die Erzählung war schneidender Spott, aber ganz von dir selbst erdichtet. Zum Schlusse fügtest du hinzu, in ganz Tarracina hätten damals an allen Wänden die Buchstaben L.L.L.M.M. geschrieben gestanden. Auf deine Frage, was das bedeuten solle, habe dir ein alter Mann aus der Stadt gesagt: » L argius L inke l etzt M emmius M aulgier Im Originale steht: lacerat lacertum Largi mordax Memmius, d.h. es zerfleischt den Arm des Largius der beißige Memmius. Um in der Uebertragung die Anfangsbuchstaben der angegebenen Worte festzuhalten, mußte ich etwas freier übersetzen, indem ich lacerat durch letzt, d.i. verletzt, lacertum durch Linke, mordax durch Maulgier wiedergab.241.Ihr seht, wie witzig, wie artig, wie rednerisch diese Art des Lächerlichen ist, mag man nun eine wahre Geschichte erzählen können, die man jedoch mit kleinen erdichteten Zügen versetzen muß, oder mag man Etwas erdichten. Eine vorzügliche Eigenschaft in dieser Art des Witzes besteht darin, daß man das Geschehene so veranschaulicht, daß die Sitten dessen, von dem man erzählt, seine Sprache, alle seine Mienen ausgedrückt werden, so daß die Zuhörer meinen, die Sache geschehe und ereigne sich eben jetzt vor ihren Augen. 242.In der Sache liegt auch das Lächerliche, was man von einer spaßhaften Nachahmung zu entlehnen pflegt, wie gleichfalls Crassus that, als er sagte: »Bei deinem Adel, bei euerer Familie!« Diese und die folgenden Worte sind aus einer Rede des Crassus gegen seinen Amtsgenossen Gajus Domitius, der aus einem vornehmen Geschlechte stammte, von dem er wahrscheinlich nichts Anderes als Eitelkeit und andere lächerliche Fehler geerbt hatte. Wie wir aus dem Folgenden sehen, scheint Crassus bei den Worten. »Bei deinem Adel, bei euerer Familie« des Domitius Stimme und Miene nachgeahmt zu haben. Was war es Anderes, worüber die Versammlung lachte, als jene Nachahmung der Miene und Stimme? Als er aber sagte: »Bei deinen Bildsäulen« und den Arm ausstreckte und noch einige Gebärden hinzufügte Bei den Worten. »Bei deinen Bildsäulen« scheint Crassus den Arm ausgestreckt und ein solches Gebärdenspiel hinzugefügt zu haben, als wollte er wie ein Schutzflehender die Bildsäulen umfassen., mußten wir noch heftiger lachen. Hierher gehört auch, wenn Roscius bei den Worten: »Für dich, Antipho, pflanze ich diese« Diese Worte sagt ein Greis in einem Lustspiele seinem Sohne Antipho. S. Cicer. Tusc. I, 14. Roscius trägt diese Worte des Alten, der damit seinem Sohne sagen will, er werde nicht mehr lange leben, mit stammelnder und zitternder Stimme vor. den Greis nachahmt, Die Altersschwäche selbst sehe ich vor mir, wenn ich ihn diese Worte sagen höre. Diese Art des Witzes ist zwar an sich schon lächerlich. verlangt aber die vorsichtigste Behandlung. Denn die übertriebene Nachahmung, wie das Zotige, gehört in das Gebiet der gemeinen Possenreißer und Gebärdenspieler. Der Redner soll die Nachahmung nur verstohlen anwenden, so daß der Zuhörer dabei mehr zu denken als zu sehen hat; auch soll er Seelenadel und Schamgefühl bewahren, indem er in den Worten das Schmutzige und in den Sachen das Unanständige vermeidet.

LX. 243. Das sind also die beiden Arten des Lächerlichen, das in der Sache liegt. Sie sind eine Eigentümlichkeit der sich durch den ganzen Vortrag hindurchziehenden Laune, durch welche die Sitten der Menschen geschildert und dargestellt werden, daß man sie entweder durch eine Erzählung in ihrem Wesen erkennt oder durch eine kurze wohl angebrachte Nachahmung mit einem auffallend lächerlichen Fehler behaftet findet. 244.In dem Worte aber liegt das Lächerliche, das durch die Spitze eines Ausdrucks oder Gedankens erregt wird. Aber sowie in jener ersten Art des Witzes, sowol in der Erzählung als auch in der Nachahmung, der Redner die Aehnlichkeit mit den nachäffenden Gebärdenspielern vermeiden muß; so muß er sich auch in dieser sorgfältig vor den Witzeleien eines Possenreißers in Acht nehmen. Wie nun wollen wir von Crassus, Catulus und Anderen eueren Bekannten den Granius Auch im Brutus 43, 160. wird Granius als bitterer Witzling erwähnt. Vargula ist nicht weiter bekannt. oder meinen Freund Vargula unterscheiden? Wahrlich das ist mir noch nicht in den Sinn gekommen Non mehercule in mentem mihi quidem venit; diese Worte hält Ellendt für verdächtig; doch gewiß mit Unrecht, s. Eggers Quaest. Tull. 1842, p.15. Die Worte: sunt enim dicaces bezieht Ellendt richtig auf Vargula und Granius; dem primum (Hoc, opinor, primum) entspricht kein folgendes deinde, aber der zweite Grund wird §.247 durch et angereiht; et quod nos cum causa dicimus u.s.w. In zwei Rücksichten, sagt er, unterscheidet sich der dicax orator von den Anderen, die für dicaces gehalten werden, erstlich in Rücksicht auf die Zeit und in der Mäßigung und seltenen Anwendung der dicacitas, dann dadurch, daß der Redner sie nur zu einem Zwecke anwendet.; sie haben ja beide beißenden Witz, und keiner mehr als Granius. Dadurch, glaube ich zuerst, daß wir Redner nicht, so oft sich eine Gelegenheit zu einem witzigen Einfalle darbietet, ihn immer anbringen zu müssen meinen. 245.Es trat ein winzig kleiner Zeuge auf. Ist es erlaubt eine Frage an ihn zu richten? sagte Philippus S. Kap. 54, §. 220.. Hierauf erwiderte der Vorsitzer des Gerichtes, der Eile hatte: »Nur mach es kurz!« Da sagte jener: »Du sollst dich nicht beschweren. Ein kleines Ding will ich nur fragen Perpusillum rogabo. Im Lateinischen tritt der Witz besser hervor, da perpusillum sowol Maskulin (einen winzig kleinen Menschen werde ich fragen) als Neutrum (nur eine Kleinigkeit werde ich fragen) sein kann.. Ein witziger Einfall! Aber zu Gerichte saß Lucius Aurifex, der selbst noch kleiner war als der Zeuge. Das ganze Gelächter wandte sich gegen den Richter, und so erschien der Witz als eine Possenreißerei. Also das, was eine Person treffen kann, die wir nicht getroffen wissen wollen, gehört, mag es auch noch so hübsch sein, seinem Wesen nach in das Gebiet des Possenhaften. 246.So sehen wir den Appius Der ältere Appius, der im Jahre 96 v.Chr. Prätor war., der für einen Witzkopf gelten will und es auch wirklich ist, zuweilen in diesen Fehler der Possenreißerei verfallen. »Ich will heute bei dir speisen,« sagte er zu meinem Freunde Gajus Sextius Gajus Sextius Calvinus, im Jahre 100 v. Chr. Prätor, ein guter Redner, aber von schwächlicher Gesundheit, nach Cicer. Brut. 34., der einäugig war; »denn ich sehe, du hast für Einen noch Platz übrig.« Das ist Possenreißerei; denn theils kränkte er ohne Veranlassung, theils paßten seine Worte auf alle Einäugigen. Weil man solche Witzeleien für gesucht hält, so werden sie weniger belacht. Aber vortrefflich war die Gegenantwort, die Sextius auf der Stelle gab: »Wasche dir die Hände und iß mit Wahrscheinlich in Beziehung auf die schmutzige Habsucht des Appius.247.Berücksichtigung der Zeit also, Mäßigung und Beschränkung des Spottes und seltene Anwendung witziger Einfälle wird den Redner vom Possenreißer unterscheiden, und dann der Umstand, daß wir uns des Spottes nur zu einem Zwecke bedienen, nicht um für Witzlinge zu gelten, sondern um dadurch einen Vortheil zu gewinnen; das thun jene den ganzen Tag und ohne Zweck. Denn welchen Gewinn hatte Vargula davon, daß er, als ihn Aulus Sempronius als Amtsbewerber mit seinem Bruder Marcus umarmte, ausrief: »Bursche, jage mir die Fliegen D. h. diese lästigen und zudringlichen Menschen. fort!?« Lachen suchte er zu erregen, und das ist meines Erachtens der geringste Gewinn geistiger Begabung. Die rechte Zeit also zu witzigen Einfällen müssen wir mit Klugheit und Ernst abmessen. Möchten wir doch dafür Kunstregeln haben; aber hier ist die Natur allein unsere Gebieterin.

LXI. 248. Jetzt wollen wir die Arten des Witzigen selbst in Kürze erörtern, welche das Lachen vorzüglich erregen. Die Haupteintheilung besteht nun darin, daß alles Witzige theils in der Sache, theils im Worte stattfinde; wobei es sich von selbst versteht, daß die Menschen das größte Wohlgefallen finden, wenn das Lachen durch Sache und Wort zugleich erregt wird. Doch das müßt ihr bedenken, daß fast alle Quellen, die ich als diejenigen berühren werde, aus welchen das Lächerliche abgeleitet wird, zugleich auch diejenigen sind, aus welchen sich ernste Gedanken ableiten lassen. Es findet nur der Unterschied statt, daß der Ernst in würdevoller Strenge severe : welches Wort Ellendt als unächt in Klammern eingeschlossen hat. sich mit dem sittlich Guten, der Scherz hingegen mit dem Schimpflichen und, so zu sagen, Verzerrten beschäftigt. So kann man zum Beispiel mit denselben Worten einen Sklaven, wenn er brav ist, loben und, wenn er ein Taugenichts ist, verspotten. Lächerlich ist jener alte Anspruch des Nero Wahrscheinlich des Gajus Claudius Nero, der als Consul im Jahre 207 v. Chr. mit Marcus Livius den Hasdrubal bei Sena in Umbrien besiegte. S. Livius XXVII, 34. über einen diebischen Sklaven: »Er ist der einzige, dem im Hause Nichts weder versiegelt noch verschlossen ist.« Ganz dasselbe pflegt man auch von einem ehrlichen Sklaven zu sagen. Und in diesem Falle bedient man sich sogar ganz derselben Worte; die Quellen aber, aus denen Alles entspringt, sind dieselben. 249.Zum Beispiel die Worte, die dem Spurius Carvilius Wer dieser Sp. Carvilius gewesen sei, läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben., der von einer im Dienste des Staates empfangenen Wunde schwer hinkte und sich deßhalb unter die Leute zu gehen scheute, seine Mutter sagte: »Warum gehst du nicht aus, mein Spurius? Bei jedem Schritt, den du thust, kannst du dich deiner Verdienste erinnern;« sind herrlich und würdig. Wenn aber Glaucia Gajus Servilius Glaucia war einer der verworfensten Menschen, aber scharfsinnig, schlau und vorzüglich sehr witzig. S. Cicer. Brut. 62, 224. Im Jahre 100 v.Chr. wurde er in einem Aufruhre getödtet. dem hinkenden Calvinus Ist unbekannt. sagt: »Wo bleibt hier die alte Frage: Es hinkt doch nicht? Dieser führt ja den Hinker auf« Im Texte steht: Ubi est vetus illud: Num claudicat? At hic claudicat. Den Sinn dieser dunkeln Stelle fasse ich auf folgende Weise. Die Frage: Num claudicat? scheint bei den Römern von Alters her (daher vetus illud) üblich gewesen zu sein, wenn man Jemanden, von dem man wußte, daß seine Lage nicht die günstigste war, in mitleidigem Tone (daher das Fragwort num) nach seinen Verhältnissen fragte. Mit beißendem Witze sagt nun Glaucia zu Calvinus: Hier ist diese Frage nicht angebracht; denn du führst das Leben eines Clodius, eines Hinkers, d.h. eines Menschen, der Nichts taugt, wie Cicer. de Offic. I. 33, 119 sagte: nec in ullo officio claudicare. Die Erklärungsversuche Anderer zu erwähnen, würde zu weitläuftig sein.; so ist dieß geeignet Lachen zu erregen. Und doch sind beide Aussprüche von dem abgeleitet, was sich beim Hinken wahrnehmen ließ. »Kann man sich wol einen unthätigeren Menschen denken als diesen Thätig? Quid hoc Naevio ignavius? Den Namen Naevius habe ich durch Thätig, als Eigenname, übersetzt. Es ist hier ein Wortspiel zwischen ignavus, unthätig, und navus, thätig.« sagte Scipio in ernstem Tone; aber gegen einen übelriechenden Menschen sagte Philippus S. Kap. 54, §. 220. witzelnd: »Ich sehe mich durch dich von Geruch umgeben,« indem er das Wort Betrug wie Geruch aussprach. Video me te circumveniri. Der Witz dieser Stelle liegt, wie zuerst Eichstädt gesehen hat, darin, daß Philippus in dem Worte circumveniri das c wie h aussprach, also hircumveniri, so daß man an hircus, Bock, Bocksgestank, erinnert wurde. Die Worten »indem er das Wort Betrug wie Geruch aussprach« habe ich hinzugefügt, um das Wortspiel, das sonst für uns gänzlich verloren gehen würde, anzudeuten.. Beide Falle beruhen auf der Aehnlichkeit von Worten, die durch Veränderung von Buchstaben entsteht. 250.Der aus Zweideutigkeit entspringende Witz wird für ganz besonders sinnreich gehalten; aber er wird nicht immer im Scherze, sondern auch im Ernste angewendet. Zu dem berühmten älteren Africanus, als er bei einem Gastmahle sich einen Kranz auf den Kopf setzen wollte, und dieser öfter brach, sagte Publius Licinius Varus P. Lic. Varus war im Jahre 210 vor Chr. Aedil und zwei Jahre darauf Prätor.: »Wundere dich nicht, wenn er nicht paßt; denn dein Kopf ist groß Kopf ist erstens im eigentlichen Sinne und zweitens in uneigentlichem Sinne für den im Kopfe enthaltenen Geist zu nehmen..« Schöne und ehrenvolle Worte! Aber zu derselben Art gehört auch Folgendes: »Kahl ist er in reichlichem Maße; denn er sagt gar zu wenig Das Wortspiel scheint darin zu liegen, daß der Mann Calvus, d.h. Kahl, hieß und zugleich ein kahler, dürftiger Redner war..« Kurz, es gibt keine Art des Scherzes, aus der nicht zugleich auch Ernstes und Würdevolles abgeleitet werden könnte. 251.Auch die Bemerkung muß man noch hinzufügen, daß nicht alles Lächerliche witzig ist. Was kann zum Beispiel so lächerlich sein als ein Hanswurst? Aber man lacht nur über sein Gesicht, über seine Mienen, über sein Nachäffen der Eigenheiten anderer Menschen, über seine Stimme, kurz über seine ganze Figur. Einen solchen Menschen kann ich allerdings einen Spaßmacher nennen; doch ich kann nur wünschen, daß ein Possenreißer so beschaffen sei, aber nicht ein Redner.

LXII. Demnach geziemt sich diese erste Art, die ganz besonders Lachen erregt, für uns nicht, ich meine das Mürrische, Abergläubische, Argwöhnische, Prahlsüchtige, Alberne. Solche Charaktere sind an und für sich lächerlich, und Persönlichkeiten dieser Art pflegen wir durchzuziehen, aber nicht darzustellen. 252.Die zweite Art ist durch die Nachahmung recht sehr geeignet Lachen zu erregen; aber, wenn wir einmal von ihr Gebrauch machen wollen, so dürfen wir sie nur verstohlen und flüchtig anwenden; denn sonst ist sie keineswegs anständig; die dritte aber, die Verzerrung des Gesichtes, ist unser nicht würdig; die vierte, der zotige Scherz, ist nicht allein des Forums D. h. der Rednerbühne. unwürdig, sondern kaum bei einem Gastmahle freier liberorum , d. h. freigeborener, edler Männer, im Gegensatze zu rohen und gemeinen Sklaven. Andere erklären das Wort von Menschen, die sich frei und ungebunden benehmen. Hätte Cicero diesen Sinn ausdrücken wollen, so würde er sicherlich ein anderes Wort gebraucht haben, auch würde die Bemerkung, daß der zotige Scherz bei dem Gastmahle liederlicher, zügelloser Menschen unzulässig sei, sehr verkehrt sein. Männer zulässig. Nach Entfernung so vieler Gegenstände also von unserer Stellung, die wir als Redner einnehmen, bleiben nur noch die Witze übrig, die nach meiner vorigen Eintheilung entweder in der Sache oder in dem Worte liegen. Denn was, mit welchen Worten man es auch sagen mag, doch witzig bleibt, besteht in der Sache; was aber nach Veränderung der Worte seine Spitze verliert, hat das Anziehende gänzlich in den Worten. 253.Zweideutigkeiten haben eine vorzügliche Schärfe und liegen im Worte; aber sie erregen nicht oft großem Gelächter, mehr als feine und von gelehrterer Bildung zeugende Witzworte werden sie gelobt. So zum Beispiel jene Aeußerung gegen den Titius; dieser spielte nämlich leidenschaftlich Ball, aber zugleich stand er im Verdachte, er zerbreche des Nachts die heiligen Bildsäulen; als er nun einmal auf das Marsfeld kam, und seine Spielgenossen nach ihm fragten, entschuldigte ihn Vespa Terentius, indem er sagte, er habe einen Arm zerbrochen Das konnte heißen, er habe seinen Arm zerbrochen, oder er habe einer heiligen Bildsäule einen Arm abgeschlagen.. Ein anderes Beispiel ist jene Aeußerung des Africanus, die sich bei Lucilius S. I. 16, 72. findet:

»Wie? entgegnete Decius, willst du das Nüßlein zermalmen?« Nuculam an confixum vis facere? Die Zweideutigkeit liegt hier offenbar darin, daß Nucula sowol ein Eigenname war als auch eine kleine Nuß bedeutete. Was aber die eigentliche Pointe dieses Witzes sei, ist nicht klar. Auch kann man nicht wissen, welchen Sinn die Worte confixum facere haben. Ernesti erklärt sie. ein Fricassée machen. Der Sinn scheint zu sein: Nucula wurde von seinem Gegner mit gewaltiger Heftigkeit angegriffen, so daß er gleichsam zermalmt wurde, wie eine Nuß. Uebrigens habe ich in der Uebersetzung das Wort Decius ( ˘ ˘ ˘ ) nach Deutscher Aussprache gemessen: ˘ ˘.

254. Ein drittes die Aeußerung deines Freundes Granius S. zu II. 60, 244., mein Crassus: »Er ist nicht ein Sechstel werth Der Sinn dieser Worte ist dunkel. Turnebus sagt, die Worte: er ist nicht ein Sechstel (nämlich eines As) werth können nach verschiedener Aussprache den entgegengesetzten Sinn haben, nämlich entweder: er ist kein Sechstel eines As werth, sondern viel mehr. Pearce findet die Zweideutigkeit darin, daß sextantis auch in zwei Worten sex tantis gesprochen werden könne und den Sinn habe: er ist sechsmal so viel werth. Doch diese Erklärung läßt die Latinität nicht zu..« Und in der That der sogenannte Witzbold wird sich in dieser Art besonders hervorthun; doch Anderes erregt größeres Gelächter. Das Zweideutige findet zwar an und für sich, wie ich oben bemerkte, ganz vorzüglichen Beifall; denn in der Fähigkeit die Bedeutung eines Wortes in einer anderen Beziehung, als es Andere thun, zu nehmen scheint sich ein geistreicher Kopf zu offenbaren; aber es erregt mehr Bewunderung als Lachen, wenn es nicht etwa zugleich in eine andere Art des Lächerlichen einschlägt.

LXIII. 255. Die Arten will ich kürzlich durchlaufen. Aber ihr wißt, es gibt eine sehr bekannte Art des Lächerlichen, wenn wir etwas Anderes erwarten, als was gesagt wird. Hier werden wir durch unseren eigenen Irrtum zum Lachen gebracht. Wird dieser Art auch noch das Zweideutige beigemischt, so gewinnt sie an Schärfe. So zum Beispiel tritt bei Novius Novius hatte Atellanische Stücke geschrieben. Andere lesen hier mit den meisten Handschriften unpassend Nävius, der ein Trauerspieldichter war. ein Mann auf, der voller Mitleid zu sein scheint; denn als er einen von den Richtern seinen Gläubigern Zugesprochenen wegführen sah, so fragt er: »Zu welchem Preise ist er dir zugesprochen?« »Für tausend Sestertien.« Hätte er nun bloß hinzugesetzt: »Du magst ihn wegführen,« so gehörte dieß in die Art des Lächerlichen, das durch das Unerwartete veranlaßt wird; aber weil er hinzusetzte: »Ich füge Nichts hinzu; du magst ihn wegführen Die hier erwähnte Sache ist folgende. Ein Schuldner. der nicht zahlen konnte, war nach Römischem Rechte von den Richtern seinem Gläubiger als Sklave zugesprochen worden und wurde nun von diesem weggeführt. Beiden begegnet Einer, der den Gläubiger fragt: Zu welchem Preise ist dir dieser zugesprochen worden? Diese Worte ließen auf Mitleid schließen, als ob er geneigt wäre, den unglücklichen Menschen loszukaufen. Aber man täuscht sich in ihm; denn nach der erhaltenen Antwort. »Für tausend Sestertien« erwidert er: »Ich füge Nichts hinzu, du magst ihn wegführen.« Die Worte. »Ich füge Nichts hinzu« waren zweideutig, indem sie ebensogut bedeuten konnten: »Ich sage Nichts mehr« als: »Ich gebe Nichts mehr für ihn.« Das Lächerliche lag also einmal in dem Unerwarteten und dann in der Zweideutigkeit.,« so war seine Aeußerung durch Hinzufügung der anderen Art des Lächerlichen, nämlich der Zweideutigkeit, nach meinem Urtheile wenigstens, höchst witzig. Am Anziehendsten ist ein solcher Scherz, wenn in einem Wortwechsel von dem Gegner eine Aeußerung des Anderen aufgegriffen, und hiermit, wie es von Catulus gegen Philippus S. II. 54, 220. geschah, Etwas auf den Angreifer selbst geschleudert wird. 256.Aber da es mehrere Arten des Zweideutigen gibt, die sich ohne grübelnde Spitzfindigkeit auf Kunstregeln nicht zurückführen lassen; so muß man auf die Worte des Gegners lauernd achten. Wenn wir hierbei auch Alles vermeiden, was zu frostig ist; (denn man muß sich hüten, daß das Witzige nicht gesucht erscheine;) so werden wir doch sehr vieles Sinnreiche sagen können. Eine andere Art des Lächerlichen besteht in einer kleinen Veränderung des Wortes. Die Griechen nennen sie, wenn sie auf einem Buchstaben beruht, Paronomasie; so zum Beispiel änderte Cato Marcus Porcius Cato, der Aeltere, mit dem Beinamen der Weise und Censorius. Nobilior Marcus Fulvius Nobilior, im Jahre 191 v.Chr. Consul, führte mit den Aetoliern Krieg und besiegte sie und weihte die Kriegsbeute den Musen ( Cicer. pr. Arch. 11, 27). S. Livius 37,47. Auf diesem Feldzuge hatte er den Dichter Ennius bei sich. Weßhalb Cato den Nobilior Mobilior (d.h. einen Veränderlichen, Wankelmüthigen) nannte, läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben. in Mobilior; oder als derselbe zu Jemandem sagte: »Laß uns deambuliren,« und dieser versetzte: »Wozu war DE nöthig?« entgegnete er: Onein! vielmehr wozu warst du nöthig?« Im Texte steht: Eamus deambulatum, d.h. laß uns lustwandeln. Hierauf sagt der Andere. Quid opus fuit DE? d.h. warum sagst du nicht einfach ambulatum, sondern deambulatum. Cato, unwillig wegen der verkehrten Erinnerung, da der Ausdruck deambulare ganz eigentlich für den Begriff des Lustwandelns, sich Ergehens gebraucht wurde, entgegnete: Immo vero quid opus fuit te? d.h. nein, vielmehr wozu warst du nöthig? Im Lateinischen liegt also das Lächerliche in der Vertauschung des de mit te ; in der Uebersetzung aber in der Vertauschung des de mit du. oder ferner die Antwort, die derselbe einem Anderen gab: »Wenn du mit dem Gesichte zugewandt und abgewandt unzüchtig bist.« 257.Auch die Deutung eines Namens ist stechend, wenn man die Ursache, warum Einer so heiße, in's Lächerliche zieht, wie ich jüngst von dem Austheiler der Stimmtäfelchen divisorem. Divisores, d.h. Vertheiler, wurden eigentlich diejenigen genannt, welche die Stimmtäfelchen in den Comitien austheilten. Diese Austheiler ließen sich aber auch oft von den Amtsbewerbern bestechen und erkauften durch Geldvertheilungen Stimmen für dieselben. Hierauf bezieht sich Cäsar, indem er den Eigennamen Nummius von nummus, d.h. Münze, Geld, ableitet. Nummius sagte, sowie Neoptolemus Neoptolemus, der Sohn des Achilleus, hieß eigentlich Pyrrhus, erhielt aber den Namen Neoptolemus, weil er sich nach seines Vaters Tode als junger Krieger (Neoptolemus von ) zu dem Heere der Griechen vor Troja begab. vor Troja, so habe er auf dem Marsfelde seinen Namen erhalten. In allen diesen Arten beruht das Lächerliche auf dem Worte.

LXIV. Oft wird auch ein Vers witzig eingeschaltet, entweder wie er ist, oder mit einer kleinen Veränderung, oder ein Theil eines Verses. So zum Beispiel rief Statius Wer dieser Statius gewesen ist, wissen wir nicht. Denn daß hier der oben im X.Kapitel erwähnte Statius Cäcilius (s. daselbst die Anmerk. 303) gemeint sei, läßt sich wegen der Zeit nicht annehmen. Die Ansicht, man brauche nicht anzunehmen, daß Statius selbst diese Verse dem Scaurus zugerufen habe, sondern durch einen Redner seien dieselben dem Scaurus zugerufen worden, lassen Cicero's Worte schwerlich zu. dem zürnenden Scaurus Marcus Aemilius Scaurus stammte zwar aus einem patricischen Geschlechte, dasselbe war aber ganz unberühmt und arm. Der hier erwähnte Scaurus ist ohne Zweifel der bekannte Princeps Senatus, der, im Jahre 91 v.Chr., von dem Volkstribunen Varius vorgefordert sich wegen der Anschuldigung, daß er dem Bundesgenossenkriege Vorschub zu leisten gesucht habe, zu rechtfertigen, sich auf das lebhafteste für die Bundesgenossen verwendete und ihre Angelegenheit vertheidigte. folgende Verse zu, die, wie Einige meinen, zu deinem Gesetze, Crassus, über das Bürgerrecht Es ist die lex Licinia Mucia de civibus regundis, die im Jahre 95 v.Chr. von den Consuln Lucius Crassus und Quintus Scävola gegeben wurde. Es war darin festgesetzt, daß eine Untersuchung gegen diejenigen, welche, obwol sie keine Römischen Bürger wären, doch als solche in Rom lebten, angestellt werde, und daß solche Fremde in ihre Heimat zurückkehren sollten. S. Cicer. de Offic. III. 11, 47. Auf diese Fremden beziehen sich die hier angeführten Verse; auch Scaurus wird durch dieselben getroffen, da er sich dieser rohen und frechen Leute angenommen hatte, die weder Vater noch Mutter ausweisen konnten, d.h. die von geringer Abkunft waren.Veranlassung gegeben haben:

Schweigt! Was lärmt ihr hier so? Weder Vater noch Mutter wißt ihr zu nennen,
Und doch zeigt ihr solche Unverschämtheit! Fort mit eurem Dünkel!

Ja in der Sache des Cälius Diese Verhandlung ist unbekannt. Die meisten Erklärer beziehen sie auf den II.68,275. erwähnten Rechtshandel. Antonius war nämlich von Duronius beschuldigt worden, er habe sich durch Bestechungen das Censoramt erschlichen. Der hier erwähnte Cälius tritt als Zeuge für Duronius gegen Antonius auf und erklärt, er habe selbst seinem Sohne Geld zur Erkaufung der Stimmen gegeben. Dieser Sohn war aber ohne Zweifel ein Taugenichts und hatte seinen knauserigen Vater unter dem Vorwand, Antonius wolle das Geld gebrauchen, um die dreißig Minen geprellt. Antonius macht also durch den angeführten Vers den alten Geizhals, Duronius, lächerlich und stellt zugleich dessen Sohn als einen Betrüger dar. hatte sogar auf den Gang der Verhandlung jener Vers einen sehr großen Einfluß, den du, Antonius, als jener, der einen schwelgerischen Sohn hatte, als Zeuge aussagte, das Geld sei von ihm hergegeben, ihm beim Weggehen nachriefst:

Merkst du's nicht? Den Alten wurmen die dreißig Minen.

258. In diese Art wirft man auch die Sprüchwörter, wie zum Beispiel Scipio Der jüngere Scipio Africanus. Er spielt auf den Namen Asellus an, der Eselein bedeutet. Das Sprüchwort heißt vollständig: Agas asellum, cursum non docebitur, d.h. man mag den Esel noch so sehr antreiben, er wird nie laufen lernen. Die Anwendung dieses Sprüchwortes auf den Asellus würde also sein: So sehr du dich auch deiner vielen Feldzüge rühmen magst, du wirst doch immer ein träger und untauglicher Feldherr sein. Turnebus erklärt die angeführten Worte: agas asellum aus dem Griechischen Sprüchworte: , , d.h. nach der Erklärung von Heinze: Wer kein Pferd hat, der behilft sich mit dem Esel. Scipio wollte sagen: Aus Mangel besserer Leute hätten die Feldherren den Asellus wol mitnehmen müssen., als Asellus sich rühmte auf seinen Feldzügen alle Provinzen durchzogen zu haben, das Sprüchwort anführte: »Du magst ein Eselein treiben u.s.w.« Auch von diesen, weil sie bei Veränderung der Worte nicht in gleichem Grade anziehend bleiben, dürfte man die Ansicht haben, daß sie nicht auf der Sache, sondern auf den Worten beruhen. 259.Es besteht auch noch eine andere nicht abgeschmackte Art des Witzes, die im Worte liegt; ich meine diejenige, welche daraus entspringt, daß man eine Aeußerung wörtlich und nicht nach ihrem Gedanken aufzufassen scheint. In dieser einen Art besteht der ganze Vormund Dieses Mimenspiel ist sonst nicht weiter bekannt., ein altes gewaltig lustiges Mimenspiel. Doch ich wende mich ab von den Mimenspielen; ich wünsche nur, daß das Wesen dieses Lächerlichen durch ein auffallendes und bekanntes Beispiel kenntlich gemacht werde. Dahin gehört die Antwort, die du, Crassus, neulich Jemandem ertheiltest, der dich gefragt hatte, ob er dir lästig fallen würde, wenn er ganz früh vor Tagesanbruch zu dir käme. »Onein,« sagtest du, »du wirst mir nicht lästig sein.« »Willst du dich also wecken lassen?« fuhr jener fort. Und du hierauf: »Ich hatte ja gesagt, du würdest mir nicht lästig sein Die Worte: »Du wirst mir nicht lästig sein« lassen einen doppelten Sinn zu, entweder: »Dein Besuch wird mir angenehm sein,« oder: »Du wirst mir nicht lästig fallen, d.h. ich hoffe, du wirst mich mit deinem Besuche verschonen.260.Hierher gehört gleichfalls jene alte Erzählung von jenem Marcus Scipio Maluginensis Dieser Scipio Maluginensis ist wahrscheinlich der, den Livius 41, 14 und 47 als Prätor des Jahres 178 v.Chr. erwähnt. Den Vornamen Marcus hat Ellendt als unächt in Klammern geschlossen, da er zwischen dem Zunamen und Beinamen stehe: eine Stellung, die sich nur bei Dichtern und auf metrischen Inschriften finde.. Als dieser nämlich nach der Abstimmung seiner Centurie die Wahl des Acidinus Lucius Manlius Acidinus ist wahrscheinlich der, welcher mit Quintus Fulvius im Jahre 179 v.Chr. Consul war. zum Consul verkünden sollte, und der Ausrufer ihn hierzu mit den Worten aufgefordert hatte: »Erkläre dich über Lucius Manlius!« Der Ausrufer will durch die Worte: »Erkläre dich über den L.Manlius Acidinus« den Scipio bloß zu der Erklärung auffordern, wie seine Centurie über den Acidinus gestimmt habe. Die Worte des Ausrufers nimmt Scipio buchstäblich und erklärt sich über den Charakter des Acidinus. In dieser Erklärung lag aber auch der Sinn, daß die Centurie des Scipio den Acidinus für einen des Consulates würdigen Mann halte. Andere Erklärer fassen den Sinn so auf: Scipio sei mit der Wahl unzufrieden gewesen und habe durch seine Worte andeuten wollen, Acidinus tauge ungeachtet seiner guten Eigenschaften doch nicht zum Consul. so sagte er: »Ich erkläre, daß er ein guter Mann und vortrefflicher Bürger ist.« Witzig ist auch jene Antwort, die Lucius [Porcius] Nasica Der Vorname Porcius hat sich höchst wahrscheinlich von dem Rande einer Handschrift, wo er dem Namen des Cato hinzugefügt war, in den Text eingeschlichen. S. Ellendt. Wer dieser Nasica gewesen sei, wissen wir nicht, wohl aber, daß er wegen des hier angeführten Scherzes von dem Censor Cato in die unterste Klasse verstoßen wurde. S. Gellius N.A. IV,20. dem Censor Cato auf die Frage: »Nach deines Herzens Meinung Ex animi sententia. Diese Redensart bedeutet entweder: aufrichtig, in Wahrheit, oder: nach Herzens Wunsch. Die Censoren bedienten sich dieser Formel, um die Gefragten zu nöthigen die vorgelegte Frage aufrichtig und gewissenhaft zu beantworten. Nasica nahm aber diese Worte in dem andren Sinne auf. hast du eine Frau?« ertheilte: »Nein wahrlich, nicht nach meines Herzens Meinung.« Solche Reden sind frostig und nur dann witzig, wenn man etwas Anderes erwartete. Denn wie ich zuvor S. Kap. 63, §. 255. bemerkte, es liegt in unserer Natur, daß wir in unserem eigenen Irrtume etwas Ergötzliches finden, und wir müssen lachen, wenn wir uns in unserer Erwartung gleichsam hintergangen sehen.

LXV. 261. Zu der Art des Lächerlichen, die auf Worten beruht, gehört auch das, was aus sinnbildlicher Darstellung Allegorie, auch Sinnbilderei genannt. oder aus dem bildlichen Gebrauche eines Wortes Tropus, der uneigentliche, bildliche Ausdruck. oder aus der versteckten Spottrede Ironie. S. Kap. 67. abgeleitet wird. Von der sinnbildlichen Darstellung folgendes Beispiel: Als einst Rusca Marcus Pinarius Rusca ist unbekannt, ebenso Marcus Servilius. sein Gesetz über die Jahresbestimmung D. h. ein Gesetz, welches das Altersjahr bestimmte, in welchem es erlaubt sei sich um ein öffentliches Amt zu bewerben. Schon der Volkstribun Villius Tappulus hatte im Jahre 182 v.Chr. ein solches Gesetz gegeben. S. Livius 40, 44. Uebrigens finden wir die Jahresbestimmung nirgends genau angegeben. Nur so viel läßt sich aus mehreren Angaben der alten Schriftsteller schließen: Quästur konnte man im 31sten, die Aedilität im 37sten, die Prätur im 40sten und das Consulat im 43sten Jahre erhalten. S. Adam's Röm. Altertümer. Bd.I. S.202. in Vorschlag brachte, so sagte Marcus Servilius, der dasselbe widerrieth, zu ihm: »Sage mir, Marcus Pinarius: Wirst du wol, wenn ich gegen dich spreche, mich ebenso lästern, wie du es gegen Andere gethan hast?« Hierauf versetzte dieser: »Wie die Saat, so die Ernte.« 262.Von dem bildlichen Gebrauche eines Wortes will ich als Beispiel die Antwort Scipio's, des Aelteren, anführen, die er den Korinthiern ertheilte, als sie ihm eine Bildsäule an dem Orte, wo auch die Bildsäulen von anderen Feldherren standen, versprachen, indem er sagte: »Ich frage Nichts darnach im Geschwader zu stehen turmales dixit displicere. Turmales heißen im eigentlichen Sinne die Reiter einer turma, d.h. einer Schwadron, eines Geschwaders. Scipio nahm aber das Wort turmalis im uneigentlichen (tropischen, figürlichen) Sinne und wollte den Korinthiern andeuten, es liege ihm nichts daran gewöhnlichen Feldherren gleichgestellt zu werden..« Von der versteckten Spottrede hat uns Crassus ein Beispiel gegeben. Als er nämlich vor dem Richter Marcus Perperna Ist wol derselbe, welcher mit Gajus Claudius im Jahre 92 v. Chr. Consul, mit Lucius Marcius Philippus im Jahre 86 Censor war. – Ueber den Aculeo s. I.43,191. II.1,2. Ueber den Graditianus s. I.39,178. Lamia war Zeuge für den Gratidianus; sonst ist weiter Nichts von ihm bekannt. den Aculeo vertheidigte, so trat gegen den Aculeo zu Gunsten des Gratidianus Lucius Aelius Lamia auf, ein mißgestalteter Mann, wie ihr wißt. Da dieser ihm auf widerwärtige Weise in die Rede fiel, so sagte er: »Nun laßt uns den hübschen Knaben hören!« Es erhob sich ein Gelächter. Da erwiderte Lamia: »Die Gestalt konnte ich mir selbst nicht bilden, wohl aber den Geist.« Hierauf Crassus: »Nun so laßt uns den großen Redner hören!« Jetzt erhob sich ein noch heftigeres Gelächter. Solche Aeußerungen haben einen gewissen Reiz sowol in ernsten Gedanken als im Scherze. Denn so eben S. Kap. 61, §. 248. bemerkte ich, daß Scherz und Ernst zwar ein verschiedenes Verhältnis haben, daß aber dem Ernsthaften und dem Scherzhaften ein und derselbe Stoff zu Grunde liege rationem aliam – unam esse materiam. So hat Schütz die Worte der Handschriften. materiam aliam unam esse rationem, welche mit Cäsar's Worten 61,248 in Widerspruch stehen, richtig umgestellt. Diese Umstellung haben die neueren Herausgeber aufgenommen.. 263.Einen besonders schönen Schmuck verleihen der Rede sodann die Gegensätze, in denen die Worte auf einander bezogen werden; in ihnen liegt zugleich auch oft etwas Witziges. Als zum Beispiel der bekannte Servius Galba Mit Unrecht bezieht man den hier erwähnten Fall auf den berühmten Rechtsstreit, in dem der Volkstribun Lucius Scribonius Libo den Servius Galba wegen der an den Lusitaniern im Jahre 144 v.Chr. verübten Grausamkeiten angeklagt hatte. S. I.53,227. Denn in demselben mußte das Volk Richter sein. dem Volkstribunen Lucius Scribonius seine vertrauten Freunde zu Richtern vorschlug, und Libo hierauf sagte: »Wann wirst du doch einmal, Glaucia, dein Speisezimmer verlassen?« D. h. selbst vor Gericht willst du dich mit deinen Zechbrüdern umgeben. Libo wirft also dem Galba sein schwelgerisches Leben, Galba dem Libo sein unzüchtiges Leben vor. so entgegnete dieser: »Sobald du das fremde Schlafgemach verlassen wirst.« Hiervon unterscheidet sich auch nicht sehr die Antwort, die Glaucia S. Kap. 61, §. 249. dem Metellus S. zu II. Kap. 40. Anmerk. 390. ertheilte: »Ein Landgut hast du bei Tibur, einen Viehhof auf dem Palatium Pearce erklärt diese Stelle so: »Bei Tibur hast du ein herrliches Landgut, zu Rom aber ein erbärmliches Haus.« Diesen Sinn läßt aber das Wort cors nicht zu; auch würde in diesen Worten kein Witz liegen. Die richtige Erklärung gibt Schütz. Cors bedeutet nämlich Viehstall. Glaucia versteht unter cors den schlechten Anhang des Metellus, die elenden Genossen, die Metellus um sein Haus auf dem Palatium wie Vieh versammelt habe, so daß sein Gaus einem Viehstalle gleiche.

LXVI. 264. Die auf den Worten beruhenden Arten des Lächerlichen glaube ich nun angeführt zu haben; diejenigen aber, welche auf den Sachen beruhen, sind noch zahlreicher und werden, wie ich zuvor S. Kap. 60, §. 243. bemerkte, mehr belacht. Denn man muß hier nicht allein die wahrscheinlichen Umstände ausdrücken und vor Augen stellen, worauf das Wesen der Erzählung beruht, sondern auch diejenigen, welche für den Gegner etwas Entstellendes in sich schließen, worauf das Wesen des Lächerlichen beruht. Hiervon mag, um kurz zu sein, Nach der scharfsinnigen Muthmaßung Orelli's: ut brevis sim statt der Lesart der Handschriften: ut brevissimum. immerhin als Beispiel jene oben erwähnte Erzählung des Crassus von Memmius S. Kap. 59, §. 240. gelten. Und zu dieser Art können wir auch die Fabelerzählungen rechnen. 265.Auch aus der Geschichte wird zuweilen ein Umstand herbeigezogen. Als zum Beispiel Sextus Titius S. zu Kap. 11. Anm. 308. sagte, er sei eine Kassandra D. h. man schenke seinen Worten ebenso wenig Glauben, wie einst die Trojaner jener Kassandra. Antonius gibt die Aehnlichkeit zu und fügt noch eine andere hinzu. Sowie Kassandra von Ajax Oileus in dem Tempel der Minerva geschändet worden sei, so sei auch Sextus von mehr als Einem entehrt worden., so entgegnete Antonius: »Ich könnte auch Manche nennen, die bei dir den Ajax Oileus spielten. Auch von der Aehnlichkeit läßt sich Lächerliches herleiten, wenn sie entweder eine Vergleichung oder gleichsam ein Bild darbietet. Als Beispiele der Vergleichung führe ich Folgendes an: Einst erklärte Gallus Ist unbekannt. – Der hier erwähnte Piso ist vielleicht Lucius Calpurnius Piso Cäsonius, der im Jahre 112 v.Chr. Consul war. Ueber Scaurus s. zu I.49,214. als Zeuge gegen Piso, dieser habe seinem Präfekten Magius eine überaus große Summe Geldes gegeben, Scaurus dagegen suchte dieß durch die Armut des Magius zu widerlegen. »Du irrst dich, Scaurus,« erwiderte Gallus. »Ich behaupte ja nicht, Magius habe das Geld aufbewahrt, sondern, wie ein Nackter, der Nüsse aufliest, im Bauche weggeschleppt« Der Sinn ist: Das Geld, das Piso seinem Statthalter Magius zugewendet hatte, hat der Letztere sofort durch Schlemmerei wieder durchgebracht.. So sagte der alte Marcus Cicero Der Großvater unseres Cicero's, dessen Vater dem Crassus und Antonius befreundet war., der Vater unseres vortrefflichen Freundes: »Unsere Landsleute sind den Sklaven aus Syrien ähnlich Was dem langen Sklavendienste zuzuschreiben war, schreibt der alte Cicero, der in seinem Charakter dem Cato Censorius nicht unähnlich war, den Griechen und ihren Sitten zu.: je besser Einer Griechisch versteht, um so nichtswürdiger ist er.« 266.Recht sehr werden aber auch Bilder belacht, die man gemeiniglich in eine Mißgestalt oder ein körperliches Gebrechen verdreht, indem man sie mit einem häßlicheren Gegenstande vergleicht. So verfuhr ich gegen Helvius Mancia. »Ich werde sogleich zeigen, was du für ein Mensch bist,« sagte ich. Als er nun erwiderte: »Nun, so zeige es, ich bitte dich,« so wies ich mit dem Finger auf das Bild eines Galliers, der auf dem Cimbrischen Schilde des Marius unter den Neuen Buden mit verzerrtem Gesichte, ausgestreckter Zunge und hängenden Backen Die Neuen Buden lagen am Forum. – Das Schild des Marius wird das Cimbrische genannt, weil der Besitzer der Bude zum Andenken des jüngst von Marius über die Cimbern davongetragenen Sieges ein solches Schild als Zeichen der Bude aufgehängt hatte. gemalt war. Es erhob sich ein Gelächter; Nichts schien dem Mancia ähnlicher. So sagte ich ferner zu Titus Pinarius, der das Kinn beim Reden schief zu ziehen pflegte: »Knacke nur erst die Nuß auf; dann rede, was du willst.« 267.Hierher gehört noch der Fall, wenn man zur Verkleinerung oder Vergrößerung eines Gegenstandes denselben so wunderbar darstellt, daß er allen Glauben übersteigt, wie du zum Beispiel, Crassus, in einer Volksversammlung sagtest, Memmius dünke sich so groß, daß er sich jedesmal, wenn er sich auf das Forum begebe, bei dem Triumphbogen des Fabius Der Triumphbogen des Fabius stand bei der Königsburg des Numa auf der sacra via. Er war von dem Censor Fabius erbaut und wurde nach der Besiegung der Allobrogen der Allobrogische genannt. Fabius war im Jahre 121 v.Chr. Consul. Crassus wollte durch diese Aeußerung den Hochmuth des Memmius bezeichnen. Ueber den Memmius s. Kap.59, §.240. mit dem Kopfe bücke. Auch die Aeußerung gehört hierher, die Scipio Scipio Africanus, der Jüngere, der im Jahre 133 v.Chr. Numantia zerstörte. bei Numantia in einem Zanke mit Gajus Metellus Gajus Metellus Caprarius, der vierte Sohn des Metellus Macedonicus, im Jahre 114 v.Chr. Consul, 103 Censor. Scipio wirft ihm seine Geistesträgheit vor. gegen diesen gethan haben soll, indem er sagte, wenn seine Mutter zum fünften Male niederkäme, so würde sie mit einem Esel niederkommen. 268.Sinnreich ist auch die Andeutung, wenn man durch einen kleinen Umstand und oft durch ein Wort einen dunkeln und versteckten Gegenstand aufhellt. Als zum Beispiel Publius Cornelius Publius Cornelius Rufinus war im Jahre 291 v.Chr. und 278 Consul; auch soll er Diktator gewesen sein. Wegen der Eroberung von Kreton und Lokri in dem Kriege mit den Tarentinern wurde ihm ein Triumphzug zuerkannt., der für einen habgierigen und raubsüchtigen Menschen, aber für einen ausgezeichnet tapferen und tüchtigen Feldherrn galt, dem Gajus Fabricius Gajus Fabricius Luscinius war im Jahre 279 v.Chr. Consul, berühmt wegen seines Edelmuths und der Unbestechlichkeit, die er im Kriege mit Pyrrhus bewies. Dank sagte, daß er, obgleich sein Feind, ihn zum Consul erwählt habe, zumal bei einem so wichtigen und schweren Kriege Mit Pyrrhus und den Tarentinern, der im Jahre 282 v. Chr. geführt wurde.: so erwiderte dieser: »Du hast keinen Grund mir zu danken, wenn ich lieber geplündert als verkauft werden wollte Der Sinn ist: Ich will lieber durch deine Habsucht leiden als von den Feinden in die Sklaverei verkauft werden..« Aehnlich war die Aeußerung, die Africanus Der jüngere Scipio Africanus und Lucius Mummius waren im Jahre 142 v.Chr. Censoren. Scipio hatte den Asellus wegen eines Vergehens aus dem Ritterstande in die Klasse der Aerarier, d.h. in die unterste Klasse der Bürger ohne Stimmrecht, verstoßen, Mummius dagegen hatte ihn aus dieser Klaße wieder in seinen früheren Rang eingesetzt. Nach Beendigung des Censoramtes wurde Rom von einer Seuche heimgesucht. Asellus, der damals Volkstribun war, klagte nun den Scipio als den Urheber dieses Unglücks an, weil er als Censor die bei dem Sühnopfer übliche Gebetsformel eigenmächtig abgeändert habe ( ut dii immortales populi Romani res incolumes servent für ut populo Romano res meliores amplioresque faciant, Valer. Max. IV.1,10.). Scipio erwiderte dagegen, nicht er habe das Unglück herbeigeführt, wohl aber Mummius, weil er den Asellus von der wohlverdienten Beschimpfung befreit habe. gegen den Asellus, der ihm jenes unglückliche Sühnopfer vorwarf, that, indem er sagte; »Wundere dich nicht; denn der, welcher dich aus der Klasse der Aerarier wieder heraussetzte, hat das Sühnopfer verrichtet und den Stier geopfert.« In diesen Worten liegt der stillschweigende Nach der Muthmaßung von Schütz: Tacita suspicio für tanta suspicio. Verdacht, als habe Mummius den Staat mit einer Sündenschuld belastet, weil er den Asellus von seiner Beschimpfung befreit habe.

LXVII. 269. Feiner Witz liegt auch in der Verstellung, wenn man Anderes sagt, als denkt, nicht aber in der Weise, von der ich oben S. Kap. 65, §. 262. redete, wenn man das Gegentheil sagt, wie Crassus von Lamia, sondern wenn man nach dem ganzen Wesen der Rede in ernstem Tone scherzt, indem man anders denkt als redet. Zum Beispiel unser Scävola Quintus Mucius Scävola, der Schwiegervater des Crassus, erhielt nach verwalteter Prätur im Jahre 122 v.Chr. Asien zur Provinz. gab dem berüchtigten Septumulejus Septumulejus aus Anagnia, einer Stadt Latiums, hatte sich für die Ermordung des Gajus Gracchus das Geld auszahlen lassen, das der Consul Lucius Opimius dem Mörder des Gracchus versprochen hatte. Scävola, seinen bitteren Spott in einen wohlgemeinten Rath einkleidend, sagt. Bleibe du lieber in Rom; hier hast du weit mehr Gelegenheit dich durch schlechte Bürger, an denen Rom einen Ueberfluß hat, zu bereichern als durch Räubereien in der Provinz. aus Anagnia, dem für das Haupt des Gajus Gracchus Geld ausgezahlt worden war, als er ihn bat, er möchte ihn als Präfekten nach Asien mitnehmen, zur Antwort: »Was fällt dir ein, Unkluger? Die Menge schlechter Bürger ist so groß, daß ich dir versichern kann, wenn du zu Rom bleibst, wirst du in wenigen Jahren zu großem Reichtume gelangen.« 270.In dieser Art des Witzes zeichnete sich unser Africanus Aemilianus Scipio Africanus, der Jüngere, der von seinem Vater Lucius Aemilius Paullus Macedonicus den Namen Aemilianus beibehielt, aber als Adoptivsohn des älteren Scipio den Namen Scipio erhielt. aus Nach Ellendt's Muthmaßung floruisse für fuisse., wie Fannius Gajus Fannius, ein Schüler des Stoikers Panätius, im Jahre 137 v.Chr. Quästor, darauf Prätor, war der Verfasser von Jahrbüchern (Annalen). in seinen Jahrbüchern berichtet, der ihn mit einem Griechischen Worte D. h. Spötter. Vergl. Cicer. Acad. II. 5, 15. Brut. 87, 299. nennt; aber nach dem, was Männer, die in diesen Dingen eine bessere Kenntniß haben, behaupten, glaube ich, daß Sokrates in dieser Ironie und Verstellung an Laune und Feinheit Alle bei Weitem überragt hat. Die Ironie ist sehr geschmackvoll, verbindet Witz mit Würde und eignet sich ebenso gut für rednerische Vorträge wie für den feinen Unterhaltungston. 271.Und fürwahr alle diese Arten des Witzigen, die ich besprochen habe, sind eine Würze in gleichem Grade für die gerichtlichen Verhandlungen wie für alle Unterhaltungen. Denn sowie was bei Cato Cato Censorius in seiner Sammlung von Sinnsprüchen () S. Cicer. de Officiis I. 29, 104., der viele Sinnsprüche erwähnt hat, von denen ich mehrere als Beispiele anführe, geschrieben steht, mir sehr treffend gesagt zu sein scheint, Gajus Publicius habe zu sagen gepflegt, Publius Mummius sei ein Mann für jede Zeit: so verhält sich auch wirklich hier die Sache: es gibt keine Zeit im Leben, in der sich nicht der Gebrauch heiterer Laune und feinen Witzes gezieme. Doch ich kehre zu dem Uebrigen zurück. 272.Verwandt mit dieser Verstellung ist die Benennung einer fehlerhaften Sache mit einem beschönigenden Ausdrucke. Als zum Beispiel Africanus als Censor S. Kap. 66, §. 268. einen Centurio, der der Schlacht des Paullus Lucius Aemilius Paullus führte mit Perses in Macedonien Krieg und machte im Jahre 170 vor Chr. Macedonien zur Römischen Provinz. nicht beigewohnt hatte, aus seiner Zunft stieß, dieser aber sich damit entschuldigte, daß er zur Bewachung des Lagers zurückgeblieben sei, und ihn nach dem Grunde seiner Beschimpfung fragte, so entgegnete er: »Ich liebe nicht die allzu Bedächtigen.« 273.Geistreich ist es auch, wenn man aus der Rede eines Anderen Etwas anders auffaßt, als jener es aufgefaßt wissen will, wie Maximus Quintus Fabius Maximus Cunctator, der im Jahre 210 v.Chr. die Stadt Tarentum, die Markus Livius Salinator verloren hatte, wieder eroberte. Salinator hatte jedoch die Burg fünf Jahre vertheidigt. mit dem Salinator verfuhr. Livius hatte nämlich nach dem Verluste von Tarentum doch die Burg behauptet und von ihr herab viele rühmliche Treffen geliefert. Als nun einige Jahre darauf Maximus diese Stadt wieder einnahm, bat ihn Salinator, er möchte sich erinnern, daß er durch seine Bemühung Tarentum wieder genommen habe. Da erwiderte Maximus: »Wie sollte ich mich dessen nicht erinnern? Denn nimmermehr würde ich es wieder genommen haben, wenn du es nicht verloren hättest.« 274.Es gibt auch Aeußerungen, die etwas ungereimt sind, aber gerade deßhalb oft Lachen erregen, und nicht blos für die niedrige Komik wohl geeignet sind, sondern auch einigermaßen für uns.

                                            Der dumme Mensch,
Kaum hat er gut zu leben, sieh! da stirbt er schon.

Und:

                Was stellt das Weib da bei dir vor? –
Sie ist ja meine Frau. Bei Gott! dein Ebenbild.

Und:

So lang er noch am Wasser lebte, starb er nie Nach Schneider sind die angeführten Verse aus einem Atellanenstücke des Novius (s. zu Kap.63, §.255) entlehnt. Die Ungereimtheit der ersten Stelle liegt darin, daß von einem Menschen gesagt wird, er habe einen albernen Streich begangen, daß er gerade da gestorben sei, wo sein Leben angenehm zu werden anfing; die der zweiten Stelle darin, daß Jemand zwischen einem Manne und seiner Frau eine Familienähnlichkeit finden will; die der dritten nach der Erklärung von Schütz darin, daß Jemand bedauert, daß sein Freund ein Fischer oder Schiffer seine Lebensart am Wasser verlassen habe und deshalb gestorben sei, zugleich auch darin, daß er hinzufügt: er wäre sonst niemals gestorben, als ob Jemand mehrmals sterben könne..

LXVIII. 275. Diese Art des Scherzes ist geringfügig und, wie gesagt, der niedrigen Komik eigentümlich, aber zuweilen tritt auch bei uns der Fall ein, daß selbst ein nicht törichter Mann unter dem Scheine der Thorheit Etwas mit Witz sagt. So zum Beispiel, als Mancia gehört hatte, daß du, Antonius, als Censor wegen unrechtmäßiger Amtsbewerbung von Marcus Duronius S. zu Kap. 64. Anm. 491. gerichtlich belangt seiest, sagte er zu dir: »Endlich wird es dir nun einmal erlaubt sein dein eigenes Geschäft zu treiben tuum negotium agere. Das Witzige scheint darin zu liegen, daß die Redensart tuum negotium agere eigentlich von der Führung des Hauswesens, hier aber vom Redner gebraucht wird. Du, der du sonst in der Vertheidigung Anderer deine Rednergabe gezeigt hast, hast jetzt Gelegenheit an dir selbst den Versuch zu machen, was du mit deiner Rednergabe für dich selbst ausrichten kannst..« Solche Aeußerungen werden sehr belacht und wahrlich Alles, was von gescheidten Menschen mit einer gewissen Verstellung, als ob sie keine Einsicht besäßen, auf etwas ungereimte und doch witzige Weise gesagt wird. Hierher gehört auch der Fall, daß man Etwas nicht zu verstehen scheint, was man doch versteht, wie Pontidius auf die Frage: »Wofür hältst du den, der im Ehebruche ertappt wird?« erwiderte: »Für einen Langsamen,« und wie ich dem Metellus Entweder Quintus Metellus Nepos, der 97 v.Chr. Consul war, oder Numidicus, der 108 Consul war. Ellendt verwirft diese Ansicht mit Unrecht; er hat nämlich nicht daran gedacht, daß hier nicht Antonius, sondern Gajus Julius Cäsar Strabo redet, der 89 Aedil wurde und 125 geboren war; und daß Numidicus ein Tiburtinisches Landgut besessen hat, sieht man aus Kap.65. S. Eggers a.a.O. S.15., der bei einer Aushebung meine Entschuldigung mit Augenschwäche nicht annehmen wollte und mich gefragt hatte: »Du siehst also Nichts?« zur Antwort gab: »Oja, von dem Esquilinischen Thore aus sehe ich dein Landhaus Worin der Witz dieser Worte liege, ist zweifelhaft. Vielleicht wollte er dem Metellus die Größe und Pracht seines Landhauses zum Vorwurfe machen, oder er will nichts Anderes damit sagen, als daß er allerdings ein großes Gebäude sehen, aber dennoch schwache Augen haben könne.276.So die Äußerung des Nasica Entweder Publius Scipio Nasica Optimus, der im Jahre 192 v. Chr. Consul war, oder dessen Sohn, Publius Scipio Nasica Corculum, der im Jahre 163 Consul war. Ennius lebte von 240 bis 171.: Als dieser zum Dichter Ennius kam und an der Hausthür nach ihm fragte, sagte ihm die Magd, er sei nicht zu Hause. Nasica merkte, daß sie dieß auf Geheiß ihres Herren gesagt habe, und daß dieser zu Hause sei. Einige Tage darauf kam Ennius zum Nasica und fragte an der Hausthür nach ihm. Da rief Nasica mit lauter Stimme, er sei nicht zu Hause. Hierauf Ennius: »Wie? Vernehme ich nicht deine Stimme?« Worauf Nasica entgegnete: »Du bist ein unverschämter Mensch. Als ich nach dir fragte, glaubte ich deiner Magd, daß du nicht zu Hause seiest, und du willst mir selbst nicht glauben?« 277.Recht hübsch ist auch die Art des Witzes, durch die man den Spott des Anderen auf ihn selbst zurückfallen läßt. Als zum Beispiel der Consular Quintus Opimius Der im Jahre 154 Consul gewesen war., der in seiner Jugend in üblem Rufe gestanden hatte, zu einem feinen Herrchen, Namens Egilius, der sehr verweichlicht zu sein schien, ohne es in Wirklichkeit zu sein, sagte: »Nun, meine Egilia? Wann willst du mich mit deinem Spinnrocken und deiner Wolle besuchen?« so entgegnete dieser: »Nein wahrlich, das wage ich nicht. Meine Mutter hat mir verboten anrüchige Dirnen zu besuchen.«

LXIX. 278. Witzig sind auch solche Aeußerungen, in welchen das Lächerliche so versteckt liegt, daß man es nur erraten kann. Hierher gehört die Antwort, die ein Sicilier einem Freunde gab, der ihm unter Wehklagen erzählte, seine Frau habe sich an einem Feigenbaume aufgehängt. »Ei,« sagte er, »ich werde dir sehr verbunden sein, wenn du mir von diesem Baume einige Propfreiser zum Verpflanzen gibst.« Eben dahin gehört auch, was Catulus zu einem schlechten Redner sagte. Dieser meinte nämlich am Schlusse seiner Rede Mitleiden erregt zu haben, und sobald er sich niedergesetzt hatte, fragte er ihn, ob er glaube, daß er Mitleiden eingeflößt habe. »Ja gewiß,« erwiderte Catulus, »und zwar recht großes. Denn Niemand, glaub' ich, ist so hartherzig, daß ihm deine Rede nicht hätte Mitleid einflößen sollen.« 279.Auf mich wenigstens macht in der That auch das Lächerliche einen großen Eindruck, das in Unwillen und etwas mürrisch vorgetragen wird, jedoch nicht, wenn es von einem mürrischen Menschen ausgeht; denn alsdann wird nicht der Witz, sondern der Charakter belacht. Von dieser Art ist meines Bedünkens jene Stelle bei Novius S. zu Kap. 63. Anmerk. 480. sehr witzig:

> Sohn. Warum mein Vater, weinest du?

Vater. Ich soll wol singen, nachdem ich verurtheilt bin?

Zu dieser Art des Lächerlichen bildet diejenige gleichsam einen Gegensatz, welche in der Aeußerung eines Geduldigen und Gleichgültigen besteht, wie zum Beispiel Cato, als er von einem Menschen, der eine Kiste trug, gestoßen worden war, und dieser ihm alsdann zurief: »Vorgesehen!« ihn fragte, ob er außer der Kiste noch etwas Anderes trage. 280.Auch der Tadel der Dummheit kann mit Witz verbunden sein. Ein Beispiel hiervon gibt uns jener Sicilier, dem der Prätor Scipio Welcher Scipio hier gemeint sei, läßt sich nicht angeben. zum Anwalte in seiner Rechtsstreitigkeit seinen Gastfreund, einen vornehmen, aber sehr dummen Mann, gab. »Ich bitte dich, Prätor, sagte er, gib meinem Gegner diesen Anwalt; dann brauchst du mir keinen zu geben.« Wirksam ist auch, wenn man Etwas durch Muthmaßung ganz anders, als es gemeint ist, erklärt, aber geistreich und treffend. Zum Beispiel: Scaurus Marcus Aemilius Scaurus, s. zu I. 49, 214. klagte den Rutilius, obwol er selbst das Consulat erlangt hatte, dieser hingegen zurückgesetzt worden war, wegen unrechtmäßiger Amtsbewerbung an und zeigte in dessen Rechnungsbüchern die Buchstaben A. F. P. R. vor, die er so deutete: Actum Fide Publii Rutilii, d.h. »aufgewandt auf Kredit des Publius Rutilius,« Rutilius hingegen so: Ante Factum, Post Relatum d.h. »erst ausgegeben, dann eingetragen.« Da rief Gajus Canius, ein Römischer Ritter, der den Rutilius vertheidigte, mit lauter Stimme aus, weder das Eine noch das Andere werde durch jene Buchstaben bezeichnet. »Was also?« fragte Scaurus. Aemilius Fecit, Plectitur Rutilius, d.h. »Aemilius ist der Schuldige, Rutilius der Büßende.«

LXX. 281. Belacht wird auch die Zusammenstellung von Dingen, die mit einander in Widerspruch stehen, wie: »Was fehlt diesem als Geld und Verdienst?« Der Anfang der Frage. »Was fehlt diesem?« läßt erwarten, daß ihm Nichts fehle, die folgenden Worte aber zeigen, daß ihm Alles fehlt. Recht hübsch ist auch die freundschaftliche Zurechtweisung eines Menschen, als ob er sich irre. Auf diese Weise machte Granius dem Albius Ich lese mit Ellendt Albium Granius. S. Ellendt in den Varianten und in dem erklärenden Kommentare. einen Vorwurf, daß er, obwol aus seinen Rechnungsbüchern von Albucius ein Umstand bewiesen schien, sich dennoch über die Lossprechung des Scävola sehr freute und nicht begriff, daß der Urtheilsspruch gegen seine Rechnungsbücher gefällt sei Die Sache verhält sich so. Albucius hatte den Augur Quintus Mucius Scävola wegen Unterschleifes angeklagt und zu seiner Beweisführung sich auf die Rechnungsbücher des Albius berufen. Scävola wurde freigesprochen, das Urtheil war also gegen die Rechnungsbücher des Albius gefällt worden, so daß diese Rechnungsbücher für gefälscht gehalten werden konnten. Albius, ein Freund des Scävola, freute sich sehr über dessen Freisprechung. Granius aber, einer der Anwesenden, macht ihm deßhalb einen Vorwurf, weil er nicht einsehe, daß durch die Freisprechung des Scävola seine Rechnungsbücher für unrichtig erklärt worden seien.. 282.Dem ähnlich ist auch die freundschaftliche Erinnerung bei Ertheilung eines Rathes. So gab Granius einem schlechten Anwalte, der sich beim Reden heiser geschrien hatte, den Rath kalten Meth zu trinken, sobald er nach Hause zurückgekehrt sei. »Ich werde, sagte jener, meine Stimme verlieren, wenn ich das thue.« »Besser, erwiderte Granius, als deine Rechtshändel.« 283.Hübsch ist es auch, wenn eine Aeußerung gethan wird, welche Jemandes Charakter trifft. Zum Beispiel: Scaurus S. zu I. 49, 214. hatte sich dadurch, daß er die Güter des Phrygio Pompejus, eines wohlhabenden Mannes, ohne Testament in Besitz genommen hatte, nicht wenig verhaßt gemacht. Da er nun als Beistand des angeklagten Bestia Lucius Calpurnius Bestia, derselbe, der als Consul, durch Geld bestochen, mit Jugurtha Frieden schloß. Scaurus war der Unterfeldherr des Bestia gewesen. mit im Gerichte saß, und eben ein Leichenzug vorbeiging; so sagte der Ankläger Gajus Memmius S. zu II. 59, 240.: »Siehe, Scaurus, da wird ein Todter fortgeführt; vielleicht kannst du dich in den Besitz seiner Güter setzen.« 284.Aber unter allen diesen witzigen Einfällen wird Nichts mehr belacht als das Unerwartete, wovon es unzählige Beispiele gibt, wie das von dem älteren Appius S. zu II. 60, 246.. Als im Senate über die öffentlichen Aecker und das Thorische Gesetz Das Thorische Gesetz war im Jahre 108 v.Chr. auf Vorschlag des Spurius Thorius gegeben, es enthielt, wie wir aus unserer Stelle deutlich sehen, auch Verordnungen über Weidegerechtigkeit. Wer der hier angeführte Lucilius sei, ist unbekannt. verhandelt, und Lucilius von denjenigen hart bedrängt wurde, welche sagten, daß von seinem Viehe die öffentlichen Aecker abgeweidet würden: so sagte Appius: »Das ist nicht des Lucilius Vieh; ihr irrt euch;« er schien den Lucilius zu vertheidigen; »ich glaube, es ist herrenloses Vieh Appius wollte hierdurch andeuten, da das Vieh herrenlos sei, so sei es auch gestattet sich desselben zu bemächtigen.; es weidet, wo es Lust hat.« 285.Auch gefällt mir die Aeußerung jenes Scipio Publius Cornelius Scipio Nasica Serapio, Sohn des Nasica Corculum, im Jahre 139 v.Chr. Consul, tödtete im Jahre 134 den Tiberius Gracchus., der den Tiberius Gracchus erschlug. Als ihm Marcus Flaccus Marcus Fulvius Flaccus verklagte den hier angeführten Scipio wegen der Ermordung des Tiberius Gracchus. Im Jahre 121 v.Chr. wurde er mit Gajus Gracchus in einem Aufstande ermordet. unter vielen Lästerungen den Publius Mucius Publius Mucius Scävola, der in dem Jahre (134 v.Chr.), wo Tiberius Gracchus getödtet wurde, Consul war. Er stand wegen seiner großen Rechtschaffenheit in großer Achtung beim Volkes Deßhalb erregte auch die Aeußerung des Scipio Unzufriedenheit. zum Richter vorschlug, sagte er: »Diesen lehne ich feierlich ab; er ist übel gesinnt.« Als sich hierüber ein Gemurmel erhob, fuhr er fort: »Ach, versammelte Väter, ich lehne ihn ab, nicht weil er gegen mich übel gesinnt ist, sondern weil er es gegen Alle ist Das Unerwartete in der Aeußerung des Scipio liegt darin, daß er nach dem erhobenen Gemurmel sein Urtheil über den Scävola nicht, wie man erwartet hatte, milderte, sondern vielmehr schärfte, indem er den Scävola für einen Verräther des Vaterlandes erklärte, wahrscheinlich deßhalb, weil Scävola den gewaltsamen Maßregeln des Scipio gegen Tiberius Gracchus nicht beistimmen wollte..« Das Witzigste aber, das ich von unserem Crassus gehört habe, ist Folgendes. Silus hatte als Zeuge den Piso durch die Behauptung, er habe Nachtheiliges über ihn reden hören, beleidigt. Da sagte Crassus: »Es ist möglich, Silus, daß der, von dem du es gehört zu haben behauptest, es im Zorne gesagt hat.« Silus stimmte zunickend bei. »Möglich auch, daß du es nicht recht verstanden hast.« Auch dazu nickte er mit dem ganzen Kopfe, um sich dem Crassus gefällig zu beweisen. »Möglich auch, fuhr dieser fort, daß du das, was du gehört zu haben behauptest, überhaupt nie gehört hast.« Dieß kam so unerwartet, daß ein allgemeines Gelächter den Zeugen ganz außer Fassung brachte. An Witzen dieser Art ist Novius reich, und bekannt von ihm ist der Scherz: »Weiser, wenn du frierst, so zitterst du Das Unerwartete liegt darin, daß man nach den Worten: »Weiser, wenn du frierst« einen guten Rath gegen den Frost erwartet; statt dessen folgen die Worte: »so zitterst du.« Um so überraschender erscheint der Nachsatz, wenn wir annehmen, daß die Worte gegen die Stoiker gerichtet sind, die durch ihre Philosophie gegen alle äußeren Einwirkungen gewaffnet zu sein behaupteten. Ueber Novius s. zu II. 63, 255.« und vieles Andere.

LXXI. 286. Oft können wir auch unserem Gegner gerade das einräumen, was er uns abspricht, So zum Beispiel that Gajus Lälius Mit dem Beinamen der Weise. S. I. 9, 35.. Als diesem ein Mensch von schlechter Herkunft sagte, er sei seiner Ahnen unwürdig, so versetzte er: »Du hingegen bist der deinigen würdig.« Oft liegt auch das Lächerliche in einer geistreichen Aeußerung, die wie ein Sinnspruch lautet. So Marius Cincius M. Cincius Alimentus schlug als Volkstribun im Jahre 204 vor Chr. das Gesetz vor, in dem den Sachwaltern verboten wurde für ihre Rechtsvertheidigung Geld oder ein Geschenk von ihren Clienten anzunehmen.. Als an dem Tage, an dem er sein Gesetz über die Gaben und Geschenke vorschlug, Gajus Cento auftrat und ihn in ziemlich ehrenrühriger Weise fragte: »Was schlägst du vor, kleiner Cincius?« so erwiderte er: »Daß du kaufest, mein Gajus, wenn du Etwas haben willst Es wird dir künftighin nicht mehr erlaubt sein für deine Rechtsvertheidigungen die Lebensbedürfnisse von deinen Clienten als Geschenke auszubedingen sondern du wirst sie kaufen müssen.287.Oft liegt auch das Witzige in dem Wunsche von etwas Unmöglichem. So sagte Marcus Lepidus Man glaubt, daß Marcus Lepidus Porcina, der im Jahre 137 v.Chr. mit Lucius Hostilius Mancinius Consul war, gemeint sei., als er sich, während die Anderen sich auf dem Marsfelde übten, in's Gras gelegt hatte: »Ich wünschte, dieß hieße arbeiten.« Witzig ist es auch, wenn man Fragenden und gewissermaßen Ausforschenden in gleichem Tone eine Antwort erteilt, die sie nicht wünschen. So der Censor Lepidus Marcus Aemilius Lepidus, 179 v. Chr. Censor, 188 und 175 Consul.. Als er dem Markus Antistius aus Pyrgi Stadt in Etrurien. sein Pferd Die Ritterwürde. genommen hatte, so beklagten sich die Freunde desselben laut darüber und fragten ihn, was jener seinem Vater antworten sollte, wenn er ihn nach dem Grunde fragte, warum ihm das Pferd genommen sei, da er doch ein so guter, sparsamer, mäßiger und ordnungsliebender Landwirt sei. »Er mag ihm sagen, erwiderte jener, daß ich von alledem Nichts glaube.« 288. Die Griechen haben noch einige andere Arten gesammelt, als Verwünschungen, Verwunderungen, Drohungen. Doch ich glaube schon das Erwähnte in zu viele Klassen zerlegt zu haben. Denn das Witzige, das auf der Beschaffenheit und der Bedeutung eines Wortes beruht, läßt sich wol auf gewisse und bestimmte Arten zurückführen, die gemeiniglich, wie ich zuvor Kap. 62, §. 253. bemerkte, mehr gelobt als belacht zu werden pflegen. 289.Von dem hingegen, das in der Sache und in dem Gedanken selbst liegt, gibt es zwar unzählige Arten, doch nur wenige Gattungen. Denn dadurch, daß man die Erwartungen täuscht, die Charaktere Anderer verspottet, seinen eigenen von einer lächerlichen Seite zeigt, Häßliches mit noch Häßlicherem vergleicht, Verstellung anwendet, etwas ungereimte Aeußerungen thut, Torheiten rügt, erregt man Lachen. Daher muß derjenige, welcher sich des Scherzes im Reden bedienen will, sich gleichsam eine solche Gemüthsart und ein solches Sittengepräge aneignen, welches für die Arten des Witzes geeignet ist, so daß selbst die Mienen sich jeder Art des Lächerlichen anbequemen, und je strenger und ernster dieselben sind, wie bei dir, Crassus, um so witziger pflegen die Aeußerungen zu erscheinen. 290.Doch jetzt, lieber Antonius, gebe ich dir, der du erklärt hast Kap. 57, §. 234., du wollest in meinem Vortrage, wie in einem Gasthause, gern Erholung finden, den Rath, du mögest, als ob du in den Pomptinischen Sümpfen, einer weder anmuthigen noch gesunden Gegend, eingekehrt wärest, der Ansicht sein lang genug ausgeruht zu haben und dich aufmachen, um den noch übrigen Weg zurückzulegen. Ja, erwiderte er, du hast mich aufgenommen, und zwar freundlich aufgenommen, und ich bin durch dich nicht allein gelehrter geworden, sondern habe auch an Muth zum Scherzen gewonnen. Denn ich bin nicht mehr besorgt, daß man mich in dieser Rücksicht für leichtfertig halte, da du mir ja Männer, wie Fabricius, Africanus, Maximus, Cato, Lepidus, als Vorgänger angeführt hast. 291.Doch Hier nimmt Antonius seinen oben (Kap. 54) abgebrochenen Vortrag wieder auf. ihr habt nun das vernommen, was ihr von mir zu hören wünschtet, wenigstens was einen sorgfältigeren Vortrag und Nachdenken erheischte. Denn das Andere ist leichter, und aus dem, was ich gesagt habe, ergibt sich alles Uebrige.

LXXII. Wenn ich nun eine Rechtssache übernommen und Alles so viel als möglich durchdacht und die Beweisgründe der Sache und die Mittel, durch welche die Gemüther der Richter gewonnen, sowie diejenigen, durch welche sie erschüttert werden, überschaut und erkannt habe: dann setze ich fest, was für gute und was für schlimme Seiten die Sache habe. Denn fast keine Sache kann Gegenstand der Erörterung oder des Streites werden, die nicht Beides in sich schlösse; es kommt nur darauf an, wie viel sie davon in sich schließe. 292.Mein Verfahren aber beim Reden pflegt darin zu bestehen, daß ich die guten Seiten, welche die Sache hat, umfasse, ausschmücke und erhebe, hier verweile, hier wohne, hier mich festsetze, von den schlimmen und fehlerhaften Seiten der Sache hingegen mich zurückziehe, nicht jedoch so, daß meine Flucht in die Augen fällt, sondern daß dadurch, daß ich das Gute verschönere und vergrößere, das Schlimmere gänzlich verdeckt und in Schatten gestellt wird. Und wenn die Rechtssache auf Beweisgründen beruht, so fasse ich immer die festesten am Meisten in's Auge, mögen es mehrere oder auch nur ein einziger sein; beruht sie aber auf Gewinnung oder Erschütterung der Gemüther, so wende ich mich nach der Seite vorzüglich, welche am Meisten geeignet ist die Gemüther der Menschen in Bewegung zu setzen. 293.Kurz, mein ganzes Verfahren hierin läuft darauf hinaus, daß ich, wenn meine Rede in der Widerlegung des Gegners festeren Fuß fassen kann als in der Erhärtung unserer Beweise, alle Geschosse gegen ihn richte; lassen sich aber meine Ansichten leichter erweisen als die des Gegners widerlegen, so versuche ich die Gemüther von der Vertheidigung des Gegners abzuleiten und auf meine eigene hinüberzuleiten. 294. Zwei Maßregeln endlich, die sehr leicht sind, halte ich mich berechtigt, weil ich Schwierigeren nicht gewachsen bin, für mich in Anspruch zu nehmen. Die eine von ihnen besteht darin, daß ich auf einen lästigen und schwierigen Beweisgrund oder Beweisstelle zuweilen gar nicht antworte. Dies mag vielleicht Mancher verlachen; denn wer sollte das nicht thun können? Doch ich rede jetzt von meiner und nicht von Anderer Fähigkeit, und ich gestehe, daß, wenn ein Umstand mich hart bedrängt, ich zwar zu weichen pflege, aber so, daß es den Schein hat, als ob ich, ohne den Schild wegzuwerfen, ja ohne ihn auf den Rücken zu werfen, die Flucht ergriffe; vielmehr nehme ich im Reden ein gewisses Ansehen und Gepränge an und mache meinen Rückzug einem Kampfe gleich und setze mich hinter meiner Verschanzung so fest, daß ich nicht um den Feind zu fliehen, sondern um eine bessere Stellung einzunehmen zurückgewichen zu sein scheine. 295.Die andere Maßregel, bei der jedoch nach meiner Ansicht der Redner die größte Behutsamkeit und Vorsicht anwenden muß, und die mich mit der höchsten Besorgniß zu erfüllen pflegt, ist folgende: Mein Bestreben ist gewöhnlich nicht sowol darauf gerichtet, daß ich meinen Rechtsklagen nütze, als vielmehr darauf, daß ich ihnen keinen Nachtheil zufüge. Dieß ist jedoch nicht so gemeint, als ob der Redner nicht auf beide Zwecke hinarbeiten müsse; aber es ist doch für den Redner weit schimpflicher, wenn er seiner Sache geschadet, als wenn er ihr nicht genützt zu haben scheint.

LXXIII. Doch was flüstert ihr da unter einander, Catulus? Achtet ihr dieß etwa für gering, wie es auch wirklich ist? Keineswegs, erwiderte dieser; aber Cäsar schien über den eben angeregten Gegenstand eine Bemerkung hinzufügen zu wollen. Das wird mir in der That sehr erwünscht sein, sei es nun, daß er mich widerlegen, oder daß er mich fragen will. 296.Hierauf sagte Julius: Fürwahr, mein Antonius, ich habe von dir von jeher die Absicht gehabt und mich so ausgesprochen, du seiest ein ganz vorzüglich bedächtiger Redner, und dir gebühre das eigentümliche Lob nie Etwas gesagt zu haben, was dem, für den du redetest, hätte schaden können. Und es ist mir noch erinnerlich, als ich einst das Gespräch mit unserem Crassus hier vor vielen Anwesenden auf dich brachte, und Crassus deine Beredsamkeit ausführlich lobte, daß ich damals die Behauptung aufstellte, neben deinen sonstigen lobenswerthen Eigenschaften sei die die größte, daß du nicht allein sagtest, was nöthig wäre, sondern auch nicht sagtest, was nicht nöthig wäre. 297.Hierauf entgegnete mir jener, wie ich mich erinnere, alle übrigen Eigenschaften, die du besäßest, seien höchst lobenswerth; das aber zeuge von einem bösen und treulosen Menschen, wenn man Etwas sage, was der Sache fremd sei und dem schade, für den man rede. Daher halte er den, der dieß nicht thue, nicht für einen beredten, wohl aber den, der es thue, für einen schlechten Menschen. Darum wünsche ich, daß du uns jetzt, Antonius, wenn es dir beliebt, zeigest, warum du darauf, daß man seiner Sache keinen Schaden zufüge, einen so großen Werth legst, daß dir beim Redner Nichts wichtiger zu sein scheint.

LXXIV. 298. Ich will, lieber Cäsar, sagte er, meine Ansicht hierüber aussprechen; nur mußt du und ihr alle nicht vergessen, daß ich nicht von der Erhabenheit eines vollendeten Redners spreche, sondern von der Mittelmäßigkeit meiner eigenen Uebung und Gewohnheit. Crassus Antwort zeugt von einem hervorragenden und unvergleichlichen Geiste; denn ihm dünkt es ganz unnatürlich, daß sich ein Redner finden lassen könne, der durch seine Rede dem, dessen Vertheidigung er übernommen hat, Nachtheil und Schaden zufüge. 299.Er macht nämlich von sich einen Schluß auf Andere. Denn er besitzt eine so aufnehmende Geisteskraft, daß er meint, Niemand könne anders als vorsätzlich Etwas sagen, was ihm selbst nachtheilig sei. Doch ich redete nicht von Deinem ausgezeichneten und außerordentlichen Verstande, sondern von einem fast gewöhnlichen und alltäglichen. So erzählt man von dem Griechen Themistokles aus Athen, der bekanntlich eine unglaublich große Klugheit und Geisteskraft besaß, es sei einst ein gelehrter und hochgebildeter Mann Simonides. zu ihm gekommen und habe sich erboten ihm die Gedächtnißkunst, eine damals eben erst gemachte Erfindung, zu lehren. Als Themistokles ihn nun fragte, was jene Kunst leisten könne, sagte dieser Lehrmeister, daß man Alles im Gedächtnisse behalten könne; hierauf erwiderte Themistokles, er würde ihm einen größeren Gefallen thun, wenn er ihm die Kunst lehrte Alles, was er wolle, zu vergessen als im Gedächtnisse zu bewahren. 300.Siehst du, welche Kraft eines durchdringenden Verstandes, welch mächtiger und großer Geist in diesem Manne wohnte? Aus seiner Antwort können wir ersehen, daß nie Etwas aus seiner Seele, was einmal hineingeflossen war, wieder herausfließen konnte, da es ihm ja erwünschter war vergessen zu können, was er nicht im Gedächtnisse behalten wollte, als zu behalten, was er einmal gehört oder gesehen hatte. Aber so wenig man wegen dieser Antwort des Themistokles der Uebung des Gedächtnisses seine Mühe entziehen darf, ebenso wenig darf die von mir angerathene Vorsicht und ängstliche Behutsamkeit bei den gerichtlichen Verhandlungen wegen der ausgezeichneten Klugheit des Crassus vernachlässigt werden. Denn beide geben mir Nichts von ihrer Fähigkeit ab, sondern lassen mich bloß die ihrige erkennen. 301.Denn man muß bei den Rechtssachen in jedem Theile der Rede sehr Vieles erwägen, damit man nicht irgendwo anstoße, irgendwo anrenne. Oft schadet ein Zeuge wenig oder gar nicht, wenn er nicht gereizt wird. Der Beklagte bittet, seine ihn unterstützenden Freunde drängen, daß ich dem Gegner zu Leibe gehe, daß ich ihn schmähe, daß ich ihm Fragen vorlege; ich rühre mich nicht, ich willfahre nicht, ich gehe auf keinen Wunsch ein. Allerdings wird mir auf diese Weise auch nicht das geringste Lob zu Theil; denn die unverständigen Menschen können leichter das tadeln, was man thöricht gesagt hat, als loben, was man weislich verschwiegen hat. 302.Wie viel Unheil wird aber hier angerichtet, wenn man einen erzürnten, einen nicht unverständigen, einen nicht leichtsinnigen Zeugen verletzt! Denn die Erbitterung gibt ihm den Willen zu schaden, seine Geisteskraft das Vermögen dazu, sein Lebenswandel den Nachdruck. Und wenn ein Crassus hierin kein Versehen macht, so thuen es darum doch Viele, und zwar oft. Aber Nichts halte ich für schimpflicher, als wenn ein Redner durch eine Aeußerung oder eine Antwort oder eine Frage den Leuten Anlaß gibt zu sagen: »Der hat ihn zu Grunde gerichtet.« »Seinen Gegner?« »O nein, heißt es dann, sondern sich und den, welchen er vertheidigte.«

LXXV. 303. Dieses, glaubt Crassus, könne nur durch Treulosigkeit geschehen; ich aber sehe, daß sehr oft Menschen, die durchaus nicht bösartig sind, in ihren Rechtssachen Unheil anrichten. Wie? Wenn, was ich oben von mir bemerkte, daß ich mich zurückzugehen und, um mich deutlicher auszudrücken, das zu fliehen pflegte, was meine Sache sehr in's Gedränge bringen kann, Andere dieß nicht thun, sondern vielmehr sich im feindlichen Lager herumtummeln und ihre eigenen Verschanzungen aufgeben: schaden sie dadurch nicht recht sehr ihrer Sache, indem sie entweder die Hülfsmittel ihrer Gegner verstärken oder Wunden, die sie nicht heilen können, noch mehr aufreißen? 304.Wie? Wenn sie auf die Personen, die sie vertheidigen, keine Rücksicht nehmen, indem sie die gehässigen Seiten derselben nicht durch Verkleinerung mildern, sondern durch Lobeserhebungen noch gehässiger machen, wie viel Nachtheil liegt doch hierin! Wie? Wenn man auf geachtete und den Richtern theuere Männer, ohne vorher seine Rede irgend wie zu verwahren, mit zu großer Bitterkeit und Schmähsucht losstürmt, wird man dadurch nicht die Richter von sich abwendig machen? 305.Wie? Wenn man Fehler oder Mängel, die sich an Einem oder mehreren Richtern finden, den Gegnern zum Vorwurfe macht und nicht einsieht, daß man die Richter angreift; ist das ein geringes Versehen? Wie? Wenn man, statt die Sache der Anderen zu vertheidigen, seine Rechtssache daraus macht oder wegen einer erlittenen Kränkung sich vom Zorne fortreißen läßt und die Hauptsache vergißt; sollte man dadurch nichts schaden? In dieser Beziehung lasse ich mir, nicht als ob ich gerne Vorwürfe hörte, sondern weil ich meine Sache nicht gerne vernachlässige, den Namen eines allzu geduldigen und unempfindlichen Menschen gefallen, wie einst, als ich dich selbst, Sulpicius, tadelte, daß du deinen Angriff wider den Zeugen und nicht wider den Gegner richtetest Man bezieht diese Stelle auf die Kap. 47, §. 196 angeführte Sache.. Durch ein solches Verfahren erlange ich den Vortheil, daß, wenn Jemand mich schmäht, dieser für muthwillig oder ganz unklug gehalten wird. 306.Wenn man aber unter den Beweisgründen selbst Etwas aufstellt, was entweder offenbar falsch ist oder dem, was man gesagt hat oder noch sagen will, widerspricht oder seinem Wesen nach sich mit dem vor Gericht oder auf dem Forum üblichen Gebrauche nicht verträgt: sollte man dadurch nichts schaden? Kurz, meine ganze Sorge ist ich wiederhole es nochmals stäts darauf gerichtet, daß ich durch meine Rede wo möglich etwas Gutes, wo nicht, wenigstens nichts Nachtheiliges bewirke.

LXXVI. 307. Jetzt nun kehre ich zu dem zurück, Catulus, worin du mich kurz zuvor lobtest, nämlich zu der Anordnung und Stellung des Stoffes und der Beweisgründe. Hierbei findet eine doppelte Rücksicht statt; die eine bringt die Natur der Gegenstände mit sich, die andere wird durch die Urtheilskraft und die Einsicht des Redners gewonnen. Denn daß wir Etwas zum Eingange sagen, dann daß wir die Sache selbst auseinandersetzen, nachher dieselbe beweisen, indem wir unsere Beweismittel bekräftigen und die des Gegners widerlegen, endlich daß wir aus dem Ganzen Folgerungen ziehen und so den Redeschluß bilden, das schreibt schon die Natur der Rede vor. 308.Aber die Anordnung dessen festzusetzen, was man zum Beweise, zur Belehrung und zur Ueberzeugung sagen muß, das ist eine durchaus wesentliche Eigenschaft der Einsicht des Redners. Denn viele Beweisgründe bieten sich dar, Vieles, was in der Rede als nützlich erscheinen dürfte. Aber ein Theil hiervon ist so unbedeutend, daß er keine Beachtung verdient; ein anderer Theil ist, wenn er auch einige Hülfe verheißt, zuweilen von der Art, daß er etwas Fehlerhaftes in sich schließt, und das etwa darin liegende Nützliche nicht Wichtigkeit genug hat, um es mit einem Nachtheile zu verbinden. 309.Aber auch von den nützlichen und sicheren Beweismitteln muß man doch, wie ich glaube, wenn sie, wie es oft der Fall ist, in großer Anzahl vorhanden sind, die unbedeutendsten oder diejenigen, welche anderen wichtigeren ganz gleich sind, aussondern und von der Rede entfernen. Ich wenigstens pflege, wenn ich die Beweisgründe zu meinen Rechtsangelegenheiten sammele, dieselben nicht sowol zu zählen als abzuwägen.

LXXVII. 310. Und obwol wir, wie ich schon oft bemerkte, drei Mittel besitzen, durch welche wir unsere jedesmaligen Zuhörer für unsere Ansicht gewinnen, indem wir sie belehren oder uns geneigt machen oder rühren; so dürfen wir doch von diesen drei Mitteln nur eines durchblicken lassen. Es muß nämlich den Anschein haben, als ob es uns lediglich um die Belehrung zu thun sei; die beiden anderen müssen, wie das Blut im Körper, über den ganzen Vortrag vertheilt sein. Denn der Eingang und die übrigen Theile der Rede, von denen ich bald darauf Einiges sagen werde, müssen in hohem Grade von solcher Wirkung sein, daß sie in die Gemüther der Zuhörer eindringen und sie in Rührung versetzen. 311.Aber obschon diejenigen Theile der Rede, welche zwar Nichts durch Beweisführung lehren, aber doch durch Ueberredung und Rührung sehr Viel ausrichten, ihre geeigneteste Stelle am Eingange und am Schlusse der Rede einnehmen; so ist es doch oft nützlich von dem Vorwurfe und dem eigentlichen Gegenstande der Rede abzuschweifen, um die Gemüther aufzuregen. 312.Zu solchen Abschweifungen und zu Erregung der Leidenschaften bietet sich oft Gelegenheit dar, sei es nach der Erzählung und Auseinandersetzung der Sache oder nach der Bekräftigung unserer Beweisgründe oder nach der Widerlegung der Gegengründe oder auch an beiden Stellen; ja überall kann dieß auf vortheilhafte Weise geschehen, wenn die Sache die gehörige Wichtigkeit und die gehörige Fülle des Stoffes hat; und diejenigen Rechtssachen sind für die Behandlung des Gegenstandes und die Ausschmückung der Rede die gewichtigsten und reichhaltigsten, welche die meisten Wege zu solchen Abschweifungen eröffnen, so daß man sich der Mittel bedienen kann, durch die man in den Gemüthern der Zuhörer heftige Belegungen entweder erregt oder beschwichtigt. 313.Und in dieser Beziehung muß ich diejenigen tadeln, welche die schwächsten Beweisgründe gerade an die Spitze stellen, sowie auch meines Trachtens die irren, welche, wenn sie bisweilen, was ich nie gebilligt habe, mehrere Sachwalter zu Hülfe nehmen, immer denjenigen zuerst reden lassen, welchen sie für den schwächsten halten. Die Sache erheischt es nämlich, daß man der Erwartung der Zuhörer möglichst schnell entgegen komme; denn hat man diese nicht gleich Anfangs befriedigt, so hat man im Fortgange der Sache mit um so größeren Schwierigkeiten zu kämpfen. Schlecht steht es um die Sache, wenn sie nicht gleich nach dem Anfange der Rede einen besseren Anschein gewinnt. 314.Sowie nun unter den Rednern In den Handschriften steht ut in oratore, was schwerlich vertheidigt werden kann. Ich habe nach der Muthmaßung von Schütz ut in oratoribus übersetzt. immer der beste, so muß in der Rede immer der stärkste Beweis die erste Stelle einnehmen, nur muß man jedoch in beiderlei Rücksicht die Regel beobachten, daß man Hervorragendes auch für den Schluß aufspare, das Mittelmäßige aber (denn Fehlerhaftes soll nirgends eine Stelle finden) in das Gewühl und die Menge der Mitte werfe. 315.Wenn ich nun dieses Alles erwogen habe, so pflege ich ganz zuletzt an das zu denken, was zuerst gesagt werden muß, an den Eingang der Rede, den ich anwenden will. Denn wenn ich einmal diesen zuerst aussinnen wollte, so fiel mir nur Dürftiges, Werthloses, Gewöhnliches und Alltägliches ein.

LXXVIII. Die Eingänge der Reden aber müssen mit Sorgfalt und Scharfsinn ausgearbeitet, reich an Gedanken, treffend im Ausdrucke und ganz besonders den Gegenständen der Verhandlungen angemessen sein. Denn die erste Beurtheilung und Empfehlung des Redners liegt gewissermaßen im Eingange, und diese muß den Zuhörer sofort einnehmen und anziehen. 316.In dieser Beziehung verwundere ich mich oft, freilich nicht über diejenigen, welche auf diesen Gegenstand keinen Fleiß verwenden, wohl aber über den vorzüglich beredten und gebildeten Mann, den Philippus S. I. 7, 24., welcher sich so zum Reden zu erheben pflegt, daß er nicht weiß, mit welchem Worte er seine Rede anheben will, wie er denn auch selbst sagt, er pflege erst dann zu kämpfen, wenn ihm der Arm warm werde; wobei er jedoch nicht bedenkt, daß gerade diejenigen, von welchen er dieses Gleichniß entlehnt, ihre Speere anfänglich so gelassen schwingen, daß sie nicht allein auf einen schönen Anstand ganz besondere Rücksicht nehmen, sondern auch einen guten Theil ihrer Kräfte für den nachfolgenden Kampf anzusparen besorgt sind. 317.Es leidet allerdings keinen Zweifel, daß der Eingang der Rede nur selten heftig und streitsüchtig sein darf; aber wenn selbst in dem Fechterkampfe, in dem auf Leben und Tod mit dem Eisen gestritten wird, doch vor dem Gefechte Manches geschieht, was nicht auf Verwundung des Gegners, sondern nur auf ein schönes Ansehen zu zielen scheint: um wie viel mehr muß man dieses in der Rede berücksichtigen, wo man nicht sowol eine Kraftäußerung als eine anziehende Unterhaltung verlangt! Es gibt überhaupt Nichts in der ganzen Natur, was plötzlich mit aller Wucht hervorströmte und mit ganzer Kraft sich aufschwänge. So hat die Natur selbst Alles, was geschieht, selbst die gewaltigsten Wirkungen durch gelinde Anfänge vorbereitet. 318.Die Eingänge der Reden aber dürfen nicht irgendwoher von Außen gesucht, sondern müssen aus dem Innersten der Sache entlehnt werden. Deshalb darf man erst dann, wenn man die ganze Sache nach allen Seiten geprüft und durchschaut und alle Beweismittel aufgefunden und angeordnet hat, überlegen, welcher Eingang angewendet werden müsse. 319.So läßt er sich leicht finden; denn man entlehnt ihn aus den Sachen, welche die reichhaltigsten sind, mögen sie sich nun unter den Beweisgründen befinden oder unter den Theilen, zu denen man, wie ich bemerkte, oft Abschweifungen machen muß. Auf diese Weise werden die im Eingange berührten Sachen Etwas zur Entscheidung beitragen, wenn sie aus dem Innersten der Vertheidigung geschöpft sind, und wenn es sich deutlich zeigt, daß sie nicht von ganz allgemeiner Bedeutung sind und sich nicht auf andere Fälle übertragen lassen, sondern aus dem inneren Wesen der eben behandelten Sache gleichsam hervorgewachsen sind.

LXXIX. 320. Jeder Eingang aber muß entweder eine Andeutung der ganzen zu verhandelnden Sache geben oder den Weg zur Verhandlung eröffnen und anbahnen oder der Rede Zier und Würde verleihen. Aber sowie man Häusern und Tempeln Vorhöfe und Eingänge vorsetzen muß, die in einem richtigen Verhältnisse zu dem Gebäude stehen, so den Reden Eingänge, die dem Verhältnisse der Sachen entsprechen. Daher ist es bei geringfügigen und wenig besuchten Verhandlungen oft zweckmäßiger mit der Sache selbst zu beginnen. 321.Wenn man aber einen Eingang anwenden muß, wie es gemeiniglich der Fall ist; so kann man seine Gedanken entweder von dem Angeklagten oder von dem Gegner oder von der Sache oder von denen, vor welchen die Sache verhandelt wird, herleiten. Von dem Angeklagten oder Schutzbefohlenen (Schutzbefohlene nenne ich die, deren Sache wir vertheidigen), wenn man das anführt, was geeignet ist ihn als einen braven, edelen, unglücklichen, des Mitleids würdigen Mann darzustellen und falschen Beschuldigungen entgegenzutreten; von dem Gegner, wenn man dieselben Beweisquellen für das Gegentheil benutzt; 322.von der Sache, wenn man sie als grausam, als ruchlos, als unerwartet, als unverschuldet, als jammervoll, als unangenehm, als unwürdig, als unerhört, als unersetzlich und unheilbar schildert; von denen, vor welchen die Sache verhandelt wird, wenn man ihr Wohlwollen und ihre Geneigtheit zu gewinnen sucht. Dieß wird freilich besser durch den Vortrag als durch Bitten erreicht. Denn diesem Bestreben muß sich über die ganze Rede erstrecken und besonders am Schlusse hervortreten; aber dennoch fließen viele Eingänge aus dieser Quelle. 323.Denn die Griechen lehren, daß man im Eingange den Richter aufmerksam und gelehrig machen soll. Dieß ist nützlich, gehört aber den übrigen Theilen der Rede ebenso gut an als dem Eingange; es ist jedoch In den Handschriften steht faciliora etiam; man erwartet aber wegen des Gegensatzes faciliora autem. Daher hält Ellendt das Wort etiam für verdorben. im Eingange leichter, weil die Zuhörer theils dann die gespannteste Aufmerksamkeit haben, wenn sie noch Alles erwarten, theils im Anfange Ellendt hält initiis für eingeschoben. in höherem Grade für Belehrung empfänglich sein können. Denn was in den Eingängen gesagt wird, fällt mehr in die Augen, als was in der Mitte der Verhandlung vorkommt, sei es nun in der Beweisführung oder in der Widerlegung. 324.Den reichlichsten Stoff der Eingänge für die Gewinnung oder Aufreizung der Richter wird man aber aus den Quellen herleiten, welche die Sache selbst für Erregung der Gemüthsbewegungen bietet; jedoch darf man diese im Eingange nicht ganz erschöpfen, sondern man muß im Anfange dem Richter nur einen leisen Stoß geben, damit die nachfolgende Rede auf den schon sich neigenden losdränge.

LXXX. 325. Der Eingang muß aber mit der nachfolgenden Rede so eng verbunden sein, daß er nicht, wie das Vorspiel des Zitherspielers, als etwas bloß Angedichtetes, sondern als ein mit dem ganzen Körper zusammenhängendes Glied erscheint. Manche Redner gehen allerdings, nachdem sie einen wohldurchdachten Eingang vorgetragen haben, so zu den übrigen Teilen der Rede über, als ob ihnen an der Aufmerksamkeit der Zuhörer gar nichts läge. Auch darf dieses Vorspiel nicht dem Vorkampfe der Samnitischen Fechter gleichen, welche vor dem Kampfe Speere schwingen, die sie während des Kampfes gar nicht gebrauchen, sondern gerade mit den Gedanken, deren man sich im Vorspiele bedient hat, muß man auch kämpfen. 326.In Betreff der Erzählung aber erteilt man die Vorschrift, daß sie kurz sein müsse. Nennt man nun Kürze, wenn kein Wort überflüssig ist; so ist die Rede des Lucius Crassus kurz. Besteht die Kürze aber darin, daß man nur gerade so viel Worte gebraucht, als unumgänglich nothwendig sind; so ist dieß bisweilen zweckmäßig, aber oft ist es in der Erzählung ganz besonders nachtheilig, nicht allein, weil es Dunkelheit veranlaßt, sondern auch, weil es die vorzüglichste Eigenschaft der Erzählung, daß sie nämlich anziehend und zum Ueberreden geschickt sei, aufhebt. 327.Betrachte folgende Erzählung Terent. Andr. I. 1, 24 ff.:

Seitdem er aus dem Kindesalter herausgetreten ist u. s. w.

wie lang ist sie! Der Charakter des jungen Mannes selbst, das neugierige Ausfragen des Sklaven, der Tod der Chrysis, ihr Gesicht, ihre Gestalt, die Wehklage der Schwester und das Uebrige wird mit großer Mannigfaltigkeit und Anmuth erzählt. Hätte sich der Dichter einer Kürze beflissen, wie in den Worten Ebendaselbst 90 und 101.:

Sie wird zu Grabe getragen, wir folgen, kommen zum Grabe,
Ins Feuer legt man sie;

so hätte er das Ganze in zehn Versen abmachen können; wiewol die Worte selbst: »Sie wird zu Grabe getragen, wir folgen« zwar gedrängt sind, doch so, daß dabei nicht sowol auf Kürze als vielmehr auf Anmuth gesehen ist. 328.Wäre weiter Nichts gesagt worden, als »Ins Feuer legt man sie,« so hätte man doch das Ganze leicht verstehen können. Aber die Erzählung enthält launige Anmuth, wenn in ihr die Personen unterschieden sind und eine Abwechslung des Gesprächs stattfindet; auch schenkt man einem erzählten Ereignisse weit eher Glauben, wenn man auseinandersetzt, wie es geschehen ist, und das Verständniß ist weit leichter, wenn man zuweilen innehält und nicht mit solcher Kürze darüber hineilt. 329.Denn deutlich muß die Erzählung ebenso gut sein wie die übrigen Theile der Rede; aber in jener muß man sich um so viel mehr der Deutlichkeit befleißigen, weil es schwieriger ist in der Erzählung die Dunkelheit zu vermeiden als im Eingange oder bei der Beweisführung oder am Schlusse; dann ist auch die Dunkelheit in diesem Theile der Rede gefährlicher als in den übrigen; denn ist in einer anderen Stelle etwas zu dunkel gesagt, so geht nur das verloren, was dunkel ausgedrückt ist, eine dunkle Erzählung aber macht die ganze Rede unverständlich; auch kann man das Andere, wenn man es einmal zu dunkel gesagt hat, an einer anderen Stelle deutlicher sagen; die Erzählung hingegen hat in der Verhandlung nur eine einzige Stelle. Deutlich aber wird die Erzählung sein, wenn sie in gebräuchlichen Worten, wenn sie mit Beachtung der Zeitfolge, wenn sie ohne Unterbrechung vorgetragen wird.

LXXXI. 330. Aber wann man die Erzählung anwenden müsse, wann nicht, das muß man überlegen. Denn ist die Sache bekannt und das Geschehene nicht zweifelhaft, so darf man nicht erzählen, sowie auch nicht, wenn der Gegner schon erzählt hat, es müßte denn sein, daß wir ihn widerlegen wollten. Und wenn die Erzählung nöthig ist, so dürfen wir die Umstände, welche Verdacht und Beschuldigung veranlassen können und uns nachtheilig sind, nicht mit großer Sorgfalt aufführen, sondern wir müssen so viel als möglich davon weglassen, damit wir nicht in den Fehler verfallen, den Crassus, wenn er begangen wird, der Treulosigkeit und nicht dem Unverstande zuschreibt, nämlich daß wir unserer Sache schaden. Denn es ist für die Entscheidung der ganzen Sache von Belang, ob die Erzählung mit Vorsicht vorgetragen ist oder nicht, weil die Erzählung die Quelle der ganzen übrigen Rede ist. 331.Jetzt folgt die Feststellung der Hauptfrage, wobei man betrachten muß, was der Gegenstand des Streites sei. Hierauf muß man die Bekräftigungsmittel der Sache herbeischaffen, und zwar in der Weise, daß Beides, Widerlegung der Gegengründe und Bestätigung der eigenen Gründe, mit einander verbunden ist. Denn in den Verhandlungen gibt es für den Theil der Rede, welcher sich auf die Darlegung der Beweisführung bezieht, nur ein einziges Verfahren, und dieses besteht in Bestätigung und Widerlegung. Aber weil die Widerlegung der Gegengründe ohne die Bestätigung der eigenen Gründe nicht möglich ist, sowie auch nicht die Bestätigung dieser ohne die Widerlegung jener; so ist dieses sowol von Natur als hinsichtlich des Nutzens und der Behandlung mit einander verbunden. 332.Den Schluß der Rede endlich muß man gemeiniglich so machen, daß man durch Vergrößerung der Dinge den Richter entweder anfeuert oder besänftigt, und überhaupt muß man in demselben Alles, was sowol an den früheren Stellen als ganz besonders am Ende der Rede gesagt ist, zusammenfassen, um die Gemüther der Richter so viel als möglich zu erschüttern und für unseren Vortheil zu stimmen. 333.Und jetzt, dünkt mich, habe ich wahrlich nicht mehr nöthig besondere Vorschriften über die Ertheilung von Ratschlägen und über Lobreden zu geben; sie stimmen ja größten Theils mit den anderen überein; aber gleichwol bin ich der Ansicht, daß nur eine würdige Persönlichkeit zur Ertheilung eines Rathes für oder wider eine Sache geeignet ist. Denn nur ein weiser, rechtschaffener und beredter Mann vermag über die wichtigsten Angelegenheiten seinen Rath so darzulegen, daß er mit seinem Verstande in die Zukunft sehen, durch sein Ansehen Glauben finden und durch seinen Vortrag überzeugen kann.

LXXXII. Im Senate bedürfen solche Vorträge geringerer Zurüstungen; denn hier findet sich eine weise Versammlung, und vielen Anderen muß man Zeit zum Reden lassen. Auch muß man den Verdacht meiden, als wolle man das Licht seines Geistes leuchten lassen. 334.Die Volksversammlung hingegen gestattet die ganze Kraft der Rede und erfordert allen Nachdruck und alle Mannigfaltigkeit des Vortrages. Bei Ertheilung von Rathschlägen nun muß man vor allen Dingen die sittliche Würde der Sache in's Auge fassen; denn wer den Nutzen für das Wichtigste hält, durchschaut nicht die Hauptabsicht des Rathgebers, sondern betrachtet nur das, worauf dieser zuweilen sein Augenmerk mehr richtet. Es gibt ja wol Niemanden, zumal in einem so berühmten Staate, der nicht der Ansicht wäre, daß die sittliche Würde am Meisten zu erstreben sei; aber der Nutzen gewinnt dann gewöhnlich die Oberhand, wenn sich die Besorgniß eingeschlichen hat, daß sich nach Hintansetzung des Nutzens auch die sittliche Würde nicht behaupten lasse. 335.Der Streit der Ansichten unter den Menschen bezieht sich entweder auf die Frage, ob das Eine oder das Andere nützlicher sei, oder, wenn man darüber einig ist, streitet man, ob man auf das sittlich Gute oder auf den Nutzen mehr Rücksicht nehmen soll. Weil nun dieses oft mit einander in Widerspruch zu stehen scheint, so wird der Vertheidiger des Nutzens die Vortheile des Friedens, des Reichtums, der Staatsgefälle, der militärischen Besatzungen und aller anderen Dinge, deren Werth wir nach dem Nutzen bemessen, aufzählen, sowie auch die Nachtheile der entgegengesetzten Dinge. Wer hingegen zur sittlichen Würde auffordert, wird die Beispiele der Altvordern, die selbst unter Gefahren Ruhm erstrebten, sammeln, das unsterbliche Andenken bei der Nachwelt hervorheben und die Behauptung aufstellen, daß Nutzen aus dem Ruhme entsprieße und immer mit der sittlichen Würde verbunden sei. 336.Aber was möglich sei oder nicht, sowie auch was nothwendig sei oder nicht, muß man in beiden Fällen auf das Sorgfältigste untersuchen. Denn alle Beratung wird sofort aufgehoben, wenn man die Unmöglichkeit einer Sache einsieht, oder wenn ihre Nothwendigkeit gezeigt wird, und wer dieß darthut, während Andere es nicht sehen, der hat am Schärfsten gesehen. 337.Um Rath über Staatsangelegenheiten zu erteilen, ist die Kenntniß des Staates das Haupterforderniß; um überzeugend zu reden, die Kenntniß der Sitten des Staates; weil diese sich häufig ändern, so muß man auch die Art des Vortrages ändern. Und obwol das Wesen der Beredsamkeit sich fast durchweg gleich bleibt, so muß man doch, wie es scheint, weil die Würde des Volkes die erhabenste, die Sache des Staates die wichtigste, die Leidenschaften der Menge die größten sind, auch eine höhere und glänzendere Redeweise anwenden, und der größte Theil der Rede muß auf Erregung der Gemüther gerichtet werden, indem man in ihnen zuweilen durch Ermahnung oder durch Erinnerung Hoffnung, Furcht, Begierde, Ruhmliebe hervorruft, oft auch sie von Unbesonnenheit, Jähzorn, Hoffnung, Ungerechtigkeit, Neid, Grausamkeit abhält.

LXXXIII. 338. Weil aber die Volksversammlung dem Redner gleichsam als die größte Bühne erscheint, so ist es ganz natürlich, daß er durch diese zu einer geschmückteren Art des Vortrages aufgefordert wird. Denn eine zahlreiche Versammlung übt einen mächtigen Einfluß aus, und sowie der Flötenspieler ohne Flöten nicht blasen kann, so kann der Redner ohne eine ihn anhörende Versammlung nicht beredt sein. Und da der Redner oft und vielfältig beim Volke verstoßen kann, so muß er zu vermeiden suchen, daß sich nicht ein Geschrei des Mißfallens gegen ihn erhebe. 339.Ein solches wird entweder durch einen Fehler der Rede hervorgerufen, wenn eine Aeußerung derselben in einem rauhen Tone, mit Anmaßung, auf unsittliche Weise, gegen allen Anstand gethan zu sein oder irgend einen Fehler des Charakters zu verrathen scheint; oder durch der Menschen Aergerniß und Haß, die entweder aus gerechten Ursachen oder aus Verleumdung und bösem Leumunde entstehen; oder wenn die Sache mißfällt; oder wenn das Volk sich wegen einer Begierde oder Furcht in leidenschaftlicher Aufregung befindet. Gegen diese vier Ursachen lassen sich ebenso viel Heilmittel anwenden: bald der Verweis, wenn der Redner in Ansehen steht, bald die Vermahnung, die gleichsam ein gelinderer Verweis ist, bald das Versprechen, daß man uns beistimmen werde, wenn man uns nur erst anhören wolle, bald die Abbitte, was das niedrigste Mittel ist, aber zuweilen nützlich. 340.Nirgends sind geistreiche Einfälle, der Blitz eines Gedankens, ein kurzes, mit Anstand und Feinheit verbundenes Witzwort von größerer Wirkung. Denn Nichts läßt sich so leicht wie die Menge durch einen treffenden, kurzen, scharfsinnigen und lustigen Einfall von einer verdrießlichen, ja oft von einer feindseligen Stimmung abbringen.

LXXXIV. Ich habe euch nun etwa, so gut ich konnte, über beide Gattungen der Reden meine Ansichten entwickelt, indem ich zeigte, welche Grundsätze ich zu befolgen, welche Fehler ich zu meiden, welche Rücksichten ich zu nehmen und welches Verfahren ich überhaupt in den gerichtlichen Verhandlungen anzuwenden pflege. 341.Auch die dritte Gattung, die Lobreden, die ich anfänglich gewissermaßen von meinen Vorschriften ausgeschlossen hatte, ist nicht schwer; aber ich wollte diesen ganzen Gegenstand ausschließen, theils weil es viele wichtigere und umfangreichere Gattungen der Rede gibt, über die jedoch nicht leicht Jemand Vorschriften ertheilt, theils weil wir Lobreden nicht eben häufig anzuwenden pflegen. Denn selbst die Griechen haben mehr zum Lesen und zum Vergnügen oder zur Verherrlichung einer Person als zum Bedürfnisse der gerichtlichen Verhandlungen Lobreden geschrieben, und sie besitzen Schriften, in denen Themistokles, Aristides, Agesilaus, Epaminondas, Philippus, Alexander und Andere gelobt werden. Unsere Lobreden hingegen, die wir auf dem Forum halten, haben entweder die nackte und schmucklose Kürze eines Zeugnisses oder werden in der Form einer Leichenrede geschrieben, die für die vorzüglichen Eigenschaften der Rede durchaus nicht geeignet ist. Gleichwol, weil wir sie doch zuweilen halten, zuweilen auch schreiben müssen, wie zum Beispiele Gajus Lälius für Publius Tubero die Lobrede auf dessen Oheim Africanus geschrieben hat, und wie wir selbst nach Art der Griechen eine Lobrede schreiben könnten, wenn wir eine Person verherrlichen wollten, möge auch dieser Gegenstand von uns behandelt sein. 342.Offenbar ist es nun, daß andere Eigenschaften in einem Menschen wünschenswerth, andere lobenswerth sind. Abkunft, Schönheit, Kräfte, Macht, Reichtum und die übrigen Glücksgüter, welche sich entweder auf unsere äußeren Umstände oder auf unseren Körper beziehen, schließen in sich kein wahres Lob, das man der Tugend allein ertheilt. Gleichwol muß man, weil sich die Tugend selbst in dem richtigen Gebrauche dieser Dinge hauptsächlich zeigt, auch in Lobreden diese Güter der Natur und des Glückes behandeln. Hierbei ist es das größte Lob, wenn Jemand sich seiner Macht nicht überhoben hat, im Besitze von Geld nicht anmaßend gewesen ist, im Ueberflusse des Glückes sich nicht Anderen vorgezogen hat, so daß ihm Macht und Reichtum nicht zu Stolz und Willkür, sondern zu Gutthätigkeit und Mäßigung Mittel und Werkzeug geboten zu haben scheinen. 343.Die Tugend aber ist zwar schon an und für sich lobenswürdig, und ohne sie kann Nichts gelobt werden; aber dennoch schließt sie mehrere Arten in sich, von denen die eine sich mehr als die andere zu Loberhebungen eignet. Einige Tugenden nämlich beruhen auf dem Charakter der Menschen, auf einer gewissen Leutseligkeit und Wohlthätigkeit, andere auf Vorzügen des Geistes oder aus Größe und Stärke der Seele. Denn die Erwähnung der Milde, Gerechtigkeit, Güte, Treue, Tapferkeit bei gemeinsamen Gefahren hört man gerne in Lobreden. 344.Von allen diesen Tugenden hat man ja die Ansicht, daß sie nicht sowol denjenigen selbst, die sie besitzen, als vielmehr dem Menschengeschlecht gewinnreich sind. Hingegen Weisheit und Seelengröße, nach welcher alle menschlichen Dinge als geringfügig und nichtig angesehen werden, sowie auch eine erfinderische Geisteskraft und selbst die Beredsamkeit werden zwar ebenso sehr bewundert, sind aber minder angenehm; denn sie scheinen mehr denjenigen selbst, die wir loben, als denjenigen, vor denen wir loben, zur Zierde und zum Schutze zu gereichen. Indeß muß man doch auch diese Arten der Tugenden in einer Lobrede mit den anderen verbinden; denn die Ohren der Menschen lassen es sich gefallen, daß nicht allein das Liebenswürdige und Angenehme, sondern auch das Bewunderungswürdige der Tugend gelobt wird.

LXXXV. 345. Und weil nun die einzelnen Tugenden ihre bestimmten Pflichten und Obliegenheiten haben und einer jeden Tugend ihr eigentümliches Lob gebührt; so muß man zum Beispiele bei dem Lobe der Gerechtigkeit entwickeln, worin der, welcher gelobt wird, seine Treue, seine Unparteilichkeit und andere solche Pflichten erwiesen hat. Auf gleiche Weise müssen auch bei dem Lobe der übrigen Tugenden die Handlungen nach der Art, der Bedeutung und dem Namen jeder einzelnen Tugend bestimmt werden. 346.Als das angenehmste Lob sieht man das an, welches den Thaten gezollt wird, die von wackeren Männern ohne Rücksicht auf eigenen Vortheil und Belohnung unternommen scheinen; die vollends mit eigener Anstrengung und Gefahr verbunden sind, die bieten den reichsten Stoff zum Lobe, weil sie sich am Schönsten ausschmücken lassen und am Liebsten gehört werden. Denn nur das scheint die Tugend eines ausgezeichneten Mannes zu sein, welche Anderen gewinnreich, für ihn selbst aber mühsam und gefahrvoll oder wenigstens mit keiner Belohnung verbunden ist. Groß und bewunderungswürdig pflegt auch das Lob zu erscheinen, welches dem ertheilt wird, der Unglücksfälle mit Weisheit ertrug, sich durch das Schicksal nicht beugen ließ, in Widerwärtigkeiten des Lebens seine sittliche Würde behauptete. 347.Doch auch andere Dinge gereichen zur Zierde, wie Ehrenbezeigungen, die Jemandem erwiesen, Belohnungen, die seinem Verdienste zuerkannt wurden, Thaten, die nach dem Urtheile der Menschen Beifall ernteten, und sogar das Glück in diesen Dingen dem günstigen Urtheile der unsterblichen Götter zuzuschreiben ist dem Lobredner gestattet. Man muß aber Thaten auswählen, welche durch Größe vorzüglich oder hinsichtlich der Neuheit die ersten oder in ihrem Wesen selbst einzig sind. Denn weder unbedeutende noch gewöhnliche noch gemeine Dinge pflegen der Bewunderung oder überhaupt des Lobes würdig zu erscheinen. 348.Auch ist die Vergleichung mit anderen ausgezeichneten Männern in einer Lobrede etwas sehr Schönes. Ich habe für gut gefunden über diese Gattung etwas ausführlicher zu reden, als ich versprochen hatte, nicht sowol wegen des gerichtlichen Gebrauches, den ich in dieser ganzen Unterredung entwickelt habe, sondern damit ihr einsehet, daß, wenn die Lobreden zum Berufe des Redners gehören, was Niemand leugnet, dem Redner die Kenntniß aller Tugenden nothwendig sei, ohne welche er eine Lobrede nicht zu Stande bringen kann. 349.In Betreff der Regeln des Tadels ferner leuchtet ein, daß man sie von den entgegengesetzten Lastern entnehmen muß. Zugleich ist auch das augenscheinlich, daß, sowie man einen guten Mann ohne Kenntniß der Tugenden nicht angemessen und beredt loben, so auch einen schlechten Menschen ohne Kenntniß der Laster nicht kenntlich und scharf genug zeichnen und tadeln kann. Diese Quellen des Lobes und Tadels müssen wir oft in allen Arten von Verhandlungen anwenden. 350.Hier habt ihr nun meine Ansichten über die Erfindung und Anordnung der Gegenstände. Ich will noch Einiges über das Gedächtniß hinzufügen, um dem Crassus die Arbeit zu erleichtern und ihm für seine Erörterung weiter Nichts übrig zu lassen als die Lehre von der Ausschmückung der Rede.

LXXXVI. Fahre nur fort, sagte Crassus; denn mit Vergnügen erkenne ich dich als den feinen Kunstkenner, wofür ich dich schon längst gehalten habe, und sehe, wie du endlich einmal aus der Hülle deiner Verstellung hervortrittst und dich in deiner wahren Gestalt zeigst; und daß du mir Nichts oder doch nicht Viel übrig läßt, daran thust du sehr wohl, und ich bin dir dafür verbunden. 351.Nun, wie viel ich dir übrig lasse, sagte Antonius, das zu bestimmen wird von dir abhängen. Denn willst du ehrlich verfahren, so lasse ich dir die Hauptsache zurück; willst du aber dich verstellen, so magst du selbst zusehen, wie du den Anwesenden Genüge leistest. Doch um auf die Sache zurückzukommen, ich bin nicht ein so großer Geist, wie Themistokles es war, daß ich mir lieber die Kunst der Vergessenheit als die des Gedächtnisses wünschen sollte, und ich weiß es dem Simonides Simonides aus Ceos, einer Insel des Aegäischen Meeres, ein berühmter lyrischer und elegischer Dichter, war geb. 556 v.Chr. aus Ceos Dank, daß er, wie man sagt, zuerst die Kunst des Gedächtnisses gelehrt hat. 352.Man erzählt nämlich, Simonides habe einst zu Kranon in Thessalien bei Skopas, einem begüterten und vornehmen Manne, gespeist und ein auf ihn gedichtetes Lied gesungen, in welchem er Vieles nach Art der Dichter zur Ausschmückung auf das Lob des Castor und Pollux eingestreut hatte; Skopas habe hierauf gar zu knickerig zum Simonides gesagt, er werde ihm nur die Hälfte der ausbedungenen Summe für dieses Lied geben, die andere Hälfte möge er sich, wenn es ihm beliebe, von seinen Tyndariden erbitten, die er ebenso sehr gelobt habe. 353.Bald darauf, erzählt man weiter, wurde dem Simonides gemeldet, er möchte herauskommen; zwei junge Männer ständen vor der Thüre, die ihn dringend zu sprechen wünschten. Er erhob sich von seinem Sitze, ging hinaus, sah aber Niemanden. In der Zwischenzeit stürzte das Zimmer, wo Skopas speiste, zusammen, und er mit den Seinigen wurde durch den Einsturz unter den Trümmern begraben und kam um. Als nun die Angehörigen diese zu bestatten wünschten und die Zerschmetterten durchaus nicht unterscheiden konnten, so soll Simonides dadurch, daß er sich erinnerte, welchen Platz jeder bei Tische eingenommen hatte, Allen gezeigt haben, wen jeder zu begraben habe. Durch diesen Vorfall aufmerksam gemacht, erzählt man, machte er damals ausfindig, daß es besonders die Ordnung sei, welche dem Gedächtnisse Licht verschaffe. 354.Es müßten daher diejenigen, welche dieses Geistesvermögen üben wollten, gewisse Plätze auswählen, das, was man im Gedächtnisse behalten wollte, sich unter einem Bilde vorstellen und in diese Plätze einreihen. So würde die Ordnung der Plätze die Ordnung der Sachen bewahren; die Sachen selbst aber würden durch Bilder bezeichnet, und so könnten wir uns der Plätze statt der Wachstafeln und der Bilder statt der Buchstaben bedienen.

LXXXVII. 355. Wie gewinnreich aber, wie nützlich und wie wichtig das Gedächtniß für den Redner sei, wozu soll ich das erwähnen? daß wir nämlich mittelst demselben das behalten, was wir bei Annahme der Sache vernommen, was wir selbst ausgedacht haben, daß alle Gedanken in unserer Seele fest haften, daß der ganze Vorrath von Worten gehörig angeordnet ist, daß wir sowol den, von welchem wir uns belehren lassen, als auch den, welchem wir antworten müssen, so anhören, daß sie die Reden nicht in unsere Ohren hineinzugießen, sondern in die Seele einzugraben scheinen. Nur diejenigen also, welche ein starkes Gedächtniß haben, wissen, was, wie viel und wie sie reden müssen, was Mit Unrecht liest Ellendt cui responderint für quid responderint. Vgl. Eggers Quaestt. Tull. 1842. p.21. sie beantwortet haben und was noch übrig ist; ebenso haben sie auch aus anderen Verhandlungen Vieles im Gedächtnisse, was sie irgend einmal vorgetragen haben, Vieles, was sie von Anderen gehört haben. 356.Ich muß nun allerdings gestehen, daß diese Gabe, sowie alle die Eigenschaften, von denen ich zuvor sprach, hauptsächlich von der Natur ausgehen; beruht doch das Wesen unserer ganzen Kunst der Beredsamkeit (wenn man sie nicht vielleicht lieber ein Abbild oder Nachbild der Kunst nennen will) darauf, daß sie zwar nicht ein Ganzes, von dem in unserem Geiste gar keine Spur vorhanden ist, erzeuge und hervorbringe, wohl aber die uns angeborenen und in uns bereits erzeugten Naturanlagen aufziehe und kräftige. 357.Indeß besitzt nicht leicht Jemand ein so starkes Gedächtniß, daß er ohne vorhergegangene Anordnung und Bezeichnung der Sachen die Reihenfolge der Worte und Gedanken auffassen könnte, sowie auch nicht ein so schwaches Gedächtniß, daß ihm nicht durch eine solche Gewohnheit und Uebung einige Erleichterung gewährt werden sollte. Denn einsichtsvoll erkannte Simonides oder wer sonst der Erfinder dieser Kunst war, daß das am Leichtesten in unserer Seele hafte, was ihr durch die Sinne zugeführt und eingeprägt ist, und daß unter allen Sinnen der des Gesichts der schärfste ist; daher ließen sich die durch das Gehör oder durch die Denkkraft aufgefaßten Vorstellungen am Leichtesten in der Seele festhalten, wenn sie zugleich auch durch Vermittlung des Gesichtes der Seele zugeführt würden; auf die Weise könnten wir unsichtbare und der Beurtheilung durch die Augen entrückte Gegenstände durch die sinnliche Vorstellung in Bildern und Gestalten so bezeichnen, daß wir Dinge, von denen wir uns keine Vorstellung zu machen im Stande sein würden, gleichsam durch Anschauung festhalten. 358.Durch solche sinnliche Bilder, sowie durch Alles, was Gegenstand der Anschauung ist, wird unser Gedächtniß erweckt und angeregt. Aber man hat Plätze nöthig; denn ein Körper läßt sich nicht denken, ohne daß er einen Platz einnimmt. Wir müssen also, um nicht in einer allgemein bekannten Sache zu weitläufig und lästig zu werden, viele Plätze gebrauchen, und zwar solche, welche in die Augen fallen, leicht übersehlich und durch mäßige Zwischenräume getrennt sind; die Bilder aber müssen lebhaft, eindringlich und hervorstechend sein, so daß sie der Seele leicht entgegentreten und sich schnell anregen können. Die Geschicklichkeit gewinnen wir theils durch Uebung, aus der Gewohnheit entsteht, theils durch Bildung ähnlicher Wörter entweder mittelst Umwandlung und Abänderung ihrer Endungen Z. B. mensa, mensīs, Tisch, Tischen, und mensĭs, Monat. oder durch Uebertragung ihrer Bedeutung vom Theile auf das Ganze Anwendung der sogenannten Synekdoche, nach welcher man den Theil für das Ganze, die Art für die Gattung und umgekehrt gebraucht, z.B. das Schwert für die ganze Rüstung., theils durch die Vorstellung eines ganzen Gedankens unter dem Bilde eines einzigen Wortes Z. B. wenn man in einer Rede zuerst von der Schifffahrt, dann vom Landbaue, zuletzt vom Kriegsdienste reden müßte, so wäre es zweckmäßig sich einen Anker, einen Pflug und ein Schwert zu denken. Diese Bilder der einzelnen Wörter müssen nach der Anordnung der einzelnen Theile der Rede richtig vertheilt werden, wie auf einem Gemälde die Gestalten so vertheilt werden müssen, daß sie in einem richtigen Verhältnisse zu einander stehen. nach der Verfahrungsart eines großen Malers, der durch Vertheilung der Gestalten die einzelnen Stellen seines Gemäldes gegen einander abstechen läßt.

LXXXVIII. 359. Aber das Wortgedächtniß, das für uns jedoch minder nothwendig ist, unterscheidet sich durch eine größere Mannigfaltigkeit der Bilder. Es gibt nämlich viele Wörter, welche, gleichsam wie Gelenke, die Glieder der Rede verknüpfen. Die lassen sich durch keine sinnliche Bezeichnung vorstellen, und wir müssen uns daher für sie willkürliche Bilder aussinnen, die wir immer gebrauchen können. Das Sachgedächtniß ist eine wesentliche Eigenschaft des Redners. Dieses können wir durch einzelne aufgestellt Bilder kenntlich machen, indem wir die Gedanken an die Bilder, die Gedankenfolge aber an die Plätze knüpfen. 360.Auch ist nicht wahr, was von trägen Menschen gesagt wird, das Gedächtniß erliege unter der Last der Bilder, und sogar das werde hierdurch verdunkelt, was es durch sich selbst vermöge seiner natürlichen Kraft hätte festhalten können. Denn ich habe ausgezeichnete Männer von einem fast übermenschlichen Gedächtnisse gekannt, zu Athen den Charmadas S. I. 11, 45., in Asien den Metrodorus Metrodorus aus Skepsis, einer Stadt im Troischen Gebiete, ein Schüler des Charmadas. aus Skepsis, der noch jetzt leben soll, die mir beide versicherten, daß sie, wie durch Buchstaben aus Wachs, so durch Bilder auf den Plätzen, die sie sich ausgewählt hätten, das, was sie im Gedächtnisse behalten wollten, niederschrieben. Durch diese Uebung nun läßt sich zwar das Gedächtniß, wo keines von Natur vorhanden ist, nicht herausarbeiten, aber sicherlich, wo es versteckt liegt, hervorlocken. 361.Hier habt ihr nun die ziemlich lange Rede eines Menschen, der, wenn er auch eben nicht auf große Bescheidenheit Ansprüche machen darf, doch nicht für unverschämt gelten möge, weil er vor dir, mein Catulus, und vor Lucius Crassus so Viel von der Redekunst gesprochen hat. Denn der Uebrigen Alter durfte mir vielleicht weniger Bedenklichkeit machen. Doch ihr werdet mir in der That verzeihen, wenn ihr nur die Ursache vernehmen werdet, die mich zu dieser ungewöhnlichen Geschwätzigkeit verleitet hat.

LXXXIX. 362. Was uns betritt, erwiderte Catulus, (ich antworte nämlich für mich und meinen Bruder;) so verzeihen wir dir nicht nur, sondern sind auch von Hochachtung und inniger Dankbarkeit gegen dich erfüllt; und sowie wir deine freundliche Gesinnung und Güte anerkennen, so müssen wir die Fülle deines Wissens bewundern. Ich meinerseits glaube auch noch den Gewinn gezogen zu haben, daß ich mich jetzt eines großen Irrtums entledigt und von der Verwunderung, die ich immer mit vielen Anderen zu theilen pflegte, befreit fühle, woher du nämlich deine Kunstmeisterschaft in der gerichtlichen Beredsamkeit habest. Ich glaubte ja nicht, daß du dich mit den Kunstregeln befaßt hättest, die du doch, wie ich jetzt sehe, auf das Gründlichste erforscht und überallher gesammelt und, durch Erfahrung belehrt, theils verbessert theils anerkannt hast. 363.Aber darum bewundere ich um nichts weniger deine Beredsamkeit, ja deine Tüchtigkeit und Sorgfalt noch weit mehr, und ich freue mich zugleich meine innigste Ueberzeugung bestätigt zu finden; denn von jeher war ich der Ansicht, Niemand könne das Lob der Weisheit und Beredsamkeit ohne den größten Fleiß, ohne die größte Anstrengung und Gelehrsamkeit erlangen. Doch was sollte wol deine Aeußerung bedeuten, wir würden dir verzeihen, wenn wir den Grund erführen, der dich zu dieser Unterredung veranlaßt habe? Was kann es für ein anderer Grund sein als dein Wunsch uns und dem Streben dieser jungen Männer, die dir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört haben, zu willfahren? 364.Hierauf sagte Antonius: Ich wollte dem Crassus allen Anlaß zur Weigerung benehmen, weil ich wußte, daß er aus zu großer Bescheidenheit oder Unlust (denn von einem so liebenswürdigen Manne möchte ich nicht sagen: aus stolzer Verachtung) sich in eine solche Unterhaltung nicht einläßt. Denn was wird er vorschützen können? Etwa er sei Consul und Censor gewesen? Dasselbe Verhältniß findet auch bei mir statt. Oder wird er sein Alter anführen? Er ist um vier Jahre jünger als ich. Oder er verstehe diese Dinge nicht? Was ich erst spät, was ich flüchtig, was ich, wie man zu sagen pflegt, in Nebenstunden aufgerafft habe, das hat er von Kindheit an mit dem größten Eifer von den besten Lehrern erlernt. Nichts will ich von seiner geistigen Begabung sagen, worin ihm Niemand gleichkommt. Nie hat Jemand, der mich reden hörte, eine so geringe Meinung von sich gehabt, daß er nicht hätte hoffen sollen entweder besser als ich, oder ebenso gut reden zu können; wenn aber Crassus redete, so war Niemand so sehr von sich eingenommen, daß er sich hätte zutrauen sollen es ihm je gleich zu thun. Damit nun diese uns so werthen Männer nicht vergeblich gekommen sein mögen, so laß uns, Crassus, nun endlich einmal vergönnt sein dich zu hören.

XC. 365. Hierauf erwiderte Crassus: Gesetzt, ich wollte zugeben, Antonius, die Sache verhalte sich wirklich so, wiewol sie sich ganz anders verhält; was hast du denn heute mir oder irgend einem Anderen zu sagen übrig gelassen? Ich will euch, meine lieben Freunde, aufrichtig sagen, was ich denke. Ich habe oft gelehrte Männer doch wie sage ich oft, nein bisweilen; denn wie wäre es mir oft möglich gewesen, da ich als Knabe auf das Forum kam und dasselbe nie länger, als während meines Quästoramtes, verließ? gleichwol ich habe, wie ich gestern bemerkte S. I. Kap. 11., sowol während meines Aufenthaltes in Athen sehr gelehrte Männer als auch in Asien den Skepsier Metrodorus selbst, dessen du eben gedachtest II. 88, 360., gerade über diese Gegenstände reden hören. Aber nie schien mir Jemand mit größerer Fülle und Gründlichkeit diesen Stoff zu behandeln als heute unser Antonius. Wäre dieses anders, und sähe ich ein, daß Antonius etwas weggelassen habe; so würde ich nicht so unhöflich und fast möchte ich sagen so lieblos sein, daß ich euerem Wunsche zu willfahren solche Schwierigkeiten machen sollte. 366.Nun, erwiderte Sulpicius, hast du denn vergessen, Crassus, was für eine Theilung Antonius mit dir getroffen hat? II. 28, 123. Er selbst nämlich wollte den Hausrath II. Kap. 29 und 77. des Redners auseinandersetzen, dir aber die Verzierung und Ausschmückung desselben überlassen. Da entgegnete Crassus: Zuerst wer hat dem Antonius die Erlaubniß gegeben eine solche Theilung zu machen und den Theil, der ihm gefiel, sich vorwegzunehmen? Zweitens, wenn ich ihn recht verstanden habe, und ich denke es, da ich ihm mit so großem Vergnügen zuhörte, schien er mir über beide Gegenstände zugleich zu reden. Onein, versetzte Cotta, die Ausschmückung der Rede hat er nicht berührt und somit auch nicht den Vorzug, von dem die Beredsamkeit gerade ihren Namen erlangt hat Er meint die elocutio, den rednerischen Ausdruck.. Die Worte also, erwiderte Crassus, hat mir Antonius übrig gelassen, die Sache für sich selbst genommen. 367.Wenn er dir, versetzte Cäsar, den schwereren Theil übrig gelassen hat, so haben wir Grund, warum wir dich zu hören wünschen; wenn aber den leichteren, so hast du keinen Grund dich zu weigern. Und Catulus fügte hinzu: Wie? dein Versprechen, Crassus, du wolltest uns willfahren, wenn wir heute bei dir blieben, glaubst du nicht, daß es dich verpflichte dein Wort zu halten? Da lachte Cotta und sagte: Ich könnte dir, Crassus, wol nachgeben; aber sieh zu, ob nicht Catulus dein Gewissen gerührt hat. Ein solches Vergehen unterliegt der Ahndung des Censors, und dazu Anlaß zu geben, weißt du, wie das einem gewesenen Censor zukommt Nach der Lesart: quam homini censorio conveniat. S. Ellendt T.II. p.342.. Nun denn, erwiderte jener, so geschehe euer Wille. Doch für jetzt, weil es schon so weit an der Zeit ist, halte ich es für gut uns zu erheben und der Ruhe zu pflegen; nach Mittag, wenn es euch so genehm ist, wollen wir Etwas von unserem Gegenstande besprechen, wenn ihr es nicht etwa bis Morgen aufschieben wollt. Alle sprachen ihren Wunsch aus, ihn sogleich oder, wenn er es lieber wolle, Nachmittags, jedenfalls je eher je lieber zu hören.

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