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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXVIII. 126. Was aber deine Behauptung betrifft, der Redner müsse sehr viele Eigenschaften von Natur besitzen, wenn ihm der Lehrmeister förderlich sein solle: so stimme ich dir gerne bei, und in dieser Hinsicht habe ich jenem ausgezeichneten Lehrer Apollonius aus AlabandaS. zu Kap. 17, §. 75. meinen vollen Beifall geschenkt, der, obwol er für Bezahlung Unterricht gab, doch nicht zuließ, daß junge Leute, die sich nach seinem Urtheile nicht zu Rednern ausbilden konnten, sich vergeblich bei ihm abmühten, sondern vielmehr sie entließ und zu dem Fache, für das er gerade jeden geeignet hielt, anzutreiben und zu ermuntern pflegte. 127. Denn bei der Erlernung anderer Fächer genügt es nur einem Menschen ähnlich zu sein und das, was gelehrt oder auch, wenn Einer vielleicht langsameren Geistes ist, eingebläut wird, mit dem Geiste auffassen und mit dem Gedächtnisse aufbewahren zu können. Nicht verlangt man Beweglichkeit der Zunge, nicht Geläufigkeit der Worte, nicht endlich das, was wir uns nicht anbilden können, Gesichtsbildung, Mienen, Stimme. 128. Bei dem Redner hingegen muß man den Scharfsinn der Dialektiker, die Gedanken der Philosophen, die Worte fast der Dichter, das Gedächtnis der Rechtsgelehrten, die Stimme der Tragödienspieler, das Gebärdenspiel beinahe der größten Schauspieler fordern. Aus diesem Grunde läßt sich unter den Menschen Nichts seltener finden, als ein vollendeter Redner. Denn während in anderen Künsten schon einzelne Geschicklichkeiten, die ein Künstler sich in einem einzelnen Fache nur in mäßigem Grade angeeignet hat, Beifall finden; so können sie bei dem Redner nur dann Anspruch auf Beifall machen, wenn sie sich alle in höchster Vollkommenheit in ihm vereinigt finden. 129. Hierauf sagte Crassus: Gleichwol bedenke, um wie viel mehr Sorgfalt man in einer geringfügigen und leichtfertigen Kunst anwendet, als in dieser, die anerkannt die wichtigste ist. Denn oft höre ich den Roscius sagen, er habe noch keinen Schüler finden können, der ihn befriedige, nicht als wenn nicht einige Beifall verdienten, sondern weil er selbst auch nicht den geringsten Fehler ertragen könne. Denn Nichts fällt so in die Augen und haftet so fest im Gedächtnisse, als das, was uns anstößig gewesen ist. 130. Um also nach dem Vorbilde dieses Schauspielers des Redners Verdienst zu bemessen, seht ihr, wie er sich in Allem als der ächte Meister kund gibt, wie er in Allem die höchste Anmuth zeigt, in Allem den Anstand beobachtet und wie er es versteht Alle zu rühren und zu ergötzen? Und so hat er es schon lange dahin gebracht, daß Jeder, der sich in einer Kunst auszeichnet, ein Roscius in seiner Art genannt wird. Wenn ich nun diese höchste Vollendung von dem Redner verlange, von der ich selbst weit entfernt bin; so handle ich unverschämt; für mich nämlich wünsche ich Nachsicht, ich selbst aber habe mit anderen keine Nachsicht; denn wer Nichts vermag, wer Fehler macht, wer endlich keinen Anstand hat, den glaub' ich, muß man, wie Apollonius verlangte, zu dem Fache verweisen, das er zu treiben fähig ist.

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