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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXV. 113. Meine Ansicht ist also, sagte Crassus, diese: zuerst hat die natürliche Anlage den größten Einfluß aus die Beredsamkeit, und in der That jenen Schriftstellern fehlte es nicht an einer wissenschaftlichen Lehrweise, wohl aber an Naturanlagen. Denn das Gemüth und der Geist müssen eine schnelle Beweglichkeit besitzen, so daß sie in der Erfindung Scharfsinn und in der Entwickelung und Ausschmückung Reichhaltigkeit zeigen und das dem Gedächtnisse Anvertraute fest und treu behalten. 114. Und sollte Jemand meinen, diese Eigenschaften könnten durch Kunst erlangt werden; (das ist aber falsch; denn man könnte schon ganz zufrieden sein, wenn sie durch die Kunst nur angeregt oder geweckt werden könnten; einpflanzen wenigstens und schenken kann die Kunst sie nicht; es sind ja lauter Naturgaben;) was will er von den Eigenschaften sagen, die gewiß mit dem Menschen selbst geboren werden? Ich meine eine wohl gelöste Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, Leibeskräfte und eine gewisse Bildung und Gestaltung des ganzen Gesichtes und Körpers. 115. Nicht jedoch sage ich dieses so, als ob die Kunst nicht manche Menschen verfeinern könne; denn ich weiß recht wohl, daß das Gute durch Bildung noch besser werden und das minder Gute doch einigermaßen sich zuschleifen und verbessern läßt; aber es gibt Einige, die so sehr mit der Zunge stottern oder eine so klanglose Stimme oder so rohe und bäuerische Gesichtszüge und Körperbewegungen haben, daß sie, so sehr sie sich auch durch geistige Anlagen und wissenschaftliche Bildung auszeichnen mögen, doch nicht zu den Rednern gezählt werden können. Andere hingegen sind in diesen Eigenschaften so gewandt, mit den Gaben der Natur so ausgerüstet, daß sie zu Rednern nicht geboren, sondern von einem Gotte gebildet zu sein scheinen. 116. Einer großen Last und einer wichtigen Verpflichtung unterzieht sich derjenige, der von sich bekennt, er allein müsse, während alle Anderen schweigen, in einer großen Versammlung von Menschen über die wichtigsten Angelegenheiten gehört werden. Denn unter allen Anwesenden ist nicht leicht Einer, der die Fehler am Redner nicht schärfer und genauer bemerken sollte, als das Richtige. Was es daher auch sein mag, woran man Anstoß nimmt; es verdunkelt auch das, was lobenswürdig ist. 117. Dieß jedoch sage ich nicht in der Absicht, um junge Männer, deren es vielleicht an einer Naturgabe gebricht, gänzlich von der Beschäftigung mit der Beredsamkeit abzuschrecken. Denn wer weiß nicht, daß dem Gajus CäliusIm Jahre 94 v. Chr. Consul mit Domitius Ahenobarbus; er war der erste Consul aus seiner Familie, daher ein homo novus, Emporkömmling. Ueber seine Beredsamkeit s. Cicer. Brut. 45, 165., meinem Altersgenossen, einem Emporkömmlinge, selbst die Mittelmäßigkeit im Reden, so weit er sie erreichen konnte, zur Erlangung hoher Ehren förderlich gewesen sei? Wer sieht nicht ein, daß euer Altersgenosse Quintus VariusQuintus Varius war zu Sucro in Spanien geboren und erhielt daher wegen des zweifelhaften Bürgerrechtes den Beinamen Hybrida. Als Volkstribun (91 v. Chr.) machte er den Gesetzvorschlag und setzte ihn durch, daß eine Untersuchung über diejenigen angestellt werden sollte, durch deren Bemühung und Rathschläge die Italischen Bundesgenossen die Waffen gegen das Römische Volk ergriffen hätten. Der Redner Cotta (I. 7, 25.) mußte deßhalb Rom verlassen. Nach verwaltetem Tribunate wurde er durch sein eigenes Gesetz verurtheilt und, als er auf seiner Flucht aus Rom den Bundesgenossen in die Hände fiel, unter großen Qualen getödtet. Uebrigens spricht sich Cicero im Brutus c. 62, §. 221 über seine Beredsamkeit lobend aus, nicht, wie hier, mit Geringschätzung., ein ungestalter und häßlicher Mensch, selbst durch die geringe Redegewandtheit, die er besitzt, zu großem Einflusse im Staate gelangt ist?

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