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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 33
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXIII. 105. Was nennst du uns da für einen Staseas, versetzte Mucius, was für einen Peripatetiker? Du mußt dich, mein Crassus, diesen jungen Männern willfährig zeigen, welche sich nicht nach eines Griechen alltäglicher Geschwätzigkeit ohne Erfahrung und einem alten Schulliede sehnen, sondern eines Mannes Ansicht zu erforschen suchen, der unter Allen der weiseste und beredteste ist, der nicht in dürftigen Schriften, sondern in den wichtigsten Rechtsverhandlungen und in diesem Sitze der Weltherrschaft und des Ruhmes durch seine Einsicht und Beredsamkeit die erste Stelle einnimmt, in dessen Fußstapfen sie zu treten wünschen. 106. Ich habe dich zwar immer für einen unvergleichlichen Redner gehalten, aber nie habe ich deiner Beredsamkeit ein größeres Lob ertheilt, als deiner Menschenfreundlichkeit, und diese mußt du gerade jetzt an den Tag legen und nicht die Erörterung ablehnen, welche die beiden jungen Männer von so ausgezeichneten Geistesgaben von dir übernommen zu sehen wünschen. 107. Gut, erwiderte er, ich bin ja eifrig bemüht ihnen Folge zu leisten, und ich werde nicht Anstand nehmen in der Kürze nach meiner Weise über jeden einzelnen Punkt meine Ansicht vorzutragen. Was nun die erste Frage anlangt, (deinen Rath nämlich, Scävola, unbeachtet zu lassen halte ich für unzulässig;) so ist meine Antwort diese: Ich glaube, es gibt entweder gar keine oder nur eine sehr unvollkommene Wissenschaft der Beredsamkeit, und der ganze Streit hierüber unter den Gelehrten beruht auf einem Wortgezänke. 108. Denn wenn der Begriff der Wissenschaft so bestimmt wird, wie ihn kurz zuvor Antonius auseinandergesetzt hat, daß sie aus gründlich erforschten und deutlich erkannten Sätzen bestehe, welche von der Willkür der Meinungen entfernt und mit gründlichem Wissen erfaßt sind: so bin ich der Ansicht: es gibt für den Redner schlechterdings keine Wissenschaft, Denn alle Arten unserer gerichtlichen Vorträge sind schwankend und der gewöhnlichen Fassungskraft der Menge anbequemt. 109. Wenn aber die Beobachtungen, die man in der Erfahrung und Behandlung der Rede macht, von einsichtsvollen und erfahrenen Männern bemerkt und aufgezeichnet, durch Worte bestimmt, nach den Gattungen erläutert und in gewisse Abtheilungen gebracht worden sind – und dieß, begreife ich, konnte geschehen –: so sehe ich nicht ein, warum man dieses nicht, wenn auch nicht nach jener strengen Begriffsbestimmung, doch nach unserer gewöhnlichen Ansicht für Wissenschaft halten dürfe. Aber was es auch sein mag, Wissenschaft oder etwas der Wissenschaft Aehnliches, sicherlich darf man es nicht vernachlässigen; nur muß man einsehen, daß es noch andere Dinge gibt, welche zur Erreichung der Beredsamkeit von größerer Wichtigkeit sind.

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