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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXII. 99. Hierauf erwiderte jener: Nein, Sulpicius, wir wollen lieber den Antonius darum bitten, der deinen Wunsch erfüllen kann und auch gewohnt ist dieses zu thun, wie ich dich sagen höre. Denn von mir muß ich gestehen, daß ich zu jeder Zeit diese ganze Art der Unterhaltung vermieden und dir deine Wünsche und Bitten sehr oft abgeschlagen habe, wie du kurz zuvor sagtest. Doch dieß that ich nicht aus Uebermuth oder Unfreundlichkeit, auch nicht aus Mangel an gutem Willen deiner lobenswerten und edelen Wißbegierde zu willfahren, zumal da ich dich vor Allen gerade zur Beredsamkeit geboren und geschickt erkannt hatte, sondern in der That nur aus Ungewohntheit mit einem solchen wissenschaftlichen Vortrage und aus Unkunde der Gegenstände, die kunstmäßig gelehrt werden. 100. Hierauf Cotta: Nachdem wir nun einmal das, was uns als das Schwerste erschien, erreicht haben, daß du dich nämlich, Crassus, überhaupt in ein Gespräch über diese Gegenstände einließest; so würde es, was nun das Weitere betrifft, unsere Schuld sein, wenn wir dich eher entließen, als bis du alle unsere Fragen beantwortet hättest. 101. Ueber diese Gegenstände, mein' ich, sagte Crassus, kann doch nur die bei dem Antritte von Erbschaften gewöhnliche Formel gelten: »worin ich es wissen und können werdeCretio (von cerno) heißt eigentlich die Ueberlegung, ob man die Erbschaft antreten wolle oder nicht; dazu war ein gewisser Zeitraum gesetzlich festgesetzt. Es fand folgende Formel statt: Titius heres esto cernitoque in centum diebus proximis, quibus scies poterisque. Quod ni ita creveris, exheres esto, d. h. Titius soll mein Erbe sein und in den nächsten hundert Tagen, in welchen du es wissen und können wirst, sollst du dich entschließen (nämlich ob du mein Erbe sein willst oder nicht). Entschließest du dich nicht, so sollst du erblos sein. Das Wort quibus sc. diebus (in welchen) bezieht sich in dieser Formel auf die Ueberlegungsfrist; hier aber wird es von Crassus scherzweise auf die Gegenstände bezogen, von denen er Kenntniß habe..« Hierauf jener: Ja freilich, denn wer von uns sollte so unverschämt sein, daß er das zu wissen und zu können verlangen sollte, was du nicht kannst und weißt. Nun gut, sagte Crassus, unter der Bedingung, daß es mir freisteht zu erklären, ich könne etwas nicht, was ich nicht kann, und zu gestehen, ich wisse Etwas nicht, was ich nicht weiß, möget ihr mich nach euerem Gutdünken ausfragen. 102. Nun gut, sagte Sulpicius, so fragen wir denn zuerst nach deiner Ansicht in Betreff des Gegenstandes, über den sich eben Antonius ausgesprochen hat, ob du nämlich der Meinung seiest, daß es eine Wissenschaft der Beredsamkeit gebe. Wie? erwiderte Crassus, ihr wollt mir jetzt, wie einem müssigen und geschwätzigen, vielleicht auch gelehrten und unterrichteten Griechen eine so nichtige Frage vorlegen, über die ich nach meinem Ermessen reden soll? Wann, glaubt ihr, habe ich mich um dergleichen Dinge bekümmert und darüber nachgedacht? Wißt ihr denn nicht, daß ich vielmehr zu jeder Zeit die Unverschämtheit der Menschen verspottet habe, welche, wenn sie sich in ihrem Hörsaale bei einer zahlreichen Versammlung von Zuhörern niedergelassen haben, die Anwesenden auffordern ihnen irgend eine Frage zur Beantwortung vorzulegen? 103. Dieß soll zuerst Gorgias aus LeontiniEiner Stadt Siciliens. Er war ein berühmter Sophist zur Zeit des Sokrates und Lehrer vieler berühmter Athener. gethan haben, der etwas sehr Großes zu übernehmen und zu verheißen schien, da er sich auf Alles, worüber Jemand zu hören wünschte, gefaßt erklärte. In der Folge aber ward dieß allgemeine Sitte und ist es noch heutzutage, so daß es keinen so großen, so unerwarteten, so neuen Gegenstand gibt, über den sie nicht Alles, was darüber gesagt werden könne, zu sagen sich anheischig machen. 104. Hätte ich nun geglaubt, du, Cotta, oder du, Sulpicius, hättest über dergleichen Dinge hören wollen; so hätte ich einen Griechen hierher gebracht, der euch mit derartigen Vorträgen unterhalten konnte, und dies ist auch jetzt nicht schwer auszuführen. Es lebt nämlich bei dem jungen Marcus PisoMarcus Puxius Piso Calpurnianus, im J. 61 v. Chr. Consul, ein Redner und Anhänger der peripatetischen Philosophie., der sich bereits dieser Wissenschaft widmet, einem Manne von ausgezeichneter Begabung und der mir sehr ergeben ist, der Peripatetiker StaseasAus Neapel. S. Cic. Fin. V. 3. 8. 25, 75., der mir sehr befreundet ist und sich nach dem einstimmigen Urtheile der Sachkundigen in seinem Fache unter Allen am Meisten auszeichnet.

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