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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XX. 89. Diesem antwortete jener, er leugne nicht, daß Demosthenes die ausgezeichnetste Staatsklugheit und Rednergeschicklichkeit besessen habe; aber sei es, daß er dieß durch seine geistige Begabung vermocht habe, oder daß er, wie bekannt, ein fleißiger Zuhörer des Plato gewesen sei, es frage sich nicht, was jener vermocht habe, sondern was diese lehrten. 90. Oft ließ er sich auch in seinem Vortrage zu der Behauptung hinreißen, es gebe überhaupt keine Kunst der Rede. Zuerst suchte er dieß durch Beweise zu zeigen: wir seien nämlich von Natur so geschaffen, daß wir uns durch einnehmende Worte und flehentliche Bitten bei denen einschmeicheln könnten, die wir um Etwas bitten müßten, unsere Gegner durch Drohungen schrecken, eine vorgefallene Begebenheit auseinandersetzen, das, was wir beabsichtigten, durch Gründe beweisen und die dagegen gemachten Einwendungen widerlegen, zuletzt Etwas durch Bitten abwenden und beklagen; und in diesen Dingen bestehe die ganze Geschicklichkeit der Redner; zweitens: die Gewohnheit und Uebung schärfe das Vermögen der Einsicht und rege die Geläufigkeit des Ausdruckes an. Darauf aber stützte er sich auch auf eine Menge von Beispielen. 91. Zuerst nämlich, sagte er, sei gleichsam absichtlich kein Schriftsteller der Kunst auch nur in mäßigem Grade beredt gewesen, wobei er von KoraxKorax, ein berühmter Redner und Lehrer der Beredsamkeit in Syrakus, um 420 v. Chr. und TisiasTisias gleichfalls aus Syrakus, war ein Schüler des Tisias und Lehrer des Lysias und Isokrates., mir unbekannten Leuten, ausholte, die bekanntlich die Erfinder und Gründer dieser Wissenschaft gewesen seien; von den beredtesten Männern aber, die diese Dinge weder gelernt noch überhaupt zu wissen sich die Mühe genommen hätten, nannte er unzählige; unter ihnen (sei es nun, um meiner zu spotten, oder daß er so glaubte und so gehört hatte) führte er auch mich an, der ich jene Dinge nicht gelernt habe und doch, wie er sagte, Einiges im Reden leistete. In dem Einen stimmte ich ihm gern bei, daß ich nichts gelernt hätte; in dem Anderen aber, meinte ich, wolle er mich verspotten oder befinde sich selbst im Irrtume. 92. Eine Wissenschaft aber, behauptete er, sei nur das, was auf erkannten und gründlich erforschten, nach einem Endpunkte hinzielenden und niemals trügenden Lehrsätzen beruhe. Alles das aber, was von den Rednern behandelt werde, sei zweifelhaft und unsicher, weil es von denen gesagt werde, die dieses Alles nicht deutlich wüßten, und von denen angehört, denen nicht wissenschaftlich begründete Ansichten, sondern auf kurze Zeit falsche oder wenigstens dunkele Meinungen vorgetragen werden müßten. 93. Wozu viele Worte? Er schien mich damals zu überzeugen, daß es keine Kunst der Beredsamkeit gebe, und daß Niemand mit Einsicht und Fülle reden könne, wenn er sich nicht mit den Vorträgen der gelehrtesten Philosophen bekannt gemacht habe. Hierbei pflegte Charmadas mit großer Bewunderung deine Anlagen, Crassus, zu loben und zu sagen, an mir habe er einen sehr gefälligen Zuhörer, an dir einen sehr kampflustigen Gegner gefunden.

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