Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Erstes Buch

I. 1. Wenn ich, mein lieber Bruder Quintus, wie ich oftmals thue, die alten Zeiten überdenke und mir vergegenwärtige, so pflegen mir die Männer sehr glücklich zu erscheinen, welchen bei der besten Verfassung des Staates im Genusse hoher Ehrenämter und eines großen Thatenruhmes einen solchen Lebenslauf zu behaupten erlaubt war, daß sie entweder ihren Aemtern ohne Gefahr obliegen oder in ihrer Zurückgezogenheit von den Staatsgeschäften mit Würde leben konnten. Auch ich hatte gehofft, es würde mir einst mit Fug und Recht und nach dem Urtheile fast Aller eine Zeit, in der ich wieder Ruhe finden und mich in den Schoß der herrlichen Wissenschaften, die wir beiden lieben, zurückziehen könnte, gegönnt werden, wenn die unendliche Arbeit der gewöhnlichen Verhandlungen und die Bewerbung um Staatsämter mit dem Ablaufe der Ehrenstellen zugleich auch mit der Neige des Alters das Ziel erreicht hätte. 2. Doch diese Hoffnung meiner Gedanken und Pläne wurde theils durch die unglücklichen Zeitverhältnisse des Staates Die Zeit nach seinem Consulate, das er in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahre verwaltete., theils durch mannigfache eigene Unfälle Namentlich das Bündniß zwischen Cäsar und Pompejus. vereitelt. Denn in der Zeit, welche mir die vollste Ruhe und Zufriedenheit zu versprechen schien Seine Verbannung., türmte sich eine Menge der größten Widerwärtigkeiten auf, und die wildesten Stürme erhoben sich, und nicht wurde mir der so gewünschte und erstrebte Genuß der Muße zu Theil, um die Wissenschaften, denen wir von Kindheit an ergeben waren, zu betreiben und unter uns anzubauen. 3. Denn mein erstes Lebensalter fiel gerade in den Umsturz der alten Verfassung In die Zeiten der Bürgerkriege zwischen Marius und Sulla.; und mein Consulat führte mich mitten in den Kampf und die Gefahr des ganzen Staates Durch die Verschwörung des Catilina., und die ganze Zeit nach dem Consulate habe ich den Fluten entgegenstellen müssen, die, durch mich von der Vernichtung des Staates abgewehrt, gegen mich selbst zurückströmen sollten Er meint die Umtriebe seiner Feinde, heimlicher Anhänger des Catilina, namentlich des Clodius, die den Cicero beschuldigten, er habe angesehene Römische Bürger eigenmächtig hinrichten lassen, und auf seine Verbannung antrugen. Der Volkstribun Clodius setzte es wirklich durch, daß Cicero verurtheilt, sein Haus geschleift und sein Eigentum öffentlich verkauft wurde.. Aber ungeachtet dieser mißlichen Verhältnisse und bedrängten Zeiten will ich mich dennoch unseren wissenschaftlichen Bestrebungen widmen und, so viel mir die Ränke der Feinde, die Vertheidigungen der Freunde und die Staatsgeschäfte Muße übrig lassen, vorzugsweise zum Schreiben anwenden. Deinen Aufforderungen aber, mein Bruder, und deinen Bitten werde ich nicht unterlassen Genüge zu leisten. Denn Niemand kann durch Ansehen und Willen mehr über mich vermögen, als du.

II. 4. Ich muß nun zu einem Ereignisse früherer Zeiten In Beziehung auf das im siebenten Kapitel Erwähnte. zurückkehren, das zwar meinem Gedächtnisse nicht ganz vollständig gegenwärtig ist, wohl aber, wie ich glaube, geeignet ist für die Erfüllung deines Wunsches die Ansicht der beredtesten und berühmtesten Männer über die ganze Redekunst zu erfahren. 5. Du hast ja oft den Wunsch gegen mich ausgesprochen, weil die Schrift Er meint die vier Bücher de inventione rhetorica die er in seinem zwanzigsten Lebensjahre herausgegeben hatte., die mir in meinem Knaben- oder Jünglingsalter aus meinen Heften unvollendet und nur in rohen Umrissen entschlüpfte, kaum meines jetzigen Alters und der Erfahrung, die ich aus der Führung so vieler und so wichtiger Verhandlungen gewonnen habe, würdig ist, ich möchte über dieselben Gegenstände etwas Gefeilteres und Vollendeteres veröffentlichen. Auch pflegst du zuweilen in unseren Unterhaltungen darin von mir abzuweichen, daß, während nach meinem Urtheile die Beredsamkeit auf den wissenschaftlichen Kenntnissen der einsichtvollsten Männer beruht, du hingegen der Ansicht bist, sie müsse von der gründlichen Gelehrsamkeit getrennt und als das Erzeugniß einer gewissen natürlichen Geistesanlage und Uebung angesehen werden. 6. Wenn ich nun, wie ich oftmals that, auf die Männer von der höchsten Geistesbegabung meinen Blick richtete; so drängte sich mir die Frage auf, warum wol alle anderen Fächer eine größere Anzahl bewunderungswürdiger Männer aufzuweisen habe, als die Beredsamkeit. Denn wohin man auch seine Aufmerksamkeit und seine Gedanken wenden mag, so wird man sehr viele ausgezeichnete Männer in jeder Art von Künsten und Wissenschaften sehen, und zwar nicht bloß in den gewöhnlichen, sondern beinahe in den wichtigsten. 7. Wer sollte, wenn er bei der Wissenschaft berühmter Männer den Nutzen oder die Größe ihrer Thaten zum Maßstabe nehmen will, nicht dem Feldherrn vor dem Redner den Vorzug geben? Und doch wer möchte bezweifeln, daß wir der vortrefflichsten Heerführer aus unserem Staate allein beinahe unzählige, in der Beredsamkeit aber hervorragende Männer kaum wenige anführen können. 8. Ferner, Männer, die mit Klugheit und Weisheit einen Staat zu lenken und zu leiten verstanden, haben viele zu unserer, mehr noch zu unserer Väter und auch unserer Vorfahren Zeit gelebt, während gute Redner sehr lange gar nicht, erträgliche kaum in den einzelnen Zeitaltern einzelne gefunden wurden. Und damit man nicht etwa meine, die Redekunst müsse mehr mit anderen Wissenschaften, die auf tieferen Kenntnissen und vielseitiger Gelehrsamkeit beruhen, als mit dem Ruhme eines Feldherrn oder mit der Klugheit eines guten Senators verglichen werden: so möge man seinen Geist auf eben diese Zweige der Wissenschaft richten und betrachten, welche Männer sich in denselben ausgezeichnet haben und wie viele, und er wird so am Leichtesten beurtheilen, wie gering die Anzahl der Redner ist und zu jeder Zeit war.

III. 9. Es ist dir ja nicht unbekannt, daß die Wissenschaft, welche die Griechen Philosophie nennen, von den gelehrtesten Männern als die Erzeugerin und Mutter aller anderen gepriesenen Wissenschaften betrachtet wird; und doch ist es schwer alle die Männer aufzuzählen, die sich in derselben durch den größten Umfang ihres Wissens und die größte Vielseitigkeit und Fülle ihrer Bestrebungen auszeichneten, die sich nicht etwa mit einem einzelnen abgesonderten Gegenstande beschäftigten, sondern so viel als möglich Alles mit ihrer wissenschaftlichen Erforschung und Erörterung umfaßten. 10. Was die Mathematiker anlangt, wer weiß nicht, was für dunkele Gegenstände, welch eine entlegene, vielseitige und tiefe Wissenschaft sie bearbeiten? Und doch sind unter ihnen so viele vollkommene Meister aufgetreten, daß sich fast Niemand dieser Wissenschaft mit großem Eifer befleißigt zu haben scheint, ohne seinen Zweck zu erreichen. Wer hat sich der Musik, wer der Sprachkunde gründlich gewidmet, ohne den ganzen beinahe unbegränzten Umfang und Stoff jener Künste mit seiner wissenschaftlichen Forschung zu umfassen? 11. Mit Recht glaube ich behaupten zu dürfen, daß unter allen denen, die ihre Bemühungen auf diese edelen Künste und Wissenschaften gerichtet haben, die Menge ausgezeichneter Dichter sich als die geringste erweist. Und obwol unter diesen nur sehr selten ein hervorragender Geist auftritt, so wird man doch, wenn man nach der Menge der Unsrigen und der Griechen eine sorgfältige Vergleichung anstellen will, weit weniger gute Redner als gute Dichter finden. 12. Um so viel wunderbarer muß dieß erscheinen, weil die Kenntnisse in den anderen Wissenschaften meistens aus tiefen und verborgenen Quellen geschöpft werden, die Redekunst hingegen ganz vor Aller Augen liegt und sich in der gewöhnlichen Erfahrung und in der Menschen Sitte und Rede bewegt. Während daher in den anderen Wissenschaften gerade das, was sich am Weitesten von der Unerfahrenen Einsicht und Denkart entfernt, am Meisten hervorragt, so ist es in der Beredsamkeit gerade der größte Fehler, wenn man von der gebräuchlichen Redeweise und dem gemeinen Menschenverstande abweicht.

IV. 13. Auch das läßt sich nicht mit Recht anführen, daß die Mehrzahl sich der anderen Wissenschaften befleißige oder durch größeres Vergnügen oder reichere Hoffnung oder glänzendere Belohnungen zur Erlernung derselben aufgemuntert werde. Und um Griechenland zu übergehen, das in der Beredsamkeit immer den Vorrang behaupten wollte, und jene Erfinderin aller Wissenschaften, die Stadt Athen, wo die höchste Redekunst erfunden und zur Vollkommenheit gebracht worden ist, in unserem Staate selbst wurde nie irgend einem Gegenstande größerer Fleiß und Eifer zugewandt als der Beredsamkeit. 14. Denn nachdem unsere Herrschaft über alle Völker begründet war, und die Dauer des Friedens das ruhige Leben befestigt hatte; so fand sich nicht leicht ein ruhmbegieriger Jüngling, der nicht der Ansicht gewesen wäre mit allem Eifer nach Beredsamkeit streben zu müssen. Anfänglich zwar bei dem gänzlichen Mangel an wissenschaftlicher Bildung, da man weder von einem geregelten Verfahren der Uebung noch von einer Kunstregel eine Ahnung hatte, brachte man es so weit, als es durch Naturanlage und Nachdenken möglich war. Später aber, als man die Griechischen Redner hörte, ihre Schriften kennen lernte und Lehrmeister anwandte, entbrannten unsere Landsleute von einem unglaublichen Eifer für Beredsamkeit. 15. Aufmunterung fanden sie in der Wichtigkeit, Mannigfaltigkeit und Menge der Rechtsverhandlungen jeglicher Art, so daß zu der gelehrten Bildung, die jeder durch eigenen Fleiß gewonnen hatte, häufige Uebung hinzutrat, welche die Vorschriften aller Lehrmeister übertrifft. Es waren auch diesen Bestrebungen die größten Belohnungen, sowie auch jetzt noch, in Beziehung auf Einfluß, Macht und Würde ausgesetzt. Die geistigen Anlagen unserer Landsleute aber zeichnen sich, wie wir aus vielen Umständen schließen können, sehr vor denen der übrigen Menschen unter allen Völkern aus. Erwägt man diese Gründe, wen dürfte es nicht mit Recht befremden, daß sich in der ganzen Geschichte aller Lebensalter, Zeiten und Staaten eine so geringe Anzahl von Rednern findet? Aber freilich ist es ein schwierigeres Werk, als die Menschen wähnen, und aus dem gemeinsamen Zusammenwirken mehrerer Wissenschaften und Bestrebungen hervorgegangen.

V. 16. Denn bei der großen Menge der Lernenden, bei der ungewöhnlichen Anzahl der Lehrmeister, bei den vorzüglichen Geistesanlagen unserer Landsleute, bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Rechtshändel, bei den ansehnlichen Belohnungen, die der Beredsamkeit ausgesetzt sind, wie könnte man wol einen anderen Grund von dieser Erscheinung annehmen als die unglaubliche Größe und Schwierigkeit der Sache? 17. Es ist nämlich nöthig, daß man sich eine umfassende Sachkenntniß aneigne, ohne welche die Geläufigkeit der Worte nichtig und lächerlich ist, daß man den Vortrag selbst nicht allein durch die Wahl, sondern auch durch die Anordnung der Worte passend gestalte, daß man alle Gemüthsbewegungen, welche die Natur dem Menschengeschlecht ertheilt hat, gründlich erforsche, weil die ganze Kraft und Kunst der Rede sich in der Beruhigung oder Aufregung der Gemüther unserer Zuhörer zeigen muß. Hinzutreten muß gleichfalls eine Art des Witzes und der Laune, eine des freien Mannes würdige Gelehrsamkeit, Schnelligkeit und Kürze im Antworten und Herausfordern, verbunden mit feiner Anmuth und feinem Geschmacke. 18. Außerdem muß man die ganze Geschichte kennen und mit einem Vorrathe von Beispielen versehen sein; auch darf man nicht die Kenntniß der Gesetze und des bürgerlichen Rechtes vernachlässigen. Und was soll ich über den äußeren Vortrag selbst weitläufig reden, der nach der Bewegung des Körpers, nach den Gebärden, nach den Mienen, nach der Bildung und Abwechslung der Stimme abgemessen sein muß? Wie schwierig dieser für sich allein ist, zeigt die leichtfertige Kunst der Schauspieler und die Bühne. Denn so eifrig sich hier auch Alle bemühen dem Gesichte, der Stimme und der Bewegung den angemessenen Ausdruck zu verleihen, so weiß doch jeder, wie gering die Zahl derer ist und war, deren Spiele wir geduldig zusehen können. Was soll ich von der Schatzkammer aller Dinge, dem Gedächtnisse, sagen, welches zur Aufbewahrung der erfundenen und durchdachten Sachen und Worte angewendet werden muß, wenn wir nicht sehen wollen, daß Alles, mag es sich auch noch so schön in dem Redner finden, verloren gehe? 19. Darum wollen wir uns nicht mehr wundern, warum die Anzahl guter Redner so gering ist, da die Beredsamkeit aus der Gesammtheit der Dinge besteht, die selbst einzeln für sich mit Glück zu bearbeiten eine sehr schwierige Aufgabe ist, und lieber wollen wir unsere Kinder und Alle, deren Ruhm und Würde uns am Herzen liegt, auffordern die Größe der Sache im Geiste zu beherzigen und die Ueberzeugung zu hegen, daß sie andere Vorschriften, andere Lehrmeister, andere Uebungen anwenden müssen, als man gemeiniglich anwendet, wenn sie das Ziel, das sie erstreben, erreichen wollen.

VI. 20. Und nach meiner Ansicht wenigstens wird Niemand ein in jeder Hinsicht vollkommener Redner sein können, wenn er sich nicht Kenntnisse von allen wichtigen Gegenständen und Wissenschaften angeeignet hat. Denn aus der Erkenntniß der Sachen muß die Rede erblühen und hervorströmen. Hat der Redner die Sachen nicht gründlich erfaßt und erkannt Nach Ellendt's, auf die Handschriften gestützte, Verbesserung: quae nisi sint ab oratore percepta et cognita. Nur möchte ich für sint den Indikativ sunt lesen, da sich Cicero ganz bestimmt ausdrückt. Früher las man nach bloßer Muthmaßung: quae (sc. oratio), nisi subest res ab or, p. et cognita., so ist sein Vortrag nur ein leeres und ich möchte sagen kindisches Gerede. 21. Nicht jedoch will ich den Rednern, zumal den unsrigen, deren Zeit von den Geschäften des Staatslebens so sehr in Anspruch genommen wird, eine so große Last aufbürden, daß ich ihnen nicht vergönnen sollte Einiges nicht zu wissen; wiewol der Begriff des Redners und sein Beruf selbst gut zu reden das auf sich zu nehmen und zu verheißen scheint, daß er über jeden Gegenstand, der ihm vorgelegt wird, mit Geschmack und Fülle reden könne. 22. Aber weil ich nicht zweifle, daß dieß gar Vielen als eine unermeßliche und unbegränzte Aufgabe erscheint, und weil, wie ich sehe, die Griechen, die doch nicht allein mit geistigen Anlagen und Gelehrsamkeit reichlich ausgestattet sind, sondern auch an Muße Ueberfluß haben und sehr großen Eifer besitzen, eine Theilung der Wissenschaften vorgenommen, und Einzelne von ihnen sich nicht dem ganzen Gebiete derselben zugewandt, sondern von den übrigen Arten der Vorträge den Theil der Beredsamkeit, welcher sich mit den öffentlichen Verhandlungen in den Gerichten und beratschlagenden Versammlungen beschäftigt, ausgesondert und den Redner auf diese einzige Art von Vorträgen beschränkt haben: so will ich in diesen Büchern nicht mehr umfassen, als was dieser Art nach gründlicher Untersuchung und Erörterung der Sache von den größten Männern fast einstimmig zugetheilt worden ist. 23. Und ich werde nicht, von der Wiege unserer ersten Schulbildung ausholend, eine Reihenfolge von Vorschriften geben, sondern das mittheilen, was, wie ich vernommen, einst die beredtesten und durch jede Würde hervorragenden Männer unseres Volkes in einer Unterredung abgehandelt haben; nicht als ob ich das verachtete, was Griechische Redekünstler und Lehrer hinterlassen haben, sondern da dieß offen vorliegt und Allen zugänglich ist und durch meine Auslegung nicht anschaulicher entwickelt und deutlicher ausgedrückt werden kann: so wirst du mir, lieber Bruder, wie ich glaube, gestatten, daß ich die Lehrsätze derer, denen die Unsrigen den höchsten Ruhm in der Beredsamkeit zuerkannt haben, denen der Griechen vorziehe.

VII. 24. Zu der Zeit also, da der Consul Philippus Lucius Marcus Philippus war im Jahre 91 v.Chr. mit Sextus Julius Cäsar Consul und Marcus Livius Drusus Volkstribun. Im Jahre 123 v.Chr. war durch ein Gesetz des Gajus Gracchus dem Senate die Gerichtsbarkeit genommen und den Rittern übertragen worden. Diese übten viele Ungerechtigkeiten gegen den Senat aus. Der Senat bemühte sich daher auf das Angelegentlichste wieder in den Besitz der Gerichtsbarkeit zu kommen. Der Volkstribun Drusus nahm sich der Sache des Senates an; der Consul Philippus aber widersetzte sich ihm nachdrücklich und griff den Senat und die Vornehmen in den öffentlichen Versammlungen sehr heftig an. Vergleiche Cic. de Orat. III. I, 2. Aber da Drusus die Gerichtsbarkeit zwischen den Senat und die Ritter gleichmäßig vertheilen, dreihundert Ritter in den Senat aufnehmen und den Bundesgenossen das Bürgerrecht ertheilen wollte, so wandte sich allmählich der Senat von ihm ab, und so geschah es, daß er bei beiden Parteien sein Ansehen verlor. Zuletzt wurde er meuchlings ermordet, und die Ritter blieben im Besitze des Richteramtes. die Sache der Vornehmen mit großer Leidenschaft angriff, und das für das Ansehen des Senates übernommene Tribunat des Drusus schon kraftlos und schwach zu werden schien, begab sich Lucius Crassus Ueber Lucius Crassus (geb. 140 v.Chr., also damals 49Jahre alt, Schwiegersohn des Augurs Scävola), einen der größten Redner damaliger Zeit, s.die Einleitung S.1821. so wurde mir, wie ich mich erinnere, erzählt während der Tage der Römischen Spiele Die Römischen Spiele (auch die großen oder größten genannt) waren von Tarquinius Priscus gegründet und wurden von den curulischen Aedilen zu Ehren des Jupiter, der Juno und Minerva acht Tage lang vom vierten bis zum dreizehnten September gefeiert. Während derselben hatten die Senatoren Ferien, weil keine Beratschlagungen stattfanden. zu seiner Erholung auf sein Tusculanum; dahin kamen auch sein gewesener qui fuerat. Die Gattin des Crassus war damals, als das Gespräch gehalten sein soll, schon gestorben. Schwiegervater Quintus Mucius und Marcus Antonius Ueber Quintus Mucius Scävola mit dem Beinamen Augur (damals 80Jahre alt), Schwiegersohn des weisen Lälius, den größten Rechtsgelehrten damaliger Zeit, und über Marcus Antonius (geb. 144 v.Chr., also damals 51Jahre alt), einen der größten Redner damaliger Zeit, s.die Einleitung S.21 u.22 und S.1517[?]., ein Mann, der des Crassus Ansichten in der Verwaltung des Staates theilte und mit ihm in der vertrautesten Freundschaft lebte. 25.Mit dem Crassus selbst waren zwei junge Männer gegangen, welche vertraute Freunde des Drusus waren, und an denen die Aelteren damals zwei wichtige Stützen ihrer Gerechtsame zu erhalten hofften, Gajus Cotta, der sich damals um das Volkstribunat bewarb, und Publius Sulpicius Gajus Aurelius Cotta (geb. 124 v.Chr.) und Publius Sulpicius Rufus von gleichem Alter (33Jahre) mit Cotta, s.die Einleitung S.2224., der sich, wie man glaubte, demnächst um dieses Amt bewerben wollte. 26.Diese unterhielten sich an dem ersten Tage über die damaligen Zeitumstände und über die ganze Lage des Staates, weßhalb sie gekommen waren, angelegentlich mit einander bis zur Neige des Tages. In diesem Gespräche, erzählte Cotta, hätten jene drei Consularen Scävola, Antonius und Crassus. Vieles ahnungsvoll beklagt und erwähnt, so daß in der Folge kein Unfall den Staat betroffen habe, den sie nicht so lange vorher hätten drohen sehen. 27.Nach Beendigung des ganzen Gespräches aber habe Crassus eine solche Freundlichkeit gezeigt, daß, als sie sich nach dem Bade zu Tische gelagert hatten, alle Traurigkeit der vorigen Unterredung verschwand, und der Mann einen solchen Frohsinn und so viel heiteren Scherz und Laune äußerte, daß der Tag unter ihnen in der Curie hingebracht zu sein schien, das Gastmahl aber einem Tusculanischen Mahle glich Während des Tages hatten sie über die damalige Lage des Staates ernste Gespräche, wie in der Curie bei Beratungen über Staatsangelegenheiten gepflogen zu werden pflegten, geführt, den Abend aber brachten sie bei einem heiteren Mahle zu, wie es dem Tusculanischen Landgute angemessen war. Die vornehmen Römer pflegten ja ihre Landgüter zu besuchen, um sich von dem lästigen Stadtleben zu erholen und sich aufzuheitern.. 28.Am folgenden Tage, erzählte er, als die Bejahrteren genug der Ruhe gepflogen hatten, habe man einen Lustgang vorgenommen, und nachdem man zwei- oder dreimal auf- und abgegangen sei, habe Scävola gesagt: Warum, Crassus, ahmen wir nicht jenem Sokrates im Phädrus nach? Deine Platane hier gibt mir diesen Gedanken ein; sie breitet zur Beschattung dieses Ortes ihre Aeste nicht weniger aus, als jene, deren Schatten Sokrates nachging, die mir nicht sowol durch das Bächlein selbst, das dort beschrieben wird, als durch die Rede des Plato gewachsen aequula und oratione crevisse. Cicero gebraucht hier das Wort crescere, wachsen, sehr schön einmal in dem eigentlichen, dann aber in dem figürlichen Sinne für Berühmtheit erlangen. S. Platon. Phaedr. p.229. A.230.B. zu sein scheint. Und was jener trotz seiner sehr abgehärteten Füße that, daß er sich auf das Gras niederwarf und so jenes sprach, was die Philosophen wie Göttersprüche rühmen; das darf sicherlich meinen Füßen noch weit eher zu gute gehalten werden. 29.Darauf habe Crassus erwidert: »Nicht so! Wir können es ja bequemer haben!« und habe Polster herbeibringen lassen, und Alle hätten sich auf die Sitze, die unter der Platane waren, niedergelassen.

VIII. Hier also leitete Crassus, wie Cotta oftmals erzählte, um den Gemüthern Aller eine Erholung von der gestrigen Unterredung zu gewähren, das Gespräch auf die wissenschaftliche Erlernung der Beredsamkeit. 30.Er begann mit der Erklärung, Sulpicius und Cotta bedürften nicht seiner Aufmunterung, sondern beiden müsse man vielmehr Lob ertheilen, weil sie sich schon eine solche Geschicklichkeit im Reden angeeignet hätten, daß sie nicht allein ihren Altersgenossen vorgezogen, sondern sogar den Aelteren gleichgestellt würden. Und wahrlich so fuhr er fort es erscheint mir Nichts so vortrefflich als die Kunst durch die Rede die Aufmerksamkeit der Menschen in den Versammlungen zu fesseln, ihre Gemüther zu gewinnen, ihre Neigungen zu leiten, wohin man will, und wovon man will, abzulenken. Sie ist die einzige, welche bei jedem freien Volke und besonders in friedlichen und ruhigen Staaten vorzüglich immer geblüht und immer geherrscht hat. 31.Denn was ist so bewunderungswürdig, als wenn aus einer unendlich großen Menge von Menschen Einer auftritt, der das, was Allen die Natur verliehen hat, entweder allein oder nur mit Wenigen ausüben kann? Oder was ist für Geist und Ohr so anziehend, als eine mit weisen Gedanken und gewichtigen Worten geschmückte und fein ausgebildete Rede? Aber was macht einen so mächtigen und erhabenen Eindruck, als wenn die Bewegungen des Volkes, die Bedenklichkeiten der Richter, die Würde des Senates durch Eines Mannes Rede gelenkt wird? 32.Was ist ferner so königlich, so freigebig, so großmüthig, als Hülfe zu leisten den Flehenden, aufzurichten die Niedergeschlagenen, Rettung vom Untergange zu gewähren, von Gefahren zu befreien, die Menschen im Staate zurückzuhalten? Was ist aber so nothwendig, als zu jeder Zeit Waffen zu besitzen, mit denen man sich entweder selbst decken kann oder die Schlechten zum Kampfe herausfordern oder angegriffen sich rächen? Und nun weiter, um nicht immer an Forum, Gerichtsstühle, Rednerbühne und Curie zu denken, was kann in der Muße erfreulicher oder dem menschlichen Wesen entsprechender sein, als eine feine und in keinerlei Weise ungebildete Unterredung? Denn darin gerade besteht unser größter Vorzug vor den rohen Thieren, daß wir uns mit einander unterreden und unsere Empfindungen durch Worte ausdrücken können. 33.Wer sollte daher dieses nicht mit Recht bewundern und das nicht seiner eifrigsten Bemühungen werth achten, daß er darin die Menschen selbst überrage, worin gerade die Menschen sich am Meisten vor den Thieren auszeichnen? Um nun aber auf das Wichtigste zu kommen, welche andere Macht konnte die zerstreuten Menschen an Einem Orte zusammenschaaren oder von der wilden und rohen Lebensweise zu der jetzigen menschlichen und bürgerlichen Bildung leiten oder nach Gründung der Staaten Gesetze, Gerichte und Gesetze anordnen? 34.Und um nicht noch mehr Vortheile, deren es fast unzählige gibt, aufzusuchen, will ich es kurz zusammenfassen. Ich urtheile nämlich so: Auf der leitenden Weisheit des vollkommenen Redners beruht vorzüglich nicht allein seine eigene Würde, sondern auch die Wohlfahrt der meisten Einzelnen und des ganzen Staates. Darum, junge Freunde, fahrt so fort, wie ihr thut, und legt euch mit allem Eifer auf die Wissenschaft, der ihr euch widmet, damit ihr euch Ruhm, den Freunden Nutzen und dem Staate Vortheil gewähren könnet.

IX. 35. Hierauf sagte Scävola mit seiner gewohnten Freundlichkeit: Im Uebrigen stimme ich dem Crassus bei; ich würde ja sonst die Kunst oder den Ruhm meines Schwiegervaters Gajus Lälius Ueber Lälius, (145 v. Chr. Prätor, 140 Consul) s. zu II.37,154 oder meines Schwiegersohnes hier schmälern; aber in zwei Punkten, Crassus, möchte ich doch Bedenken tragen dir beizupflichten: einmal daß du behauptest, die Staaten seien in ihrem Entstehen von Rednern gegründet und oft erhalten worden; dann daß du meinst, der Redner sei, auch abgesehen von Forum, Volksversammlung, Gerichten und Senate, in jeder Art von Vorträgen und höherer Bildung ein Meister. 36.Denn wer möchte dir das einräumen, daß anfänglich das auf Bergen und in Wäldern zerstörte [zerstreute?] Menschengeschlecht sich nicht durch kluger Männer Rathschläge vielmehr, als durch bezaubernde Vorträge beredter Männer habe bewegen lassen sich in Städten und Mauern einzuschließen? oder aber daß die übrigen nützlichen Einrichtungen bei der Gründung und Erhaltung der Staaten nicht von weisen und tapferen, sondern von beredten und schön redenden Männern getroffen seien? 37.Meinst du wirklich, jener Romulus habe durch Beredsamkeit und nicht vielmehr durch seine vorzügliche Klugheit und Weisheit die Hirten und die zusammengelaufenen Fremdlinge vereinigt oder mit den Sabinern Ehen geknüpft oder der benachbarten Völker Angriffe zurückgedrängt? Wie? Ist in Numa Pompilius, ist in Servius Tullius, ist in den übrigen Königen, die so viele vortreffliche Einrichtungen für die Staatsverfassung gemacht haben, eine Spur von Beredsamkeit sichtbar? Wie? Nach der Vertreibung der Könige wiewol wir die Vertreibung selbst durch den Geist und nicht durch die Zunge des Lucius Brutus zu Stande gebracht sehen doch hernach sehen wir nicht überall eine Fülle kluger Rathschläge und einen Mangel an Worten? 38.Ja wenn ich mich auf Beispiele unserer und anderer Staaten berufen wollte, so könnte ich mehr Nachtheile als Vortheile anführen, die dem Gemeinwesen durch die beredtesten Männer gebracht sind; doch um Anderes zu übergehen, so waren, wie ich glaube, unter allen Rednern, die ich gehört habe, wenn ich euch beide, Crassus, ausnehme, die größten die beiden Sempronier, Tiberius und Gajus, deren Vater Tiberius Sempronius Gracchus. Als Proprätor (177 v.Chr.) besiegte er die Celtiberier in Spanien, als Consul (176) die Sardinier, besonders zeichnete er sich in der Verwaltung des Censoramtes aus (167), das er mit Gajus Claudius Pulcher führte. Als Censor bewirkte er, daß die Freigelassenen, die den vier städtischen Zünften zugetheilt waren, sich aber heimlich auch in die ländlichen, deren es anfänglich 26, nachher 31 gab, eingeschlichen hatten, auf eine einzige Städtische Zunft, die Esquilinische, beschränkt wurden. S.Livius XLV,15. Cicero drückt sich hier weniger genau aus, indem er nicht Eine städtische Zunft erwähnt, sondern ganz allgemein die städtischen Zünfte. Uebrigens spricht Cicero im Brut. 20, 79. dem Tib. Gracchus die Beredsamkeit nicht gänzlich ab., ein verständiger und achtungswürdiger Mann, aber keineswegs beredt, die Wohlfahrt des Staates sowol zu anderen Zeiten oft, als ganz besonders während seiner Censur förderte. Und dieser hat nicht durch eine sorgfältige Fülle der Rede, sondern durch einen Wink und Ein Wort die Freigelassenen in die städtischen Zünfte versetzt. Hätte er dieß nicht gethan, so würden wir den Staat, den wir jetzt kaum noch behaupten können, schon längst gar nicht mehr haben. Aber seine beredten und mit allen Gaben der Natur und allen Hülfsmitteln der Gelehrsamkeit zum Reden ausgerüsteten Söhne haben, da sie doch den Staat durch die Klugheit ihres Vaters und durch die Waffen ihres Großvaters Des berühmten Scipio Africanus, des Aelteren, dessen Tochter, die berühmte Cornelia, die Mutter der Gracchen war. Er besiegte den Hannibal in der Schlacht bei Zama in Africa und beendigte den zweiten Punischen Krieg. in der höchsten Blüte überkommen hatten, durch diese deine Lenkerin der Staaten, wie du die Beredsamkeit nennst, das Vermögen des Staates zerrüttet.

X. 39. Wie? Die alten Gesetze und die Sitte der Vorfahren; wie? die Vogelschau, der ich und du Scävola und Crassus waren beide Auguren., Crassus, zur großen Wohlfahrt des Staates vorstehen; wie? der Gottesdienst und die heiligen Gebräuche; wie? unsere bürgerlichen Rechte, die schon lange in unserer Familie ohne allen Ruhm der Beredsamkeit heimisch sind: ist dieses Alles von den Rednern erfunden oder erkannt oder überhaupt behandelt? 40.Es ist mir noch erinnerlich, wie Servius Galba Servius Galba war 142 v.Chr. Consul. Ueber seine ausgezeichnete Beredtsamkeit s. Cicer. Brut. 22., ein unvergleichlicher Redner, und Marcus Aemilius Porcina Marcus Aemilius Porcina war 135 v.Chr. Consul. Ueber seine Beredsamkeit s. Cicer. Brut. 25 und 27. und selbst Gajus Carbo Gajus Papirius Carbo erregte als Volkstribun (129 v.Chr.) durch seine Gesetze vielfache Unruhen im Volke. Als Consul aber (119) trat er auf die Partei der Vornehmen. Im Jahre 117 wurde er von Crassus, der damals 21Jahre alt war, angeklagt, doch entzog er sich der gefürchteten Strafe durch freiwilligen Tod. Auch er war ein berühmter Redner. S. Cicer. Brut. 27, 103., den du in den ersten Jahren deiner Jugend niederschmettertest, unkundig der Gesetze, unsicher in den Einrichtungen der Vorfahren und unwissend im bürgerlichen Rechte war. Und unser Zeitalter ist, wenn ich dich ausnehme, Crassus, der du mehr aus eigener Neigung, als weil es der eigentliche Beruf des Redners erforderte, das bürgerliche Recht von mir gelernt hast, des Rechtes so unkundig, daß man sich zuweilen schämen muß. 41.Was aber den Punkt am Schlusse deiner Rede betrifft, wo du dir gleichsam mit deinem Rechte herausgenommen hast zu behaupten, der Redner könne sich in jeder Art von Vorträgen und wissenschaftlichen Erörterungen mit der größten Fülle bewegen; so würde ich dieß, wenn ich mich hier nicht auf deinem Gebiete befände, nicht ertragen und Vielen gerathen haben, sie möchten gegen dich gerichtlichen Einspruch interdictum. Interdikte hießen vorläufige Befehle oder Einsprüche des Prätors, besonders in Beziehung auf streitigen Besitz. einlegen oder dich auffordern die Sache im Wege Rechtens auszumachen te ex jure manum consertum vocarent, d.h. eigentlich: sie mochten dich rufen, um im Wege Rechtens die Hand zu legen, nämlich an den streitigen Gegenstand. Dieß war eine juristische Redensart, durch die der Gegner aufgefordert wurde an Ort und Stelle des streitigen Besitzes zu kommen und denselben gemeinschaftlich mit der Hand anzufassen und so über den rechtmäßigen Besitz zu streiten., weil du so ohne Weiteres in fremde Besitzungen eingedrungen seiest. 42.Es würden nämlich mit dir rechten zuerst alle Pythagoreer Schüler des Pythagoras aus Samos, eines Schülers des Pherecydes (um 540 v.Chr.). und Demokritier Anhänger des Demokritus aus Abdera in Thracien, 450 v.Chr. geb., eines Schülers des Leucippus, des Gründers der Lehre von den Atomen, die von ihm weiter ausgebildet wurde., sowie auch die übrigen Naturphilosophen Naturphilosophen () werden die alten Philosophen vor Sokrates genannt, weil sie den Anfang aller Dinge von der Natur () ableiteten, wie vom Wasser, Feuer. ihren Besitz in Anspruch nehmen, Männer, die sich durch eine schöne und nachdrucksvolle Rede auszeichnen, und du dürftest dich mit diesen nicht in einen Rechtsstreit unter Berufung auf ein gerichtliches Unterpfand einlassen quibuscum tibi iusto sacramento contendere non liceret. Sacramentum heißt die Geldsumme, die von den beiden streitenden Parteien bei dem Prätor niedergelegt wurde, wenn über den rechtmäßigen Besitz einer Sache ein Rechtsstreit stattfand. Der gewinnenden Partei fiel diese niedergelegte Summe zu. Scävola sagt also, Crassus würde bei einem solchen Rechtsstreite die von ihm niedergelegte Summe verlieren.. Bedrängen würden dich außerdem die Schaaren der Philosophen, gleich von Sokrates an, ihrem Urheber und Stifter, und erweisen, daß du Nichts von den Gütern im Leben, Nichts von den Uebeln, Nichts von den Gemüthsbewegungen, Nichts von den Sitten der Menschen, Nichts von ihrer Lebensweise gelernt, Nichts überhaupt untersucht habest, Nichts wissest; und nach dem Gesammtangriffe Aller auf dich würden auch noch die einzelnen Schulen besonders einen Rechtsstreit gegen dich erheben. 43.Zusetzen würde dir die Akademie Unter der Akademie ist hier nicht die alte von Plato gegründete zu verstehen, sondern die neuere von Arcesilas (geb. 316 v.Chr.) gegründete, welche behauptete, Nichts sei gewiß, was man entweder mit den Sinnen oder mit dem Verstande auffasse; die Wahrheit lasse sich nicht ergründen, es könne daher nur von Wahrscheinlichkeit die Rede sein. und dich nöthigen zu bekennen, daß du das nicht wissest, was du gesagt habest. Unsere Stoiker Unsere Stoiker, weil Scävola und sein Schwiegervater Lälius Schüler des Stoikers Panätius waren, der lange Zeit in Rom in dem Hause des jüngeren Scipio Africanus lebte. Der Gründer der Stoischen Philosophie war Zeno aus Citium in Cyprus (um 300 v.Chr.). Die Stoiker hatten besonders die Dialektik sehr fein ausgebildet und gefielen sich in spitzfindigen Untersuchungen. vollends würden dich in den Schlingen ihrer gelehrten Streitigkeiten und Fragen verstrickt halten. Die Peripatetiker Die Schule der Peripatetiker war von Aristoteles (um 330) gegründet, der im Lyceum zu Athen , d.h. umherwandelnd, zu lehren pflegte. Nach dem Beispiele des Aristoteles beschäftigten sie sich angelegentlich mit der Redekunst. aber würden darthun, die Stützen der Rede und die Mittel zu ihrer Verschönerung, die du für ein Eigentum der Redner hältst, müßten von ihnen entlehnt werden, und zeigen, daß Aristoteles und Theophrastus Theophrastus aus Eresus auf Lesbus, ein Peripatetiker, Schüler des Plato und Aristoteles, um 300 v.Chr. nicht nur bessere, sondern auch mehr Vorschriften über diese Gegenstände niedergeschrieben hätten, als alle Lehrmeister der Beredsamkeit. 44.Ich übergehe die Mathematiker, Grammatiker und Musiker, mit deren Wissenschaften diese euere Redekunst auch nicht in der geringsten Gemeinschaft und Berührung steht. Deßhalb, meine ich, Crassus, darf man nicht so Großes und so Vieles verheißen. Groß genug ist das, was du leisten kannst, daß vor Gericht jedesmal die Sache, die du vertheidigst, besser und beifallswerther zu sein scheint, daß in den Volksversammlungen und bei den Abstimmungen dein Vortrag auf die Ueberzeugung der Menschen den größten Einfluß hat, endlich daß du den Einsichtsvollen beredt, den Unverständigen auch wahr zu reden scheinst. Leistest du noch mehr, so leistet dieses, wie ich glaube, nicht der Redner, sondern Crassus durch seine eigene und nicht durch die den Rednern gemeinsame Geschicklichkeit.

XI. 45. Hierauf erwiderte jener: Ich weiß recht wohl, Scävola, daß dieses unter den Griechen besprochen und verhandelt zu werden pflegt. Ich habe ja die größten Männer gehört, da ich als Quästor aus Macedonien Im Jahre 107 v. Chr. Vgl. III. 20, 75. nach Athen gekommen war, wo die Akademie, wie man damals sagte, dadurch in Blüte stand, daß derselben Charmadas Charmadas war ein Schüler des Karneades und lebte um 120 v.Chr., Klitomachus Klitomachus aus Karthago, gleichfalls ein Schüler des Karneades. und Aeschines Aeschines aus Neapolis war ein Schüler des Rhodiers Melanthius, der ein Schüler des Karneades gewesen war. vorstanden. Auch Metrodorus Metrodorus aus Stratonike in Karien war gleichfalls ein Akademiker und Schüler des Karneades. war da, der mit jenen zugleich den berühmten Karneades Karneades aus Kyrene in Libyen, einer der bedeutendsten Philosophen der neueren Akademie (150 v. Chr.) selbst sehr fleißig gehört hatte, der Alle im Vortrage und Scharfsinn und Fülle der Rede überragte, und in großem Ansehen standen der Schüler deines Panätius, Mnesarchus Mnesarchus, ein Stoiker, Schüler des Stoikers Panätius aus Rhodus (um 150 v.Chr.)., und Diodorus, der Schüler des Peripatetikers Kritolaus Kritolaus wurde mit Karneades und Diogenes im J.154 v.Chr. als Gesandter von den Athenern nach Rom geschickt.. 46.Außerdem lebten noch viele andere Männer hier, die in der Philosophie berühmt und angesehen waren. Alle diese nun wollten, wie ich sah, fast einstimmig den Redner von dem Steuer der Staaten verdrängen und von aller Gelehrsamkeit und höherer Wissenschaft ausschließen und nur in die Gerichte und in unbedeutende Volksversammlungen, wie in eine Stampfmühle, verstoßen und einsperren. 47.Aber ich konnte weder jenen beipflichten noch dem Erfinder und Urheber dieser gelehrten Streitigkeiten, Plato, der sich in seinen Vorträgen durch Gediegenheit und Beredsamkeit vor Allen bei Weitem auszeichnet. Ich las seinen Gorgias damals zu Athen mit Charmadas sehr fleißig, und ich mußte in diesem Buche den Plato besonders deßhalb bewundern, daß, indem er die Redner Plato verspottet in dem Dialoge Gorgias nicht die Redner an sich, sondern nur die Sophisten. verspottete, er selbst der größte Redner mir zu sein schien. Wortgezänk quält schon lange die armen Griechen, die nach Streit begieriger sind als nach der Wahrheit. 48.Denn gesetzt, es wolle Einer den für einen Redner halten, der nur mit Rechtsangelegenheiten und in den Gerichten entweder vor dem Volke oder im Senate mit Fülle reden könne; so muß er doch selbst diesem Vieles einräumen und zugestehen. Ohne gründliche Behandlung aller öffentlichen Angelegenheiten, ohne die Kenntniß der Gesetze, der Sitte und des Rechtes, ohne die Bekanntschaft mit dem Wesen und den Sitten der Menschen kann ja Niemand selbst in diesen Dingen sich mit genügender Einsicht und Geschicklichkeit bewegen. Wer sich aber diese Kenntnisse angeeignet hat, ohne die Niemand auch nur das Geringfügigste in den Rechtssachen wahren kann; wie wird dem die Wissenschaft der wichtigsten Sachen fern sein können? Verlangt man aber auch vom Redner weiter Nichts als einen wohlgeordneten, geschmückten und reichhaltigen Vortrag, so frage ich, wie er selbst dieses ohne die Wissenschaft erreichen kann. die ihr ihm nicht einräumt. Denn Tüchtigkeit im Reden kann nur stattfinden, wenn der Redner den Gegenstand, über den er sprechen will, erfaßt hat. 49.Hat also jener Naturphilosoph Demokritus S. zu Kap. 10 §. 42 Anm. 105. einen schönen Vortrag gehabt, wie man sagt und mir scheint; so gehörte der Stoff, über den er sprach, dem Naturphilosophen an, der Schmuck der Worte aber muß als ein Eigentum des Redners angesehen werden. Und wenn Plato über Gegenstände, die von bürgerlichen Streitigkeiten weit entfernt sind, unvergleichlich schön gesprochen hat, was ich zugebe; wenn gleichfalls Aristoteles Aristoteles, 320 v. Chr. geb. zu Stagira in Thrakien, war der Gründer der Peripatetischen Philosophie; über Theophrastus s. zu Kap.10. Note111., wenn Theophrastus, wenn Karneades die von ihnen behandelten Gegenstände in einer beredten, anmuthigen und geschmückten Sprache darlegen: so mögen die Gegenstände ihrer Vorträge anderen Wissenschaften angehören, der Vortrag selbst ist sicherlich Eigentum dieser Kunst allein, die wir in unserem Gespräche untersuchen. 50.Wir sehen ja, daß Einige über dieselben Gegenstände trocken und dürftig gesprochen haben, wie zum Beispiel Chrysippus Chrysippus aus Soli in Cilicien, 280 v. Chr. geb. und 206 gest., ein berühmter Stoischer Philosoph, ein Schüler der Stoiker Zeno und Kleanthes., dessen großen Scharfsinn man rühmt, und der darum, daß er diese Geschicklichkeit im Reden aus einer fremden Kunst nicht besaß, nicht minder der Philosophie Genüge geleistet hat.

XII. Was findet also für ein Unterschied statt? oder wie wirst du die Reichhaltigkeit und Fülle der eben genannten Männer von der Dürftigkeit derer unterscheiden, welche diese Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit der Rede nicht haben? Eines wird in der That sein, was diejenigen, welche gut reden, als ihr Eigentum mit sich bringen: eine wolgeordnete, geschmückte und durch Kunst und Feile mit mannigfaltiger Abwechslung versehene Rede. Wenn aber einer solchen Rede nicht ein Stoff zu Grunde liegt, der von dem Redner erfaßt und erkannt ist; so muß sie nothwendiger Weise entweder ganz bedeutungslos sein oder der Gegenstand allgemeinen Sportes und Gelächters werden. 51.Denn was ist so unsinnig, wie ein leerer Schall von Worten, wenn sie auch noch so schön und zierlich sind, wenn kein Gedanke und keine Wissenschaft zu Grunde liegt? Man nehme nun aus irgend einer Wissenschaft einen Stoff, gleichviel von welcher Art, so wird der Redner denselben, wenn er sich zuvor wie von der Sache seines Schutzbefohlenen hat belehren lassen, besser und geschmückter vortragen, als selbst der Erfinder und Kenner dieser Sache. 52.Denn wenn Jemand behaupten sollte, es gebe gewisse den Rednern eigentümliche Gedanken und Verhandlungen und eine durch die Schranken des Gerichtes begränzte Wissenschaft von bestimmten Gegenständen; so will ich allerdings gestehen, daß unsere Redeweise sich häufiger mit diesen beschäftige, aber doch befindet sich selbst in diesen Gegenständen sehr Vieles, was die sogenannten Redekünstler weder lehren noch kennen. 53.Denn wer weiß nicht, daß die größte Stärke des Redners sich darin zeigt, daß er die Gemüther der Menschen zum Zorne oder zum Hasse oder zum Schmerze anreizt und von diesen Leidenschaften wieder zur Sanftmuth und zum Mitleide zurückführt? Wer die Gemüthsarten der Menschen und das ganze Wesen der menschlichen Natur und die Ursachen, durch die die Gemüther entweder angereizt oder beschwichtigt werden, nicht von Grund aus erkannt hat, wird durch seine Rede das nicht erreichen können, was er will. 54.Und dieser ganze Gegenstand wird als ein Eigentum der Philosophen betrachtet, und der Redner wird, wenn er meinem Rathe folgen will, dieß nie bestreiten. Aber wenn er diesen die Kenntniß der Sachen einräumt, weil sie hieraus allein das Ziel ihrer Bestrebungen gerichtet haben; so wird er die Behandlung des Vortrages, der ohne jene Kenntniß ganz bedeutungslos ist, für sich in Anspruch nehmen. Denn das ist, wie ich schon oft bemerkte, das Eigentum des Redners: der würdevolle, geschmückte und den Empfindungen und Gedanken der Menschen angemessene Vortrag.

XIII. 55. Daß über diese Gegenstände Aristoteles und Theophrastus Aristoteles (s. zu Kap.11. Note122.) hat eine Rhetorik geschrieben; Theophrastus (s. zu Kap.10. Note111.) hatte ein Buch geschrieben, das aber nicht mehr vorhanden ist. geschrieben haben, gestehe ich zu. Aber sieh zu, Scävola, ob nicht dieses ganz meinem Gebiete angehört. Denn ich entlehne nicht von jenen, was der Redner mit jenen gemein hat; diese aber räumen ein, daß das, was sie über diese Gegenstände abhandeln, den Rednern angehöre. Daher benennen sie ihre übrigen Bücher mit dem Namen ihrer Wissenschaft, diese hingegen überschreiben und benennen sie rednerische. 56.Allerdings wenn in der Rede, wie es sehr oft der Fall ist, Veranlassungen eintreten jene Gemeinsätze über die unsterblichen Götter, über Frömmigkeit, über Eintracht, über Freundschaft, über das gemeinsame Recht der Bürger, der Menschen und Völker, über Billigkeit, über Besonnenheit, über Seelengröße, über jede Art der Tugend zu behandeln: so werden, glaub' ich, alle Gymnasien und alle Schulen der Philosophen laut erklären, dieses Alles sei ihr Eigentum, gar Nichts hiervon gehe den Redner an. 57.Wenn ich nun diesen auch zugeben will, daß sie diese Gegenstände in ihren Winkeln, um sich die Zeit zu vertreiben, erörtern; so werde ich doch das dem Redner zuertheilen und zuerkennen, daß, während jene diese Gegenstände in einer mageren und kraftlosen Sprache abhandeln, dieser die nämlichen mit aller Würde und Anmuth entwickelt. Dieß verhandelte ich damals zu Athen mit den Philosophen selbst. Denn dazu nöthigte mich unser Marcus Marcellus Ist nicht weiter bekannt., der jetzt curulischer Aedil ist und unfehlbar, wenn er nicht jetzt die Spiele besorgte, unserer Unterredung hier beiwohnen würde; auch schon damals hatte er sich als angehender Jüngling diesen gelehrten Beschäftigungen mit bewunderungswürdigem Eifer ergeben. 58.Ferner in Betreff der Gesetzgebung, des Krieges und Friedens, der Bundesgenossen, der Staatsgefälle, der nach Verschiedenheit der Stände und Alter angeordneten Rechte der Bürger mögen die Griechen, wenn sie wollen, behaupten, Lykurgus oder Solon (wiewol diese wenigstens meines Erachtens unter die Zahl der Redner gerechnet werden müssen) hätten von diesen Gegenständen eine bessere Kenntniß gehabt, als Hyperides oder Demosthenes Hyperides und Demosthenes waren die berühmtesten Redner der Athener zur Zeit des Philippus und Alexanders., Männer, die in der Beredsamkeit schon ganz vollkommen und fein ausgebildet sind; oder mögen die Unsrigen die Decemvirn Die Decemvirn faßten in den Jahren 452 bis 448 die zwölf Tafelgesetze ab. den Verfassern der zwölf Gesetztafeln, welche einsichtsvolle Männer sein mußten, in dieser Beziehung den Vorzug geben vor dem Servius Galba S. zu Kap. 10. Note 99. und deinem Schwiegervater Gajus Lälius S. zu Kap. 9. Note 95., die sich bekanntlich durch Rednerruhm auszeichneten. 59.Denn ich will nicht leugnen, daß es gewisse Wissenschaften gibt, die das Eigentum derer sind, die der Erforschung und Behandlung derselben ihren ganzen Eifer zuwenden; aber ich behaupte, der erst ist ein vollendeter und vollkommener Redner, der über alle Gegenstände mit Fülle und Mannigfaltigkeit zu reden versteht.

XIV. Allerdings liegt oft in den Sachen, die nach dem Geständnisse Aller den Rednern eigentümlich angehören, Etwas, was nicht aus der gerichtlichen Erfahrung, die ihr den Rednern allein einräumt, sondern aus einer tieferen Wissenschaft geschöpft und entlehnt werden muß. 60.Denn ich frage, ob man wol entweder gegen einen Feldherrn oder für einen Feldherrn reden könne ohne Erfahrung im Kriegswesen, oft auch ohne Kenntniß der Gegenden zu Wasser und zu Land, ob vor dem Volke über Genehmigung oder Verwerfung von Gesetzvorschlägen ohne die tiefste Einsicht und Kenntniß der bürgerlichen Angelegenheiten, ob die Rede zur Entflammung oder auch Dämpfung der Empfindungen und Bewegungen des Gemüthes und das ist ja das eigentliche Gebiet des Redners zur Anwendung gebracht werden könne ohne die sorgfältigste Erforschung aller Lehrsätze, welche die Philosophen über die Gemüthsarten und Sitten des Menschengeschlecht entwickeln. 61.Und vielleicht dürfte ich euch hiervon nicht ganz überzeugen, doch ich will keinen Anstand nehmen meine Ansicht mitzutheilen. Die Physik und Mathematik selbst, sowie das, was du kurz zuvor als das Eigentum anderer Wissenschaften aufstelltest, gehört der Kenntniß derer an, die sie zu ihrem Berufsgeschäfte machen; will aber Jemand eben diese Wissenschaften durch den Vortrag beleuchten, so muß er zu der Geschicklichkeit des Redners seine Zuflucht nehmen. 62.Denn wenn bekanntlich jener Baumeister Philo Philo lebte in Athen zur Zeit des Demetrius Phalereus um 300 v.Chr., der den Athenern ein Zeughaus baute, dem Volke auf sehr beredte Weise von seinem Werke Rechenschaft ablegte; so darf man nicht glauben, er sei durch die Kunst des Baumeisters vielmehr, als durch die des Redners beredt gewesen. Und wenn unser Marcus Antonius für den Hermodorus Nicht weiter bekannt. über den Bau von Schiffswerften hätte reden müssen, so würde er, sobald er von diesem über die Sache belehrt worden wäre, einen geschmückten und reichhaltigen Vortrag über eine fremde Kunst gehalten haben. Und ferner wenn Asklepiades Aus Brusa in Bithynien; er lebte zur Zeit des Crassus in Rom., der mein Arzt und Freund war, alle anderen Aerzte an Beredsamkeit übertraf; so machte er gerade darin, daß er so geschmackvoll redete, nicht von seiner Arzeneikunde Gebrauch, wohl aber von der Beredsamkeit. 63.Und das hat einen ziemlichen Schein von Wahrheit, ist jedoch nicht wahr, was Sokrates S. Xenoph. Commentar. IV. 6, 1. zu sagen pflegte, Alle seien in dem, was sie wissen, hinlänglich beredt; wahrer ist das: Niemand kann in dem beredt sein, was er nicht weiß; aber wenn er es auch noch so gut weiß und nicht versteht die Rede zu bilden und zu glätten, so kann er selbst das, wovon er Kenntniß hat, nicht beredt vortragen.

XV. 64. Will man also den Begriff des Redners im Allgemeinen und Besonderen bestimmen und zusammenfassen, so wird meines Erachtens der Redner eines so ehrenvollen Namens würdig sein, der über jeden vorfallenden Gegenstand, der durch die Rede entwickelt werden soll, mit Sachkenntniß, in guter Ordnung, mit Geschmack und aus dem Gedächtnisse, zugleich auch mit einer gewissen Würde des äußeren Vortrages reden kann. 65.Sollte aber Manchem der von mir gebrauchte Ausdruck »über jeden vorfallenden Gegenstand« allzu unbestimmt erscheinen, so mag er hiervon abschneiden und wegnehmen, so viel ihm gut dünkt; doch das werde ich festhalten: mag der Redner auch den Stoff der anderen Künste und Wissenschaften nicht kennen und nur das verstehen, was zu den Rechtserörterungen und zur gerichtlichen Uebung erforderlich ist; so wird er doch, wenn er über jene Gegenstände reden soll, sobald er sich bei denen Raths erholt hat, die das, was jeder Sache eigentümlich angehört, kennen, als Redner weit besser darüber reden, als selbst jene, die diese Gegenstände berufsmäßig treiben. 66.Wenn zum Beispiel unser Sulpicius hier über das Kriegswesen reden soll, so wird er bei unserem Verwandten Gajus Marius Es ist der berühmte Marius, der Besieger der Cimbern und Teutonen. Sein Sohn hatte Mucia, die Tochter des Augurs Scävola, geheiratet und war also der Schwager des Crassus. Erkundigungen einziehen und, wenn er sie erhalten hat, einen solchen Vortrag halten, daß selbst Gajus Marius glauben dürfte, dieser habe davon fast eine bessere Kenntniß als er selbst. Soll er aber über das bürgerliche Recht reden, so würde er sich mit dir besprechen und dich, den einsichtsvollsten und erfahrensten Mann, in eben den Dingen, die er von dir erlernt hat, an Redekunst übertreffen. 67.Und kommt ein Fall vor, wo er über die Natur, über die Laster der Menschen, über die Begierden, über Mäßigung und Enthaltsamkeit, über Schmerz und Tod sprechen soll; so dürfte er sich vielleicht, wenn es ihm gut dünkte (wiewol dieses wenigstens der Redner kennen muß), mit dem Sextus Pompejus Dieser war der Vatersbruder des großen Pompejus und ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter, sowie auch in der Mathematik und Philosophie sehr bewandert. S. Cicer. Brut. 47, 115. besprechen, einem in der Philosophie unterrichteten Manne, und in der That es wird ihm gelingen über jeden Gegenstand, den er von irgend Jemandem erlernt hat, weit geschmückter zu reden, als selbst jener, der ihn belehrt hat. 68.Aber wenn ihm mein Rath etwas gilt, so wollen wir, weil die Philosophie in drei Theile zerfällt, in die dunkele Naturwissenschaft, die scharfsinnige Dialektik und die Lehre von dem Leben und den Sitten, die beiden ersten aufgeben und unserer Trägheit zu gute halten; wollen wir aber den dritten, der immer den Rednern angehört hat, nicht behaupten, so werden wir dem Redner Nichts zurücklassen, worin er sich groß zeigen könnte. 69.Darum muß dieser ganze Theil, der von dem Leben und den Sitten handelt, von dem Redner gründlich erlernt werden; das Uebrige wird er, wenn er es auch nicht erlernt hat, doch, sobald es einmal nöthig ist, durch die Rede auszuschmücken verstehen, wenn ihm nur zuvor der Stoff dazu überliefert und eingehändigt ist.

XVI. Denn wenn, wie es unter den Gelehrten bekannt ist, ein in der Sternkunde unerfahrener Mann, Aratus Aratus aus Soli in Cilicien (um 250 v.Chr.) lebte eine Zeit lang bei Gonatas, dem Könige von Macedonien, auf dessen Aufforderung er die des Astronomen Eudoxus (um 350 v. Chr.) in Verse brachte und unter der Aufschrift herausgab. Cicero übersetzte diesem Gedicht in lateinische Verse., den Himmel und die Gestirne in den schönsten und herrlichsten Versen besungen; wenn ein Mann, der sehr fern vom Lande lebte, Nikander Nikander aus Kolophon in Ionien war Arzt, Grammatiker und Dichter. Er lebte unter AttalusII., König von Pergamus, um 150 v.Chr. Sein Gedicht vom Landbaue ist verloren gegangen. Erhalten von ihm sind zwei Lehrgedichte: und . aus Kolophon, über die Landwirtschaft vermöge dichterischer Befähigung, nicht aber wegen seiner Kenntniß im Landbaue, vortrefflich geschrieben hat: warum sollte nicht der Redner über solche Gegenstände sehr beredt reden, die er für eine gewisse Sache und Zeit erlernt hat? 70.Dem Redner ist ja der Dichter nahe verwandt, durch das Versmaß ein Wenig mehr gebunden, in dem Gebrauche der Worte hingegen freier, in vielen Arten des Schmuckes aber Teilnehmer und fast gleich, darin wenigstens ohne Zweifel ihm beinahe gleich, daß er sein Gebiet durch keine Schranken so umgrenzt und einschließt, daß es ihm nicht frei stehen sollte sich mit der nämlichen Gewandtheit und Fülle des Ausdruckes zu ergehen, wo er Lust hat. 71.Ich muß nämlich hier auf deine frühere Aeußerung. Scävola, zurückkommen. Warum sagtest du, du würdest, wenn du dich nicht auf meinem Gebiete befändest, meine Behauptung nicht ertragen haben, daß der Redner in jeder Art des Vortrages, in jedem Zweige menschlicher Bildung vollkommen sein müsse? Niemals fürwahr würde ich eine solche Behauptung ausgesprochen haben, wenn ich mich selbst für das Vorbild, das ich aufstellte, hielte. 72.Aber was Gajus Lucilius Lucilius aus Suessa Aurunca in Campanien, ein Römischer Ritter, diente unter Scipio Africanus in dem Numantinischen Kriege (133 v. Chr.) und starb zu Neapel in einem Alter von 46Jahren. Er schrieb Satiren, Epoden, Hymnen und eine Komödie. Besonders ist er als der Erfinder der Satire berühmt. Von seinen Schriften sind nur sehr wenige Bruchstücke noch übrig. oft zu sagen pflege, der dir ein Wenig grollte und gerade deßhalb mir weniger, als er es wünschte, befreundet war, aber doch ein gelehrter und sehr sein gebildeter Mann war, dasselbe ist auch mein Urtheil, daß nämlich Niemand unter die Zahl der Redner gerechnet werden dürfe, der nicht in allen, eines freien Mannes würdigen, Wissenschaften ausgebildet sei. Denn wenn wir von ihnen selbst auch beim Reden keinen Gebrauch machen, so ist es doch sichtbar und stellt sich heraus, ob wir derselben unkundig sind oder sie gelernt haben. 73.Sowie zum Beispiel die Ballspieler beim Spiele selbst die der Ringschule eigentümliche Kunst nicht anwenden, aber schon ihre Bewegung anzeigt, ob sie die Ringkunst erlernt haben oder nicht kennen, und sowie die Bildhauer, wenn sie auch für den Augenblick von der Malerei gar keinen Gebrauch machen, doch nicht undeutlich zu erkennen geben, ob sie zu malen verstehen oder nicht: so offenbart es sich bei unseren Reden vor Gericht, in den Volksversammlungen und im Senate, auch wenn in ihnen andre Wissenschaften nicht ausdrücklich zur Anwendung kommen, doch leicht, ob der Redner sich nur in den gewöhnlichen Redeübungen herumgetummelt hat, oder ob er mit allen edelen Wissenschaften ausgerüstet als Redner auftritt.

XVII. 74. Hierauf erwiderte Scävola lachend: Ich will nicht weiter mit dir streiten, Crassus. Deine Gegenrede selbst hast du ja mit einem gewissen Kunstgriffe zu Stande gebracht, indem du einerseits mir in dem, was ich dem Redner abgesprochen wissen wollte, beipflichtetest, andererseits eben dieses, Gott weiß wie, wieder umdrehtest und dem Redner als Eigentum zuertheiltest. 75.Als ich als Prätor nach Rhodus kam und jenem ausgezeichneten Lehrer euerer Wissenschaft, Apollonius Apollonius aus Alabanda in Karien, ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit zu Rhodus, um 100 v.Chr., das, was ich von Panätius Pänatius aus Rhodus, ein berühmter Stoischer Philosoph (um 150 v. Chr.) dessen Schrift (d.i. über die Pflicht) Cicero in den Büchern de Officiis zu Grunde gelegt hat. vernommen hatte, mittheilte; so verspottete er nach seiner Gewohnheit die Philosophie und setzte sie herab und sagte Vieles weniger mit würdevollem Ernste als auf witzige Weise. Dein Vortrag hingegen hatte nicht die Absicht irgend eine Kunst oder Wissenschaft herabzusetzen, sondern alle als Begleiterinnen und Gehülfinnen des Redners darzustellen. 76.Sollte nun ja ein einziger Mensch sie alle umfaßt und zugleich hiermit jene Geschicklichkeit einer wohl geschmückten Rede verbunden haben, so muß ich ihn für einen hervorragenden und bewunderungswürdigen Mann erklären; aber ein solcher würde, wenn es einen gäbe oder auch je gegeben hätte oder auch nur geben könnte, fürwahr kein Anderer sein als du. Du hast ja nach meinem und Aller Urtheile allen anderen Rednern unsere jungen Freunde mögen mir dieses Geständniß nicht übel nehmen kaum irgend einen Ruhm übrig gelassen. 77.Doch wenn es dir an keiner Kenntniß der gerichtlichen und bürgerlichen Angelegenheiten gebricht, und du doch die Wissenschaft Die Kenntniß der Philosophie und anderer Wissenschaften, wie Crassus selbst zu wiederholten Malen von sich sagt. Auch im Brut. 43, 161 sagt Cicero von Crassus, daß ihm eine genauere Kenntniß in der Philosophie, im bürgerlichen Rechte und in der Geschichte gefehlt hat. nicht umfaßt hast, die du dem Redner beigesellst; so laß uns sehen, ob du ihm nicht mehr zutheilest, als es die Sache und Wirklichkeit zuläßt. 78.Da sagte Crassus: Bedenke doch, daß ich nicht über meine, sondern des Redners Geschicklichkeit gesprochen habe. Denn was habe ich gelernt, oder was konnte ich wissen, der ich eher zum Handeln als zum Lernen kam, den auf dem Forum, in der Bewerbung um obrigkeitliche Aemter, in Staatsgeschäften, in Rechtshändeln meiner Freunde die Sache selbst eher aufgerieben hat, als ich eine Ahnung von der Wichtigkeit dieser Sachen haben konnte? 79.Wenn ich dir nun auch so schon Großes zu leisten scheine, dem es, wenn auch nicht gerade an Anlagen, wie du meinst, doch sicherlich an Gelehrsamkeit und an Muße und wahrlich auch an jener feurigen Lernbegierde gemangelt hat: was meinst du, wenn zu Jemandes besseren Anlagen auch noch die Wissenschaften, die ich nicht berührt habe, hinzukämen, wie herrlich und wie groß würde ein solcher Redner sein?

XVIII. 80. Hierauf sagte Antonius: Du überzeugst mich, Crassus, von der Wahrheit deiner Behauptungen, und ich zweifle nicht, daß derjenige im Reden weit reicher ausgestattet sein wird, der die Beschaffenheit und das Wesen aller Dinge und Wissenschaften umfaßt. 81.Aber erstens ist dieses schwer auszuführen. zumal bei unserer Lebensweise und unseren Beschäftigungen; und dann muß man besorgen, daß wir dadurch von unserer Redeübung und Redeweise, wie sie sich für das Volk und die Gerichte eignet, abgezogen werden. Denn einen anderen Vortrag scheinen mir die Männer zu haben, deren du kurz zuvor gedacht hast, so geschmackvoll und so gewichtig sie auch über das Wesen der Dinge und über menschliche Angelegenheiten reden mögen. Ihre Redeweise ist glänzend und blühend, aber sie paßt mehr für die Schule und die Schulübungen als für unseren gemischten Bürgerschwarm und die Gerichte. 82.Ich meinerseits habe mich freilich erst spät und nur oberflächlich mit der Griechischen Litteratur befaßt; aber da ich als Proconsul auf meiner Reise nach Cilicien nach Athen kam und daselbst wegen widriger Winde mehrere Tage verweilte, so hatte ich doch täglich die gelehrtesten Männer um mich, meistens dieselben, die du eben nanntest. Und da es, ich weiß nicht wie, unter ihnen ruchbar geworden war, daß ich wichtigere Rechtsverhandlungen, sowie du, zu führen pflegte; so versuchte jeder von ihnen, so gut er konnte, sich über die Pflicht und die Wissenschaft des Redners auszusprechen. 83.Einige von ihnen, sowie eben jener Mnesarchus S. zu Kap. 11. Note 118., sagte, diejenigen, die wir Redner nennten, seien nichts Anderes als Handlanger mit geläufiger und geübter Zunge; ein wahrer Redner sei Niemand, wenn er nicht ein Weiser sei, und die Beredsamkeit selbst sei, weil sie in der Wissenschaft des guten Vortrages bestehe, eine Tugend, und wer Eine Tugend besitze, besitze alle, und diese seien unter einander völlig gleich; folglich wer beredt sei, der besitze alle Tugenden und sei ein Weiser. Doch diese Erörterung war spitzfindig und saftlos und widersprach zu sehr unserer Auffassungsweise. 84.Charmadas S. zu Kap. 11. Note 113. aber sprach weit reichhaltiger über dieselben Gegenstände, jedoch nicht, um seine eigene Ansicht auszusprechen; das ist ja die hergebrachte Weise der Akademie, in ihren Untersuchungen Allen nur immer das Widerspiel zu halten; aber doch deutete er ganz deutlich an, diejenigen, die man Redekünstler nenne und die die Regeln der Beredsamkeit lehrten, wüßten gar Nichts, und Niemand könne sich Geschicklichkeit im Reden aneignen, wenn er nicht die Erfindungen der Philosophen gelernt habe.

XIX. 85. Dagegen sprechen beredte und in Staatsgeschäften und Rechtshandlungen bewanderte Männer, unter denen sich auch der befand, der neulich zu Rom war, Menedemus Ein Lehrer der Beredsamkeit, sonst nicht weiter bekannt., mein Gastfreund. Da dieser behauptete, es gebe eine Wissenschaft, die sich mit Erforschung von Kunstregeln über die Einrichtung und Verwaltung der Staaten beschäftige; da erhob sich der immer schlagfertige Mann Nämlich Charmadas. In den Handschriften wird gelesen. excitabatur homo promptus ab homine abundanti doctrina. Die Worte ab homine offenbar ein Glossem, und ich habe sie nach dem Vorgange von Schütz und fast allen neueren Herausgebern weggelassen. S. Ellendt zu dieser Stelle., der eine reiche Gelehrsamkeit und eine unglaubliche Mannigfaltigkeit und Fülle von Kenntnissen besaß, und zeigte, daß alle Theile eben dieser Staatswissenschaft von der Philosophie entlehnt werden müßten, und daß über Verordnungen des Staates in Betreff der unsterblichen Götter, der Jugenderziehung, der Gerechtigkeit, der Geduld, der Besonnenheit, des Maßes in Allem und über alle anderen Dinge, ohne welche die Staaten entweder gar nicht bestehen oder nicht wohl gesittet sein könnten, sich nirgends in ihren Büchern eine Vorschrift finden lasse. 86.Wenn nun diese Redekünstler eine so große Menge der wichtigsten Gegenstände in ihrer Wissenschaft umfassen, so fragte er, warum ihre Bücher von Regeln über Eingänge, über Schlußreden und dergleichen Possen (so nannte er es) vollgefüllt seien, über Einrichtung der Staaten hingegen, über Abfassung von Gesetzen, über Billigkeit, Gerechtigkeit und Treue, über Bezähmung der Begierden, über Bildung der Sitten des Menschengeschlechtes sich kein Buchstabe in ihren Büchern finde. 87.Ihre Regeln selbst pflegte er dadurch zu verspotten, daß er zeigte, daß sie nicht nur in jener Staatsklugheit, die sie sich anmaßten, unerfahren seien, sondern auch von der Beredsamkeit selbst keine schulgerechte Kenntniß hätten. Die Hauptsache für den Redner nämlich, meinte er, bestehe darin, daß er denjenigen, vor denen er auftrete, so erscheine, wie er es selbst wünsche; dieß werde durch die Würde des Lebens bewirkt, von der jene Lehrer der Beredsamkeit in ihren Vorschriften Nichts hinterlassen hätten; und daß seine Zuhörer in ihrem Inneren so gestimmt würden, wie sie der Redner gestimmt wissen wolle; auch dieß sei auf keine Weise möglich, wenn nicht der Redner gelernt habe, auf welche und auf wie vielerlei Weise und durch welche Art des Vortrages die Gemüther der Menschen nach allen Richtungen gelenkt würden; das seien aber Geheimnisse, die ganz in der Tiefe der Philosophie versteckt und verborgen lägen, wovon jene Redekünstler sich nicht einmal eine oberflächliche Kenntniß angeeignet hätten. 88.Diese Behauptungen suchte Menedemus mehr durch Beispiele als durch Beweise zu widerlegen. Er trug nämlich aus dem Gedächtnisse viele herrliche Stellen aus den Reden des Demosthenes vor und zeigte so, daß dieser dadurch, daß er verstand die Gemüther der Richter oder des Volkes nach allen Richtungen zu lenken, kund gegeben habe, wie gut er die Mittel gekannt habe, durch die er das erreichen könnte, was nach jenes Behauptung Niemand ohne Philosophie wissen könne.

XX. 89. Diesem antwortete jener, er leugne nicht, daß Demosthenes die ausgezeichnetste Staatsklugheit und Rednergeschicklichkeit besessen habe; aber sei es, daß er dieß durch seine geistige Begabung vermocht habe, oder daß er, wie bekannt, ein fleißiger Zuhörer des Plato gewesen sei, es frage sich nicht, was jener vermocht habe, sondern was diese lehrten. 90.Oft ließ er sich auch in seinem Vortrage zu der Behauptung hinreißen, es gebe überhaupt keine Kunst der Rede. Zuerst suchte er dieß durch Beweise zu zeigen: wir seien nämlich von Natur so geschaffen, daß wir uns durch einnehmende Worte und flehentliche Bitten bei denen einschmeicheln könnten, die wir um Etwas bitten müßten, unsere Gegner durch Drohungen schrecken, eine vorgefallene Begebenheit auseinandersetzen, das, was wir beabsichtigten, durch Gründe beweisen und die dagegen gemachten Einwendungen widerlegen, zuletzt Etwas durch Bitten abwenden und beklagen; und in diesen Dingen bestehe die ganze Geschicklichkeit der Redner; zweitens: die Gewohnheit und Uebung schärfe das Vermögen der Einsicht und rege die Geläufigkeit des Ausdruckes an. Darauf aber stützte er sich auch auf eine Menge von Beispielen. 91.Zuerst nämlich, sagte er, sei gleichsam absichtlich kein Schriftsteller der Kunst auch nur in mäßigem Grade beredt gewesen, wobei er von Korax Korax, ein berühmter Redner und Lehrer der Beredsamkeit in Syrakus, um 420 v.Chr. und Tisias Tisias gleichfalls aus Syrakus, war ein Schüler des Tisias und Lehrer des Lysias und Isokrates., mir unbekannten Leuten, ausholte, die bekanntlich die Erfinder und Gründer dieser Wissenschaft gewesen seien; von den beredtesten Männern aber, die diese Dinge weder gelernt noch überhaupt zu wissen sich die Mühe genommen hätten, nannte er unzählige; unter ihnen (sei es nun, um meiner zu spotten, oder daß er so glaubte und so gehört hatte) führte er auch mich an, der ich jene Dinge nicht gelernt habe und doch, wie er sagte, Einiges im Reden leistete. In dem Einen stimmte ich ihm gern bei, daß ich nichts gelernt hätte; in dem Anderen aber, meinte ich, wolle er mich verspotten oder befinde sich selbst im Irrtume. 92.Eine Wissenschaft aber, behauptete er, sei nur das, was auf erkannten und gründlich erforschten, nach einem Endpunkte hinzielenden und niemals trügenden Lehrsätzen beruhe. Alles das aber, was von den Rednern behandelt werde, sei zweifelhaft und unsicher, weil es von denen gesagt werde, die dieses Alles nicht deutlich wüßten, und von denen angehört, denen nicht wissenschaftlich begründete Ansichten, sondern auf kurze Zeit falsche oder wenigstens dunkele Meinungen vorgetragen werden müßten. 93.Wozu viele Worte? Er schien mich damals zu überzeugen, daß es keine Kunst der Beredsamkeit gebe, und daß Niemand mit Einsicht und Fülle reden könne, wenn er sich nicht mit den Vorträgen der gelehrtesten Philosophen bekannt gemacht habe. Hierbei pflegte Charmadas mit großer Bewunderung deine Anlagen, Crassus, zu loben und zu sagen, an mir habe er einen sehr gefälligen Zuhörer, an dir einen sehr kampflustigen Gegner gefunden.

XXI. 94. Und so habe ich, durch dieselbe Meinung verleitet, in einer kleinen Schrift, die mir wider Willen und Wissen entschlüpft und in die Hände der Menschen gekommen ist, die Aeußerung niedergeschrieben, der beredten Männer hätte ich einige gekannt, einen Redner aber noch nicht. Unter einem beredten verstand ich nämlich denjenigen, welcher mit hinlänglichem Scharfsinne und Deutlichkeit vor gewöhnlichen Leuten dem gemeinen Menschenverstand gemäß reden könne; unter einem Redner aber denjenigen, welcher auf eine bewunderungswürdigere und prächtigere Weise Alles, was er wolle, erheben und ausschmücken könne und alle Hülfsquellen für alle Gegenstände, die sich auf die Rede beziehen, mit seinem Geiste und Gedächtnisse umfasse. Wenn dieß auch für uns schwierig ist, weil wir, bevor wir zum Lernen schreiten, von Amtsbewerbungen und Gerichtshändeln erdrückt werden; so dürfte es doch in dem Wesen der Sache begründet sein. 95.Fürwahr wenn ich meinem Vorgefühle trauen darf und die trefflichen Anlagen betrachte, mit denen unsere Landsleute ausgerüstet sind; so gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß einst Einer sein wird, der, wenn er sich mit eifrigerem Fleiße, als wir haben und hatten, mit erhöhter Anstrengung und Thätigkeit bei größerer Muße und reiferer Fähigkeit zum Lernen auf das Hören, Lesen und Schreiben legen wird, sich zu einem solchen Redner, wie wir ihn suchen, ausbilden wird, der mit Recht nicht allein beredt, sondern auch ein Redner genannt werden kann. Doch nach meinem Urtheile ist ein solcher entweder schon unser Crassus hier, oder sollte ein Anderer ihm an Anlagen gleich kommen und mehr, als er, gehört, gelesen und geschrieben haben, so wird er ihm nur ein Weniges hinzufügen können. 96.Hier ergriff Sulpicius das Wort: Gegen meine und des Cotta Hoffnung, aber nach unser beider sehnlichstem Wunsche hat es sich gefügt, Crassus, daß ihr auf diese Unterredung verfielt. Denn als wir hierher kamen, erschien es uns schon erfreulich genug, wenn wir bei euerem Gespräche über andere Gegenstände doch etwas der Erinnerung Würdiges aus euerer Unterredung erhaschen könnten; daß ihr euch aber fast bis zum Kerne der Untersuchung über diese ganze Wissenschaft (oder soll ich sagen: Kunst oder Fertigkeit?) vertiefen würdet, das glaubten wir kaum wünschen zu dürfen. 97.Denn ich, der ich von Jugend an euch beiden von ganzem Herzen zugethan war, ja zum Crassus die innigste Liebe hegte, konnte, obwol ich nirgends von seiner Seite wich, ihm doch nie ein Wort über den kunstmäßigen Lehrgang der Beredsamkeit entlocken. so oft ich auch theils selbst ihm meinen Wunsch mitgetheilt, theils ihn durch den Drusus Ueber den Volkstribunen Marcus Livius Drusus s. zu Kap.7. Note86. angegangen hatte. In dieser Hinsicht hast du, Antonius, ich will die Wahrheit sagen, nie meine Erkundigungen oder Fragen unbefriedigt gelassen, und sehr oft belehrtest du mich über die Beobachtungen, die du beim Reden zu machen pflegtest. 98.Jetzt nun, da ihr beiden den Zugang gerade zu den Gegenständen, die wir zu wissen wünschen, eröffnet habt, und Crassus zu dieser Unterredung Veranlassung gegeben hat, erweist uns die Gefälligkeit euere Ansichten über die gesammte Beredsamkeit gründlich auseinanderzusetzen. Sind wir so glücklich dieses von euch zu erlangen, so werde ich, Crassus, dieser Schule und deinem Tusculanum von Herzen Dank wissen und dein Gymnasium hier in der Nähe der Stadt jener Akademie und jenem Lyceum bei Weitem vorziehen.

XXII. 99. Hierauf erwiderte jener: Nein, Sulpicius, wir wollen lieber den Antonius darum bitten, der deinen Wunsch erfüllen kann und auch gewohnt ist dieses zu thun, wie ich dich sagen höre. Denn von mir muß ich gestehen, daß ich zu jeder Zeit diese ganze Art der Unterhaltung vermieden und dir deine Wünsche und Bitten sehr oft abgeschlagen habe, wie du kurz zuvor sagtest. Doch dieß that ich nicht aus Uebermuth oder Unfreundlichkeit, auch nicht aus Mangel an gutem Willen deiner lobenswerten und edelen Wißbegierde zu willfahren, zumal da ich dich vor Allen gerade zur Beredsamkeit geboren und geschickt erkannt hatte, sondern in der That nur aus Ungewohntheit mit einem solchen wissenschaftlichen Vortrage und aus Unkunde der Gegenstände, die kunstmäßig gelehrt werden. 100. Hierauf Cotta: Nachdem wir nun einmal das, was uns als das Schwerste erschien, erreicht haben, daß du dich nämlich, Crassus, überhaupt in ein Gespräch über diese Gegenstände einließest; so würde es, was nun das Weitere betrifft, unsere Schuld sein, wenn wir dich eher entließen, als bis du alle unsere Fragen beantwortet hättest. 101. Ueber diese Gegenstände, mein' ich, sagte Crassus, kann doch nur die bei dem Antritte von Erbschaften gewöhnliche Formel gelten: »worin ich es wissen und können werde Cretio (von cerno) heißt eigentlich die Ueberlegung, ob man die Erbschaft antreten wolle oder nicht; dazu war ein gewisser Zeitraum gesetzlich festgesetzt. Es fand folgende Formel statt: Titius heres esto cernitoque in centum diebus proximis, quibus scies poterisque. Quod ni ita creveris, exheres esto, d.h. Titius soll mein Erbe sein und in den nächsten hundert Tagen, in welchen du es wissen und können wirst, sollst du dich entschließen (nämlich ob du mein Erbe sein willst oder nicht). Entschließest du dich nicht, so sollst du erblos sein. Das Wort quibus sc. diebus (in welchen) bezieht sich in dieser Formel auf die Ueberlegungsfrist; hier aber wird es von Crassus scherzweise auf die Gegenstände bezogen, von denen er Kenntniß habe..« Hierauf jener: Ja freilich, denn wer von uns sollte so unverschämt sein, daß er das zu wissen und zu können verlangen sollte, was du nicht kannst und weißt. Nun gut, sagte Crassus, unter der Bedingung, daß es mir freisteht zu erklären, ich könne etwas nicht, was ich nicht kann, und zu gestehen, ich wisse Etwas nicht, was ich nicht weiß, möget ihr mich nach euerem Gutdünken ausfragen. 102.Nun gut, sagte Sulpicius, so fragen wir denn zuerst nach deiner Ansicht in Betreff des Gegenstandes, über den sich eben Antonius ausgesprochen hat, ob du nämlich der Meinung seiest, daß es eine Wissenschaft der Beredsamkeit gebe. Wie? erwiderte Crassus, ihr wollt mir jetzt, wie einem müssigen und geschwätzigen, vielleicht auch gelehrten und unterrichteten Griechen eine so nichtige Frage vorlegen, über die ich nach meinem Ermessen reden soll? Wann, glaubt ihr, habe ich mich um dergleichen Dinge bekümmert und darüber nachgedacht? Wißt ihr denn nicht, daß ich vielmehr zu jeder Zeit die Unverschämtheit der Menschen verspottet habe, welche, wenn sie sich in ihrem Hörsaale bei einer zahlreichen Versammlung von Zuhörern niedergelassen haben, die Anwesenden auffordern ihnen irgend eine Frage zur Beantwortung vorzulegen? 103.Dieß soll zuerst Gorgias aus Leontini Einer Stadt Siciliens. Er war ein berühmter Sophist zur Zeit des Sokrates und Lehrer vieler berühmter Athener. gethan haben, der etwas sehr Großes zu übernehmen und zu verheißen schien, da er sich auf Alles, worüber Jemand zu hören wünschte, gefaßt erklärte. In der Folge aber ward dieß allgemeine Sitte und ist es noch heutzutage, so daß es keinen so großen, so unerwarteten, so neuen Gegenstand gibt, über den sie nicht Alles, was darüber gesagt werden könne, zu sagen sich anheischig machen. 104.Hätte ich nun geglaubt, du, Cotta, oder du, Sulpicius, hättest über dergleichen Dinge hören wollen; so hätte ich einen Griechen hierher gebracht, der euch mit derartigen Vorträgen unterhalten konnte, und dies ist auch jetzt nicht schwer auszuführen. Es lebt nämlich bei dem jungen Marcus Piso Marcus Puxius Piso Calpurnianus, im J. 61 v.Chr. Consul, ein Redner und Anhänger der peripatetischen Philosophie., der sich bereits dieser Wissenschaft widmet, einem Manne von ausgezeichneter Begabung und der mir sehr ergeben ist, der Peripatetiker Staseas Aus Neapel. S. Cic. Fin. V. 3. 8. 25, 75., der mir sehr befreundet ist und sich nach dem einstimmigen Urtheile der Sachkundigen in seinem Fache unter Allen am Meisten auszeichnet.

XXIII. 105. Was nennst du uns da für einen Staseas, versetzte Mucius, was für einen Peripatetiker? Du mußt dich, mein Crassus, diesen jungen Männern willfährig zeigen, welche sich nicht nach eines Griechen alltäglicher Geschwätzigkeit ohne Erfahrung und einem alten Schulliede sehnen, sondern eines Mannes Ansicht zu erforschen suchen, der unter Allen der weiseste und beredteste ist, der nicht in dürftigen Schriften, sondern in den wichtigsten Rechtsverhandlungen und in diesem Sitze der Weltherrschaft und des Ruhmes durch seine Einsicht und Beredsamkeit die erste Stelle einnimmt, in dessen Fußstapfen sie zu treten wünschen. 106.Ich habe dich zwar immer für einen unvergleichlichen Redner gehalten, aber nie habe ich deiner Beredsamkeit ein größeres Lob ertheilt, als deiner Menschenfreundlichkeit, und diese mußt du gerade jetzt an den Tag legen und nicht die Erörterung ablehnen, welche die beiden jungen Männer von so ausgezeichneten Geistesgaben von dir übernommen zu sehen wünschen. 107.Gut, erwiderte er, ich bin ja eifrig bemüht ihnen Folge zu leisten, und ich werde nicht Anstand nehmen in der Kürze nach meiner Weise über jeden einzelnen Punkt meine Ansicht vorzutragen. Was nun die erste Frage anlangt, (deinen Rath nämlich, Scävola, unbeachtet zu lassen halte ich für unzulässig;) so ist meine Antwort diese: Ich glaube, es gibt entweder gar keine oder nur eine sehr unvollkommene Wissenschaft der Beredsamkeit, und der ganze Streit hierüber unter den Gelehrten beruht auf einem Wortgezänke. 108.Denn wenn der Begriff der Wissenschaft so bestimmt wird, wie ihn kurz zuvor Antonius auseinandergesetzt hat, daß sie aus gründlich erforschten und deutlich erkannten Sätzen bestehe, welche von der Willkür der Meinungen entfernt und mit gründlichem Wissen erfaßt sind: so bin ich der Ansicht: es gibt für den Redner schlechterdings keine Wissenschaft, Denn alle Arten unserer gerichtlichen Vorträge sind schwankend und der gewöhnlichen Fassungskraft der Menge anbequemt. 109.Wenn aber die Beobachtungen, die man in der Erfahrung und Behandlung der Rede macht, von einsichtsvollen und erfahrenen Männern bemerkt und aufgezeichnet, durch Worte bestimmt, nach den Gattungen erläutert und in gewisse Abtheilungen gebracht worden sind und dieß, begreife ich, konnte geschehen : so sehe ich nicht ein, warum man dieses nicht, wenn auch nicht nach jener strengen Begriffsbestimmung, doch nach unserer gewöhnlichen Ansicht für Wissenschaft halten dürfe. Aber was es auch sein mag, Wissenschaft oder etwas der Wissenschaft Aehnliches, sicherlich darf man es nicht vernachlässigen; nur muß man einsehen, daß es noch andere Dinge gibt, welche zur Erreichung der Beredsamkeit von größerer Wichtigkeit sind.

XXIV. 110. Hierauf sagte Antonius, er stimme dem Crassus vollkommen bei, daß er weder der Wissenschaft einen so hohen Werth beilege, wie die zu thun pflegten, welche die ganze Bedeutung der Beredsamkeit auf die Wissenschaft gründeten, noch auch hinwiederum sie gänzlich verwerfe, wie die meisten Philosophen thäten. Aber, fuhr er fort, ich glaube, Crassus, du würdest den Anwesenden einen Gefallen erweisen, wenn du auseinandersetzen wolltest, welche Hülfsmittel der Beredsamkeit du für noch nützlicher hältst, als die Wissenschaft selbst. 111.Gut, sagte er, ich will es thun, weil ich nun einmal den Anfang gemacht habe; nur muß ich euch bitten diese meine Thorheiten nicht auszuplaudern. Doch werde ich mir selbst ein Maß setzen, damit ich nicht wie ein Lehrmeister und Kunstkenner aufzutreten scheine, sondern wie ein schlichter Römer, der sich durch die gerichtliche Uebung einige Bildung angeeignet hat und nicht ganz unwissend ist, und der nicht aus eigenem Antriebe Etwas verheißen hätte, wenn er nicht zufällig in euer Gespräch gerathen wäre. 112.So oft ich mich sonst um ein Staatsamt bewarb, pflegte ich, wenn ich mich durch Händedruck bei den Leuten beliebt machen wollte, den Scävola von mir zu entlassen, indem ich zu ihm sagte: »Ich will jetzt eine Thorheit begehen;« darunter verstand ich die einschmeichelnde Art der Bewerbung, die ohne Thorheit auf gehörige Weise nicht ausgeführt werden kann; er aber sei unter Allen der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ich mich am Wenigsten thöricht zu benehmen wünschte. Und diesen gerade hat jetzt das Geschick zum Zeugen und Zuschauer meiner Thorheiten gemacht. Denn was ist thörichter, als über das Reden zu reden, da das Reden an und für sich zu jeder Zeit thöricht ist, außer wenn es nothwendig ist? Nun fahre nur fort, lieber Crassus, sagte Mucius; denn die Schuld, die du befürchtest, will ich auf mich nehmen.

XXV. 113. Meine Ansicht ist also, sagte Crassus, diese: zuerst hat die natürliche Anlage den größten Einfluß aus die Beredsamkeit, und in der That jenen Schriftstellern fehlte es nicht an einer wissenschaftlichen Lehrweise, wohl aber an Naturanlagen. Denn das Gemüth und der Geist müssen eine schnelle Beweglichkeit besitzen, so daß sie in der Erfindung Scharfsinn und in der Entwickelung und Ausschmückung Reichhaltigkeit zeigen und das dem Gedächtnisse Anvertraute fest und treu behalten. 114.Und sollte Jemand meinen, diese Eigenschaften könnten durch Kunst erlangt werden; (das ist aber falsch; denn man könnte schon ganz zufrieden sein, wenn sie durch die Kunst nur angeregt oder geweckt werden könnten; einpflanzen wenigstens und schenken kann die Kunst sie nicht; es sind ja lauter Naturgaben;) was will er von den Eigenschaften sagen, die gewiß mit dem Menschen selbst geboren werden? Ich meine eine wohl gelöste Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, Leibeskräfte und eine gewisse Bildung und Gestaltung des ganzen Gesichtes und Körpers. 115.Nicht jedoch sage ich dieses so, als ob die Kunst nicht manche Menschen verfeinern könne; denn ich weiß recht wohl, daß das Gute durch Bildung noch besser werden und das minder Gute doch einigermaßen sich zuschleifen und verbessern läßt; aber es gibt Einige, die so sehr mit der Zunge stottern oder eine so klanglose Stimme oder so rohe und bäuerische Gesichtszüge und Körperbewegungen haben, daß sie, so sehr sie sich auch durch geistige Anlagen und wissenschaftliche Bildung auszeichnen mögen, doch nicht zu den Rednern gezählt werden können. Andere hingegen sind in diesen Eigenschaften so gewandt, mit den Gaben der Natur so ausgerüstet, daß sie zu Rednern nicht geboren, sondern von einem Gotte gebildet zu sein scheinen. 116.Einer großen Last und einer wichtigen Verpflichtung unterzieht sich derjenige, der von sich bekennt, er allein müsse, während alle Anderen schweigen, in einer großen Versammlung von Menschen über die wichtigsten Angelegenheiten gehört werden. Denn unter allen Anwesenden ist nicht leicht Einer, der die Fehler am Redner nicht schärfer und genauer bemerken sollte, als das Richtige. Was es daher auch sein mag, woran man Anstoß nimmt; es verdunkelt auch das, was lobenswürdig ist. 117.Dieß jedoch sage ich nicht in der Absicht, um junge Männer, deren es vielleicht an einer Naturgabe gebricht, gänzlich von der Beschäftigung mit der Beredsamkeit abzuschrecken. Denn wer weiß nicht, daß dem Gajus Cälius Im Jahre 94 v. Chr. Consul mit Domitius Ahenobarbus; er war der erste Consul aus seiner Familie, daher ein homo novus, Emporkömmling. Ueber seine Beredsamkeit s. Cicer. Brut. 45, 165., meinem Altersgenossen, einem Emporkömmlinge, selbst die Mittelmäßigkeit im Reden, so weit er sie erreichen konnte, zur Erlangung hoher Ehren förderlich gewesen sei? Wer sieht nicht ein, daß euer Altersgenosse Quintus Varius Quintus Varius war zu Sucro in Spanien geboren und erhielt daher wegen des zweifelhaften Bürgerrechtes den Beinamen Hybrida. Als Volkstribun (91 v.Chr.) machte er den Gesetzvorschlag und setzte ihn durch, daß eine Untersuchung über diejenigen angestellt werden sollte, durch deren Bemühung und Rathschläge die Italischen Bundesgenossen die Waffen gegen das Römische Volk ergriffen hätten. Der Redner Cotta (I.7,25.) mußte deßhalb Rom verlassen. Nach verwaltetem Tribunate wurde er durch sein eigenes Gesetz verurtheilt und, als er auf seiner Flucht aus Rom den Bundesgenossen in die Hände fiel, unter großen Qualen getödtet. Uebrigens spricht sich Cicero im Brutus c. 62, §. 221 über seine Beredsamkeit lobend aus, nicht, wie hier, mit Geringschätzung., ein ungestalter und häßlicher Mensch, selbst durch die geringe Redegewandtheit, die er besitzt, zu großem Einflusse im Staate gelangt ist?

XXVI. 118. Aber weil der Redner der Gegenstand unserer Untersuchung ist, so müssen wir in unserem Vortrage das Musterbild eines ganz fehlerfreien und in jeder Beziehung vollendeten Redners entwerfen. Denn wenn auch die Menge von Streitsachen, die Mannigfaltigkeit der Rechtsverhandlungen, der gemischte und ungebildete Volkshaufe auf unserem Forum selbst den fehlerhaftesten Rednern einen Platz einräumt, so dürfen wir darum doch nicht den eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchung aus den Augen lassen. Und so verhält es sich auch mit den Künsten, bei denen es nicht auf einen unentbehrlichen Nutzen abgesehen ist, sondern auf eine freie Ergötzung des Gemüthes. Wie sorgfältig und, ich möchte sagen, wie mäkelnd ist hier unser Urtheil. Denn es sind keine Rechtshandlungen und Streitigkeiten, welche die Menschen zwingen könnten, wie auf dem Forum nicht gute Redner, so auch im Theater schlechte Schauspieler zu dulden. 119.Der Redner muß daher sorgfältig darauf sehen, nicht daß er diejenigen befriedige, die er befriedigen muß, sondern daß er denen bewundernswürdig erscheine, denen ein freies Urtheil zusteht. Und wollt ihr es wissen, so will ich vor vertrauten Freunden mit klaren Werten meine Ansicht aussprechen, die ich bis jetzt immer verschwiegen habe und zu verschweigen für gut hielt. Mir erscheinen selbst diejenigen, welche sehr gut reden und dieses mit großer Leichtigkeit und sehr geschmackvoll leisten können, dennoch beinahe unverschämt, wenn sie nicht mit Schüchternheit auftreten und beim Beginne der Rede Verlegenheit verrathen. 120.Doch kann dieser Fall eigentlich nicht eintreten; Denn je tüchtiger Einer im Reden ist, um so mehr befürchtet er die Schwierigkeit des Redens, den schwankenden Erfolg der Rede und die Erwartung der Menschen. Wer aber Nichts zu Stande bringen und zu Tage fördern kann, was der Sache, was des Rednernamens, was der Aufmerksamkeit der Menschen würdig ist: den halte ich, wenn er sich auch beim Vortrage beunruhigt fühlt, dennoch für unverschämt. Denn nicht dadurch, daß man sich schämt, sondern dadurch, daß man das nicht thut, was nicht geziemend ist, müssen wir dem Vorwurfe der Unverschämtheit entgehen. 121.Wer sich aber nicht schämt, wie ich es bei gar Vielen sehe, den halte ich nicht allein des Tadels, sondern auch der Strafe würdig. Ich wenigstens pflege es an euch zu bemerken und mache auch an mir selbst sehr oft die Erfahrung, daß ich im Anfange der Rede erblasse und in meinem ganzen Innern und an allen Gliedern erzittere. Als ganz junger Mensch aber verlor ich zu Anfang einer Anklage In der Anklage des Carbo 119 v. Chr. Crassus war damals 21 Jahre alt. so alle Fassung, daß ich dem Quintus Maximus Wahrscheinlich Q. Fabius Maximus Eburnus (116 v.Chr. Consul). Damals führte er als Prätor den Vorsitz im Gerichte. von Herzen dafür dankbar war, daß er sogleich die Richterversammlung entließ, sobald er mich von Furcht entkräftet und geschwächt sah. 122.Hier drückten Alle ihren Befall aus, indem sie sich zunickten und mit einander redeten. Denn Crassus besaß eine wunderbare Schüchternheit, die jedoch seinem Vortrage nicht nachtheilig, sondern vielmehr dadurch, daß sie seine innere Gediegenheit empfahl, vortheilhaft war.

XXVII. Hierauf sagte Antonius: Oft habe ich, wie du sagst, die Bemerkung gemacht, Crassus, daß du und andere ausgezeichnete Redner, wiewol dir meines Erachtens nie Einer gleich kam, beim Beginne der Rede euch beunruhigt fühltet. 123.Und wenn ich die Ursache hiervon aufsuchte, wie es zugehe, daß, je mehr Gediegenheit ein Redner besitze, er desto furchtsamer sei; so fand ich folgende zwei Ursachen. Einmal nämlich wissen diejenigen, welche die Erfahrung und der Lauf der Dinge belehrt haben, daß zuweilen den ausgezeichnetsten Rednern der Erfolg der Rede nicht hinlänglich nach Wunsche entspricht; deßhalb fürchten sie nicht mit Unrecht, so oft sie reden, daß, was sich zuweilen ereignen kann, sich gerade jetzt ereignen möchte. 124.Die andere Ursache, über die ich oft zu klagen pflege, ist diese. Wenn in anderen Künsten bewährte und erprobte Männer zuweilen etwas minder gut gemacht haben, als sie sonst pflegen; so nimmt man an, sie hätten ihre Geschicklichkeit entweder nicht zeigen wollen oder wegen Unpäßlichkeit nicht zeigen können. »Roscius Quintus Roscius, der berühmteste Schauspieler damaliger Zeit. Vgl. I.28,130. Er starb im J.61 v.Chr. in hohem Alter.«, sagt man, »hatte heute keine Lust zu spielen;« oder: »er hat sich den Magen etwas verdorben.« Bemerkt man aber an dem Redner einen Fehler, so hält man es gleich für einen Fehler der Dummheit. 125.Dummheit findet aber keine Entschuldigung, weil man von Niemandem annehmen kann, er habe sich dumm gezeigt, entweder weil er sich den Magen verdorben, oder weil er es so gewollt habe. Einem um so strengeren Gerichte sind wir daher beim Reden unterworfen. Denn so oft wir reden, so oft wird über uns gerichtet; und während wir von dem, der einmal im Gebärdenspiele gefehlt hat, nicht sofort urtheilen, er verstehe vom Gebärdenspiele Nichts, so steht der Redner, an dem man etwas Tadelnswerthes fand, entweder für immer oder doch auf lange Zeit in dem Rufe des Stumpfsinnes.

XXVIII. 126. Was aber deine Behauptung betrifft, der Redner müsse sehr viele Eigenschaften von Natur besitzen, wenn ihm der Lehrmeister förderlich sein solle: so stimme ich dir gerne bei, und in dieser Hinsicht habe ich jenem ausgezeichneten Lehrer Apollonius aus Alabanda S. zu Kap. 17, §. 75. meinen vollen Beifall geschenkt, der, obwol er für Bezahlung Unterricht gab, doch nicht zuließ, daß junge Leute, die sich nach seinem Urtheile nicht zu Rednern ausbilden konnten, sich vergeblich bei ihm abmühten, sondern vielmehr sie entließ und zu dem Fache, für das er gerade jeden geeignet hielt, anzutreiben und zu ermuntern pflegte. 127.Denn bei der Erlernung anderer Fächer genügt es nur einem Menschen ähnlich zu sein und das, was gelehrt oder auch, wenn Einer vielleicht langsameren Geistes ist, eingebläut wird, mit dem Geiste auffassen und mit dem Gedächtnisse aufbewahren zu können. Nicht verlangt man Beweglichkeit der Zunge, nicht Geläufigkeit der Worte, nicht endlich das, was wir uns nicht anbilden können, Gesichtsbildung, Mienen, Stimme. 128.Bei dem Redner hingegen muß man den Scharfsinn der Dialektiker, die Gedanken der Philosophen, die Worte fast der Dichter, das Gedächtnis der Rechtsgelehrten, die Stimme der Tragödienspieler, das Gebärdenspiel beinahe der größten Schauspieler fordern. Aus diesem Grunde läßt sich unter den Menschen Nichts seltener finden, als ein vollendeter Redner. Denn während in anderen Künsten schon einzelne Geschicklichkeiten, die ein Künstler sich in einem einzelnen Fache nur in mäßigem Grade angeeignet hat, Beifall finden; so können sie bei dem Redner nur dann Anspruch auf Beifall machen, wenn sie sich alle in höchster Vollkommenheit in ihm vereinigt finden. 129.Hierauf sagte Crassus: Gleichwol bedenke, um wie viel mehr Sorgfalt man in einer geringfügigen und leichtfertigen Kunst anwendet, als in dieser, die anerkannt die wichtigste ist. Denn oft höre ich den Roscius sagen, er habe noch keinen Schüler finden können, der ihn befriedige, nicht als wenn nicht einige Beifall verdienten, sondern weil er selbst auch nicht den geringsten Fehler ertragen könne. Denn Nichts fällt so in die Augen und haftet so fest im Gedächtnisse, als das, was uns anstößig gewesen ist. 130.Um also nach dem Vorbilde dieses Schauspielers des Redners Verdienst zu bemessen, seht ihr, wie er sich in Allem als der ächte Meister kund gibt, wie er in Allem die höchste Anmuth zeigt, in Allem den Anstand beobachtet und wie er es versteht Alle zu rühren und zu ergötzen? Und so hat er es schon lange dahin gebracht, daß Jeder, der sich in einer Kunst auszeichnet, ein Roscius in seiner Art genannt wird. Wenn ich nun diese höchste Vollendung von dem Redner verlange, von der ich selbst weit entfernt bin; so handle ich unverschämt; für mich nämlich wünsche ich Nachsicht, ich selbst aber habe mit anderen keine Nachsicht; denn wer Nichts vermag, wer Fehler macht, wer endlich keinen Anstand hat, den glaub' ich, muß man, wie Apollonius verlangte, zu dem Fache verweisen, das er zu treiben fähig ist.

XXIX. 131. Nun, sagte Sulpicius, so gibst du wol mir oder dem Cotta hier den Rath das bürgerliche Recht oder den Kriegsdienst zu erlernen? Denn wer möchte im Stande sein jene Höhe allseitiger Vollendung zu erreichen? Hierauf erwiderte jener: Ja wahrlich gerade deshalb habe ich dieses Alles auseinandergesetzt, weil ich in euch eine ausgezeichnete und herrliche Anlage zur Beredsamkeit erkannte, und ich hatte in meinem Vortrage die Absicht nicht sowol diejenigen abzuschrecken, welche keine natürlichen Anlagen besitzen, als vielmehr euch, die ihr sie besitzt, anzuspornen, und wiewol ich in jedem von euch die schönsten Geistesgaben und den größten Eifer finde, so sind doch die Vorzüge, welche in dem Aeußeren liegen, worüber ich vielleicht mehr gesagt habe, als die Griechen zu sagen pflegen, in dir, Sulpicius, ganz unvergleichlich. 132.Denn ich glaube keinen Redner gehört zu haben, der hinsichtlich der Bewegung und selbst der ganzen Haltung und Bildung des Körpers besser ausgestattet gewesen wäre und der eine vollere und lieblichere Stimme gehabt hätte. Diejenigen aber, denen diese Gaben in geringerem Maße von der Natur zugetheilt sind, können es doch dahin bringen, daß sie sich derer, die sie haben, mit Besonnenheit und Einsicht bedienen, und daß sie den Anstand nicht verletzen. Denn davor hat man sich ganz besonders zu hüten, und gerade über diesen einen Punkt ist es am Wenigsten leicht Vorschriften zu ertheilen, nicht nur für mich, der ich wie ein schlichter Hausvater über diese Gegenstände rede, sondern auch selbst für jenen Roscius, den ich oft sagen höre, das Haupterforderniß der Kunst sei der Anstand, doch der sei gerade das, was sich durch Kunst nicht lehren lasse. 133.Aber, wenn's beliebt, laßt uns das Gespräch auf einen anderen Gegenstand lenken und uns einmal wieder nach unserer Weise unterhalten und nicht mehr die Sprache der Redekünstler führen. Mit Nichten, fiel Cotta ein. Denn jetzt gerade, weil du uns nun bei dieser Wissenschaft festhalten willst und uns nicht ein anderes Fach ergreifen heißt, müssen wir dich recht dringend bitten, daß du uns belehrest. Wie viel oder wie wenig du als Redner zu leisten verstehst, soll uns nichts kümmern; denn gar zu gierig sind wir nicht, wir begnügen uns gern mit deiner mittelmäßigen Beredsamkeit und wünschen weiter Nichts von dir uns anzueignen, als die Kleinigkeit, die du dir im Reden angeeignet hast. Weil du nun sagst, daß uns die Gaben, die von der Natur zu erstreben sind, nicht gänzlich fehlen; so ersuchen wir dich uns auseinanderzusetzen, was wir uns sonst noch nach deiner Meinung aneignen müssen.

XXX. 134. Was Anderes meinst du, erwiderte Crassus lächelnd, als Eifer und begeisterte Liebe? ohne die überhaupt im Leben nie jemand etwas Ausgezeichnetes erreichen wird, wenigstens in dem nicht, wonach du strebst. Doch ich weiß recht gut, daß ihr hierzu der Ermunterung nicht bedürft; denn daraus, daß ihr sogar mir beschwerlich fallt, sehe ich, daß ihr nur zu sehr von Begierde entbrannt seid. 135.Aber wahrlich der Eifer nach einem Ziele zu gelangen hilft nichts, wenn man nicht auch den Weg kennt, der nach dem Ziele führt und leitet. Weil ihr mir nun insofern eine minder drückende Last auferlegt, als ihr von mir nicht über die Redekunst selbst, sondern nur über meine Geschicklichkeit, wie gering sie auch immerhin sein mag, belehrt zu werden wünscht: so will ich euch mein gewöhnliches Verfahren auseinandersetzen, das weder tiefe Geheimnisse enthält, noch mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, noch sich durch Großartigkeit und Erhabenheit auszeichnet, wie ich es einst zu befolgen pflegte, als es mir in meiner Jugend noch erlaubt war dieser Wissenschaft obzuliegen. 136.Da rief Sulpicius aus: O Cotta, welch ein Freudentag für uns. Denn was ich nie weder durch Bitten noch durch Nachstellungen noch durch Ausspähungen bewerkstelligen konnte, es möchte mir vergönnt sein die Vorbereitungen und Ueberlegungen, die Crassus bei der Ausarbeitung seiner Reden anwende, nicht etwa zu sehen, nein nur aus Mitteilungen seines Schreibers und Vorlesers Diphilus Ein Sklave oder Freigelassener des Crassus. zu errathen: das, hoffe ich, haben wir jetzt erreicht, und alsbald werden wir, was wir so lange gewünscht haben, aus seinem eigenen Munde erfahren.

XXXI. 137. Herauf sagte Crassus: Nun ich glaube aber, Sulpicius, du wirst, wenn du gehört hast, was ich sagen werde, es nicht sowol bewundern, als vielmehr der Ansicht sein, du habest damals, als du es zu hören wünschtest, keinen Grund gehabt danach zu verlangen. Denn ich werde nichts Tiefes sagen, nichts euerer Erwartung Würdiges, Nichts, was ihr noch nicht gehört hättet oder irgend einem neu wäre. Für's Erste nämlich will ich nicht leugnen, daß ich, wie es einem Menschen von edeler Geburt und Erziehung zukommt, jene allgemeinen und allbekannten Regeln erlernt habe: 138.erstlich es sei Pflicht des Redners überzeugend zu reden; zweitens jede Rede beschäftige sich entweder mit einer Aufgabe über einen allgemeinen Gegenstand ohne Bezeichnung der Personen und Zeiten, oder mit einem Gegenstande, der auf bestimmten Personen und Zeiten beruht. 139.In beiden Fällen aber pflege man bei jedem vorkommenden Gegenstande des Streites zu fragen, ob er geschehen sei, oder wenn er geschehen ist, von welcher Beschaffenheit er sei, oder auch welchen Namen er habe, oder, was Einige hinzufügen, ob er mit Recht geschehen zu sein scheine. 140.Streitigkeiten entständen aber auch aus der Auslegung schriftlicher Urkunden, in denen Etwas zweideutig oder widersprechend oder so niedergeschrieben sei, daß die Worte der Schriftstelle der Absicht des Verfassers widerstreiten. Für alle diese Fälle aber seien besondere Beweisgrund vorhanden. 141.Verhandlungen aber, welche sich auf keine allgemeinen Aufgaben beziehen, kämen theils in den Gerichten theils bei Beratungen vor; auch gebe es eine dritte Art, die sich mit dem Lobe oder dem Tadel der Menschen beschäftige; und es seien gewisse Beweisquellen vorhanden, von denen wir bei gerichtlichen Verhandlungen Gebrauch machen, in denen es sich um die Billigkeit handele, andere für die Berathungen, die sämmtlich den Vorteil derer bezweckten, denen wir Rath erteilten, andere gleichfalls für die Lobrede, in denen Alles auf die Würde der Personen bezogen werde. 142.Die ganze Stärke und Geschicklichkeit des Redners ferner lasse sich in folgende fünf Theile zerlegen: zuerst müsse er erfinden, was er sagen wolle; zweitens das Erfundene nicht allein nach einer äußerlichen Reihenfolge, sondern nach dem inneren Gewichte und nach richtiger Abschätzung vertheilen und zusammenstellen; drittens dieses vermittelst der Rede einkleiden und ausschmücken; hierauf im Gedächtnisse aufbewahren; zuletzt mit Würde und Anmuth vortragen. 143.Auch das hatte ich erkannt und gelernt, bevor wir von der Sache selbst redeten, müßten wir die Gemüther der Zuhörer uns geneigt machen; sodann die Sache erzählen; hierauf die Streitfrage feststellen; dann das, was wir bezweckten, mit Gründen beweisen; hernach die Einwürfe widerlegen; am Schlusse der Rede aber das, was für unsere Sache spreche, in ein helles Licht stellen und erheben, sowie das, was für die Sache unserer Gegner spreche, schwächen und entkräften.

XXXII. 144. Auch hatte ich gehört, was man über den Schmuck der Rede selbst lehrte. Zuerst wird hier vorgeschrieben, daß wir rein und ächt lateinisch reden; zweitens klar und deutlich; drittens und viertens der Würde der Gegenstände angemessen und mit Anstand. Und mit den Regeln, die man für diese Gegenstände noch im Einzelnen gab, hatte ich mich bekannt gemacht. Ja selbst für das, was ganz besonders von Naturgaben abhängig ist, sah ich Kunstregeln aufgestellt. Und so hatte ich denn auch über den äußeren Vortrag und über das Gedächtniß einige kurze Regeln, die aber mit großen Uebungen verbunden waren, gekostet. Mit diesen Gegenständen etwa beschäftigt sich nun der ganze Unterricht jener Redekünstler. Wollte ich sagen, derselbe sei von gar keinem Nutzen, so würde ich lügen. Denn er enthält einige gute Erinnerungen für den Redner, wohin er jedes Einzelne beziehen soll und worauf er sein Augenmerk zu richten hat, um nicht von dem vorgesteckten Ziele zu sehr abzuirren. 146.Doch es leuchtet mir ein, daß alle Regeln nicht einen solchen Einfluß haben, daß Redner durch ihre Befolgung den Ruhm der Beredsamkeit erlangt hätten, sondern daß dasjenige, was bereite Männer von selbst leisteten, von Einigen beobachtet und in eine gewisse Ordnung gebracht Ellendt hat die Lesart der Handschriften beibehalten: ea quondam observasse atque id egisse und erklärt id egisse durch ei operam dedisse, id dedita opera quaesivisse, studuisse ei muneri satisfacere. Allein diese Erklärung ist sehr künstlich. Ich habe daher nach der vortrefflichen Muthmaßung Gesner's atque digessisse übersetzt., und demzufolge nicht die Beredsamkeit aus der Kunst, sondern die Kunst aus der Beredsamkeit entstanden ist. Indeß verwerfe ich, wie gesagt, die Kunst nicht. Denn wenn sie auch nicht gerade unentbehrlich für die Beredsamkeit ist, so gereicht doch ihre Erlernung einem Menschen von guter Erziehung zur Zierde. 147.Auch müßt ihr gewisse Vorübungen anstellen; wiewol ihr ja schon längst in vollem Laufe seid; doch die müssen es thun, die die Laufbahn erst betreten und das, was auf dem Forum wie auf einem Schlachtfelde ausgeführt werden muß, schon jetzt gleichsam durch spielende Vorübungen im Voraus erlernen und einüben können. 148.Gerade diese Vorübungen, fiel Sulpicius ein, möchten wir gerne kennen lernen; doch auch jene Kunstregeln, die du nur kurz durchlaufen hast, wünschen wir zu hören, obwol sie uns nicht ganz neu sind. Doch hiervon bald nachher; für jetzt ersuchen wir dich um deine Ansicht über diese Vorübung.

XXXIII. 149. Fürwahr ich billige das, sagte Crassus, was ihr zu thun pflegt, daß ihr über irgend einen angenommenen Fall, der den Verhandlungen ganz ähnlich ist, die in den Gerichten vorkommen, so viel als möglich in derselben Weise, als wenn ein wirklicher Fall verhandelt würde, redet; aber gar Viele üben hierbei nur ihre Stimme, und auch diese nicht verständig, und ihre Zunge und regen die Schnelligkeit der Zunge an und freuen sich an einer großen Menge von Worten. Sie lassen sich hierin durch die oft gehörte Aeußerung täuschen, durch Reden lerne man reden. 150.Denn ebenso richtig verhält sich auch die Behauptung, verkehrt reden lerne man am Leichtesten durch verkehrt Reden. Obschon es also bei eben diesen Uebungen nützlich ist auch aus dem Stegreife oft Vorträge zu halten, so ist es doch nützlicher sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen und mit gehöriger Vorbereitung und Sorgfalt zu reden. Die Hauptsache aber ist, was ich will die Wahrheit sagen wir am Wenigsten thun (denn es erfordert große Anstrengung, die wir gemeiniglich scheuen): so viel als möglich zu schreiben. Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Bildner und Lehrmeister der Rede; und nicht mit Unrecht. Denn wenn vor einer aus dem Stegreife gehaltenen und durch Zufall veranlaßten Rede eine mit Ueberlegung und Nachdenken ausgearbeitete Rede leicht den Vorzug hat, so wird in der That selbst vor dieser eine mit Sorgfalt schriftlich abgefaßte Rede den Vorrang haben. 151.Denn alle Beweisgründe, die nur irgend in dem von uns behandelten Gegenstande liegen, mögen sie durch Anleitung der Kunst oder durch die Geisteskraft und Einsicht des Redners gefunden werden, stellen sich uns beim Schreiben dar und fallen uns ein, wenn wir darüber nachforschen und mit aller Schärfe des Geistes nachdenken, und alle Gedanken und Worte, die den jedesmaligen Stoff am Besten beleuchten, müssen nothwendig in gehöriger Ordnung unter die Spitze des Griffels treten, und selbst die Stellung und Fügung der Worte vollendet sich beim Schreiben durch einen ebenmäßigen Wohllaut der Rede, nicht wie bei den Dichtern, sondern wie er sich für den Redner eignet. 152.Das ist das, was lauten Beifall und Bewunderung der Redner hervorruft, und Niemand wird dieß erregen, wenn er nicht lange und viel geschrieben hat, mag er sich auch noch so eifrig in diesen Reden aus dem Stegreife geübt haben. Wer hingegen von der Uebung im Schreiben zum Reden kommt, bringt die Fertigkeit mit, daß, wenn er auch aus dem Stegreife redet, doch das Gesagte dem Geschriebenen ähnlich zu sein scheint, und sollte er selbst einmal bei einem Vortrage eine schriftliche Ausarbeitung mitgebracht haben, so wird doch, wenn er diese verläßt, die folgende Rede sich in ähnlicher Form anschließen. 153.Sowie ein in rasche Bewegung gesetztes Schiff auch dann noch, wenn die Ruderer es anhalten quom remiges inhibuerunt. Inhibere heißt eigentlich in der Schiffersprache nach der entgegengesetzten Seite rudern. Diese Bedeutung lernte Cicero erst später kennen, wie wir in d. ep. ad Attic. XIII. 21, 4. lesen. Dieser Brief ist nämlich etwa zehen Jahre nach der Herausgabe der Bücher vom Redner geschrieben., seine Bewegung und seinen Lauf behält, obwol die Gewalt und der Schlag der Ruder aufgehört hat; ebenso behauptet die Rede bei einem zusammenhängenden Vortrage auch dann noch, wenn die schriftliche Ausarbeitung fehlt, einen gleichen Lauf, indem sie unter dem Einflusse des Geschriebenen in einer diesem ähnlichen Redeweise fortströmt.

XXXIV. 154. Bei den täglichen Vorübungen pflegte ich in meiner frühen Jugend besonders das Verfahren zu wählen, das, wie ich wußte, mein bekannter Widersacher Gajus Carbo S. zu Kap. 10. Note 101. zu beobachten pflegte. Ich legte mir nämlich recht inhaltschwere Dichterstellen vor oder las eine Rede, bis ich sie im Gedächtnisse behalten konnte, und trug dann denselben Gegenstand, den ich gelesen hatte, mit anderen möglichst gewählten Worten wieder vor. Doch später bemerkte ich, dieses Verfahren sei mit dem Uebelstande verbunden, daß die für den jedesmaligen Gegenstand geeignetsten, schönsten und besten Ausdrücke entweder Ennius, wenn ich mich nach dessen Versen übte, oder Gracchus Gajus Gracchus. S. Kap. 9., wenn ich mir etwa eine Rede von diesem zum Vorbilde gewählt hatte, vorweggenommen hatten; auf solche Weise nütze mir eine solche Uebung nichts, wenn ich mich derselben Worte bediene, ja schade mir sogar, wenn anderer, da ich mich gewöhnte minder geeignete zu gebrauchen. 155.Hierauf hielt ich es für zweckmäßig, und dieses Verfahren wandte ich in der reiferen Jugend an Griechische Reden der größten Redner in freier Uebersetzung wiederzugeben. Bei der Lesung derselben hatte ich den Gewinn, daß, wenn ich das im Griechischen Gelesene lateinisch wiedergab, ich mich nicht allein der besten und doch gebräuchlichen Worte bedienen, sondern auch gewisse Worte durch Nachbildung ausdrücken konnte, die den Unsrigen neu erscheinen mochten, wenn sie nur passend waren. 156. Ferner die Bewegungen und Uebungen der Stimme, des Athems und des ganzen Körpers und der Zunge selbst bedürfen nicht sowol der Kunstregeln, als der Anstrengung. Hierbei muß man sorgfältig darauf achten, wem wir nachahmen, wem wir ähnlich sein wollen. Nicht allein auf die Redner müssen wir unsern Blick richten, sondern auch auf die Schauspieler, damit wir nicht durch eine schlechte Angewöhnung häßliche und verunstaltende Gebärden annehmen. 157.Auch muß man das Gedächtniß üben durch wörtliches Auswendiglernen von möglichst vielen sowol eigenen als fremden Schriftstellen. Und bei dieser Uebung mißfällt es mir eben nicht, wenn man sich daran gewöhnt hat, auch das in der Gedächtnißkunst gelehrte Verfahren anzuwenden, seine Gedanken an gewisse Orte und Bilder zu knüpfen. Hierauf muß die Rede aus diesen häuslichen und in der Schule vorgenommenen Uebungen hinausgeführt werden mitten in den Heereszug, in den Staub, in das Kriegsgeschrei, in das Feldlager und in die Schlachtreihen des Forums; von allen Dingen muß man sich Erfahrung einsammeln und seine Geisteskräfte versuchen und die eingeschlossenen Vorübungen an das helle Licht der Wirklichkeit hervorziehen. 158.Man muß auch Dichter lesen, sich mit der Geschichte bekannt machen und Lehrer und Schriftsteller in allen edlen Wissenschaften lesen und durcharbeiten und zur Uebung loben, erklären, verbessern, tadeln, widerlegen, ferner über jeden Gegenstand für und wider streiten und was sich uns als billigungswerth kund thut auswählen Die gewöhnliche Lesart ist: eligendum atque dicendum. Die Worte atque dicendum fehlen in mehreren Handschriften; andere Handschriften haben eligendum atque ohne dicendum. Daher hat schon Lambin und nach ihm Andere, auch Ellendt, die Worte atque dicendum für unächt erklärt. Da in ziemlich vielen Handschriften nur dicendum, nicht aber atque fehlt, so muß man wahrscheinlich lesen: eligendum atque perdiscendum ius civile u.s.w.. 159.Gründlich muß man das bürgerliche Recht erlernen, sich mit den Gesetzen bekannt machen, das ganze Alterthum erforschen, von dem Gewohnheitsrechte des Senates, von der Verfassung des Staates, von den Rechten der Bundesgenossen, von den Bündnissen und Verträgen und von Allem, worauf die Wohlfahrt des Staates beruht, sich Kunde verschaffen und aus dem ganzen Umfange der feinen Bildung gefällige, anmuthige und sinnreiche Witzworte sammeln, mit denen, wie mit Salz, der ganze Vortrag durchwürzt werde. So habe ich denn nun alle meine Ansichten vor euch ausgeschüttet: Ansichten, die euch vielleicht jeder schlichte Hausvater, den ihr in irgend einer Gesellschaft aufgreifen mochtet, auf euere Fragen in gleicher Weise mitgetheilt haben würde.

XXXV. 160. Als Crassus dieses gesagt hatte, trat Stillschweigen ein. Aber obwol den Anwesenden die vorgelegte Frage zur Genüge beantwortet zu sein schien, so meinten sie doch, er habe seinen Vortrag weit schneller beendet, als sie es wünschten. Hierauf sagte Scävola: Warum, Cotta, schweigst du? Fällt euch Nichts bei, worüber ihr außerdem noch den Crassus befragen möchtet? 161. Ja in der That, erwiderte dieser, eben daran denke ich. Denn seine Worte strömten so rasch dahin, und sein Vortrag entflog so schnell, daß ich ihre Gewalt und ihren Schwung zwar wahrnehmen, aber ihre Spuren und ihren Weg kaum sehen konnte, und als ob ich in ein reich begütertes Haus eingetreten wäre, in dem herrliche Decken nicht ausgebreitet, das Silbergeschirr nicht aufgesetzt, Gemälde und Bildsäulen nicht frei aufgestellt, sondern alle diese vielen und prachtvollen Schätze aufgeschichtet und verpackt wären, so habe ich in dem Vortrage des Crassus die Reichtümer und Kostbarkeiten seines Geistes gleichsam durch Hüllen und Decken erblickt, aber, als ich sie näher zu betrachten wünschte, war es mir kaum vergönnt einen Blick auf sie zu werfen. Und so kann ich zwar nicht sagen, daß ich gar nicht wisse, was er besitze, aber auch nicht, daß ich sie genau erkannt und gesehen habe. 162.Warum thust du nun nicht dasselbe, sagte Scävola, was du thun würdest, wenn du in ein mit Kostbarkeiten angefülltes Haus oder Landgut kämest? Wenn hier Alles, wie du sagst, bei Seite gelegt wäre und du sehr verlangtest es zu sehen, so würdest du nicht Anstand nehmen den Besitzer zu ersuchen, er möchte es hervortragen lassen, zumal wenn er dir befreundet ist; so bitte denn nun auch auf gleiche Weise den Crassus jene Menge seiner Kostbarkeiten, die wir an Einem Orte aufgeschichtet gleichsam durch ein Gitterfenster im Vorbeigehen obenhin erblickt haben, an's Licht zu bringen und jedes Einzelne an seinem gehörigen Platze aufzustellen. 163.Nein, erwiderte Cotta, dich will ich vielmehr bitten, Scävola; denn mich und den Sulpicius hier hält die Schüchternheit ab den ehrwürdigsten Mann, der solche Vorträge immer verachtete, um das zu befragen, was ihm vielleicht als die Anfangsgründe der Schulbildung erscheinen dürfte; du also, Scävola, erweise uns die Liebe und setze es ins Werk, daß Crassus das, was er in seinem Vortrage zusammengedrängt und sehr eng aufeinandergehäuft hat, vor uns ausbreite und entfalte. 164.In der That, erwiderte Mucius, vorhin wünschte ich dieß mehr euret- als meinetwegen; denn mein Verlangen nach einem solchen Vortrage von Crassus war nicht so groß, als der Genuß, den mir seine Reden bei den Rechtsverhandlungen gewähren; jetzt aber, Crassus, bitte ich dich auch selbst um meinetwillen, da wir ja so viel Muße haben, wie uns seit langer Zeit nicht zu Theil geworden ist, es dich nicht verdrießen zu lassen das begonnene Gebäude völlig auszuführen. Denn der Umriß des ganzen Baues ist, wie ich sehe, besser und größer, als ich vermuthet hatte, und ich ertheile ihm meinen ganzen Beifall.

XXXVI. 165. Ja wahrlich, sagte Crassus, ich kann mich nicht genug wundern, daß auch du, Scävola, nach dem verlangst, was weder ich so gut verstehe, wie die, welche es lehren, noch auch von der Art ist, daß, wenn ich es auch noch so gut verstände, deiner Weisheit würdig sein und von dir angehört zu werden verdienen dürfte. Meinst du? erwiderte jener. Wenn du auch glaubst, es eigne sich nicht für mein Alter jene gewöhnlichen und allbekannten Regeln zu hören; dürfen wir denn auch jene Kenntnisse vernachlässigen, die sich der Redner, wie du sagtest, über die Gemüthsarten der Menschen, über ihre Sitten, über die Mittel aneignen müsse, durch die die Gemüther der Menschen erregt und gedämpft werden können, über die Geschichte, über das Altertum, über die Verwaltung des Staates, endlich über unser bürgerliches Recht selbst? Allerdings wußte ich, daß diese ganze Wissenschaft und Fülle von Kenntnissen von deiner Einsicht umfaßt wird; aber es war mir bis jetzt unbekannt geblieben, daß zu den Hilfsmitteln des Redners ein so herrliches Rüstzeug von Kenntnissen gehöre. 166.Kannst du nun, sagte Crassus, um andere unzählige und unermeßliche Kenntnisse zu übergehen und auf dein bürgerliches Recht selbst zu kommen, solche für Redner halten, denen einst Scävola Scävola ist hier nicht der an der Unterredung Theil nehmende Scävola mit dem Beinamen Augur, sondern wahrscheinlich der Pontifex Maximus Quintus Mucius Scävola, im J.93 v.Chr. mit Crassus Consul, ein ebenso großer Rechtsgelehrter, wie Scävola Augur, nach dessen Tode er Cicero's Lehrer in der Rechtswissenschaft war., obwol er nach dem Marsfelde eilte, viele Stunden bald lachend bald zürnend mit Spannung auf den Ausgang ihrer Sache zuhörte. Ich meine den Hypsäus, der damals mit gewaltiger Stimme und vielen Worten dem Prätor Marcus Crassus anlag, es möchte dem, den er vertheidigte, gestattet sein seine Rechtssache zu verlieren, und den Gnäus Octavius Hypsäus ist unbekannt; Gnäus Octavius war im J. 126 Consul. Der Prätor Marcus Crassus, wahrscheinlich der, der den Beinamen führte, verwaltete die Prätur im J.105 v.Chr. Ueber den Rechtsfall s. die folgende Anmerkung., einen Consular, der sich in einer nicht minder langen Rede dagegen verwahrte, daß der Gegner seine Rechtssache verliere, und der, den er vertheidigte, von dem schimpflichen Urtheile über seine Vormundschaft und von allem Verdrusse durch die Unwissenheit seines Gegners befreit werde Das Gesetz der zwölf Tafeln hatte festgesetzt, daß der Vormund, der seinen Mündel während der Vormundschaft betrogen hatte, nach beendigter Vormundschaft den zugefügten Schaden doppelt ersetzen sollte. Verlangte der Kläger aber mehr, als den doppelten Schadenersatz, so sollte die Klage abgewiesen werden und der Kläger seine Rechtssache verlieren. Hypsäus, der Anwalt des klagenden Bündels, verlangte aus Unkunde des bürgerlichen Rechtes einen größeren Schadenersatz, als das Doppelte, und bemühte sich also die Sache dahin zu bringen, daß der von ihm vertheidigte Mündel seine Rechtssache verlor. Octavius hingegen, der Anwalt des verklagten Vormundes, kämpft mit aller Gewalt dafür, daß dem Vormunde kein größerer Schadenersatz, als der gesetzliche, zuerkannt werden möge. Statt also die Unwissenheit seines Gegners für seine Sache zu benutzen und auf Abweisung einer ungültigen Klage zu dringen, trug er vielmehr durch eigene Unwissenheit dazu bei, daß sein Gegner die Klage gewann und er selbst seine Sache verlor.. 167.Ja wahrlich, versetzte Scävola, ich erinnere mich nämlich, daß Mucius mir den Vorfall erzählte solche Menschen möchte ich nicht des Rednernamens, ja nicht einmal des Forums würdig achten. Und doch, erwiderte Crassus, gebrach es diesen Anwalten nicht an Rednergabe, auch nicht an Kunst oder Fülle der Rede, sondern an der Kenntniß des bürgerlichen Rechtes. Denn der Eine verlangte bei seiner gesetzlichen Klage mehr, als das Gesetz in den zwölf Tafeln gestattete, und mußte, sobald er dieß erhielt, seine Sache verlieren; der Andere hielt es für unbillig, daß von ihm in der Klage mehr gefordert werde, als sie gestatte, und begriff nicht, daß, wenn man die Klage so anstellte, der Gegner seine Sache verlieren würde.

XXXVII. 168. Wie? Stellte nicht erst vor einigen Tagen, als ich unter dem Vorsitze des städtischen Prätors Quintus Pompejus Wahrscheinlich der Pompejus, der wenige Jahre nach dieser Unterredung im J. 86 v. Chr. mit Lucius Sulla Consul war., meines Freundes, auf dem Tribunale zu Gericht saß, ein Mann, der zu den Beredten gezählt wird, die Forderung Der Kläger ( petitor) der Gläubiger verlangte das Einem geliehene Geld vor dem Zahlungstage. Das Gesetz aber hatte festgesetzt, daß jede vor dem Zahlungstage eingeklagte Schuldforderung für den Kläger verloren gehen, und wenn später nach dem Zahlungstage dieselbe Klage gegen den Schuldner erneuert würde, diese abgewiesen werden sollte, weil über sie bereits vorher ein richterliches Urtheil gefällt worden wäre. Nach dem Gesetze durfte nämlich dieselbe Sache nicht zweimal vor Gericht kommen. Wenn also der Anwalt des Beklagten ( ejus, unde petebatur) dem Richter bewiesen hätte, das Geld sei vor dem Zahlungstage ( antequam coepta esset deberi) eingeklagt worden, so würde der Kläger seine Sache verloren haben, und wenn er später seine Klage wiederholt hätte ( rursus quom peteret), so konnte er durch die Einrede abgewiesen werden, daß die Sache schon vorher gerichtlich verhandelt worden wäre ( quod ea res in judicium ante venisset). Der Anwalt des Beklagten that dieß aber nicht, sondern forderte, dem Beklagten (Schuldner) möchte die Einrede verstattet werden, daß nur das Geld eingeklagt werden dürfe, dessen Zahlungstag gekommen sei; die Zahlung machte demnach nicht vor dem Zahlungstage geleistet werden. Der Anwalt wußte also nicht, daß diese Einrede, die er zum Vortheile seines Klienten zu benutzen meinte, diesem zum Nachtheile, dem Kläger ( actori) hingegen zum Vortheile gereichte. Denn durch diese Einrede konnte zwar für den Augenblick die Klage des Gläubigers zurückgewiesen, später aber, wenn der Zahlungstag gekommen war, wieder vor Gericht gebracht werden. Der Anwalt des Beklagten hätte also diese Einrede nicht anwenden, sondern die Klage annehmen, aber beweisen sollen, daß das Geld vor dem Zahlungstage eingeklagt werde., dem Beklagten möchte die alte und gebräuchliche Einrede verstattet werden, daß nur das Geld klagbar sei, dessen Zahlungstag gekommen sei, und er sah nicht ein, daß diese Bestimmung zum Vortheile des Klägers getroffen sei, damit, wenn der ableugnende Schuldner infitiator, d.h. der Schuldner, der leugnete, daß mit Recht das geliehene Geld von ihm gefordert werde. dem Richter bewiesen hätte, das Geld sei eher eingeklagt worden, als es fällig geworden wäre, der Kläger, wenn er die Klage erneuere, nicht durch die Einrede abgewiesen würde, daß über die Sache bereits ein richterliches Urtheil gefällt worden sei. 169.Was kann nun Schimpflicheres gethan oder gesagt werden, als wenn ein Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat die Streitigkeiten und Rechtshändel seiner Freunde wahrzunehmen, den Nothleidenden Hülfe zu leisten, die Kranken zu heilen, die Niedergeschlagenen aufzurichten, in den kleinsten und geringfügigsten Dingen solche Fehler begeht, daß er Einigen bedauernswerth, Anderen lächerlich erscheint? 170.Meinen Verwandten Publius Crassus Publius Crassus Mucianus Dives war der Sohn des Publius Mucius, von Publius Licinius Crassus adoptirt, Oheim des berühmten Pontifex Scävola, 129 Consul, wegen seines Reichthums, seiner Beredsamkeit und Rechtskenntniß berühmt, verlor 128 in dem Kriege gegen Aristonikus sein Leben. Crassus nennt ihn seinen Verwandten, weil sein Großvater ihn adoptirt hatte. mit dem Beinamen der Reiche, einen in vielen anderen Beziehungen geschmackvollen und reichbegabten Mann, muß ich besonders wegen einer Äußerung erheben und loben, die er oft gegen Publius Scävola Dieser Scävola war der Vater des Pontifex Quintus Mucius Scävola, der 131 v.Chr. Consul war; auch er war ein tüchtiger Rechtskenner., der sein Bruder war, machte, daß nämlich weder dieser im bürgerlichen Rechte dieser Wissenschaft Genüge leisten könne, wenn er nicht die Beredsamkeit zu Hülfe nähme; (ein Lob, das sich sein Sohn Quintus Mucius, Pontifex Maximus, mit Crassus Consul im J. 93 v.Chr., der mit mir Consul war, erworben hat;) noch er eher die Sachen seiner Freunde zu führen und zu verhandeln angefangen habe, als er das bürgerliche Recht erlernt habe. 171.Wie aber urtheilte jener Marcus Cato? Marcus Porcius Cato Censorius mit dem Beinamen der Weise, 232 v.Chr. geb., 193 Consul, 182 Censor, ein guter Redner, Rechtskundiger und Feldherr. S. Livius 39, 40. Besaß er nicht ausgezeichnete Beredsamkeit, wie es nur immer nach den damaligen Zeitverhältnissen in unserem Staate möglich war, und die genaueste Kenntniß des bürgerlichen Rechtes? Mit einiger Zurückhaltung habe ich bis jetzt über diesen Gegenstand gesprochen, weil ein in der Beredsamkeit so ausgezeichneter Mann gegenwärtig ist, den ich als Redner vor allen Anderen bewundere, und doch hat dieser das bürgerliche Recht immer verachtet. 172.Doch weil ihr nun einmal meine Ansicht und Meinung wissen wollt, so will ich Nichts verhehlen und euch nach Kräften meine Gedanken über jeden einzelnen Gegenstand auseinandersetzen.

XXXVIII. Des Antonius unglaubliche und fast einzige und unvergleichliche Geisteskraft scheint, auch wenn sie von dieser Kenntniß des Rechtes entblößt ist, sich leicht durch die übrigen Waffen der Einsicht schützen und vertheidigen zu können. Darum wollen wir mit ihm eine Ausnahme machen; aber alle Anderen werde ich ohne Bedenken durch meine Stimme zuerst der Trägheit, dann aber auch der Unverschämtheit schuldig erklären. 173.Denn sich auf dem Forum umherzutreiben, Tag für Tag in den Gerichten und auf den Tribünen der Prätoren zu sitzen, sich gerichtlichen Untersuchungen über wichtige Privatangelegenheiten zu unterziehen, in denen oft nicht über eine Thatsache, sondern über Recht und Billigkeit gestritten wird, sich in den Rechtssachen der Centumvirn Das Gericht der Centumvirn, 207 v.Chr. eingesetzt, bestand aus 105 Richtern, drei aus jeder der 35Tribus, der Prätor hatte den Vorsitz. Privatangelegenheiten, wie die hier erwähnten, wurden vor diesem Gerichte verhandelt. breit zu machen, in denen die Rechte in Betreff der Verjährungen, Vormundschaften, Geschlechts- und Blutverwandtschaften, der Anspülungen und Umspülungen Anspülungen, d.h. angeschwemmtes Land, Umspülungen d.h. Inseln, die sich im Flusse durch Anschwemmungen bildeten., der Schuldverpflichtungen und Eigenthumserwerbungen, der Wände und Fenster, des Tropfenfalles, der Testamente In den Handschriften steht testamentorum aut ruptorum aut ratorum; aber die Worte aut ruptorum aut ratorum scheinen ein Glossem zu sein; die meisten Herausgeber, auch Ellendt, halten sie für unächt. Es kann ja keine jura ruptorum testamentorum geben. und unzähliger anderer Dinge verhandelt werden, wenn man überhaupt nicht weiß, was Eigentum, was fremdes Gut, was das sei, wodurch Einer Bürger oder Fremder, Sklave oder Freier ist, das zeugt von einer ausgezeichneten Unverschämtheit. 174.Wahrlich eine lächerliche Anmaßung ist es, wenn man in der Leitung kleiner Fahrzeuge unerfahren zu sein eingesteht, sich aber rühmt gelernt zu haben, wie ein Fünfruderer oder ein noch größeres Schiff zu lenken sei. Wenn du dich in einer Privatzusammenkunft bei einem geringfügigen Vergleiche mit deinem Gegner hintergehen lässest und Urkunden deines Clienten versiegelst, in denen Etwas geschrieben steht, wodurch dieser übervortheilt wird: da sollte ich dir irgend einen wichtigeren Rechtshandel anvertrauen? Eher fürwahr dürfte der, welcher ein Schiffchen von zwei Rudern im Hafen verunglücken läßt, in dem Euxinischen Meere das Schiff der Argonauten lenken. 175.Wie? wenn es nicht einmal unbedeutende Gegenstände sind, sondern oft die wichtigsten, in denen über das bürgerliche Recht gestritten wird: welche Stirn muß denn der Anwalt haben, welcher solche Verhandlungen ohne alle Kenntniß des Rechtes zu übernehmen sich unterfängt? Welche Verhandlung konnte zum Beispiel wichtiger sein, als die über jenen Krieger, über dessen Tod eine falsche Nachricht vom Heere nach Hause gekommen war? Sein Vater, dieser Nachricht Glauben schenkend, änderte seinen letzten Willen und setzte irgend einen anderen Menschen nach seinem Gefallen zum Erben ein; darauf starb er selbst. Sein Sohn kam nun nach Hause zurück und machte die Sache bei den Centumvirn anhängig, indem er eine gesetzliche Klage wegen der väterlichen Erbschaft anstellte In fast allen Handschriften stehen noch die Worte testamento exheres filius, ein offenbar unächter Zusatz.. Bei dieser Verhandlung kam die Frage aus dem bürgerlichen Rechte zur Untersuchung, ob ein Sohn, den der Vater in seinem letzen Willen weder als Erben noch als Enterbten namentlich bezeichnet habe, von der Erbschaft ausgeschlossen werden könne.

XXXIX. 176. Wie? In der Sache, in welcher die Centumvirn zwischen den Marcellern und den patricischen Claudiern Das Geschlecht der Claudier theilte sich in zwei Linien, in die patricische ( Claudii Centhones, Claudii Nerones, Claudii Pulchri) und in die plebejische ( Claudii Marcelli). Die plebejische Linie war erst dadurch entstanden, daß sich in späteren Zeiten einige Claudier von Plebejern hatten adoptiren lassen. Zur Zeit, als diese Verhandlung vorkam, galt noch die Ansicht der älteren Zeiten, daß nur patricische Familien eine gens, plebejische Familien eine stirps hätten. Als nun der Sohn eines Freigelassenen aus dem Geschlechte der Claudier ohne Testament und ohne natürliche Erben gestorben war, so machten beide Familien, die patricische und die plebejische, auf die Erbschaft Ansprüche; die patricische nach dem Rechte der Stammverwandtschaft, weil ihre Linie die ältere sei; die plebejische nach dem Rechte der Familienverwandtschaft, weil der Verstorbene seiner Familie nach mit der plebejischen Linie näher als mit der patricischen verwandt gewesen sei. zu Gerichte saßen, indem die Marceller behaupteten, die Erbschaft von dem Sohne eines Freigelassenen sei ihnen nach Familienverwandtschaft, die patricischen Claudier hingegen, dieselbe Erbschaft sei ihnen nach Stammverwandtschaft zugefallen, mußten da die Redner nicht über das gesammte Recht der Familien- und der Stammverwandtschaften sprechen? 177.Wie ferner folgender Fall, der, wie ich vernehme, gleichfalls in dem Gerichte der Centumvirn behandelt wurde? Ein aus seinem Vaterlande Verbannter war nach Rom gekommen, wo er das Recht als Verbannter zu leben erhielt, wenn er sich einen Römischen Bürger zum Schutzherrn Im Lateinischen: quasi patronum, weil eigentlich nur Römer wahre patroni hatten. Die Bürger der verbündeten Städte Latiums hatten das Recht als Verbannte in Rom zu leben, wenn sie sich daselbst einen der angesehenen Bürger zum Schutzherrn ( patronus) gewählt hatten. Nur die Patricier hatten das Schutzherrenrecht. Die Schutzherren beerbten ihre Schutzbefohlenen ( clientes), wenn dieselben ohne Testament und ohne natürliche Erben starben. gewählt hatte; darauf war er ohne Testament gestorben. Wurde nicht in dieser Verhandlung das recht dunkele und unbekannte Schutzherrnrecht von dem Anwalte vor Gericht erläutert und beleuchtet? 178.Wie? Als ich neulich die Sache des Gajus Sergius Orata Ausführlicher wird dieser Fall von Cicero in den Offic. III. 16, 67. erzählt. gegen unsern Antonius hier vor einem Privatgerichte vertheidigte, war da nicht meine ganze Vertheidigung auf das Recht gegründet? Da nämlich Markus Marius Gratidianus S. Cicer. Off. III. 20, 80. Legg. III. 16, 36. dem Orata ein Haus verkauft hatte, ohne in dem Kaufbriefe anzugeben, daß auf einem Theile dieses Hauses eine Zwangspflicht hafte; so behauptete ich in meiner Vertheidigung, der Verkäufer sei verpflichtet für alle Lasten, die zur Zeit der feierlichen Eigenthumsübergabe auf dem Hause gelegen hätten, wenn er darum gewußt und sie nicht angezeigt hätte, Ersatz zu leisten. 179.In einer solchen Rechtssache beging neulich mein Freund Marcus Buculejus Ist sonst nicht weiter bekannt., ein Mann, der nach meinem Urtheile nicht ohne Einsicht ist, nach seinem eigenen aber sehr weise, und der auch der Rechtswissenschaft nicht abhold ist, auf ähnliche Weise ein Versehen. Als er nämlich dem Lucius Fufius S. Cicer. Brut. 62, 222. Offic. II. 14, 50. sein Haus verkaufte, sagte er in dem Kaufbriefe für die Aussicht der Fenster, wie sie damals war, gut. Nun fing man an einem Theile der Stadt, der kaum von jenem Hause aus erblickt werden konnte, ein Gebäude aufzuführen an. Sogleich erhob er eine Klage gegen Buculejus, weil er der Ansicht war, wenn nur irgend ein Theilchen des Himmels verbaut würde, wäre es auch noch so weit entfernt, so würde seine Aussicht verändert. 180.Was geschah ferner in der berühmten Rechtssache des Manius Curius und des Marcus Coponius Dieselbe Verhandlung wird von Cicero auch weiter unten I. 57, 242 ff. II. 32, 140. de Inv. II. 42, 122. Brut. 52. Caecin. 18, 53. erwähnt. Das Testament hatte etwa so gelautet. »Wenn der nach meinem Tode geborne Sohn, bevor er zur Mündigkeit gelangt ist, stirbt, so soll Manius Curius der Erbe meines Vermögens sein.« Der Erblasser stirbt, ohne daß ihm ein Sohn geboren wurde, und nun machen M. Coponius, als nächster Verwandter, und Manius Curius, als im Testamente benannter Erbe, Ansprüche auf die Erbschaft. Scävola vertheidigte den Coponius, indem er sich auf den Buchstaben des Testamentes berief, Crassus den Curius, indem er die Absicht des Erblassers geltend machte., die unlängst vor den Centumvirn verhandelt wurde? Wie strömten die Menschen zusammen, wie erwartungsvoll hörte man die Vertheidigung an! Quintus Scävola Quintus Mucius Scävola, pontifex maximus. S. zu Kap.37. Anm.173., mein Alters- und Amtsgenosse, ein Mann, der in der Kenntniß der Rechtswissenschaft Alle übertrifft, sich durch Scharfsinn und Einsicht auszeichnet, seine Reden mit der größten Sorgfalt und Genauigkeit ausarbeitet und, wie ich zu sagen pflege, unter den Rechtsgelehrten der größte Redner und unter den Rednern der größte Rechtsgelehrte ist, dieser also vertheidigte die Rechte der Testamente nach dem Buchstaben der geschriebenen Worte und behauptete, daß, wenn nicht der nach dem Tode des Vaters erwartete und geborene Sohn, bevor er zur Mündigkeit gelangt, gestorben wäre, der nicht Erbe sein könne, der erst nach der Geburt und dem Tode des erwarteten Sohnes zum Erben eingesetzt sei. Ich hingegen behauptete in meiner Vertheidigung, der Erblasser habe damals die Absicht gehabt, daß, wenn kein Sohn da wäre, der zur Mündigkeit gelangte, Manius Curius Erbe sein sollte. Beriefen wir beide uns bei dieser Verhandlung nicht unaufhörlich auf Rechtserklärungen, auf Beispiele, auf testamentliche Formeln, das heißt auf Beweise aus dem Innersten des bürgerlichen Rechtes?

XL. 181. Mehr Beispiele von höchst wichtigen Rechtverhandlungen will ich jetzt nicht anführen; denn es gibt deren unzählige; doch erwähnen muß ich noch, daß oft Fälle vorkommen, in denen unser Leben und unsere ganze bürgerliche Wohlfahrt auf dem Rechte beruht. Zum Beispiel Gajus Mancinus Gajus Hostilius Mancinus erlitt als Consul im J. 135 v.Chr. in dem Kriege mit den Numantinern eine schwere Niederlage, und um sein von den Feinden in einer engen Bergschlucht eingeschlossenes Heer zu retten, schloß er auf Anrathen seines Quästors einen schmachvollen Friedensvergleich ab. Der Senat, über denselben höchst aufgebracht, erklärte ihn für ungültig und lieferte den Mancinus den Numantinern aus. Vgl. Cicer. Offic. III. 30, 109., ein vornehmer, sehr rechtschaffener Mann und Consular, den der Bundespriester pater patratus, der oberste unter den Fetialen oder Friedenspriestern, welche die Bündnisse schlossen, Kriege ankündigten und ähnliche Geschäfte besorgten. wegen des verhaßten Numantinischen Bündnisses nach einem Senatsbeschlusse den Numantinern ausgeliefert hatte, war hierauf, da ihn diese nicht angenommen hatten, wieder nach Hause zurückkommen und hatte kein Bedenken getragen sich in die Senatsversammlung zu begeben. Der Volkstribun Publius Rutilius, des Marcus Sohn, aber ließ ihn wieder hinausführen, indem er behauptete, er sei kein Bürger; denn es sei ein auf alter Ueberlieferung beruhtes Herkommen, daß dem, den sein Vater oder das Volk verkauft oder der Bundespriester ausgeliefert habe, der Wiedereintritt in seine frühere Gerechtsame nicht gestattet sei. 182.Können wir wol unter allen bürgerlichen Angelegenheiten eine wichtigere Verhandlung und Rechtsstreit finden, als einen solchen, in welchem es sich um den Stand, um das Bürgerrecht, um die Freiheit, um das Leben eines Consularen handelt? zumal da diese Sache nicht auf einem Verbrechen, das er ableugnen konnte, sondern auf dem bürgerlichen Rechte beruhte. Eine ähnliche, wenn auch einen niedrigeren Stand betreffende Frage ist die, welche bei unseren Vorfahren aufgeworfen worden ist, ob nämlich ein Mensch aus einem verbündeten Staate, der bei uns als Sklave gedient, sich aber die Freiheit erworben hatte und später in seine Heimat zurückgekehrt ist, bei der Rückkunft zu den Seinigen in seinen früheren Stand wieder eintrete, dagegen aber bei uns des Bürgerrechtes verlustig gehe. 183.Wie? Wenn es die Freiheit eines Menschen gilt und ein wichtigerer Gegenstand kann schwerlich vor die richterliche Entscheidung kommen muß nicht da der Streit nach dem bürgerlichen Rechte geführt werden, wenn es sich fragt, ob der, welcher mit Erlaubnis seines Herren seinen Namen bei dem Censor in die öffentliche Schatzungsliste einschreiben ließ, von Stund an seine Freiheit erlangt habe oder erst nach beendigtem Sühnopfer? lustrum. So hieß das Sühnopfer, mit dem der census. d.h. die alle fünf Jahre vorgenommene Zählung des Volkes geschlossen wurde. Nach beendigtem Sühnopfer heißt also: nachdem die fünf Jahre verflossen waren. Was soll ich ferner von dem Falle sagen, der sich zur Zeit unserer Väter ereignet hat? Ein Familienvater, der aus Spanien nach Rom gekommen war, hatte seine Frau in der Provinz schwanger zurückgelassen und in Rom eine Andere geheirathet, ohne der ersteren einen Scheidebrief zuzuschicken; darauf war er ohne Testament verstorben, nachdem ihm jede der beiden Frauen einen Sohn geboren hatte. War es hier ein geringfügiger Gegenstand, der zum Streite Veranlassung gab, da es sich um die bürgerliche Wohlfahrt zweier Bürger handelte, des von der letzteren Frau gebornen Sohnes und dessen Mutter, die, wenn das Urtheil dahin ausfiel, daß die Ehescheidung von der früheren Frau durch eine gewisse Formel Diese Formel lautete: tuas res tibi habeto, oder: tuas res tibi agito. und nicht durch eine neue Heirath erfolge, als Beischläferin betrachtet werden mußte? 184.Wenn nun Einer diese und ähnliche Rechte seines Staates nicht kennt und doch sich in die Brust werfend und hochmüthig mit kecker und dreister Stirn und Miene, bald da- bald dorthin seine Blicke werfend, in Begleitung einer großen Schaar auf dem ganzen Forum umherschwärmt, seinen Clienten Schutz, seinen Freunden Hülfe und fast allen Bürgern das Licht seines Geistes und seiner Klugheit anbietend und vorhaltend Ohne Grund hält Ellendt die Worte atque tendentem für einen späteren Zusatz.: muß man ein solches Benehmen nicht für ganz abscheulich halten?

XLI. 185. Und weil ich nun von der Unverschämtheit dieser Leute gesprochen habe, so laßt mich auch ihre Lässigkeit und Trägheit züchtigen. Denn wäre auch diese Rechtsgelehrsamkeit weitläuftig und schwierig, so müßte doch die Größe ihres Nutzens die Menschen antreiben sich der Anstrengung des Erlernens zu unterziehen. Aber, ounsterbliche Götter, ich würde mich in der Gegenwart Scävola's nicht so äußern, wenn er nicht sich selbst zu äußern pflegte, daß ihm die Erlernung keiner anderen Wissenschaft leichter erscheine. 186. Gar Viele freilich haben hierüber aus gewissen Gründen eine andere Ansicht. Erstlich nämlich hielten es in früheren Zeiten die Männer, die im Besitze dieser Wissenschaft waren, zur Behauptung und Vermehrung ihrer Macht nicht für gut, daß ihre Wissenschaft veröffentlicht würde; denn nachdem Gnäus Flavius Gnäus Flavius, der Sohn eines Freigelassenen, war bei dem Oberpriester Appius Claudius Cäcus Schreiber gewesen und hatte dadurch Gelegenheit gehabt, die damals von den Oberpriestern aufbewahrten und geheim gehaltenen Rechtsformeln abzuschreiben. Im Jahre 304 v.Chr. machte er als Aedilis Curulis diese Rechtsformeln öffentlich bekannt. Diese Sammlung von Rechtsformeln, auf denen das bei gerichtlichen Verhandlungen zu beobachtende Verfahren beruhte, heißt jus Flavianum. zuerst die Rechtsformeln öffentlich ausgestellt hatte, und durch das Rechtsverfahren zur allgemeinen Kunde gekommen war, fehlte es doch an Männern, die jenen Stoff kunstgerecht nach Klassen vertheilt und angeordnet hätten. Denn von keinem Gegenstande läßt sich ein wissenschaftliches Lehrgebäude aufstellen, wenn nicht der, der die Dinge, die er wissenschaftlich anordnen will, kennt, zuvor jene Wissenschaft Die Dialektik. sich angeeignet hat, durch die er einen noch nicht kunstgerecht geordneten Stoff in eine kunstgerechte Form bringen kann. Ich sehe, während ich mich kurz fassen wollte, habe ich mich etwas zu dunkel ausgedrückt; doch ich will den Versuch machen und mich, wo möglich, deutlicher erklären.

XLII. 187. Fast Alles, was jetzt in Kunstregeln zusammengefaßt ist, war einst zerstreut und ohne Zusammenhang, so zum Beispiel in der Tonkunst die Takte, die Töne, die Gesangweisen, in der Geometrie die Linien, die Figuren, die Zwischenräume, die Größen, in der Astronomie die Umdrehung des Himmels, der Aufgang und Untergang und die Bewegung der Gestirne, in der Sprachwissenschaft die Behandlung der Dichter, die Kenntniß der Geschichte, die Erklärung der Worte, die Betonung bei der Aussprache, endlich in unserer Redekunst selbst die Erfindung, die Ausschmückung, die Anordnung, das Gedächtnis, der Vortrag. Diese Dinge zeigten sich einst als allgemein unbekannt ignota ist wahrscheinlich verderbt. Schütz schlägt dafür vor entweder infinita oder incondita . und weit und breit zerstreut. 188.Man nehme nun von außen her aus einem anderen wissenschaftlichen Gebiete, das sich die Philosophen ganz aneignen, eine gewisse Kunst zu Hülfe, um den zerstreuten und zerstückelten Stoff zusammenzufügen und planmäßig zu verbinden. Man setze also als Endzweck im bürgerlichen Rechte die Erhaltung der Gleichmäßigkeit des Rechtes in den Angelegenheiten und Verhandlungen der Bürger, wie sie durch die Gesetze und die Gewohnheit bestimmt ist. 189.Hierauf muß man die Gattungen bezeichnen und sie auf eine gewisse kleine Anzahl zurückführen. Gattung aber ist das, was zwei oder mehr Dinge umfaßt, welche eine gemeinschaftliche Ähnlichkeit untereinander haben, aber der Art nach unterschieden sind; Arten aber sind die Dinge, die den Gattungen, von denen sie herrühren, untergeordnet sind. Auch die Bedeutung sämmtlicher Namen, welche die Gattungen und Arten haben, muß man durch Begriffsbestimmungen erklären. Die Begriffsbestimmung ist nämlich eine kurze und scharf begränzte Erklärung der Merkmale des Gegenstandes, von dem wir einen bestimmten Begriff geben wollen. 190.Meiner Erörterung würde ich Beispiele hinzufügen, wenn ich nicht wüßte, vor welchen Männern mein Vortrag gehalten werde. So aber will ich, was ich gesagt habe, kurz zusammenfassen. Sollte es mir nämlich vergönnt sein meinen schon längst gefaßten Vorsatz auszuführen, oder irgend ein Anderer, wenn ich daran gehindert würde, mir hierin zuvorkommen oder nach meinem Tode das Werk zu Stande bringen, daß erstlich das ganze bürgerliche Recht in seine Gattungen, deren Anzahl nur sehr klein ist, eingetheilt, dann die Gattungen in gewisse Glieder zerlegt, endlich die eigentümliche Bedeutung jedes einzelnen durch Begriffsbestimmung erklärt wird: so werdet ihr ein vollständiges Lehrgebäude haben, das mehr umfassend und reichhaltig als schwierig und dunkel sein wird. Indeß jedoch, bis dieser zerstreut liegende Stoff zu einem Ganzen verbunden ist, kann man sich mit einer hinreichenden Kenntniß des bürgerlichen Rechtes ausrüsten, wenn man sie auch nur überall stückweise aufliest und sammelt.

XLIII. 191. Seht ihr nicht, daß der Römische Ritter Gajus Aculeo S. zu Buch II. Kap. 1., der in meinem Hause wohnt und von jeher gewohnt hat, ein Mann, der an Scharfsinn seines Gleichen sucht, aber sonst in den Wissenschaften gar nicht unterrichte ist, das bürgerliche Recht so gründlich versteht, daß ihm, wenn ihr unseren Scävola hier ausnehmt, keiner der größten Rechtskenner vorgezogen wird? 192.Alles liegt ja hier vor Augen und beruht auf der täglichen Erfahrung, auf dem Verkehre mit Menschen und auf den gerichtlichen Verhandlungen und ist in nicht eben vielen und bändereichen Schriftwerken enthalten. Denn dieselben Gegenstände sind erstlich von Mehreren behandelt und herausgegeben und dann mit Veränderung weniger Worte auch von denselben Schriftstellern öfter wiederholt. 193.Hierzu kommt aber auch noch Etwas, wodurch die Auffassung und Erlernung des bürgerlichen Rechtes erleichtert wird, worüber freilich gar Viele ganz anderer Ansicht sind, nämlich die außerordentliche Annehmlichkeit und Ergötzlichkeit, die in der Erlernung dieser Wissenschaft liegt. Denn findet Einer an der Beschäftigung mit der Alterthumskunde Ich habe nach der Muthmaßung antiquitatis studia übersetzt, ohne die Richtigkeit derselben vertreten zu wollen, zumal da das Demonstrativ haec hier nicht paßt. Die Lesart der Handschriften: sive quem haec aliena studia delectant ist offenbar verderbt. Eine sehr scharfsinnige Muthmaßung ist die Madvig's: haec Aeliana studia. Aelius Stilo war nämlich ein Zeitgenosse des Crassus (darauf bezieht sich das Demonstrativ haec), Lehrer des M.Varro, ein sehr gelehrter Mann. Andere Muthmaßungen s. b. Ellendt. Gefallen, so bietet ihm sowol das ganze bürgerliche Recht, als auch die Bücher der Oberpriester und die Gesetze der zwölf Tafeln ein reiches Abbild des Alterthums, weil man die vor Alters gebrauchten Ausdrücke kennen lernt, und gewisse gerichtliche Verhandlungen die Gewohnheit und Lebensart unserer Altvordern klar an den Tag legen. Oder hat Einer eine Vorliebe Nach der Lesart Einer Handschrift complectitur; mehrere Handschriften haben centempletur; in den meisten und besten fehlt das Verb. für die Staatswissenschaft, die nach Scävola's Ansicht nicht dem Redner, sondern einer Wissenschaft anderer Art angehört; so wird er sie ganz in den zwölf Tafeln enthalten finden, in denen alle nützlichen Einrichtungen des Staates bestimmt und eingetheilt sind. Oder findet Einer an jener allmächtigen und preiswürdigen Philosophie Gefallen, so hat er ich will es dreist heraussagen in dem, was in dem bürgerlichen Rechte und in den Gesetzen enthalten ist, die Quellen aller seiner Untersuchungen. 194.Denn aus diesen erkennen wir einerseits, daß man die sittliche Würde vor Allem erstreben müsse, weil ja Nach der Muthmaßung Wesenberg's ( Emend. in Cic. Tusc. III. p. 18.) quoniam virtus atque honestus labor für quom verus et justus atque honestus labor. Ellendt liest: quum verus et justus [atque honestus] labor honoribus et praemiis [splendore] decoratur. die Jugend und die ehrenwerthe Thätigkeit durch Ehren und Belohnungen geschmückt wird, andererseits daß die Laster und Verbrechen der Menschen mit Geldbußen, Beschimpfungen, Kerker, Schlägen, Verbannung, Tod bestraft werden, und wir lernen nicht aus endlosen und mit Wortkämpfen angefüllten Streitschriften, sondern durch das Ansehen und den Wink der Besetze unsere Sinnlichkeit bezähmen, alle Begierden zügeln, das Unsrige bewahren, von fremdem Gute Sinn, Augen und Hände fernhalten.

XLIV. 195. Mag auch die ganze Welt sich unwillig über mich äußern, ich will sagen, was ich denke: wahrlich die Büchersammlungen aller Philosophen scheint mir das einzige Büchlein der zwölf Tafelgesetze, wenn man auf die Quellen und die Hauptplätze der Gesetze sieht, an Gewicht des Ansehens und an Reichhaltigkeit des Nutzens zu übertreffen. 196.Und wenn wir uns, wie es durchaus unsere Pflicht ist, unseres Vaterlandes freuen; und dieß Gefühl ist so mächtig und so natürlich Mit Unrecht hat Ellendt die Worte: ac tanta natura als unächt in Klammern eingeschlossen., daß der weiseste Mann jenes Ithaka, das wie ein Vogelnest an rauhen Felsen klebt, der Unsterblichkeit vorzog; mit welcher Liebe müssen wir denn gegen ein solches Vaterland entflammt sein, welches unter allen Ländern der erste Wohnsitz der Tugend, der Herrschaft und der Würde ist? Von ihm muß uns vor Allem sein Geist, seine Sitten und seine Verfassung bekannt sein, theils weil es unser aller Mutter ist, theils weil wir anerkennen müssen, daß seine Weisheit sich in der Feststellung des Rechtes wie in der Gründung der so großen Macht unserer Herrschaft gleich groß erwiesen hat. 197.Auch insofern werdet ihr aus der Erkenntniß des Rechtes Freude und Vergnügen schöpfen, als ihr die großen Verzüge unserer Vorfahren in der Staatsklugheit vor anderen Völkern dann am leichtesten einsehen werdet, wenn ihr unsere Gesetze mit denen eines Lykurgus und Solon Das hier selbst über Solon's Gesetze von Crassus ausgesprochene Urtheil ist ungerecht, aber ganz im Geiste der Römer, die ihren Staat als ein Musterbild betrachteten. vergleichen wollt. Denn es ist unglaublich, wie das bürgerliche Recht überall außer bei uns ungeordnet und, ich möchte fast sagen, lächerlich ist: worüber ich mich oft in meinen tätlichen Unterhaltungen so auszusprechen pflege, daß ich unseren Landsleuten in der Staatsklugheit vor allen Anderen und besonders vor den Griechen den Vorzug gebe. Aus diesen Gründen, Scävola, hatte ich behauptet, daß denen, die vollkommene Redner sein wollen, die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes nothwendig sei.

XLV. 198. Ferner wer weiß nicht, wie viel Ehre, Gunst und Ansehen diese Kenntniß an und für sich denen gewährt, die in dem Besitze derselben sind? Bei den Griechen freilich leisten Menschen aus dem geringsten Stande sie heißen bei ihnen (Geschäftsführer) für einen geringen Lohn den Rednern in den Gerichten ihre Dienste; aber in unserem Staate findet gerade das Gegentheil statt. Denn die angesehensten und berühmtesten Männer, wie jener, der wegen seiner Kenntniß im bürgerlichen Rechte so von den größten Dichter gepriesen wird:

Trefflich verständiger und sehr kundiger Aelius Sextus Ein Vers aus den Annalen (X. S. 156 Sp.) des Ennius. Sextus Aelius Pätus war im J.197 v.Chr. mit Titus Flamininus Consul. Er hatte den Beinamen Catus, d.h. klug, wegen seiner ausgezeichneten Kenntniß in der Rechtswissenschaft. Nach Herausgabe des jus Flavianum (s. zu Kap.41. Nr.192) hatten die Patricier neue Rechtsformeln erfunden, die in gewissen Zeichen (Noten) ausgedrückt wurden, deren Bedeutung nur den Patriciern bekannt war. Sextus Aelius Pätus gab im J.200 v.Chr. eine Erklärung dieser Zeichen heraus, die jus Aelianum genannt wurde..

und außerdem viele andere brachten es, nachdem sie sich durch ihre Geistesgaben Ansehen Nach der Muthmaßung Matthiä's: ingenio sibi auctoritatem für die Lesart der Handschriften: ingenio sibi auctore dignitatem. erworben hatten, bei der Ertheilung von Rechtsbescheiden dahin, daß sie durch ihre Rechtsaussprüche mehr noch als durch ihre Geistesleben zu hoher Geltung gelangten. 199.Um dem Alten aber den Zuspruch der Menschen und ansehnliche Auszeichnung zu sichern, kann es wol eine ehrenvollere Zuflucht geben als die Auslegung des Rechtes? Ich wenigstens habe mir schon von meinem Jünglingsalter an diese Zuflucht bereitet, nicht allein zum Gebrauche bei den gerichtlichem Verhandlungen, sondern auch zur Zierde und Ehre des Alters, damit, wenn mich meine Kräfte und diese Zeit nähert sich schon ziemlich zu verlassen anfingen, ich mein Haus vor jener traurigen Einsamkeit bewahrte. Denn was ist schöner, als wenn ein Greis, der Ehrenstellen und Aemter des Staates verwaltet hat, mit vollem Rechte von sich sagen kann, was bei Ennius Ennius, aus Rudiä in Calabrien, geb. 239 v. Chr., gest. 169, Vater der Römischen Dichtkunst genannt, hat viele Griechische Tragödien in's Lateinische übersetzt, sowie auch ein historisches Gedicht, Annalen genannt, geschrieben. Von allen seinen Werken haben wir nur noch Bruchstücke übrig. jener Pythische Apollo sagt, er sei es, bei dem sich, wenn auch nicht Völker und Könige, doch alle seine Mitbürger Raths erholen:

In ihren Sachen rathlos kommen sie zu mir,
Doch sichern Rathes voll entlaß ich sie, daß sie
Nicht trüben unbesonnen ihres Heiles Wohl.

200. Denn das Haus eines Rechtsgelehrten ist ohne Zweifel ein Orakel der ganzen Bürgerschaft. wovon unseres Quintus Mucius Thür und Vorhalle zeugt, die ungeachtet seiner sehr schwachen Gesundheit und seines schon angegriffenen Alters täglich von einer großen Menge Bürger und der angesehensten Männer besucht wird.

XLVI. 201. ferner bedarf das keiner weitläufigen Auseinandersetzung, warum ich der Ansicht bin, daß auch die öffentlichen Rechte, die dem Staate und dem Reiche eigenthümlich sind, sowie auch die Denkmäler der Geschichte und die Beispiele des Altertums dem Redner bekannt sein müssen. Denn sowie bei den Verhandlungen von Privatangelegenheiten und vor Bericht die Rede oft aus dem bürgerlichen Rechte geschöpft werden muß, und deshalb, wie ich zuvor bemerkte, dem Redner die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes nothwendig ist; so muß in den öffentlichen Verhandlungen vor Gericht, in den Volksversammlungen, im Senate die ganze neue und ältere Geschichte, die Aussprüche des Staatsrechtes, die Staatswissenschaft der Redner, die sich mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen, gleichsam als Redestoff zu Gebote stehen. 202.Denn nicht ist es ein alltäglicher Sachwalter und Schreier oder Rechtsschwätzer, den wir in unserem Gespräche aufsuchen, sondern ein Mann, der zuerst in der Kunst ein Meister ist, deren Erfindung Nach der Muthmaßung Madvig's: cujus . . . tamen invenisse deus putatur statt der Lesart der Handschriften: cujus . . . tamen esse deus putatur. Der Gott, der hier gemeint ist, ist Mercurius., wenn auch die Natur dem Menschen dazu große Fähigkeiten verlieh, doch einem Gotte zugeschrieben wird, so daß selbst das, was Eigentum des Menschen war, nicht durch uns gewonnen, sondern durch göttliche Eingebung zu uns gebracht erschien; ein Mann, der zweitens nicht sowol durch den Heroldstab, als durch den Namen des Redners, mit dem er geschmückt ist, selbst unter den Schwertern der Feinde sich unverletzt bewegen kann; ein Mann, der ferner Tücke und Ränke des Missethäters durch die Rede dem Hasse der Bürger bloßstellen und durch Strafen zügeln, sowie auch durch den Schutz seines Geistes die Unschuld von der Strafe der Gerichte befreien und auch ein erschlaffendes und strauchelndes Volk entweder zum Ehrgefühl erwecken oder vom Irrthume abführen oder gegen Uebelthäter entflammen oder die gereizte Stimmung desselben gegen Gute besänftigen kann; ein Mann, der endlich jede Gemüthsstimmung, wie sie Zeit und Umstände erfordern, in den Menschen durch die Rede entweder hervorrufen oder stillen kann. 203.Wer nun meint, diese Kunst sei von denen, welche über die Redekunst geschrieben haben, entwickelt worden oder könne von mir in so kurzer Zeit entwickelt werden, der irrt sich sehr und begreift nicht meine Unkunde, ja kaum die Größe der Sachen. Ich glaubte, weil ihr es ja so wünschtet, euch die Quellen, aus denen ihr schöpfen könnt, und die Pfade selbst bezeichnen zu müssen, aber nicht so, um selbst euer Führer auf denselben zu sein, was unendlich schwierig und nicht nothwendig ist, sondern nur, um euch den Weg nach den Quellen zu weisen und, wie man zu thun pflegt, einen Fingerzeig zu geben.

XLVII. 204. Ich aber sollte meinen, versetzte Mucius, du habest der Lernbegierde dieser jungen Männer, wenn sie anders lernbegierig sind, reichlich Genüge geleistet. Denn sowie man von Sokrates erzählt, er habe zu sagen gepflegt, seine Arbeit sei vollendet, wenn jemand durch seine Ermahnung hinlänglich zu dem Streben angefeuert sei die Tugend kennen zu lernen und in sich aufzunehmen; denn wem die Ueberzeugung beiwohne, daß er nichts lieber zu sein wünsche als ein guter Mann, dem sei die übrige Lehre leicht: so weiß ich, daß auch ihr, wenn ihr die Bahn betreten wollt, die euch Crassus durch seinen Vortrag eröffnet hat, ihr sehr leicht zum Ziele euerer Wünsche gelangen werdet, da er ja euch den Zugang und die Thür dazu eröffnet hat. 205.Allerdings, erwiderte Sulpicius, sind uns seine Belehrungen höchst dankenswerth und höchst erfreulich; aber einiges Wenige vermissen wir noch und insbesondere das, was du, lieber Crassus, über die Kunst selbst nur kurz durchlaufen hast, da du doch zugestandst, daß du es nicht gering schätztest und es auch erlernt habest. Wolltest du dieses etwas weitläufiger erörtern, so würdest du die Erwartung unserer lang gehegten Sehnsucht ganz und gar erfüllen. Denn jetzt haben wir gelernt, worauf wir unseren Fleiß wenden müssen, und das ist allerdings auch schon etwas Großes; aber wir wünschen auch den Lehrgang und die Regeln dieser Sachen kennen zu lernen. 206.Nun, sagte Crassus, um euch leichter bei mir zu behalten, bin ich euch willfährig gewesen und habe weniger auf meine Gewohnheit und Natur Rücksicht genommen; wie wäre es nun, wenn wir den Antonius bäten, das, was er bei sich zusammenhält und noch nicht zum Vorschein gebracht hat, wovon ihm, wie er kurz zuvor klagte, eine kleine Schrift entschlüpft ist, uns zu entwickeln und jene Geheimnisse der Beredsamkeit kund zu thun? Wie es dir beliebt, erwiderte Sulpicius. Denn aus dem Vortrage des Antonius werden wir auch deine Ansichten kennen lernen. 207.Nun, lieber Antonius, sagte Crassus, da nun einmal die Lernbegierde dieser jungen Männer uns Alten diese Bürde auferlegt, so bitte ich dich deine Absichten über die Gegenstände zu entwickeln, über die sie, wie du siehst, von dir belehrt zu werden wünschen.

XLVIII. Da sehe und fühle Mit Unrecht hat Ellendt die Worte: atque sentio als unächt eingeklammert. ich mich, erwiderte Antonius, ganz und gar betroffen, nicht allein weil man Dinge von mir verlangt, deren ich unkundig und ungewohnt bin, sondern auch weil unsere jungen Freunde mir jetzt nicht das zu vermeiden gestatten, wovor ich mich bei den gerichtlichen Verhandlungen so sehr zu hüten pflege, dein Nachfolger, Crassus, im Reden zu sein. 208.Doch ich will um so dreister auf euer Verlangen eingehen, weil es, wie ich hoffe, bei der gegenwärtigen Unterredung ebenso der Fall sein wird, wie es bei meiner öffentlichen Rede zu sein pflegt, daß man keinen geschmückten Vortrag von mir erwartet. Ich gedenke ja nicht von der Kunst zu reden, die ich nie erlernt habe, sondern von meiner Gewohnheit, wie denn auch das, was ich in meinen Leitfaden aufgenommen habe, von derselben Art ist, nicht durch gelehrten Unterricht mir mitgetheilt, sondern beruhend auf Erfahrung und wirklichen Rechtshandlungen. Findet dieses nun bei euch, so gelehrten Männern, keine Billigung, so müßt ihr euere eigene Unbilligkeit entschuldigen, da ihr mich um Dinge befragt, die ich nicht weiß, und meine Nachgiebigkeit loben, wenn ich euch nicht aus eigenem Entschlusse, sondern auf euer Verlangen ohne viele Umstände Rede stehe. 209.Hierauf sagte Crassus: Fahre nur fort, lieber Antonius. Denn es hat keine Gefahr damit, du möchtest Etwas anders vortragen, als höchst einsichtsvoll, und so wird es Niemand von uns bereuen dich zu dieser Erörterung aufgefordert zu haben. Nun gut, erwiderte er, so will ich denn fortfahren und das thun, was meines Erachtens bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen zu Anfang geschehen muß. Vor Allem nämlich möge der Gegenstand der Untersuchung klar und deutlich dargelegt werden, damit der Vortrag nicht unsicher umherzuschweifen und auf Abwege zu gerathen genöthigt werde, wenn die, bei denen eine Meinungsverschiedenheit obwaltet, nicht ein und dasselbe unter dem Gegenstande, von dem gesprochen wird, verstehen. 210.Würde etwa zum Beispiel die Frage aufgeworfen: Was ist die Kunst des Heerführers? so müßte man nach meiner Ansicht zuerst festsetzen, was ein Heerführer sei. Wäre nun festgesetzt, er sei ein Mann, der mit der Verwaltung eines Krieges betraut sei; so würde ich hierauf eine Erklärung hinzufügen von dem Heere, dem Feldlager, den Marschzügen, der Lieferung von Schlachten, der Bestürmung der Städte, der Zufuhr, der Anwendung und Vermeidung des Hinterhalts und den übrigen Dingen, die zur Verwaltung des Krieges gehören. Wer die Kenntniß von diesen Gegenständen in seinen Geist und seine Wissenschaft aufgenommen hat, den würde ich für einen Heerführer erklären und als Beispiele Männer, wie die beiden Afrikaner Der ältere und der jüngere Scipio Africanus; über jenen s. zu Kap.9. und über diesen zu II, Kap. 37. und Maximus Fabius Maximus, mit dem Beinamen Cunctator, der berühmte Heerführer der Römer und Dictator im zweiten Punischen Kriege (222 und 218 v.Chr.)., anführen; den Epaminondas und Hannibal und andere Männer der Art würde ich namhaft machen. 211.Beträfe aber unsere Frage den Begriff von einem Manne, der auf die Verwaltung des Staates seine Erfahrung, seine Wissenschaft und seinen Fleiß verwendet; so würde ich folgende Erklärung geben: Wer die Mittel kennt, durch die das Beste des Staates gewonnen und vermehrt wird, und dieselben anwendet; der muß als Denker des Staates und Stimmführer im öffentlichen Rathe betrachtet werden, und rühmend würde ich anführen den Publius Lentulus Publius Lentulus war im J. 161 v.Chr. mit Gnäus Consul., jenen Ersten im Senate, Tiberius Gracchus S. zu Kap. 9. Anm. 96., den Vater, Quintus Metellus Quintus Metellus Macedonicus, der als Prätor im J. 147 v.Chr. den Andriscus oder Pseudophilippus besiegte; im J.142 war er mit Appius Claudius Pulcher Consul. Als Redner und Staatsmann zeichnete er sich aus., Publius Africanus Der jüngere Scipio Africanus ist hier gemeint. S. Anm. 2., Gajus Lälius S. zu Kap. 9. und unzählige Andere sowol aus unserem als aus anderen Staaten. 212.Wäre aber die Frage, wer in Wahrheit ein Rechtsgelehrter genannt werden könne; so würde ich denjenigen dafür erklären, welcher der Gesetze und des unter Privatpersonen im Staate üblichen Herkommens kundig ist, um Rechtsbescheide zu geben, gesetzmäßige Anklagen zu erheben und Rath gegen die Ränke der Widersacher zu ertheilen, und aus dieser Klasse würde ich den Sextus Aelius S. zu Kap. 45., Manius Manilius M. Manilius, im J. 148 v.Chr. Consul, ein ausgezeichneter Redner und Rechtsgelehrter., Publius Mucius S. zu Kap. 37. kennen.

XLIX. Und um auf die Beschäftigungen mit den geringfügigeren Künsten zu kommen, wenn die Frage den Tonkünstler, den Sprachforscher, den Dichter beträfe, so könnte ich auf ähnliche Weise erklären, was den Beruf eines jeden ausmache, und was die erforderlichen Eigenschaften seien, auf die man sich bei jedem beschränken müsse. Ja selbst von dem Philosophen, der sich nach der Fülle seiner Weisheit allein im Besitze fast alles Wissens zu sein rühmt, findet doch eine gewisse Begriffsbestimmung statt, indem man demjenigen, welcher aller göttlichen und menschlichen Dinge Wesen, Beschaffenheit und Ursachen zu kennen die ganze Sittenlehre zu wissen und auszuüben sich bemüht, diesen Namen ertheilt. 213.Was nun aber den Redner anlangt, der ja der Gegenstand unserer Untersuchung ist; so habe ich von ihm nicht dieselbe Verstellung, wie Crassus, der mir unter dem Einen Namen und der Einen Obliegenheit des Redners die gesammte Kenntniß aller Dinge und Wissenschaften zu begreifen schien; ich halte vielmehr den für einen Redner, welcher in gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen Worte, die angenehm zu hören sind, und Gedanken, die Ueberzeugung einzuflößen geeignet sind, zu gebrauchen versteht. Einen solchen nenne ich einen Redner und wünsche, daß er außerdem auch Stimme, äußeren Vortrag und einen gewissen Witz besitze. 214.Unser Crassus aber schien mir die Geschicklichkeit des Redners nicht nach den Schranken dieser Kunst, sondern nach den fast unermeßlichen Gränzen seines Geistes zu bezeichnen. Denn erstens gab er nach seinem Ausspruche das Ruder der Staatsverwaltung dem Redner in die Hände: wobei es mir recht auffallend war, daß du, Scävola, ihm dieses einräumtest, da dir der Senat so oft, wenn du kurz und schmucklos redetest, in den wichtigsten Angelegenheiten beistimmte. Wenn aber Marcus Scaurus Marcus Aemilius Scaurus, 114 v.Chr. Consul, ein großem Staatsmann und Rechtsgelehrter., der, wie ich höre, nicht weit von hier auf seinem Landgute verweilt, ein Mann von der gründlichsten Kenntniß in der Staatsverwaltung, vernähme, daß du, Crassus, dieses Ansehen seiner Würde und Staatsklugheit in Anspruch nähmest, indem du es als ein Eigenthum des Redners erklärst: so würde er, glaube ich, sofort hierher kommen und diese unsere Geschwätzigkeit schon durch seine Miene und seinen Blick in Schrecken setzen; denn wenn er auch als Redner nicht zu verachten ist, so beruht doch seine Stärke mehr auf einer umfassenden Staatsklugheit als auf Redekunst. 215. Wenn nun auch wirklich jemand in Beidem stark ist, so folgt hieraus noch nicht, daß ein Stimmführer im öffentlichen Rathe und der gute Senator schon darum auch ein Redner sein müßte, oder daß ein durch Beredsamkeit ausgezeichneter Mann, wenn er sich zugleich in der Staatsverwaltung hervorthut, diese Wissenschaft In dem Texte steht aliquam scientiam, das Ellendt vertheidigt; aber wahrscheinlich ist die Lesart verderbt. Wyttenbach schlägt vor alienam scientiam, die fremde, d.h. seinem Fache fern liegende, Wissenschaft. Diese Muthmaßung ist von den meisten Herausgebern gebilligt worden. sich durch die Redefertigkeit angeeignet habe. Diese Fähigkeiten liegen weit auseinander und sind sehr von einander verschieden und abgesondert, und nicht war es ein und dasselbe Verfahren, durch welches Marcus Cato S. zu Kap. 37. Anm. 174. – Wegen Africanus, Metellus, Lälius s. zu Kap.48., Publius Africanus, Quintus Metellus, Gajus Lälius, die alle ausgezeichnete Redner waren, ihre Rede zu schmücken und die Würde des Staates zu verherrlichen wußten.

L. 216. Es ist ja weder von der Natur bestimmt, noch durch irgend ein Gesetz oder durch das Herkommen verordnet, daß es einem einzelnen Menschen nicht vergönnt sein soll mehr als Eine Kunst zu verstehen. Wenn daher auch Perikles zu Athen ein großer Redner war und zugleich die oberste Leitung des Staates führte, so darf man darum nicht annehmen, daß beide Fähigkeiten Einer Person und Einer Kunst angehören, und wenn Publius Crassus zugleich beredt und rechtskundig war, so ist deshalb die Wissenschaft des bürgerlichen Rechtes nicht in der Redegewandtheit enthalten. 217.Denn wenn Jemand, der sich in einer Kunst und Fertigkeit auszeichnet und damit auch noch eine andere Kunst verbindet, uns zu der Ansicht bestimmen könnte, seine Nebenwissenschaft sei als ein Theil derjenigen Wissenschaft, in welcher er sich auszeichnet, anzusehen: so könnten wir auf diese Weise auch behaupten, die Geschicklichkeit im Ballspiele und im Brettspiele gehöre zur Rechtsgelehrsamkeit, da ja Publius Mucius beides sehr gut verstand, und mit gleichem Rechte könnten die Philosophen, welche die Griechen Naturphilosophen nennen, auch Dichter genannt werden, da ja der Naturphilosoph Empedokles Empedokles aus Agrigent in Sizilien (um 450 v.Chr.), ein Philosoph der Ionischen Schule. Er hatte ein Gedicht , über die Natur, in drei Büchern geschrieben. ein herrliches Gedicht verfertigt hat. Aber nicht einmal die Philosophen, die doch das ganze Gebiet des Wissens als ihren eigenen Besitz in Anspruch nehmen, unterfangen sich zu behaupten, die Geometrie oder die Tonkunst gehöre dem Philosophen an, weil Plato zugestandenermaßen in diesen Künsten höchst auszeichnet gewesen sei. 218.Will man nun auch alle Wissenschaften dem Redner unterordnen, so könnte man dieß noch eher zulassen, wenn man sich vielmehr also ausdrückte: Weil die Beredsamkeit nicht nüchtern und nackt, sondern durch eine angenehme Abwechslung von vielerlei Gegenständen gewürzt und geschmückt sein soll, so kommt es dem Redner zu Vieles gehört, Vieles gesehen, Vieles überlegt und durchdacht, Vieles auch gelesen zu haben, was er jedoch nicht als sein Eigenthum in Besitz genommen, sondern nur gleichsam als fremde Speisen gekostet hat. Denn ich bekenne, der Redner muß gewandt sein, in keiner Sache Anfänger und Neuling, noch unwissend und Fremdling in dem Rechtsverfahren.

LI. 219. Aber durch die hochfahrenden Worte, die du, Crassus, ganz in der Weise der Philosophen gebraucht hast, lasse ich mich nicht in Verlegenheit bringen. Du behauptetest nämlich, die Gemüther der Zuhörer könne Niemand durch die Rede entflammen oder die entflammten dämpfen, worin sich gerade des Redners Stärke und Größe zeige, der nicht das Wesen aller Dinge, die Sitten und Grundsätze der Menschen gründlich durchschaut habe, und zu diesem Zwecke müsse der Redner die Philosophie nothwendig erlernen, eine Wissenschaft, in der, wie wir wissen, auch die größten Geister, frei von allen Amtsgeschäften, ihre ganze Lebenszeit zugebracht haben. Den Reichthum und den Umfang ihrer Kenntniß und Wissenschaft verachte ich keineswegs, ja ich bewundere sie gar sehr; doch uns, die wir in der Mitte unseres Volkes und auf dem Forum leben, genügt es von den Sitten der Menschen das zu wissen und zu sagen, was den Sitten der Menschen nicht zuwiderläuft. 220.Denn hat sich wol je ein großer und gewichtiger Redner, wenn er den Richter wider seinen Gegner zum Zorne reizen wollte, deßwegen verlegen gefühlt, weil er nicht gewußt hätte, was Zorn sei, ob eine Aufwallung des Gemüthes oder ein Verlangen seinen Schmerz zu rächen? Wer hat, wenn er die anderen Leidenschaften in den Gemüthern der Richter oder des Volkes durch die Rede aufrühren und in Bewegung setzen wollte, solche Dinge vorgetragen, wie sie von den Philosophen vorgetragen zu werden pflegen? Einige Die Stoiker. von ihnen behaupten ja, man dürfe überhaupt den Leidenschaften keinen Raum geben, und diejenigen, welche dieselben in den Gemüthern der Richter erregten, begingen einen verruchten Frevel; andere Die Peripatetiker und Akademiker., die duldsamer sein und der Wirklichkeit des Lebens näher treten wollen, lehren, die Gemüthsbewegungen dürften nur sehr gemäßigt und ganz gelinde sein. 221.Der Redner hingegen stellt alles das, was man im gewöhnlichen Leben für böse, beschwerlich und verwerflich hält, in seiner Schilderung weit arger und greller dar, sowie er hinwiederum das, was der großen Menge begehrens- und wünschenswerth erscheint, durch seinen Vortrag verherrlicht und ausschmückt. Auch will er sich unter Thoren nicht so den Schein von Weisheit geben, daß entweder seine Zuhörer ihn für einen Gecken und pedantischen Griechen halten, oder, wenn sie auch wirklich seine Geisteskräfte anerkennen sollten, des Redners Weisheit zwar bewundern, über ihre eigene Thorheit aber Mißbehagen empfinden. 222.Wenn der Redner in die Seelen der Menschen eindringt, wenn er ihre Empfindungen und Gedanken bearbeitet, so vermißt er nicht die Begriffsbestimmungen der Philosophen und untersucht nicht in seinem Vortrage, ob das höchste Gut in der Seele Sokrates, die Peripatetiker, Akademiker, Stoiker setzten das höchste Gut in die Seele, d.h. in die Tugend, sowie hingegen die Cyrenaiker und Epikureer in den Körper, d.h. in das Vergnügen. oder im Körper liege, ob es nach der Tugend oder nach dem Vergnügen bestimmt werde, oder ob sich Beides mit einander verbinden und vereinigen lasse Die Peripatetiker und Akademiker im Gegensatze zu den Stoikern. Die Stoiker nämlich erklärten die Tugend für das einzige Gut und das Laster für das einzige Uebel; die Peripatetiker und Akademiker aber erklärten die Tugend zwar für das höchste Gut und das Laster für das höchste Uebel, nahmen aber auch die äußeren Güter als Güter, und die äußeren Uebel als Uebel an., oder aber ob man, wie Einige meinen, nichts Bestimmtes hiervon wissen könne, Nichts sich deutlich erkennen und begreifen lasse Das war die Ansicht der neueren Akademie, deren Stifter Arcesilas war.. Die Wissenschaft dieser Dinge, ich bekenne es, ist groß und vielseitig, und es gibt viele ausführliche und mannigfaltige Lehrarten hierüber; aber unsere Absicht, lieber Crassus, ist auf etwas Anderes, ganz Anderes gerichtet.

LII. 223. Einen mit eindringendem Verstande ausgerüsteten und von Natur und durch Uebung gewandten Mann haben wir nöthig, der mit Scharfsinn erforschen kann, was seine Mitbürger und die Menschen, denen er durch seinen Vortrag eine Ueberzeugung einflößen will, denken, empfinden, meinen, erwarten; er muß gleichsam die Adern jedes Geschlechtes, Alters und Standes kennen und die Gedanken und Empfindungen derer, vor denen er jetzt oder später als Redner auftreten will, prüfen. 224.Die Schriften der Philosophen aber spare er sich für eine solche Tusculanische Erholung und Muße, wie wir sie jetzt genießen, auf, damit er, wenn er einmal über Gerechtigkeit und Treue reden muß, seine Gedanken nicht von Plato zu entlehnen braucht, der, als er seine Lehren hierüber niederzuschreiben gedachte, einen neuen Staat in seinen Schriften In den zehn Büchern über den Staat. erdichtete. Bis zu dem Grade entfernten sich die Ansichten, die er über die Gerechtigkeit vortragen zu müssen glaubte, von dem gewöhnlichen Leben und den Sitten der Staaten. 225.Würden solche Grundsätze unter den Völkern und in den Staaten gutgeheißen, wie hätte man dir, Crassus, dem berühmtesten, angesehensten und ersten Mann im Staate gestatten können vor der zahlreichsten Versammlung deiner Mitbürger solche Aeußerungen zu thun Die folgende Stelle ist aus einer Rede entlehnt, die Crassus i. J. 106 v. Chr. hielt, um die Bill des Consuls Quintus Servilius Cäpio zu unterstützen, in welcher der Vorschlag gemacht war, daß die Gerichtspflege, die seit dem J.122 v.Chr. in den Händen der Ritter war, gemeinschaftlich von den Rittern und dem Senate verwaltet werden sollte. Die Römischen Ritter hatten sich nämlich der größten Ungerechtigkeit und Grausamkeit gegen den Senat schuldig gemacht. Doch ging der Vorschlag wahrscheinlich nicht durch.: »Entreißt uns dem Elende, entreißt uns dem Rachen derer, deren Grausamkeit durch unser Blut nicht gesättigt werden kann; laßt nicht zu, daß wir irgend Einem dienen, außer euch allen insgesamt, denen wir dienen können und müssen.« Ich übergehe das Elend, in dem sich nach den Lehrsätzen der Philosophen ein tapferer Mann nicht befinden kann; ich übergehe den Rachen, dem du entrissen sein willst, damit dein Blut nicht durch unbillige Gerichte ausgesogen werde: was doch nach der Meinung jener einem weisen Manne nicht begegnen kann: wie aber konntest du dich unterfangen zu sagen, nicht nur du, sondern der gesammte Senat, dessen Sache du damals führtest, diene? 226.Kann die Tugend, Crassus, dienen, wenn du die Ansicht derer Er meint die Stoiker. billigst, deren Lehrsätze du in des Redners Wissenschaft aufnimmst? sie, die immer und allein frei ist und die, mag auch der Körper durch Waffengewalt gefangen oder durch Fesseln gebunden sein, dennoch ihr Recht und ihre Freiheit in allen Dingen ungeschmälert behaupten muß. Nun vollends der Zusatz: der Senat könne nicht nur dem Volke dienen, sondern müsse es auch! Welcher Philosoph ist so weichlich, so schlaff, so entnervt, bezieht so Alles auf den sinnlichen Genuß und auf den Schmerz, daß er die Aeußerung billigen könnte, der Senat diene dem Volke, der Senat, dem das Volk die Gewalt seiner Leitung und Lenkung wie Zügel in die Hände gegeben hat?

LIII. 227. Diese Stelle nun, die mir unvergleichlich schön erschien, erklärte Publius Rutilius Rufus Publius Rutilius, ein Schüler des Stoikers Panätius und selbst dem Stoicismus ganz ergeben, war zugleich auch Redner und Rechtsgelehrter. Im J.104 v.Chr. war er Consul. Seine Gerechtigkeitsliebe und seine Rechtschaffenheit war den Rittern, die große Pachtungen in Asien hatten, sehr beschwerlich gewesen, als er als Legat des Oberpriesters Quintus Lucius Scävola, der Proconsul in Asien war, sich den großen Bedrückungen der Ritter widersetzte; deßhalb suchten sie sich an ihm zu rächen, indem sie ihn des Unterschleifes anklagten (92). Von seinen ungerechten Richtern wurde er zum Ersatze des Schadens, den er zugefügt haben sollte, verurtheilt. Indem er sich selbst Verbannung auferlegte, ging er nach Smyrna. Obgleich später von Sulla zurückgerufen, beharrte er doch in seiner freiwilligen Verbannung., ein gelehrter und der Philosophie ergebener Mann, nicht nur für sehr unangemessen, sondern auch für schimpflich und schmählich. Und ebenso pflegte er den Servius Galba Servius Sulpicius Galba, der sich zur Jugendzeit des Rutilius als Redner auszeichnete (s. Cicer. Brut. 22.), hatte als Prätor im jenseitigen Spanien 30000 Lusitanier nach Sueton. Galb. c. 3 oder 7000 nach Valer. Maxim. IX, 6, 2. gegen gegebene Versprechungen getödtet (150 v.Chr.). Im folgenden Jahre wurde er deßhalb von dem Volkstribunen Lucius Scribonius Libo und Marcus Cato angeklagt. Trotzdem wurde er, da er durch seine Rede die Richter zum Mitleide zu stimmen wußte, freigesprochen. Im J.142 war er Consul., dessen er sich wohl zu erinnern versicherte, sehr hart zu tadeln, weil er bei einer peinlichen Untersuchung, die Lucius Scribonius gegen ihn anstellte, das Mitleid des Volkes erregt hätte, nachdem Marcus Cato, ein heftiger und bitterer Feind des Galba, vor dem Römischen Volke eine barsche und leidenschaftliche Rede gehalten hatte, die er selbst in seiner Urgeschichte mitgetheilt hat. 228.Es tadelte also Rutilius den Galba, weil er des Gajus Sulpicius Gallus Gajus Sulpicius Gallus war im J.165 v.Chr. Consul., seines Verwandten, Sohn Quintus, seinen Mündel, selbst fast auf seine Schultern emporgehoben, um durch die Erinnerung und das Andenken an dessen berühmten Vater das Volk zu Thränen zu rühren, und seine beiden eigenen kleinen Söhne dem Schutze des Volkes empfohlen und, als ob er wie ein Krieger vor der Schlacht ohne Wage und Urkunde Die Römischen Soldaten machten oft vor einer gefährlichen Schlacht ihr Testament in Gegenwart von drei oder vier Zeugen »ohne Wage und Urkunden«, d.h. ohne die Förmlichkeiten, die sonst bei Abfassung von Testamenten beobachtet wurden. sein Testament machte, das Römische Volk zum Vormunde für diese Waisen eingesetzt hätte. Durch diese bühnenartigen Kunstgriffe, erzählte er, sei Galba damals trotz des Unwillens und Hasses, mit dem das Volk gegen ihn erfüllt war, freigesprochen worden, wie ich auch bei Cato geschrieben sehe: »hätte er sich nicht der Knaben und Thränen bedient, so würde er Strafe gebüßt haben.« Dieses Verfahren tadelte Rutilius sehr und erklärte, einer solchen Erniedrigung hätte die Verbannung oder der Tod vorgezogen werden müssen. 229.Und er sagte dieses nicht allein, sondern dachte und handelte auch so. Denn da dieser Mann ein Muster von Unbescholtenheit, wie ihr wißt, war, dem Niemand im Staate an Rechtschaffenheit und Sittenreinheit gleichkam; so wollte er die Richter nicht demüthig anflehen, ja er ließ es nicht einmal zu, daß seine Sache beredter oder freier geführt wurde, als es das einfache Verhältnis der Wahrheit gestattete. Nur einen kleinen Theil der Vertheidigung überließ er unserem Cotta hier, einem so beredten jungen Manne, seiner Schwester Sohne. Zum Theil führte auch Quintus Mucius Quintus Mucius Scävola, der Oberpriester. S. zu Kap.37. Anm.173. seine Sache nach seiner Weise, ohne alles Gepränge, schlicht und deutlich. 230.Hättest du damals, Crassus, geredet, der du kurz zuvor behauptetest, der Redner müsse für die Fülle der Rede Beistand aus den Untersuchungen der Philosophen entlehnen, und wäre es dir gestattet worden für den Publius Rutilius nicht nach der Philosophen, sondern deiner Weise zu reden: die Kraft deiner Rede hätte den Richtern, so frevelhaft sie auch gewesen wären, wie sie es auch wirklich waren, diese verderblichen und strafwürdigen Bürger, dennoch alle Unverschämtheit aus ihrem innersten Herzen entrissen. Nun aber ging ein solcher Mann verloren, indem seine Sache so geführt wurde, als ob sie in dem erdichteten Staate Platos verhandelt worden wäre. Keiner der Sachwalter seufzte auf, keiner erhob laut seine Stimme, keinem ging die Sache zum Herzen, keiner klagte, keiner flehte den Schutz des Staates an, keiner bat flehentlich. Kurz, keiner stampfte in jenem Gerichte mit dem Fuße, ich glaube, damit es ja nicht den Stoikern wiedererzählt werden möchte.

LIV. 231. Der Römer und Consular ahmte jenem alten Sokrates nach, der, da er der weiseste unter Allen war und den unsträflichsten Lebenswandel geführt hatte, in dem peinlichen Gerichte für sich so redete, daß er nicht ein flehender oder Beklagter, sondern ein Lehrmeister und Gebieter der Richter zu sein schien. Ja als ihm der berühmte Redner Lysias Lysias, Sohn des Kephalos aus Syrakus, geb. 458 v.Chr., gest. 379, einer der berühmtesten Redner Athens, von dem wir noch 44Reden übrig haben. eine geschriebene Rede brachte, die er, wenn es ihm gefiele, auswendig lernen möchte, um von ihr im Gerichte für sich Gebrauch zu machen; so las er sie nicht ungern und erklärte, sie sei recht schön abgefaßt. Aber, fuhr er fort, wie ich, wenn du mir Sicyonische Die Bewohner von Sikyon, einer Stadt in der Nähe von Korinth, trugen weiche und sehr bequeme Schuhe. Schuhe brächtest, sie nicht gebrauchen würde, so bequem sie auch sitzen und für den Fuß passen möchten, weil sie für Männer nicht anständig sind; ebenso scheint mir jene Rede beredt und rednerisch, aber nicht in gleichem Grade kräftig und männlich. So geschah es denn, daß auch jener verurtheilt wurde, und nicht allein bei der ersten Abstimmung, bei welcher die Richter nur entschieden, ob sie ihn verurtheilten oder freisprächen, sondern auch bei der zweiten, die sie nach den Gesetzen vornehmen mußten. Es bestand nämlich zu Athen für den Beklagten nach seiner Verurtheilung, wenn auf seinem Verbrechen nicht die Todesstrafe stand, gleichsam eine Abschätzung der Strafe Wenn für ein Verbrechen in den Gesetzen keine bestimmte Strafe festgesetzt war, so schlug zuerst der Ankläger eine Strafe vor, darauf wurde der Beklagte von den Richtern gefragt, welcher Strafe er selbst sich würdig schätze. Nachdem der Beklagte sich selbst eine Strafe bestimmt hatte, so entschieden die Richter bei der zweiten Abstimmung, welche von beiden Strafen gültig sein solle, oder setzten zuweilen auch eine Vermittelung zwischen beiden Strafen fest., 232.und der Beklagte wurde, wenn die Dichter zur Abstimmung aufgefordert wurden, zuvor gefragt, was denn das für eine Strafe sei, die er nach seiner Abschätzung verdient zu haben bekenne. Als man dem Sokrates diese Frage vorgelegt hatte, erwiderte er, er habe verdient, daß man ihn durch die höchsten Ehren und Belohnungen auszeichne und ihm den täglichen Lebensunterhalt in dem Prytaneum Das Prytaneum auf der Burg zu Athen war das Stadthaus, wo 50Prytanen, d.h. obrigkeitliche Personen (Senatoren), die in jedem Monate der Staatsverwaltung vorstanden, auf öffentliche Kosten speisten; eben daselbst wurden auch um den Staat wohlverdiente Männer gespeist. Diese Einrichtung war von Solon gestiftet worden. auf Staatskosten reiche: eine Ehre, die bei den Griechen für die größte gehalten wird. 233.Ueber diese Antwort entbrannten die Richter so von Zorn, daß sie den unschuldigsten Mann zum Tode verurtheilten. Gesetzt, er wäre freigesprochen worden (was ich in der That, wenn uns die Sache auch weiter nichts angeht, doch wegen seiner Geistesgröße wünschte): wie konnten wir jene Philosophen ertragen, die auch jetzt, nachdem jener wegen keiner anderen Schuld, als wegen seiner Unkunde im Reden verurtheilt worden ist, gleichwol behaupten, man müsse von ihnen die Regeln der Beredsamkeit entlehnen? Ich will mit ihnen nicht streiten. welche von beiden Wissenschaften die bessere oder ächtere sei; aber so viel behaupte ich, daß die Philosophie etwas Anderes sei, als die Beredsamkeit, und daß diese auch ohne jene höchst vortrefflich sein könne.

LV. 234. Daß du dich nun ferner, Crassus, des bürgerlichen Rechtes so eifrig angenommen hast, davon sehe ich den Grund ein und sah ihn schon ein, als du noch redetest. Zuerst hast du dich dem Scävola gefällig zeigen wollen, den wir alle wegen seiner ausnehmenden Freundlichkeit mit vollstem Rechte lieben müssen, und da du seine Wissenschaft unausgestattet und ungeschmückt sahst, so hast du sie durch die Ausstattung deiner Worte bereichert und geschmückt. Zweitens weil du auf dieselbe recht viel Fleiß und Arbeit verwendet hattest, da du den Ermunterer zu dieser Beschäftigung und den Lehrmeister in deiner Familie Scävola war ja der Schwiegervater des Crassus. hattest; so warst du besorgt, du möchtest dich vergeblich bemüht haben, wenn du nicht diese Wissenschaft durch deinen Vortrag verherrlichtest. Doch ich will auch mit dieser Wissenschaft mich in keinen Streit einlassen. 235.Mag sie immerhin eine so große Bedeutung haben, wie du meinst. Und in der That ist sie wichtig, findet eine vielfache Anwendung und gewährt vielen Menschen Nutzen; auch hat sie immer in hohen Ehren gestanden, und die berühmtesten Männer unsres Staates widmen sich noch heute dieser Wissenschaft. Doch sieh zu, lieber Crassus, ob du nicht die Rechtswissenschaft, indem du sie mit einem neuen und fremden Schmucke schmücken willst, auch des eigenen, der ihr zugestanden und eingeräumt wird, beraubest und entkleidest. 236.Denn wenn du dich so aussprächest, der Rechtsgelehrte sei auch Redner, und ebenso der Redner sei auch Rechtsgelehrter; so würdest du zwei herrliche unter einander gleiche und derselben Würde theilhaftige Wissenschaften aufstellen. Nun aber gestehst du ein, Rechtsgelehrter könne man auch ohne die Beredsamkeit, die wir zum Gegenstande unserer Betrachtung machen, sein, und dergleichen habe es schon sehr viele gegeben; Redner hingegen, behauptest du, könne Niemand sein, wenn er nicht jene Wissenschaft zu Hülfe nehme. Auf diese Weise ist dir der Rechtsgelehrte an und für sich weiter nichts, als ein vorsichtiger und scharfsinniger Gesetzkrämer, ein Ausrufer der gerichtlichen Verhandlungen, ein Ableierer von Formeln, ein Silbenstecher; aber weil der Redner sich der Beihülfe des Rechtes in seinen Verhandlungen bedient, so hast du deßhalb diese Rechtswissenschaft der Beredsamkeit als Magd und Zofe beigegeben.

LVI. 237. Wenn du dich aber über die Unverschämtheit derjenigen Sachwalter gewundert hast S. oben Kap. 38, §. 173 ff., welche, obwol sie das Kleine nicht wissen, sich zum Großen anheischig machen oder die schwersten Rechtsfragen vor Gericht zu verhandeln sich erdreisten, obwol sie dieselben nicht verstehen und nie gelernt haben: so ist die Vertheidigung beider Erscheinungen leicht und liegt auf der Hand. Denn man darf sich nicht darüber wundern, wenn Einer, der nicht weiß, mit welcher Formel der Ehekauf coëmptio , ein Heirathsvertrag, nach dem sich der Mann und die Frau gleichsam kauften. S. August Roßbach's Untersuchungen über die Römische Ehe, S.65ff. geschlossen wird, dennoch die Sache einer Frau, welche einen solchen Ehekauf geschlossen hat, vertheidigen kann, und wenn die Steuerkunst bei einem kleinen und großen Fahrzeuge die nämliche ist, so dürfte darum derjenige, der nicht weiß, welcher Formeln man sich bei Erbschaftsvertheilungen bedienen muß, gleichwol einen Rechtsstreit über eine Erbschaftsvertheilung führen können. 238.Denn was die wichtigsten, auf dem Rechte beruhenden Verhandlungen des Centumviralgerichtes, die du anführtest S. Kap. 38., anlangt; war wol irgend eine derselben von der Art, daß sie nicht von einem beredten, aber des Rechtes unkundigen Manne auf das Schönste hätte geführt werden können? In allen diesen Verhandlungen, sowie eben in der Sache des Manius Curius S. zu Kap. 39. Anm. 185., die du neulich vertheidigt hast, und in dem Rechtsstreite des Gajus Hostilius Mancinus S. zu Kap. 40. Anm. 187. und in der Angelegenheit des Knaben, der von der zweiten Frau geboren war ohne vorhergegangene Scheidung von der ersten, waltete in Betreff des Rechtes unter den erfahrensten Männern die größte Meinungsverschiedenheit ob. 239.Ich frage nun, was dein Redner bei diesen Verhandlungen die Rechtswissenschaft geholfen hätte, da nur derjenige Rechtsgelehrte den Sieg davon getragen haben würde, der sich nicht auf seine eigenen, sondern auf eine fremde Wissenschaft gestützt hätte, d.h. nicht auf die Rechtswissenschaft, sondern auf die Beredsamkeit. So habe ich oft folgenden Vorfall erzählen hören. Als Publius Crassus S. zu Kap. 37. §.170. Anm.171. sich um die Aedilität bewarb, und ihn Servius Galba S. zu Kap. 53. §.227. Anm.229., der älter war und schon Consular, begleitete, weil er die Tochter des Crassus mit seinem Sohne Gajus verlobt hatte; so trat ein Bauer zum Crassus, um sich bei ihm Raths zu erholen. Jener führte den Crassus bei Seite und trug ihm seine Angelegenheit vor. Die Antwort, die er erhielt, war zwar richtig, aber seiner Sache nicht vorteilhaft. Als Galba ihn verstimmt sah, redete er ihn beim Namen an und fragte ihn, in welcher Angelegenheit er den Crassus zu Rathe gezogen habe. Als er es vernommen hatte und den Mann erschüttert sah, sagte er: Ich sehe, Crassus hat dir in der Zerstreuung und mit anderen Dingen beschäftigt geantwortet. 240.Hierauf nahm er den Crassus selbst bei der Hand und sagte: Hör' einmal, wie kam dir in den Sinn einen solchen Bescheid zu geben? Jener, als der rechtskundigste Mann, betheuerte ihm jetzt zuversichtlich, die Sache verhalte sich natürlich so, wie er geantwortet habe, und unterliege keinem Zweifel. Galba aber, der auf mancherlei Weise und in reichlicher Fülle seinen Witz gegen ihn spielen ließ, führte viele ähnliche Fälle an und sagte Vieles für die Billigkeit gegen das Recht. Da nun Crassus ihm an Gewandtheit der Rede nicht gewachsen war, (denn wiewol er zu den beredten Männern gerechnet wurde, so kam er doch dem Galba keineswegs gleich;) so nahm er seine Zuflucht zu Gewährsmännern und zeigte, daß seine Ansicht in seines Bruders Publius Mucius S. zu Kap. 37. Anm. 173. Büchern und in des Sextus Aelius S. zu Kap. 45. Anm. 201. Denkschrift schriftlich zu lesen sei, und doch gab er zu, daß des Galba Erörterung ihm beifallswerth und beinahe wahr dünkte.

LVII. 241. Aber die Fälle, die von der Art sind, daß über ihr Recht kein Zweifel obwalten kann, pflegen überhaupt nicht Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen zu werden. Macht wol jemand nach einem Testamente, das ein Hausvater vor der Geburt eines Sohnes machte, auf eine Erbschaft Ansprüche? Niemand, weil es feststeht, daß durch die später erfolgende Geburt eines Sohnes das Testament seine Gültigkeit verliert. Also in dieser Art des Rechtes finden keine gerichtlichen Entscheidungen statt. Folglich kann der Redner bei den Rechtsstreitigkeiten in controversiis. Diese Worte hält Ellendt für unächt. Lambin schlägt dafür vor: incontroversi ; da dieses Wort bei keinem lateinischen Schriftsteller vorkommt, so will Bake dafür non controversi lesen. Diese Muthmaßung hat allerdings Vieles für sich; doch läßt sich die Lesart der Handschriften vertheidigen, wenn man das Wort controversia überhaupt als eine Streitsache erklärt. mit diesem ganzen Theile des Rechtes, der ohne Zweifel der bei Weitem größte ist, ohne Nachtheil unbekannt sein. 242.In den Fällen aber, wo in Betreff des Rechtes unter den erfahrensten Männern Zweifel obwalten, kann der Redner leicht für die Partei, die er vertheidigt, einen Rathgeber finden, und wenn er von diesem schwungkräftige Speere empfangen hat, so wird er selbst sie mit des Redners Armen und Kräften zu schleudern verstehen. Es müßte denn sein, daß du die Sache des Manius Curius S. zu Kap. 39. Anm. 185. aus den Schriften und nach den Lehren deines Schwiegervaters (der wackere Mann In den Handschriften steht: bona venia huius optimi viri Scaevolae. Das letzte Wort ist offenbar ein späterer Zusatz; deßhalb hat es Ellendt eingeklammert. wird mir wol diese Aeußerung gestatten) vertheidigt hättest und nicht vielmehr auf Beschirmung der Billigkeit und auf Vertheidigung der Testamente und des Willens der Verstorbenen gedrungen wärest. 243.Und nach meiner Ansicht wenigstens (ich wohnte der damaligen Verhandlung fleißig bei) nahmst du den bei Weitem größeren Theil deiner Zuhörer durch den Witz deiner Gedanken, durch launige Einfälle und feine Scherzreden für dich ein, indem du bald des Scävola Quintus Mucius Scävola ist hier gemeint, der der Sohn des Publius Lucius und im Jahre 94 v.Chr. mit Crassus Consul war. Der kurz zuvor erwähnte Scävola ist der Augur und jenes Oheim. S. zu Kap.7. Anm.90. unendlichen Scharfsinn verspottetest, bald seine Geisteskraft bewundertest, weil er den tiefen Gedanken ergründet habe, man müsse eher geboren werden, als man sterben könne, dann wieder Vieles aus den Gesetzen, aus den Senatsbeschlüssen, aus dem Leben und der gewöhnlichen Redeweise nicht nur scharfsinnig, sondern auch witzig und scherzhaft zusammenstelltest, um darzuthun, daß, wenn man bloß auf die Worte und nicht auf die Sache sehe, Nichts ausgerichtet werden könne. Und so war das Gericht voll der heitersten und fröhlichsten Stimmung. Was dir hierin die Uebung im bürgerlichen Rechte genützt habe, sehe ich nicht ein; die ausgezeichnete Kraft der Rede, gepaart mit der heitersten Laune und der liebenswürdigsten Anmuth, war dir von Nutzen. 244.Selbst jener Mucius, der Vertheidiger des väterlichen Rechtes und der Verfechter seines väterlichen Erbgutes, was hat er in jener Verhandlung, als er gegen dich redete, vorgebracht, was aus dem bürgerlichen Rechte entlehnt erschien? welches Gesetz hat er angeführt? was hat er durch seinen Vortrag enthüllt, das Unkundigen einigermaßen verborgen gewesen wäre? Sein ganzer Vortrag beschäftigte sich ja damit, daß er behauptete, das Geschriebene müsse die größte Geltung haben. Aber hierin werden alle Knaben bei ihren Lehrern geübt, wenn sie angewiesen werden in solchen Fällen bald den geschriebenen Buchstaben bald die Billigkeit zu vertheidigen. 245.Und in jener Sache des Kriegers S. Kap. 38, §. 175., wenn du entweder den Erben oder den Krieger vertheidigt hättest, würdest du, sollte man wol gar meinen, zu den Hostilianischen Erbschaftsformeln, die von einem Rechtsgelehrten Hostilius herausgegeben waren. Formeln und nicht zu deiner rednerischen Kraft und Gewandtheit deine Zuflucht genommen haben. Onein. Vielmehr würdest du, wenn du ein Testament vertheidigtest, die Sache so vortragen, als ob alles Recht aller Testamente auf diesem Gerichte beruhe, oder wenn du die Sache des Kriegers geführt hättest, so würdest du deiner Gewohnheit gemäß seinen Vater durch deinen Vortrag von den Todten erweckt und den Richtern vor die Augen gestellt haben; er hätte seinen Sohn umarmt und unter Thränen den Centumvirn empfohlen; alle Steine wahrlich hätte er zu Thränen und Wehklagen gerührt, so daß die ganze Formel: »Wie der Mund gesprochen« Die Worte des Gesetzes lauten; uti lingua nuncupassit, ita ius esto, d.h. wie der Mund (des Erblassers) gesprochen, so soll es Rechtens sein. nicht in den zwölf Tafeln, die du allen Büchersammlungen vorziehst, sondern unter den bei einem Schullehrer nachgeschriebenen Gesetzformeln Der Sinn der Stelle ist: Crassus würde sich um das juristische Formelwesen wenig bekümmert haben, so daß selbst jene Formel aus den zwölf Tafeln, die er nach einer früheren Aeußerung (Kap.44, §.195.) den Büchersammlungen aller Philosophen vorgezogen hatte, in seinem Vortrage ebenso wenig Bedeutung haben würde, wie die von einem Schullehrer seinen Schülern diktirten Gesetzformeln. Die Lehrer diktirten ihren Schülern zur Uebung nicht allein Gedichte alter Dichter, sondern auch Gesetzformeln der zwölf Tafeln. zu stehen scheinen würde.

LVIII. 246. Ferner beschuldigst du unsere jungen Männer der Trägheit, weil sie diese Wissenschaft nicht erlernen wollen, die doch erstens sehr leicht sei. Was nun diese Leichtigkeit anlangt, so mögen jene darüber urtheilen, welche voller Stolz auf diese Wissenschaft, als ob sie die schwierigste sei, in Selbstgenügsamkeit einherschreiten; dann aber magst du auch selbst darüber urtheilen, der du diese Wissenschaft für leicht erklärst, die nach deinem eigenen Geständnisse überhaupt noch gar keine Wissenschaft ist, sondern erst einmal dann eine solche werden wird, wenn Jemand noch eine andere Wissenschaft dazu erlernt, durch die er diese wissenschaftlich gestalten kann. Zweitens, sagst du, sei sie voller Ergötzlichkeit. Dieses Vergnügen wollen dir Alle schenken und verzichten gern auf dasselbe, und nicht leicht wird sich Jemand finden, der, wenn er Etwas lernen soll, nicht lieber den Teuker des Pacuvius Pacuvius (219 v.Chr. zu Brundisium geboren) war ein tragischer Dichter der Römer. auswendig lernen würde, als die Manilianischen Wegen Manilius s. zu Kap. 48, §. 212. Formeln über Kauf und Verkauf. 247.Wenn du aber ferner meinst, wir müßten aus Vaterlandsliebe die Erfindungen unserer Vorfahren kennen; siehst du nicht, daß die alten Gesetze theils von selbst durch die Länge der Zeit veraltet, theils durch neue Gesetze aufgehoben sind? Ja du glaubst sogar, gute Männer würden durch das bürgerliche Recht gebildet, weil durch die Gesetze Belohnungen für die Tugenden und Strafen für die Laster bestimmt seien. Aber ich war der Ansicht, die Tugend werde den Menschen, wenn anders sie wissenschaftlich gelehrt werden könne, durch Unterricht und Ueberzeugung, nicht aber durch Drohungen, Gewalt und Furcht gelehrt. Denn wie schön es ist sich vor dem Uebel zu hüten, das wenigstens können wir auch ohne die Kenntniß des Rechtes wissen. 248.Was mich aber selbst betrifft, dem du allein die Fähigkeit zugestehst ohne alle Rechtskenntniß dennoch Rechtssachen befriedigend zu verhandeln; so muß ich dir hierauf erwidern, daß ich nie das bürgerliche Recht erlernt und doch bei den Rechtssachen, die ich vor Gericht vertheidigen konnte, nie diese Wissenschaft vermißt habe. Denn etwas Anderes ist es ein Kunstverständiger in einem Fache oder einer Wissenschaft, etwas Anderes im gemeinen Leben und im gewöhnlichen Verkehre mit Menschen nicht dumm und unwissend zu sein. 249.Wem von uns ist es jetzt Nach der, auch von Ellendt aufgenommenen, Muthmaßung von Schütz: nunc licet für non licet S. Ellendt zu dieser Stelle. vergönnt seine Landgüter zu durchwandern und der Landwirtschaft entweder des Nutzens oder des Vergnügens wegen seine Aufmerksamkeit zu schenken? Und doch bringt Niemand sein Leben so ohne Augen, so ohne Verstand zu, daß er gar nicht wissen sollte, was Aussaat und Ernte sei, was Beschneidung der Bäume und Weinstöcke, zu welcher Jahreszeit oder auf welche Weise diese Geschäfte besorgt werden. Wenn nun Einer ein Landgut zu besichtigen, oder wenn er wegen des Ackerbaues dem Verwalter einen Auftrag oder dem Meier einen Befehl zu ertheilen hat, muß er wol deßhalb die Bücher des Karthagers Mago Der Karthager Mago hatte 28 Bücher über den Ackerbau geschrieben. Nach Karthagos Zerstörung ließ der Römische Senat das Werk in's Lateinische übersetzen. durchlesen, oder können wir uns mit unserem gemeinen Menschenverstande begnügen? Warum können wir also nicht gleichfalls in dem bürgerlichen Rechte, zumal da wir uns in Rechtssachen, in Geschäften und vor Gericht abarbeiten müssen, hinlänglich gerüstet sein, wenigstens insoweit, daß wir in unserem eigenen Vaterlande nicht als Fremde und Ankömmlinge erscheinen? 250.Und sollte auch wirklich eine etwas schwierige Rechtssache uns übertragen werden, so dürfte es glaub' ich, eine schwierige Aufgabe sein mit unserem Scävola darüber Rücksprache zu nehmen, wiewol schon die streitenden Parteien uns über Alles eingeholte Rechtsbescheide und Erkundigungen zutragen. Wie aber? Wenn über den Zustand einer Sache selbst, wenn über Gränzstreitigkeiten, wo wir keine Besichtigung an Ort und Stelle vornehmen können, wenn über Rechnungsbücher und schriftliche Geldanweisungen ein Rechtshandel statt findet; so wissen wir uns, wenn es verlangt wird, in verwickelte und oft schwierige Streitpunkte hineinzuarbeiten; und wir sollten, wenn wir Gesetze oder Rechtsgutachten erfahrener Männer kennen zu lernen haben, Besorgniß hegen, wir möchten dieselben nicht begreifen können, wenn wir uns von Jugend auf weniger mit dem bürgerlichen Rechte beschäftigt haben?

LIX. Nützt also die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes dem Redner nichts? Ich kann nicht sagen, daß irgend eine Wissenschaft ohne Nutzen sei, zumal für den, dessen Beredsamkeit mit reichhaltiger Sachkenntnis ausgerüstet sein muß; aber die Kenntnisse, die sich ein Redner aneignen muß, sind so vielfach, wichtig und schwierig, daß ich seine Thätigkeit nicht in noch mehr Beschäftigungen zersplittern möchte. 251.Wer kann leugnen, daß der Redner zu seiner rednerischen Bewegung und Stellung das Gebärdenspiel und den feinen Anstand eines Roscius S. zu Kap. 28. nöthig hat? Und doch dürfte Niemand jungen Männern, die der Beredsamkeit obliegen, den Rath geben auf die Erlernung des Gebärdenspieles, wie Schauspieler, Fleiß und Mühe zu verwenden. Was ist dem Redner so nothwendig, als die Stimme? Und doch wird Niemand, der sich der Beredsamkeit befleißigt, wenn er meinen Rath hören will, der Ausbildung seiner Stimme sich so ergeben, wie es die Griechen und die tragischen Schauspieler thun, welche mehrere Jahre hindurch im Sitzen die Kunst des Vortrages üben und täglich, bevor sie ihre Vorträge beginnen, im Liegen ihre Stimme allmählich erhöhen und sie, sobald sie in Bewegung gebracht ist, im Sitzen von dem höchsten Tone bis zum tiefsten sinken lassen und dann gleichsam wieder sammeln. Wollten wir dieß thun, so möchten die, deren Vertheidigung wir übernommen haben, eher verurtheilt werden, als wir so oft, als vorgeschrieben wird, einen Päan Unter Päan ist hier nicht der Versfuß Päan ( ˘ ˘ ˘ oder ˘ ˘ ˘ oder ˘ ˘ ˘ oder ˘ ˘ ˘ ) zu verstehen, sondern die Melodie eines Siegesgesanges. oder Munio numionem. Die Lesart ist verderbt; sehr viele, zum Theil sehr scharfsinnige Muthmaßungen sind von den Herausgebern aufgestellt worden. S. Ellendt. abgesungen hätten. 252.Wenn wir nun auf das Gebärdenspiel, das doch dem Redner von großem Nutzen ist, und auf die Stimme, die vor Allem die Beredsamkeit empfiehlt und unterstützt, nicht besonders großen Fleiß verwenden dürfen und in Beidem nur so viel erreichen können, als uns in dem Schlachtgetümmel unserer täglichen Geschäfte Zeit dazu verstattet wird: um wie viel weniger dürfen wir uns auf die Erlernung und Beschäftigung mit dem bürgerlichen Rechte einlassen? In der Hauptsache läßt sich dasselbe auch ohne Unterweisung fassen und unterscheidet sich darin von jenen Gegenständen, daß die Stimme und das Gebärdenspiel nicht plötzlich angenommen und anderswoher aufgerafft werden kann, was hingegen aus der Rechtswissenschaft für jede einzelne Streitsache nützlich ist, selbst bei der größten Eile entweder von Rechtskundigen oder aus Büchern entlehnt werden kann. 253.So haben bei den Griechen die beredtesten Männer bei ihren Verhandlungen Rechtskundige in ihren Diensten, ich meine die, welche, wie von dir kurz zuvor Kap. 45, §. 198. bemerkt wurde, Pragmatiker heißen, da sie selbst in der Rechtswissenschaft sehr unerfahren sind Den Zusatz quom ipsi imperitissimi oder, wie die Handschriften haben, peritissimi halten Henrichsen und Ellendt für unächt.. Hierin verfuhren freilich die Unsrigen weit besser, indem sie die Gesetze und Rechte durch das Ansehen der berühmtesten Männer geschützt wissen wollten. Aber doch würde dieses den Griechen nicht entgangen sein, wenn sie es für so nothwendig erachtet hätten den Redner selbst im bürgerlichen Rechte zu unterrichten und ihm nicht einen Pragmatiker als Gehülfen zur Seite zu setzen.

LX. 254. Was ferner deine Behauptung S. Kap. 45. §. 199. betrifft, unser Alter werde durch die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes vor Einsamkeit bewahrt; so kann dieß vielleicht auch durch großes Vermöge bewirkt werden; doch wir fragen jetzt nicht, was uns nützlich, sondern was dem Redner nothwendig ist. Gleichwol will ich hier noch einer Aeußerung des Roscius gedenken, des nämlichen Künstlers, von dem wir schon so Manches entlehnt haben, das mit der Kunst des Redners in naher Beziehung steht. Er pflegte nämlich zu sagen, je weiter er im Alter vorrücke, desto langsamer wolle er die Anweisen des Flötenspielers setzen und die Musik sanfter einrichten. Wenn nun dieser, obwol gebunden an ein bestimmtes Maß der Takte und Füße, dennoch zur Erleichterung für sein Alter auf ein Mittel bedacht ist; wie viel leichter können wir die Tonweisen nicht nur herabstimmen, sondern gänzlich umändern? 255.Es ist dir ja bekannt, Crassus, wie viele und mannigfaltige Arten des Vortrages es gibt, und ich möchte behaupten, daß du dieses zuerst gezeigt hast; denn schon lange redest du weit gelassener und sanfter, als es früher deine Gewohnheit war, und doch findet die jetzige Sanftheit deines würdevollen Vortrages nicht weniger Befall, als dein früheres Feuer und Heftigkeit. Auch hat es viele Redner gegeben, wie wir dieß von Scipio Scipio Africanus, der Jüngere. und Lälius hören, die ihre gewöhnliche Redeweise nur ein Wenig steigernd Alles ausrichteten, nicht aber, wie Servius Galba, alle Kräfte ihrer Lunge und Stimme anstrengten. Wenn du aber dieses nicht thun kannst oder willst, so hegst du, ein so wackerer Mann und Bürger, die Besorgniß, dein Haus möge, wenn es von streitsüchtigen Menschen nicht mehr besucht werde, von den Andern verlassen werden? Ich meinerseits bin so weit von dieser Ansicht entfernt, daß ich in der Menge derer, die, um sich Raths zu erholen, Besuche machen, nicht nur keine Stütze des Alters suchen zu müssen glaube, sondern vielmehr der Einsamkeit, die du befürchtest, wie einem Hafen der Ruhe, entgegensehe. Denn die Ruhe von Geschäften ist meines Erachtens die schönste Erleichterung des Alters. 256.Die übrigen Kenntnisse, die allerdings der Beredsamkeit behülflich sind, ich meine die Geschichte, das Staatsrecht, die Kunde Nach einer Muthmaßung Ellendt's: antiquitatis notitiam. Die Handschriften bieten sämmtlich antiquitatis iter. des Alterthums, die Kenntniß einer Menge von Beispielen, werde ich, wenn es Noth thut, von meinem Freunde Longinus Einem gelehrten und besonders in der Altertumskunde bewanderten Manne. S. Cicer. pro Planc. c.24., einem wackeren und mit diesen Kenntnissen reichlich ausgerüsteten Manne, entlehnen. Auch werde ich Nichts dagegen einwenden, wenn unsere jungen Männer, wozu du zuvor Kap. 34, §. 159. auffordertest, Alles lesen, Alles hören und sich mit aller höheren Menschenbildung beschäftigen; aber wahrlich sie scheinen mir hierzu nicht so viel Zeit zu haben, wenn sie anders das thun und ausführen wollen, was du ihnen, Crassus, vorgeschrieben hast. Denn fast allzu harte Gesetze, glaub' ich, hast du der Jugend auferlegt, wenn sie auch zur Erreichung des erstrebten Zieles fast nothwendig sind. 257.Denn die Uebungen aus dem Stegreife über vorgelegte Fälle zu reden, die mit Sorgfalt und Nachdenken ausgearbeiteten Abhandlungen und der von dir so gerühmte Gebrauch des Schreibgriffels, den du den Vollender und besten Lehrmeister der Beredsamkeit nanntest Kap. 33, §. 150., kosten viel Schweiß; und jene Vergleichung der eigenen Rede mit fremden Schriften und eine aus dem Stegreife vorgetragene Erörterung über ein fremdes Schriftwerk, das entweder gelobt oder getadelt, entweder begründet oder widerlegt werden soll, erfordert eine nicht geringe Anstrengung hinsichtlich des Gedächtnisses sowol als der Nachbildung.

LXI. 258. Ich komme nun aber auf eine Forderung S. Kap. 28, §. 130. von dir, die entsetzlich ist und die, wie ich fürchte, wahrlich geeigneter sein dürfte abzuschrecken, als zu ermuntern. Du verlangtest nämlich, daß ein jeder von uns in seiner Art gleichsam ein Roscius sei, und sagtest, das Richtige finde weniger Beifall, als sich an das Fehlerhafte die mäkelnde Tadelsucht anhänge. Aber ich glaube, daß wir der mäkelnden Beurtheilung weniger ausgesetzt sind, als die Schauspieler. 259.So sehe ich, daß man uns oft, wenn wir an Heiserkeit leiden, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhört; denn die Sache selbst und der Gegenstand fesselt schon; aber Aesopus Aesopus war ein berühmter Schauspieler damaliger Zeit, besonders groß in der Tragödie, sowie Roscius besonders in der Komödie. wird, wenn er ein wenig heiser wird, ausgepocht. Denn wo man nichts Anderes sucht als Ergötzung der Ohren, da nimmt man Anstoß, sobald diese Ergötzung nur etwas geschmälert wird. Bei einem Redner aber ist Vieles, was fesselt, und wenn auch nicht Alles in ihm höchst vollkommen, aber doch recht Vieles vorzüglich ist, so kann es nicht fehlen, daß auch schon dieses bewunderungswürdig erscheint. 260.Um also auf den Anfang unserer Unterredung zurückzukommen, so gelte mir derjenige für einen Redner, welcher, wie Crassus sich ausdrückte, auf eine überzeugende Weise zu reden fähig ist. Dieser beschränke sich aber auf die Kenntnisse, welche in den gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich sind, und mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften, so herrlich und vorzüglich sie auch sein mögen, liege er dieser einen Arbeit, so zu sagen, Tag und Nacht mit allem Eifer ob und ahme jenem Manne nach, dem ohne Zweifel die höchste Vollkommenheit der Beredsamkeit zugestanden wird, dem Athener Demosthenes. Dieser bewies, wie man erzählt, einen so großen Eifer und so große Anstrengung, daß er die Hindernisse Im Texte steht ut primum impedimenta naturae. Dieses primum steht, wie Wolff richtig bemerkt, nicht an der rechten Stelle; Cicero hätte es nach quomque setzen müssen. Denn es ist ja hier nur von den Hindernissen der Natur die Rede, die Demosthenes überwand. der Natur durch Fleiß und beharrliche Thätigkeit überwand. Da er nämlich erstens so stammelte, daß er selbst von der Kunst, der er sich widmete, den ersten Buchstaben nicht aussprechen konnte, so brachte er es durch sorgsame Uebung dahin, daß Niemand eine deutlichere Aussprache gehabt haben soll. 261. Da er ferner an Engbrüstigkeit litt, so wußte er sich durch Anhalten des Athems beim Reden eine solche Ausdauer anzueignen, daß er, wie seine Schriften zeigen, Perioden, in denen zwei Hebungen und Senkungen der Stimme vorkommen, in Einem Athem zusammenfassen konnte. Ja er gewöhnte sich, wie berichtet wird, kleine Steine in den Mund zu nehmen und so mit der lautesten Stimme viele Verse in Einem Athem herzusagen, und zwar nicht an einem Orte stehend, sondern einhergehend und eine steile Anhöhe ersteigend. 262.Daß man durch solche Ermahnungen, wie Crassus, die jungen Männer zum Fleiße und zur Anstrengung anfeuern müsse, darin stimme Die Gründe, nach denen Bake und Ellendt das Wort assentior für verderbt halten, sind ungenügend. ich dir von ganzem Herzen bei; die übrigen Kenntnisse aber, die du aus mannigfaltigen und verschiedenen Wissenschaften und Künsten gesammelt hast, müssen meines Erachtens, wenn du sie auch alle dir für deine Person angeeignet hast, doch von der eigentlichen Verpflichtung und dem Amte des Redners geschieden werden.

LXII. 263. Als Antonius dieses gesagt hatte, schienen allerdings Sulpicius und Cotta zu zweifeln, welcher von beiden Vorträgen sich der Wahrheit mehr zu nähern scheine. Da rief Crassus aus: Zu einem Handlanger machst du uns den Redner, Antonius, und ich möchte fast meinen, daß du anders denkst und nur deine bewunderungswürdige Uebung und Gewandtheit im Widerlegen, worin es dir noch nie Jemand zuvorgethan hat, zeigen willst. Allerdings gehört diese Uebung auch zur Geschicklichkeit des Redners, aber häufiger wird sie doch von den Philosophen angewendet, besonders von denen, welche über jeden vorgelegten Gegenstand mit großer Ausführlichkeit dafür und dawider zu reden pflegen Er meint die jüngeren Akademiker.. 264.Doch ich war der Ansicht, zumal da diese jungen Männer meine Zuhörer waren, nicht bloß das Bild eines Redners entwerfen zu müssen, der nur in den Gerichtsbänken zu Hause ist und Nichts weiter vorbringen kann, als was das Bedürfniß der Rechtsverhandlungen nothwendig verlangt, sondern ein höheres Ziel hatte ich vor Augen, als ich urtheilte, der Redner dürfe, zumal in unserem Staate, keiner Kenntniß, die ihm zum Schmucke dienen könne, untheilhaftig sein. Da du nun aber das ganze Amt des Redners in so enge Gränzen eingeschlossen hast, so wirst du uns um so leichter auseinandersetzen, was du über die Pflichten des Redners und über die Regeln, die er zu beobachten hat, erforscht hast; doch dieß, denk' ich, lassen wir bis morgen; denn für heute haben wir genug geredet. 265.Jetzt kann Scävola, weil er nun einmal beschlossen hat auf sein Tusculanum zu gehen, ein Wenig ausruhen, bis sich die Hitze bricht, und wir anderen wollen, weil es dazu Zeit ist, der Gesundheit pflegen. Diesen Vorschlag billigten Alle. Hierauf sagte Scävola: Wirklich ich wünsche, ich hätte mich nicht mit Lälius Wer dieser Lälius sei, läßt sich nicht mit Sicherheit bestimmen; der berühmte Gajus Lälius mit dem Beinamen der Weise kann es nicht sein. S. Ellendt zu dieser Stelle. verabredet heute auf das Tusculanum zu kommen Gern würde ich den Antonius hören. Und als er aufstand, fuhr er zugleich lächelnd fort: Denn es hat mich weniger verdrossen, daß er unser bürgerliches Recht so scharf durchzog, als es mir erfreulich gewesen ist von ihm das Geständniß zu hören, er verstehe davon Nichts.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.