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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XIX. 85. Dagegen sprechen beredte und in Staatsgeschäften und Rechtshandlungen bewanderte Männer, unter denen sich auch der befand, der neulich zu Rom war, MenedemusEin Lehrer der Beredsamkeit, sonst nicht weiter bekannt., mein Gastfreund. Da dieser behauptete, es gebe eine Wissenschaft, die sich mit Erforschung von Kunstregeln über die Einrichtung und Verwaltung der Staaten beschäftige; da erhob sich der immer schlagfertige MannNämlich Charmadas. In den Handschriften wird gelesen. excitabatur homo promptus ab homine abundanti doctrina. Die Worte ab homine offenbar ein Glossem, und ich habe sie nach dem Vorgange von Schütz und fast allen neueren Herausgebern weggelassen. S. Ellendt zu dieser Stelle., der eine reiche Gelehrsamkeit und eine unglaubliche Mannigfaltigkeit und Fülle von Kenntnissen besaß, und zeigte, daß alle Theile eben dieser Staatswissenschaft von der Philosophie entlehnt werden müßten, und daß über Verordnungen des Staates in Betreff der unsterblichen Götter, der Jugenderziehung, der Gerechtigkeit, der Geduld, der Besonnenheit, des Maßes in Allem und über alle anderen Dinge, ohne welche die Staaten entweder gar nicht bestehen oder nicht wohl gesittet sein könnten, sich nirgends in ihren Büchern eine Vorschrift finden lasse. 86. Wenn nun diese Redekünstler eine so große Menge der wichtigsten Gegenstände in ihrer Wissenschaft umfassen, so fragte er, warum ihre Bücher von Regeln über Eingänge, über Schlußreden und dergleichen Possen (so nannte er es) vollgefüllt seien, über Einrichtung der Staaten hingegen, über Abfassung von Gesetzen, über Billigkeit, Gerechtigkeit und Treue, über Bezähmung der Begierden, über Bildung der Sitten des Menschengeschlechtes sich kein Buchstabe in ihren Büchern finde. 87. Ihre Regeln selbst pflegte er dadurch zu verspotten, daß er zeigte, daß sie nicht nur in jener Staatsklugheit, die sie sich anmaßten, unerfahren seien, sondern auch von der Beredsamkeit selbst keine schulgerechte Kenntniß hätten. Die Hauptsache für den Redner nämlich, meinte er, bestehe darin, daß er denjenigen, vor denen er auftrete, so erscheine, wie er es selbst wünsche; dieß werde durch die Würde des Lebens bewirkt, von der jene Lehrer der Beredsamkeit in ihren Vorschriften Nichts hinterlassen hätten; und daß seine Zuhörer in ihrem Inneren so gestimmt würden, wie sie der Redner gestimmt wissen wolle; auch dieß sei auf keine Weise möglich, wenn nicht der Redner gelernt habe, auf welche und auf wie vielerlei Weise und durch welche Art des Vortrages die Gemüther der Menschen nach allen Richtungen gelenkt würden; das seien aber Geheimnisse, die ganz in der Tiefe der Philosophie versteckt und verborgen lägen, wovon jene Redekünstler sich nicht einmal eine oberflächliche Kenntniß angeeignet hätten. 88. Diese Behauptungen suchte Menedemus mehr durch Beispiele als durch Beweise zu widerlegen. Er trug nämlich aus dem Gedächtnisse viele herrliche Stellen aus den Reden des Demosthenes vor und zeigte so, daß dieser dadurch, daß er verstand die Gemüther der Richter oder des Volkes nach allen Richtungen zu lenken, kund gegeben habe, wie gut er die Mittel gekannt habe, durch die er das erreichen könnte, was nach jenes Behauptung Niemand ohne Philosophie wissen könne.

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