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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XV. 64. Will man also den Begriff des Redners im Allgemeinen und Besonderen bestimmen und zusammenfassen, so wird meines Erachtens der Redner eines so ehrenvollen Namens würdig sein, der über jeden vorfallenden Gegenstand, der durch die Rede entwickelt werden soll, mit Sachkenntniß, in guter Ordnung, mit Geschmack und aus dem Gedächtnisse, zugleich auch mit einer gewissen Würde des äußeren Vortrages reden kann. 65. Sollte aber Manchem der von mir gebrauchte Ausdruck »über jeden vorfallenden Gegenstand« allzu unbestimmt erscheinen, so mag er hiervon abschneiden und wegnehmen, so viel ihm gut dünkt; doch das werde ich festhalten: mag der Redner auch den Stoff der anderen Künste und Wissenschaften nicht kennen und nur das verstehen, was zu den Rechtserörterungen und zur gerichtlichen Uebung erforderlich ist; so wird er doch, wenn er über jene Gegenstände reden soll, sobald er sich bei denen Raths erholt hat, die das, was jeder Sache eigentümlich angehört, kennen, als Redner weit besser darüber reden, als selbst jene, die diese Gegenstände berufsmäßig treiben. 66. Wenn zum Beispiel unser Sulpicius hier über das Kriegswesen reden soll, so wird er bei unserem Verwandten Gajus MariusEs ist der berühmte Marius, der Besieger der Cimbern und Teutonen. Sein Sohn hatte Mucia, die Tochter des Augurs Scävola, geheiratet und war also der Schwager des Crassus. Erkundigungen einziehen und, wenn er sie erhalten hat, einen solchen Vortrag halten, daß selbst Gajus Marius glauben dürfte, dieser habe davon fast eine bessere Kenntniß als er selbst. Soll er aber über das bürgerliche Recht reden, so würde er sich mit dir besprechen und dich, den einsichtsvollsten und erfahrensten Mann, in eben den Dingen, die er von dir erlernt hat, an Redekunst übertreffen. 67. Und kommt ein Fall vor, wo er über die Natur, über die Laster der Menschen, über die Begierden, über Mäßigung und Enthaltsamkeit, über Schmerz und Tod sprechen soll; so dürfte er sich vielleicht, wenn es ihm gut dünkte (wiewol dieses wenigstens der Redner kennen muß), mit dem Sextus PompejusDieser war der Vatersbruder des großen Pompejus und ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter, sowie auch in der Mathematik und Philosophie sehr bewandert. S. Cicer. Brut. 47, 115. besprechen, einem in der Philosophie unterrichteten Manne, und in der That es wird ihm gelingen über jeden Gegenstand, den er von irgend Jemandem erlernt hat, weit geschmückter zu reden, als selbst jener, der ihn belehrt hat. 68. Aber wenn ihm mein Rath etwas gilt, so wollen wir, weil die Philosophie in drei Theile zerfällt, in die dunkele Naturwissenschaft, die scharfsinnige Dialektik und die Lehre von dem Leben und den Sitten, die beiden ersten aufgeben und unserer Trägheit zu gute halten; wollen wir aber den dritten, der immer den Rednern angehört hat, nicht behaupten, so werden wir dem Redner Nichts zurücklassen, worin er sich groß zeigen könnte. 69. Darum muß dieser ganze Theil, der von dem Leben und den Sitten handelt, von dem Redner gründlich erlernt werden; das Uebrige wird er, wenn er es auch nicht erlernt hat, doch, sobald es einmal nöthig ist, durch die Rede auszuschmücken verstehen, wenn ihm nur zuvor der Stoff dazu überliefert und eingehändigt ist.

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