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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 221
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LIX. 220. Alle diese Gemüthsbewegungen muß aber das Gebärdenspiel begleiten, nicht ein bühnenmäßiges, das die einzelnen Worte ausdrückt, sondern ein solches, welches die Sache und den Gedanken nur im Allgemeinen nicht durch Veranschaulichung, sondern durch bloße Andeutung zu erkennen gibt, durch eine kräftige und männliche Körperbewegung, die nicht von der Bühne und den Schauspielern, sondern von den Waffen oder auch von der Ringschule entlehnt ist. Die Hand aber soll kein künstliches Fingerspiel treiben, sondern mit den Fingern die Worte nur begleiten, aber nicht ausdrücken; der Arm werde frei vorgestreckt, gleichsam als Trutzwaffe des Redners; das Stampfen mit dem Fuße finde beim Beginne oder am Schlusse leidenschaftlicher Stellen statt. 221. Aber auf dem Gesichte beruht Alles, und in dem Gesichte besitzen die ganze Herrschaft die Augen. Um so richtiger urtheilten daher unsere Alten, wenn sie selbst einen Roscius unter der Larve nicht sehr loben wollten. Denn der ganze äußere Vortrag soll die Seele ausdrücken, und das Abbild der Seele ist das Gesicht und ihre Verräther die Augen. Denn dieß ist der einzige Theil des Körpers, der alle Gemüthsbewegungen durch ebenso viele Andeutungen und VeränderungenDie Worte et commutationes, welche in mehreren der besten Handschriften fehlen, halt Ellendt wol mit Recht für eingeschoben, da ja gerade in der Veränderung des Gesichts die Andeutung der Gemüthsbewegung liegt. ausdrücken kann, und Niemand vermag dieß zu thun, wenn er die Augen schließtconnivens. Diese vortreffliche Muthmaßung des Gulielmus wird durch mehrere Handschriften bestätigt.. So berichtet TheophrastusS. zu I. Kap. 10, Anm. 111. Tauriskus ist nicht weiter bekannt. von einem gewissen Tauriskus, er habe zu sagen gepflegt, ein Redner, der bei seinem Vortrage immer auf Einen Punkt hinsähe, gleiche einem Redner, der seinen Zuhörern den Rücken zuwendete. 222. Man muß daher seine Augen wohl zu leiten wissen. Denn die Züge des Gesichtes dürfen nicht zu sehr verändert werden, damit wir nicht in Geschmacklosigkeiten oder Verzerrungen verfallen; die Augen sind es, durch deren Gespanntheit, Nachlassung, treffenden Blick und Heiterkeit wir die Gemüthsbewegungen auf eine der Art unseres Vortrages entsprechende Weise andeuten müssen. Denn der äußere Vortrag ist gleichsam die Sprache des Körpers, und um so mehr muß er mit dem Geiste im Einklang stehen. Die Augen hat uns aber die Natur, wie dem Rosse und dem Löwen die Mähne, den Schweif, die Ohren, gegeben, um die Regungen der Seele auszudrücken. 223. Nächst der Stimme hat daher bei unserem Vortrage das Gesicht die größte Bedeutung; dieses wird aber durch die Augen geleitet. Und in Allem, was zum äußeren Vortrage gehört, liegt eine gewisse natürliche Kraft. Durch ihn werden daher auch Unwissende, durch ihn der große Haufe, durch ihn endlich die unserer Sprache Unkundigen ergriffen. Worte wirken nur auf den ein, der mit uns durch die Gemeinschaft derselben Sprache verbunden ist, und scharfsinnige Gedanken fliegen oft an dem Verstande der nicht scharfsinnigen Menschen vorüber; der äußere Vortrag aber, der die Stimmung der Seele deutlich an den Tag legt, macht auf Alle Eindruck; denn die Gemüther Aller werden von denselben Empfindungen erregt, und es sind dieselben Merkmale, durch welche sie die Empfindungen Anderer erkennen und ihre eigenen Anderen zu erkennen geben.

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