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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XII. Was findet also für ein Unterschied statt? oder wie wirst du die Reichhaltigkeit und Fülle der eben genannten Männer von der Dürftigkeit derer unterscheiden, welche diese Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit der Rede nicht haben? Eines wird in der That sein, was diejenigen, welche gut reden, als ihr Eigentum mit sich bringen: eine wolgeordnete, geschmückte und durch Kunst und Feile mit mannigfaltiger Abwechslung versehene Rede. Wenn aber einer solchen Rede nicht ein Stoff zu Grunde liegt, der von dem Redner erfaßt und erkannt ist; so muß sie nothwendiger Weise entweder ganz bedeutungslos sein oder der Gegenstand allgemeinen Sportes und Gelächters werden. 51. Denn was ist so unsinnig, wie ein leerer Schall von Worten, wenn sie auch noch so schön und zierlich sind, wenn kein Gedanke und keine Wissenschaft zu Grunde liegt? Man nehme nun aus irgend einer Wissenschaft einen Stoff, gleichviel von welcher Art, so wird der Redner denselben, wenn er sich zuvor wie von der Sache seines Schutzbefohlenen hat belehren lassen, besser und geschmückter vortragen, als selbst der Erfinder und Kenner dieser Sache. 52. Denn wenn Jemand behaupten sollte, es gebe gewisse den Rednern eigentümliche Gedanken und Verhandlungen und eine durch die Schranken des Gerichtes begränzte Wissenschaft von bestimmten Gegenständen; so will ich allerdings gestehen, daß unsere Redeweise sich häufiger mit diesen beschäftige, aber doch befindet sich selbst in diesen Gegenständen sehr Vieles, was die sogenannten Redekünstler weder lehren noch kennen. 53. Denn wer weiß nicht, daß die größte Stärke des Redners sich darin zeigt, daß er die Gemüther der Menschen zum Zorne oder zum Hasse oder zum Schmerze anreizt und von diesen Leidenschaften wieder zur Sanftmuth und zum Mitleide zurückführt? Wer die Gemüthsarten der Menschen und das ganze Wesen der menschlichen Natur und die Ursachen, durch die die Gemüther entweder angereizt oder beschwichtigt werden, nicht von Grund aus erkannt hat, wird durch seine Rede das nicht erreichen können, was er will. 54. Und dieser ganze Gegenstand wird als ein Eigentum der Philosophen betrachtet, und der Redner wird, wenn er meinem Rathe folgen will, dieß nie bestreiten. Aber wenn er diesen die Kenntniß der Sachen einräumt, weil sie hieraus allein das Ziel ihrer Bestrebungen gerichtet haben; so wird er die Behandlung des Vortrages, der ohne jene Kenntniß ganz bedeutungslos ist, für sich in Anspruch nehmen. Denn das ist, wie ich schon oft bemerkte, das Eigentum des Redners: der würdevolle, geschmückte und den Empfindungen und Gedanken der Menschen angemessene Vortrag.

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