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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XI. 45. Hierauf erwiderte jener: Ich weiß recht wohl, Scävola, daß dieses unter den Griechen besprochen und verhandelt zu werden pflegt. Ich habe ja die größten Männer gehört, da ich als Quästor aus MacedonienIm Jahre 107 v. Chr. Vgl. III. 20, 75. nach Athen gekommen war, wo die Akademie, wie man damals sagte, dadurch in Blüte stand, daß derselben CharmadasCharmadas war ein Schüler des Karneades und lebte um 120 v. Chr., KlitomachusKlitomachus aus Karthago, gleichfalls ein Schüler des Karneades. und AeschinesAeschines aus Neapolis war ein Schüler des Rhodiers Melanthius, der ein Schüler des Karneades gewesen war. vorstanden. Auch MetrodorusMetrodorus aus Stratonike in Karien war gleichfalls ein Akademiker und Schüler des Karneades. war da, der mit jenen zugleich den berühmten KarneadesKarneades aus Kyrene in Libyen, einer der bedeutendsten Philosophen der neueren Akademie (150 v. Chr.) selbst sehr fleißig gehört hatte, der Alle im Vortrage und Scharfsinn und Fülle der Rede überragte, und in großem Ansehen standen der Schüler deines Panätius, MnesarchusMnesarchus, ein Stoiker, Schüler des Stoikers Panätius aus Rhodus (um 150 v. Chr.)., und Diodorus, der Schüler des Peripatetikers KritolausKritolaus wurde mit Karneades und Diogenes im J. 154 v. Chr. als Gesandter von den Athenern nach Rom geschickt.. 46. Außerdem lebten noch viele andere Männer hier, die in der Philosophie berühmt und angesehen waren. Alle diese nun wollten, wie ich sah, fast einstimmig den Redner von dem Steuer der Staaten verdrängen und von aller Gelehrsamkeit und höherer Wissenschaft ausschließen und nur in die Gerichte und in unbedeutende Volksversammlungen, wie in eine Stampfmühle, verstoßen und einsperren. 47. Aber ich konnte weder jenen beipflichten noch dem Erfinder und Urheber dieser gelehrten Streitigkeiten, Plato, der sich in seinen Vorträgen durch Gediegenheit und Beredsamkeit vor Allen bei Weitem auszeichnet. Ich las seinen Gorgias damals zu Athen mit Charmadas sehr fleißig, und ich mußte in diesem Buche den Plato besonders deßhalb bewundern, daß, indem er die RednerPlato verspottet in dem Dialoge Gorgias nicht die Redner an sich, sondern nur die Sophisten. verspottete, er selbst der größte Redner mir zu sein schien. Wortgezänk quält schon lange die armen Griechen, die nach Streit begieriger sind als nach der Wahrheit. 48. Denn gesetzt, es wolle Einer den für einen Redner halten, der nur mit Rechtsangelegenheiten und in den Gerichten entweder vor dem Volke oder im Senate mit Fülle reden könne; so muß er doch selbst diesem Vieles einräumen und zugestehen. Ohne gründliche Behandlung aller öffentlichen Angelegenheiten, ohne die Kenntniß der Gesetze, der Sitte und des Rechtes, ohne die Bekanntschaft mit dem Wesen und den Sitten der Menschen kann ja Niemand selbst in diesen Dingen sich mit genügender Einsicht und Geschicklichkeit bewegen. Wer sich aber diese Kenntnisse angeeignet hat, ohne die Niemand auch nur das Geringfügigste in den Rechtssachen wahren kann; wie wird dem die Wissenschaft der wichtigsten Sachen fern sein können? Verlangt man aber auch vom Redner weiter Nichts als einen wohlgeordneten, geschmückten und reichhaltigen Vortrag, so frage ich, wie er selbst dieses ohne die Wissenschaft erreichen kann. die ihr ihm nicht einräumt. Denn Tüchtigkeit im Reden kann nur stattfinden, wenn der Redner den Gegenstand, über den er sprechen will, erfaßt hat. 49. Hat also jener Naturphilosoph DemokritusS. zu Kap. 10 §. 42 Anm. 105. einen schönen Vortrag gehabt, wie man sagt und mir scheint; so gehörte der Stoff, über den er sprach, dem Naturphilosophen an, der Schmuck der Worte aber muß als ein Eigentum des Redners angesehen werden. Und wenn Plato über Gegenstände, die von bürgerlichen Streitigkeiten weit entfernt sind, unvergleichlich schön gesprochen hat, was ich zugebe; wenn gleichfalls AristotelesAristoteles, 320 v. Chr. geb. zu Stagira in Thrakien, war der Gründer der Peripatetischen Philosophie; über Theophrastus s. zu Kap. 10. Note 111., wenn Theophrastus, wenn Karneades die von ihnen behandelten Gegenstände in einer beredten, anmuthigen und geschmückten Sprache darlegen: so mögen die Gegenstände ihrer Vorträge anderen Wissenschaften angehören, der Vortrag selbst ist sicherlich Eigentum dieser Kunst allein, die wir in unserem Gespräche untersuchen. 50. Wir sehen ja, daß Einige über dieselben Gegenstände trocken und dürftig gesprochen haben, wie zum Beispiel ChrysippusChrysippus aus Soli in Cilicien, 280 v. Chr. geb. und 206 gest., ein berühmter Stoischer Philosoph, ein Schüler der Stoiker Zeno und Kleanthes., dessen großen Scharfsinn man rühmt, und der darum, daß er diese Geschicklichkeit im Reden aus einer fremden Kunst nicht besaß, nicht minder der Philosophie Genüge geleistet hat.

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