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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 206
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XLIV. 173. An die sorgfältige Beobachtung der Wortstellung schließt sich zweitens die nach gewissen Tonverhältnissen abgemessene Bewegung der Rede. Doch dieß, fürchte ich. dürfte unserem Catulus knabenhaft erscheinen. Die Alten nämlich waren der Ansicht, wir müßten auch in unserer ungebundenen Rede beinahe Verse anwenden, d. h. gewisse Zeitmaße. Denn sie verlangten, daß die Schlußpunkte einer Periode in den Reden nach Absätzen unseres Atemholens bestimmt, nicht aber durch unsere Ermüdung bewirkt, auch nicht nach den Unterscheidungszeichen der Abschreiber, sondern nach dem Maße der Worte und Gedanken abgetheilt würden. Isokrates soll, wie sein Schüler NaukratesUeber Naukrates s. zu II. 23, 94, Anm. 344. schreibt, der erste gewesen sein, der es unternahm die ungeregelte Redeweise der Alten zur Ergötzung der Ohren in gewisse Zeitmaße zu binden. 174. Denn Beides, Vers und Gesang, haben die Tonkünstler, die einst zugleich Dichter waren, zum Vergnügen erdacht, um durch das Ebenmaß der Worte und die Folge der Töne auf anmuthige Weise dem Ueberdrusse der Ohren vorzubeugen. Beides nun, die regelmäßige Abmessung der Stimme und die ebenmäßige Abrundung der Worte, hat man, so weit es der Ernst der Reden zulassen kann, aus der Dichtkunst in die Beredsamkeit übertragen. 175. Hierbei ist es aber ein Hauptfehler, wenn in der Prosa durch die Verbindung der Worte ein Vers entsteht; und gleichwol verlangen wir eine solche Verbindung, welche nach Art eines Verses eine wohlklingende Senkung hat und in abgerundeter und vollendeter Form hervortritt. Unter vielen Eigenschaften gibt es keine einzige, die den Redner mehr von dem unwissenden und unerfahrenen Schwätzer unterscheide, als daß dieser roh und ungeregelt heraussprudelt, so viel er vermag, und das, was er sagt, nach der Ausdauer seines Athems und nicht nach den Regeln der Kunst bestimmt, der Redner hingegen den Gedanken so an die Worte bindet, daß er ihn in ein gewisses Zeitmaß einschließt, das zugleich gebunden und frei ist. 176. Denn wenn er ihn einerseits an gewisse Maße und eine bestimmte Form fesselt, so nimmt er ihm andererseits durch die Veränderung der Reihenfolge den Zwang und macht ihn freier, so daß die Worte zwar nicht wie durch ein bestimmtes Gesetz des Verses gebunden sind, aber auch nicht ungefesselt umherschweifen dürfen.

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