Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Einleitung zu Cicero's drei Büchern vom Redner.

I. Von der Beredsamkeit bei den Römern.

1. Die Beredsamkeit ist diejenige Wissenschaft, welche in Rom frühzeitig mit großem Eifer betrieben wurde, in kurzer Zeit einen hohen Grad der Ausbildung erreichte und zuletzt in Cicero ihre Vollendung fand. Die Verfassung des Römischen Staates war von ihrem ersten Beginne an von der Art, daß sie dem Geiste der Römer nothwendig eine praktische Richtung geben mußte. Schon unter den Königen war das ganze Streben des Staates lediglich darauf gerichtet, die Gränzen des Reiches durch Kriege mit den Italischen Völkern zu erweitern und die Verfassung im Inneren durch gute Gesetze und Einrichtungen zu befestigen. Auch nach Gründung der republikanischen Verfassung verfolgte der Staat das nämliche Ziel; aber auch durch die freie Verfassung wurde den Römern eine neue glänzende Laufbahn eröffnet. Während sie sich unter den Königen durch kriegerische Tapferkeit und Feldherrnkunde, durch Gesetzgebung und Staatsweisheit auszeichnen konnten, so war es ihnen jetzt gestattet sich auch durch Beredsamkeit hervorzuthun und sich um die Wohlfahrt des Staates sowol als der einzelnen Bürger verdient zu machen, und das war gerade der Weg, auf dem man am Schnellsten zu glänzenden Staatsämtern emporsteigen und hohes Ansehen, Achtung und Einfluß bei seinen Mitbürgern gewinnen konnte. Das Römische Forum und die Curie bildeten gleichsam den Mittelpunkt des Römischen Staatslebens und den eigentlichen Sitz der Römischen Weltherrschaft. Hier wurden die Gesetze, Einrichtungen und alle wichtigen Angelegenheiten des Staates und der Bürger berathen und besprochen, hier die Schicksale ganzer Völker entschieden; hier war der Kampf und Tummelplatz, wo die Geisteskraft sich in ihrem vollen Glanze zeigen, wo der Ehrgeiz reichliche Befriedigung finden konnte, wo alle Fähigkeiten des Verstandes und Gemüthes angeregt, genährt und ausgebildet wurden.

2. So waren es also drei Wissenschaften, die aus dem Wesen der Römischen Staatsverfassung gleichsam hervorwuchsen: die Staatskunst, die Rechtskunde und die Beredsamkeit. Die Beredsamkeit kann nur in einer freien Staatsverfassung emporblühen und gedeihen, in welcher alle Staatsangelegenheiten, alle Gesetze und Beschlüsse, die Rechte und alle wichtigeren Interessen der Bürger öffentlich berathen und verhandelt werden, und dem Redner erlaubt ist in freier und unumwundener Rede sowol seine eigenen Ansichten auszusprechen als die Anderer zu widerlegen; in welcher vor Gericht Anklagen sowol als Vertheidigungen öffentlich geführt werden; in welcher endlich dem Rednertalente der Weg zu Ruhm, Ehre, Macht und Ansehen im Staate eröffnet ist. Dieß sehen wir deutlich in dem Römischen Staate. Denn so lange in ihm eine freie Verfassung herrschte, so lange blühte in ihm die Beredsamkeit; sobald aber der Freistaat aufhörte, verschwand auch die wahre Beredsamkeit, indem sie in leeres und gehaltloses Wortgepränge ausartete.

3. Ueber die Anfänge der Beredsamkeit bei den Römern läßt sich nicht urtheilen, da uns von den Rednern der älteren Zeiten durchaus keine schriftlichen Denkmäler hinterlassen sind Eine Geschichte der Beredsamkeit bei den Römern findet sich in Cicero's Brutus oder de claris oratoribus vom XIV. Kapitel an. Von den Neueren vergl. Anton Westermann Geschichte der Beredsamkeit in Griechenland und Rom, zweiter Theil, der von der Beredsamkeit in Rom handelt, und Fr. Ellendt's Prolegomena historiam eloquentiae Romanae usque ad Caesares primis lineis adumbrantia in seiner Ausgabe des Brutus von Cicero.. Als der älteste Redner, von dem Reden hinterlassen waren, wird uns Appius Claudius Cäcus genannt, der im Jahre 308 v. Chr. (446 nach Erb. Roms) Consul war. Von Marcus Porcius Cato Censorius (196 v. Chr. Consul, 186 Censor) erwähnt Cicero im Brutus Kap. 17, daß er hundert und fünfzig Reden hinterlassen habe. Er rühmt sie als ausgezeichnet in Worten und Gedanken und bedauert, daß sie zu seiner Zeit nicht mehr gelesen würden. Nach diesem führt Cicero an der angeführten Stelle eine lange Reihe von hervorragenden Rednern an, Publius Cornelius Scipio Africanus, Gajus Lälius, Servius Sulpicius Galba, Marcus Aemilius Lepidus, Gajus Papirius Carbo, die beiden Gracchen und viele andere, von deren Reden jedoch theils gar Nichts, theils nur wenige Bruchstücke aufbewahrt sind. Die größten Redner in dem Zeitalter vor Cicero waren Marcus Antonius und Lucius Licinius Crassus, die Cicero in unseren Büchern vom Redner ihre Ansichten über die Beredsamkeit vortragen läßt, und von denen wir weiter unten ausführlicher sprechen werden.

4. Aber die höchste Vollendung erreichte die Beredsamkeit bei den Römern in dem folgenden Zeitalter, das man von dem größten Redner, der in demselben auftrat, mit Recht das Ciceronianische genannt hat. Die berühmtesten Redner dieser Zeit waren Gajus Cäsar, Marcus Cato, Servius Sulpicius Rufus, Marcus Calidius, Marcus Cälius Rufus, Gajus Licinius Calvus, Marcus Marcellus, Gajus Curio der Jüngere, Lucius Munatius Plancus, Marcus Junius Brutus, Marcus Valerius Messala und vor Allen Quintus Hortensius und Marcus Tullius Cicero, der die Römische Beredsamkeit bis zur höchsten Vollendung ausbildete, und von dem uns eine große Anzahl ausgezeichneter Reden, sowie vortreffliche Werke über die Redekunst erhalten worden sind, während wir die übrigen angeführten Redner theils nur aus wenigen aufbewahrten Bruchstücken ihrer Reden, theils aus den Nachrichten kennen, die uns über dieselben andere Schriftsteller, namentlich Cicero und Quintilianus, geben.

II. Von der Rhetorik bei den Römern.

1. Das wissenschaftliche Studium der Beredsamkeit begann bei den Römern erst zu der Zeit, als sie mit Griechenland in nähere Berührung traten und die Griechische Literatur kennen lernten. In früherer Zeit war der Bildungsgang des jungen Römers, der sich der Beredsamkeit widmen wollte, höchst einfach. Nachdem er sich durch häuslichen oder Schulunterricht die für einen freigebornen Römer nothwendigen Kenntnisse angeeignet hatte, wurde er von seinem Vater oder seinen Verwandten zu einem durch Rechtskunde oder Beredsamkeit ausgezeichneten Manne geführt, um durch den Umgang und die Unterredungen mit ihm die Gesetze, die Einrichtungen des Staates, die Sitten und Gebräuche des Volkes und die übrigen einem tüchtigen Staatsmanne und Redner nöthigen Kenntnisse zu erlernen S. Tacit. Dialog, de oratoribus cap. XXXIV. mit d. Bemerk, von Ph. K. Heß und die daselbst angeführte Stelle von Quintilian. XII, 11. 5 und 6.. Diesen begleitete er überall, besuchte mit ihm die Gerichte und Volksversammlungen und hörte daselbst die Reden an. Dieses durchaus praktische Verfahren war von großem Nutzen für die jungen Römer. Denn dadurch, daß sie auf dem Kampfplatze der Redner selbst und mitten im Gewühle des Volkes durch fleißiges Anhören der Redner die Beredsamkeit lernten, gewöhnen sie sich frühzeitig die Scheu vor großen versammelten Volksmassen abzulegen und sich ein gewisses Selbstvertrauen anzueignen, erkannten am Leichtesten die Vorzüge und Mängel der Redner, sammelten sich eine reiche Erfahrung, und indem sie das, was sie gehört und gesehen hatten, mit ihrem erfahrenen Führer und Lehrer besprachen, wurde ihnen Alles ein wahrhaft lebendiges Eigentum.

2. Als Rom seine Waffen gegen Griechenland wandte und es seiner Herrschaft unterwarf, und vornehme Römer mit Griechischen Gelehrten und durch diese mit der Griechischen Litteratur bekannt wurden, wurde bei den Römern allmählich der Sinn und der Geschmack für Griechische gelehrte Bildung geweckt. Auch wanderten Griechische Philosophen und Rhetoren nach Rom und gründeten Schulen, die von strebsamen Jünglingen besucht wurden. Aber die alten Römer, besorgt, die Jugend möchte durch die Griechische Bildung verweichlicht und dem thatkräftigen Staats- und Kriegsleben entzogen werden, bewirkten, daß unter dem Consulate des Gajus Fannius und Marcus Valerius Messala (161 v. Chr.) durch einen Senatsbeschluß die Rhetoren und Philosophen aus der Stadt verwiesen wurden. Bald darauf (156 v. Chr.) wurden von den Athenern drei ausgezeichnete Philosophen als Gesandte nach Rom geschickt, der Neuakademiker Karneades, der Peripatetiker Kritolaus und der Stoiker Diogenes. Diese hielten über Philosophie und andere wissenschaftliche Gegenstände Vorträge, denen viele junge Männer von vornehmem Stande beiwohnten Cicer. de Orat. II. 37, 155. . Aber auch diesen wurde ein längerer Aufenthalt in Rom nicht gestattet, indem der alte Marcus Porcius Cato, der strenge Hüter und Bewahrer der alten Römischen Zucht und Sitte, es durchsetzte, daß die Gesandten wieder nach Hause geschickt wurden, und ein Senatsbeschluß gefaßt wurde, daß Griechische Philosophen sich nicht mehr in Rom aufhalten sollten. Aber die einmal in den Gemüthern edeler Jünglinge angefachte Liebe zu den Griechischen Wissenschaften ließ sich durch Senatsbeschlüsse nicht vertilgen. Die Griechische Bildung faßte allmählich immer tiefere Wurzeln; Griechische Gelehrten wanderten wieder nach Rom und genossen des Schutzes hochgestellter Staatsmänner und berühmter Feldherren, und bald gehörte es zum feinen Tone der vornehmen Römer, daß junge Männer nach Athen reisten, um Griechische Philosophie und Beredsamkeit zu erlernen.

3. Aber freilich dauerte es lange Zeit, ehe wissenschaftliche Studien und Griechische Gelehrsamkeit allgemeiner unter den Römern wurden. Selbst ausgezeichnete Redner des vorciceronianischen Zeitalters, als Servius Sulpicius Galba, Marcus Aemilius Lepidus Porcina, Gajus Papirius Carbo, ja sogar Marcus Antonius, der nach Crassus der größte Redner dieser Zeit war, waren in der Rechtswissenschaft unerfahren und verschmähten alle gelehrte Bildung Cicer. de Orat. I. 10, 40. . Wenn wir sehen, daß so hochbegabte Männer, wie Marcus Antonius, mit einer gewissen Verachtung auf die Griechische Wissenschaft herabsehen. so liegt der Hauptgrund davon theils in dem durchaus praktischen Sinne der Römischen Staatsmänner und Redner, theils in ihrem beschäftigten Leben, das sie zu einem gründlichen Studium der Griechischen Litteratur nicht kommen ließ. Einen Theil der Schuld tragen aber ohne Zweifel auch die damaligen Griechen selbst, die Lehrer der Philosophie und der Redekunst, welche zwar große Gelehrsamkeit und viel Scharfsinn besaßen, aber größtenteils geschwätzige, spitzfindige, eitele und selbstgefällige Stubengelehrte waren, die dem thätigen Staatsleben fern standen. Solche Männer waren nicht geeignet die Römer, deren Charakter strengen Ernst und edele Würde liebte, deren Tätigkeit ganz dem Dienste des Staates und der Wohlfahrt der Mitbürger gewidmet war, deren Sinn durch den Gedanken an Roms Weltherrschaft mit Stolz erfüllt war, für sich zu gewinnen und ihnen für ihre Wissenschaften Liebe und Achtung einzuflößen. Wie sehr aber selbst noch zu Cicero's Zeit die große Menge des Römischen Volkes den Griechischen Wissenschaften abhold war, sehen wir daraus, daß Cicero sich in seinen gelehrten Schriften wegen seiner wissenschaftlichen Studien zu entschuldigen genöthigt sah und keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließ dieselben seinen Landsleuten auf das Nachdrücklichste zu empfehlen.

4. In den Schulen der Rhetoren wurden die Lehren der Redekunst vorgetragen und zur Einübung derselben Vorträge (μελέται) gehalten. Zu diesen Vorträgen wählte man theils die Behandlung der sogenannten unbestimmten Fragen (θέσεις, quaestiones infinitae) über einen Gegenstand im Allgemeinen, ohne Rücksicht auf bestimmte Personen und Zeiten, z. B. über das Gute oder Schlechte, Nützliche oder Schädliche, über die Tugenden oder Laster, über den Staat, das Kriegswesen u. dgl., ferner über Fragen, wie: Was ist über die Zurückgabe der im Kriege gemachten Gefangenen zu bestimmen und zu urtheilen? Eine solche Frage heißt Untersuchungsfrage ( consultatio, θέσις); theils die Behandlung der sogenannten bestimmten Fragen ( quaestiones finitae) über einen historischen Gegenstand mit Rücksicht auf bestimmte Personen und Zeiten, z. B.: Soll man beschließen, daß wir von den Karthagern unsere Gefangenen gegen Rückgabe der ihrigen annehmen? Eine solche Frage heißt streitiger Rechtsfall (υπόθεσις, causa oder controversia); sie beruht entweder auf Rechtssachen ( lites) oder auf Beratschlagungen ( deliberationes) oder auf Lobreden ( laudationes) S. Cicer. de orat. III. 28, 109. Vgl. I. 31, 138 sqq. II. 10, 41 bis 43. 15, 65, 16, 67..

5. Eine wichtige Rolle in der Rhetorik der Alten spielten die sogenannten Gemeinplätze (τόποι, loci communes), d. h. Erörterungen wichtiger Gegenstände Cicer. Brut. c, 12, §. 56: rerum illustrium disputationes, quae nunc communes appellantur loci. S. Ellendt. ad. Cicer. de Or. II. 13, 54. im Allgemeinen, allgemeine Untersuchungen oder Betrachtungen, welche nicht einzelne und besondere Gegenstände, sondern die Gattungen der Dinge umfassen. Sie werden vom Redner angewendet, wenn ein besonderer und bestimmter Fall auf die Gattung zurückgeführt wird, und dienen dazu, dem Vortrage Glanz und Erhabenheit zu verleihen. Daher werden sie mit größerer Würde und größerem Schmucke sowol hinsichtlich der Worte als der Gedanken behandelt als die übrigen Beweisführungen. Sie sind eine wichtige Quelle, aus der Beweise geschöpft werden, und man nannte sie daher Fundstätten der Beweise ( sedes, thesauri argumentorum) Ueber die loci communes vgl. außer den angeführten Stellen noch Cicer. de Orat. II. 30, 130 u. 131. 34, 146. III. 27, 106 u. 107. de Invent. II. 15, 48–50. 16, 50 u. 51. Partitt. Or. 2, 5. 31, 109. Quintil. V. 10, 20. Ernesti Lexic. technologiae Lat. rhetoricae p. 247–249, der jedoch mit Unrecht die loci communes und die loci argumentorum (Fundstätten der Beweise) als verschiedene Dinge trennt..

6. Die Lehrer der Beredsamkeit zu Rom, die eine höhere und wissenschaftliche Bildung hatten, waren anfänglich nur Griechen. Doch später, zur Zeit des Lucius Licinius Crassus, traten auch Lateinische Lehrmeister der Beredsamkeit auf, denen jedoch der eben genannte Crassus als Censor (93 v. Chr., 662 n. Roms Erb.) durch eine Verordnung das Handwerk legte, weil ihr Unterricht so schlecht war, daß der Verstand der jungen Männer eher abgestumpft als geschärft wurde, und ihre Schule eine Schule der Unverschämtheit war Cicer. de Or. III. 24, 93 u. 94. . Doch muß diese Verordnung bald wieder aufgehoben worden oder ungültig geworden sein. Denn in den letzten Jahren des Crassus trat Lucius Plotius als Lateinischer Rhetor auf; aber er sowie die anderen Lateinischen Lehrmeister der Beredsamkeit, die nach ihm auftraten, Marcus Antonius Otacilius, Sextus Clodius und Andere, waren lauter Freigelassene, die einer feineren und höheren Bildung entbehrten S. Ellendt . a. a. O. §. 9.. Erst unter Augustus trat ein Römischer Ritter als Lehrer der Beredsamkeit auf.

7. Aber auch nachdem rhetorische Schulen zu Rom eingerichtet waren, erhielt sich doch bei den meisten jungen Römern die frühere Art des Unterrichtes, indem sie sich an einen erfahrenen Staatsmann oder Redner anschlossen und sich im Umgange mit diesem auszubilden suchten oder diesen Unterricht mit dem bei den Rhetoren verbanden, wie wir dieß bei Cicero sehen, der die Theorie der Redekunst bei Griechischen Rhetoren erlernte und durch den Umgang mit dem großen Rechtsgelehrten Quintus Mucius Scävola in der Rechtswissenschaft praktisch ausgebildet wurde.

8. Cicero war der erste Römer, der die Kunst der Beredsamkeit in ihrem ganzen Umfange wissenschaftlich umfaßte und seine über das Wesen dieser Kunst theils durch das Studium der Griechischen Quellen, theils durch eigene Erfahrung und eigenes Nachdenken gewonnenen Ansichten in einer Reihe durch Gediegenheit des Inhaltes ebenso wie durch Schönheit der Darstellung ausgezeichneter Werke niedergelegt hat. Seine rhetorischen Schriften haben einen um so größeren Werth und sind um so anziehender, als wir in ihnen nicht einen trocknen und spitzfindigen Stubengelehrten, einen auf die Schule beschränkten, dem öffentlichen Staatsleben fern stehenden Lehrmeister, sondern den nächst Demosthenes größten Redner des Altertums, der das ganze Gebiet der Wissenschaften umfaßte, durch einen edlen Charakter, durch sittliche Reinheit und brennende Vaterlandsliebe ausgezeichnet war und zugleich als Staatsmann eine höchst wichtige Rolle gespielt hatte, nicht nach bloßer Abstraktion, sondern aus seiner eigenen reichen Erfahrung und vielseitigen Uebung die Vorschriften über die Beredsamkeit in der geschmackvollsten und anmuthigsten Sprache vortragen sehen.

III. Von dem Wesen der Beredsamkeit.

1. Beredsamkeit ist in weiterem Sinne jede kunstmäßige Darstellung der Rede, in engerem die kunstmäßige Darstellung öffentlicher Vorträge. Die Rhetorik der Alten beschränkte sich auf die politische Beredsamkeit.

2. Die politische Beredsamkeit wird von den Alten in drei Gattungen getheilt: die gerichtliche, die berathschlagende und die lobende Cicer. de orat. II, 10, 43. de Invent. I. 5, 7. Topic. 24, 91. Cornific. Rhet. ad Herenn. I. 2, 2. Aristotel. Rhetor. I. 3, 1. .

3. Die gerichtliche Gattung ( genus judiciale, γένος δικανικόν) umfaßt die Reden vor Gericht, die entweder Privatstreitigkeiten ( judicia privata, δίκαι) oder öffentliche Anklagen ( judicia publica, γραφαί) betreffen. In beiden findet Anklage und Vertheidigung statt, und in beiden handelt es sich um Recht und Billigkeit ( ejus generis finis est aequitas) Cicer. orat. partitt. 28, 98, Topic. 24, 91. .

4. Die berathschlagende Gattung ( genus deliberativum oder suasorium , γένος συμβουλευτικόν oder δημηγορικόν) umfaßt die Reden, die bei Beratschlagungen des Senates oder des Volkes über wichtige Angelegenheiten des Staates, als Verfassung, Gesetze, Beschlüsse, gehalten werden. Solche Reden bestehen entweder in Anrathung und Anempfehlung ( suasio) oder in Abrathung und Verwerfung ( dissuasio). In diesen Reden handelt es sich um den Nutzen und die Ehrbarkeit ( utilitas und honestas) Cicer. orat. partitt, 24 sqq. .

5. Die lobende Gattung ( genus demonstrativum, laudationes, γενος επιδεικτικόν) umfaßt Lobreden, die auf berühmte Männer und ausgezeichnete Frauen gehalten werden, namentlich Leichenreden. In solchen Reden handelt es sich um Ehrbarkeit ( honestas) Cicer. orat. partitt. 21. . Bei den Lobreden war Alles auf Ausschmückung und Hervorhebung, sowie auf Ergötzung berechnet. Die Vorzüge und Tugenden der Menschen wurden in glänzender und prunkvoller Sprache gepriesen, wobei man es mit der Wahrheit nicht sehr genau zu nehmen pflegte. Diese dritte Gattung war mehr ein Eigentum der Griechen als der Römer, deren ernster Charakter an dieser prunkenden und übertreibenden Beredsamkeit wenig Gefallen fanden. Antonius Cicer. de orat. II. 84, 341. möchte sie daher ganz von seinen Vorschriften über die Beredsamkeit ausschließen.

6. Uebrigens waren diese drei Gattungen der Rede keineswegs so von einander geschieden, daß die eine immer die beiden anderen ausgeschlossen hätte, sondern oft trat der Fall ein, daß eine Rede von der einen Gattung in die andere hinüberstreifte. So sehen wir zum Beispiel, daß die schöne Rede Cicero's für den Manilischen Gesetzvorschlag, die der beratschlagenden Gattung angehört, theilweise auch eine Lobrede auf Pompejus ist.

7. Das wahre und eigentliche Wesen der Beredsamkeit beruht auf Wahrheit und Sittlichkeit. Der Redner soll seine Zuhörer nicht bloß zu überreden suchen, indem er ihre Gemüther durch allerlei Kunstgriffe und Trugschlüsse, durch Prunk und Glanz der Gedanken und Worte berückt und blendet; sondern seine Aufgabe ist durch eine gründliche Beweisführung seine Zuhörer von der Wahrheit der Sache zu überzeugen. Ein großer Redner muß daher zugleich auch ein sittlich guter Mann sein Cicer. de Orat. III. 14, 55 extr. Vgl. Cicer. de Invent. I. cap. 1 bis 5..

8. Zu der sittlichen Grundlage, die als die erste und nothwendigste Eigenschaft des Redners anzusehen ist, müssen noch folgende Eigenschaften hinzutreten:

  1. Gute natürliche Anlagen des Geistes wie des Körpers, als: schnelle Beweglichkeit des Geistes, Scharfsinn, ein gutes Gedächtniß, eine wohlgelöste Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, überhaupt eine kräftige Gesundheit, eine gute Gesichts- und Körperbildung Cicer. de orat. I, cap. 25–28. . Von großem Nutzen für den Redner ist auch Laune und Witz Cicer. de orat. II, cap. 54–71. .
  2. Eifer, Fleiß und begeisterte Liebe zum Berufe nebst der Kenntniß der Vorschriften der Rhetorik Cicer. de orat. I, cap. 30–32. .
  3. Angestrengte Uebung, theils mündliche im Reden sowol aus dem Stegreife als auch nach vorausgegangener Ueberlegung, theils und zwar ganz besonders im Schreiben; ferner Uebung der Stimme und des Gedächtnisses; endlich Führung von Rechtshändeln Cicer. de orat. I, cap. 32 u. 33..
  4. Lesung der Dichter, Studium der Geschichte und aller edelen Wissenschaften, namentlich der Dialektik, des bürgerlichen Rechtes, der Gesetze, des Altertums, der ganzen Staatskunst, endlich eine Sammlung sinnreicher Witzworte Cicer. de orat. I, cap. 34. .

9. Bei der Abfassung einer Rede hat der Redner nach der Lehre der Alten folgende Grundsätze zu beobachten: er soll ausfindig machen, was zu sagen ist, er soll den Stoff richtig anordnen, er soll seine Gedanken und Sachen gut darstellen, er soll seine Rede dem Gedächtnisse anvertrauen, er soll endlich die Rede gut vortragen. Die Rhetorik behandelt daher fünf Punkte:

  1. Die Erfindung (εύρεσις, inventio), die Auffindung der in der Rede vorzutragenden Sachen, Gedanken, Beweisgründe, kurz des ganzen zu behandelnden Stoffes. Hierbei hat der Redner zu beachten, daß seine Verpflichtung eine dreifache sei; er soll seine Zuhörer belehren, ihre Zuneigung gewinnen und ihre Gemüther rühren. Dieser Gegenstand wird von Crassus in dem zweiten Buche von Kap. 27 bis 53 ausführlich behandelt Vgl. Ernesti Lexic. technol. Lat. p. 224–227.; die Lehre aber vom Witze, die auch hierher gehört, wird von Cäsar sehr gründlich erörtert vom Kap. 54 bis 71.
  2. Die Anordnung (ταξις, διάταξις, ordo, collocatio), die passende Stellung der Thatsachen und Beweisgründe. Sie ist eine doppelte, nämlich die eine, welche die Beschaffenheit der zu behandelnden Sachen mit sich bringt, die andere, welche durch das Urtheil und Einsicht des Redners gewonnen wird. Die Anordnung gibt auch die richtige Folge der Theile einer Rede an, nämlich: α) der Eingang der Rede (προσίμιον, exordium); β) die Entwickelung und Auseinandersetzung des Gegenstandes (διήγησις, narratio); γ) die Beweisführung (κατασκευή, confirmatio) zu Begründung der Verhandlung; hiermit pflegt die Widerlegung (λυ̃σις, refutatio) der Gegengründe verbunden zu sein; δ) der Schluß (επίλογος, peroratio). Ueber die Anordnung spricht Antonius in dem zweiten Buche von Kap. 76 bis 81 ausführlich Vgl. Ernesti im angeführten Buche p. 276. und unter exordium, narratio, confirmatio, refutatio, peroratio..
  3. Der Ausdruck oder die Darstellung (ερμηνεία, elocutio) der Sachen und Gedanken. Es wird hier von der Reinheit, Richtigkeit und dem Schmucke der Rede, von den rhetorischen Figuren gesprochen; alsdann werden die drei Hauptarten des Stiles ( genera dicendi, λέξεις) abgehandelt, nämlich: α) der erhabene Stil ( genus dicendi sublime, το υψηλόν, δεινόν); β) der niedrige Stil ( genus dicendi tenue oder subtile oder submissum , το αφελίς, το ισχνόν, λιτόν); γ) der mittlere Stil ( genus dicendi mediocre oder temperatum , το μέτριον). Die Lehre von dem Ausdrucke wird von Crassus in dem dritten Buche Kap. 10 bis 55 sehr weitläufig vorgetragen Ueber die einzelnen Stilarten vgl. Ernesti im angeführten Buche unter sublimis, tenuis, subtilis, submissus, mediocris..
  4. Das Gedächtniß (μνήμη, memoria); hier wird die Lehre von der Mnemonik oder Mnemoneutik (Gedächtnißkunst) vorgetragen. Ueber das Gedächtniß spricht Antonius in dem zweiten Buche von Kap. 86 bis 88.
  5. Der äußere Vortrag (υπόκρισις, actio). Hier wird von den Mienen, der Stimme, den Gebärden und dem Anstande gehandelt. Diesen Gegenstand hat Crassus im dritten Buche von Kap. 56–61 behandelt.

IV. Von Cicero's drei Büchern vom Redner.

1. In dem ersten Buche wird im Allgemeinen von dem wissenschaftlichen Studium des Redners gesprochen, indem zwischen Crassus und Antonius die Frage behandelt wird, ob die Beredsamkeit als eine Wissenschaft und Kunst anzusehen sei, oder ob sie bloß auf einer gewissen Geistesgewandtheit und vielfacher Erfahrung und Uebung beruhe. Crassus, der hochgebildete Redner, vertheidigt die erstere Ansicht und zeigt, daß die Beredsamkeit eine große und schwierige Kunst sei und einen großen Umfang von Sachkenntnissen erfordere, während der mehr durch natürliche Anlagen als durch wissenschaftliche Studien große Redner Antonius die letztere Ansicht verficht und behauptet, der Redner könne der Philosophie gänzlich entbehren; auch die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes, sowie die übrigen Kenntnisse, die Crassus vom Redner verlange, seien für einen Redner nicht unumgänglich nothwendig; er brauche sich nur auf die Kenntnisse zu beschränken, welche in den gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich seien.

2. In dem zweiten Buche trägt Antonius, nachdem er von der Beredsamkeit im Allgemeinen, von dem Berufe des Redners, von den drei Arten der Rede gesprochen und einige Bemerkungen für den Unterricht in der Redekunst vorausgeschickt hat, die Lehre von der Erfindung vor; die hierher gehörige Lehre vom Witze aber überläßt er dem Cäsar. Darauf erörtert Antonius die Lehre von der Anordnung und dem Gedächtnisse.

3. In dem dritten Buche macht Crassus vorerst einige Bemerkungen über die innige Verbindung, in der die Wissenschaften zu einander stehen; dann legt er seine Ansicht über die Beredsamkeit im Allgemeinen dar; zuletzt trägt er die Lehre von der Darstellung vor, die aber durch zwei Ausschweifungen unterbrochen wird, von denen die eine zeigt, daß die Kunst des Denkens und die des Redens bei den alten Griechen und Römern vereinigt gewesen seien, die andere von der Einteilung der Reden nach der Ansicht der Philosophen handelt. Nach der Lehre von der Darstellung trägt er die Lehre von dem äußeren Vortrage (der Aktion) vor.

4. Was die Griechischen Quellen anlangt, die Cicero in diesen Büchern benutzt hat, so scheint vor allen des Aristoteles τέχνη ρητορική seine Hauptquelle gewesen zu sein.

5. Die Form, in der Cicero diese Bücher abgefaßt hat, ist die dialogische, deren er sich auch in fast allen philosophischen Schriften bedient hat. Es ist aber nicht die Sokratische, wie wir sie aus Platon und Xenophon kennen, sondern die sogenannte Aristotelische, die darin besteht, daß Einer seine Ansicht in zusammenhängender Rede vorträgt und erörtert, dann ein Anderer auftritt und gleichfalls in zusammenhängender Rede entweder die Ansicht des Anderen widerlegt oder seine eigene Ansicht entwickelt. Wenn diese zusammenhängenden Vorträge zuweilen durch Fragen oder Einwürfe unterbrochen werden, so geschieht dieß bloß, um dem Vortrage einige Abwechslung zu verleihen. Von der kunstvollen dramatischen Form, die wir in den Platonischen Dialogen bewundern, hat Cicero in den Eingängen der Gespräche auf eine sehr anziehende Weise Gebrauch gemacht, indem er uns die Personen, die an diesen Gesprächen Theil nehmen, so vorführt und auf eine ihrem Wesen und Charakter, sowie ihrer Stellung im Leben und im Staate entsprechende Weise reden und handeln läßt, daß uns von jeder derselben ein klares und deutliches Bild vorschwebt. Dabei ist auch der Ort, wo die Gespräche gehalten werden, mit so lebhaften Farben geschildert, daß wir den Schauplatz der redenden Personen gleichsam vor unseren Augen liegen sehen. Den Anstand, die Würde, den feinen Ton angesehener und gebildeter Römer in ihrem geselligen Verkehre können wir aus keiner Schrift des Altertums so schön und deutlich kennen lernen als aus diesen Büchern. Die Rollen der Gespräche sind unter die auftretenden Personen ihren natürlichen Anlagen, ihrem Bildungsgange und ihren wissenschaftlichen Beschäftigungen gemäß vertheilt.

6. Der Ort, wo Cicero diese Gespräche halten läßt, ist ein Landgut des Lucius Licinius Crassus, und die Zeit das stürmische Jahr 663 nach R. Erb. (91 v. Chr.) unter dem Consulate des Lucius Marcus Philippus und Sextus Julius Cäsar, einige Tage vor dem Tode des Crassus Cicer. de orat. III. cap. 1. Ueber die damaligen Unruhen siehe die Bemerkung zu I, Kap. 7 zu Anfang.. Cicero war damals sechszehn Jahre alt. Herausgegeben wurden diese drei Bücher vom Redner im J. R. 700 (54 v. Chr.) unter dem Consulate des Lucius Domitius Ahenobarbus und Appius Claudius Pulcher. Sie werden wegen der Gediegenheit des Inhaltes, wegen der kunstvollen und geschmackvollen Behandlung des Gegenstandes und wegen der vollendeten Schönheit der Sprache mit Recht zu den vorzüglichsten Werken Cicero's gerechnet.

V. Von den Personen, die in diesen Büchern redend eingeführt werden.

1. Die beiden Hauptrollen sind den beiden größten Rednern des vorciceronianischen Zeitalters, Antonius und Crassus, übertragen. Durch sie und ganz besonders durch Crassus spricht Cicero seine Ansichten und Erfahrungen über die Beredsamkeit aus. In der Person des Crassus schildert er sich gewissermaßen selbst, und die erhabenen Ansichten, die er selbst von dem Wesen der Beredsamkeit hatte, legt er dem Crassus in den Mund. Aber nicht bloß was Crassus im ersten Buche über die Beredsamkeit im Allgemeinen und im dritten Buche über die Darstellung und den äußeren Vortrag lehrt, sondern auch was im zweiten Buche Antonius über die Erfindung, die Anordnung und das Gedächtniß, und Cäsar über den Witz vortragen, müssen wir als Cicero's Ansichten betrachten. Er hat sie aber verschiedenen Personen in den Mund gelegt, und läßt außerdem auch noch andere Personen an den Unterredungen Theil nehmen und ihre Ansichten aussprechen, um der Rede und Handlung mehr Abwechslung, Reiz, Anmuth und dramatisches Leben zu geben.

2. Marcus Antonius Vgl. Ellendt. Proleg, ad Brut. §. 36–38., Sohn des Gajus Antonius, war unter dem Consulate des Appius Claudius Pulcher und Quintus Metellus Macedonicus (J. R. 611; 143 v. Chr.) geboren. Cicero pflegt ihn zum Unterschiede von Anderen desselben Namens Antonius den Redner zu nennen. Söhne von ihm waren der Antonius, der mit Cicero Consul war, und der Antonius, der der Vater des nachmaligen Triumvir war, durch den Cicero getödtet wurde. Von seinen früheren Jahren ist nur wenig bekannt. Quästor war er in Asien 641 J. R. = 113 v. Chr. Als Prätor wurde er (651 J. R. = 104 v. Chr.) mit proconsularischer Macht nach Cilicien gegen die Seeräuber geschickt Cicer. de orat. I, 18, 82. II, 1, 2. . Nach Besiegung derselben triumphirte er in dem darauf folgenden Jahre. In dem Consulate, das er mit Aulus Postumius führte (655 = 99), hatte er den aufrührerischen und unruhigen Volkstribun Sextus Titius zum Gegner, den er wegen mehrerer gefährlicher Gesetzvorschläge, besonders wegen eines Ackergesetzes, anklagte Cicer. de orat. II. 11, 48 führt ihn selbst darüber redend ein.. In der Censur, die er (657 = 97) mit Lucius Valerius Flaccus verwaltete, stieß er den Marcus Duronius, der ein Aufwandsgesetz aufheben wollte, aus dem Senate, wurde aber noch während seiner Censur von dem Duronius angeklagt, er habe sein Amt durch Bestechung erlangt. In dem zwischen Sulla und Marius ausgebrochenen Bürgerkriege wurde er auf Befehl des Cinna getödtet (667 = 87), und sein Haupt auf der Rednerbühne, auf der er so häufig für die Wohlfahrt des Staates und seiner Mitbürger geredet hatte, aufgesteckt Cicer. de orat. III. 3, 10. .

3. Von den vielen Reden, die er hielt, werden mehrere von Cicero und anderen Schriftstellern namentlich angeführt S. Ellendt. Proleg. ad Brut. §. 86 u. 37. Die berühmtesten sind die beiden öffentlichen Rechtssachen, die eine für den Consularen Manius Aquilius ( Cicer. de orat. II. 28, 124. 47, 195.), die andere für den Volkstribunen Gajus Norbanus ( de orat. II. 47, 197. 48, 198.).. Schriftlich hat er weiter Nichts hinterlassen, als ein kleines Büchlein über die Redekunst, das, wie er selbst erklärt Cicer. de orat I. 21, 94. 47, 206. , ihm in seiner Jugend wider Willen entschlüpft und in's Publikum gekommen war. Daß dasselbe noch zu seiner Zeit vorhanden gewesen sei, erzählt Quintilianus Quintil. Inst, or. III. 1, 19. . Die Redeweise des Antonius war kräftig, feurig, leidenschaftlich im Vortrage, sich nach allen Seiten hin verwahrend, den Kern der Sache erfassend, bei jedem Gegenstande verweilend, mit Anstand sich zurückziehend, hitzig verfolgend, in Schrecken setzend, flehend, ausgezeichnet durch die größte Mannigfaltigkeit der Rede, nie langweilend. Besonders that er sich hervor durch leichte Auffassung, Scharfsinn, durchdringenden Verstand und Klarheit des Denkens, so daß er sofort die nöthigen Sachen, Gedanken und Beweisgründe auffand und Alles auf das Zweckmäßigste und Wirksamste zu ordnen verstand. Dabei besaß er ein vortreffliches Gedächtniß; wenn er redete, hatte man nie den Gedanken, er habe seine Rede auswendig gelernt, sondern er schien immer unvorbereitet aufzutreten. Daher ertheilt ihm Cicero in dem zweiten Buche den Vortrag über die Erfindung, Anordnung und das Gedächtniß. Auf seinen Ausdruck legte er wenig Sorgfalt; aber in der Auswahl, Stellung und Verbindung der Worte und noch mehr in der Ausschmückung der Gedanken und der dahin gehörigen Redefiguren zeigte er sich als wahrer Künstler. Ganz vorzüglich wird auch sein äußerer Vortrag gerühmt. Seine Gebärden drückten nicht die einzelnen Worte aus, aber sie entsprachen den Gedanken; Hände, Schultern, Brust, das Aufstampfen mit dem Fuße, die Stellung, der Gang und jede Bewegung stand mit den Sachen und Gedanken in Einklang. Seine Stimme hatte Ausdauer, war aber von Natur etwas heiser; doch kam ihm diesem Fehler bei traurigen Stellen gut zu Statten, indem der klagende Ton seiner Stimme geeignet war theils Vertrauen einzuflößen theils Mitleid zu erregen Cicer. Brut. cap. 37, §. 139–142. u. de orat, III. 9, 32. .

4. Die Größe seiner Beredsamkeit verdankte er vorzüglich seiner hohen geistigen Begabung, weit weniger seinen gelehrten Studien. Erst spät und nur oberflächlich befaßte er sich mit der Griechischen Litteratur. Doch da er sich als Proconsul mehrere Tage in Athen aufhielt, hatte er täglich die gelehrtesten Griechen um sich, die ihm ihre Ansichten über die Pflicht und die Wissenschaft des Redners vortrugen Cicer. de orat. I. 18, 80. . Aber auf eine gelehrte Bildung legte er wenig Werth, und er stellt daher in dem ersten Buche die Behauptung auf, daß die natürlichen Anlagen und die Erfahrung den Redner bilden. Selbst die Rechtswissenschaft, die doch in so enger Beziehung zu dem Berufe des Redners steht, hatte er nicht erlernt, und er erklärte, die Kenntniß derselben sei für den Redner nicht unumgänglich nothwendig Cicer. de orat. I. 38, 172. 45–60. .

5. Lucius Licinius Crassus Vgl. Ellendt. Proleg. ad Brut. §. 39–42., Sohn des Publius Licinius Crassus, war unter dem Consulate des Gajus Lälius und Quintus Servilius Cäpio (614 n. R. Erb., 140 v. Chr.) geboren. Seine Gemahlin, die Tochter des Augurs Quintus Mucius Scävola, der der Unterredung des ersten Tages beiwohnte, und die Enkelin des weisen Lälius, gebar ihm zwei Töchter Cicer. Brut. 58, 211. , von denen die ältere an Publius Scipio Nasica verheiratet war. Im J. R. 646 = 108 v. Chr. war er Quästor in Asien, wo er unter der Leitung des Metrodorus aus Skepsis, eines Rhetors von der Schule der neueren Akademie, die Griechischen Wissenschaften kennen lernte Cicer. de orat, III. 20, 75. . Auf seiner Rückreise verweilte er längere Zeit in Athen, wo er die ausgezeichnetsten Philosophen der neuen Akademie hörte Cicer. de orat. I. 11, 45 u. 46.. Drei Jahre darauf wurde er Volkstribun. Als curulischer Aedil (651 = 103) scheute er keine Kosten, um die öffentlichen Spiele recht prachtvoll zu geben Cicer. de offic. II. 16, 57. . Die Prätur erlangte er 654 = 106 und das Consulat 659 = 95. Da damals viele Italer sich für Römische Bürger ausgaben, die das Bürgerrecht nicht hatten; so erließ er in Gemeinschaft mit seinem Amtsgenossen Quintus Mucius Scävola (der zur Unterscheidung von dem Augur Scävola der Oberpriester genannt zu werden pflegt) das Licinische und Mucianische Gesetz, wodurch bestimmt wurde, daß Niemand für einen Römischen Bürger gelten sollte, der es nicht wäre. Unmittelbar darauf erhielt er als Proconsul die Provinz Gallien. Als Censor (661 = 93) erließ er mit seinem Amtsgenossen Gnäus Domitius Ahenobarbus, wie wir oben (II, 6.) gesehen haben, eine Verordnung, durch welche die Schulen der Lateinischen Rhetoren geschlossen wurden. Die Verschiedenheit des Charakters beider Censoren war die Ursache vieler Streitigkeiten unter ihnen Plin. H. N. 17, 1. Cicer. Brut. 44, 164. . Auch war er Augur Cicer. de orat. I. 10, 39. . Er starb im J. R. 663 (= 91 v. Chr.) in seinem fünfzigsten Lebensjahre unter dem Consulate des Lucius Marcius Philippus und Sextus Julius Cäsar, zehn Tage nach diesen von Cicero aufgezeichneten Unterredungen, in Folge der zu großen Anstrengung, mit der er im Senate gegen den leidenschaftlichen Consul Philippus gesprochen hatte Cicer. de orat. III. 1, 1 sqq. . Sein Tod wird von Cicero zu Anfang des dritten Buches vom Redner auf wahrhaft ergreifende Weise und in unvergleichlich schöner Sprache erzählt.

6. Schon in früher Jugend trat er als Redner auf Cicer. de orat. I. 17, 78. III. 20, 74. . In seinem zweiundzwanzigsten Jahre klagte er den Gajus Carbo, einen sehr angesehenen und beredten Mann, wegen seines aufrührerischen Tribunats an, erregte durch die gewaltige Beredsamkeit, mit der er den Carbo niedergedonnert hatte, allgemeine Bewunderung und erntete das größte Lob ein Cicer. de orat. I. 10, 40. III. 20, 74. Brut. 43, 159. , und in kurzer Zeit wurde er zu den ersten Rednern gezählt. Von seinen vielen Reden führt Cicero Cicer. Brut. cap. 43 u. 44. Vgl. Ellendt. Proleg. ad Brut. §. 40. mehrere namentlich an; die berühmtesten derselben sind die eben genannte, die für die Jungfrau Licinia, die für Gnäus Plancus gegen Marcus Brutus, die für den Manius Curius gegen Scävola, den Oberpriester, und seine letzte Rede ( cygnea vox), die er im Senate gegen den Consul Philippus hielt, von der, wie Cicero Cicer. de orat III. 1, 3. berichtet, alle Einsichtsvollen einstimmig geurtheilt hatten, Crassus habe zu jeder Zeit alle anderen Redner, an jenem Tage aber sich selbst übertroffen. Von einigen seiner Reden sind auch einzelne Bruchstücke aufbewahrt S. Ellen dt. Proleg ad Brut, §. 41., die, so spärlich sie auch sind, uns doch die Vortrefflichkeit seiner Beredsamkeit erkennen lassen. Von der wahrhaft erschütternden Gewalt seiner Rede gibt uns das aus seiner letzten Rede von Cicero Cicer. de orat. III. 1, 4. aufbewahrte herrliche Bruchstück einen glänzenden Beweis.

7. Was seinen Bildungsgang betrifft, so wird uns berichtet, daß Lucius Cälius Antipater, der eine Geschichte des zweiten Punischen Krieges schrieb und auch der Rechtswissenschaft kundig war, sein Lehrer war S. Ellendt. ad Cicer. de orat. II. 13. 54., und daß er mit dem Dichter Archias in freundschaftlichem Verkehre lebte Cicer. pro Arch. poeta 3, 6. . Daß er bei seinem Aufenthalte in Asien und Athen die Vorträge Griechischer Philosophen und Rhetoren hörte, haben wir kurz zuvor (Nr. 5.) gesehen. Das Griechische sprach er mit derselben Geläufigkeit wie seine Muttersprache Cicer. de orat. II. 1, 2. . Wie er sich in seiner Jugend durch Wiedererzeugung gelesener Stellen aus Dichtern und Rednern und durch Uebersetzen Griechischer Redner in's Lateinische in der Ausbildung seiner Rede geübt habe, erzählt er uns selbst Cicer. de orat. I. 34, 154 u. 155.. Obwol schon seit seiner frühen Jugend von vielen Berufsgeschäften in Anspruch genommen, hatte er sich doch umfassende gelehrte Kenntnisse angeeignet, obwol er den Schein eines Gelehrten auf jede Weise zu vermeiden suchte. Die Griechischen Gelehrten schätzte er wegen ihrer Gelehrsamkeit, ihres Geschmackes und ihrer Gewandtheit im Reden; aber ihre spitzfindigen und kleinlichen Streitigkeiten verwarf er. In der Rechtswissenschaft war er ganz besonders erfahren, und da dieselbe zu seiner Zeit noch wenig angeordnet war, so gedachte er von ihr ein wissenschaftliches Lehrgebäude auszuarbeiten und herauszugeben Cicer. de orat. I. 42, 190. II. 33, 142. Brut. 38, 145. .

8. Mit seinen ausgezeichneten Geistesgaben und seiner umfassenden Gelehrsamkeit verband er einen edelen und liebenswürdigen Charakter. Würde, Ernst und Strenge waren mit Freundlichkeit, Milde und Leutseligkeit gepaart. Auch besaß er feinen Scherz und Witz. Auf die Ausarbeitung seiner Reden verwandte er große Sorgfalt; in der Erörterung der Sachen zeigte er dialektischen Scharfsinn. So oft es sich um die Rechtswissenschaft, um Recht und Billigkeit handelte, entwickelte er einen großen Reichtum an Beweisgründen und Beispielen. Seine Darstellung zeichnete sich durch Genauigkeit, Geschmack und Schönheit aus, ohne jedoch eine peinliche Ängstlichkeit zu verraten, und was schwierig ist, er verstand den größten Schmuck und die größte Kürze der Rede zu verbinden. Sein äußerer Vortrag war ruhig, gemessen und würdig; nicht warf er den Körper viel hin und her, nicht wandte er in der Stimme eine künstliche Tonleitung an, nicht lief er auf der Rednerbühne auf und ab, nicht stampfte er häufig mit dem Fuße; aber, wo es Noth that, wurde sein Vortrag feurig und zuweilen zornig und voll des gerechten Schmerzes Ueber die Eigenschaften, die Crassus als Redner besaß, s. Cicer. Brut. c. 38, 143–148. c. 43 sqq. de orat. II. 45, 188. III. 9, 33.. Wegen seiner großen Geschicklichkeit in der Darstellung und in dem äußeren Vortrage läßt Cicero den Crassus in dem dritten Buche diese beiden Gegenstände abhandeln. Zu Antonius bildet Crassus einen Gegensatz, indem jener den praktischen Redner darstellt und die Beredsamkeit als eine durch natürliche Anlagen und Erfahrung gewonnene Redegewandtheit betrachtet, dieser dagegen den gelehrten und wissenschaftlich gebildeten Redner vertritt und die Beredsamkeit als eine hohe und schwierige Wissenschaft und Kunst ansieht.

9. Quintus Mucius Scävola mit dem Beinamen Augur, Schwiegersohn des weisen Lälius und Schwiegervater des genannten Crassus, war zur Zeit der in unseren Büchern mitgeteilten Unterredungen ein Greis von achtzig Jahren. Im Jahre Roms 633 (= 121 v. Chr.) war er Prätor in Asien und 637 (= 117 v. Chr.) Consul mit Lucius Cäcilius Metellus. Er zeichnete sich durch gründliche Kenntniß der Rechtswissenschaft aus, die gleichsam ein Erbgut der Mucischen Familie Cicer. Brut. 26, 102. war. Daher läßt ihn Cicero in dem ersten Buche Einiges für die Rechtswissenschaft sagen. Auch hatte er sich unter dem berühmten Stoischen Philosophen Panätius mit der Philosophie beschäftigt Cicer. de orat. I. 17, 75. . Bis in sein spätestes Alter, selbst bei schon geschwächter Gesundheit, bewies er als Senator und Rechtsgelehrter eine unermüdliche Tätigkeit, und sobald der Tag anbrach, gab er Allen, die sich bei ihm wegen des Rechtes Raths erholen wollten, Zutritt Cicer. Philipp. VIII. 10, 31. de orat. I. 46, 200. . Dabei besaß er in seinem Benehmen eine ausnehmende Liebenswürdigkeit Cicer. de orat. I. 55, 234. . Zu ihm wurde Cicero nach Annahme der männlichen Toga von seinem Vater geführt, um von ihm die Rechtswissenschaft zu erlernen Cicer. de amicit. I. 1. . Cicero läßt ihn nur an der ersten Unterredung im ersten Buche Theil nehmen und noch an demselben Tage Abends die Gesellschaft verlassen.

10. Gajus Aurelius Cotta und Publius Sulpicius Rufus, zwei junge hoffnungsvolle Männer, waren beide in demselben Jahre (J. R. 630 = 124 v. Chr.) zu Rom geboren, also zur Zeit dieser Gespräche dreiunddreißig Jahre alt. Diese beiden jungen Männer, die den Crassus auf seinem Landgute besuchten, wohin auch Antonius und Scävola kamen, sind die Veranlassung zu diesen Gesprächen, indem sie, nachdem Crassus die Rede auf die Beredsamkeit gebracht hatte, die beiden großen Redner ersuchten ihre Ansicht über diese Kunst ausführlich darzulegen. Cotta bewarb sich gerade damals um das Volkstribunat. Da er aber nach dem Varischen Gesetze, nach welchem diejenigen, welche die Bundesgenossen zum Kriege gegen Rom gereizt hatten, zur Untersuchung gezogen werden sollten, angeklagt wurde; so begab er sich in eine freiwillige Verbannung Cicer. de orat. III. 3, 11. Ueber Cotta vgl. Ellendt. Proleg, ad Brut. §. 52 u. 53., aus der er im J. R. 672 (= 82 v. Chr.) zurückkehrte. Im Jahre R. 679 (= 75 v. Chr.) erhielt er mit Livius Octavius die Consulwürde. Nach dem Consulate wurde ihm die Provinz Gallien zu Theil, wo er starb Cicer. in Pis. 26. .

11. Er war ein Freund des Cicero und hatte diesem die in diesen Büchern enthaltenen Unterredungen mitgetheilt Cicer. de orat. I, cap. 7. . Mit der Philosophie der neuen Akademiker hatte er sich sorgfältig beschäftigt, weßhalb ihn auch Cicero in dem dritten Buche von dem Wesen der Götter als Akademiker gegen die Ansichten des Epikurus und des Zeno auftreten läßt. Auch ein tüchtiger Redner Cicer. Brut. c. 55 u. 56. de orat. I. 29, 31. III. 8, 81. war er, besonders stark im Erfinden. Seine Rede war rein und fließend, gefeilt und fein, ihren Gegenstand mit den geeignetsten Worten entwickelnd, immer bei der Sache bleibend und sich auf die wichtigsten Beweise mit aller Kraft legend. Da er eine schwache Brust hatte, so wußte er auf sehr geschickte Weise alle Anstrengung zu mäßigen und seine Reden so nach der Schwäche seiner Kräfte einzurichten. Alles war in seiner Rede natürlich, schlicht und gesund, und obwol er durch die Heftigkeit der Rede die Gemüther der Richter nicht bewegen konnte und überhaupt diese Redegattung nicht gebrauchte, so wußte er doch durch seine Behandlungsweise so auf sie einzuwirken, daß sie dasselbe thaten von ihm dazu bewogen, wie wenn sie von Sulpicius leidenschaftlich aufgeregt waren. Er ahmte dem Antonius nach; aber es fehlte ihm dessen Kraft und Nachdruck.

12. Sein Altersgenosse, Publius Sulpicius Rufus Vgl. Ellendt. Prolog, ad Brut. §. 44., war in dem J. R. 661 (= 93 v. Chr.) Quästor und 664 und 665 (= 90 und 89) Legat im Bundesgenossenkriege unter Gnäus Pompejus Strabo. Bis zu dem Volkstribunate, das er 666 (= 88) unter dem Consulate des Lucius Sulla und Quintus Pompejus erlangte, war sein Benehmen ohne allen Tadel. Als Volkstribun stand er anfänglich auf Seiten der Patrioten, bald aber, durch Ehrgeiz verleitet, ging er zu der Volkspartei über und zeigte sich durch aufrührerische Gesetzvorschläge dem Staate verderblich. So that er, von Marius gewonnen, den Vorschlag, daß der Oberbefehl im Mithridatischen Kriege, den Sulla von dem Staate erhalten hatte, dem Marius übertragen werden sollte. Dieser Vorschlag wurde auch bestätigt und entzündete den furchtbaren Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla. Der Letztere zog jetzt mit seinem nach Asien bestimmten Heere vor Rom, rückte in die Stadt ein und besiegte den Marius. Marius und Sulpicius ergriffen die Flucht, wurden aber in die Acht erklärt. Sulpicius hielt sich auf einem Landgute verborgen, wurde aber, auf die Anzeige eines seiner Sklaven entdeckt, getödtet, und sein Haupt auf der Rednerbühne aufgesteckt.

13. Des Sulpicius Beredsamkeit hatte einen großartigen, fast tragischen Charakter Cicer. Brut. cap. 55 u. 56.. Seine Rede war feurig und rasch, ohne jedoch das rechte Maß zu überschreiten. Seine Kraft im Reden, seine Lieblichkeit, seine Kürze war so groß, daß er theils Einsichtsvolle zum Irrtume, theils Gutgesinnte zu weniger guten Gesinnungen verleiten konnte Cicer. harusp. respons. 19, 41. Vgl. de orat. II. 47, 197.. Sein äußerer Vortrag wird von Cicero Cicer. de orat. I. 29, 131 u. 132. III. 8, 31. Brut. 55, 203. als ganz unvergleichlich geschildert. Hinsichtlich der Bewegung und der ganzen Haltung und Bildung des Körpers war er auf das Vortrefflichste ausgestattet; seine Stimme war voll, lieblich, hellklingend; in allen seinen Bewegungen zeigte er den würdevollsten Anstand. Als junger Mann von dreißig Jahren erregte er durch die Rede, in der er den Norbanus anklagte, durch das Feuer und die Gewalt seiner Rede allgemeine Bewunderung. Aber es fehlte ihm die wissenschaftliche Bildung, und das Studium der Philosophie verschmähte er gänzlich; die Kenntniß der gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen genügte ihm für die Beredsamkeit, und selbst hiervon war ihm Vieles unbekannt, was er dann erst aufsuchte, wenn es die Sache, die er verhandeln sollte, verlangte Cicer. de orat. III. 36, 146. – Ueber des Sulpicius Rede gegen den Norbanus s. Cicer. de orat. II. 21, 89. 47, 197.. Dem Crassus, zu dessen großartiger und herrlicher Redeweise ihn seine eigene Naturanlage leitete, suchte er nachzuahmen und schaute ihn stäts mit ganzem Geiste und Gemüthe als sein Vorbild an; aber erreichen konnte er ihn nicht; dazu fehlte ihm die wissenschaftliche Bildung und der feine Witz des Crassus Cicer. de orat. II. 21, 89. Vgl. III. 12, 47..

14. Am zweiten Tage unserer Gespräche kommen noch zwei Männer zum Crassus und nehmen an den Unterredungen Theil, nämlich die beiden Brüder Quintus Lutatius Catulus und Gajus Julius Cäsar Strabo. Beide hatten die Popilia zur Mutter; ihre Väter aber waren verschieden, da Popilia sich zum zweiten Male mit Lucius Cäsar verheiratet hatte Ueber Catulus s. Ellendt. Proleg, ad Brut. §. 32.. Catulus, im J. R. 652 (= 102 v. Chr.) mit Gajus Marius Consul, ist eine aus der Geschichte, namentlich durch den Sieg, den er in Gemeinschaft mit Marius über die Cimbern erkämpfte, hinlänglich bekannte Persönlichkeit. Später wurde Marius sein ärgster Feind und ertheilte den Befehl zu seiner Ermordung; doch kam dieser demselben zuvor, indem er sich selbst das Leben nahm.

15. Aber nicht bloß ein großer Feldherr war Catulus, sondern auch ein sehr gelehrter Mann Cicer. Brut. cap. 35. . In der Litteratur war er sehr bewandert. Von der Griechischen Sprache hatte er wie von seiner Muttersprache die feinste Kenntniß. Ueber sein Consulat und seine Thaten schrieb er ein Buch in der sanften Xenophonteischen Schreibart. Der Ton seiner Stimme war angenehm, namentlich wurde die sanfte Art die Laute der Worte auszusprechen gelobt. Wegen seiner Bekanntschaft mit der Griechischen Litteratur läßt ihn Cicero im dritten Buche vom Redner (Kap. 32.) reden. Seine Rede zeichnete sich durch die größte Reinheit aus; sie war ferner gewichtvoll, doch so, daß sie mit der größten Würde alle Leutseligkeit und heitere Laune verband, kurz so ausgearbeitet, daß durch jeden Zusatz oder Veränderung oder Weglassung sein Vortrag verschlechtert worden wäre Cicer. de orat. III. 8, 29. II. 63, 255. 69, 278. Brut. c. 35. . Aber bei allen diesen Vorzügen gelang es ihm nicht das Lob eines großen Sachwalters zu erreichen Cicer. Brut. 35, 134. .

16. Gajus Julius Cäsar Strabo Vgl. Ellendt. Prolegom. ad Cic. Brut. §. 45. Ueber den Cäsar als Redner s. Cicer. Brut. cap. 48, 177., der jüngere Bruder des Catulus, wie wir eben gesehen haben, war im J. R. 659 (= 95 v. Chr.) Quästor und 664 (= 90) curulischer Aedil. Im Jahre 667 (= 87) wurde er von Marius ermordet. Als Redner übertraf er alle früheren und alle gleichzeitigen Redner an seinem Witze und Scherze und heiterer Laune. Daher läßt ihn Cicero in dem zweiten Buche vom Redner einen ausführlichen Vortrag über den Witz halten. Eine ganz besondere Art der Beredsamkeit führte er ein, indem er tragische Gegenstände fast komisch, traurige scherzhaft, ernste heiter, gerichtliche mit einer beinahe schauspielmäßigen Anmuth behandelte, und zwar so geschickt, daß weder der Scherz durch die Größe der Gegenstände aufgehoben, noch der Ernst durch den Witz vermindert wurde Cicer. de orat. III. 8, 31. . Aber das Feuer, die Kraft und der Nachdruck der Rede fehlte ihm. Auch hat er Trauerspiele geschrieben, die, wie seine Reden, sanft und ruhig waren, aber des Nachdruckes entbehrten Cicer. Brut. c. 48, 177. .

VI. Inhalt des ersten Buches vom Redner.

I. Vorwort. Cicero erklärt, daß er durch die Bitten seines Bruders Quintus bestimmt worden sei seine Gedanken über die Redekunst niederzuschreiben (Kap. I – II, 4 und 5). Darauf untersucht er die Frage, warum alle anderen Fächer eine größere Anzahl ausgezeichneter Männer aufzuweisen haben, als die Beredsamkeit, obwol sie einerseits nicht aus tiefen und verborgenen Quellen geschöpft werde, andererseits das größte Vergnügen gewähre und die glänzendsten Belohnungen zu erwarten habe. (II, 6 – IV.) Den Grund dieser Erscheinung findet er in der unglaublichen Größe und Schwierigkeit der Redekunst; denn sie ist aus dem gemeinsamen Zusammenwirken mehrerer Wissenschaften hervorgegangen. (V – VI, 20.) Obwol es die Aufgabe des Redners ist über jeden Gegenstand, der ihm vorgelegt wird, mit Geschmack und Fülle zu reden; so will er jedoch sich nur auf die gerichtlichen Reden und die Beratschlagungen beschränken und das mittheilen, was einst die beredtesten Männer seines Volkes in einer Unterredung über die Beredsamkeit abgehandelt haben (VI, 21 – 23.) – Veranlassung zu den folgenden Unterredungen. Aufzählung der an diesen Unterredungen Theil nehmenden Personen. (VII.)

II. Abhandlung.

A. Crassus beginnt die Unterredung mit einem Lobe der Beredsamkeit, indem er sie als die erhabenste aller Wissenschaften beschreibt und sie die Gründerin, Lenkerin und Erhalterin der Staaten nennt. (VIII.) – Scävola macht hiergegen folgende Einwendungen: a) die Staaten seien nicht von beredten Männern gegründet und erhalten, sondern von weisen und tapferen Männern. (IX – X, 40.) – b) die Behauptung des Crassus, der Redner könne sich in jeder Art von Vorträgen und wissenschaftlichen Erörterungen mit der größten Fülle bewegen, sei übertrieben und überschreite das Gebiet des Redners. (X, 41 – 44.) – Crassus vertheidigt dagegen seine Behauptung, indem er zeigt, mit Unrecht werde der Redner von den Philosophen von aller Gelehrsamkeit höherer Wissenschaft ausgeschlossen und auf die Gerichte und Volksversammlungen beschränkt. Denn auch zugegeben, daß des Redners Beruf so beschränkt sei; so muß er doch eine gründliche Kenntniß aller öffentlichen Angelegenheiten, der Gesetze, der Sitte, des Rechtes, des Wesens und der Sitten der Menschen besitzen (XI.) Auch das schönste und zierlichste Wortgepränge ist unsinnig, wenn ihm keine Gedanken und keine Wissenschaft zu Grunde liege. (XII.) Viele Gegenstände entlehnt der Redner allerdings von der Philosophie und von anderen Wissenschaften; aber die Fähigkeit über diese Gegenstände mit Geschmack, Würde und Anmuth zu reden ist als das Eigentum des Redners anzusehen. (XIII – XV, 67.) Der Theil der Philosophie aber, der die Lehre von dem Leben und den Sitten umfaßt, muß von dem Redner ebenso gründlich erlernt werden wie von dem Philosophen. (XV, 68.) In allen Wissenschaften muß also der Redner vollkommen bewandert sein; denn wenn er auch von ihnen selbst beim Reden keinen Gebrauch macht, so ist es doch sichtbar, ob er dieselben erlernt habe oder nicht. (XVI.) – Scävola billigt jetzt des Crassus Ansicht. (XVII.) – Antonius wendet gegen Crassus ein, a) daß die Aufgabe des Crassus für den Redner zu schwer sei, b) daß die von Crassus geforderte Beredsamkeit sich für das Volk und die Gerichte nicht eigene. Darauf führt er die Ansichten mehrerer Gelehrten über die Pflicht und die Wissenschaft des Redners an. (XVIII – XX.) – Zuletzt fügte er eine Lobeserhebung des Crassus hinzu. (XXI, 94 – 96). – Sulpicius Cotta und Scävola bitten den Crassus seine Ansicht über die Beredsamkeit darzulegen. (XXI, 97 – XXII, 101.) – Sulpicius legt dem Crassus die Frage vor, ob es eine Wissenschaft der Beredsamkeit gebe. (XXII, 102 – XXIII, 106.)

B. Crassus behauptet nun, wenn der Begriff der Wissenschaft so bestimmt wird, daß sie aus gründlich erforschten und deutlich erkannten Sätzen bestehe, so gibt es keine Wissenschaft der Beredsamkeit; wenn man aber die in der Erfahrung und Behandlung der Rede gemachten und von einsichtsvollen Männern in einer richtigen Ordnung aufgezeichneten Beobachtungen unter Wissenschaft verstehen will, so kann die Beredsamkeit als eine Wissenschaft angesehen werden. (XXIII, 107 – 109.)

C. Nach einer kurzen Bemerkung des Antonius (XXIV) zeigt Crassus,

a) das erste Erforderniß zur Beredsamkeit bestehe in den natürlichen Anlagen, z. B. in schneller Beweglichkeit des Geistes, in Scharfsinn, in einem guten Gedächtnisse; ferner in einer wohlgelösten Zunge, einer klangvollen Stimme, einer starken Brust, einer kräftigen Leibesbeschaffenheit und in guter Gesichts- und Körperbildung. (XXV.) Zugleich muß der Redner auch eine gewisse Schüchternheit besitzen. (XXVI.) – Antonius fügt die Ursachen hinzu, warum gerade die ausgezeichnetsten Redner sich beim Beginne beunruhigt fühlen (XXVII), und billigt alsdann des Crassus Behauptung, daß der Redner viele Naturgaben besitzen müsse, wenn ihm der Lehrmeister förderlich sein soll. Hierauf bemerkt Crassus, daß trotz der großen Schwierigkeit der Beredsamkeit doch von den Meisten weit weniger Sorgfalt auf dieselbe verwendet werde als auf andere Künste. (XXVIII.) Wenn aber Jemand von Natur weniger begabt ist, so kann er es doch durch eine besonnene Benutzung seiner Fähigkeiten dahin bringen, daß er so redet, daß er den Anstand nicht verletzt. (XXIX.)

b) Als das zweite Erforderniß zur Beredsamkeit führt Crassus Eifer und begeisterte Liebe an nebst der Kenntniß der zum Ziele führenden Wege. (XXX.) Man muß sich also α) mit folgenden Regeln bekannt machen: αα) es ist die Pflicht des Redners überzeugend zu reden, ββ) jede Rede behandelt entweder einen allgemeinen Gegenstand ohne Bezeichnung der Personen und Zeiten, oder einen bestimmten Gegenstand mit bestimmten Personen und Zeiten. – Die Reden der letzteren Art zerfallen in gerichtliche, berathende und in solche, welche sich mit dem Lobe oder dem Tadel der Menschen beschäftigen. Für alle drei Arten gibt es gewisse Beweisquellen. – β) Die Redekunst wird in folgende fünf Theile zerlegt: Erfindung, Anordnung, Darstellung, Gedächtniß, äußeren Vortrag. – γ) Die Rede zerfällt in folgende Theile: Eingang, Erzählung des Gegenstandes, Feststellung des Streitpunktes, Beweis der eigenen Behauptung, Widerlegung der Einwürfe, Schluß. (XXXI – XXXII, 146.)

c) Als das dritte Erforderniß zur Beredsamkeit führt Crassus die Uebung an. Zuerst empfiehlt er Vorübungen im Reden über angenommene Fälle, die den gerichtlichen Verhandlungen ähnlich sind. Mündliche Uebung im Reden aus dem Stegreife ist nützlich, aber nützlicher nach vorhergegangener Ueberlegung und Vorbereitung; das hauptsächlichste Bildungsmittel des Redners besteht darin, daß man so viel als möglich schreibt. (XXXII, 147 – XXXIII.) – Die Uebung nach einer inhaltschweren Dichterstelle oder einer genau gelesenen Rede über den nämlichen Gegenstand zu reden wird verworfen, dagegen das freie Uebersetzen ausgezeichneter Griechischer Reden sehr empfohlen. – Bei der Uebung der Stimme, des Athems und des ganzen Körpers müssen wir nicht bloß auf die Redner unseren Blick richten, sondern auch auf die Schauspieler. – Das Gedächtniß muß geübt werden durch Auswendiglernen eigener und fremder Schriftstellen, wobei auch die Gedächtnißkunst zu Hülfe genommen werden kann. – Nach diesen häuslichen Uebungen muß der Redner sich auf das Forum selbst begeben und sich durch Führung von Rechtshändeln üben, von allen Dingen sich Erfahrung einsammeln und seine Geisteskräfte versuchen.

d) Hierzu muß noch hinzukommen das Lesen der Dichter, die Beschäftigung mit der Geschichte und allen edelen Wissenschaften, das Studium der Dialektik, des bürgerlichen Rechtes, der Gesetze, des Altertums, der ganzen Staatskunst, endlich eine Sammlung anmuthiger und sinnreicher Witzworte aus dem ganzen Umfange der feineren Bildung. (XXXIV.)

D. Auf die Bitten der Anwesenden um ausführlichere Erörterung der in der Kürze erwähnten Gegenstände (XXXV) zeigt Crassus,

a) daß für die Redner die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes von der höchsten Wichtigkeit ist. Beispiele von den Nachtheilen, welche die Unkenntniß des bürgerlichen Rechtes einem Redner zuzieht. (XXXVII.) Diese Unkenntniß ist eines Redners durchaus unwürdig. Beispiele von Rechtshändeln, in denen die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes nothwendig erfordert wurde, und von solchen, in welchen das Leben und die ganze bürgerliche Wohlfart eines Bürgers auf dem Rechte beruhte. (XXXVIII – XL.) – Die Unkenntniß des bürgerlichen Rechtes ist um so schimpflicher, da die Erlernung desselben leicht ist, besonders wenn man es in eine kunstgerechte Form bringt. (XLI und XLII.) Die Erlernung des bürgerlichen Rechtes bietet eine große Annehmlichkeit; denn dasselbe steht mit vielen Wissenschaften in genauer Verbindung. (XLIII.) Lob der zwölf Tafelgesetze und der Weisheit und Klugheit der Römer, die sich in der Feststellung des Rechtes zeigt. Aus der ausgezeichneten Ausbildung des bürgerlichen Rechtes werden die großen Vorzüge der alten Römer in der Staatsklugheit vor anderen Völkern erkannt. (XLIV.) Endlich verschafft die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes Ehre, Gunst und Ansehen und sichert dem Greisenalter eine ehrenvolle Zuflucht. (XLV.)

b) Mit der Kenntniß des bürgerlichen Rechtes muß auch die Kenntniß der öffentlichen Rechte, der Geschichte und der ganzen Staatskunst verbunden werden. Schilderung eines vollkommenen Redners. (XLVI.)

E. Auf den Rath des Crassus ersuchen Cotta und Sulpicius den Antonius seine Ansicht über die Beredsamkeit zu entwickeln. (XLVII.) Nachdem Antonius die Bemerkung vorausgeschickt hat, er werde nicht von der Kunst reden, die er nie erlernt habe, sondern nur von seiner Gewohnheit (XLVIII); setzt er den Begriff des Redners fest. Während Crassus den für einen Redner hielt, der die gesammte Kenntniß aller Wissenschaften besitzt;

a) beschränkt Antonius den Begriff des Redners so, daß er den für einen Redner hält, welcher in gerichtlichen und öffentlichen Verhandlungen angenehm und überzeugend zu reden versteht und außerdem eine gute Stimme, äußeren Vortrag und einen gewissen Witz besitzt (XLIX); gibt jedoch zu, daß es zur Ausschmückung der Rede nützlich sei, daß der Redner sich in den Wissenschaften umgesehen habe; diese Kenntnisse jedoch sind etwas von der Fertigkeit der Rede Verschiedenes und nicht als Eigentum des Redners anzusehen. (L.)

b) Der Philosophie kann der Redner entbehren; denn die Lehren der Philosophen sind für das Volk zu abstrakt und stehen sogar oft mit dem Zwecke des Redners, mit dem gewöhnlichen Leben und den Sitten des Volkes in Widerspruch. (LI.) Der Redner hingegen muß die Ansichten, Gedanken, Empfindungen seiner Mitbürger erforschen, um überzeugend zu ihnen reden zu können. Auch die Ausdrucksweise und der Vortrag der Redner widerstrebt oft gänzlich den Ansichten der Philosophen. (LII.) Beispiele des Rutilius und Sokrates, um die angeführten Behauptungen zu beweisen. (LIII und LIV.)

c) Die Kenntniß des bürgerlichen Rechtes, so wichtig und nützlich sie auch für den Redner sein mag, ist ihm doch nicht unumgänglich nothwendig. Denn α) in vielen Fällen ist die Rechtswissenschaft unsicher und schwankend, so daß sie dem Redner nichts hilft, und nur die Beredsamkeit die Sache entscheiden kann. (LV und LVI.) – β) Fälle, in denen über das Recht kein Zweifel obwaltet, pflegen nicht Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen zu sein. – γ) In den Fällen aber, wo das Recht streitig ist, kann sich der Redner leicht bei einem tüchtigen Rechtsgelehrten Raths erholen. (LVII.) – δ) Daß das bürgerliche Recht leicht zu erlernen sei, läßt sich nicht behaupten, da es noch nicht wissenschaftlich geordnet ist, und man daher die Dialektik außerdem erlernen muß, um dasselbe wissenschaftlich anzuordnen; – ε) Die Erlernung des bürgerlichen Rechtes bietet keineswegs die von Crassus gepriesene Annehmlichkeit; – ζ) Widerlegung der übrigen Vorzüge des bürgerlichen Rechtes, die Crassus angeführt hatte. (LVIII – LX.) – Auch die übrigen Kenntnisse, die Crassus von dem Redner verlangt, sind für den Redner nicht durchaus erforderlich, da er sie, wenn es Noth thut, von fachkundigen und gelehrten Männern entlehnen kann. (LX.) – Die Forderung des Crassus, ein Redner müsse in seiner Kunst ein Roscius, d. h. durchaus vollkommen sein, erklärt Antonius für übertrieben. – Wiederholung des oben (XLIX.) aufgestellten Begriffes vom Redner. Der Redner beschränke sich also auf die Kenntnisse, welche in den gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen erforderlich sind, und mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften, so vortrefflich sie auch sein mögen, liege er dieser einen Arbeit mit möglichst großer Anstrengung ob. (LXI.)

F. Crassus erwidert hierauf, Antonius würdige den Redner zu einem Handlanger herab, während er in seinem Vortrage ein höheres Ziel vor Augen gehabt und das Bild eines vollkommenen Redners habe entwerfen wollen.

III. Schluß der ersten Unterredung. – Scävola verläßt die Gesellschaft. (LXII.)

VII. Inhalt des zweiten Buches.

I. Vorwort. Cicero zeigt, a) Crassus und Antonius seien wissenschaftlich gebildete Redner gewesen, obwol der erstere vorgegeben habe, daß er die Griechen gering schätze, der letztere, daß er sie gar nicht kenne (I, 1 – 4.); b) Niemand könne sich ohne die wissenschaftliche Erlernung der Redekunst, ja sogar ohne die Kenntniß der gesammten Philosophie in der Beredsamkeit auszeichnen (I, 2. II, 6.); c) deßhalb habe er sich bemüht die Unterredung dieser beiden großen Redner über die Beredsamkeit schriftlich aufzuzeichnen (II, 7. III, 11.).

II. Abhandlung. Quintus Catulus und Gajus Julius Cäsar kommen zu Crassus und nehmen an dem Gespräche Theil. Antonius, aufgefordert seine Ansicht über die Beredsamkeit vorzutragen (III, 12. – VII, 28.), zeigt

1) im Allgemeinen: a) die Beredsamkeit sei keine Wissenschaft (VII, 29. – VIII, 31,); b) doch könnten gewisse Regeln über sie ertheilt werden (VIII, 32.); c) Nichts sei herrlicher, als ein vollkommener Redner (VIII, 33. – IX, 38.).

2) Darauf bestimmt er den Beruf des Redners selbst (X, 39 – 42.). Derselbe umfaßt: a) die gerichtlichen ( genus judiciale), b) die berathschagenden ( genus deliberativum) Reden; denen von Manchen noch hinzugefügt werden c) die Lobreden ( laudationes) (X, 42. – XI, 47.). Diese drei Arten der Reden hat die Redekunst zu berücksichtigen. Alle anderen Gegenstände, die der Redner zuweilen zu behandeln hat, als Zeugnisse, Aufträge, Verweise, Aufmunterungen, Tröstungen (XI, 48 – XII, 60), ferner die Geschichtschreibung, von der eine ziemlich ausführliche Charakteristik gegeben wird, (XII, 51 – XV, 64), endlich die unbestimmten Fragen ( quaestiones infinitae) (XV, 65 – XVI, 68) bedürfen nicht besonderer Kunstregeln. Wer in der gerichtlichen Beredsamkeit tüchtig ist, wird sich in den eben angeführten Gegenständen auch ohne besondere Kunstregeln zurecht finden (XVI, 69 – XVII.).

3) Nachdem Antonius die Haupttheile der Redekunst angeführt hat (XIX, 77 – XX, 84), schickt er folgende Bemerkung für den Unterricht in der Redekunst voraus: a) Man muß untersuchen, was Jeder leisten könne (XX, 85 – XXI, 88); b) man muß zeigen, wen man nachahmen soll, und zugleich hinzufügen, daß man die vorzüglichsten Eigenschaften des Vorbildes sich anzueignen suchen müsse (XXI, 88 – XXIII, 98); c) man muß den zu behandelnden Gegenstand gründlich überlegen und sorgfältig erforschen (XXIV, 99 bis 103); d) und alsdann muß man den eigentlichen Streitpunkt festsetzen, wobei es sich fragt, α) was geschehen ist oder geschieht oder geschehen wird, β) oder von welcher Beschaffenheit es ist, γ) wie es benannt wird. Bei der Beschaffenheit und Benennung der Sache handelt es sich oft um die Auslegung von Schriftstellen und um Beseitigung von Zweideutigkeiten (XXIV, 104 – XXVI, 113).

4) Eigentliche Lehre von der Beredsamkeit. Antonius handelt

A. zuerst von der Erfindung ( inventio, εύρεσις). Die Verpflichtung des Redners ist eine dreifache: a) er soll seine Zuhörer belehren, b) ihre Zuneigung gewinnen, c) ihre Gemüther rühren (XXVII, 114 – 115).

a) Der Redner soll seine Zuhörer belehren und von der Wahrheit der Sache, die er vertheidigt, überzeugen. Lehre von der Beweisführung. Den Stoff dazu bieten: aa) Sachen, welche nicht vom Redner erfunden werden, sondern, als gegebene Thatsachen, nur zweckmäßig zu behandeln sind, als: Urkunden, Zeugnisse, Verträge, Uebereinkünfte, peinliche Untersuchungen, Senatsbeschlüsse, richterliche Entscheidungen, obrigkeitliche Verordnungen, Rechtsgutachten u. dgl.; hier muß man also über die Behandlung der Beweise nachdenken; bb) das, was der Redner aus den gegebenen Thatsachen zu machen weiß mittelst der Erörterung und Beweisführung; hier muß man also über die Erfindung der Beweise nachdenken. Für die einzelnen Arten der Rechtsstreitigkeiten bietet die Redekunst fertige Beweise, Fundstätten ( loci) der Beweise (Beweisquellen) (XXVII, 116 – XXIX). Zu einer gründlichen Beweisführung ist erforderlich: α) daß der Redner die erwähnten Fundstätten in Bereitschaft habe; aber mit Nutzen kann sie nur der Redner anwenden, welcher seinen Geist durch Uebung, Hören, Lesen und Schreiben tüchtig ausgebildet und sich umfassende Sachkenntniß angeeignet hat (XXX, 130, 131); – β) das Wesen der zu behandelnden Sache ist zu erforschen, indem man untersucht, ob es eine Thatsache sei, oder was sie für eine Beschaffenheit habe, oder welchen Namen sie führe; darauf ist der Hauptpunkt der Sache festzustellen. Alle Streitsachen müssen auf die Bedeutung und das Wesen im Allgemeinen zurückgeführt werden; denn alle besonderen Streitfälle lassen sich auf gewisse allgemeine Begriffe zurückführen. Das Studium der Philosophie ist daher dem Redner sehr zu empfehlen (XXX, 133 – XXXVIII, 161); – γ) man muß wissen, daß alle Beweisgründe entweder aus dem inneren Wesen und der natürlichen Beschaffenheit der Sache genommen oder von Außen her hinzugenommen werden (XXXIX und XL); – δ) es ist nicht hinreichend zu erfinden, was man sagen soll, sondern man muß auch das Erfundene zu behandeln verstehen; die Behandlung muß aber mannigfaltig sein, damit der Zuhörer weder die Kunst bemerke noch mit Ueberdruß erfüllt werde. (XLI.)

b) Der Redner soll die Zuneigung seiner Zuhörer gewinnen. Er soll daher sich bemühen die Gemüther der Zuhörer so viel als möglich zum Wohlwollen sowol für sich als für den, dessen Sache er führt, zu stimmen. Vorschriften über die Mittel, durch die die Gemüther zum Wohlwollen gestimmt werden. (XLII und XLIII.)

c) Der Redner soll die Gemüther seiner Zuhörer rühren. Hierzu ist nöthig, daß der Redner die Gesinnungen und Neigungen der Zuhörer erforsche (XLIV), und daß er selbst von den Empfindungen, die er bei Anderen hervorrufen will, durchdrungen sei(XLV – L). Außerdem muß der Redner auf folgende Punkte seine Aufmerksamkeit richten: α) er muß überlegen, ob die Sache verlange, daß die Gemüther der Zuhörer in Bewegung gesetzt werden (LI, 205); – β) er muß untersuchen, auf welche Weise die verschiedenen Leidenschaften erregt oder beschwichtigt werden können (LI, 206 – LII, 211); – γ) oft muß er in seinem Vortrage Heftigkeit und Sanftheit mit einander mischen. Den Ton der Leidenschaft darf er nicht sogleich anstimmen und auch nicht wieder schnell verlassen. Die Gemüthsbewegungen müssen zuweilen durch Erregung entgegengesetzter Gemüthsbewegungen entkräftet werden (LIII, 212 – 216); – δ) von wesentlichem Nutzen ist hierbei der Witz, über den Gajus Julius Cäsar einen ausführlichen und gründlichen Vortrag hält; und zwar aa) zeigt er, der Witz sei eine Naturgabe, Kunstregeln ließen sich über denselben nicht aufstellen; was er für eine Bedeutung für den Redner habe, zeigt er an dem Beispiele des Crassus (LIV, 216 – LVII, 234); – bb) spricht er ausführlich über das Wesen des Witzes. Mit Uebergehung der Fragen, was der Witz sei und wie er entstehe (LVIII), betrachtet er folgende Punkte: α) das Gebiet des Lächerlichen (LVIII, 236); β) er zeigt, daß es dem Redner zukomme Lachen zu erregen (LVIII, 236); γ) in wie weit es dem Redner gezieme Lachen zu erregen (LVIII, 237 – LIX, 239); δ) was es für Arten des Lächerlichen gebe. Es gibt zwei Arten des Witzigen, von denen die eine in der Sache, die andere in dem Worte liegt; in der Sache, wenn man Etwas als eine Anekdote erzählt, oder wenn man die Manieren eines Andern auf spöttische Weise nachahmt (LIX, 240 – LX, 243); in dem Worte, wenn durch die Spitze eines Ausdrucks oder Gedankens Lachen erregt wird (LX, 244 – 247). Jetzt folgt eine genauere Erörterung des Gegenstandes: a) Am Meisten gefällt das Witzige, wenn durch Sache und Wort zugleich das Lachen erregt wird; b) die Quellen, aus denen das Lächerliche abgeleitet wird, sind zugleich auch die, aus denen sich das Ernste ableiten läßt; c) besonders sinnreich ist der aus Zweideutigkeiten entspringende Witz; d) nicht alles Lächerliche ist witzig, und Vieles, was ganz besonders Lachen erregt, geziemt sich nicht für den Redner. Aufzählung und Beleuchtung der einzelnen Arten des Witzigen sowol hinsichtlich der Sache als hinsichtlich des Wortes (LXI – LXXI).

d) Antonius, seinen Vortrag wieder aufnehmend, zeigt, daß der Redner nach genauer Untersuchung der Rechtssache und nach sorgfältiger Erforschung der Beweisgründe der Sache und der Mittel, durch welche die Richter gewonnen und erschüttert werden, festsetzen müsse, was für gute und was für schlimme Seiten die Sache habe, die guten Seiten möglich ausschmücken und erheben, die schlimmen verdecken. Genauere Erörterung des Verfahrens hierbei. (LXX – LXXV.)

B. Von der Anordnung des Stoffes und der Beweisgründe ( ordo, collocatio, τάξος, διάταξις). Antonius zeigt

a) im Allgemeinen: α) Der Redner müsse auf die Auswahl der Beweisgründe große Sorgfalt verwenden; die Beweisgründe sind nicht sowol zu zählen als abzuwägen; (LXXVI.) – β) der Redner muß in allen Theilen seines Vortrages auf die Gemüther seiner Zuhörer einzuwirken suchen; oft lassen sich auch Abschweifungen von der Sache anbringen, um die Leidenschaften zu erregen; (LXXVII, 310 bis 312.) – γ) der stärkste Beweis muß die erste Stelle einnehmen, aber auch für den Schluß ist Hervorragendes aufzusparen, das Mittelmäßige aber in die Mitte zu bringen (LXXVII, 313 – 315).

b) handelt er von den einzelnen Theilen der Rede:

α) von dem Eingange ( exordium, προοίμιον) (LXXVII, 310); er muß mit großer Sorgfalt ausgearbeitet und dem Gegenstande der Verhandlung angepaßt werden; er muß sanft sein und aus der Sache selbst entlehnt werden; am Besten wird er erst zuletzt ausgearbeitet (LXXVIII); er muß dem Verhältnisse der Sachen entsprechen; er ist entweder von dem Angeklagten oder von dem Gegner oder von der Sache oder von denen, vor welchen die Sache verhandelt wird, herzuleiten (LXXIX); er muß mit der nachfolgenden Rede eng verbunden sein (LXXX, 325).

β) von der Erzählung ( narratio, διήγησις); sie muß kurz, aber nicht zu kurz sein, ferner deutlich (LXXX, 326 – 329); zuletzt wird die übrige Einrichtung der Erzählung erwähnt (LXXX, 329 – LXXXI, 330).

γ) von der Feststellung der Hauptfrage ( propositio, πρόθεσις) (LXXXI, 331).

δ) von der Beweisführung ( confirmatio, κατασκευή).

ε) von dem Schlusse der Rede ( peroratio, επίλογος) (LXXXI, 332).

Bemerkungen über die Ertheilung von Rathschlägen und über die Lobreden (LXXXI, 333 – LXXXV).

C. Von dem Gedächtnisse ( memoria, μνήμη):

a) von der Kunst des Gedächtnisses (LXXXVI);

b) von dem Nutzen und der Wichtigkeit des Gedächtnisses (LXXXVII, 355);

c) auch für ein gutes Gedächtniß ist die Kunst des Gedächtnisses sehr nützlich (LXXXVII, 356 und 357):

d) wird gezeigt, worin die Kunst des Gedächtnisses bestehe (LXXXVII, 357 – LXXXVIII, 360).

III. Schluß der ersten Unterredung. Entschuldigung des Antonius wegen seines Vortrages (LXXXVIII, 361); – Catulus spricht dem Antonius seinen Dank für seinen gehaltreichen Vortrag aus; – Crassus verspricht über die Darstellung und den äußeren Vortrag zu reden (LXXXIX und XC).

VIII. Inhalt des dritten Buches.

I. Vorwort. Cicero erwähnt den plötzlichen Tod des Crassus, seine letzten Tage und seine letzte unvergleichlich schöne Rede. (I.) – Betrachtungen über menschliche Hinfälligkeit und das Schicksal des Crassus. (II.) – Tod der übrigen Männer, die an der Unterredung Theil genommen haben: des Quintus Catulus, Marcus Antonius, Gajus Julius Cäsar, Quintus Mucius Scävola, Sulpicius; Verbannung des Gajus Cotta. (III.) – Betrachtungen Cicero's über seine eigenen Schicksale, über sein Werk vom Redner und über die Beredsamkeit des Crassus und Antonius. (IV.) – Einleitung in die folgende Unterredung. Die Gesellschaft ersucht den Crassus seinen Vortrag über den Schmuck der Rede zu halten. (V.)

II. Abhandlung.

A. Bevor Crassus zur Sache selbst schreitet, macht er

a) die Bemerkung, daß eigentlich der Stoff, den der Redner zu behandeln habe, und die Ausschmückung dieses Stoffes sich nicht von einander trennen lassen. (V.) – Wunderbare Uebereinstimmung unter allen Wissenschaften. – Es gibt nur Eine Beredsamkeit, auf welche Gebiete des Vortrages sie auch angewendet werden mag. Alle Arten von Reden haben die nämliche Quelle, sowie auch das nämliche Rüstzeug und den nämlichen Schmuck. Weder der Schmuck der Rede läßt sich finden ohne gut geordnete und deutlich ausgedrückte Gedanken, noch kann irgend ein Gedanke lichtvoll sein ohne das Licht der Worte. (V und VI.)

b) Hierauf legt Crassus seine Ansicht über die Beredsamkeit im Allgemeinen dar. Indem er von der ausgesprochenen Behauptung ausgeht, daß es nur Eine Beredsamkeit gebe, zeigt er, daß sowie die Dinge der Natur und die Künste, so auch die Rede und Sprache mehrere unter einander verschiedene Dinge umfasse, die jedoch eines gleichen Lobes werth geachtet werden. Dieß zeigt sich bei den vorzüglichsten Dichtern und Rednern, die ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Schreibart jeder in seiner Art des größten Lobes würdig sind. Die aufgestellte Behauptung wird durch Beispiele bewiesen (VII – IX, 33.) – Ungeachtet der so großen Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Redeweisen, die aus der großen Verschiedenheit der Fähigkeiten der Redner hervorgeht, lassen sich doch für die Beredsamkeit allgemein gültige Regeln aufstellen, nur muß der Lehrer der Beredsamkeit besonders darauf achten, wohin einen Jeden seine natürliche Anlage vorzugsweise führt. (IX, 34 – 36.)

B. Jetzt folgt die Lehre selbst von dem Schmucke oder der Schönheit der Rede. Grundregel: Wir müssen ächt Lateinisch, deutlich, geschmückt und dem Gegenstande der Verhandlung angemessen reden. Ueber die Reinheit und Deutlichkeit der Rede Regeln zu ertheilen hält er für überflüssig, da dieß schon in den Schulen gelehrt wird. Er beschränkt sich daher nur auf einige Bemerkungen.

a) Die Sprachrichtigkeit ( der ächt Lateinische Ausdruck) α) wird besonders durch das Lesen der Dichter und Redner gefördert. (X.) – β) Man muß gute Worte gebrauchen und bei ihnen den richtigen Gebrauch ihrer grammatischen Formen beobachten; – γ) Auch die Zunge und den Ton der Stimme muß man regeln, um sich eine richtige und feine Aussprache anzueignen. (XI und XII.)

b) Die Deutlichkeit beruht auf Sprachrichtigkeit, auf Anwendung gebräuchlicher und die Sache deutlich bezeichnender Worte, auf Vermeidung zweideutiger Ausdrücke und Reden, ferner darauf, daß man nicht zu lange Perioden bilde, sinnbildliche Darstellungen nicht sehr ausdehne, die Gedanken nicht zerreiße, die Zeiten nicht umkehre, die Personen nicht verwechsele, die Ordnung nicht verwirre. (XIII.)

c) Der Schmuck oder die Schönheit der Rede. Allgemeine Betrachtung: die Schönheit und Angemessenheit der Rede sind die Theile der Beredsamkeit, auf denen ihr ganzer Ruhm beruht. Die Schönheit umfaßt alle Vorzüge der Rede, Deutlichkeit, Fülle, lichtvolle Darstellung der Sachen und Gedanken, rhythmische Bewegung der Rede. Die Angemessenheit der Rede verlangt, daß man den Ton der Rede so zu stimmen weiß, wie es die Würde der Sachen und Personen erheischt. Wer sich diese beiden Eigenschaften aneignen will, der muß das gründlichste Studium anwenden und sich die umfassendsten und gediegensten Kenntnisse über alle Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens zu erwerben suchen. Und diese Kenntnisse müssen zugleich auch mit Rechtschaffenheit und der höchsten Klugheit verbunden werden (XIV), d. h. die Kunst des Denkens und Redens, worin die Weisheit besteht, muß der Redner in sich vereinigen.

Diese Bemerkung veranlaßt den Crassus zu einer Abschweifung, in der er zeigt, daß bei den alten Griechen und Römern beide Künste vereinigt gewesen seien (XV), daß aber Sokrates die in der Wirklichkeit zusammenhängenden Wissenschaften weise zu denken und schön zu reden in seinen Untersuchungen getrennt habe, und daß daraus die ungereimte, schädliche und tadelnswerthe Trennung der Zunge und des Herzens hervorgegangen und eine Trennung der Lehrer der Weisheit und der Lehrer der Beredsamkeit bewirkt worden sei. (XVI.) Aufzählung der Sokratischen Schulen, unter denen sich die Epikureische wegen ihrer Grundsätze am Wenigsten für den Redner eignet (XVII), auch nicht sehr die Stoische wegen ihrer mit dem gewöhnlichen Leben in Widerspruch stehenden Ansichten und wegen ihrer dem Volke ganz unverständlichen Ausdrucksweise, am meisten aber die der Peripatetiker und die der alten und der neuen Akademiker. (XVIII.) Insbesondere muß sich der Redner die dialektische Gewandtheit des Aristoteles und des neuen Akademikers Karneades anzueignen suchen. (XIX.)

Dann kehrt er zu dem schon ausgesprochenen Satze zurück, daß der erst ein wahrer und vollkommener Redner sei, welcher mit der Gewandtheit der philosophischen Dialektik die Uebung der Rednerschule und die Fertigkeit im Reden verbinde. (XXI.) – Einige Worte über des Crassus Studiengang. (XXII.) – Die Wissenschaften und Künste, die der Redner zum Behufe der Beredsamkeit treibt, werden von dem Redner mit weniger Thätigkeit und mit geringerem Zeitaufwande getrieben, als von denen, die dieselben zu ihrem Lebensberufe gemacht haben. Daher ist auch die Erlernung derselben nicht zu schwierig. (XXIII.) Will aber Einer nicht ein gewöhnlicher, sondern ein Redner in höherem Sinne sein, so muß er sich einen großen Vorrath von mannigfaltigen Sachkenntnissen aneignen. (XXIV.)

Jetzt kehrt Crassus zu dem eigentlichen Gegenstande von dem Schmucke der Rede zurück. α) Der Schmuck bezieht sich theils auf die ganze Rede, auf die ganze Färbung der Rede, theils auf einzelne Worte und Gedanken, auf Verzierungen der Rede in einzelnen Worten und Gedanken. – β) Diese einzelnen Glanzpunkte oder Zierate dürfen nicht gleichmäßig über die ganze Rede ausgeschüttet, sondern müssen zweckmäßig und sparsam vertheilt sein, damit nicht Ueberdruß und Ekel erregt werde. (XXV.) Die Rede muß auch schattige Stellen haben, damit die Lichtseiten um so mehr hervortreten. – γ) Die Lieblichkeit des Redners soll herb und kernhaft sein, aber nicht süßlich und kraftlos. – δ) Das höchste Lob der Beredsamkeit besteht in der Vergrößerung der Gegenstände (XXVI), die bei der Beweisführung, bei der Gewinnung der Gemüther und ganz besonders bei der Aufregung der Gemüther angewendet wird. Förderlich für die Vergrößerung sind die Uebungen im Loben und Tadeln, ferner die sogenannten Gemeinplätze (Beweisquellen), von denen ein Theil doppelseitige Erörterungen, in denen über einen allgemeinen Satz für und wider gesprochen wird, enthält. Diese dialektischen Uebungen sind den Peripatetikern und (älteren und neueren) Akademikern eigentümlich. (XXVII.) Von diesen muß der Redner, was er nöthig hat, entlehnen.

Hier macht nun Crassus eine neue Abschweifung über die Eintheilung der Reden nach der Ansicht der Philosophen. Die bürgerliche Rede zerfällt in zwei Arten, von denen die eine sich mit Streitfragen beschäftigt, die nach Zeit und Personen bestimmt sind, die andere unbestimmte Fragen über etwas Allgemeines behandelt. (XXVIII.) Beide Arten beziehen sich entweder auf das Erkennen oder auf das Handeln. Die Erkenntniß zerfällt in drei Arten: Muthmaßung, Erklärung und Folgerung, und jede dieser Arten zerfällt wieder in mehrere Unterarten. (XXIX.) Die auf das Handeln bezüglichen Streitfragen beschäftigen sich entweder mit der Erörterung einer Pflicht oder mit Aufregung und Dämpfung der Leidenschaften. Nach dieser Erörterung erklärt Crassus diejenigen Reden für die schönsten, welche von der besonderen Streitfrage ausgehend sich zu der Entwickelung des Wesens der ganzen Gattung erheben. Um dieß aber zu erreichen, muß man sich die umfassenden und gründlichsten Sachkenntnisse aneignen und daher die Wissenschaften und namentlich die ganze Staatswissenschaft, sowie auch die Philosophie umfassen. Reichtum an Sachen erzeugt Reichtum an Worten, und wenn in den Sachen selbst, von denen man redet, Würde liegt, so entspringt aus der Natur der Sache selbst Glanz und Schönheit in den Worten. (XXX und XXXI.) – Catulus, des Crassus Vortrag bewundernd, bemerkt, daß die früheren Lehrer der Beredsamkeit, die Sophisten, wie Hippias, Prodikus, Thrasymachus, Protagoras, Gorgias, das ganze Gebiet der freien und edelen Wissenschaften und Künste als mit ihrer Wissenschaft in Verbindung stehend umfaßt hätten. (XXXII.) – Auch Crassus führt eine Anzahl von alten Römern an, die als Redner oder Staatsmänner im Besitze der zu ihrer Zeit in Rom bekannten Wissenschaften waren, und klagt die Trägheit seiner Zeit an. (XXXIII.) Darauf beruft er sich auf die sieben Weisen, auf Pisistratus, Perikles, Kritias, Alcibiades, Dion, Timotheus, Epaminondas, Agesilaus, Philolaus: lauter Männer, die die Tüchtigkeit im praktischen Leben mit der Wissenschaft verbanden. (XXXIV.) Alsdann gedenkt er des Aristoteles, der in seinem Unterrichte Sachkenntniß mit Redeübung verband. Zuletzt erklärt er, daß weder die Gelehrsamkeit ohne Redefertigkeit, noch die Redefertigkeit ohne Gelehrsamkeit Lob verdienen; dem kenntnißreichen Redner aber gebühre der Vorrang vor Allem. (XXXV.)

Nach einigen Bemerkungen des Cotta, Cäsar und Sulpicius (XXXVI) kehrt Crassus zu seiner Aufgabe die Schönheit und den Schmuck der Rede abzuhandeln zurück.

A) Die Schönheit und der Schmuck der Rede entspringt entweder aus einzelnen Worten oder aus der Verbindung der Worte.

aa) Die einzelnen Worte sind entweder eigentliche oder übertragene oder neue; diesen fügt er bald darauf noch die ungewöhnlichen hinzu.

aaa) Von den eigentlichen Worten muß man die auserlesenen und lichtvollen anwenden, die niedrigen und verschollenen vermeiden. (XXXVII.)

bbb) Die ungwöhnlichen, meist altertümlichen Worte gewähren, an schickliche Stellen gebracht, der Rede ein würdevolles Ansehen.

ccc) Die neuen Worte sind theils zusammengesetzte theils einfache. (XXXVIII, 152 – 154.)

ddd) Die übertragenen ( metaphorischen) Worte. Man gebrauche solche, welche die Sache veranschaulichen oder deutlicher bezeichnen oder Kürze des Ausdruckes bewirken. (XXXVIII, 155 – XXXIX.) – Grund, warum die übertragenen Worte mehr gefallen als die eigentlichen. Man hüte sich aber vor solchen Uebertragungen, in denen keine Aehnlichkeit liegt (XL), sowie auch vor solchen, in welchen die Aehnlichkeit zu weit hergeholt ist, und vor solchen, welche eine widrige Vorstellung hervorrufen können, oder vor solchen, welche die Sache zu stark oder zu schwach oder zu eng ausdrücken. Die Uebertragung ist, wenn sie zu hart erscheinen möchte, durch ein vorgesetztes Wort zu mildern. (XLI, 163 – 165.) – Aus der Metapher geht die Allegorie hervor, die auf der Verbindung mehrerer Worte beruht (XLI, 166); bei dieser muß man sich vor Dunkelheit hüten (XLII, 167). – Hieran schließen sich die Metonymie, die Vertauschung eines Wortes, die Synekdoche (XLII, 168) und die Katachresis (Wortmißbrauch) (XLIII, 169).

bb) Die Verbindung der Worte. Hier kommt es erstens auf die Stellung der Worte, zweitens auf den Rhythmus der Worte an.

α) Die Stellung der Worte besteht darin, daß die Worte sich bequem und glatt zusammenfügen und nicht rauh zusammenstoßen oder auseinander klaffen. (XLIII.)

β) Der Rhythmus der Worte besteht in der nach gewissen Tonverhältnissen abgemessenen Bewegung der Rede. (XLIV.) Die Beobachtung des Rhythmus ist wegen der großen Biegsamkeit und Geschmeidigkeit der Sprache minder schwierig, als es für den ersten Augenblick scheint; zudem zeigt sich, wie in allen Schöpfungen der Natur und der Kunst, so auch in der Rede in Beziehung auf ihre rhythmische Gestaltung die innigste Verbindung der Schönheit mit dem Nutzen und der Nothwendigkeit. (XLV und XLVI.) Der Rhythmus der Rede beruht auf dem Gebrauche gewisser Versfüße, wobei man sich jedoch hüten muß, daß die Rede nicht durch zu häufige Versfüße ein Vers oder versähnlich werde. Angabe der Versfüße, welche sich für den Redner am Besten eignen (XLVII), und Bemerkungen über die Anwendung der Rhythmen (XLVIII und XLIX). Die größte Sorgfalt ist auf den Schluß der Perioden zu verwenden. Selbst der ungebildete Haufe zeigt Sinn und Empfänglichkeit für die Schönheit einer rhythmisch gebildeten Rede (L), da die Rhythmen und die Töne in der innigsten Verwandtschaft mit dem Wesen des menschlichen Geistes stehen. (LI.).

B) Die Schönheit und der Schmuck der ganzen Rede, mag sie der erhabenen oder niedrigen oder mittleren Redeform angehören, hinsichtlich ihrer Gestalt und Färbung beruht darauf, daß natürliche Anmuth sich über das Ganze verbreitet, und die Worte zu wohlgegliederten Perioden, die Gedanken aber zu erhabener Würde der Rede gebraucht werden. (LII.)

C) Endlich dient zur Ausschmückung und Belebung der Rede der Gebrauch der Redefiguren in den Gedanken und in den Wörtern. (LII, 201. – LIV.)

C. Hierauf redet Crassus von der Angemessenheit und Schicklichkeit der Rede. Diese beruht auf sorgfältiger Beachtung der Sache, der Zuhörer, der Personen und der Zeit. Man muß daher die höhere, die niedrige und die mittlere Redeform auf eine dem Wesen des zu behandelnden Gegenstandes angemessene Weise auswählen.

D. Zuletzt trägt Crassus seine Ansicht über den äußeren Vortrag (die Aktion) vor, der in der Beredsamkeit die größte Macht hat. (LVI.) Jede Gemüthsbewegung hat ihre eigenen Mienen, Töne und Gebärden. Die Töne müssen dem Redner, wie die Farben dem Maler, zu Gebote stehen, um die mannigfaltigen Gemüthsbewegungen auszudrücken. (LVII und LVIII.) – Die Gemüthsbewegungen muß das Gebärdenspiel begleiten, das aber nicht ein bühnenmäßiges sein darf, sondern ein kräftiges, von den Waffen oder der Ringschule entlehntes. Hierbei kommen die Hände, das Gesicht und ganz besonders die Augen in Betracht. (LIX.) Das Wichtigste aber in dem äußeren Vortrage ist die Stimme. Für ihre Erhaltung und Ausbildung muß der Redner möglichst Sorge tragen. Die Uebung die Stimme stufenweise aufsteigen und hinabsteigen und so die ganze Tonleiter durchlaufen zu lassen, trägt einerseits zur Erhaltung der Stimme bei, andererseits verleiht sie dem äußeren Vortrage Lieblichkeit. (LX und LXI, 227 und 228.)

III. Schluß. Catulus, dem Crassus für seinen Vortrag seinen Dank aussprechend, beklagt, daß sein Schwiegersohn Hortensius nicht zugegen gewesen ist: worauf Crassus sich in eine Lobeserhebung dieses jungen so hoffnungsvollen Redners ergießt. (LXI, 229 und 230.)

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.