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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 193
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXXI. 122. Unser Besitztum ist ja, wenn anders wir Redner sein wollen, wenn man uns in den Streitigkeiten der Bürger, in ihren Gefahren, in den öffentlichen Beratungen als Rathgeber und Stimmführer anwenden soll – unser Besitztum, sage ich, ist diese ganze Staatswissenschaft und Gelehrsamkeit. In dasselbe sind aber, als ob es verfallen und herrenlos wäre, während wir mit Geschäften überhäuft waren, Menschen, die an Muße Ueberfluß hatten, eingefallen und treiben sogar, wie Sokrates im GorgiasS. zu Buch I. Kap. 11. Anm. 120., mit dem Redner ihren Spott und Hohn oder geben einige Regeln über die Kunst des Redners in wenigen dürftigen Büchern, die sie Lehrbücher der Redekunst benennen, als ob nicht das ein Eigentum der Redekünstler wäre, was von ihnen über die Gerechtigkeit, über die Pflicht, über die Einrichtung und Verwaltung der Staaten, über die rechte Lebensweise, endlich über die Beschaffenheit der Natur vorgetragen wird. 123. Da wir diese Lehren jetzt anderswoher nicht mehr entlehnen können, so müssen wir sie gerade von denen entlehnen, die uns ausgeplündert haben, nur daß wir sie auf die Staatswissenschaft, worauf auch eigentlich ihr Zweck gerichtet ist, anwenden und nicht, wie ich zuvor bemerkte, unsere ganze Lebenszeit auf die Erlernung dieser Dinge verwenden, sondern uns nur mit den Quellen bekannt machen, die man entweder schnell oder überhaupt nicht kennen lernt; und dann, so oft es nöthig ist, aus ihnen so viel schöpft, als die Sache verlangt. 124. Denn sowie einerseits der Mensch nach seinen natürlichen Anlagen nicht einen so durchdringenden Scharfsinn besitzt, daß er so schwierige Gegenstände ohne alle Anweisung erkennen kann, so ist andererseits die Dunkelheit derselben nicht so groß, daß sie nicht ein Mann von durchdringendem Verstande gründlich durchschauen sollte, sobald er nur auf sie seinen Blick richtet. Da also der Redner in diesem so großen und unermeßlichen Felde frei umherschweifen und, wohin er tritt, auf seinen Grund und Boden treten kann; so bietet sich ihm leicht der ganze Vorrath und Schmuck der Rede dar. 125. Denn Reichtum an Sachen erzeugt Reichtum an Worten, und wenn in den Sachen selbst, von denen man redet, Würde liegt, so entspringt aus der Natur der Sache selbst Glanz in den Worten. Wer reden oder schreiben will, der habe nur in seiner Jugend eine edele Erziehung und Bildung genossen, besitze brennenden Eifer, werde von der Natur unterstützt, habe sich in den allgemeinen und unbestimmten Streitfragen wohl geübt und sich die geschmackvollsten Schriftsteller und Redner zum Lesen und Nachahmen gewählt; und wahrlich er wird nicht eben nöthig haben von jenen Lehrmeistern zu erlernen, wie er seine Worte setzen und in das gehörige Licht setzen soll: so leicht wird er bei dem Reichtume an Sachen zu den Mitteln zur Ausschmückung der Rede ohne Führer durch die Natur selbst, wenn sie nur geweckt worden ist, gelangen.

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