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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 187
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXV. 96. Was nun den Schmuck der Rede betrifft, so ist er zuerst ein auf das Ganze bezüglicher, der gleichsam auf der ihr eigenen Farbe und dem ihr eigenen Safte beruht. Denn soll sie gewichtvoll, lieblich, fein gebildet, edel, bewunderungswürdig, geglättet sein, soll sie Empfindungen und Rührungen ausdrücken, soweit es nöthig ist: so liegt das nicht in den einzelnen Gliedern; in dem ganzen Körper tritt dieß hervor. Soll sie hingegen, so zu sagen, mit den Blüten der Worte und Gedanken bestreut sein, so dürfen diese nicht gleichmäßig über die ganze Rede ausgeschüttet, sondern so verteilt sein, wie die bei einem Festprunke hier und da aufgestellten Prachtstücke und leuchtende Zierate. 97. Man muß also eine Redeweise wählen, die die Zuhörer sehr fesselt, und die nicht allein ergötzt, sondern auch ohne Ueberdruß ergötzt; – das werdet ihr ja, glaub' ich, nicht von mir erwarten, daß ich euch vor einem dürftigen, ungebildeten, gemeinen, veralteten Vortrage warne; an etwas Höheres mahnt mich euer Geist und euer Alter. – 98. Denn es ist schwer den Grund abzugeben, warum wir gerade gegen diejenigen Dinge, die unsere Sinne am Meisten entzücken und bei ihrer ersten Erscheinung am Lebhaftesten in Bewegung setzen, durch Ekel und Ueberdruß am Schnellsten eine Abneigung empfinden. Um wie viel hervorstechender durch die Schönheit und Mannigfaltigkeit der Farben ist das Meiste auf den neuen Gemälden als auf den alten? Gleichwol ergötzen uns jene, wenn sie uns auch beim ersten Anblicke einnehmen, nicht auf die Länge, während wir uns bei den alten Gemälden selbst durch ihren rauhen und unserem Geschmacke fremd gewordenen Charakter angezogen fühlen. Um wie viel weicher und zarter sind im Gesange die Schleifer und Falsette als die bestimmten und ernsten Töne? Und dennoch äußern nicht nur Männer von finsterem Ernste, sondern, wenn sie öfter wiederkehren, selbst die große Menge laut ihr Mißfallen. 99. Man kann dieß auch bei den übrigen Sinnen sehen. Salben, die mit sehr starken und durchdringenden Wohlgerüchen durchwürzt sind, ergötzen uns nicht so lange als die mäßig duftenden, und mehr wird das gelobt, was nach Wachs, als was nach Safran zu riechen scheint. Selbst für den Sinn des Gefühls gibt es ein gewisses Maß von Weichheit und Glätte. Ja sogar der Geschmack, der unter allen Sinnen der genußsüchtigste ist und der durch die Süßigkeit mehr als die übrigen Sinne gereizt wird, wie schnell verabscheut und verschmäht er das sehr Süße? Wer kann sehr lange süße Getränke oder Speisen genießen? während wir derjenigen, welche nur in schwachem Grade den Sinn angenehm berühren, am Wenigsten leicht überdrüssig werden. 100. So grenzt in allen Dingen an die größten Sinnengenüsse Ueberdruß. Um so weniger kann uns dieß bei der Rede befremden, bei der wir sowol aus Dichtern als aus Reden beurtheilen können, daß ein Vortrag in gebundener oder ungebundener Rede, der zwar wohl abgerundet, zierlich, geschmückt, schön aufgeputzt ist, aber der Ruhepunkte, der Abwechslung und Mannigfaltigkeit entbehrt, mag er auch in den hellsten Farben prangen, doch auf die Länge uns nicht ergötzen kann. Und um so schneller findet man an den Schnörkeleien und der Schminke eines Redners oder Dichters Anstoß, weil, während die Sinne bei einem Uebermaße der Lust von Natur und nicht nach dem Urtheile des Verstandet übersättigt werden, in Schriften und Reden nicht bloß nach dem Urtheile der Ohren, sondern nach dem des Verstandes die aufgetragene Schminke um so leichter erkannt wird.

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