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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 186
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXIV. 90. Ja, ja, sagte Catulus, ich verstehe schon, mein Crassus, was du meinst, und wahrlich ich stimme dir bei; ich sehe, daß du, ein Mann von so großem Lerneifer, Zeit genug gehabt hast, um das zu erlernen, was du in deinem Vortrag erwähnt hast. – Fährst du denn noch immer fort, erwiderte Crassus, meinen Vortrag auf meine Person und nicht auf die Sache selbst zu beziehen? Doch, wenn es beliebt, laßt mich jetzt zu dem Vorhaben zurückkehren. – Sehr gern, sagte Catulus. – 91. Hierauf fuhr Crassus fort: Was ist nun der Zweck dieser so langen und so weit ausgeholten Rede? Die beiden Theile, die mir noch übrig sind, durch die der Rede Glanz verliehen und die ganze Beredsamkeit zur höchsten Vollendung erhoben wird, von denen der eine einen geschmückten, der andere einen angemessenen Vortrag verlangt, haben die Bedeutung, daß die Rede möglichst anziehend sei, daß sie sich so viel als möglich in die Empfindungen der Zuhörer ergieße, und daß sie mit möglichst reicher Sachkenntniß ausgerüstet sei. 92. Der Stoff unserer gerichtlichen Beredsamkeit aber, der in Zänkereien und Leidenschaften besteht und in den Vorurtheilen der großen Menge seine Quelle hat, ist wahrlich dürftig und bettelhaft. Andererseits ist aber auch der Stoff, den diejenigen lehren, die sich für Lehrer der Beredsamkeit ausgeben, nicht viel bedeutender als jener gewöhnliche vor den Gerichten. Einen Vorrath von Sachen haben wir nöthig, den wir überall aufgesucht und von allen Seiten gesammelt, herbeigeholt und zusammengetragen haben, wie du, Cäsar, für das nächste Jahr thun mußtCäsar gedachte im nächsten Jahre Aedil zu werden. Mit der Aedilität war die Besorgung der öffentlichen Schauspiele verbunden, die große Vorbereitungen erforderte., und wie ich mich in meiner Aedilität angestrengt habe, weil ich durch alltägliche und gewöhnliche Sachen unser so verwöhntes Volk nicht befriedigen zu können glaubte. 93. Die Wahl und die Stellung der Worte, sowie den Schlußfall der Rede lernt man leicht durch Regeln oder auch ohne Regeln durch die bloße Uebung. Der Stoff der Sachen aber ist groß, und da diesen die Griechen nicht mehr besitzen, und aus diesem Grunde unsere Jugend durch das Lernen beinahe verlernte, so sind, so Gott will, sogar auch Lateiner als Lehrmeister der Beredsamkeit in den beiden letzten Jahren aufgetreten, obwol ich ihnen als Censor das Handwerk gelegt hatte, nicht, wie gewisse Leute mir Schuld gegeben haben sollen, als sähe ich es nicht gern, daß der Verstand der jungen Männer geschärft werde. sondern vielmehr, weil ich nicht wollte, daß ihr Verstand abgestumpft, ihre Unverschämtheit hingegen gestärkt werde. 94. Denn bei den Griechen, wie sie auch beschaffen sein mochten, sah ich doch außer der Zungenfertigkeit einige Gelehrsamkeit und eine der Wissenschaft entsprechende feine Bildung; von diesen neuen Lehrmeistern hingegen überzeugte ich mich, daß sie nichts Anderes lehren konnten als dreist sein, was selbst mit guten Kenntnissen verbunden an und für sich sorgfältig vermieden werden muß. Da sie nun dieses Eine nur lehrten, und ihre Schule eine Schule der Unverschämtheit war; so hielt ich es als Censor für meine Pflicht dafür Sorge zu tragen, daß das Uebel nicht weiter um sich griffe. 95. Doch will ich hiermit meine Ansicht nicht so entschieden aussprechen, als ob ich alle Hoffnung aufgäbe, daß die Gegenstände, von denen wir gesprochen haben, in der Lateinischen Sprache auf eine geschmackvolle Weise gelehrt werden könnten; denn sowol unsere Sprache als auch die Beschaffenheit der Sachen gestatten es jene alte herrliche Weisheit der Griechen für uns zu benutzen und unserer Weise anzupassen; aber dazu bedarf es kenntnißreicher Männer, wie sie sich bis jetzt, wenigstens in diesem Fache, noch nicht unter den Unsrigen gefunden haben; sollten aber dereinst solche aufstehen, so werden sie sogar vor den Griechen den Vorzug verdienen.

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