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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 184
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XXII. 82. Hierauf sagte Catulus: Wahrlich man darf sich gar nicht wundern, Crassus, daß du eine so große Kraft, Anmuth und Fülle der Beredsamkeit besitzest. Denn während ich vormals der Ansicht war, du habest es bloß deinen Naturgaben zu verdanken, daß du mir in deinen Reden nicht allein als der ausgezeichnetste Redner, sondern auch als der weiseste Mann erschienst: so sehe ich jetzt, daß du zu jeder Zeit die Beschäftigung mit der Philosophie als Hauptsache betrachtet hast, und daß dieser Quelle die Fülle deiner Beredsamkeit entströmt ist. Aber gleichwol wenn ich mir alle Stufen deines Alters vergegenwärtige, und wenn ich dein Leben und deine Beschäftigungen betrachte; so begreife ich nicht, zu welcher Zeit du diese Kenntnisse gesammelt hast, und sehe auch nicht, daß du mit diesen Wissenschaften, Gelehrten und Büchern sehr eifrig verkehrst. Nicht jedoch kann ich entscheiden, ob ich mich mehr darüber wundern kann, daß du jene Kenntnisse, die ich, von dir überzeugt, für sehr wichtige Hülfsmittel halte, bei deinen so vielen Geschäften hast erlernen können, oder darüber, daß, wenn dir dieß nicht möglich war, du dennoch so vortrefflich reden kannst. 83. Da erwiderte Crassus: Vor Allem wünschte ich dich davon zu überzeugen, mein Catulus, daß ich es nicht viel anders mache, wenn ich von dem Redner handle, als ich es machen würde, wenn ich von dem Schauspieler reden sollte. Ich würde behaupten, er könne im Gebärdenspiele nicht befriedigen, wenn er nicht die Ringschule durchgemacht und das Tanzen erlernt hätte. Wenn ich nun diese Behauptung aufstellte, so brauchte ich deßhalb nicht selbst ein Schauspieler zu sein, sondern vielleicht nur ein nicht ungeschickter Beurtheiler einer fremden Kunst. 84. Auf gleiche Weise rede ich jetzt auf euer Verlangen von dem Redner, versteht sich von dem vollkommensten. Denn so oft über eine Kunst oder Fertigkeit die Frage entsteht, bezieht sie sich immer auf die vollkommenste und in sich abgeschlossene. Soll ich also nach euerem Urtheile ein Redner sein, auch ein ziemlich guter, ja wol gar ein guter Redner; so will ich mich nicht dagegen auflehnen; wozu soll ich mich jetzt zieren? ich weiß ja, daß ihr mich dafür haltet. Ist dieß nun auch so, so bin ich doch gewiß nicht der vollkommenste; denn es gibt auf der Welt keine Sache von größerer Schwierigkeit und Wichtigkeit, keine, die mehr Hülfsmittel der Gelehrsamkeit erforderte. 85. Aber gleichwol muß ich, weil ich vom Redner handeln soll, nothwendiger Weise von dem vollkommensten reden. Denn das eigentliche Wesen einer Sache läßt sich dann erst recht begreifen, wenn sie in ihrer Vollkommenheit uns vor die Augen gestellt wird. Was mich aber anlangt, so muß ich, Catulus, gestehen, daß ich weder gegenwärtig mit philosophischen Büchern und mit Philosophen Umgang pflege, noch auch, wie du recht wohl weißt, je irgend eine Zeit zu wissenschaftlichen Beschäftigungen ausgesetzt, sondern nur so viel Zeit der gelehrten Bildung gewidmet habe, als das Knabenalter und die gerichtlichen Feiertage mir gestatteten.

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