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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 176
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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XIV. Ei freilich, sagte Antonius, du siehst ja, wie wir ganz andere Dinge treiben, wie ungern wir dir zuhören, wir, die wir – ich schließe von mir auf Andere – uns bewegen lassen alles Andere bei Seite zu setzen, um dir nachzugehen, um dir zuzuhören; so zierlich verstehst du dich über Rauhes, so reichhaltig über Mageres, so neu über Allbekanntes auszudrücken. 52. Kein Wunder, Antonius, erwiderte er; denn die beiden Abschnitte über die Richtigkeit der Sprache und die Deutlichkeit des Vortrages, die ich eben durchlief oder vielmehr beinahe überging, waren leicht; die übrigen hingegen sind umfassend, verwickelt, mannigfaltig, gewichtig; auf ihnen beruht die ganze Bewunderung des Geistes, der ganze Ruhm der Beredsamkeit. Nie hat Jemand einen Redner bewundert, weil er sprachrichtig redete; ist dieß nicht der Fall, so verlacht man ihn und hält ihn gar nicht für einen Redner, ja kaum für einen Menschen. Niemand hat den gepriesen, der so deutlich redete, daß die Anwesenden seinen Vortrag verstehen konnten; wohl aber verachtete man den, der dieß nicht leisten konnte. 53. Vor wem also werden die Menschen mit einem ehrfurchtsvollen Schauer erfüllt? wen schauen sie während seines Vortrages mit Staunen an? wem rufen sie lauten Beifall zu? wer erscheint ihnen, um mich so auszudrücken, wie ein Gott unter den Menschen? Wer deutlich, wer klar, wer mit Fülle, wer lichtvoll hinsichtlich der Sachen sowol als der Gedanken redet und in der Rede selbst ein gewisses Ebenmaß und versartiges Silbenmaß beobachtet, und das ist das, was ich unter einem schönen Vortrage verstehe. Wer aber zugleich den Ton der Rede so zu stimmen weiß, wie es die Würde der Sachen und der Personen erheischt, der besitzt die lobenswerthe Eigenschaft eines angemessenen und passenden Vortrages. 54. Einen solchen Redner, erklärte AntoniusS. Buch I. Kap. 21, §. 95., habe er bis jetzt noch nicht gesehen, und nur einem solchen, behauptete er, dürfe man den Namen eines Redners beilegen. Verlacht und verachtet also auf meine Verantwortung alle die, welche durch die Regeln der heutigen sogenannten Redekünstler die ganze Bedeutung des Redners umfaßt zu haben meinen und doch nicht begreifen konnten, welche Person sie vorstellen oder welchen Beruf sie haben. Denn in der That der Redner muß alle Verhältnisse und Beziehungen des menschlichen Lebens, weil dieses das Gebiet seiner Thätigkeit ist und als der Stoff seiner Reden vorliegt, untersucht, gehört, gelesen, besprochen, behandelt und bearbeitet haben. Denn die Beredsamkeit ist eine von den höchsten TugendenS. Buch I. Kap. 18, §. 83.. 55. Obwol alle Tugenden unter sich gleich und ähnlich sind, so ist doch nach der äußeren Erscheinung die eine schöner und mehr in die Augen fallend als die andere. Von solcher Art ist die Geschicklichkeit des Redners, welche im Besitze gründlicher Sachkenntnis die Gedanken und Ratschläge des Geistes so in Worten darzulegen weiß, daß sie die Zuschauer nach jeder Seite, wohin sie sich neigen mag, hintreiben kann. Je größer aber diese Geschicklichkeit ist, um so mehr muß sie mit Rechtschaffenheit und der höchsten Klugheit verbunden werden. Denn wollten wir denen, die dieser Tugenden entbehren, die Beredsamkeit lehren; so würden wir sie nicht zu Rednern bilden, sondern Rasenden Waffen in die Hand geben.

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