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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 171
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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IX. 32. Ich kehre jetzt zu uns selbst zurück; denn wir haben uns immer in der Lage befunden, daß die Menschen uns in ihren Gesprächen mit einander verglichen und wie in einem Wettstreite über uns zu Gerichte saßen, und doch kann es wol zwischen Rednern eine größere Unähnlichkeit geben als zwischen mir und Antonius? Er ist ein so vortrefflicher Redner, daß sich keiner mit ihm messen kann; ich aber, obwol ich mir selbst nicht genüge, werde doch gerade mit ihm in der Vergleichung zusammengestellt. Ihr kennt ja die dem Antonius eigentümliche Redeweise. Sie ist kräftig, feurig, leidenschaftlich im Vortrage, sich verwahrend, sich nach allen Seiten der Sache hin verschanzend, durchdringend, scharfsinnig, den Kern der Sache erfassend, bei einem jeden Gegenstande verweilend, mit Anstand sich zurückziehend, hitzig verfolgend, in Schrecken setzend, flehend, ausgezeichnet durch die größte Mannigfaltigkeit der Rede, nie unsere Ohren langweilend. 33. Ich hingegen, wenn ich wirklich in der Beredsamkeit Etwas leiste – ihr meint ja, ich hätte einige Geltung als Redner –, weiche doch gewiß von seiner Redeweise sehr ab. Worin der Unterschied bestehe, kommt mir nicht zu zu sagen, deßhalb weil Jeder sich am Wenigsten kennt und am Schwierigsten über sich selbst urtheilt; aber gleichwol läßt sich der Unterschied erkennen theils aus meinen mäßigen Bewegungen, theils daraus, daß ich auf der Stelle, die ich beim Beginne der Rede betrete, gewöhnlich bis zum Schlusse derselben stehen zu bleiben pflege, theils endlich daraus, daß mir die Wahl der Worte weit mehr Mühe und Sorge macht, weil ich besorge, mein Vortrag möchte, wenn er sich in zu abgenutzten Ausdrücken bewegte, der Erwartung und Stille der Versammlung nicht würdig erscheinen. 34. Wenn nun bei uns, die wir hier gegenwärtig sind, so große Verschiedenheiten, so bestimmte Eigenschaften eines jeden hervortreten, und wenn bei dieser Mannigfaltigkeit der Unterschied zwischen dem Besseren und Schlechteren gemeiniglich mehr auf der Fähigkeit des Redners als auf der Redegattung beruht, und Alles Beifall findet, das in seiner Art vollkommen ist: was meint ihr, wenn wir sämmtliche Redner aller Orte und Zeiten umfassen wollten? Würden sich nicht beinahe ebenso viele Arten der Beredsamkeit finden als Redner? Diese meine Erörterung könnte vielleicht den Einwurf hervorrufen: wenn es, um mich so auszudrücken, fast unzählige Gebilde und Gestalten der Rede gibt, die der äußeren Erscheinung nach verschieden, dem inneren Wesen nach aber lobenswürdig sind; so kann man unmöglich diese so von einander abweichenden Dinge durch die nämlichen Regeln und durch eine und dieselbe Unterweisung lehren. 35. Doch dieß verhält sich nicht so; nur müssen diejenigen, welche Andere bilden und unterrichten, auf das Sorgfältigste beachten, wohin einen Jeden seine natürliche Anlage vorzugsweise zu führen scheint. Denn wir sehen, daß aus der nämlichen Schule der größten Künstler und Lehrmeister, eines jeden in seiner Art, Schüler hervorgegangen sind, die einander unähnlich und doch lobenswürdig waren, da sich der Unterricht des Lehrers den natürlichen Anlagen eines Jeden anbequemte. 36. Ein recht auffallendes Beispiel hiervon gibt, um die anderen Wissenschaften zu übergehen, Isokrates, ein ausgezeichneter Lehrer, welcher sagte, bei Ephorus wende er Sporen an, bei TheopompusUeber Ephorus und Theopompus siehe zu Buch II. Kap. 13. Anm. 319. hingegen Zügel. Den letzteren nämlich, der sich gern in kühnen Ausdrücken erging, hielt er zurück; den ersteren, der unschlüssig und zurückhaltend war, feuerte er an. Doch machte er sie nicht einander ähnlich, sondern dem Einen bildete er nur Etwas an, dem Anderen feilte er etwas ab, und so bildete er bei beiden das aus, was die Natur eines Jeden zuließ.

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