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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 157
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXXXV. 345. Und weil nun die einzelnen Tugenden ihre bestimmten Pflichten und Obliegenheiten haben und einer jeden Tugend ihr eigentümliches Lob gebührt; so muß man zum Beispiele bei dem Lobe der Gerechtigkeit entwickeln, worin der, welcher gelobt wird, seine Treue, seine Unparteilichkeit und andere solche Pflichten erwiesen hat. Auf gleiche Weise müssen auch bei dem Lobe der übrigen Tugenden die Handlungen nach der Art, der Bedeutung und dem Namen jeder einzelnen Tugend bestimmt werden. 346. Als das angenehmste Lob sieht man das an, welches den Thaten gezollt wird, die von wackeren Männern ohne Rücksicht auf eigenen Vortheil und Belohnung unternommen scheinen; die vollends mit eigener Anstrengung und Gefahr verbunden sind, die bieten den reichsten Stoff zum Lobe, weil sie sich am Schönsten ausschmücken lassen und am Liebsten gehört werden. Denn nur das scheint die Tugend eines ausgezeichneten Mannes zu sein, welche Anderen gewinnreich, für ihn selbst aber mühsam und gefahrvoll oder wenigstens mit keiner Belohnung verbunden ist. Groß und bewunderungswürdig pflegt auch das Lob zu erscheinen, welches dem ertheilt wird, der Unglücksfälle mit Weisheit ertrug, sich durch das Schicksal nicht beugen ließ, in Widerwärtigkeiten des Lebens seine sittliche Würde behauptete. 347. Doch auch andere Dinge gereichen zur Zierde, wie Ehrenbezeigungen, die Jemandem erwiesen, Belohnungen, die seinem Verdienste zuerkannt wurden, Thaten, die nach dem Urtheile der Menschen Beifall ernteten, und sogar das Glück in diesen Dingen dem günstigen Urtheile der unsterblichen Götter zuzuschreiben ist dem Lobredner gestattet. Man muß aber Thaten auswählen, welche durch Größe vorzüglich oder hinsichtlich der Neuheit die ersten oder in ihrem Wesen selbst einzig sind. Denn weder unbedeutende noch gewöhnliche noch gemeine Dinge pflegen der Bewunderung oder überhaupt des Lobes würdig zu erscheinen. 348. Auch ist die Vergleichung mit anderen ausgezeichneten Männern in einer Lobrede etwas sehr Schönes. Ich habe für gut gefunden über diese Gattung etwas ausführlicher zu reden, als ich versprochen hatte, nicht sowol wegen des gerichtlichen Gebrauches, den ich in dieser ganzen Unterredung entwickelt habe, sondern damit ihr einsehet, daß, wenn die Lobreden zum Berufe des Redners gehören, was Niemand leugnet, dem Redner die Kenntniß aller Tugenden nothwendig sei, ohne welche er eine Lobrede nicht zu Stande bringen kann. 349. In Betreff der Regeln des Tadels ferner leuchtet ein, daß man sie von den entgegengesetzten Lastern entnehmen muß. Zugleich ist auch das augenscheinlich, daß, sowie man einen guten Mann ohne Kenntniß der Tugenden nicht angemessen und beredt loben, so auch einen schlechten Menschen ohne Kenntniß der Laster nicht kenntlich und scharf genug zeichnen und tadeln kann. Diese Quellen des Lobes und Tadels müssen wir oft in allen Arten von Verhandlungen anwenden. 350. Hier habt ihr nun meine Ansichten über die Erfindung und Anordnung der Gegenstände. Ich will noch Einiges über das Gedächtniß hinzufügen, um dem Crassus die Arbeit zu erleichtern und ihm für seine Erörterung weiter Nichts übrig zu lassen als die Lehre von der Ausschmückung der Rede.

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