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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 156
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXXXIV. Ich habe euch nun etwa, so gut ich konnte, über beide Gattungen der Reden meine Ansichten entwickelt, indem ich zeigte, welche Grundsätze ich zu befolgen, welche Fehler ich zu meiden, welche Rücksichten ich zu nehmen und welches Verfahren ich überhaupt in den gerichtlichen Verhandlungen anzuwenden pflege. 341. Auch die dritte Gattung, die Lobreden, die ich anfänglich gewissermaßen von meinen Vorschriften ausgeschlossen hatte, ist nicht schwer; aber ich wollte diesen ganzen Gegenstand ausschließen, theils weil es viele wichtigere und umfangreichere Gattungen der Rede gibt, über die jedoch nicht leicht Jemand Vorschriften ertheilt, theils weil wir Lobreden nicht eben häufig anzuwenden pflegen. Denn selbst die Griechen haben mehr zum Lesen und zum Vergnügen oder zur Verherrlichung einer Person als zum Bedürfnisse der gerichtlichen Verhandlungen Lobreden geschrieben, und sie besitzen Schriften, in denen Themistokles, Aristides, Agesilaus, Epaminondas, Philippus, Alexander und Andere gelobt werden. Unsere Lobreden hingegen, die wir auf dem Forum halten, haben entweder die nackte und schmucklose Kürze eines Zeugnisses oder werden in der Form einer Leichenrede geschrieben, die für die vorzüglichen Eigenschaften der Rede durchaus nicht geeignet ist. Gleichwol, weil wir sie doch zuweilen halten, zuweilen auch schreiben müssen, wie zum Beispiele Gajus Lälius für Publius Tubero die Lobrede auf dessen Oheim Africanus geschrieben hat, und wie wir selbst nach Art der Griechen eine Lobrede schreiben könnten, wenn wir eine Person verherrlichen wollten, möge auch dieser Gegenstand von uns behandelt sein. 342. Offenbar ist es nun, daß andere Eigenschaften in einem Menschen wünschenswerth, andere lobenswerth sind. Abkunft, Schönheit, Kräfte, Macht, Reichtum und die übrigen Glücksgüter, welche sich entweder auf unsere äußeren Umstände oder auf unseren Körper beziehen, schließen in sich kein wahres Lob, das man der Tugend allein ertheilt. Gleichwol muß man, weil sich die Tugend selbst in dem richtigen Gebrauche dieser Dinge hauptsächlich zeigt, auch in Lobreden diese Güter der Natur und des Glückes behandeln. Hierbei ist es das größte Lob, wenn Jemand sich seiner Macht nicht überhoben hat, im Besitze von Geld nicht anmaßend gewesen ist, im Ueberflusse des Glückes sich nicht Anderen vorgezogen hat, so daß ihm Macht und Reichtum nicht zu Stolz und Willkür, sondern zu Gutthätigkeit und Mäßigung Mittel und Werkzeug geboten zu haben scheinen. 343. Die Tugend aber ist zwar schon an und für sich lobenswürdig, und ohne sie kann Nichts gelobt werden; aber dennoch schließt sie mehrere Arten in sich, von denen die eine sich mehr als die andere zu Loberhebungen eignet. Einige Tugenden nämlich beruhen auf dem Charakter der Menschen, auf einer gewissen Leutseligkeit und Wohlthätigkeit, andere auf Vorzügen des Geistes oder aus Größe und Stärke der Seele. Denn die Erwähnung der Milde, Gerechtigkeit, Güte, Treue, Tapferkeit bei gemeinsamen Gefahren hört man gerne in Lobreden. 344. Von allen diesen Tugenden hat man ja die Ansicht, daß sie nicht sowol denjenigen selbst, die sie besitzen, als vielmehr dem Menschengeschlecht gewinnreich sind. Hingegen Weisheit und Seelengröße, nach welcher alle menschlichen Dinge als geringfügig und nichtig angesehen werden, sowie auch eine erfinderische Geisteskraft und selbst die Beredsamkeit werden zwar ebenso sehr bewundert, sind aber minder angenehm; denn sie scheinen mehr denjenigen selbst, die wir loben, als denjenigen, vor denen wir loben, zur Zierde und zum Schutze zu gereichen. Indeß muß man doch auch diese Arten der Tugenden in einer Lobrede mit den anderen verbinden; denn die Ohren der Menschen lassen es sich gefallen, daß nicht allein das Liebenswürdige und Angenehme, sondern auch das Bewunderungswürdige der Tugend gelobt wird.

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