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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 154
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXXXII. Im Senate bedürfen solche Vorträge geringerer Zurüstungen; denn hier findet sich eine weise Versammlung, und vielen Anderen muß man Zeit zum Reden lassen. Auch muß man den Verdacht meiden, als wolle man das Licht seines Geistes leuchten lassen. 334. Die Volksversammlung hingegen gestattet die ganze Kraft der Rede und erfordert allen Nachdruck und alle Mannigfaltigkeit des Vortrages. Bei Ertheilung von Rathschlägen nun muß man vor allen Dingen die sittliche Würde der Sache in's Auge fassen; denn wer den Nutzen für das Wichtigste hält, durchschaut nicht die Hauptabsicht des Rathgebers, sondern betrachtet nur das, worauf dieser zuweilen sein Augenmerk mehr richtet. Es gibt ja wol Niemanden, zumal in einem so berühmten Staate, der nicht der Ansicht wäre, daß die sittliche Würde am Meisten zu erstreben sei; aber der Nutzen gewinnt dann gewöhnlich die Oberhand, wenn sich die Besorgniß eingeschlichen hat, daß sich nach Hintansetzung des Nutzens auch die sittliche Würde nicht behaupten lasse. 335. Der Streit der Ansichten unter den Menschen bezieht sich entweder auf die Frage, ob das Eine oder das Andere nützlicher sei, oder, wenn man darüber einig ist, streitet man, ob man auf das sittlich Gute oder auf den Nutzen mehr Rücksicht nehmen soll. Weil nun dieses oft mit einander in Widerspruch zu stehen scheint, so wird der Vertheidiger des Nutzens die Vortheile des Friedens, des Reichtums, der Staatsgefälle, der militärischen Besatzungen und aller anderen Dinge, deren Werth wir nach dem Nutzen bemessen, aufzählen, sowie auch die Nachtheile der entgegengesetzten Dinge. Wer hingegen zur sittlichen Würde auffordert, wird die Beispiele der Altvordern, die selbst unter Gefahren Ruhm erstrebten, sammeln, das unsterbliche Andenken bei der Nachwelt hervorheben und die Behauptung aufstellen, daß Nutzen aus dem Ruhme entsprieße und immer mit der sittlichen Würde verbunden sei. 336. Aber was möglich sei oder nicht, sowie auch was nothwendig sei oder nicht, muß man in beiden Fällen auf das Sorgfältigste untersuchen. Denn alle Beratung wird sofort aufgehoben, wenn man die Unmöglichkeit einer Sache einsieht, oder wenn ihre Nothwendigkeit gezeigt wird, und wer dieß darthut, während Andere es nicht sehen, der hat am Schärfsten gesehen. 337. Um Rath über Staatsangelegenheiten zu erteilen, ist die Kenntniß des Staates das Haupterforderniß; um überzeugend zu reden, die Kenntniß der Sitten des Staates; weil diese sich häufig ändern, so muß man auch die Art des Vortrages ändern. Und obwol das Wesen der Beredsamkeit sich fast durchweg gleich bleibt, so muß man doch, wie es scheint, weil die Würde des Volkes die erhabenste, die Sache des Staates die wichtigste, die Leidenschaften der Menge die größten sind, auch eine höhere und glänzendere Redeweise anwenden, und der größte Theil der Rede muß auf Erregung der Gemüther gerichtet werden, indem man in ihnen zuweilen durch Ermahnung oder durch Erinnerung Hoffnung, Furcht, Begierde, Ruhmliebe hervorruft, oft auch sie von Unbesonnenheit, Jähzorn, Hoffnung, Ungerechtigkeit, Neid, Grausamkeit abhält.

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