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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 152
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXXX. 325. Der Eingang muß aber mit der nachfolgenden Rede so eng verbunden sein, daß er nicht, wie das Vorspiel des Zitherspielers, als etwas bloß Angedichtetes, sondern als ein mit dem ganzen Körper zusammenhängendes Glied erscheint. Manche Redner gehen allerdings, nachdem sie einen wohldurchdachten Eingang vorgetragen haben, so zu den übrigen Teilen der Rede über, als ob ihnen an der Aufmerksamkeit der Zuhörer gar nichts läge. Auch darf dieses Vorspiel nicht dem Vorkampfe der Samnitischen Fechter gleichen, welche vor dem Kampfe Speere schwingen, die sie während des Kampfes gar nicht gebrauchen, sondern gerade mit den Gedanken, deren man sich im Vorspiele bedient hat, muß man auch kämpfen. 326. In Betreff der Erzählung aber erteilt man die Vorschrift, daß sie kurz sein müsse. Nennt man nun Kürze, wenn kein Wort überflüssig ist; so ist die Rede des Lucius Crassus kurz. Besteht die Kürze aber darin, daß man nur gerade so viel Worte gebraucht, als unumgänglich nothwendig sind; so ist dieß bisweilen zweckmäßig, aber oft ist es in der Erzählung ganz besonders nachtheilig, nicht allein, weil es Dunkelheit veranlaßt, sondern auch, weil es die vorzüglichste Eigenschaft der Erzählung, daß sie nämlich anziehend und zum Ueberreden geschickt sei, aufhebt. 327. Betrachte folgende ErzählungTerent. Andr. I. 1, 24 ff.:

Seitdem er aus dem Kindesalter herausgetreten ist u. s. w.

wie lang ist sie! Der Charakter des jungen Mannes selbst, das neugierige Ausfragen des Sklaven, der Tod der Chrysis, ihr Gesicht, ihre Gestalt, die Wehklage der Schwester und das Uebrige wird mit großer Mannigfaltigkeit und Anmuth erzählt. Hätte sich der Dichter einer Kürze beflissen, wie in den WortenEbendaselbst 90 und 101.:

Sie wird zu Grabe getragen, wir folgen, kommen zum Grabe,
Ins Feuer legt man sie;

so hätte er das Ganze in zehn Versen abmachen können; wiewol die Worte selbst: »Sie wird zu Grabe getragen, wir folgen« zwar gedrängt sind, doch so, daß dabei nicht sowol auf Kürze als vielmehr auf Anmuth gesehen ist. 328. Wäre weiter Nichts gesagt worden, als »Ins Feuer legt man sie,« so hätte man doch das Ganze leicht verstehen können. Aber die Erzählung enthält launige Anmuth, wenn in ihr die Personen unterschieden sind und eine Abwechslung des Gesprächs stattfindet; auch schenkt man einem erzählten Ereignisse weit eher Glauben, wenn man auseinandersetzt, wie es geschehen ist, und das Verständniß ist weit leichter, wenn man zuweilen innehält und nicht mit solcher Kürze darüber hineilt. 329. Denn deutlich muß die Erzählung ebenso gut sein wie die übrigen Theile der Rede; aber in jener muß man sich um so viel mehr der Deutlichkeit befleißigen, weil es schwieriger ist in der Erzählung die Dunkelheit zu vermeiden als im Eingange oder bei der Beweisführung oder am Schlusse; dann ist auch die Dunkelheit in diesem Theile der Rede gefährlicher als in den übrigen; denn ist in einer anderen Stelle etwas zu dunkel gesagt, so geht nur das verloren, was dunkel ausgedrückt ist, eine dunkle Erzählung aber macht die ganze Rede unverständlich; auch kann man das Andere, wenn man es einmal zu dunkel gesagt hat, an einer anderen Stelle deutlicher sagen; die Erzählung hingegen hat in der Verhandlung nur eine einzige Stelle. Deutlich aber wird die Erzählung sein, wenn sie in gebräuchlichen Worten, wenn sie mit Beachtung der Zeitfolge, wenn sie ohne Unterbrechung vorgetragen wird.

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