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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 150
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXXVIII. Die Eingänge der Reden aber müssen mit Sorgfalt und Scharfsinn ausgearbeitet, reich an Gedanken, treffend im Ausdrucke und ganz besonders den Gegenständen der Verhandlungen angemessen sein. Denn die erste Beurtheilung und Empfehlung des Redners liegt gewissermaßen im Eingange, und diese muß den Zuhörer sofort einnehmen und anziehen. 316. In dieser Beziehung verwundere ich mich oft, freilich nicht über diejenigen, welche auf diesen Gegenstand keinen Fleiß verwenden, wohl aber über den vorzüglich beredten und gebildeten Mann, den PhilippusS. I. 7, 24., welcher sich so zum Reden zu erheben pflegt, daß er nicht weiß, mit welchem Worte er seine Rede anheben will, wie er denn auch selbst sagt, er pflege erst dann zu kämpfen, wenn ihm der Arm warm werde; wobei er jedoch nicht bedenkt, daß gerade diejenigen, von welchen er dieses Gleichniß entlehnt, ihre Speere anfänglich so gelassen schwingen, daß sie nicht allein auf einen schönen Anstand ganz besondere Rücksicht nehmen, sondern auch einen guten Theil ihrer Kräfte für den nachfolgenden Kampf anzusparen besorgt sind. 317. Es leidet allerdings keinen Zweifel, daß der Eingang der Rede nur selten heftig und streitsüchtig sein darf; aber wenn selbst in dem Fechterkampfe, in dem auf Leben und Tod mit dem Eisen gestritten wird, doch vor dem Gefechte Manches geschieht, was nicht auf Verwundung des Gegners, sondern nur auf ein schönes Ansehen zu zielen scheint: um wie viel mehr muß man dieses in der Rede berücksichtigen, wo man nicht sowol eine Kraftäußerung als eine anziehende Unterhaltung verlangt! Es gibt überhaupt Nichts in der ganzen Natur, was plötzlich mit aller Wucht hervorströmte und mit ganzer Kraft sich aufschwänge. So hat die Natur selbst Alles, was geschieht, selbst die gewaltigsten Wirkungen durch gelinde Anfänge vorbereitet. 318. Die Eingänge der Reden aber dürfen nicht irgendwoher von Außen gesucht, sondern müssen aus dem Innersten der Sache entlehnt werden. Deshalb darf man erst dann, wenn man die ganze Sache nach allen Seiten geprüft und durchschaut und alle Beweismittel aufgefunden und angeordnet hat, überlegen, welcher Eingang angewendet werden müsse. 319. So läßt er sich leicht finden; denn man entlehnt ihn aus den Sachen, welche die reichhaltigsten sind, mögen sie sich nun unter den Beweisgründen befinden oder unter den Theilen, zu denen man, wie ich bemerkte, oft Abschweifungen machen muß. Auf diese Weise werden die im Eingange berührten Sachen Etwas zur Entscheidung beitragen, wenn sie aus dem Innersten der Vertheidigung geschöpft sind, und wenn es sich deutlich zeigt, daß sie nicht von ganz allgemeiner Bedeutung sind und sich nicht auf andere Fälle übertragen lassen, sondern aus dem inneren Wesen der eben behandelten Sache gleichsam hervorgewachsen sind.

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