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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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V. 16. Denn bei der großen Menge der Lernenden, bei der ungewöhnlichen Anzahl der Lehrmeister, bei den vorzüglichen Geistesanlagen unserer Landsleute, bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Rechtshändel, bei den ansehnlichen Belohnungen, die der Beredsamkeit ausgesetzt sind, wie könnte man wol einen anderen Grund von dieser Erscheinung annehmen als die unglaubliche Größe und Schwierigkeit der Sache? 17. Es ist nämlich nöthig, daß man sich eine umfassende Sachkenntniß aneigne, ohne welche die Geläufigkeit der Worte nichtig und lächerlich ist, daß man den Vortrag selbst nicht allein durch die Wahl, sondern auch durch die Anordnung der Worte passend gestalte, daß man alle Gemüthsbewegungen, welche die Natur dem Menschengeschlecht ertheilt hat, gründlich erforsche, weil die ganze Kraft und Kunst der Rede sich in der Beruhigung oder Aufregung der Gemüther unserer Zuhörer zeigen muß. Hinzutreten muß gleichfalls eine Art des Witzes und der Laune, eine des freien Mannes würdige Gelehrsamkeit, Schnelligkeit und Kürze im Antworten und Herausfordern, verbunden mit feiner Anmuth und feinem Geschmacke. 18. Außerdem muß man die ganze Geschichte kennen und mit einem Vorrathe von Beispielen versehen sein; auch darf man nicht die Kenntniß der Gesetze und des bürgerlichen Rechtes vernachlässigen. Und was soll ich über den äußeren Vortrag selbst weitläufig reden, der nach der Bewegung des Körpers, nach den Gebärden, nach den Mienen, nach der Bildung und Abwechslung der Stimme abgemessen sein muß? Wie schwierig dieser für sich allein ist, zeigt die leichtfertige Kunst der Schauspieler und die Bühne. Denn so eifrig sich hier auch Alle bemühen dem Gesichte, der Stimme und der Bewegung den angemessenen Ausdruck zu verleihen, so weiß doch jeder, wie gering die Zahl derer ist und war, deren Spiele wir geduldig zusehen können. Was soll ich von der Schatzkammer aller Dinge, dem Gedächtnisse, sagen, welches zur Aufbewahrung der erfundenen und durchdachten Sachen und Worte angewendet werden muß, wenn wir nicht sehen wollen, daß Alles, mag es sich auch noch so schön in dem Redner finden, verloren gehe? 19. Darum wollen wir uns nicht mehr wundern, warum die Anzahl guter Redner so gering ist, da die Beredsamkeit aus der Gesammtheit der Dinge besteht, die selbst einzeln für sich mit Glück zu bearbeiten eine sehr schwierige Aufgabe ist, und lieber wollen wir unsere Kinder und Alle, deren Ruhm und Würde uns am Herzen liegt, auffordern die Größe der Sache im Geiste zu beherzigen und die Ueberzeugung zu hegen, daß sie andere Vorschriften, andere Lehrmeister, andere Uebungen anwenden müssen, als man gemeiniglich anwendet, wenn sie das Ziel, das sie erstreben, erreichen wollen.

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