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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 136
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXIV. Oft wird auch ein Vers witzig eingeschaltet, entweder wie er ist, oder mit einer kleinen Veränderung, oder ein Theil eines Verses. So zum Beispiel rief StatiusWer dieser Statius gewesen ist, wissen wir nicht. Denn daß hier der oben im X. Kapitel erwähnte Statius Cäcilius (s. daselbst die Anmerk. 303) gemeint sei, läßt sich wegen der Zeit nicht annehmen. Die Ansicht, man brauche nicht anzunehmen, daß Statius selbst diese Verse dem Scaurus zugerufen habe, sondern durch einen Redner seien dieselben dem Scaurus zugerufen worden, lassen Cicero's Worte schwerlich zu. dem zürnenden ScaurusMarcus Aemilius Scaurus stammte zwar aus einem patricischen Geschlechte, dasselbe war aber ganz unberühmt und arm. Der hier erwähnte Scaurus ist ohne Zweifel der bekannte Princeps Senatus, der, im Jahre 91 v. Chr., von dem Volkstribunen Varius vorgefordert sich wegen der Anschuldigung, daß er dem Bundesgenossenkriege Vorschub zu leisten gesucht habe, zu rechtfertigen, sich auf das lebhafteste für die Bundesgenossen verwendete und ihre Angelegenheit vertheidigte. folgende Verse zu, die, wie Einige meinen, zu deinem Gesetze, Crassus, über das BürgerrechtEs ist die lex Licinia Mucia de civibus regundis, die im Jahre 95 v. Chr. von den Consuln Lucius Crassus und Quintus Scävola gegeben wurde. Es war darin festgesetzt, daß eine Untersuchung gegen diejenigen, welche, obwol sie keine Römischen Bürger wären, doch als solche in Rom lebten, angestellt werde, und daß solche Fremde in ihre Heimat zurückkehren sollten. S. Cicer. de Offic. III. 11, 47. Auf diese Fremden beziehen sich die hier angeführten Verse; auch Scaurus wird durch dieselben getroffen, da er sich dieser rohen und frechen Leute angenommen hatte, die weder Vater noch Mutter ausweisen konnten, d. h. die von geringer Abkunft waren.Veranlassung gegeben haben:

Schweigt! Was lärmt ihr hier so? Weder Vater noch Mutter wißt ihr zu nennen,
Und doch zeigt ihr solche Unverschämtheit! Fort mit eurem Dünkel!

Ja in der Sache des CäliusDiese Verhandlung ist unbekannt. Die meisten Erklärer beziehen sie auf den II. 68, 275. erwähnten Rechtshandel. Antonius war nämlich von Duronius beschuldigt worden, er habe sich durch Bestechungen das Censoramt erschlichen. Der hier erwähnte Cälius tritt als Zeuge für Duronius gegen Antonius auf und erklärt, er habe selbst seinem Sohne Geld zur Erkaufung der Stimmen gegeben. Dieser Sohn war aber ohne Zweifel ein Taugenichts und hatte seinen knauserigen Vater unter dem Vorwand, Antonius wolle das Geld gebrauchen, um die dreißig Minen geprellt. Antonius macht also durch den angeführten Vers den alten Geizhals, Duronius, lächerlich und stellt zugleich dessen Sohn als einen Betrüger dar. hatte sogar auf den Gang der Verhandlung jener Vers einen sehr großen Einfluß, den du, Antonius, als jener, der einen schwelgerischen Sohn hatte, als Zeuge aussagte, das Geld sei von ihm hergegeben, ihm beim Weggehen nachriefst:

Merkst du's nicht? Den Alten wurmen die dreißig Minen.

258. In diese Art wirft man auch die Sprüchwörter, wie zum Beispiel ScipioDer jüngere Scipio Africanus. Er spielt auf den Namen Asellus an, der Eselein bedeutet. Das Sprüchwort heißt vollständig: Agas asellum, cursum non docebitur, d. h. man mag den Esel noch so sehr antreiben, er wird nie laufen lernen. Die Anwendung dieses Sprüchwortes auf den Asellus würde also sein: So sehr du dich auch deiner vielen Feldzüge rühmen magst, du wirst doch immer ein träger und untauglicher Feldherr sein. Turnebus erklärt die angeführten Worte: agas asellum aus dem Griechischen Sprüchworte: ει μὴ δύναιο βου̃ν, έλαυνε όνον, d. h. nach der Erklärung von Heinze: Wer kein Pferd hat, der behilft sich mit dem Esel. Scipio wollte sagen: Aus Mangel besserer Leute hätten die Feldherren den Asellus wol mitnehmen müssen., als Asellus sich rühmte auf seinen Feldzügen alle Provinzen durchzogen zu haben, das Sprüchwort anführte: »Du magst ein Eselein treiben u. s. w.« Auch von diesen, weil sie bei Veränderung der Worte nicht in gleichem Grade anziehend bleiben, dürfte man die Ansicht haben, daß sie nicht auf der Sache, sondern auf den Worten beruhen. 259. Es besteht auch noch eine andere nicht abgeschmackte Art des Witzes, die im Worte liegt; ich meine diejenige, welche daraus entspringt, daß man eine Aeußerung wörtlich und nicht nach ihrem Gedanken aufzufassen scheint. In dieser einen Art besteht der ganze VormundDieses Mimenspiel ist sonst nicht weiter bekannt., ein altes gewaltig lustiges Mimenspiel. Doch ich wende mich ab von den Mimenspielen; ich wünsche nur, daß das Wesen dieses Lächerlichen durch ein auffallendes und bekanntes Beispiel kenntlich gemacht werde. Dahin gehört die Antwort, die du, Crassus, neulich Jemandem ertheiltest, der dich gefragt hatte, ob er dir lästig fallen würde, wenn er ganz früh vor Tagesanbruch zu dir käme. »O nein,« sagtest du, »du wirst mir nicht lästig sein.« – »Willst du dich also wecken lassen?« fuhr jener fort. Und du hierauf: »Ich hatte ja gesagt, du würdest mir nicht lästig seinDie Worte: »Du wirst mir nicht lästig sein« lassen einen doppelten Sinn zu, entweder: »Dein Besuch wird mir angenehm sein,« oder: »Du wirst mir nicht lästig fallen, d. h. ich hoffe, du wirst mich mit deinem Besuche verschonen.260. Hierher gehört gleichfalls jene alte Erzählung von jenem Marcus Scipio MaluginensisDieser Scipio Maluginensis ist wahrscheinlich der, den Livius 41, 14 und 47 als Prätor des Jahres 178 v. Chr. erwähnt. Den Vornamen Marcus hat Ellendt als unächt in Klammern geschlossen, da er zwischen dem Zunamen und Beinamen stehe: eine Stellung, die sich nur bei Dichtern und auf metrischen Inschriften finde.. Als dieser nämlich nach der Abstimmung seiner Centurie die Wahl des AcidinusLucius Manlius Acidinus ist wahrscheinlich der, welcher mit Quintus Fulvius im Jahre 179 v. Chr. Consul war. zum Consul verkünden sollte, und der Ausrufer ihn hierzu mit den Worten aufgefordert hatte: »Erkläre dich über Lucius Manlius!«Der Ausrufer will durch die Worte: »Erkläre dich über den L. Manlius Acidinus« den Scipio bloß zu der Erklärung auffordern, wie seine Centurie über den Acidinus gestimmt habe. Die Worte des Ausrufers nimmt Scipio buchstäblich und erklärt sich über den Charakter des Acidinus. In dieser Erklärung lag aber auch der Sinn, daß die Centurie des Scipio den Acidinus für einen des Consulates würdigen Mann halte. Andere Erklärer fassen den Sinn so auf: Scipio sei mit der Wahl unzufrieden gewesen und habe durch seine Worte andeuten wollen, Acidinus tauge ungeachtet seiner guten Eigenschaften doch nicht zum Consul. so sagte er: »Ich erkläre, daß er ein guter Mann und vortrefflicher Bürger ist.« – Witzig ist auch jene Antwort, die Lucius [Porcius] NasicaDer Vorname Porcius hat sich höchst wahrscheinlich von dem Rande einer Handschrift, wo er dem Namen des Cato hinzugefügt war, in den Text eingeschlichen. S. Ellendt. Wer dieser Nasica gewesen sei, wissen wir nicht, wohl aber, daß er wegen des hier angeführten Scherzes von dem Censor Cato in die unterste Klasse verstoßen wurde. S. Gellius N. A. IV, 20. dem Censor Cato auf die Frage: »Nach deines Herzens MeinungEx animi sententia. Diese Redensart bedeutet entweder: aufrichtig, in Wahrheit, oder: nach Herzens Wunsch. Die Censoren bedienten sich dieser Formel, um die Gefragten zu nöthigen die vorgelegte Frage aufrichtig und gewissenhaft zu beantworten. Nasica nahm aber diese Worte in dem andren Sinne auf. hast du eine Frau?« ertheilte: »Nein wahrlich, nicht nach meines Herzens Meinung.« – Solche Reden sind frostig und nur dann witzig, wenn man etwas Anderes erwartete. Denn wie ich zuvorS. Kap. 63, §. 255. bemerkte, es liegt in unserer Natur, daß wir in unserem eigenen Irrtume etwas Ergötzliches finden, und wir müssen lachen, wenn wir uns in unserer Erwartung gleichsam hintergangen sehen.

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