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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 135
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXIII. 255. Die Arten will ich kürzlich durchlaufen. Aber ihr wißt, es gibt eine sehr bekannte Art des Lächerlichen, wenn wir etwas Anderes erwarten, als was gesagt wird. Hier werden wir durch unseren eigenen Irrtum zum Lachen gebracht. Wird dieser Art auch noch das Zweideutige beigemischt, so gewinnt sie an Schärfe. So zum Beispiel tritt bei NoviusNovius hatte Atellanische Stücke geschrieben. Andere lesen hier mit den meisten Handschriften unpassend Nävius, der ein Trauerspieldichter war. ein Mann auf, der voller Mitleid zu sein scheint; denn als er einen von den Richtern seinen Gläubigern Zugesprochenen wegführen sah, so fragt er: »Zu welchem Preise ist er dir zugesprochen?« – »Für tausend Sestertien.« – Hätte er nun bloß hinzugesetzt: »Du magst ihn wegführen,« so gehörte dieß in die Art des Lächerlichen, das durch das Unerwartete veranlaßt wird; aber weil er hinzusetzte: »Ich füge Nichts hinzu; du magst ihn wegführenDie hier erwähnte Sache ist folgende. Ein Schuldner. der nicht zahlen konnte, war nach Römischem Rechte von den Richtern seinem Gläubiger als Sklave zugesprochen worden und wurde nun von diesem weggeführt. Beiden begegnet Einer, der den Gläubiger fragt: Zu welchem Preise ist dir dieser zugesprochen worden? Diese Worte ließen auf Mitleid schließen, als ob er geneigt wäre, den unglücklichen Menschen loszukaufen. Aber man täuscht sich in ihm; denn nach der erhaltenen Antwort. »Für tausend Sestertien« erwidert er: »Ich füge Nichts hinzu, du magst ihn wegführen.« Die Worte. »Ich füge Nichts hinzu« waren zweideutig, indem sie ebensogut bedeuten konnten: »Ich sage Nichts mehr« als: »Ich gebe Nichts mehr für ihn.« Das Lächerliche lag also einmal in dem Unerwarteten und dann in der Zweideutigkeit.,« so war seine Aeußerung durch Hinzufügung der anderen Art des Lächerlichen, nämlich der Zweideutigkeit, nach meinem Urtheile wenigstens, höchst witzig. Am Anziehendsten ist ein solcher Scherz, wenn in einem Wortwechsel von dem Gegner eine Aeußerung des Anderen aufgegriffen, und hiermit, wie es von Catulus gegen PhilippusS. II. 54, 220. geschah, Etwas auf den Angreifer selbst geschleudert wird. 256. Aber da es mehrere Arten des Zweideutigen gibt, die sich ohne grübelnde Spitzfindigkeit auf Kunstregeln nicht zurückführen lassen; so muß man auf die Worte des Gegners lauernd achten. Wenn wir hierbei auch Alles vermeiden, was zu frostig ist; (denn man muß sich hüten, daß das Witzige nicht gesucht erscheine;) so werden wir doch sehr vieles Sinnreiche sagen können. Eine andere Art des Lächerlichen besteht in einer kleinen Veränderung des Wortes. Die Griechen nennen sie, wenn sie auf einem Buchstaben beruht, Paronomasie; so zum Beispiel änderte CatoMarcus Porcius Cato, der Aeltere, mit dem Beinamen der Weise und Censorius. Nobilior Marcus Fulvius Nobilior, im Jahre 191 v. Chr. Consul, führte mit den Aetoliern Krieg und besiegte sie und weihte die Kriegsbeute den Musen (Cicer. pr. Arch. 11, 27). S. Livius 37, 47. Auf diesem Feldzuge hatte er den Dichter Ennius bei sich. Weßhalb Cato den Nobilior Mobilior (d. h. einen Veränderlichen, Wankelmüthigen) nannte, läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben. in Mobilior; oder als derselbe zu Jemandem sagte: »Laß uns deambuliren,« und dieser versetzte: »Wozu war DE nöthig?« entgegnete er: O nein! vielmehr wozu warst du nöthig?«Im Texte steht: Eamus deambulatum, d. h. laß uns lustwandeln. Hierauf sagt der Andere. Quid opus fuit DE? d. h. warum sagst du nicht einfach ambulatum, sondern deambulatum. Cato, unwillig wegen der verkehrten Erinnerung, da der Ausdruck deambulare ganz eigentlich für den Begriff des Lustwandelns, sich Ergehens gebraucht wurde, entgegnete: Immo vero quid opus fuit te? d. h. nein, vielmehr wozu warst du nöthig? Im Lateinischen liegt also das Lächerliche in der Vertauschung des de mit te; in der Uebersetzung aber in der Vertauschung des de mit du. oder ferner die Antwort, die derselbe einem Anderen gab: »Wenn du mit dem Gesichte zugewandt und abgewandt unzüchtig bist.« 257. Auch die Deutung eines Namens ist stechend, wenn man die Ursache, warum Einer so heiße, in's Lächerliche zieht, wie ich jüngst von dem Austheiler der Stimmtäfelchendivisorem. Divisores, d. h. Vertheiler, wurden eigentlich diejenigen genannt, welche die Stimmtäfelchen in den Comitien austheilten. Diese Austheiler ließen sich aber auch oft von den Amtsbewerbern bestechen und erkauften durch Geldvertheilungen Stimmen für dieselben. Hierauf bezieht sich Cäsar, indem er den Eigennamen Nummius von nummus, d. h. Münze, Geld, ableitet. Nummius sagte, sowie NeoptolemusNeoptolemus, der Sohn des Achilleus, hieß eigentlich Pyrrhus, erhielt aber den Namen Neoptolemus, weil er sich nach seines Vaters Tode als junger Krieger (Neoptolemus von νέος πτόλεμος) zu dem Heere der Griechen vor Troja begab. vor Troja, so habe er auf dem Marsfelde seinen Namen erhalten. In allen diesen Arten beruht das Lächerliche auf dem Worte.

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