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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 133
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LXI. 248. Jetzt wollen wir die Arten des Witzigen selbst in Kürze erörtern, welche das Lachen vorzüglich erregen. Die Haupteintheilung besteht nun darin, daß alles Witzige theils in der Sache, theils im Worte stattfinde; wobei es sich von selbst versteht, daß die Menschen das größte Wohlgefallen finden, wenn das Lachen durch Sache und Wort zugleich erregt wird. Doch das müßt ihr bedenken, daß fast alle Quellen, die ich als diejenigen berühren werde, aus welchen das Lächerliche abgeleitet wird, zugleich auch diejenigen sind, aus welchen sich ernste Gedanken ableiten lassen. Es findet nur der Unterschied statt, daß der Ernst in würdevoller Strengesevere: welches Wort Ellendt als unächt in Klammern eingeschlossen hat. sich mit dem sittlich Guten, der Scherz hingegen mit dem Schimpflichen und, so zu sagen, Verzerrten beschäftigt. So kann man zum Beispiel mit denselben Worten einen Sklaven, wenn er brav ist, loben und, wenn er ein Taugenichts ist, verspotten. Lächerlich ist jener alte Anspruch des NeroWahrscheinlich des Gajus Claudius Nero, der als Consul im Jahre 207 v. Chr. mit Marcus Livius den Hasdrubal bei Sena in Umbrien besiegte. S. Livius XXVII, 34. über einen diebischen Sklaven: »Er ist der einzige, dem im Hause Nichts weder versiegelt noch verschlossen ist.« Ganz dasselbe pflegt man auch von einem ehrlichen Sklaven zu sagen. Und in diesem Falle bedient man sich sogar ganz derselben Worte; die Quellen aber, aus denen Alles entspringt, sind dieselben. 249. Zum Beispiel die Worte, die dem Spurius CarviliusWer dieser Sp. Carvilius gewesen sei, läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben., der von einer im Dienste des Staates empfangenen Wunde schwer hinkte und sich deßhalb unter die Leute zu gehen scheute, seine Mutter sagte: »Warum gehst du nicht aus, mein Spurius? Bei jedem Schritt, den du thust, kannst du dich deiner Verdienste erinnern;« sind herrlich und würdig. Wenn aber GlauciaGajus Servilius Glaucia war einer der verworfensten Menschen, aber scharfsinnig, schlau und vorzüglich sehr witzig. S. Cicer. Brut. 62, 224. Im Jahre 100 v. Chr. wurde er in einem Aufruhre getödtet. dem hinkenden CalvinusIst unbekannt. sagt: »Wo bleibt hier die alte Frage: Es hinkt doch nicht? Dieser führt ja den Hinker auf«Im Texte steht: Ubi est vetus illud: Num claudicat? At hic claudicat. Den Sinn dieser dunkeln Stelle fasse ich auf folgende Weise. Die Frage: Num claudicat? scheint bei den Römern von Alters her (daher vetus illud) üblich gewesen zu sein, wenn man Jemanden, von dem man wußte, daß seine Lage nicht die günstigste war, in mitleidigem Tone (daher das Fragwort num) nach seinen Verhältnissen fragte. Mit beißendem Witze sagt nun Glaucia zu Calvinus: Hier ist diese Frage nicht angebracht; denn du führst das Leben eines Clodius, eines Hinkers, d. h. eines Menschen, der Nichts taugt, wie Cicer. de Offic. I. 33, 119 sagte: nec in ullo officio claudicare. Die Erklärungsversuche Anderer zu erwähnen, würde zu weitläuftig sein.; so ist dieß geeignet Lachen zu erregen. Und doch sind beide Aussprüche von dem abgeleitet, was sich beim Hinken wahrnehmen ließ. »Kann man sich wol einen unthätigeren Menschen denken als diesen Thätig?Quid hoc Naevio ignavius? Den Namen Naevius habe ich durch Thätig, als Eigenname, übersetzt. Es ist hier ein Wortspiel zwischen ignavus, unthätig, und navus, thätig.« sagte Scipio in ernstem Tone; aber gegen einen übelriechenden Menschen sagte PhilippusS. Kap. 54, §. 220. witzelnd: »Ich sehe mich durch dich von Geruch umgeben,« indem er das Wort Betrug wie Geruch aussprach.Video me te circumveniri. Der Witz dieser Stelle liegt, wie zuerst Eichstädt gesehen hat, darin, daß Philippus in dem Worte circumveniri das c wie h aussprach, also hircumveniri, so daß man an hircus, Bock, Bocksgestank, erinnert wurde. Die Worten »indem er das Wort Betrug wie Geruch aussprach« habe ich hinzugefügt, um das Wortspiel, das sonst für uns gänzlich verloren gehen würde, anzudeuten.. Beide Falle beruhen auf der Aehnlichkeit von Worten, die durch Veränderung von Buchstaben entsteht. 250. Der aus Zweideutigkeit entspringende Witz wird für ganz besonders sinnreich gehalten; aber er wird nicht immer im Scherze, sondern auch im Ernste angewendet. Zu dem berühmten älteren Africanus, als er bei einem Gastmahle sich einen Kranz auf den Kopf setzen wollte, und dieser öfter brach, sagte Publius Licinius VarusP. Lic. Varus war im Jahre 210 vor Chr. Aedil und zwei Jahre darauf Prätor.: »Wundere dich nicht, wenn er nicht paßt; denn dein Kopf ist großKopf ist erstens im eigentlichen Sinne und zweitens in uneigentlichem Sinne für den im Kopfe enthaltenen Geist zu nehmen..« Schöne und ehrenvolle Worte! Aber zu derselben Art gehört auch Folgendes: »Kahl ist er in reichlichem Maße; denn er sagt gar zu wenigDas Wortspiel scheint darin zu liegen, daß der Mann Calvus, d. h. Kahl, hieß und zugleich ein kahler, dürftiger Redner war..« Kurz, es gibt keine Art des Scherzes, aus der nicht zugleich auch Ernstes und Würdevolles abgeleitet werden könnte. 251. Auch die Bemerkung muß man noch hinzufügen, daß nicht alles Lächerliche witzig ist. Was kann zum Beispiel so lächerlich sein als ein Hanswurst? Aber man lacht nur über sein Gesicht, über seine Mienen, über sein Nachäffen der Eigenheiten anderer Menschen, über seine Stimme, kurz über seine ganze Figur. Einen solchen Menschen kann ich allerdings einen Spaßmacher nennen; doch ich kann nur wünschen, daß ein Possenreißer so beschaffen sei, aber nicht ein Redner.

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