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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 132
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LX. 243. Das sind also die beiden Arten des Lächerlichen, das in der Sache liegt. Sie sind eine Eigentümlichkeit der sich durch den ganzen Vortrag hindurchziehenden Laune, durch welche die Sitten der Menschen geschildert und dargestellt werden, daß man sie entweder durch eine Erzählung in ihrem Wesen erkennt oder durch eine kurze wohl angebrachte Nachahmung mit einem auffallend lächerlichen Fehler behaftet findet. 244. In dem Worte aber liegt das Lächerliche, das durch die Spitze eines Ausdrucks oder Gedankens erregt wird. Aber sowie in jener ersten Art des Witzes, sowol in der Erzählung als auch in der Nachahmung, der Redner die Aehnlichkeit mit den nachäffenden Gebärdenspielern vermeiden muß; so muß er sich auch in dieser sorgfältig vor den Witzeleien eines Possenreißers in Acht nehmen. Wie nun wollen wir von Crassus, Catulus und Anderen eueren Bekannten den GraniusAuch im Brutus 43, 160. wird Granius als bitterer Witzling erwähnt. – Vargula ist nicht weiter bekannt. oder meinen Freund Vargula unterscheiden? Wahrlich das ist mir noch nicht in den Sinn gekommenNon mehercule in mentem mihi quidem venit; diese Worte hält Ellendt für verdächtig; doch gewiß mit Unrecht, s. Eggers Quaest. Tull. 1842, p. 15. Die Worte: sunt enim dicaces bezieht Ellendt richtig auf Vargula und Granius; dem primum (Hoc, opinor, primum) entspricht kein folgendes deinde, aber der zweite Grund wird §. 247 durch et angereiht; et quod nos cum causa dicimus u. s. w. In zwei Rücksichten, sagt er, unterscheidet sich der dicax orator von den Anderen, die für dicaces gehalten werden, erstlich in Rücksicht auf die Zeit und in der Mäßigung und seltenen Anwendung der dicacitas, dann dadurch, daß der Redner sie nur zu einem Zwecke anwendet.; sie haben ja beide beißenden Witz, und keiner mehr als Granius. Dadurch, glaube ich zuerst, daß wir Redner nicht, so oft sich eine Gelegenheit zu einem witzigen Einfalle darbietet, ihn immer anbringen zu müssen meinen. 245. Es trat ein winzig kleiner Zeuge auf. Ist es erlaubt eine Frage an ihn zu richten? sagte PhilippusS. Kap. 54, §. 220.. Hierauf erwiderte der Vorsitzer des Gerichtes, der Eile hatte: »Nur mach es kurz!« Da sagte jener: »Du sollst dich nicht beschweren. Ein kleines Ding will ich nur fragenPerpusillum rogabo. Im Lateinischen tritt der Witz besser hervor, da perpusillum sowol Maskulin (einen winzig kleinen Menschen werde ich fragen) als Neutrum (nur eine Kleinigkeit werde ich fragen) sein kann.. Ein witziger Einfall! Aber zu Gerichte saß Lucius Aurifex, der selbst noch kleiner war als der Zeuge. Das ganze Gelächter wandte sich gegen den Richter, und so erschien der Witz als eine Possenreißerei. Also das, was eine Person treffen kann, die wir nicht getroffen wissen wollen, gehört, mag es auch noch so hübsch sein, seinem Wesen nach in das Gebiet des Possenhaften. 246. So sehen wir den AppiusDer ältere Appius, der im Jahre 96 v. Chr. Prätor war., der für einen Witzkopf gelten will und es auch wirklich ist, zuweilen in diesen Fehler der Possenreißerei verfallen. »Ich will heute bei dir speisen,« sagte er zu meinem Freunde Gajus SextiusGajus Sextius Calvinus, im Jahre 100 v. Chr. Prätor, ein guter Redner, aber von schwächlicher Gesundheit, nach Cicer. Brut. 34., der einäugig war; »denn ich sehe, du hast für Einen noch Platz übrig.« Das ist Possenreißerei; denn theils kränkte er ohne Veranlassung, theils paßten seine Worte auf alle Einäugigen. Weil man solche Witzeleien für gesucht hält, so werden sie weniger belacht. Aber vortrefflich war die Gegenantwort, die Sextius auf der Stelle gab: »Wasche dir die Hände und iß mitWahrscheinlich in Beziehung auf die schmutzige Habsucht des Appius.247. Berücksichtigung der Zeit also, Mäßigung und Beschränkung des Spottes und seltene Anwendung witziger Einfälle wird den Redner vom Possenreißer unterscheiden, und dann der Umstand, daß wir uns des Spottes nur zu einem Zwecke bedienen, nicht um für Witzlinge zu gelten, sondern um dadurch einen Vortheil zu gewinnen; das thun jene den ganzen Tag und ohne Zweck. Denn welchen Gewinn hatte Vargula davon, daß er, als ihn Aulus Sempronius als Amtsbewerber mit seinem Bruder Marcus umarmte, ausrief: »Bursche, jage mir die FliegenD. h. diese lästigen und zudringlichen Menschen. fort!?« Lachen suchte er zu erregen, und das ist meines Erachtens der geringste Gewinn geistiger Begabung. Die rechte Zeit also zu witzigen Einfällen müssen wir mit Klugheit und Ernst abmessen. Möchten wir doch dafür Kunstregeln haben; aber hier ist die Natur allein unsere Gebieterin.

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