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Marcus Tullius Cicero: Vom Redner - Kapitel 127
Quellenangabe
typetractate
booktitleVom Redner
authorCicero
translatorRaphael Kühner
firstpub1858
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleVom Redner
pagesI
created20041019
sendergerd.bouillon
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LV. Aber sowie sich Crassus gegen den Scävola dieser enthielt und sich jeder anderen Art, in welcher sich keine beschimpfenden Stachelreden befinden, bediente, indem er jene Verhandlung und Erörterung mit launigem Scherze führte; so kämpfte er gegen den BrutusBrutus war der Sohn des Marcus Brutus, eines berühmten Rechtsgelehrten. Cicero nennt ihn im Brut. 34, 130 einen Schandfleck der gens Junia., den er haßte und den er der Beschimpfung werth achtete, mit beiden Arten. 223. Wie Vieles sagte er von den Bädern, die dieser verkauft hatte, wie Vieles von dem durchgebrachten väterlichen Erbgute! Und ferner jene kurzen Stachelreden! Als jener sagte, er schwitze ohne Ursache, versetzte er: »Kein Wunder; du bist ja eben aus deinem Badehause herausgegangenBrutus sagt. Ich schwitze ohne Noth, d. h. ich habe nicht nöthig mich gegen dich, o Plancus, und deinen Vertheidiger Crassus so anzustrengen. Crassus, das Wort schwitzen erfassend, erwidert: »daß du schwitzest ist natürlich; du bist ja eben aus deinem Badehause herausgegangen.« Das Wort herausgegangen ist aber in uneigentlichem Sinne aufzufassen und bedeutet: wegen deines unordentlichen Lebenswandels hast du dein Badehaus verkaufen müssen..« Unzähliges der Art kam vor; aber nicht minder anziehend war die heitere Laune, die den ganzen Vortrag durchdrang. Als zum Beispiel Brutus zwei Vorleser auftreten ließ, von denen er dem einen die Rede des Crassus von der Niederlassung zu Narbo, dem anderen die über die Servilische Bill zum Vorlesen gab, und die in beiden Reden in Betreff der Staatsverwaltung sich widersprechenden StellenIn der ersteren Rede, welche die Anlegung einer Kolonie zu Narbo (in Gallia Narbonensis) zum Gegenstand hatte, sprach Crassus, der sie dahin zu führen wünschte, gegen den Senat, der der Anlegung der Kolonie entgegen gewesen zu sein scheint. Dieß geschah im Jahre 118 v. Chr., als Crassus im dreiundzwanzigsten Jahre stand. Die zweite Rede hielt Crassus 12 Jahre später (106 v. Chr.), in derselben vertheidigte er das von Servilius Cäpio vorgeschlagene Gesetz (lex judiciaria), nach welchem die Ritter die Gerichtsbarkeit mit dem Senate zu theilen hatten, und sprach daher für den Senat. Brutus wollte hierdurch die Unbeständigkeit des Crassus in seinen politischen Grundsätzen darthun; aber die erstere Rede hatte Crassus als Jüngling, die letztere als erfahrener Mann gehalten. gegen einander hielt; so hatte unser Freund den höchst witzigen Einfall drei anderen Vorlesern drei Schriften von dem Vater des Brutus über das bürgerliche Recht zum Vorlesen zu geben. 224. Aus der ersten Schrift ließ er folgende Stelle verlesen: Zufällig traf es sich, daß wir uns auf unserem Landgute bei PrivernumIn Latium. – Unter Alba ist Alba Longa zu verstehen, die älteste Stadt in Latium. – Tibur, Stadt in Latium am Anio. befanden. – »Brutus, dein Vater bezeugt, daß er dir ein Grundstück bei Privernum hinterlassen habe.« – Hierauf aus der zweiten Schrift: Auf dem Landgute bei Alba befanden wir uns. ich und mein Sohn Marcus. – »Er, einer der klügsten Männer unseres Staates, kannte nämlich diesen Schlemmer; er war besorgt, wenn dieser Nichts mehr habe, so möchte man glauben, es sei ihm Nichts hinterlassen worden.« Dann aus der dritten Schrift, mit der er seine Schriftstellerei beschloß (denn nur so viel Bücher des Brutus sind, wie ich aus des Scävola Munde weiß, ächt): Auf unserem Landgute bei Tibur saßen wir zufällig bei einander, ich und mein Sohn Marcus. – »Wo sind diese Grundstücke, Brutus, die von deinem Vater in öffentlichen Denkschriften aufgezeichnet und dir hinterlassen sind? Wärest du nicht schon erwachsen gewesenCicer. de Offic. I. 35, 129. sagt. Nach unseren Sitten wenigstens baden sich nicht erwachsene Sohne mit ihren Vätern, Schwiegersöhne mit ihren Schwiegervätern., fährt er fort, er würde eine vierte Schrift abgefaßt und schriftlich hinterlassen haben, er habe sich mit seinem Sohne auch in seinen Bädern unterhalten.« 225. Wer sollte also nicht gestehen, daß durch diese Laune und durch diese witzigen Einfälle Brutus nicht minder widerlegt wurde als durch die feierliche Sprache, die jener erhob, als zufällig während derselben Verhandlung die alte JuniaEine Verwandte des Brutus. Die Bruti gehören sämmtlich der gens Junia an. zu Grabe getragen wurde? O ihr unsterblichen Götter, welche, wie große, wie unerwartete, wie plötzliche Wirkung brachte es hervor, als er, die Blicke auf ihn heftend, mit allen drohenden Gebärden in dem ernstesten Tone und mit hinreißender Schnelligkeit der Worte ihn so anredete: Brutus, was sitzest du hier? Was soll diese alte Frau deinem Vater verkünden? was allen denen, deren BildnisseNach der Römischen Sitte, nach welcher den Leichen der Adeligen ihre Ahnenbilder vorangetragen wurden. du vorüberziehen siehst? was deinen Ahnen? was dem Lucius Brutus, der unser Volk von der Zwingherrschaft der Könige befreite? Soll sie ihm erzählen, was du thust, welches Geschäftes, welches Ruhmes, welcher Tugend du dich befleißigst? Etwa der Vermehrung des väterlichen Gutes? Doch das ziemt deinem Adel nicht. 226. Aber angenommen, es zieme sich; es ist ja Nichts mehr übrig; deine Lüste haben Alles vergeudet. Oder des bürgerlichen Rechtes? Das wäre deines VatersDes Brutus Vater war ein berühmter Rechtsgelehrter. würdig. Aber sie wird ihm sagen, du habest bei dem Verkaufe deines Hauses unter den beweglichen Gütern nicht einmal den väterlichen LehnsesselDie Rechtsgelehrten pflegten auf einem Lehnsessel sitzend den Klienten die Rechtsbescheide zu ertheilen. dir vorbehalten. Oder des Kriegswesens? Aber du hast nie ein Feldlager gesehen. Oder der Beredsamkeit? Aber von dieser weißt du gar Nichts, und was du noch durch Stimme und Zunge vermagst, hast du zu dem niederträchtigsten Gewerbe der Verleumdung verwendet. Und du wagst es noch das Tageslicht anzuschauen? Diese Männer anzublicken? auf dem Forum, in der Stadt, vor den Augen deiner Mitbürger zu verweilen? Du entsetzest dich nicht vor jener Leiche, nicht vor jenen Ahnenbildern selbst? für deren Aufstellung, um von ihrer Nachahmung ganz und gar zu schweigen, du dir kein Plätzchen übrig gelassen hast.

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